The Brooklyn Years - Wovon wir träumen - Sarina Bowen - E-Book

The Brooklyn Years - Wovon wir träumen E-Book

Sarina Bowen

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Beschreibung

Attraktiver, millionenschwerer CEO mit erfolgreichem Eishockey-Team sucht ...

Nate Kattenberger hat alles, wovon andere nur träumen können: eine Villa in Brooklyn, mehrere Millionen Dollar auf dem Konto und ein eigenes NHL-Team, das einen Rekord nach dem anderen bricht. Doch all das bedeutet dem CEO und Besitzer der Brooklyn Bruisers nichts. Denn es gibt etwas, das er sich mehr wünscht als alles andere. Beziehungsweise jemanden: Rebecca Rowley, die Managerin des Teams - und damit die Frau, die er nicht haben kann!

"Humorvoll, romantisch und absolut prickelnd. Alle brauchen einen Nate in ihrem Leben!" AVERY FLYNN

Band 4 der Sports-Romance-Reihe THE BROOKLYN YEARS von USA-TODAY-Bestseller-Autorin Sarina Bowen

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Seitenzahl: 472

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INHALT

Titel

Zu diesem Buch

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Die Autorin

Die Romane von Sarina Bowen bei LYX

Impressum

SARINA BOWEN

The Brooklyn Years

WOVON WIR TRÄUMEN

Roman

Ins Deutsche übertragen von Wiebke Pilz und Nina Restemeier

ZU DIESEM BUCH

Nate Kattenberger hat alles, wovon andere nur träumen können: eine Villa in Brooklyn, mehrere Millionen Dollar auf dem Konto und ein eigenes NHL-Team, das einen Rekord nach dem anderen bricht. Doch all das bedeutet dem CEO und Besitzer der Brooklyn Bruisers nichts! Denn es gibt da etwas, das er sich mehr wünscht als alles andere. Oder jemanden: Rebecca Rowley – die Frau, die er nicht haben kann. Vor sieben Jahren fing sie als Assistentin bei ihm an und hat inzwischen als Managerin seines Teams nicht nur sein Office, sondern auch sein Herz fest im Griff. Beccas Lächeln, ihr sympathisches Wesen und die Tat-sache, sie einfach die ganze Zeit um sich zu haben, bringen Nate jeden Tag um den Verstand. Und doch gelingt es ihm einfach nicht, ihr seine Gefühle zu gestehen. Aber als Becca während der Arbeit unglücklich auf dem Eis ausrutscht und nach dem Unfall auf Nates Hilfe angewiesen ist, gerät plötzlich alles zwischen ihnen außer Kontrolle. Sie verbringen eine leidenschaftliche Nacht miteinander, nach der nichts mehr ist, wie es war …

1

Rebecca

Brooklyn, 2. April

Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ich eine coole Socke bin.

Zunächst mal: Ich wohne in Brooklyn, wo eine Frau mehr oder weniger allein klarkommt. Ich trinke meinen Kaffee schwarz. Und ich arbeite mit Profisportlern zusammen und behaupte mich an einem Arbeitsplatz, der so voller Testosteron ist, dass es auf das Koffein schon gar nicht mehr ankommt.

Ich kann fünfundzwanzig Liegestütze am Stück machen. Letztes Jahr hat ein Eishockeyspieler dagegen gewettet und hundert Dollar verloren. Also, bis vor vierundzwanzig Stunden hielt ich mich für verdammt tough.

Das muss ich auch sein. Die Brooklyn Bruisers nähern sich zum ersten Mal seit Jahren den NHL-Play-offs. Wenn sie es schaffen, wird eine Menge Arbeit auf mich zukommen. Reiseplanung. Öffentliche Veranstaltungen. Die Ticketverkäufe bei den Auswärtsspielen. Als Büromanagerin ist es meine Aufgabe, dieses ganze Durcheinander zu koordinieren.

Aber gestern Nachmittag habe ich in einem Augenblick absoluter Blödheit mit Straßenschuhen das glänzende Trainingseis betreten, um einer meiner Kolleginnen eine Nachricht zu überbringen.

Zwei Jahre lang habe ich für das Team gearbeitet, ohne einen Fuß aufs Eis zu setzen. Aber gestern dachte ich: Wieso nicht? Es ist so, als würde man in einem Sterne-Restaurant arbeiten, ohne jemals das Essen dort zu probieren.

Das Wieso nicht? wurde mir dann sechzig Sekunden später klar, als ich auf der glatten Oberfläche wegrutschte. Ich ging so schnell zu Boden, dass ich den Sturz nicht mehr mit den Händen abfangen konnte. Stattdessen bin ich auf den Hintern geknallt. Aber der rutschte auch noch weg, sodass als Nächstes mein Kopf und mein Arm aufschlugen. Mein Kopf ist sogar einmal vom Eis abgeprallt, bevor ich schließlich auf dem bitterkalten Boden liegen blieb.

Sofort tat ich, was jedes Mädchen mit Selbstachtung getan hätte: Ich habe mir die Klamotten abgeklopft und den beiden Kollegen, die diese Schmach mit angesehen hatten, versichert, dass es mir gut gehe.

Und das dachte ich auch, mal abgesehen von dem blauen Fleck auf dem Hintern, der ungefähr so groß war wie der ganze Staat New York.

Die Gehirnerschütterung, die ich mir zugezogen hatte, machte sich anfangs gar nicht bemerkbar. Die Orientierungslosigkeit schob ich auf meine Verlegenheit. Es kam mir in dem Moment völlig normal vor, dass ich ein bisschen durch den Wind war.

Ich ging nach Hause, aß ein paar Reste aus dem Kühlschrank und ging früh ins Bett. Aber um zwei Uhr morgens wachte ich mit rasenden Kopfschmerzen auf, und mir war ein bisschen übel. Also bin ich aufgestanden und ins Bad gegangen, um mir eine Aspirin zu holen. Doch als ich das Licht anschaltete, fing das ganze Zimmer an, sich zu drehen. Ich hab mich so fest an den Handtuchhalter geklammert, dass das Ding abgebrochen ist.

Zum zweiten Mal an diesem Tag landete ich auf dem Hintern.

Das Krachen weckte meine Schwester im Nebenzimmer. Als sie mich blinzelnd auf den Badezimmerfliesen vorfand, geriet sie in Panik. Und so landeten wir mitten in der Nacht in der Notaufnahme des Brooklyn Methodist Hospital. Wenn ich an die Rechnung denke, die sie mir schicken werden, wird mir schon wieder ein bisschen schlecht. Sie klopften mich an all den üblichen Stellen ab und leuchteten mir mit höllischem Licht in die Augen, während ich jammerte, sie sollten mich nach Hause gehen lassen.

Das taten sie schließlich auch, aber nicht, ohne mir ausführlichst zu erklären, wie ich meine Gehirnerschütterung auskurieren soll.

Und jetzt hocke ich hier, auf der hässlichsten Couch der Welt, in meiner winzigen, vollgestopften Wohnung, und frage mich, was ich machen soll. Tränen der Enttäuschung laufen mir über das Gesicht.

Dabei weine ich sonst nie. Was zur Hölle?

Okay, es tut verdammt weh. Aber es sind nicht die Kopfschmerzen, die mich so aus der Fassung bringen. Der Arzt in der Notaufnahme hat gesagt, dass ich zwei Wochen nicht arbeiten darf. Ich soll zu Hause bleiben und Bildschirme, Papierkram, Stress und alle körperlich wie intellektuell anstrengenden Situationen meiden.

Noch eine Träne rinnt mir übers Gesicht, während ich versuche, das alles zu verarbeiten. Gerade habe ich Hugh Major, dem Geschäftsführer der Brooklyn Bruisers, eine Nachricht geschickt und ihm mitgeteilt, dass ich ein paar Tage nicht kommen werde. Und ich musste blinzeln, damit die Buchstaben auf dem Bildschirm nicht verschwammen.

Aber zwei Wochen? Das ist völliger Wahnsinn. Das Timing ist denkbar schlecht, und Hugh wird nicht begeistert sein. Nate Kattenberger, der Eigentümer des Teams, auch nicht.

Und mir passt es erst recht nicht. Meine Jungs stehen kurz davor, zum ersten Mal, seit ich für das Team arbeite, in die Play-offs einzuziehen. Ich muss einfach dabei sein. Seit zwei Jahren ist das Eishockeyteam mein Leben. Zwei Wochen lang aussetzen? Unmöglich.

Ich schalte mein Handy aus und hole noch einmal zittrig Luft. Meine Bewegungen sind vorsichtig, weil mein vier Monate alter Neffe in einem Körbchen zu meinen Füßen schläft. Ich darf das Baby nicht aufwecken. Wenn er jetzt anfängt zu schreien, platzt mir der Schädel.

Ich betrachte sein schlafendes Gesichtchen und bin sofort ein wenig entspannter, denn Babys wissen einfach, wie man relaxt. Matthews dunkle Wimpern ruhen auf seinen Pausbäckchen, die Decke hebt sich gleichmäßig mit jedem ruhigen Atemzug.

Gestern dachte ich, mein größtes Problem wäre, meine winzige Wohnung mit meiner Schwester und ihrer Familie teilen zu müssen. Ach, und dass ich seit elf Monaten und drei Tagen keinen Sex mehr hatte. Das kam mir wie ein Riesenproblem vor.

Aber jetzt weiß ich es besser.

Vier Menschen wohnen in dieser Wohnung, aber ich bin die Einzige mit einem Vollzeitjob. Na gut, das Baby kann noch nicht arbeiten, aber auch zwei Erwachsene sind von mir abhängig. Meine Schwester studiert noch und jobbt nebenher ein paar Stunden als Barista. Und der Vater ihres Babys – der vierte Mitbewohner – arbeitet auf dem Bau, wann immer er kann. Aber meistens kümmert er sich um das Baby.

Bleiben also nur ich und mein regelmäßiges Einkommen. Und auch wenn der Eigentümer des Teams mich seit sieben Jahren kennt, mache ich mir seit zwei Jahren Sorgen um meinen Job. Deshalb kann ich es mir nicht leisten, krankzufeiern.

Also was zum Teufel soll ich jetzt machen?

Das muss ich laut ausgesprochen haben, denn mein Neffe regt sich im Schlaf.

Seit Matthew bei mir wohnt, habe ich die Erfahrung gemacht, dass Babys ein untrügliches Gespür dafür haben, zum ungünstigsten Zeitpunkt aufzuwachen. Ich reibe mir mit den Handballen über die Augen und atme tief durch, um mich zu beruhigen.

Matthew dreht sich um und schnauft leise. Er bewegt die Lippen, als wollte er nuckeln.

Oh, oh.

Langsam beuge ich mich über das Moseskörbchen, in dem er liegt, und fische den verlorenen Schnuller zwischen den Laken hervor. Ganz vorsichtig stecke ich ihm das Ding wieder in den Mund. Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas mal lernen würde. Doch dann ist meine kleine Schwester mit zweiundzwanzig schwanger geworden. »Ich behalte das Baby«, verkündete sie sofort. »Und Renny wird auf einer Ölbohrinsel im Golf arbeiten, um uns zu ernähren.«

Genau.

Ein paar Monate später war ich kein bisschen überrascht, dass Missy aus ihrer Wohnung in Queens geworfen wurde, weil sie mit der Miete im Verzug war. Und ich war nur geringfügig überraschter, dass Renny nur ein paar Monate auf der Bohrinsel blieb.

Vor einer Woche stand er plötzlich vor der Tür und fiel theatralisch auf meinem Wohnzimmerteppich auf die Knie. »Ich habe es einfach keinen Tag länger ohne meine Familie ausgehalten«, jammerte der einundzwanzigjährige Dummkopf. (Ja, meine Schwester hat sich in einen Jüngeren verliebt. Ich nenne ihn gern ihren Kinderbräutigam, auch wenn sie nicht verheiratet sind.)

Jetzt sind wir eine große glückliche Familie in der winzigen Wohnung in Brooklyn, die ich mir vorher mit meiner besten Freundin Georgia geteilt habe. Ich liebe meine Schwester, aber die Wohnung ist einfach nicht groß genug für so viel Drama.

Ich spiele hier die Rolle der alleinstehenden Tante. Und genau in diesem Augenblick höre ich hinter der Tür zu dem Zimmer, das sich meine Schwester und Renny teilen, ihre unterdrückten Seufzer und das rhythmische Stoßen ihres Betts gegen die Wand.

Sie halten sich für so clever. Seit Renny aus Texas zurück ist, ziehen sie sich einmal am Tag für einen Quickie zurück, wenn das Baby schläft. Jeden Moment werden sie rotwangig und glücklich herauskommen, sich liebevoll ansehen, die Hände noch immer auf dem Körper des anderen, als bereite es ihnen körperliche Schmerzen, einander loszulassen.

Meine Schwester ist ein bisschen dämlich. War sie schon immer. Und trotzdem hat sie einen Mann abbekommen, der sie wirklich liebt. Immer wenn ich an die beiden denke, möchte ich mich am liebsten übergeben. Das war sogar schon vor meiner Gehirnerschütterung so.

Zu meinen Füßen streckt Baby Matthew die Ärmchen über seinen kleinen kahlen Kopf. Noch hat er die Augen geschlossen, aber lange wird es nicht mehr dauern. Der Schnuller fällt ihm wieder aus dem Mund, und er gibt einen kleinen, unzufriedenen Laut von sich. Dann klappen die blauen Augen auf.

Egal, wie bescheuert mein Leben gerade ist, eine Sache lässt sich einfach nicht abstreiten: Mein kleiner Neffe ist absolut entzückend. »Hi«, sage ich sanft, und sein Blick findet mich. »Hast du gut geschlafen?«

Er denkt über die Frage nach.

»Willst du mit mir auf der Couch abhängen?« Ich beuge mich hinunter und schiebe die Hände unter seinen warmen Körper. Ich zerre etwas an ihm. Und als ich mich wieder aufsetze, schießt mir ein so stechender Schmerz durch den Kopf, dass ich ein überraschtes Zischen ausstoße.

Das Geräusch erschreckt Matthew, und er fängt an zu wimmern.

»Alles gut«, sage ich und schließe vor lauter Schmerz die Augen. »Alles wird gut.«

Ich weiß selbst nicht, wen von uns beiden ich damit beruhigen will.

Matthew gibt noch mehr ärgerliche Laute von sich und nähert sich einem ausgewachsenen Schreien. Ausnahmsweise stört mich das nicht, denn es übertönt das Sex-Crescendo aus dem Nebenzimmer. Aber der Schnuller liegt immer noch im Körbchen auf dem Boden, verdammt. Mit Matthew auf dem Arm ist es doppelt so schwer, mich hinunterzubeugen, aber es gelingt mir. So gerade.

Als wir wieder auf dem Sofa liegen, dreht sich der Raum um mich herum, wie es Räume normalerweise nicht sollten. Die großen braunen Rosen auf dem hässlichen Sofa – dem Biest, wie Georgia und ich es immer genannt haben – verschwimmen vor meinen Augen.

Schräg.

Matthew nuckelt verzweifelt an dem Schnuller. Der wird ihn nicht lange hinhalten. Er hat Hunger. Und tatsächlich geht sein Wimmern nach ein paar Minuten in Heulen über. Ich wiege ihn in den Armen, aber aus seinen Augenwinkeln quellen zwei fette Tränen. In tiefem Mitgefühl steigen auch mir ein paar Tränen in die Augen.

Da fliegt die Schlafzimmertür auf. »Daddy ist da«, verkündet Renny. Sein Oberkörper ist nackt, der oberste Knopf seiner Jeans steht immer noch offen. Aber er rennt ums Sofa herum und nimmt mir Matthew aus den Armen. »Mein Schnubbelchen. Mein süßer Schnubsi.« Mit seinem kratzigen Gesicht nähert er sich Matthews seidiger Wange und küsst ihn ab.

Das Baby hat Hunger, aber Renny ist dafür nicht ausgestattet. Immerhin ist ein halb nackter Renny offensichtlich unterhaltsam genug, um Matthew einigermaßen von seinem leeren Magen abzulenken. Das Baby patscht Daddy die kleinen Fingerchen ins Gesicht, und sie starren einander an wie zwei endlich wiedervereinte Liebende.

»Wer ist der beste Schnubsi der Welt?«, plappert Renny. Er setzt sich in die gegenüberliegende Ecke des Biests, und nun betritt meine Schwester mit geröteten Wangen das Zimmer und sieht befriedigter aus, als es sich für eine frischgebackene Mutter gehört. »Mommy!«, ruft Renny wie ein Idiot. »Wir brauchen hier deine leckeren Titties.«

»Ihr wisst schon«, grummele ich, obwohl ich ziemlich sicher bin, dass mir niemand zuhört, »dass er euch in ein paar Jahren alles nachplappert, was ihr so von euch gebt?«

Sie beachten mich gar nicht. Missy kuschelt sich an ihren Toyboy und schiebt das Shirt hoch. Renny legt das Baby ihnen beiden auf den Schoß, sodass es an die Brust meiner Schwester herankommt. Matthew dockt an, und seine Eltern beobachten ihn beim Nuckeln und geben hin und wieder einen Übelkeit erregenden Kommentar darüber ab, was für ein toller Vater Renny doch ist.

Das ist mein Leben.

Ich habe mich noch nie so sehr wie das fünfte Rad am Wagen gefühlt. Obwohl wir nur vier sind. Egal. Aber das hier ist meine Couch, und ich würde nicht einmal aufstehen, wenn ich irgendwo anders hingehen könnte. Kann ich aber nicht. Ich werde einfach hier sitzen bleiben und mich in meinem Elend und Selbstmitleid suhlen, auch wenn es niemand mitbekommt.

Da klingelt es an der Tür. Es fühlt sich an, als ob mir jemand ein Messer in den Schädel rammt. »Kann bitte jemand aufmachen?«

Die glücklichste Familie in Brooklyn rührt sich nicht.

Also stehe ich auf und gehe selber zur Gegensprechanlage. »Hallo?«

»Rebecca.« Eine feste und tiefe Männerstimme. »Kann ich raufkommen?«

Er macht sich nicht die Mühe, seinen Namen zu nennen. Das braucht er auch gar nicht. Nate Kattenberger ist es gewohnt, dass man ihn erkennt.

Er ist hingegen nicht dafür bekannt, bei seinen Mitarbeitern zu Hause vorbeizuschauen. In den sieben Jahren, die ich nun schon für ihn arbeite, war er noch nie bei mir.

Ich brauche einen Moment, um meine Verwirrung abzuschütteln, dann reiße ich mich zusammen und drücke auf den Türöffner.

Ich drehe mich zum Wohnzimmer um. Hier sieht es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. »Renny, zieh dir ein Hemd an. Missy, wie viel von diesem Babyzeug können wir in fünfzehn Sekunden aufsammeln?«

»Nichts? Ich stille gerade. Wieso?«

Weil gerade der erfolgreichste Geschäftsmann aus New York und Umgebung die Treppe heraufkommt. Ich habe nicht einmal mehr die Zeit, um in Panik zu verfallen. Keine Minute später klopft Nate Kattenberger an die Wohnungstür. Er muss die zwei Stockwerke hinaufgerannt sein. Da ich an der peinlichen Situation nichts mehr ändern kann, mache ich die Tür auf.

»Du solltest im Bett liegen.« Das ist Nates Begrüßung. Er hält sich nie mit Small Talk auf.

Ich brauche einen Moment, um zu antworten, denn mein Hirn ist heute langsam und braucht etwas länger als sonst, um über diesen kleinen, ungläubigen Ruck hinwegzukommen, der mich jedes Mal durchfährt, wenn seine durchdringenden hellbraunen Augen auf meine treffen. Nate ist ungefähr zehnmal so anziehend wie ein gewöhnlicher Kerl. Man sollte meinen, nach sieben Jahren hätte ich mich daran gewöhnt. Aber nein.

»Hey«, erwidere ich einen Augenblick später. »Du hast geklingelt. Ich kann nicht gleichzeitig schlafen und die Tür aufmachen.«

»Gutes Argument, Bec. Hast du geschlafen, als ich geklingelt habe?«

Ich antworte nicht, winke ihn bloß herein. Als er durch die Tür tritt, bringt er etwas mit in die Wohnung. Es ist das größte Rosenarrangement, das ich jemals außerhalb einer Trauerhalle gesehen habe.

»Lieber Himmel, ich lebe doch noch.« Der Witz soll mein Unbehagen über seine Großzügigkeit kaschieren, aber er kommt irgendwie schnippisch rüber. Und als ich ihm die Blumen abnehme, ist der Korb so riesig, dass ich nicht weiß, wohin damit.

»Vielleicht habe ich etwas übertrieben«, lacht er leise. »Hier. Du kannst das hier nehmen.« Er reicht mir eine Tüte von Dean & DeLuca voller Gourmet-Spezialitäten. »Darf ich die Blumen auf den Tisch am Fenster stellen?«

»Wenn sie dahin passen. Vorsicht, die …«

Nate tritt auf die Babyschaukel, weil ich ihn nicht rechtzeitig gewarnt habe. Er geht beinahe zu Boden, kann es aber gerade noch verhindern, indem er sich an der Wand abstützt.

»Das tut mir so leid«, sagt meine Schwester vom Sofa. Sie entschuldigt sich jedoch nicht für ihren halb nackten Freund, der den bekanntesten Milliardär Brooklyns anstarrt.

Oh Mann. Wir sind hier Brooklyns Pendant zu einem Trailer Park. Und das ist nicht schön.

»Nate«, sage ich, als würde ich mich gerade nicht in Grund und Boden schämen. »Du kennst doch meine Schwester Missy.« Sie haben sich vor fünf Jahren kennengelernt, als ich Missy zu irgendeiner Wohltätigkeitsveranstaltung in irgendeinem Museum mitgebracht habe. An den Anlass erinnere ich mich nicht mehr. »Und das ist ihr Freund Renny.«

»Wie geht’s dir?«, fragt Nate Missy und bekommt rote Ohren, vermutlich, weil meine Schwester praktisch oben ohne dasitzt. »Seid ihr hier, um euch um Rebecca zu kümmern, solange sie krank ist?«

»Nee. Wir wohnen hier«, sagt Renny und legt die Füße auf den Couchtisch.

Jetzt würde ich am liebsten tot umfallen. Hauptsache, ich muss nicht lange leiden.

»Renny«, starte ich einen Versuch, »wolltest du nicht zum Supermarkt gehen? Wenn das Baby wieder wach ist, hast du gesagt.« Das ist nicht gelogen. Er hat tatsächlich davon gesprochen, einkaufen zu gehen. Allerdings war das, bevor er sich damit abgelenkt hat, meine Schwester zu bespringen.

»Klar«, sagt er und reibt sich über die Bartstoppeln. »Das könnte ich machen.«

»Ich komme mit«, bietet meine Schwester – gesegnet sei sie! – an. »Wir nehmen Matthew in der Trage mit. In einer Minute sind wir hier fertig mit Stillen.«

Dem Herrn sei Dank.

Renny steht auf und reibt sich über die nackte Brust. »Hey, hat die Bibliothek offen? Ich habe das geniale Buch durch – das mit dem Paralleluniversum. Aber es endet mit einem üblen Cliffhanger. Ich brauche die Fortsetzung.«

Schneller, Renny! Durch die offene Tür zu Missys Zimmer sehe ich sein Shirt und versuche, ihn kraft meiner Gedanken dorthinzuschicken. Das Shirt, Renny. Zieh das Shirt an.

»Paralleluniversen sind so cool.« Er trudelt in die grobe Richtung des Shirts. »Quasi, als gebe es irgendwo ein Paralleluniversum, wo ich Quarterback der Giants bin. Und eins, wo du die Königin von Frankreich bist.«

»In Frankreich gibt es keine Monarchie mehr«, wende ich ein. Zieh das Hemd an.

Meine Schwester wedelt mit ihren Möpsen und stopft sie zurück in den BH.

»Aber darum geht es doch«, ruft Renny aus dem Schlafzimmer. Angezogen kommt er wieder heraus, tanzt zu seinem Sohn hinüber und nimmt ihn Missy aus den Armen. »In einem Paralleluniversum ist alles möglich. Mein Junge kann fliegen. Huiiii.« Er hebt Matthew hoch und wirbelt ihn durch die Luft.

»Muss er davon nicht spucken?«, frage ich und stelle mich auf das Schlimmste ein.

Missy nimmt ihrem dämlichen Freund das Baby ab. »Gehen wir. War schön, dich zu sehen, Nate. Sei nicht zu streng mit meiner Schwester. Sie macht sich schon den ganzen Vormittag Sorgen, weil sie nicht zur Arbeit gehen darf, aber sie soll im Moment keinen Computer …«

»Missy!«, warne ich sie.

»Na ja, sollst du doch nicht.« Zum Glück macht sie die Wohnungstür auf und verschwindet nach draußen.

Renny schnappt sich die Babytrage und eine Decke. Auch wenn er ein Idiot ist, ist er tatsächlich ein guter Vater. »Tschüss, Nate Kattenberger und Becca.«

Das Geräusch der hinter ihnen zufallenden Wohnungstür ist das Beste, was ich heute den ganzen Tag gehört habe. Mein Verlegenheitslevel sinkt von hundert auf, na ja, siebenundneunzig.

»Wow«, sagt Nate.

»Sie sind ein bisschen anstrengend«, murmele ich.

»Nein …« Er starrt die riesigen braunen Samtrosen auf dem Biest an. »Dein Sofa ist wirklich ziemlich …«

»Hässlich?«

Er lacht.

»Aber glaub mir, es ist total gemütlich. Georgia und ich haben darüber nachgedacht, es neu beziehen zu lassen, aber wir waren uns nicht sicher, ob es durch die Wohnungstür passt.« Ich lasse mich in eine Ecke fallen. »Setz dich. Probier es mal aus.«

Nate setzt sich in die andere Ecke. Er verschränkt die Arme hinter dem Kopf und lehnt sich zurück. »Ja, okay.«

»Es ist nicht nur gemütlich, sondern man muss es auch nicht sehen, wenn man draufsitzt.«

Wieder lacht Nate, und ich betrachte sein Profil, wie ich es schon tausendmal getan habe. Er sieht einfach gut aus. Eigentlich sogar besser als gut. Er ist heiß. Er trägt seinen typischen schwarzen Hoodie und eine vierhundert Dollar teure Jeans.

In seinem Büroturm in Manhattan trägt er mittlerweile Anzüge, aber früher waren Hoodies seine Uniform. Damals hat er allerdings keine teuren Jeans und Designersneakers dazu getragen. Da hatte er auch den Büroturm noch nicht.

Als ich in der Firma angefangen habe, hatte sie siebzehn Angestellte. Heute sind es über zweitausend.

Fünf Jahre lang war ich Nates persönliche Assistentin. Dann hat er vor zwei Jahren ein Eishockeyteam, die Brooklyn Bruisers, gekauft und mich gebeten, Kattenberger Tech zu verlassen und stattdessen das Büro der Mannschaft zu leiten. Eine andere Frau, die frostige Lauren, hat meine Stelle in Manhattan übernommen.

Nate sagt, es sollte keine Degradierung sein, und ich hatte auch keine Gehaltseinbußen. Ich habe mich sogar ein wenig verbessert, denn das Eishockeyteam ist ein eigenständiges Unternehmen mit einer geringfügig anderen Struktur. Und ich sehe Nate immer noch mehrmals die Woche, zumindest während der Eishockeysaison.

Trotzdem beschäftigt mich die Versetzung immer noch. Ich frage mich, was ich getan habe, um bei Nate in Ungnade zu fallen.

Und jetzt merke ich, dass ich ihn anstarre. Aber er starrt zurück. »Geht es dir wirklich gut?«, fragt er mit stoischer Miene. Dafür ist Nate bekannt. In Porträts in Zeitschriften wird er gern als »unergründlich« bezeichnet. In Wirklichkeit ist er aber einfach bloß sozial ein bisschen unbeholfen.

»Das wird schon wieder.« Ich räuspere mich. »Oh Mann, das war der blödeste Sturz aller Zeiten. Ich glaube, ich habe mir den Kopf nicht einmal besonders heftig angeschlagen. Morgen komme ich wieder ins Büro, okay? Ich lasse es bloß einen oder zwei Tage bei der Arbeit ruhig angehen …«

Sofort schüttelt er den Kopf. »Auf keinen Fall. Eine Gehirnerschütterung braucht mindestens zwei Wochen, um zu heilen.«

»Zwei Wochen«, quieke ich. »Aber ich muss doch nicht Eishockey spielen, Nate. Es ist ein Schreibtischjob.«

»Ganz egal.« Er faltet die Hände wie der CEO, der er ja auch ist, und dann lässt er die Bombe platzen. »Für die nächsten zwei Wochen übernimmt Lauren das Büro der Bruisers. Bis du wieder auf den Beinen bist. Es ist bereits beschlossene Sache.«

Mein Herz rutscht mir in den Magen. »Das ist wirklich nicht nötig.« Doch nicht Lauren! Es ist wie ein Déjà-vu. »Und außerdem hasst Lauren Eishockey.« Das hat sie selbst schon tausendmal gesagt.

Nate grinst bloß. Die meisten Männer können nicht so grinsen. Aber Nate ist auch nicht die meisten Männer. Wenn man so schlau und attraktiv ist wie dieser Kerl, kann man so ziemlich alles machen. »Damit wird sie schon klarkommen.«

»Kann ich dich nicht irgendwie davon abbringen? Ich werde hier bloß in dieser winzigen Wohnung herumsitzen und mich langweilen.«

»Du bleibst auf der Bank, Becca. So was kommt vor. Die Spieler beklagen sich auch nicht, wenn sie mal nicht aufs Eis dürfen. Wir brauchen deinen Kopf, okay? Mit einer Gehirnerschütterung ist nicht zu spaßen.«

Ich weise ihn nicht auf den offensichtlichsten Unterschied hin. Nates Eishockeyspieler ziehen sich ihre Kopfverletzungen zu, während sie große Dinge für die Mannschaft leisten. Ich habe mir meine durch schiere Blödheit zugezogen.

Juhu!

»Danke für die Blumen, Nate.« Meine Stimme ist so leise, dass ich mir nicht sicher bin, ob er mich überhaupt gehört hat.

Unsere Blicke treffen sich, und auf einmal ist es, als wären keine sieben Jahre vergangen. Ich sehe den Mittzwanziger, der er früher war, mit einem unordentlichen Büro und großen Träumen. Damals haben wir viel gearbeitet, am Schreibtisch Zeug vom China-Imbiss gegessen und gewettet, wer mit den zerknüllten Papierservietten am besten den Mülleimer am anderen Ende des Raums treffen konnte. Er war der Typ mit dem wissenden Grinsen und dem genialen Hirn. Und ich habe mich um die kleinen Dinge gekümmert, damit er Zeit dafür hatte, eine ganz neue Methode zu entwickeln, wie sich ein Mobiltelefon ins Internet einwählt.

Als Nate mich anlächelt, werden seine Grübchen sichtbar. Die Grübchen passen nicht zum Nate-Kattenberger-Gesamtpaket. Sie sind zu jungenhaft für dieses ernste Gesicht. Sie machen ihn weicher. Ich lächle instinktiv zurück, und für einen Augenblick ist alles in Ordnung.

Es ist seltsam, mit diesem mächtigen Mann so vertraut zu sein und doch zu wissen, dass er mein ganzes Leben in seiner Hand hält. Ich vertraue ihm, aber ich kann es mir wirklich nicht leisten, ihn zu enttäuschen.

»Die Multiversumstheorie gibt es tatsächlich«, sagt er unvermittelt.

»Äh, was?« Wie immer hinke ich ein paar Schritte hinter ihm her. Selbst wenn ich keine Gehirnerschütterung habe.

»Paralleluniversen. Das Multiversum. In der Physik ist das eine ernsthafte Theorie.«

»Pfff. Renny liest doch bloß Science-Fiction.«

Nates Augen leuchten. »Science-Fiction ist toll. Die Multiversumstheorie besagt, die Unendlichkeit ist so groß, dass darin jede Alternative gleichzeitig existiert. Jede nicht getroffene Entscheidung. Jede Möglichkeit.«

»Also, das macht mir Angst. Bitte schick mich nicht auf einen Planeten, auf dem mein Schwager deine Firma leitet.«

Nate grinst.

»Aber mir gefällt der Gedanke, dass es irgendwo ein Universum gibt, in dem ich gestern nicht die Eisfläche betreten und damit alle unsere Arbeitsabläufe bis zum Ende der Saison durcheinandergebracht habe.«

Sein Lächeln verschwindet. »Alles wird gut, Bec. Ein bisschen mehr Chaos bringt uns nicht um.«

»Ja?«, frage ich, aber meine Stimme bricht. Ich bin das Chaos so leid. Auf einmal bin ich so … müde.

»Hey«, sagt er sanft. Er greift über die hässlichen braunen Rosen auf dem Sofa und drückt mir die Hand. »Du sagst mir doch, wenn es dir nicht gut geht, oder?«

»Ja.« Nein. Wahrscheinlich nicht. »In ein paar Tagen geht es mir bestimmt wieder super.«

»Das hoffe ich. Außerdem wird das Team trotzdem weiterkommen. Meinen Berechnungen nach sichern wir uns heute in einer Woche einen Platz in den Play-offs.«

»In diesem Universum, oder?«

»Jetzt pass mal auf, Miststück«, sagt er.

Und dann brechen wir beide in Lachen aus, denn der Spruch stammt aus irgendeinem Schrottfilm, den wir mal im Flieger nach – Brüssel? London? Ich weiß es nicht mehr – angeschaut haben. Der Flug hatte Verspätung, und irgendwie haben wir dann zwei Aliens beim Kämpfen zugesehen, und der lilafarbene sagte: »Jetzt pass mal auf, Miststück«, zu dem grünen.

Seitdem gehört das zu unserem gemeinsamen Wortschatz, genau wie Palindrome. Mit Nate macht man halt die ganze Zeit Nerd-Witze.

»Nächste Woche also die Play-offs, hm?« Mit den Zehen stupse ich seinen Fuß an. »Dann stell ich wohl mal besser den Schampus kalt.«

»Das klingt schon besser.« Sein Blick wandert in meinem vollgestopften Wohnzimmer umher. Unter dem Couchtisch klemmt eine Großpackung Babywindeln, und drei verlorene Schnuller tummeln sich auf dem Teppich.

»Kriegst du hier genug Ruhe, um dich zu erholen?«

»Das geht schon«, beharre ich. »Meistens sind wir nicht alle gleichzeitig zu Hause.« Das stimmt, aber eigentlich nur, weil ich normalerweise diejenige bin, die zur Arbeit geht.

Nate steht auf. »Rufst du mich an, wenn du irgendetwas brauchst?«

»Na klar«, lüge ich und erhebe mich ebenfalls. Es liegt mir nicht, in Nates Gegenwart zu jammern. Das würde mein Toughes-Mädchen-Image ankratzen. Und er hat genug anderen Kram um die Ohren.

Er mustert mich lange, und ich versuche mich an einem Lächeln. Der Mann ist verdammt aufmerksam, er soll nicht wissen, wie viele Sorgen ich mir mache. »Gute Besserung, Bec. Schone dich bitte so lange, wie die Ärzte sagen.«

»In Ordnung. Versprochen.«

Er umarmt mich unbeholfen und verschwindet in den Brooklyner Nachmittag.

2

Sieben Jahre zuvor

New York

Es war einmal ein hübsches Mädchen, das ein Bürogebäude in Midtown Manhattan betrat. Sie ist nervös, und das passt gar nicht zu ihr. Aber es steht eine Menge auf dem Spiel.

Der Weg in den vierten Stock ist kurz, also hat sie nicht viel Zeit, in Panik zu verfallen. Für das Bewerbungsgespräch trägt sie ein kratziges Wollkostüm, die Haare hat sie zu einem ordentlichen Knoten hochgebunden. In den Stahltüren des Aufzugs spiegelt sich ihr Büro-Alter-Ego.

Vor zwei Monaten war sie noch eine meistens glückliche Studentin der englischen Literatur. Dann bekam sie einen Anruf von zu Hause. Ihr Vater war ganz unerwartet an einem Herzinfarkt gestorben. Er hatte keine Lebensversicherung, und seine Firma war hoch verschuldet.

Rebecca hatte ihr Semester beendet, aber nur mit Mühe. Es war aufreibend gewesen, ihre trauernde Mutter und ihre jüngere Schwester zu trösten.

Inzwischen ist Januar, und sie offiziell Studienabbrecherin auf Jobsuche.

Rebeccas Handflächen sind schwitzig, als sich die Aufzugtüren auf einen schmalen, schlecht beleuchteten Flur öffnen. Das hier ist nicht die glamouröse Firmenumgebung, die sie sich vorgestellt hat. Aber hey – wenn diese Firma eine Stelle mit echter Bezahlung zu bieten hat, dann darf sie bei der Ausstattung nicht wählerisch sein.

Büro 402 ist relativ einfach zu finden. Auf dem Schild neben der Tür steht Kattenberger Technologies. Aber es besteht komplett aus … tatsächlich … Legosteinen.

Zum ersten Mal seit einer Woche lächelt Rebecca. Dann öffnet sie die Tür.

Das Büro besteht aus einem einzigen großen Raum. Es gibt nicht einmal abgetrennte Arbeitsbereiche, die Schreibtische stehen an den Wänden aufgereiht oder einander gegenüber mitten im Raum. Ein Drittel der Fläche wird von einer ramponierten Tischtennisplatte mit einer auffälligen Schramme auf der Oberfläche eingenommen. Zwei dünne Jungs in Jeans und T-Shirt liefern sich ein erbittertes Zehn-Uhr-dreißig-Duell.

Drei weitere Männer sitzen an Schreibtischen und hacken rabiat auf Tastaturen ein. Das hitzige Tischtennismatch und auch Rebecca nehmen sie überhaupt nicht wahr.

Tick-pop, tick-pop, tick-pop macht der Ball.

Rebeccas Blick wandert durch das Büro und bleibt an dem Eishockeyposter an der Wand hängen. Auf die gegenüberliegende blaue Wand sind drei Sprechblasen gemalt. Die Sprüche darin sind allerdings ziemlich seltsam. Einer lautet tatsächlich: Nate bit a Tibetan.

Nate hat einen Tibeter gebissen? Das ist ein bisschen beunruhigend, denn ihr Vorstellungsgespräch heute ist bei einem gewissen Nate Kattenberger. Zum Glück ist sie keine Tibeterin. Ein weiteres Zitat lautet: Neveroddoreven. Niemals ungerade oder gerade. Hat vielleicht irgendwas mit Programmierung zu tun. Kattenberger Technologies ist ein Softwareunternehmen. Das hat zumindest Harry, ein alter Freund ihres Vaters, gesagt, als er sie für die Stelle empfohlen hat. Harry ist in diesem Gebäude der Facility Manager, und er hat Rebecca einen Gefallen getan und ihr dieses Vorstellungsgespräch vermittelt.

Sie bleibt in der Tür stehen und hofft, dass irgendjemand sie bemerkt. Aber keiner wendet den Blick von den gigantischen Monitoren ab. Die Computerausstattung ist das Einzige hier, was neu und teuer aussieht. Alles andere wirkt, als wäre es gebraucht gekauft. Entweder ist dieses Unternehmen noch sehr neu oder nicht besonders erfolgreich.

Hoffentlich Ersteres, fleht sie das Universum an. Allerdings hat das Universum in letzter Zeit nicht besonders oft auf sie gehört.

Der längste Tischtennis-Ballwechsel der Welt endet abrupt, als der Ball auf die Schramme in der Mitte der Platte trifft und dann wild von der Stirn des einen Spielers abprallt.

»Scheiße!«, brüllt er.

»Wechsel!«, brüllt der andere Mann lachend. Beide bewegen sich so elegant gegen den Uhrzeigersinn um die Platte herum, als würden sie das fünfzigmal am Tag machen.

Da bemerkt endlich einer der beiden Rebecca und winkt ihr mit seinem Schläger zu. »He, Nate, du hast Besuch«, ruft er einem der in die Tasten hämmernden Typen zu.

Nate hat Rebecca den Rücken zugewandt. Sie beobachtet ihn, aber er zeigt keine Reaktion, sondern tippt einfach weiter.

Der Tischtennisspieler legt seinen Schläger auf den Tisch und klemmt den Ball darunter ein. Er geht zu Nate hinüber, der noch immer hoch konzentriert den Kopf gesenkt hat. »Alter, du hast Besuch!«

Nate nimmt eine Hand von der Tastatur und bedeutet ihm mit dem Zeigefinger: nur noch eine Minute. Seltsamerweise tippt er mit der anderen Hand immer noch fieberhaft weiter.

Rebecca wartet lange genug, um nun doch ein bisschen in Panik zu geraten. Was, wenn Nate ihren dürftigen Lebenslauf blöd findet? Was, wenn Harry sich geirrt hat und diese Typen hier gar keine Büroassistentin suchen? Was, wenn Nate sie überhaupt nicht erwartet?

Was, wenn er niemals aufhören wird zu tippen? Soll sie irgendwann einfach wieder gehen?

Atme, befiehlt Rebecca sich. Das sind doch ganz normale Leute. Sie haben keine Macht über sie. Wenn aus diesem Job nichts wird, dann findet sie eben einen anderen. Sie ist ein Mädchen, das immer einen Weg findet.

Gerade als sie innerlich das ganze Vorstellungsgespräch abgehakt hat, lehnt Nate sich auf seinem Stuhl zurück und verschränkt die Arme hinter dem Kopf. Wahrscheinlich sollte es Rebecca gar nicht auffallen, dass er für einen Programmierer ansehnliche Arme hat. Er ist ein schmaler Typ, aber unter seinem T-Shirt lugen schön definierte Bizepse hervor. Und seine Finger sind lang wie die eines Pianisten.

»Ach du Scheiße«, sagt der Tischtennisspieler. Aber seine Faszination gilt nicht Nates Oberarmen. Der Typ wirft einen genaueren Blick auf Nates Bildschirm. »Hast du da etwa gerade eben den Algorithmus …? Verdammte Axt, das ist genial.«

Nate stupst seinem Kollegen gegen die Brust. »Ich habe dir gerade drei Tage Arbeit erspart. Wie wäre es, wenn du heute das Mittagessen besorgst? Du bist eh dran.«

»Okay. Aber ich habe Lust auf Chinesisch. Und jetzt begrüß deinen Besuch, du unhöflicher Arsch.«

Nate dreht sich zu unserem Mädchen um. Endlich. Als Erstes bemerkt sie ein Paar intelligente Augen. Sie wandern an ihr herab, aber nicht auf eine erotische Weise. Er beglotzt sie nicht, er mustert sie. Außerdem ist er jünger, als Rebecca erwartet hätte. Mitte zwanzig. Und irgendwie süß. Sein Gesicht ist kantig, aber es passt zu ihm. Die markanten Wangenknochen werden von einem weichen Mund und lockigen braunen Haaren abgemildert. Er hat große Augen in einem interessanten Hellbraun. Sie blinzeln Rebecca einmal zu. Dann steht er mit überraschender Anmut von seinem Platz auf.

»Moment, du bist …« Er hält inne und blättert durch ein paar Papiere auf seinem Schreibtisch, einige Seiten segeln zu Boden.

»Rebecca Rowley«, sagt der Tischtennisspieler. Er bückt sich und hebt ein Blatt vom Boden auf. »Hier ist ihr Lebenslauf.«

Dem Himmel sei Dank. »Schön, Sie kennenzulernen«, platzt Rebecca heraus, kommt ihm auf halbem Weg entgegen und streckt die Hand aus. »Ich habe gehört, dass Sie auf der Suche nach einer Büroleiterin sind.«

Nate schüttelt ihr die Hand und sieht sich im Raum um, als sähe er ihn zum ersten Mal. Dann verzieht er das Gesicht. »Wir sind nicht besonders gut in diesem ganzen Organisationskram. Wird wohl langsam Zeit.«

»Es ist längst höchste Zeit«, sagt sein Mitarbeiter. Auch er gibt Rebecca die Hand. »Ich bin Stew. Du bist die, die Harry empfohlen hat, stimmt’s?«

»Genau.«

»Gut, gut.« Er stupst Nate an. »Lass sie sich vorstellen. Zehn Minuten. Wir brauchen jemanden.«

Nate Augen schnellen zu seinem Bildschirm hinüber, und Rebecca spürt förmlich, wie er mit sich kämpft. In ein paar Wochen wird sie verstehen, dass Nate wirklich speziell ist. Ein echtes Genie. Und in nicht einmal einem Jahr wird er mit jedem Mobiltelefonhersteller der Welt Geschäfte machen. Jetzt hier vor dem jungen Kattenberger zu stehen, heißt, zu erleben, wie Geschichte geschrieben wird.

Heute kann sie das jedoch noch nicht wissen. Sie ist bloß ein Mädchen, das dringend einen Job braucht. Es ist ihr egal, dass er sein Studium am Harkness College mit magna cum laude abgeschlossen hat oder dass er in nicht einmal einem Monat seinen ersten Millionendeal abschließen wird.

»Setzen wir uns irgendwo hin«, sagt er zerstreut. Er steuert einen freien Schreibtisch an, auf dem nur ein paar leere Pizzakartons liegen. Er schiebt sie in einen überquellenden Mülleimer.

Den müsste mal jemand ausleeren, sagt Rebecca zu sich selbst. Haben die hier keinen Reinigungsdienst, der nachts kommt?

»Setz dich«, sagt er und deutet auf den Bürostuhl, den er vor den nun leeren Schreibtisch gezogen hat. Er setzt sich ihr gegenüber auf die Tischkante. »Wir sind hier zu siebt. Stewie kümmert sich um den finanziellen Kram. Aber das Büro selbst ist sozusagen eine gesetzesfreie Zone. Anrufe werden nicht immer entgegengenommen. Leute kommen und gehen. Die Unterlagen sind eine Katastrophe.«

Rebecca nickt und fragt sich, ob sie wissen müsste, was genau diese kleine Firma eigentlich macht.

»Wir sind alle mindestens vierzig Stunden die Woche im Büro, aber nicht unbedingt gleichzeitig. Wir sind hier flexibel«, fährt Nate fort und sieht sie mit seinen großen braunen Augen unverwandt an. »Also, wie sind deine Kapazitäten? Du, äh, hast mir wahrscheinlich ein Anschreiben zu deinem Lebenslauf geschickt, aber …« Er zuckt mit den Achseln und hat immerhin den Anstand, verlegen dreinzuschauen.

»Vollzeit«, sagt sie schnell. »Aber ich nehme so viele Stunden, wie Sie mir geben können. Und ich kann sofort anfangen.« Sie weiß, sie klingt verzweifelt.

»Super«, sagt er und lächelt sie an. Seine Grübchen überraschen sie. Dann wirft er noch einen Blick auf den Lebenslauf. »Wenn ich fragen darf …« Er räuspert sich. »Wieso die plötzliche Verfügbarkeit? So wie es aussieht, hast du letzten Monat noch studiert.«

»Das stimmt«, sagt sie leise. »Mein Vater ist vor zwei Monaten gestorben. Für mich ist es sinnvoller, jetzt zu arbeiten.«

»Oh.« Wieder räuspert er sich. »Das tut mir leid.«

Es ist ein denkbar schlechter Zeitpunkt, aber Rebeccas Augen fangen an zu brennen. Du weinst nicht im Vorstellungsgespräch! Sie möchte sich ohrfeigen. »Danke. Aber mir geht es gut, und ich kann arbeiten. Ihr chaotisches Büro schreckt mich nicht, Mister.« Sie zwingt sich zu einem Lächeln und hofft, dass Direktheit der richtige Ansatz bei Nate ist. Ihr Bauchgefühl sagt Ja.

Und Nate Kattenberger belohnt sie mit einem weiteren flüchtigen Lächeln. Diese Grübchen! »Wir können definitiv Hilfe gebrauchen. Es ist kein sonderlich strukturiertes Umfeld. Vielleicht kannst du daran arbeiten.«

In dem Moment fällt ihr die Zeichnung auf seinem T-Shirt auf. Neun Figuren bilden eine Cheerleader-Pyramide, aber es sind keine Menschen, sondern Katzen. Darunter steht: Stack Cats. Stapelkatzen.

»Oh.« Sie schnappt nach Luft. Sie schaut noch einmal auf die komischen Sprechblasen an der Wand. Nate bit a Tibetan. Alle Sätze hier kann man sowohl vorwärts als auch rückwärts lesen. »Das sind alles Palindrome. Auf Ihrem Shirt auch.«

Seine Augen weiten sich. »Gut erkannt. Ich stehe auf Palindrome. Die Wandmalerei hat meine Verlobte gemacht. Programmierst du auch?«, fragt er hoffnungsvoll.

»Nein! Tut mir leid.« Schön wär’s. »Aber Palindrome gibt es schon seit Jahrhunderten. Schon bei den alten Griechen. Und Literatur ist mein Ding.« War es zumindest.

»Literatur, ja?« Nate zieht eine Augenbraue hoch.

»Genau. Mein Hauptfach war Vergleichende Literaturwissenschaft.« Auch wenn sie es nur durch zweieinhalb Jahre Studium geschafft hat und jedes Semester weniger zufriedenstellend verlief als das vorherige. Rebecca liebt die Gefühle, die ihre Lieblingsbücher von Jane Austen und den Brontës in ihr auslösen. Leider geht es in Vergleichender Literaturwissenschaft eher um knallharte Analysen und weniger um Gefühle.

Bevor ihr Vater gestorben ist, hatte sie Sorge, dass sie für ihr gewähltes Hauptfach vielleicht nicht ehrgeizig genug sei. Sie hatte nicht vor, das Studium abzubrechen, aber im tiefsten Herzen ist sie erleichtert, dass sie jetzt nicht das hundertste Sonett sezieren muss.

»Was sollte ich sonst noch über dich wissen?«, fragt Nate.

»Ich kann hart arbeiten«, sagt sie schnell. »Auf der Highschool hatte ich einen Notendurchschnitt von eins Komma drei.«

»Welches Fach hat dich nach unten gezogen?«

War klar, dass er da nachhaken würde. »Bio. Aber zu meiner Verteidigung: In der Kursbeschreibung stand nicht, dass wir ein Schweineauge sezieren mussten.«

Er grinst, und es ist dieses Grinsen, das sie irgendwann so gut kennen wird.

»Ich, ähm, ich bin sehr zuverlässig. Ich habe jede Menge Referenzen …« Sie blättert in der Mappe, die sie dabeihat, und zieht die Liste von Professoren und Arbeitgebern von Ferienjobs heraus, die sie in der öffentlichen Bibliothek in Mid-Manhattan auf dem Weg hierher ausgedruckt hat.

Nate nimmt das Blatt, ohne einen Blick darauf zu werfen. »Hast du noch irgendwelche Fragen an mich?«

Womit anfangen? »Was soll Ihre Büromanagerin in erster Linie machen?«

Er verschränkt seine ansehnlichen Arme. »Ich hatte noch nie eine Büromanagerin. Also müssen wir es wohl gemeinsam herausfinden. Aber wir bereiten uns gerade auf eine große IT-Messe im März vor. Wir müssen Poster designen und so was. Wir brauchen einen Zeitplan und eine neue Firmenwebsite. Wir müssen eine Werbeagentur engagieren. Das klingt alles ziemlich zeitaufwendig …«

Er blickt in die Ferne, und Rebecca überkommt Panik. Sie verliert ihn. »Das klingt alles machbar«, plappert sie. »Ich kann dabei helfen, all diese Projekte zu koordinieren. Alles im Blick zu behalten.«

Nate richtet seine Aufmerksamkeit wieder auf sie. »Sorry. Manchmal höre ich nicht zu, wenn jemand redet.«

Das stimmt, aber mit der Zeit wird Rebecca feststellen, dass das längst nicht so irritierend ist, wie es klingt. Denn wenn Nate einem seine volle Aufmerksamkeit widmet, gibt es nichts Besseres.

»Aber ich nehme mir immer Zeit für meine Mutter und für meine Verlobte«, sagt er gerade. »Sie heißt Juliet. Also, meine Verlobte. Meine Mutter heißt Linda. Ihre Anrufe haben immer Vorrang, alle anderen können warten.«

Als er wieder lächelt, verspürt Rebecca ein Flattern in der Brust. Na, na, warnt sie sich selbst. Dieser nette Mann hat eine Verlobte, und du brauchst den Job.

Stew kommt hinzu und legt Nate eine Hand auf die Schulter. »Wie läuft’s hier? Macht ihr schon Pläne?«

»Sieht so aus«, sagt Nate. »Ich erzähle …« Er stockt. Er hat ihren Namen vergessen.

»Rebecca«, sagen sie und Stew gleichzeitig.

»… gerade alles, was erledigt werden muss«, fährt Nate fort, ohne sich zu entschuldigen. »Zum Beispiel, dass wir immer abwechselnd das Mittagessen besorgen, weil wir nur so daran denken, überhaupt was zu essen. Irgendjemand müsste mal den Plan standardisieren. Seltsamerweise bin immer ich dran. Aber wenn wir …«, er erhebt die Stimme, »die verdammte Betaversion von Version drei bis Ende nächsten Monats fertig bekommen, besorge ich zwei Wochen lang jeden Tag das Mittagessen.«

An der Tischtennisplatte bricht Jubel aus, aber die Spieler unterbrechen ihr Match nicht.

Nate klatscht in die Hände. »Okay, Rebecca. Du kannst anfangen, wann es dir passt. Wahrscheinlich musst du noch irgendwelche Formulare ausfüllen. Stewie wird wissen, welche das sind.«

»Formulare?« Ihr Kopf macht einen Satz, während sie versucht mitzukommen. »Die Arbeitserlaubnis und das Steuerformular?« Hat er sie wirklich gerade eingestellt?

»Genau.« Er steht auf. »Gut. Stew, kümmerst du dich darum?« Er ist dabei, abzudriften, das spürt sie. Aber das macht nichts. Seine Abneigung, ein formelles Bewerbungsgespräch durchzuführen, kommt ihr bloß zugute.

»Alter«, sagt Stew und nimmt ihn beiseite, »warte mal kurz, du hast da ein paar Details übersprungen.«

Mist. Unser Mädchen hält den Atem an.

»Das Gehalt«, murmelt Stew, und Nate antwortet irgendetwas. Stew nickt. »Was ist mit Aktienoptionen?«

Nate zieht die Nase kraus. »Nee. Nicht für Büropersonal.«

Was auch immer, denkt Rebecca. Sie weiß nicht genau, was Aktienoptionen sind, aber sie braucht jetzt sowieso einen richtigen Gehaltsscheck.

Nach einer Minute drehen sich die beiden Männer wieder um. Nate schenkt ihr erneut ein flüchtiges Lächeln. »Okay, ich muss mich wieder an die Arbeit machen. Aber deine erste Aufgabe wird es sein, einen Computer für dich zu bestellen. Matty gibt dir unsere Zugangsdaten.« Er winkt einem der beiden Tischtennisspieler. »Und füll diese Formulare aus. Willkommen an Bord, Rebecca Rowley.«

3

Nate

Brooklyn, 22. April

Als ich mich der Umkleide nähere, höre ich das Stimmengewirr im Inneren. Aus einem der Handys dröhnt ein Hip-Hop-Song, deshalb müssen meine Eishockeyspieler ihre Witze und Neckereien rufen, um gehört zu werden.

»Weiter gehe ich nicht«, grummelt meine Assistentin Lauren Williams neben mir. Sie bleibt zehn Schritte von der Tür entfernt im Korridor stehen, verschränkt die Arme vor ihrem Designerkostüm und wirft mir einen wütenden Blick zu. Nur für den Fall, dass ich noch nicht bemerkt hätte, dass sie das Trainingsgebäude der Brooklyn Bruisers von allen Orten auf der Welt am meisten hasst.

»Schon gut«, sage ich leichthin. »Es dauert nur ein paar Minuten.«

Sie scheucht mich mit der Hand weiter. Na, dann mach hinne.

Ich zwinkere ihr zu, aber ihr Blick wird noch böser. Dann drücke ich die Tür zur Umkleide auf und lasse sie draußen schmollen.

Innerhalb von Sekunden verstummen die Gespräche, und auch die Musik hört auf. Vierundzwanzig der besten Eishockeyspieler der Welt verfallen einer nach dem anderen in respektvolles Schweigen und widmen mir ihre volle Aufmerksamkeit.

Ist das nicht der Wahnsinn? Dem Mathe-Nerd aus dem Mittleren Westen gehört ein Eishockeyteam, das sich in der ersten Runde der Play-offs ein Unentschieden erspielt hat.

Ich koste den Moment der Stille noch etwas aus und schreite über den Teppich des ovalen Raums. Ich gehe bis zum Logo der Brooklyn Bruisers in der Mitte, trete aber nicht drauf, denn meine Spieler sind abergläubisch. Ich schaue hinunter auf die violetten Bs und grinse. Die Sportreporter hatten gemeint, es wäre unmöglich. Es würde mir nicht gelingen, die Mannschaft umzukrempeln. Wir hatten Probleme, einen passenden Coach zu finden, Schwierigkeiten mit der Gehaltsdeckelung, und die Ticketverkäufe gingen den Bach runter.

Doch das ist vorbei.

Ich hebe den Blick und schaue jedem Spieler der Reihe nach in die Augen. Ihre Haare sind noch feucht von der Dusche, die sie brauchten, nachdem ihnen mein Coach beim Morgentraining ordentlich eingeheizt hat. Aber sie wirken topfit. Sie wirken bereit. Beacon, mein Torhüter, lehnt an der Wand und sieht gesund und selbstbewusst aus. O’Doul, mein Kapitän, sieht stark und kraftstrotzend aus.

»Männer«, sage ich und lächele, weil ich nicht anders kann, »ihr seid die Geilsten, und ich bin so stolz auf euch.«

Bei diesem Kompliment lächeln einige der Spieler.

»Ich werde nicht hier herumstehen und euch sagen, wie wichtig die nächsten drei Spiele sind, denn das wisst ihr. Ich bin ein selbstbewusster Typ, aber ich bin nicht so arrogant, euch zu sagen, wie ihr spielen sollt. Das ist die Aufgabe eures Coachs.«

Es wird noch mehr gelächelt.

»Aber eins sage ich euch – morgen begebt ihr euch wieder in feindliches Gebiet. Ihr trefft auf das Team mit der besten Torbilanz der Liga. Sie sind sich ziemlich sicher, dass sie euch in den nächsten beiden Spielen aus den Play-offs werfen können. Und mit zwanzigtausend ihrer Fans, die euch im Stadion niederbrüllen, könnte man ihnen leicht Glauben schenken. Aber das werdet ihr nicht.«

In der anhaltenden Stille hole ich Luft. Wir stehen in der Spitzen-Trainingsanlage, die ich für das Team am Rande der Brooklyn Navy Yard habe bauen lassen. Meine Spieler genießen den Luxus einer hochmodernen Eissportanlage und die beste medizinische Versorgung, die man für Geld bekommen kann. Aber die Play-offs haben sie nicht deshalb erreicht. Und ich möchte sichergehen, dass sie das wissen.

»Ihr habt Washington in dieser Saison schon dreimal geschlagen, weil ihr an euch geglaubt habt. Der Unterschied zwischen Gewinnern und Verlierern ist das Selbstvertrauen. Ich kann nicht das, was ihr könnt. Mein Schlagschuss ist nicht ganz so beeindruckend wie eure. Aber man hat mir auch schon oft gesagt, dass ich das, was ich will, nicht schaffen könne.«

Trevi, mein junger Stürmer, nickt. Und sein Freund Castro sieht mich ernst an. Diese Männer wissen, dass uns mehr verbindet als trennt. Außerdem haben wir alle Tausende von Stunden in unsere Fähigkeiten investiert.

»Es gibt Typen, die schlauer sind als ich, und immer noch öde Jobs in Cupertino oder Palo Alto erledigen. Sie haben den Verstand, aber nicht die Eier, um alles für ihre eigenen Ideen zu riskieren. Solche Typen treffe ich ständig. Ich stelle sie ein, damit sie sechzig Stunden die Woche für mich arbeiten. Sie bekommen ein gutes Gehalt und Sicherheit. Aber sie werden nie sagen können: Das habe ich mir selbst aufgebaut.«

Es ist so still, dass ich meine Spieler atmen hören kann.

»Ihr seid anders. Ihr sagt: ›Ich mache das. Mir doch egal, dass Brooklyn Washington angeblich nicht schlagen kann. Mir doch egal, dass ihre erste Reihe schon zusammen skatete, als ich noch Windeln anhatte. Das alles ist scheißegal, weil ich jetzt die Regeln ändern werde.‹«

Ich schaue wieder auf das Emblem auf dem Teppich. Morgen Abend wird es auf allen Kanälen zu sehen sein. Und man hat mir gesagt, es wäre unmöglich. Als ich den Kopf hebe, sind immer noch alle Augenpaare auf mich gerichtet.

»Denkt euch – warum nicht ich? Warum nicht jetzt? Wenn nicht jetzt, wann dann? Geht hin und macht sie platt. Nicht, weil euch ein paar Sportreporter die Erlaubnis erteilt haben. Sondern weil ihr wisst, dass ihr es könnt.«

»Scheiße, ja!«, ruft Beacon, und dann bricht ein Heidenlärm los. Stampfen und Pfiffe. Ein Raum voller Millionäre applaudiert einem Milliardär.

Was für einen komischen kleinen Club ich hier habe. Und er ist ziemlich fantastisch.

Nachdem ich meine Rede losgeworden bin, drehe ich mich um und verlasse den Raum. Lauren steht im Korridor und wirkt gestresst. »Sehr inspirierend, Boss.«

»Danke.«

Sie wendet sich zum Ausgang und fängt sofort an zu reden. »Der Wagen wartet, um dich nach Manhattan zu bringen. Termin mit den Entwicklern um zwölf. Mittagessen um eins. Die Buchhaltung um zwei. Und du musst Alex zurückrufen.«

Aber ich blende sie aus, denn als Nächstes steht etwas auf dem Plan, von dem Lauren nichts weiß. Ich lasse den Blick durch den Korridor vor uns schweifen, aber er ist leer.

Wo ist sie? Rebecca kommt sonst nie zu spät.

Lauren ist schon zu weit vorgelaufen. Ungeduldig marschiert sie auf ihren Designer-Hacken zurück. Klack, klack, klack. Sie bugsiert mich in den Gang, der zum Bürogebäude der Bruisers führt. Sie will unbedingt hier verschwinden, bevor die Spieler aus der Umkleide kommen. Bevor ihr Ex-Freund auftaucht.

Sie und ich, wir verfolgen beide gerade unsere eigenen Ziele. Aber weil ich der Boss bin, kann sie nichts dagegen unternehmen. Allerdings bin ich kein herzloser Mistkerl. Deshalb führe ich sie zu einer Nische neben der Trainingsfläche. Sie runzelt die Stirn, weil es die falsche Richtung ist, macht aber keine Einwände.

»Also, wen sollte ich noch mal anrufen?«, frage ich und beobachte den Gang gegenüber. Um vom Bürogebäude zu Dr. Herberts’ Sprechzimmer zu gelangen, muss Rebecca hier vorbeikommen. Ich habe für sie einen Termin beim Mannschaftsarzt vereinbart, weil sie immer noch nicht wieder arbeitet. Sie ist schon drei Wochen krankgeschrieben.

Und das ist einfach nicht richtig. Das sieht Becca gar nicht ähnlich.

»Nate!« Lauren schnippt mit den Fingern vor meinem Gesicht.

»Entschuldige. Was?«

»Du kannst mir keine Frage stellen und dann gedanklich abdriften! Du sollst Alex anrufen. Sie will ein paar letzte Details für die Wohltätigkeitsparty besprechen.«

Immer wenn ich die Wörter Details und Party in einem Satz höre, ist es, als würden sich Klappen über meine Ohren legen. »Haben wir niemanden, der sich um so etwas kümmert?«

Lauren verdreht die Augen Richtung Decke, als bete sie um Geduld. »Ja. Aber Alex will mit dir über deine Termine sprechen. Sie hat irgendwas von einem Drink unter vier Augen vor der Veranstaltung gesagt.«

»Hmmm. Hat sie dir auch verraten, warum?«

»Himmel, Nate!« Lauren steht kurz davor zu explodieren. »Vielleicht weil ihr seit euren feuchtfröhlichen Collegezeiten befreundet seid? Ich habe nicht nachgefragt. Sie hat nichts weiter gesagt. Willst du Alex aus irgendeinem Grund nicht treffen? Wenn ja, wäre es ziemlich seltsam, mit ihr zusammen eine Party zu schmeißen.«

Meine Augen schnellen wieder zum Gang. Immer noch keine Rebecca.

»Gut, aber …« Ich zwinge mich, mich wieder auf Lauren zu konzentrieren, weil ihr Unsinndetektor sehr fein eingestellt ist und ich mich nicht erklären will. »Das Timing ist komisch, weil meine Investmentbanker mit einem von Alex’ Mitbewerbern über meine Router-Sparte reden.«

Lauren ist eine sehr intelligente Frau, und ich kann beinahe zusehen, wie die Synapsen hinter ihren klugen blauen Augen feuern. »Ah, du brauchst Alex bei diesem Geschäft als zweite Bieterin, nicht als erste.«

»Ganz genau.«

»Soll ich ihr erzählen, du hättest keine Zeit für Drinks?« Sie kaut auf ihrer Lippe. »Das wäre aber ein bisschen fies. Und wenn dein Flug Verspätung hätte, könntest du deine eigene Party verpassen.«

»Nee, schon gut. Sag ihr zu. Eine Stunde mit ihr allein werde ich schon überleben. Wenn sie über das Geschäft reden will, sage ich ihr einfach, dass ich noch nicht darüber nachdenken will.«

»In Ordnung. Oder – anderer Vorschlag – du könntest ein Date mitbringen.« Lauren zuckt mit den Schultern. »Vor einer Fremden wird Alex sicher nicht über Fusionen und Übernahmen sprechen wollen.«

»Interessante Idee, Frau Schlau. Interessant.«

Sie lächelt. Lauren und ich kommen gut miteinander aus, das war schon immer so. Es war eine gute Entscheidung, sie als Büromanagerin in Manhattan einzustellen.

In der nächsten Sekunde sind alle Gedanken an sie jedoch vergessen. Weil ich Becca entdecke, die das Trainingscenter betritt. Endlich. Und während ich beobachte, wie sie näher kommt, blende ich alles andere aus.

Auf den ersten Blick sieht Rebecca gut aus. Besser als gut. Sie trägt einen kurzen Rock, der einen Blick auf ihre Beine erlaubt, die mir nicht auffallen sollten, und eine extravagante Jacke in Knallorange.

Aber irgendetwas stimmt nicht. Sie geht ein wenig nach vorn gebeugt. Sie sieht niedergeschlagen aus. So geht Becca nicht. Sonst geht sie immer kerzengerade, die Schultern zurück. Sie ist nur einen Meter zweiundsechzig groß, aber sie wirkt immer so, als wäre sie bereit, es mit der ganzen Welt aufzunehmen.

»Nate. Lieber Himmel. Ich habe dich etwas gefragt.«

Schließlich drehe ich den Kopf, um Lauren anzusehen. »Tut mir leid. Ich hab nicht mitbekommen, was du gerade gesagt hast.«

»Danke, dass du es zugibst«, sagt sie unterkühlt. »Das ist eine Premiere.«

Das stimmt nicht ganz. Ich weiß, dass ich eine Nervensäge bin. Darüber sind wir uns schon oft einig gewesen. »Ich bin heute ein wenig abgelenkt. Kann nicht aufhören, über das Spiel morgen Abend nachzudenken.« Das stimmt teilweise. Aber es ist nicht der wahre Grund, weshalb ich heute so abgelenkt bin. Doch das kann ich Lauren nicht sagen.

Rebecca verschwindet aus meinem Blickfeld, als sie weiter in Richtung von Dr. Herberts’ Behandlungszimmer geht. Aber irgendwie starre ich weiter auf die leere Stelle, wo sie vor einer Sekunde noch war. In sieben Jahren hat Rebecca nie länger als zwei Tage gefehlt, weil sie krank war. Die Tatsache, dass sie immer noch nicht wieder arbeitet, beschäftigt mich. Sehr sogar. Und ich kann es noch nicht einmal erklären.

Ein zusammengeknülltes Blatt aus Laurens Notizblock prallt von meinem Kopf ab. Offensichtlich bin ich schon wieder abgedriftet.

»Wenn du so bist, gehe ich normalerweise und versuche es später noch einmal«, sagt Lauren. »Aber du musst um zwölf für den Termin mit den Entwicklern in Manhattan sein. Und es ist schon Viertel nach elf. Wenn wir hier nicht bald fertig werden, kommst du zu spät.«

Ah. »Nein, komme ich nicht. Ich habe den Termin auf zwei Uhr verschoben.«

Laurens Gesichtsausdruck wechselt schnell von ungläubig zu wütend. »Wenn das stimmt, warum steht dann im Kalender immer noch zwölf Uhr?«

Gute Frage. »Vielleicht habe ich vergessen, dich ins Cc zu setzen?« Oh, oh …

Lauren beugt sich vor, bis sie mit der Stirn an die Wand stößt. Dann schlägt sie den Kopf ein paarmal gegen die Holzvertäfelung.

»Hey! Hör auf. Wir haben hier schon genug Kopfverletzungen.«

Sie hebt den Kopf, und ihr Gesicht ist voller Missfallen. »Aber ich habe gerade erst eine Telefonkonferenz für zwei Uhr für dich vereinbart! Und als ich dir das vor nicht mal drei Minuten gesagt habe, da hast du über den Gang gestarrt und gegrunzt, als wäre das in Ordnung! Aber das stimmt nicht. Jetzt muss ich der Buchhaltung wieder sagen, dass wir die Telefonkonferenz verlegen müssen – zum dritten Mal in drei Tagen.«

»Tut mir leid, tut mir leid.« Ich hebe entschuldigend beide Hände. »Ich würde anbieten, rituellen Selbstmord zu begehen, um dich von meiner ehrlichen Entschuldigung zu überzeugen, aber ich nehme an, dann müsstest du noch mehr Termine verlegen.«

Man könnte Laurens wütenden Blick patentieren lassen und als Waffe verkaufen. Deshalb hat auch der Großteil der Vorstandsetage in Manhattan Angst vor ihr. »Kannst du mir bitte sagen, warum du den Termin mit den Entwicklern auf zwei Uhr geschoben hast?«

Weil ich mir nichts zurechtgelegt habe, klingt meine Ausrede ziemlich dünn. »Spiel fünf könnte ein Wendepunkt für uns sein. Ich wollte mir das heutige Morgentraining ansehen.« Das seit einer halben Stunde beendet ist.

Sie zwingt mich, den Blick abzuwenden. Möglicherweise weiß sie genau, warum ich die Zeit in Brooklyn künstlich in die Länge ziehe, und spielt mit mir wie eine Katze mit einer Maus, bevor sie sie mit einem Pfotenhieb tötet. Entweder das oder sie probiert eine neue Einschüchterungstaktik aus, die an ihrer Uni gelehrt wird. Plötzlich blinzelt sie, und ihre Miene wird sanft. »Nate, ist bei dir alles in Ordnung?«

Diese Verhaltensänderung überrumpelt mich. Es könnte eine Falle sein. »Natürlich. Warum?«

Lauren seufzt und lässt das Thema fallen. Ich bringe ständig Frauen zum Seufzen und nicht immer vor Vergnügen.

»Genug von mir«, sage ich und wechsle das Thema. »Wie kommst du mit dieser Situation zurecht?«

»Mit ›Situation‹«, sie malt Anführungszeichen in die Luft, »meinst du, dass du mich zwingst, mit Eishockeyspielern zu Auswärtsspielen zu reisen? Die ich hasse?«

»Oder behauptest zu hassen.« Ich rechne damit, dass ein Schwarm Büroartikel auf mich zufliegt, aber stattdessen sieht sie mich nur grimmig an.