Terror im T-Team - Klaus Kayser - E-Book

Terror im T-Team E-Book

Klaus Kayser

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Beschreibung

Die Allmächtigen, die nur in der Zukunft, aber nicht in der Vergangenheit wirken können, erfahren bestürzt von seltsamen Vorgängen im T-Team und beauftragen den Berichterstatter mit einer wahrheitsgetreuen Dokumentation der Vorgänge. Dieser berichtet, zunächst neutral, später emotional und schlussendlich als geduldetes Mitglied im T-Team von den bis in das 18. Jahrhundert zurückreichenden Anfängen der Missstände, vom Bau eines Jagdschlösschens, das sich im Laufe der Jahrhunderte über ein Genesungsheim in eine Spezialklinik entwickelt, von der Geschichte der guten und bösen Taten der Gottheiten in Weiß und des administrativen Großinquisitors. Eine spannend und bissig-ironisch geschriebene Dokumentation über Krankenhausereignisse, die so eigentlich nicht hätten stattfinden dürfen – ein Schlüsselroman über den alltäglichen Chefarztwahnsinn.

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Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken,

verderblich ist des Tigers Zahn,

jedoch der Schrecklichste der Schrecken,

das ist der Mensch in seinem Wahn.

Der Autor

Dr. rer. nat. Dr. med. Dr. h.c. mult. Klaus Kayser, geb. 1940, Professor für Pathologie und Epidemiologie an der Universität Heidelberg und an der Universität Berlin, Campus Charité. Studium der Physik und Medizin an den Universitäten Göttingen und Heidelberg, Direktor des Telepathologie-Konsultationszentrums der Union International contre le Cancre (UICC – TPCC); zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen auf dem Gebiet der Physik, Medizin und Pathologie. Bücher u. a.: Height and Weight in Human Beings, VAW, München; Analytical Lung Pathology, Springer, Heidelberg, New York; Natural and Man Made Mineral Fibers Affecting Man (mit O. Hagemeyer), Spektrum, Heidelberg; Telepathology – Telecommunication, Education and Publication in Pathology (mit J. Szymas und R.W. Weinstein), Springer, Heidelberg, New York; Medizin und Umwelt, Brockhaus, Mannheim; Zeitgedanken und Spiegeldenken (mit G. Stauch), Rendezvous, Baden-Baden. Professor Kayser lebt in Heidelberg.

Für Corinna, Gian, Maria-Consuelo

Klaus Kayser

Terror im T-Team

Eine unglaublich wahre, frei dokumentierte Auslegung

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet unter http://dnb.ddb.de abrufbar

Alle Rechte vorbehalten

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CD-ROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen.

© lehmanns media, Berlin 2013

Helmholzstr. 2-9

10587 Berlin

Cover: Bernhard J. Bönisch

ePublishing: Benjamin Zuckschwerdt

Prolog

„Im T-Team, in der graubraunen Tempelanlage, gehen unvorstellbare, verbrecherische Dinge zu. Tod und Terror, Mobbing und Tyrannei, braune Gestalten.“

„Wir haben davon gehört. Wissen Sie Genaues?“

„Nein. Es ist geheim. Einzelheiten unbekannt.“

„Dann bringen Sie Kerner! Kerner muss berichten!“

„Er muss gesucht werden.“

„Wir dulden keinen Aufschub. Wir fordern Kerner!“

„Sofort?“

„Wir bestehen darauf! Er muss abberufen werden.“

„Kerner ist gefunden, wird gleich hier eintreffen.“

„Er muss reden.“

„Sie haben mich rufen lassen?“

„Wir haben Sie angefordert. Sie müssen reden.“

„Über welche Angelegenheit?“

„Über die Vorgänge im T-Team, Tyrannei und Mobbing in der graubraunen Tempelanlage.“

„Darüber darf ich nicht sprechen.“

„Wir bestehen darauf!“

„Kann ich mich weigern?“

„Wir sagen: Nein! Um Ihre Seele zu erhalten, müssen Sie reden.“

„Um meine Seele zu erhalten?“

„Um Ihre Seele zu erhalten. Wir schicken Sie auf eine lange Reise. Sie brauchen Ihre Seele. Ohne Seele dürfen Sie uns nicht verlassen.“

„Also muss ich sprechen?“

„Ja, wir müssen die Wahrheit erfahren. Wir werden wortgenau wiedergeben, was Sie sagen. Über das T-Team.“

„So werde ich denn reden, um meine Seele zu erhalten. Wortgenau. Über das T-Team, über Mord und Mobbing, Tyrannei und Terror, über die Götterwelt in der graubraunen Tempelanlage. “

Ich erinnerte mich an das steinerne Portal eines alten Hôpital de Dieu. Dort stand auf einer roten Tafel in vergilbten altdeutschen Buchstaben zu lesen:

„Wer hier eintritt

der wird zum Boten.

Mit jedem Schritt

folgt er den Toten,

die den Göttern gleich

die Särge schon verwalten.

Hier ist das alte Götterreich

der Kranken und der Alten.

Willst Du überleben,

musst Du nach Eignem streben.

Folge nicht der Götterspur.

Höre, folge meinem Schwur:

Dem Bösen sag ich Kampf,

den Göttern und Dämonen.

Den Teufeln sag ich Kampf,

die bei ihnen wohnen.

Wer hier nach Hilfe suchend liegt,

ist Gläubiger der Götter.

Der Teufel wird hier nicht besiegt.

Der ist ein Teil der Götter.

Sag dem Bösen, Göttern Kampf!

Halte Dich im Reinen!

Zeig den Schurken Deinen Kampf!

Zeige Stärke auch im Kleinen!“

Im Jahr 1770

Ich stand vor einer schwierigen Aufgabe. Wie sollte ich dem Tribunal, dem ich, um meine Seele zu retten, berichten musste, die genauen Umstände des Geschehenen erklären. Wie das eigentümliche Treiben der Götterwelt beschreiben?

Dass der Weg weit zurück in die Gründung der graubraunen Tempelanlage führt, beschloss ich zu berichten. Auch dass eine immer wiederkehrende Gottheit, die sich in Allem widerspiegelt, spannungsfrei und kontinuierlich in die Gründerjahre zurückreicht.

„Um diese Person, die sich als einfacher Mensch, nicht einmal besonders klug, in eine Gottheit verwandelte, und die sich immer mehr in das Böse verstrickte, rankt sich alles: beginnend mit dem Auftrag aus der uralten Vergangenheit, folgend der Kampf gegen als auch für die Unterstützung der braunen Herrschaft, später das Mobbing und das Töten in der Götterwelt, der Ausbruch des Terrors in der graubraunen Tempelanlage.“

„Also werde ich mit dem Nebel der Vergangenheit, den grob dokumentierten Einflüssen auf das ansonsten unerklärbare Geschehen beginnen! Seine Exzellenz, Herrn Kaltenblick, werde ich die Gottheit nennen. So weit zurück reicht der Zufall oder der Wille der Götter“, dachte ich.

So vorbereitet wollte ich meine Seele bewahren. Deshalb begann mein Auftrag in der uralten Vergangenheit.

Der Auftrag

Man schrieb das Jahr 1770.

Ich erwachte aus einem schweren, dramatischen Traum, der zu der Sorte von Träumen gehörte, deren Nebel sich nur langsam in der Morgensonne auflösen. Man hatte mich gerufen, nein, nicht gerufen, sondern bestellt, befohlen, gezwungen, ich solle zu der Dienststelle des Tribunals eilen. Dort würde man mir die Arbeiten des Tages zuteilen.

Ich eilte die Treppen eines weißen Dienstgebäudes hinauf in den ersten Stock, stand vor einer verschlossenen Tür. Ich klopfte. Niemand antwortete. Ich zögerte, klopfte erneut. Wieder keine Antwort. Ich stockte, sammelte all meinen Mut, öffnete die Tür, trat in das grell erleuchtete Zimmer und erschrak.

Eine barsche Stimme herrschte mich an: „Was fällt Ihnen ein, einzutreten ohne anzuklopfen. Hier wird gewartet, bis man gerufen wird!“

„Aber ich habe angeklopft“, versuchte ich mich zu verteidigen.

„Was haben Sie? Angeklopft haben Sie? Nichts haben Sie oder wollen Sie sagen, dass ich lüge?“

Verschüchtert schüttelte ich den Kopf und dachte: Diesen Satz werde ich später noch des Öfteren hören.

Ängstlich versuchte ich die Sachlage zu klären: „Sie haben mich rufen lassen, dringend hierher bestellt?“

„Was habe ich? Sie rufen lassen? Sind Sie so wichtig, dass ich Sie herbestellt habe? Nichts sind Sie, ein Niemand! Und einen Niemand soll ich herbestellt haben? Halten Sie mich für verrückt?“

Verwirrt schüttelte ich den Kopf. „Aber, jetzt bin ich doch hier! Bitte, ich habe eine Frage“, versuchte er zu beruhigen.

Mein Herz schlug, mein Atem flog. Als habe ich den richtigen Ton getroffen, beruhigte sich die Stimme ein wenig: „Eine Frage haben Sie? Das habe ich mir schon gedacht. Wie sonst kämen Sie auf die Idee, mich bei meiner wichtigen Arbeit zu stören. Noch dazu in meinen Amtsräumen! Nun, dann heraus mit Ihrer Frage! Auch wenn ich sie schon kenne, bedienen Sie sich dieser besonderen Gunst“, klang ein wenig Freundlichkeit durch den unwirklich grellen, leeren Raum.

Ich fühlte mich ermuntert, meine Frage zu stellen: „Also“, stotterte ich, „also, mir wurde aufgetragen, über die graubraune Tempelanlage zu berichten. Alles genau aufzuschreiben. Wahrheitsgetreu zu berichten. Aber die Zeiten wurden nicht erwähnt. Man schreibt heute das Jahr 1770. Muss ich auch über dieses Jahr Buch führen?“

Die Stimme zürnte: „Das Jahr 1770 schreiben wir heute? Ich weiß nicht, wie Sie das nennen, so ein Jahr! Alles müssen Sie berichten, alles, die Wurzeln, die Gebäude, die Wände. Den Geruch der Farbe und die eingefangenen Handlungen. Die Dämpfe, die von den Mauern gespeichert und an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden. Alles müssen Sie berichten! Das wurde Ihnen doch aufgetragen, oder?“

Ich nickte stumm.

„Also, was soll diese Frage? Können Sie sich die nicht selbst beantworten?“ Ich nickte wieder stumm.

Dann verdunkelte sich das Zimmer. Eine fordernde Stimme sagte laut: „Aufstehen, aufstehen, es wird Zeit, an die Arbeit zu gehen“.

Ich sah auf die Uhr, beeilte mich mit dem Anziehen meiner plüschigen Kleider und sprang aus meiner Unsicherheit.

So berichtete ich denn erstmals wahrheitsgetreu über folgendes Geschehen:

Der Plan

Im Jahr 1770, dem schicksalhaften Jahr 1770, herrschte ein dicklicher, aufgedunsener Fürst im Lande der malerischen und aufstrebenden Stadt H. Karl August von der Pfalz war sein dünkelhafter Name. Aufgefrischt mit schwarz glänzenden Stiefeln, umwallt von farbigen Seidentüchern verprasste er seine Zeit in weintrunkenen Nächten.

„Euer Durchlaucht, mein Herr Fürst, heute sehen Sie wirklich gut aus. Da muss Ihnen der Wein besonders gut bekommen sein. Gestern Abend, als Sie mir, Euer Durchlaucht, freundlicherweise erlaubten, am unteren Ende der Tafel mitzuspeisen“, versuchte sich eine dickliche, krokodilhaft lächelnde, etwas ärmlich gekleidete, glatt rasierte, mit einem leicht rosigen Gesicht ergraute Gestalt in Erinnerung zu bringen.

„Ach, mein lieber Kaltenblick, ich kann mich gar nicht erinnern. Sie haben freundlicherweise mit mir gespeist? Im großen Saal unseres Schlosses? Nehmen Sie es mir nicht übel, aber bei den vielen hochherrschaftlichen Gästen kann ich mich nun wirklich nicht an jeden Gast erinnern!“

Er zögerte nachdenklich. „Mein lieber Kaltenblick, was, meinen Sie, könnte ich denn für die Nachwelt, für meine Unsterblichkeit tun? Sollte ich vielleicht meinen Hofmaler, den Philipp le Clerc, bestellen, um mich – Sie sagen ja, heute sähe ich so gut aus – porträtieren zu lassen, oder?“

Kaltenblick erschrak. Wenn sich der Fürst in diesem Zustand verewigen lassen würde, er somit auch sich selbst sehen würde, dann wäre er, der geduldete Kaltenblick, höchstpersönlich in Gefahr. Ein wenig fahl im Gesicht sah er sich um. Am Ende des langen Ganges, der zu einem großen, zumeist als Speisesaal benutzten Raum führte, hing ein Bild mit einer Jagdgesellschaft. Ein Siegfried ähnlicher Fürst versuchte gerade, einem sich standhaft zur Wehr setzenden Eber mit seiner Lanze den Todesstoß zu geben.

„Euer Durchlaucht, mein Fürst, mein hochherrlicher Fürst, das Porträtieren hat noch Zeit. Sie sind noch jung und stehen in der vollen Blüte Ihrer Jugend. Da hat das Malen für die Ewigkeit noch Zeit. Aber die Jagd, die aufregende Jagd, die Sie so sehr lieben, die Ihnen Lust und Selbsterhöhung verleiht, die sollten Sie mit…“

„Nun, mein lieber Kaltenblick, was hat die Jagd mit Nachruhm zu tun? Das müssen Sie mir schon näher erklären. Sie haben mich noch nie auf einer Jagd begleitet, außer, ja, außer auf meiner Menschenjagd“, lächelte der Fürst gönnerhaft neugierig.

Kaltenblick nickte ergeben: „Das ist es eben. Wir könnten, nein, Sie könnten dort, wo Sie am liebsten jagen, dort, wo der kühle Grund zum Zerlegen der Beute einlädt, dort, wo ergebene Bauern für Ihr Wohlergehen sorgen, also dort, wo der Himmel die heimischen Wiesen und Wälder umarmt, dort könnten wir, nein Sie, Sie könnten sich ein Denkmal Ihrer Lebenslust bauen lassen. Wohl geraten und sichtbar für alle kommenden Generationen sollten Sie ein Jagdschlösschen bauen.“

Das war eine neue Idee. Porträtieren, das hatte noch Zeit, das konnte man noch in späteren Lebensjahren und ohne lange Vorbereitung veranlassen. Der Hofmaler war jederzeit abrufbar. Aber sich das Vergnügen der Jagd annehmlicher und bequemer zu machen, ein kleines Schloss mit Weinkeller und Küche bauen zu lassen, das war in der Tat eine zukunftweisende Idee.

„Mein lieber Kaltenblick, Sie sind zu allem fähig, zu allem. Sie können sogar mich begeistern! Wenn Sie doch nur von adliger Herkunft wären!“ Großzügig klopfte der Kurfürst Kaltenblick auf die Schulter.

Kaltenblick erschrak und freute sich zugleich. Es war sein größter Wunsch, einmal als Adliger zu Grabe getragen zu werden. „Euer Durchlaucht, mein hochherrlicher, allwissender, großgönnerhafter Fürst, das könnten Eure Hoheit doch ändern. Schnell und leicht. Ich würde auch dafür bezahlen. Sie haben es in Ihrer Hand“, bat er unterwürfig.

„Wir werden sehen, lieber Kaltenblick, wir werden sehen“, grinste Karl August. „Man rufe mir den Architekten Jacob Haeckher. Er möge kommen, sobald als möglich. Mit ihm werden wir uns den geeigneten Platz näher ansehen.“

Er schwieg kurz in einer kleinen, vergnüglichen Pause. Dann: „Lasst uns zu Tisch gehen. Der Wein wartet. Morgen gibt es eine großartige, zukunftsweisende Jagd. Sie brauchen uns nicht zu begleiten, lieber Kaltenblick“, drehte er sich um und schritt behäbig in den Speisesaal.

Die Jagd

Es war ein herrlicher Frühlingstag. Die Wiesen waren noch feucht vom nächtlichen Tau. Die Sonne stand noch nicht im Zenith. Die Jagd war wenig erfolgreich, irgendwie waren Hirsch und Wildschwein heute nicht aufzuspüren. Dem Architekten Haeckher war dies im Grunde angenehm. Er war kein Freund der Jagd und hatte sich nur auf ausdrücklichen Wunsch des Kurfürsten Karl August der Jagdgesellschaft angeschlossen.

„Na, lieber Haeckher, was halten Sie von dem Gelände? Ist es für ein kleines Jagdschloss geeignet?, fragte der Fürst. „Es läge am Rand der Berge, nicht weit von meinem weiter oben gelegenen Gut, nur einen kurzen Stundenritt entfernt.“

„Mein Fürst, das Gelände ist gut, sehr gut geeignet. Aber es gehört Ihnen doch gar nicht. Gehört es nicht der kleinen Gemeinde weiter unten bei den Wiesen?“

„Das lassen Sie gefälligst meine Sache sein!“, herrschte der Kurfürst ihn an.

„Und wie viel darf das Schlösschen die Staatskasse kosten?“

„Ich habe Sie immer gut und fürstlich abgegolten, da brauchen Sie keine Sorge zu haben! Also, bauen Sie mir das Schlösschen, schnell und sorgfältig: Alles andere ist meine Angelegenheit“, befahl Karl August.

Haeckher kannte die Ungeduld und wohlgefällige Vornehmheit des Kurfürsten genau. Es hatte keinen Zweck, sich über die menschenverachtenden Gepflogenheiten seines Dienstherrn aufzuregen.

Dennoch war er verärgert. Das konnte er nicht ganz von sich abhalten. Also ging er, auch um sich zu beruhigen, in das leicht ansteigende Gelände, schaute sich nach einem geeigneten Baugrund um, prüfte immer wieder mit seinem Spazierstock die Festigkeit der Wiesen und des Ackergeländes, stand minutenlang versteinert und in sich versunken, sah vor seinen Augen einen weißen, vorn mit Säulen aufgehellten, zweistöckigen Bau.

Ja, so dachte er bei sich, ja, so könnte es gelingen. Zugang von vorn mit einer zwei bis dreistufigen Treppe, auch, um sich den Schmutz von den Füßen zu streichen. Davor ein mit Kieselsteinen ausgelegter Zugang mit ausreichend Platz, die Jagdbeute zu zerlegen und abzulagern. Breite, für Pferdewagen zugängige Einfahrtswege, eine Wasserleitung, abgezweigt von dem nahe zu Tal rauschenden Bächlein… Das Wasser müsste eigentlich ausreichen, auch in einem trockenen Sommer…

Langsam klärte sich sein Gemüt auf. Die Freude an seiner spielerischen Kreativität und seinen schöpferischen Phantasien verdrängte die Verletzungen seiner Persönlichkeit.

Irgendetwas aber fehlte noch in seiner Vorstellung über das zukünftige Jagdschlösschen. Ein kleiner, unscheinbarer, aber für den Gesamteindruck wichtiger Baustein. Ein Juwel, das alles noch schöner, noch eindrucksvoller, noch – nein, hier schüttelte er den Kopf und musste lachen – noch jagdgemäßer machen würde.

Mitten in seinem Lachen wurde er unterbrochen: „Na, lieber Haeckher, was lachen Sie denn so fröhlich. Sie lachen doch nicht über unseren so erhabenen Fürsten mit seiner spinnigen Jagdschloss-Idee?“, meinte eine leicht tönerne Stimme.

Haeckher drehte sich um. „Ach, Sie, mein lieber Kaltenblick“, meinte er freundlich. „Sind auch Sie jetzt ein Jagdfreund geworden? Hat Sie unser wohlerlauchter Fürst zu diesen männlichen Freuden gewinnen können? Hat er Ihnen dafür das adlige Präputium versprochen? Oder müssen Sie seinen Badefreuden, will sagen Baden-geh-Freuden zustimmen?“, fragte er neugierig und ein wenig muffig, da er sich in seiner Kreativität gestört fühlte.

Hier kam ihm der entscheidende Gedanke: Baden – See – künstlicher Teich: ja, das fehlte noch in der Anlage. Ein kleiner, die Seiten des zu erbauenden Schlosses überragender Teich. Das war das Juwel, nach dem er gesucht hatte.

Kaltenblick schaute ihn verwundert an: Sein seifiges Gesicht knarrte hinter dem Vorhang gespielter Freundlichkeit. Er überlegte ernsthaft, ob er nicht in seiner Abneigung gegenüber Haeckher den Zügeln seines Seelengespannes einen wegegerechteren Lauf lassen sollte.

Schnell aber überwand er den Augenblick seiner Seelenschwäche. Er lächelte hinter tigerweißen Zähnen: „Ach, lieber Haeckher, was brüten Sie hier aus? Denken Sie an die angespannte Kasse unseres Fürsten, wie können Sie da neue Lustpläne schmieden? Sie zwingen mich geradezu, nach neuen Einnahmequellen zu suchen. Was soll ich nur tun? Neue Steuern? Noch mehr Steuern? Unmöglich. Die Leute hier müssen schon ihr Land zu einem Spottpreis übergeben. Wenn der Fürst fortfährt, so mit seinen Untertanen umzugehen, dann gibt es noch Aufruhr und Widerspenstigkeit, nicht wahr, Herr Baumeister?“

Haeckher fühlte sich aus seiner Ideenwelt jäh herausgerissen. Auch er verspürte keine überaus freundlichen Gefühle gegenüber Kaltenblick. Aber er wusste, dass der über einen weit reichenden Einfluss am Hofe verfügte und dass er gefährlich war. So gefährlich wie ein unter der Wasseroberfläche verborgenes Krokodil, das jederzeit ohne Vorwarnung nach Beute schnappt.

„Was sagten Sie so trefflich? Die Bürger würden widerspenstig werden, sich weiteren Steuern widersetzen? Mein lieber Kaltenblick, schauen Sie doch nach Frankreich. Widerspenstigkeit ist nicht das passende Wort. Es heißt Revolution! Aufruhr liegt in der Luft. England hat seine liebe Not mit den neuen Staaten jenseits des Atlantiks, auch dort brodelt es. Da leben Menschen, die Freiheit und Gerechtigkeit verteidigen!“

Haeckhers Baumeisterfreigeist hatte sich einen Freiraum in der alltäglichen Wirklichkeit geschaffen. Kaltenblick überlegte kurz und meinte dann sinnend: „Nicht nur die freiheitsliebenden und gerechten Kämpfer brauchen Menschen; auch die Krone braucht Menschen, Soldaten. Soldaten, die marschieren, sich in Reih und Glied dem Kampf stellen, nicht fragen, ob es sich um eine gerechte oder würdige Sache handelt. Soldaten, die – gezwungen oder freiwillig – nur bemüht sind, den nächsten Tag noch lebend begrüßen zu können. Und die Krone, die englische Krone, hat Geld, viel Geld anzubieten für eine trainierte, gut verpackte und zielgenaue Ware.“

Während Heackher über diese Vorstellungen erschrak und erbleichte, lachte Kaltenblick in sich hinein: „Wie wird der Fürst sich über die neue Geldquelle freuen! Auch ich kann mir dabei einen schönen Profit sichern.“

So kam es, dass im Jahr 1770 ein kleines Jagdschlösschen mit einem vorgelagerten Teich zum Vergnügen der illustren Herrschaften unter der Leitung des kurfürstlichen Architekten Haeckher entworfen und in weniger als in einem Jahr vollendet wurde.

Die Chronisten, so dokumentierte ich, berichten von trinkfreudigen Jagdausflügen mit hochherrschaftlicher Beute, vor allem Wildschweinen, Hirschen, Feldhasen, manchmal auch Rebhühnern. Die Chronisten berichten aber, so ich weiter, auch von der folgenden Gegebenheit: Es war im Oktober, am Martinstag des Jahres 1770, als die trinkfreudige Einweihung des Jagdschlösschens von seiner Durchlaucht, dem Herzog Karl August, vollzogen wurde. Die späte Nachmittagssonne färbte das helle Weiß der vier Säulen und der glatten Wände in ein warmes Sommergelb. Der noch von frisch aufgehäufter Erde umgebene Teich spiegelte den heiteren Bau in seinem blau-klaren Wasser. Die Luft war still und warm, nur unterbrochen von dem fröhlich lauten Gesprächen der herzoglichen Jagdgefährten. Die erlegte Strecke war eher mager, nur ein halb erwachsener Eber und zwei halbdürre Feldhasen lagen fein säuberlich in einer Reihe am Eingangsportal des Schlösschens.

„Euer Durchlaucht haben einen sehr treffsicheren Schuss abgegeben“, lobte Kaltenblick den Kurfürsten.

Karl August strahlte. „Mein lieber Kaltenblick, was soll ich nur ohne Sie machen! Wie hätte ich die vielen Gulden zur Unterkunft meiner Gäste aufbringen können, wenn nicht Sie gewesen wären. Ach, wie trauere ich um meine lieben Untertanen, die sich nun schon auf den gefahrvollen Weg in die tiefen Wälder jenseits des Ozeans begeben haben. Wie werden Sie mich vermissen, meine tapferen Bauern, die sich dort mit den ungebildeten Hinterwäldern schlagen dürfen. Ach, mein lieber Kaltenblick, wenn nicht die Jagd und der Wein wären, wie könnte ich sonst meine Trauer bekämpfen“.

Kaltenblick nickte ergeben: „Immer zu Diensten, Euer Durchlaucht. Wir haben die englische Krone für uns gewonnen. Sie hat uns gut bedient.“

„Aber wird sie uns auch gegen die Franzosen beistehen? Man spricht jetzt schon von Unruhen, Staatsverschuldung. Wie soll das alles enden, wenn sich die Bürger organisieren, einen Führer finden, der sich hinter die rebellischen Bürger stellt, sie zu neuen großen Taten aufruft und ihnen die Vision einer neuen Weltordnung in ihr Gehirn bläst? Kann es so einen Kerl geben und könnte er uns gefährlich werden?“

Karl August, benommen von dem bereits reichlich eingeschenkten Wein, schaute sich ängstlich um, als stände der ein Jahr zuvor geborene und später so gefährliche Napoleon direkt hinter ihm.

Noch ehe Kaltenblick ihn beruhigen konnte, ertönte ein wiegender, gleichsam abgehackter Singsang den leicht ansteigenden Feldweg hinauf:

„Bam-Didi-Bim,

Bim-Didi-Bam,

wir folgen dem erlegten Lamm.

Die Wände streichen wir mit Blut,

oh, das tut dem Bösen gut!“

Ein braun-weiß gestrichener einachsiger Karren mühte sich langsam dem Weg zum Schlösschen hinauf. Zwei dunkle Ochsen zogen den Karren. Ihr Fell war nur an der Brust durch weißliche Flecken aufgehellt. Der Kutscher schwang eine lange Peitsche. Hinter ihm saßen die Musikanten: Ein langer dürrer Kerl mit einer hervorstechenden Hakennase und faserhaften, gelblich ausgeblichenen Haaren spielte auf einer trillernden Flöte, deren Töne auch durch das abendliche Rotgelb der Herbstsonne nicht erwärmt wurden. Er trug ein verwittertes aus zahlreichen Flecken zusammengesetztes Oberhemd, das weit über seine dunkelrote Pumphose reichte.

Sein Nachbar zur Linken spielte auf einer Fiedel, ebenso grell und klirrend. Er war mit einem gelben Hemd und weit ausladenden schwarzen Hosen bekleidet. Sein faltiges Gesicht war braun gebrannt. Tiefe Narben zeugten von einer wilden Vergangenheit. Die dichten, noch tiefschwarzen Haare wurden von dem leichten Abendwind vor die Stirn geweht. Er sang mit einer tiefen, rauen Stimme im Gleichklang mit dem Kutscher, der mit einem zeisigbunten Anzug bekleidet war. Auf dem Kopf wankte eine Harlekinmütze. Die knorrigen, schwieligen Hände führten sanft aber kraftvoll das Ochsengespann. Sein schwarzroter Schnurrbart war zu einem kunstvollen Säbelgeflecht ausgezogen.

Die selbstsicheren hellblauen Augen forderten Respekt und Aufmerksamkeit. Ein neuer Vers erklang, als das seltsame Gespann mit seinem Singsang die Aufmerksamkeit der Jagdgesellschaft erregte:

„Bim-Didi-Bam,

Bam-Didi-Bim,

Oh Kurfürstlich,

ich bitte Dich,

nimm mich in Deine Engelschar:

Das Böse wird, das Gute war.“

Eine schrille Trillerdissonanz, gefolgt von einem ausklingenden Fiedelakkord, ließ die feuchtfröhliche Jagdschar frösteln. Karl August, wegen der mageren Jagdbeute nicht in sonderlich guter Stimmung, wuchtete wütend den Trinkbecher in die Hand seines Dieners, stellte sich breitbeinig in Positur und herrschte den Kutscher an. „Was fällt Ihm ein, hier mitten in meine Festlichkeit hineinzuplatzen und so jämmerlich zu musizieren. Scher Er sich des Teufels, oder ich lasse die Hunde auf Ihn jagen!“

Der Kutscher zügelte sein Ochsengespann. Seine Gefährten senkten ihre Instrumente. Während sie unberührt auf ihrer Bank sitzen blieben, erhob sich der Kutscher langsam und feierlich. „Ja, weiß Er denn nicht, wer ich bin? Sieht Er denn nicht meine Augen? Hört Er denn nicht meine Stimme? Riecht er denn nicht meinen Atem? Will er denn erst mein Fleisch fühlen?“, fragte er mit seiner dunklen, feuertiefen Stimme.

Karl August, der sich noch nie eine so unverschämte Antwort hatte gefallen lassen müssen, geriet in einen unbändigen Zorn: „Was fällt Ihm ein, so mit mir zu reden! Das wird er mir büßen! Heinrich, Fritz, Jakob, fasst mir diese Burschen! Bindet sie, und dann ab mit ihnen in den Kerker!“

Heinrich, Fritz und Jakob waren seine Diener und Leibwächter, junge starke Burschen, allerdings auch schon voll dem Wein zugetan. Zudem saßen sie an den Gesindetischen weit ab an der linken Seite des Geländes. Kaltenblick hatte sich bei Ankunft des Ochsenkarrens abgewendet. Von ihm war keine Hilfe zu erwarten.

Der Kutscher lachte: „So, Karl August will mich fassen! Das mag wohl sein. Vorher aber will ich Ihm sagen: Meinen Bruder hat Er mir genommen. Mich hat er auch genommen, in das verfluchte Regiment, zum Dienst for the englishmen! Mein Bruder hat’s bezahlt. Mit seinem Blut. Hier bin ich jetzt, halte den Fluch des Herrn in meiner Hand!“

Karl August war wie versteinert. Sein von Alkohol durchdünsteter Körper stand steif und wankend, als der Kutscher mit einem kurzen Ruck vom Ochsenkarren sprang, einen Beutel mit frischem Blut öffnete, das herausquellende Blut mit seiner Hand auffing, es dem Herzog mit einem kurzen Klatsch an die Wange schmierte, weiter sprang, die Treppe in das Schlösschen hinaufeilte, dabei kurz mit Kaltenblick zusammenstieß, ihn ebenfalls mit dem Blut beschmierte, in das große Jagdzimmer lief und hier die Wände mit dem gerinnenden Blut bestrich.

„All das geschah fürchterlich schnell, so, als habe der Teufel persönlich Regie geführt“, dokumentierte ich.

Der Kutscher rannte durch den Hinterausgang zurück zu dem Ochsenkarren, ergriff die Zügel, peitschte die Tiere an, die sich finster drohend ihren Weg durch die erstarrte Jagdgesellschaft bahnten.

Karl August rief nach seinem Gewehr. Die Bediensteten kamen, übergaben es ihm. Es war nicht geladen. Die Hunde wurden von der Leine gelassen, auf den sich mühsam entfernenden Ochsenkarren gehetzt. Sie jaulten, sprangen und rannten, verfingen sich in ihrem Gebell, waren von der Jagd zu müde, um sich mit den Ochsen anzulegen. Langsam verschwand der Ochsenkarren am Ende des Waldweges. Aus der Ferne war noch zu hören:

„Bam-Didi-Bim,

Bim-Didi-Bam.

Blut ist ein böser Schwamm.

Wer hier eingeht, der renn hinaus,

die Mauern dünsten Böses aus.“

Ich dokumentierte: „Die Trinkgelage im Jagdschlösschen wurden von den Herrschaften bis zum ‚Umfallen’ ausgekostet. Die Untertanen bezahlten und hatten keinen Anteil. Sie verfluchten die Wände, und ihr Fluch wurde feierlich dem Teufel übertragen.

„Die Wände spucken Galle, Gift.

Wer hier eingeht, den Teufel trifft!“,

Die Revolution

Die Flucht

Ich wurde vor das Tribunal gerufen. „Wo waren Sie, als dieser unglaubliche Zwischenfall geschah? Ist Ihre Beteiligung dokumentiert?“

Ich verneinte: „Ich stand zufällig am Wegrand. Ich war weit entfernt, konnte nur mühsam die gesprochenen Worte verstehen. Ich sah den Vorgang aber genau mit eigenen Augen“.

„Was geschah weiter?“

Ich berichtete wahrheitsgetreu:

Nach dem unglaublichen Vorfall bei der Einweihung des Jagdschlösschens verfiel der Kurfürst in eine unwirsche und kränklich leidende Stimmung. Zwar wurden ihm als regelmäßigen Kirchgänger die Endlichkeit seines Lebens und die Unbestimmtheit seiner jenseitigen Existenz von der Kanzel kraftvoll und bildhaft vor Augen gestellt, die tagtäglichen Sinnesfreuden mit ihren ausschweifenden Exessen ließen ihn jedoch jenes unabwendbare Geschehen des eigenen Todes in eine unendlich weite Zukunft verlegen. Auch wagte niemand in seiner Umgebung ihm, dem doppelkinnbehafteten, körperumfangreichen und jähzornigen Herrscher zu widersprechen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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