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Zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten - und doch perfekt füreinander sind ...
Molly Maverick ist verflucht. Zumindest wenn es darum geht, Mr Right zu finden. Die junge Grafikerin hat es daher aufgegeben, nach der einen großen Liebe zu suchen. Bis sie Ezra Baptiste trifft. Der Restaurantbesitzer ist attraktiv, erfolgreich und strotzt nur so vor Selbstbewusstsein. Das Letzte, woran Molly denkt, ist, dass er ein Auge auf sie geworfen haben könnte. Sie sind einfach zu verschieden. Und doch kribbelt es, wenn Ezra sie nur ansieht ...
"Dies ist einer jener Romane, an den man noch lange denkt, auch wenn man schon längst die letzte Seite gelesen hat!" NATASHA IS A BOOK JUNKIE
Band 2 der Serie rund um Gegensätze, Liebe und Food - warmherzig, romantisch und sexy
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Seitenzahl: 480
Veröffentlichungsjahr: 2019
Titel
Zu diesem Buch
Widmung
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
Danksagung
Leseprobe
Die Autorin
Die Romane von Rachel Higginson bei LYX
Impressum
RACHEL HIGGINSON
The Difference Between Us
Roman
Ins Deutsche übertragen von Corinna Wieja
Molly Maverick hat es aufgegeben, nach Mr Right zu suchen. Sie hat einfach kein Glück in der Liebe. Bis sie auf Ezra Baptiste trifft. Der Restaurantbesitzer ist so ganz anders als sie: Er hat Geld, ist erfolgreich und strotzt nur so vor Selbstbewusstsein – und Molly kann ihn nicht ausstehen! Gleich ihr erstes Treffen endet in einem hitzigen Streit. Doch da ihre beiden besten Freunde heiraten und sie einiges organisieren müssen, laufen sich der verschlossene Geschäftsmann und die temperamentvolle Grafikerin immer wieder über den Weg – und ignorieren sich jedes Mal so gut sie können. Aber als Ezra jemanden sucht, der den Internetauftritt seiner Sterne-Restaurants modernisiert, ist Molly trotz all ihrer Differenzen die erste Wahl für ihn. Gemeinsam arbeiten sie an dem Projekt und kommen sich näher. Molly beginnt hinter seine toughe Fassade zu schauen und lernt einen anderen Ezra kennen. Einen Ezra, der ihr all seine Facetten zeigt und sie seine verletzliche Seite sehen lässt. Sie werden Freunde, aber das Letzte, woran Molly denkt, ist, dass Ezra ein Auge auf sie geworfen haben könnte. Dafür sind sie einfach zu verschieden! Und doch freut sie sich plötzlich auf jedes Treffen und jedes Gespräch mit Ezra, und wenn er sie nur ansieht, schlägt Mollys Herz schneller …
Ich kam fünfzehn Minuten zu spät zur Besprechung.
Und schon gab es Mord und Totschlag …
Nein, Scherz!
Ganz so schlimm war es nicht. Zumindest beging niemand einen Mord. Es fand lediglich, wie jeden Montag Punkt vier Uhr, unser wöchentliches Planungsmeeting statt, ob es regnete oder die Sonne schien, bei Schneesturm oder Erdbeben, selbst eine Zombieapokalypse hätte das nicht verhindert. Mein Dinosaurier von Chef hatte Gewohnheiten, denen er nie untreu wurde.
Also fand sich jeden Montag zur selben Zeit das gesamte Personal der Marketingagentur SixTwentySix in dem schicken Konferenzzimmer im achten Stock ein und zog gegeneinander in den Kampf. So kam es mir zumindest vor. Mein Chef, Mr Tucker – von mir auch gern ›der Alte‹ genannt – thronte am Tischende. Er schlug mit seiner Faust wie mit einem Richterhammer auf den Tisch, wenn meine Kollegen und ich uns über begehrte Kunden und Teamleiterpositionen stritten und geschickt versuchten, weniger attraktive Projekte abzuschieben.
Weil ich ein kleiner Fisch in einem Meer voller Haie war, konnte man sich ausrechnen, bei wem die weniger prestigeträchtigen Projekte landeten.
Eine Familienversicherung braucht ein neues Logo? Etwas Modernes, das ins Auge sticht, aber weiter dem ähneln soll, das sie seit achtzehn Jahren verwendet? Wer bekommt den Auftrag? Ich natürlich.
Eine Zahnarztpraxis, die mit schicken Social-Media-Grafiken neue Patienten ködern will? Ja, auch dafür bin ich die richtige Frau.
Eine winzige Baptistenkirche, der jemand PowerPoint erklären soll? Hallo Welt, ich kenne mich mit PowerPoint höllisch gut aus.
»Treiben Sie diesem Programm den Teufel aus, damit wir es sonntagmorgens zum Gottesdienst verwenden können.« Mit ungefähr diesen Worten hatte mich der Pastor um Hilfe gebeten.
Ich war Mädchen für alles, der Magnet für die ödesten Routineaufträge. Im Moment gab ich mich damit zufrieden, denn immerhin konnte ich meine Rechnungen bezahlen und hegte die berechtigte Hoffnung, irgendwann befördert zu werden. Ich verdiente mir meine Sporen mit Logos und PR-Bildern, aber in naher Zukunft würde ich sechsstellige Social-Media-Kampagnen und stadtweite Werbeaktionen betreuen.
Das war mein Fünfjahresplan. Samt dem Vorsatz, hin und wieder pünktlich zu Besprechungen zu erscheinen.
Mein Chef thronte auf seinem Stuhl und verfolgte zornig jeden meiner Schritte, als ich mich auf Zehenspitzen zu meinem Platz schlich. Zumindest versuchte ich zu schleichen, was auf acht Zentimeter hohen Stöckelschuhen nicht einfach ist. Das Klackern der Absätze auf dem Parkett zog alle Blicke auf mich.
Ich winkte matt, den Planer in der Hand, und ignorierte das Feixen meiner blasierten Kollegen. Sie hielten sich für die Allergrößten, weil sie einen sicheren Job und ein Sparkonto ihr Eigen nannten. Ich war schon froh, dass ich überhaupt einen Platz am Tisch hatte.
Mit siebenundzwanzig Jahren war ich die jüngste Grafikdesignerin in dieser halsabschneiderischen Werbeagentur und wurde nicht gerade mit Zulagen überschüttet. Meine Kollegen blickten auf mich herab, meine Kunden unterschätzten mich, und mein Chef konnte sich nur mit Mühe daran erinnern, dass er mich nicht als Sekretärin eingestellt hatte.
Jeden Tag wartete ich insgeheim darauf, dass mich Mr Tucker in sein Büro zitieren, eine buschige Augenbraue heben und sagen würde: »Wir schätzen, was Sie für uns geleistet haben, Holly, aber unsere Wege werden sich ab sofort trennen, denn wir ziehen eine andere, pünktlichere Richtung vor.«
Ich quetschte mich zwischen zwei ledernen Drehstühlen zu dem einzigen freien Platz durch, legte rasch meinen Planer auf den Tisch und verbarg mein Handy im Schoß. Ganz vollendeter Profi zog ich mir einen Stift aus dem Dutt, schlug die Füße überkreuz und lehnte mich aufmerksam nach vorn.
»Nett, dass Sie sich auch noch zu uns gesellen, Mitchell«, knurrte mein Chef.
Mein Nachname lautet übrigens Maverick und mein Vorname Molly. Aus mir unerfindlichen Gründen fand ich nie den Mut, meinen Chef zu korrigieren. Es war absolut lächerlich, aber ich hatte ihn schon fast drei Jahre damit durchkommen lassen, und ihn jetzt noch darauf hinzuweisen, wäre nur noch peinlich gewesen.
Jedes Mal, wenn ich mein Gehalt erhielt, atmete ich erleichtert auf, dass wenigstens die Personalabteilung meinen Namen kannte.
Ich warf Mr Tucker ein schmallippiges Lächeln zu und wartete, bis er sich abwandte, ehe ich mir den Pony aus den Augen strich. Ich rutschte etwas tiefer in den Stuhl, drückte auf meinen Kugelschreiber und tat so, als ob ich mir Notizen machte.
Für den Alten sah es so aus, als sei ich eine ausgezeichnete Zuhörerin. In meinem Notizbuch allerdings entstand die Impression eines Nachthimmels voller Feuerwerk wie zur Feier des Vierten Juli; ein Symbol für den gegenwärtigen Zustand meiner aufstrebenden Karriere.
Auch wenn der festliche Himmel suggerieren könnte, es gäbe etwas zu feiern, kam die Vorstellung von Explosionen und Schießpulver meiner derzeitigen Gemütslage deutlich näher.
Mr Tucker ging unsere Bestandskunden durch. Mehrere Grafiker berichteten eine geschlagene Dreiviertelstunde, was sie in letzter Zeit Tolles vollbracht hatten, während ich mich auf die Details meiner Zeichnung konzentrierte, um nicht schnarchend einzuschlafen und mich noch mehr zu blamieren.
Als meine Kollegen mit Arschkriechen endlich fertig waren, zog Mr Tucker einen elfenbeinfarbenen Tonkarton heraus. Ganz egal, wie viele fortschrittliche Errungenschaften SixTwentySix Marketing in den vergangenen Jahren gemacht hatte, Mr Tucker war und blieb alte Schule.
Seine Vorstellung von Marketing kreiste um Zeitschriftenwerbung und anrufbasierte Umfragen. Ich war mir nicht einmal sicher, ob er überhaupt eine E-Mail-Adresse hatte. Irgendwann kurz nach dem Indien-Feldzug von Alexander dem Großen hatte er die Agentur gegründet und als Unternehmensnamen das Datum seines Hochzeitstages gewählt, damit er den nicht mehr vergaß.
Romantisch, nicht wahr?
Ich bin mir sicher, dass sich die erste Mrs Tucker geehrt fühlte. Ob Mrs Tucker Nummer zwei, drei und vier davon begeistert waren, bezweifelte ich jedoch.
»Wir haben einige neue Aufträge.« Der Boss grinste uns an, als hielte er die Gewinnzahlen vom Lotto in der Hand und einer von uns hätte den Jackpot geknackt. »Von wirklich hochkarätigen Kunden.« Augenzwinkert schaute er zu seinem Sohn und Erben des Unternehmens, Henry Tucker Junior, den ich seit der Weihnachtsfeier, auf der er mich betrunken angegraben hatte, nur noch den kleinen Macker nannte.
Henry markierte sogleich den dicken Mann und sonnte sich in der Anerkennung, die er nicht verdiente.
Im Büro verbrachte er mehr Zeit damit, Röcken hinterherzujagen, als zum Erfolg des väterlichen Unternehmens beizutragen, und verstand von modernem Marketing ungefähr so viel wie meine Schuhe. Zum Glück für die beiden Tuckers erhielten wir zusätzlich zu unserem Gehalt Erfolgsboni.
Allein dieser monetäre Anreiz hielt die Agentur am Leben. Nun ja, das Geld und der Kaffee. Und natürlich auch der Lieferservice vom Thai-Restaurant auf der anderen Straßenseite.
Außerdem hatte ich einen Großteil meiner kleinen Erfolge der täglichen Nervennahrungsration Weingummi zu verdanken.
Wie sonst sollte ich mich während der Projektarbeit wach halten? Zur Erinnerung, ich entwickelte Logos für Zahnarztpraxen, und die Anzahl von Zeichen, mit denen man ein Lächeln abbilden konnte, waren wirklich begrenzt.
Mr Tucker ging seine Liste durch und wies den Grafikern die neuen Projekte zu. Augenscheinlich ging er nach reinem Zufallsprinzip vor und hatte weder Information über die Kunden, noch kannte er seine Angestellten. Nach all den stundenlangen Besprechungen war ich inzwischen zu dem Schluss gekommen, dass er demjenigen das Projekt zuwies, der ihm zuerst ins Auge fiel oder an dessen Namen er sich ausnahmsweise erinnern konnte. Vielleicht waren es auch Hemden oder Krawatten in seiner Lieblingsfarbe oder eine Art Morsecode per Augenzwinkern.
Kurz gesagt, ich konnte kein System und keinen Sinn in diesem Aberwitz entdecken. Dieselben Grafiker, die in der vergangenen Woche Werbung gestaltet hatten, sollten in der darauffolgenden Woche für die Markenentwicklung verantwortlich sein. Doch obwohl Mr Tucker die Projektteams nach Lust und Laune zusammenwürfelte, waren wir trotzdem noch die führende Marketingagentur der Stadt.
Das einzig Gute an dem Führungsstil des Alten war, dass uns der Einsatz in den unterschiedlichen Marketingabteilungen zu Vielseitigkeit zwang. Eigentlich hatte ich bei der Agentur angeheuert, um mich auf Social-Media-Marketing zu spezialisieren, aber dank der mir zufällig zugeteilten Projekte verstand ich mich auch auf Logodesign, Markenentwicklung und Websitegestaltung.
»Und das führt uns zu unserem bisher größten Kunden in diesem Jahr.«
Mr Tucker machte eine theatralische Pause, während wir alle gespannt warteten. Es war erst Mitte Februar, daher gab es noch nicht so viele neue Kunden in seiner persönlichen Top-Ten-Vergleichsliste, doch im Büro hatten bereits Gerüchte über den neuen Kunden die Runde gemacht, und das Projekt war heiß begehrt.
»Wir brauchen mindestens drei Designer für das Projekt.« Henry hielt uns den Köder unter die Nase. »Also wird der Bonus geteilt.« Er grinste selbstgefällig. »Mit mir.«
Ich rümpfte die Nase, weil die Worte aus seinem Mund so schleimig klangen. Bei diesem Kunden ging es um mehr als nur Geld und den Erfolgsbonus. Man konnte sich damit einen Namen machen, in der Hierarchie aufsteigen, sich Respekt verschaffen. Mit anderen Worten, eine Agenturlegende werden.
Gut, Geld konnte ich immer gebrauchen, aber ich hatte Größeres im Sinn als nur die Höhe meiner Gehaltsabrechnung. Wenn ich mir diesen Kunden sicherte, würde ich mir zukünftig die Rosinen unter den Aufträgen herauspicken können. Vielleicht konnte ich dann auch Mr Tuckers Aufmerksamkeit lang genug fesseln, dass er sich endlich meinen Namen merkte.
»Ganz genau«, brüstete sich der Alte und schnaufte so schwer, als wäre allein das Sitzen in seinem bequemen Stuhl eine enorme Kraftanstrengung. »Black Soul Productions hat uns gebeten, ihren gesamten Unternehmensauftritt zu überarbeiten. Sie wollen ein neues Logo und eine Werbekampagne. Außerdem einen Social-Media-Plan. Und noch so einiges. Dieser Kunde ist ein ziemlich großer Fisch und eine wichtige Referenz für uns. Black Soul hat selbst eine sehr umfangreiche Kundenliste. Wenn wir hier gute Arbeit leisten, dann werden wir Folgeaufträge generieren und viele Jahre davon profitieren. Es steht außer Frage, dass ich Henry gebeten habe, die Projektleitung zu übernehmen. Ich vertraue seinen Visionen und Führungsqualitäten und bin mir sicher, er wird diese wichtige Aufgabe mit Bravour meistern.« Vater und Sohn tauschten ein Lächeln. »Warum stellst du dir nicht dein Team zusammen, Sohn? Für diesen Kunden will ich nur die Besten.«
Black Soul Productions war ein ortsansässiges Musikunternehmen, das einige vielversprechende Künstler unter Vertrag hatte. Als die Gerüchte laut wurden, dass das Musiklabel seinen Werbeauftritt modernisieren und die Reichweite vergrößern wollte, hatte ich meine Hausaufgaben gemacht und recherchiert. Das Unternehmen hatte ein starkes Künstlerportfolio und das Zeug dazu, eine über die Landesgrenzen hinaus bekannte Marke zu werden. Den Grundstein dafür würde ihre Social-Media-Präsenz legen. Wenn ich es ins Team schaffte und dafür eine optimale Strategie entwickeln konnte, würde ihr Erfolg nicht aufzuhalten sein. Das war auf jeden Fall eine große Herausforderung, aber mehr als die Mühe wert.
»Danke, Dad. Mach dir keine Sorgen um den Kunden. Ich werde mich um alles kümmern.« Henry ließ seinen Blick durch den Raum schweifen und schaute rund um den Tisch einen nach dem anderen an. Ich unterdrückte einen aufgeregten Quietscher. Auf Tucker Seniors Wahlkriterium konnte ich mich verlassen. Nur durch Zufall nicht auserkoren worden zu sein, ersparte einem die Enttäuschung.
Beim kleinen Macker sah die Sache jedoch anders aus.
Aus unerfindlichen Gründen hielt sich Henry für unwiderstehlich und benahm sich wie Gottes größtes Geschenk an die Frauenwelt. Nach meiner Kenntnis sahen die Frauen das deutlich anders, aber sein mangelnder Erfolg dämpfte sein Ego keineswegs. Was einiges zu bedeuten hatte, wo er doch der zweitbestbezahlte Angestellte der Agentur war und eines Tages das Marketingimperium seines Vaters übernehmen würde.
Dabei sah er gar nicht wirklich schlecht aus. Er verwendete für meinen Geschmack zwar viel zu viel Haargel, was ihm ein leicht schmalziges Aussehen verlieh. Auch die fette Goldkette, die aus seinem Polohemd hervorblitzte, würde ich nicht gerade als modischen Höhepunkt bezeichnen, aber seine Zähne waren gepflegt, und man sah ihm an, dass er regelmäßig ins Fitnessstudio ging.
Seine schleimige Art jedoch schmälerte seine Anziehungskraft erheblich. Deshalb hatte ich mich auf der Weihnachtsfeier auch unter seinem Arm weggeduckt und zur Hintertür davongeschlichen, als er mich, betrunken wie er war, anmachen wollte. Und das, obwohl ich Single war und mein letztes Date mindestens vier Wachsbehandlungen zurück lag.
Henrys Blick blieb an Catherine Dawes hängen, einer atemberaubend schönen Blondine, mit Kurven wie in Photoshop bearbeitet, die ihr Sechziger-Jahre-Vintage-Stil noch zusätzlich betonte. Er musterte Catherine anerkennend, doch überlegte es sich dann offenbar anders.
Catherine war zwar mit Abstand die schönste Frau in der Agentur, aber sie war auch knallhart und hatte Haare auf den Zähnen. Sie würde sich von Henry ganz sicher nichts sagen lassen, nur weil er der Sohn des Chefs war und sein Daddy ihn für den Größten hielt.
Die Spannung im Raum wuchs, man konnte sie förmlich greifen. Jeder von uns wollte der Auserwählte sein. Unbedingt.
Es gab niemanden hier, der nicht sein Leben für dieses Projekt gegeben hätte, selbst wenn das bedeutete, mit Junior zusammenarbeiten zu müssen.
»Ethan«, sagte Henry schließlich zu unser aller Überraschung. Ethan Baker war mindestens zehn Jahre älter als ich und hatte Frau und Kinder.
Alle rissen erstaunt die Augen auf. Ethan war zwar kein schlechter Grafiker, vermutlich war er sogar der Beste, den die Agentur in der Markenentwicklung zu bieten hatte. Es wunderte mich jedoch, dass Henry der Versuchung widerstehen konnte, sich mit attraktiven Frauen zu umgeben.
»Ich möchte, dass du dich um das Markendesign kümmerst. Schaffst du das?«, fragte Henry.
Ethan lächelte selbstsicher. »Natürlich.« Er räusperte sich und beugte sich im Stuhl nach vorne. »Ich hab schon gehört, dass der Kunde sich nach einer neuen Agentur umsieht und tatsächlich bereits mit ein paar Ideen herumgespielt. Wenn du sehen möchtest, was ich …«
»Ja, später«, fiel Henry ihm mit unnatürlich weißem Zahnpastalächeln ins Wort. Sein Blick wanderte weiter um den Konferenztisch, und er genoss sichtlich die Macht, die er über uns hatte.
Mit angehaltenem Atem wartete ich darauf, übergangen zu werden und klickte vor lauter Nervosität unwillkürlich mit meinem Kuli.
Ich zwang mich zu einem gewinnenden Lächeln und gab mein Bestes, so professionell wie möglich zu wirken. Ich wollte diesen Auftrag unbedingt. Ich hatte mich schon darauf vorbereitet, seit mir zu Ohren gekommen war, dass Black Soul eine neue Agentur suchte. Dieses Projekt war genau mein Ding. Und Black Soul brauchte einen Profi in Sachen Soziale Medien, der sich mit der jüngeren Generation identifizieren konnte und wusste, was sie wollte. Sie brauchten jemanden, der das Unternehmen in die weite Welt des Internets führte und sich mit Filtern und Suchmaschinen auskannte. Und der sich darauf verstand, das Zeitfenster von nur sieben Sekunden, das man hatte, um die Aufmerksamkeit der Menschen zu fesseln, auch zu nutzen.
Ich war nicht sicher, ob Henry das auch klar war oder ob ich ihn mit schierer Willenskraft auf mich aufmerksam gemacht hatte. Jedenfalls lenkte er sein süffisantes Megawattlächeln plötzlich auf mich. »Was ist mit dir, Maverick?«
Meine Wangen glühten, als sich alle Augen auf mich richteten. Ich hasste es, im Mittelpunkt zu stehen. Und mir gefiel gar nicht, dass mich nun alle anstarrten, mich beurteilten und sich fragten, ob ich den Job auch verdiente. Ganz gleich, wie sicher ich war, die Richtige für den Job zu sein und die Aufgabe stemmen zu können – diese Blicke gaben mir das Gefühl, völlig unqualifiziert zu sein. Allerdings nicht unqualifiziert genug, um die Flinte ins Korn zu werfen.
»Äh, ja. Klar.« Ich legte den Kugelschreiber auf den Tisch und schob ihn von mir, um nicht versucht zu sein, weiter damit herumzuklicken. »Liebend gerne. Die Chance, an dem Projekt mitzuarbeiten, würde mich freuen.«
»Das bedeutet eine Menge Überstunden«, erinnerte mich Henry. »Du wirst hier oft erst spätabends rauskommen.«
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Catherine angewidert das Gesicht verzog. Ihre Reaktion zerrte noch zusätzlich an meinen Nerven. Was sollte das denn bedeuten? »Damit komme ich schon klar«, sagte ich mit Nachdruck.
Es gab nur eine Handvoll anderer Grafikdesigner in der Agentur, die sowohl die Grafik stemmen als auch eine moderne Social-Media-Strategie entwickeln konnten. Ganz sicher waren sie erfahrener, professioneller und bestimmt rücksichtsloser. Aber ich war auf dem besten Weg, das auch zu werden.
Na ja, etwas in der Richtung.
Eines Tages.
Mein zuversichtliches Lächeln geriet ins Wanken. Okay, Rücksichtslosigkeit war nicht wirklich mein Ding. Aber ich konnte mir Mühe geben. Für Black Soul würde ich das tun.
»Gut«, sagte Tucker senior, nachdem die Entscheidung gefallen war. »Das wäre also erledigt. Und wie üblich – falls Sie Fragen oder Bedenken haben, belästigen Sie mich nicht damit.«
Meine Kollegen und ich lachten pflichtgemäß wie immer über den müden Scherz und sammelten unsere Sachen ein. Die Besprechung war offiziell beendet. Dreißig Minuten später als geplant, aber immerhin geschafft.
Ich schaute auf mein Handy. Das Display zeigte drei Nachrichten und zwei verpasste Anrufe an.
Wo steckst du???
Mist. Ich musste los.
Als ich aufstand, tauschten sich alle schon aufgeregt über den wichtigen Black-Soul-Auftrag aus. SixTwentySix war zwar die führende Marketingagentur in Durham, aber dieser Auftrag konnte die Agentur auch national bekannt machen. Und das Honorar war bestimmt auch nicht schlecht.
Ich versuchte, mich leise aus dem Zimmer zu stehlen, kam aber nicht weit.
»Black Soul, was?«, sagte Brian, einer der wenigen anderen Designer unter dreißig. Er war der totale Hipster, in viel zu engen Hosen und mit Man Bun, doch im Grunde genommen ein liebenswerter großer Junge.
»Aufregend, oder?« Ich wollte mich an ihm vorbeidrücken, aber Daria vom Vertrieb stellte sich mir in den Weg.
»Glaubst du, du wirst irgendeinen Promi treffen?«, fragte sie.
»Ich, äh, nein?« Ich machte eine Drehung nach rechts und schaffte es zwei Schritte näher an die Tür. Henry baute sich vor mir auf, ein breites Grinsen im solariumgebräunten Gesicht.
»Hast du eine Minute, Molly? Ich würde dich gern persönlich im Team willkommen heißen.«
So diskret wie möglich schaute ich auf mein Handy, versuchte mir nichts anmerken zu lassen und verkniff mir eine ehrliche Antwort. »Ja, klar. Eine Minute habe ich.« Und das meinte ich wörtlich.
Er ging mir voran in eine Ecke des Besprechungszimmers, und ich atmete erleichtert auf, dass er mich nicht in seinem Büro sprechen wollte. Hier konnte ich mich viel besser vom Acker machen.
Henry legte mir eine Hand auf den Arm, direkt über meinem Ellbogen, drückte leicht zu und ließ nicht mehr los.
Plötzlich war meine Freude, dass ich an dem Projekt mitarbeiten durfte, wie weggeblasen, und Unbehagen ergriff mich. Oh nein, versuchte Henry Tucker etwa schon wieder, mich anzubaggern?
Ich sah angewidert auf diese viel zu warme, schwitzige Hand auf meiner nackten Haut. Er nahm sie einfach nicht weg. Ich trat diskret einen Schritt zurück.
Er folgte mir.
Uh.
»Ich habe hohe Erwartungen an dich, Molly«, sagte er mit rauchiger Stimme.
Die Furcht, ich wäre womöglich doch zu unerfahren, sammelte sich in meiner Magengrube. Wie in einem Sumpf und mit riesigen Krokodilen darin. Ich zwang mich zu einem Lächeln, um von dem angehenden Grünstich in meinem Gesicht abzulenken. »Ich weiß. Das ist ein großer Auftrag. Ich freue mich wirklich sehr, dass ich im Team mitarbeiten darf.«
Henry belächelte mich milde. »Ich glaub an dich, Maverick. Ich denke, du hast genau das, was ich brauche.«
Ich fuhr mir mit der Zunge über die trockenen Lippen und versuchte Henrys Blick zu ignorieren, der starr auf meinen Busen gerichtet war. Widerlich.
Schützend schob ich meinen Organizer vor die Brust, mich selbst verfluchend, dass ich die oberen Knöpfe meiner ärmellosen Bluse nicht bis zum Kinn geschlossen hatte. »Danke, Henry. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit dir und Ethan.« Lüge. Eine riesige Lüge. Aber sie musste nun mal ausgesprochen werden.
Henry beugte sich vor und kam mir dabei unangenehm nah. »Aber hauptsächlich mit mir, nicht wahr?« Er zwinkerte.
Er zwinkerte mir tatsächlich zu.
Ich lachte nervös und nickte. »Ja, genau.«
Endlich ließ er meinen Arm los, und ich atmete tief durch. »Ein persönliches Treffen mit Black Soul steht erst im März an. Sie wollen sich ein Bild über die gesamte Kampagne machen können, ehe sie irgendetwas genehmigen. Bis dahin wird das ein hartes Stück Arbeit werden, denn wir müssen eine intergalaktische Präsentation auf die Beine stellen. Mit der Planung möchte ich gleich morgen anfangen. Ich mail dir später die Details.«
»Ich erwarte sie und werfe dann sofort einen Blick drauf«, versprach ich.
Er ertappte mich, als ich wieder auf mein Handy schielte. »Hast du es eilig, hier rauszukommen? Ich dachte, du bleibst noch, um ein wenig anzugeben.«
Mein Lächeln war schon seit einer Weile eingefroren, aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, es aufzugeben. »Angeben ist nicht mein Ding«, sagte ich. »Außerdem bin ich spät dran für einen Termin.«
»Oh, wirklich? Etwas mit der Arbeit?«
Ich schüttelte den Kopf. »Arbeit ist das schon, hat aber nichts mit der Agentur zu tun. Ich plane die Verlobungsparty für meine beste Freundin und hätte schon vor einer Dreiviertelstunde beim Caterer sein sollen.«
Henry machte einen Schritt zurück, und ich freute mich über den um weitere zwanzig Zentimeter gewachsenen Abstand. Normalerweise gehörte ich nicht zu den Menschen mit Berührungsängsten, aber Henry hatte null Gefühl für eine angemessene Distanz. Seit drei Jahren arbeitete ich nun schon in der Agentur. In der ganzen Zeit hatte ich mich nie für den kleinen Macker erwärmen können, obwohl er mir gegenüber immer freundlich war und sich, im Gegensatz zu seinem Vater, meinen Namen merken konnte.
Ich mischte mich unter den Strom der Mitarbeiter, die das Konferenzzimmer verließen, und eilte zu meinem Schreibtisch, um meine Tasche zu holen. Emily, meine einzige wahre Freundin in der Agentur, blieb neben mir stehen. Ihr ganzes Gewicht mit den Händen auf den Schreibtisch gestützt, schmiss sie die Beine in einer Art persönlichem Freudentanz in die Luft. »Herzlichen Glückwunsch!«
Ich lächelte, und dieses Mal aufrichtig. Das fühlte sich so verdammt gut an. »Danke! Kneif mich mal, damit ich weiß, ob ich das nicht nur träume. Ich kann nicht fassen, dass ich im Team bin.«
»Ich schon«, sagte sie ernst. »Du bist hier in dem Laden die mit dem besten Auge fürs Detail.« Sie stützte den Kopf in die Hände. »Und dem besten Geschmack. Black Soul wird dich lieben.«
»Im Augenblick hoffe ich nur, sie feuern mich nicht gleich wieder.«
Sie verdrehte die Augen. »Stell dein Licht nicht unter den Scheffel, Molly. Du hast dir diese Chance verdient. Wir sollten feiern. Drinks? Abendessen? Stripclub?«
Ich ließ derart die Schultern sinken, dass meine Tasche herunterrutschte. »Es tut mir echt leid, ich würde ja gern. Ein Stripclub wäre jetzt natürlich genau das Richtige.« Hoffentlich wusste sie, dass ich nur scherzte. Bei ihr war ich mir nicht immer sicher, was sie tatsächlich ernst meinte und was nicht. Emily, mit ihren lila Haaren und dem Nasenpiercing, inmitten eingeölter, halb nackter Männer, die mit ihrem besten Stück vor ihrem Gesicht herumwedelten, war nur schwer vorstellbar. Ich schüttelte den Kopf, um das Bild wieder loszuwerden. »Ich soll heute das Essen für Veras Verlobungsparty auswählen. Wyatt wird mich umbringen, wenn ich nicht bald auftauche.«
»Oh, noch besser!« Sie zuckte mit den Augenbrauen. »Feiere mit Wyatt. Lass es tüchtig krachen.«
Ich warf meinen Planer in die Tasche und schnaubte. »Was ist denn mit dir los?«
Sie ließ die Augenbrauen bis zum Haaransatz hochschnellen. »Es ist eher die Frage, was mit dir los ist. Hast du dir Wyatt mal angesehen?« Sie fächelte sich theatralisch Luft zu. »Er ist ein echt heißer Typ. Und knackig dazu. Du könntest etwas Knackiges vertragen, wenn du verstehst, was ich meine.«
Ich schüttelte den Kopf und erinnerte sie zum zigsten Mal: »Wir sind bloß Freunde, Em. Ernsthaft.«
Sie schürzte die Lippen. »Was für ein Jammer. Was dich angeht, sind heiße Männer reinste Verschwendung.«
Ich rückte meine Tasche auf der Schulter zurecht und tat so, als würde ich meinen vor Verlegenheit glühenden Kopf nicht bemerken. »Tja nun, wir können nicht alle sein wie du, mit einem perfekten Freund, perfekter Beziehung und perfektem Häuschen.«
»Vergiss den perfekten Hund nicht«, fügte sie hinzu.
Ich streckte ihr die Zunge raus. »Und mit perfektem Hund. Meiner beschränkten Erfahrung nach waren bisher alle attraktiven Männer, die sich für mich interessiert haben, gleichzeitig auch die größten Trottel. Dann habe ich lieber einen netten Mann als einen, der nur gut aussieht.«
»Hmmm …«, sinnierte sie und hatte offenbar ihren langjährigen Freund im Kopf. »Alex ist beides. Wyatt auch.«
»Und trotzdem sind wir nur Freunde«, erwiderte ich nachdrücklich.
Wieder verdrehte sie die Augen, ließ es aber dabei bewenden. »Glückwunsch jedenfalls! Wie wär’s morgen mit einer Happy-Hour-Feier?«
»Klar.«
Sie warf mir einen Luftkuss zu. Ich winkte ihr und rannte dann zu meinem Auto. Mein Handy summte. Die nächste Nachricht.
Ich hasse dich.
Wyatt war wirklich nur ein Freund. Diese Nachricht war der Beweis. Oder ich hatte es mir mit ihm endgültig verscherzt, weil ich ihn nun seit über einer Stunde warten ließ.
Ich parkte vor Cycle Life, dem Fahrradladen, der Vann, dem Bruder meiner besten Freundin, gehörte. Dummerweise trug ich heute High Heels, und meine Füße schmerzten bei jedem Schritt, aber ich musste mich beeilen und lief über die Straße zum Lilou, einem der trendigsten Restaurants in der Stadt.
Es war der perfekte Ort für die Verlobungsparty meiner beiden Lieblingsmenschen, denn dort hatten sich Vera und Killian kennengelernt. Na ja, eher auf dem Parkplatz gegenüber, auf dem ich gerade mein Auto abgestellt hatte. Jedenfalls war die Gegend sehr bedeutsam für ihre Beziehung und ihr bevorstehendes Eheglück.
Vera und Killian konnten sich anfangs nicht ausstehen. Er hatte sich wie ein arroganter Vollpfosten aufgeführt und sie hatte Probleme damit, Männern zu vertrauen, weil ihr Mistkerl von Exfreund sie jahrelang misshandelt hatte. Es versetzte mir jedes Mal einen Stich, wenn ich daran dachte. Jetzt war Vera glücklich. Sie hatte die Liebe ihres Lebens gefunden.
Die Beziehung mit Derrek hatte allerdings Narben hinterlassen. Obwohl Killian Rücksicht nahm und liebevoll mit Vera umging, fragte ich mich, ob sie je in ihrem Leben über diese schlimme Zeit hinwegkommen würde. Mein Hauptziel war, ihr dabei zu helfen und die größte Verteidigerin ihres Liebesglücks zu sein.
Also hatte ich beschlossen, eine Überraschungsparty für ihre Verlobung zu organisieren. Zugegeben, es war nicht einer meiner hellsten Momente, freiwillig die komplette Planung zu übernehmen, aber das wollte ich keinesfalls Vann überlassen. Veras ultragesund lebendem Bruder wäre es zuzutrauen, die Feier auf irgendeinem Radweg in den Bergen stattfinden zu lassen, mit Müsliriegeln als Horsd’oeuvres.
Nicht, dass ich vom Kochen mehr Ahnung gehabt hätte als er. Vera und Killian waren die Meisterköche. Ich behauptete sogar, angebranntes Toastbrot wäre genau nach meinem Geschmack, weil ich nicht einmal in der Lage war, das hinzukriegen.
Und deshalb hatte ich unseren guten Freund Wyatt eingeweiht, der Küchenchef im Lilou war, und zum Kochen verpflichtet. Wyatt wiederum hatte seinen knurrigen Chef Ezra Baptiste dazu überredet, das Lilou für die Party zur Verfügung zu stellen. Vermutlich hatte ihm dabei die Tatsache geholfen, dass Ezra und Killian seit Jahren beste Freunde waren.
Vor dem Personaleingang angekommen, tippte ich schnell eine Nachricht an Wyatt ins Handy.
Ich bin da.
Ungefähr fünf Minuten lief ich vor dem Eingang auf und ab und wartete darauf, dass er mir die Tür aufmachte. Meine High Heels waren die reinste Folter, und Kopfschmerzen bekam ich obendrein. Trotz meines Black-Soul-Triumphes wünschte ich mir, dass dieser Tag endlich vorüber wäre.
Unwillkürlich ging mir das Gespräch mit Emily durch den Kopf. Sie ließ es nach Erfolgserlebnissen auf der Arbeit gerne krachen.
Mich stressten solche Erfolge eher. Ich fühlte mich viel zu sehr unter Druck gesetzt und befürchtete, dass meine Leistung mit denen meiner Kollegen nicht mithalten konnte. Immer wieder musste ich mich beweisen und zeigen, wie originell, innovativ und einzigartig ich war. Die Sorge, in mich gesetzte Erwartungen nicht zu erfüllen, war mein ständiger Begleiter.
Daher feierte ich lieber allein, mit einem Schaumbad und einer Flasche Wein. Oder mit dem Pinsel in der Hand vor einer Leinwand. In einer überfüllten Bar zu sitzen und mich darüber unterhalten zu müssen, wie glücklich ich mich schätzen konnte, es nicht vermasselt zu haben, war das Letzte, wonach mir der Sinn stand. Viel lieber genoss ich die Freude, Leinwände mit leuchtenden Farben zum Leben zu erwecken.
Die Seitentür schwang auf, und Kaya streckte ihren blauhaarigen Kopf heraus. »Er ist stinksauer auf dich.«
Ich ignorierte Wyatts Souschefin samt ihrer Schadenfreude. Kaya liebte es, Wyatt zu provozieren, und dass ich mit eineinhalb Stunden Verspätung genau in den Abendservice platzte, war vermutlich das Highlight ihres Tages.
Die Küche des Lilou glich dem Inneren eines Tornados. Überall wuselten Köche umher, machten Salate, rührten in Töpfen und richteten Teller an. Die Edelstahlflächen waren mit Geschirr, Speisen und extrem scharfen Messern übersät. Inmitten des ganzen Trubels stand Wyatt, die hohe Kochmütze auf dem rasierten Schädel, und unter dem Kragen seiner makellos sauberen Kochjacke lugten Tattoos hervor.
Er hatte sich in den vergangenen Monaten ziemlich verändert. Als Vera und ich ihn kennenlernten, war er noch viel entspannter und gelassener gewesen. Fast täglich hatte er uns in Veras Food-Truck, der vor dem Cycle Life stand, einen Besuch abgestattet. Und wir hatten uns gemeinsam einen Spaß daraus gemacht, Vera wegen Killian aufzuziehen.
Nachdem Killian im Lilou gekündigt hatte, um mit Vera zusammen ein Restaurant zu eröffnen, war Wyatt zum Küchenchef befördert worden, und all seine Lockerheit war auf der Strecke geblieben. Angetrieben von Ehrgeiz, mit geradezu pedantischer Präzision, hatte er sich in die neue Aufgabe gestürzt und lief definitiv im Karrieremodus. Zugegeben, da er fast rund um die Uhr schuften musste, blieb ihm auch nichts anderes übrig. Die Arbeit war zwangsläufig seine neue Lebens- und Überlebensweise. Aber ich vermisste den Freund, mit dem ich herumalbern und Essen stibitzen konnte, wenn Vera nicht hinschaute.
»Wasch dir die Hände«, blaffte Wyatt mich an.
Mir war klar, gegen einige Hygienevorschriften zu verstoßen, wenn ich in einer Küche herumhing, in die ich nicht gehörte, also fing ich keine Auseinandersetzung an. Auch nicht darüber, dass er wenigstens »bitte« hätte sagen können.
»Es tut mir leid«, sagte ich stattdessen. »Die Besprechung auf der Arbeit hat länger gedauert als geplant.«
Ich trocknete mir die Hände mit einem Papiertuch ab, drehte mich um und betrachtete ihn.
Wyatt stand über eine lecker aussehende Speise gebeugt und begutachtete sie aufmerksam. Ein Tuch um einen Finger gewickelt, tupfte er vorsichtig einen verirrten Soßentropfen vom Rand des Tellers, reichte ihn dann nickend einer geduldig wartenden Kellnerin, die damit eilends durch die Schwingtüren in das Restaurant verschwand.
Wyatt drehte sich zu mir um. »Und? Hast du den großen, lebensverändernden Auftrag an Land gezogen?«
Ich lächelte. »Ja!«
Er grinste stolz. »Das ist mein Mädchen.«
Ich strahlte ihn an, dankbar für sein Vertrauen in mich. Um die Party für Vera und Killian zu planen, hatten wir uns in letzter Zeit mehr Nachrichten als sonst geschickt, und natürlich war nebenbei auch unsere Arbeit Thema gewesen.
Wyatt war wieder ernst geworden und deutete mit dem Kopf zu einer Theke in der Nähe des Kühlraums. »Ich habe eine Auswahl für die Party vorbereitet. Inzwischen ist natürlich alles kalt geworden. Probiere trotzdem und sag mir dann, was Vera deiner Meinung nach am liebsten mögen würde.«
»Egal, was du machst, es wird ihr schmecken, Wyatt. Sie ist nicht pingelig.«
Er schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Es ist eben nicht egal, was ich für Killian Quinn und Vera Delane koche. Und sie sind beide total pingelig. Pingeligkeit gehört zu ihrem Beruf.«
Ich verdrehte die Augen, weil mich Wyatts Heldenverehrung für Killian ziemlich nervte. »Okay, schon gut. Dann werde ich auch pingelig sein.«
»Ich bitte darum.«
Wyatt machte sich wieder an die Arbeit, und ich ging hinüber zu der Theke, wo mich verschiedene appetitlich arrangierte Speisen auf Tellern, in Schüsseln und auf Servierplatten erwarteten. Wyatt hatte ein Menü ausgetüftelt und daraus ein atemberaubendes Kunstwerk gemacht.
Ich malte und zeichnete gern. Ich liebte es, leere Leinwände zum Leben zu erwecken und konnte mir auch nichts Schöneres vorstellen. Ich nahm die Welt in bunten Farben und ungewöhnlichen Perspektiven wahr. Ich sah Menschen durch die Augen einer Malerin, die den Ausdruck in ihren Gesichtern unsterblich machen und ihre besonderen Posen für immer festhalten wollte. Ich empfand mich zwar nicht wirklich als Künstlerin. Aber etwas mit meinen eigenen Händen zu erschaffen gab mir das Gefühl, von einem tieferen Sinn beseelt zu sein.
Und so dachte ich auch über Wyatts Speisen. Und Killians und Veras und all der anderen Köche, mit denen ich befreundet war. Sie kochten nicht einfach nur. Sie kreierten etwas Inspirierendes. Sie würzten nicht bloß, sie erschufen unvergessliche Geschmacksprofile. Sie mischten nicht einfach ein paar Zutaten miteinander, sie gestalteten mit größter Sorgfalt ein Genusserlebnis, was seinesgleichen sucht. Jede Speise war Bissen für Bissen die reine Perfektion.
Sie waren Künstler. Und ich hatte tiefsten Respekt vor dem, was sie schufen.
Ich schnappte mir einen kleinen Spieß mit Fleisch, gebratener Tomate und einer Gurkenscheibe, über den eine weiße Soße geträufelt war, die mir bekannt vorkam. Ich schob mir den ganzen Happen in den Mund und seufzte genüsslich hinter vorgehaltener Hand. »Ist das die Tsatsikisoße?«, fragte ich mit vollem Mund.
»Ja«, rief Wyatt über die Schulter. Er wusste, was ich meinte, ohne sich auch nur umzudrehen.
»Die muss auf jeden Fall dabei sein.« Diese Soße spielte eine besondere Rolle für Vera und Killian, denn sie war am Ende ein Gemeinschaftswerk beider geworden.
Als Nächstes probierte ich Minisalate mit Bacon und Blaukäsestreuseln und frische, in Prosciutto und Basilikumblätter gewickelte Mozzarellakugeln, mit Tomatenpüree als Dip. Es gab Hackfleischbällchen und Chicken Wings mit Pommes frites und sogar hausgemachte Würstchen im Schlafrock mit knusprigem Teigmantel, angerichtet in mundgerechten Stücken. Alles schmeckte nach »bitte mehr davon«.
Ich starrte wie gebannt auf dieses Büffet, vor Freude und Rührung den Tränen nahe. »Oh wow, hast du all ihre Gerichte nachgekocht?«
Wyatt klang abgelenkt, als er antwortete. »Zumindest die, an die ich mich erinnern konnte. Und auch ein paar von Killians Gerichten.« Er warf mir einen Blick über die Schulter zu. »Natürlich mit meiner persönlichen Note.«
»Wyatt, das ist fantastisch. Und so viel mehr als ich zu hoffen wagte. Du bist ein Genie!«
»Das ist keine große Sache.«
»Jetzt sei nicht so bescheiden. Sie werden es lieben. Jeden einzelnen Bissen.«
Er ignorierte mein Kompliment. »Mit wie vielen Gästen rechnest du?«
»Keine Ahnung. Vera hat nicht mehr als zehn Bekannte. Killian ist der Beliebte.«
Die Küchenbrigade lachte, als hätte ich einen Witz gemacht. Aber es stimmte. Vera mag zwar ein umgänglicherer Mensch als Killian sein, aber sie hatte noch nie einen großen Freundeskreis. Ich war so ziemlich als einzige Freundin übrig geblieben, nachdem Derrek es mit viel Aufwand fertig gebracht hatte, sie völlig zu isolieren. Und so brummig Killian auch sein konnte, er kannte massenweise Leute. Gut, die meisten arbeiteten in der Gastronomie, aber man kannte sich immerhin gut genug, um sie zu einer Verlobungsparty einzuladen.
Wyatt lachte über den Scherz einer der Köche, Killian wäre nur deshalb so beliebt, weil jeder Angst hätte, ihn vor den Kopf zu stoßen. Dann sagte er: »Gib mir Bescheid, wenn du weißt, wie viele Gäste kommen, damit ich meine Einkaufsliste planen kann.«
Ich nahm mir eine winzige Desserttasse. Schokoladenmousse. Lecker! »Ich habe ungefähr fünfzig Einladungen verschickt. Glaubst du, die Leute werden alle kommen?«
Wyatt wackelte nachdenklich mit dem Kopf. »Keine Ahnung, aber sicherheitshalber rechne ich damit. Falls doch weniger kommen, kann das, was übrig bleibt, mit nach Hause genommen werden.«
Ich leckte mir die Schokolade von den Lippen. »Dafür opfere ich mich freiwillig. Wenn du die Einkäufe erledigt hast, gib mir Bescheid, damit ich dir das Geld zurückgeben kann.«
Er winkte ab. »Mach dir darum keine Sorgen.«
Diese Sache diskutierten wir nicht zum ersten Mal. Er war unglaublich stur. »Ernsthaft, Wyatt, du kochst bereits, lass mich wenigstens für das Essen bezahlen.«
»Auf keinen Fall«, entgegnete er.
»Selbstverständlich werde ich bezahlen. Und wenn ich die Summe erraten muss.«
Wyatt drehte sich um, in seinen Augen stand ein Funkeln, und ein Schmunzeln umspielte seinen Mund. »Na, dann rate mal.«
»Meine Schätzung?«
»Ja, die komplette Summe.«
Ich musterte die Speisen auf der Theke, überschlug grob, was ich für eine Mahlzeit ausgab, und nahm die Summe mal fünfzig. »Zweihundert Dollar?« Das Küchenpersonal lachte herzhaft. »Äh, vierhundert Dollar?« Das Lachen hörte nicht auf. »Zehntausend Dollar!« Was ich nicht hoffte, denn dann musste ich einen Kredit aufnehmen.
Vier weitere Teller überstanden Wyatts kritischen Blick und verließen in den Händen schwarz gekleideter Kellner die Küche. »Wie willst du sie herlocken und die Party trotzdem geheim halten?«
Bevor ich antworten konnte, öffnete sich die Tür, und Ezra Baptiste betrat die Küche. Sein kühler Blick überflog schnell den Raum und blieb dann an mir hängen.
»Erwischt. Nun bin ich geliefert«, flüsterte ich mir selbst zu.
Ezras Miene versteinerte, als er mich erkannte. Ganz sicher hatte er nicht damit gerechnet, dass ich in seinem Restaurant auftauchen würde, schon gar nicht in der Küche. Seine Kiefermuskeln zuckten ein Mal … ein zweites Mal. So wütend er auch wirkte, stand er doch da wie angewurzelt und schien unschlüssig, was er als Nächstes tun sollte.
»Hallo, Chef«, grüßte Wyatt in selbstsicherem Ton. Ich wusste jedoch, dass er sich nur so selbstsicher gab, damit Ezra ihn ernst nahm und die Küche als sein Revier respektierte.
Viel Glück, Wyatt. Ezra erschien mir ziemlich herzlos, ganz zu schweigen von seiner Unfähigkeit, menschliche Gefühle wie Respekt und Vertrauen zu zeigen. Wyatt konnte ihn allein durch seine Kochkunst beeindrucken.
Ich hingegen war auf Ezras Bewunderung und Respekt nicht angewiesen. Ich musste weder für ihn arbeiten, noch verspürte ich ein Verlangen danach. Überhaupt gab ich mich nur wegen der Verlobungsparty mit ihm ab. Sobald die vorüber war, wollte ich nichts mehr mit ihm zu tun haben, und am liebsten wäre mir, er würde vergessen, dass ich existierte.
Ezra musterte Wyatt mit einem Ausdruck im Gesicht, als wäre er überrascht, seinen Angestellten tatsächlich dort anzutreffen, wo er hingehörte. Genau genommen wirkte er sogar ungewohnt durcheinander. Er räusperte sich. »Ich hab mit dir sprechen wollen, wegen … Egal, das kann warten.« Mit eisigem Blick wandte er sich mir zu. »Molly, was machst du hier?«
Sein strenger Ton ließ mich wünschen, zu Boden zu sinken und zur Tür zu robben. Ich schaffte es zwar, auf den Füßen zu bleiben und seinem Blick standzuhalten, aber mein Selbsterhaltungstrieb riet mir, sie besser unter den Arm zu nehmen und davonzurennen. »Probeessen«, hörte ich mich sagen.
Er hob die breiten Schultern. »Wie bitte?«, fragte er, sichtlich um Geduld bemüht.
Ich deutete mit einer Hand auf die Theke. »Für die Verlobungsparty. Wyatt wollte, dass ich alles probiere.«
Ezras Augen wurden zu schmalen Schlitzen. »Ich bin sicher, dass Wyatt imstande ist, das Menü allein zusammenzustellen. Du hast während der Geschäftszeiten in meiner Küche nichts verloren. Du arbeitest nicht hier. Deshalb muss ich dich auffordern, zu gehen.«
Scham durchströmte mich, und am liebsten hätte ich die Party auf der Stelle abgesagt. Oder mir zumindest einen anderen Veranstaltungsort gesucht.
Alles wäre mir in dem Moment recht gewesen. Sogar eine Bowlingbahn. Oder der Mond. Das würde ihn eines Besseren belehren, so mit mir zu reden.
Ich schluckte den Kloß in meiner Kehle hinunter. »Klar.« Dann schnappte ich mir meine Tasche und stolzierte hoch erhobenen Hauptes auf den Seiteneingang zu.
»Nicht da raus«, blaffte Ezra. In der Küche war es plötzlich mucksmäuschenstill geworden.
Das ganze Personal hatte innegehalten und beobachtete, halb entsetzt, halb belustigt, wie ihr furchterregender Chef mich armes, hilfloses Würstchen zusammenstauchte. Gut, ich hatte die Regeln gebrochen, und Ezra hatte jedes Recht, mich im hohen Bogen hinauszuwerfen, aber hätte nicht wenigstens einer der Anwesenden mir Jungfrau in der Not beistehen können?
Wo war mein Ritter in schimmernder Rüstung, wenn ich ihn brauchte?
Mein Märchenheld, der meine Ehre verteidigte?
Hilfe suchend schaute ich zu Wyatt, doch der zuckte nur bedauernd die Schultern. Verräter.
Ich kniff die Augen zusammen und wünschte mir, ein Alien würde mich entführen. Von mir aus auch eine Piratenbande. Oder Godzilla. Oh ja, eine Godzilla-Entführung käme mir jetzt sehr gelegen. Hauptsache, ich konnte Ezras vernichtendem Blick entgehen.
Stattdessen drehte ich mich auf dem Absatz um und reckte mein Kinn in die Höhe, obwohl mir eher danach war, den Kopf wie ein gescholtenes Kind hängen zu lassen. So anmutig wie in High Heels, die ich schon vor drei Stunden hätte ausziehen sollen, nur möglich, durchquerte ich die Küche. Unnötig zu sagen, dass meine Würde angekratzt war.
Ezra Baptiste war einer der unerträglichsten Männer, die mir je begegnet waren. Arrogant, herablassend und unverschämt gut aussehend, besaß er all die Wesenszüge eines Menschen, mit dem ich nichts zu tun haben wollte. Dazu kam, dass er bereits einmal mein professionelles Urteilsvermögen angezweifelt hatte, und das würde ich ihm niemals verzeihen.
Gezwungenermaßen mussten wir uns wegen unserer gemeinsamen Freundschaft mit Vera und Killian gelegentlich begegnen, aber in den vergangenen Monaten war es mir recht erfolgreich gelungen, ihm aus dem Weg zu gehen. Was nicht besonders schwer war, denn er besaß drei angesagte Restaurants und war Teilhaber eines vierten. Er war reich und viel beschäftigt, und eigentlich war es erstaunlich, dass wir überhaupt gemeinsame Freunde hatten.
Er war ganz der kühle, weltmännische Unternehmer, während ich mir an den meisten Tagen so vorkam, als würde ich mich nur als Erwachsene verkleiden.
Ich bezahlte Rechnungen, ging zur Arbeit und lebte allein. Und doch kam mir dieses Leben vor, als wäre es nicht meines und ich immer noch das kleine Mädchen, das die Kleider ihrer Mutter anprobierte.
Ezra wusste genau, wer er war und was er wollte. Ich wusste hingegen nicht einmal, wie man den Ölstand bei einem Auto überprüfte.
»Komm mit.« Er führte mich durch die Küche zu seinem Büro. Als wir am Haupteingang vorbeikamen, überlegte ich kurz, mich davonzuschleichen. Würde er mir nachstellen? Nein. Dafür war er viel zu beherrscht. Mich wegen Hausfriedensbruchs verklagen? Schon eher. Aber ob das die Sache wert war?
Ich nagte an meiner Unterlippe und dachte, ja, das war es wohl. Aber dann fiel mir ein, dass ich mit ihm noch über die Party reden musste. Die Party, die in seinem Restaurant stattfinden sollte. Daher unterdrückte ich meinen Fluchtinstinkt und folgte ihm in den kleinen, aber gut organisierten Raum.
Er drehte sich zu mir um und stützte die Hände in die Hüften. Seine Anzugjacke hing über dem Stuhl, die Krawatte hatte er gelockert, und trotzdem sah er elegant aus. Unwillkürlich überkam mich das Verlangen, ihm mit dem Daumen über die Wange zu streichen.
Ich erschauerte und schüttelte diesen seltsamen Gedanken rasch ab.
Schnell rief ich mir wieder in Erinnerung, wer da vor mir stand, und ergriff das Wort, ehe er mir zuvorkommen konnte »Es tut mir leid, Ezra. Das wird nicht wieder vorkommen.«
Er durchbohrte mich mit seinem Blick. »Ich hoffe, du verstehst, dass ich während der Arbeitszeiten Unbefugte in der Küche unmöglich dulden kann. Der Prüfer vom Gesundheitsamt hätte seine wahre Freude daran, dich dort zu erwischen, und würde mir das Restaurant sofort schließen.«
Scham gepaart mit schlechtem Gewissen stieg in mir auf. Das würde ich nicht wollen, und ich hob beschwichtigend die Hände. »Ja, ich hab’s verstanden. Ehrlich.«
Er schaute zur Tür, dann wieder zu mir und atmete langsam aus. »Bist du bereit für Freitag? Brauchst du noch etwas von mir?«
Es war Wyatts Idee gewesen, die Party im Lilou zu feiern. Er hatte das auch mit Ezra geklärt. Ich versetzte mir jeden Tag in Gedanken einen Tritt in den Hintern, weil ich mich von ihm dazu hatte überreden lassen. Gut, der Ort hatte für Vera und Killian eine ganz besondere Bedeutung, aber was hatte ich davon? Ich musste mich mit Ezra herumschlagen und dieses schräge Gespräch führen, während eine ganze Ladung Schuldgefühle auf mir lastete, weil Wyatt und er so viel mehr zu der Party beisteuerten als ich.
Eigentlich war die Party meine Idee gewesen, aber bisher hatte ich bloß die Einladungen verschickt und mir ein hübsches neues Kleid im Ausverkauf ergattert.
»Ich glaube, es ist für alles gesorgt. Ich komme am Freitagnachmittag zum Dekorieren her, wenn dir das recht ist.« Er nickte. »Ist es auch wirklich kein Problem, wenn das Lilou am Freitag geschlossen bleibt? Ich hab ein fürchterlich schlechtes Gewissen deswegen.«
Seine Miene wurde freundlicher. »Ich helfe gern.«
Mir lag schon eine Erwiderung auf der Zunge, aber ich schluckte sie hinunter. Schließlich hatte er Tag und Datum ausgewählt, nicht ich.
Ich nahm all meinen Mut zusammen und bat ihn um einen letzten Gefallen. »Eine Sache gibt es doch noch, die du tun könntest«, setzte ich an. Skeptisch verengten sich seine dunklen Augen, und seine Lippen wurden schmal. »Ich weiß nicht genau, wie ich Vera und Killian unauffällig herlotsen soll. Könntest du sie vielleicht mit einer Ausrede hierher locken? Sie einladen oder so tun, als gäbe es einen Notfall, bei dem du sie brauchst?«
Ezra Baptiste war der Inbegriff eines attraktiven Mannes. Groß, geheimnisvoll und charismatisch. Seine Aura schrie förmlich »wichtige Persönlichkeit«. Die kurzen schwarzen Haare ordentlich getrimmt, sein Gesicht immer glatt rasiert, die Kleidung maßgeschneidert und makellos gebügelt. Er war das genaue Gegenteil seines besten Freundes Killian.
Just in diesem Moment wirkte er jedoch total verblüfft, und diese kultivierte Distanziertheit, die er sonst an den Tag legte, war verschwunden. »Du willst, dass ich sie anrufe?«
»Du kannst ihnen auch eine Nachricht schicken«, schlug ich vor. »Was dir lieber ist. Denk dir bloß einen narrensicheren Grund aus, warum sie unbedingt herkommen müssen.«
»Das solltest besser du machen«, entgegnete er. »Ich glaube, das liegt dir eher.«
Was wollte er damit sagen? Dass ich gut lügen konnte? »Und welchen Grund sollte ich dafür haben, dass ich mich mit den beiden ausgerechnet im Lilou treffen will?«
Wieder zuckten seine Kiefermuskeln. »Ich lüge meine Freunde nicht gern an.«
Ich räusperte mich, verärgert, dass er mich schuldig fühlen ließ, nur weil ich unsere Freunde mit einer Party überraschen wollte. Es ist für eine gute Sache, brachte ich mir in Erinnerung. »Du musst sie ja nicht anlügen. Dann sag ihnen eben, dass du eine Überraschung für sie hast. Das ist die Wahrheit.«
»Damit ruiniere ich den Abend.«
Ich tat es ihm nach und stützte die Hände auf genau seine unnahbare Art in die Hüften. »Ach, vergiss, dass ich gefragt habe. Ich bekomme das auch ohne dich irgendwie hin.«
»Jetzt bist du verärgert«, meinte er vorwurfsvoll.
»Ich bin nicht verärgert.« Ich war stinksauer. »Dafür gibt es auch gar keinen Grund.« Außer, dass er die Sache unnötig verkomplizierte, obwohl es für ihn ein Einfaches gewesen wäre, Killian eine Nachricht zu schicken, in der stand: Hey, kannst du mal kurz vorbeikommen? »Ich dachte bloß, es wäre unauffälliger, wenn die Nachricht von dir käme, aber mir wird schon etwas einfallen.«
Er schaute mich eine Weile schweigend an, bis er schließlich fragte: »Wo ist dein Mantel?«
»Was?«
»Wo dein Mantel ist«, wiederholte er. »Hast du den in der Küche vergessen?«
»Äh, nein.« Ich war noch dabei, mich von den verbalen Peitschenhieben zu erholen. Was sollte jetzt diese Frage? »Ich hatte keinen an. Ich bin direkt von der Arbeit hergefahren.« Gut, es war schweinekalt draußen, und in meinem Auto war es so warm wie in einem Gefrierschrank, aber Mäntel fand ich lästig. Ständig waren sie mir im Weg. Deshalb trug ich eine lange Kaschmirstrickjacke über einer rosafarbenen Bluse und grauen Hose, und das reichte mir. Außerdem war es selbst im Winter in der Agentur so heiß wie in der Hölle, und wenn ich ausnahmsweise mal mit einem Pulli zur Arbeit ging, hatte ich ihn meistens schon vor der Mittagspause wieder ausgezogen.
Ezra betrachtete mich finster, aber mit der Mantelsache gab er Ruhe.
»Also sind wir uns jetzt wegen Freitag einig?«, fragte ich und hoffte, dass ich endlich gehen konnte. Vor mir lag ein aufregender Abend mit einem einsamen Essen und Haarewaschen, den ich kaum erwarten konnte.
»Wie willst du dekorieren?«
Noch ein Themenwechsel, und allmählich wurde mir schwindelig. Ich wollte nur noch nach Hause, mir eine Suppe aufwärmen und es mir vor dem Fernseher gemütlich machen. »Oh, ich habe nichts Extravagantes im Sinn«, sagte ich. »Das Lilou ist auch so schon sehr hübsch. Ich wollte lediglich Blumen für die Tische besorgen und ein paar Bilder und Dekoelemente aufstellen.«
»Ich hab eine Floristin«, bot er an. »Über die Blumen musst du dir keine Gedanken machen, es sei denn, du willst das.«
»Oh, das ist keine große …«
»Sie kennt den Raum hier. Wir lassen uns von ihr die Tischgestecke machen«, fuhr er fort. »Ich ruf sie gleich an.«
Übersetzung: Bring bloß nicht deine schrottigen Gebinde in mein makelloses Heiligtum.
»Ich will dir nicht noch mehr Arbeit machen«, erwiderte ich matt.
Er ging hinter seinen Schreibtisch, nahm sein Handy und scrollte durch die Kontaktliste. »Hast du eine besondere Blume im Kopf?«
»Vera liebt Pfingstrosen«, hörte ich mich sagen. »Aber es ist erst Februar, daher wollte ich schauen, was es überhaupt gibt.«
Er nickte. »Farbthema?«
»Rot«, antwortete ich. »Ich habe ein paar hübsche antike Gewürzregale mit Schubladen gefunden. Die wollte ich gern als Herzstück der Deko nehmen.«
»Schreib mir deine E-Mail-Adresse auf, dann schicke ich dir die Kontaktdaten der Floristin. Wenn du ihr die Gewürzregale vor Freitag vorbeibringst, wird sie sich um den Rest kümmern.«
Wie betäubt griff ich nach dem weißen Block auf seinem Tisch und notierte ihm meine E-Mail-Adresse. Ich hätte mich ihm widersetzen und sagen sollen, dass ich mich schon um die Blumen und Deko kümmern würde, aber er hatte mich irgendwie überrumpelt. Und ernstlich eingeschüchtert.
Er nahm mir den Block aus der Hand und begutachtete die E-Mail-Adresse so misstrauisch, als nehme er an, ich hätte ihm eine falsche gegeben. Dann musterte er mich mit seinem intensiven Blick, und ich sah förmlich, wie sich die Rädchen in seinem Gehirn drehten. Irgendetwas lag ihm auf dem Herzen, nur hatte ich keine Ahnung, was.
»Noch eine Sache«, fing er an.
Ein nervöses Flattern machte sich in meinem Bauch bemerkbar. »Was denn?«
Er hatte gerade den Mund geöffnet, um zu antworten, wurde aber durch das Klingeln seines Handys unterbrochen. Er warf einen Blick aufs Display und brummte unwirsch. »Da muss ich rangehen.«
Ein Wink mit dem Zaunpfahl, offenbar wollte er mich loswerden. »Kein Problem. Wir sehen uns Freitag, und falls noch etwas ist, hast du ja meine E-Mail-Adresse.«
Auf dem Weg zur Tür drehte ich mich noch einmal zu ihm um. Er warf mir einen schnellen Blick zu, und wieder fühlte ich mich von seiner Ausstrahlung wie vor den Kopf geschlagen. Gewöhnlich war mir Charakter wichtiger als Aussehen, aber Ezra beeindruckte mich ganz offensichtlich auch ohne sprühendes Temperament und einnehmendes Wesen.
Ich wollte ihn malen, seinen bestürzten Blick einfangen und auf der Leinwand unvergänglich machen.
Er fuhr mit dem Daumen übers Display und nahm den Anruf an, noch ehe ich das Büro verlassen hatte. »Tschüss, Ezra«, sagte ich leise. Er gab keine Antwort.
Ich drehte mich zur Tür und flüchtete förmlich, vor ihm, dem Lilou, diesem Teil der Stadt und vor diesem gesamten Tag.
Auf dem Heimweg kaufte ich eine Flasche Wein, und ich war kaum zur Tür hinein, da hatte ich sie auch schon entkorkt. Meine Wohnung im sechsten Stock eines Mietshauses am Rand des Stadtzentrums war hübsch, finanzierbar und lag in der Nähe der Agentur. Vor zwei Jahren war ich eingezogen, als ich endlich glauben konnte, dass mein Gehalt von SixTwentySix tatsächlich regelmäßig auf meinem Konto eingehen würde.
Ich hatte einen Vollzeitjob und meine eigene Wohnung, jippieh! Eigentlich hatte ich damit den Meilenstein des Erwachsenenlebens erreicht. Nur fühlte ich mich die meiste Zeit einsam. Ich gehörte zwar nicht zu den Menschen, die ständig Leute um sich herum brauchten. Ich mochte meinen Freiraum. Und meine Privatsphäre. Aber manchmal fühlte ich mich in meiner Wohnung … allein und isoliert. Als wäre es nicht meine Entscheidung gewesen.
Ich überlegte ernsthaft, ob ich mir eine Katze anschaffen sollte.
Nachdem ich, wie geplant, die Suppe aufgewärmt und aufgelöffelt hatte, schaltete ich den Fernseher ein, konnte mich aber für kein Programm entscheiden. Nachdem ich eine Dreiviertelstunde von einer mittelmäßigen Sendung zur nächsten gezappt hatte, legte ich die Fernbedienung zur Seite. Auch die Serie »Das Büro« konnte sich Frau nicht ewig anschauen, ohne sich vom Universum ihren eigenen Jim Halpert zu wünschen. Und niemand wollte im echten Leben etwas mit einer verbitterten Pam zu tun haben.
In Endlosschleife spielte sich der Tag in meinem Kopf ab, erst nach einem zweiten Glas Wein konnte ich endlich aufhören, darüber nachzudenken, warum ich mich so leer fühlte, obwohl ich mein Traumprojekt erhalten hatte. Black Soul würde ein riesiger Schritt auf der Karriereleiter nach oben sein. Bereits seit Wochen hatte ich einen Kampagnenplan im Kopf, der sowohl den Anforderungen entsprach als auch originell war.
Damit würde ich meine Position bei SixTwentySix festigen, den Respekt meiner Kollegen gewinnen und endlich auch Mr Tucker dazu bringen, sich an mich zu erinnern. Und ausgerechnet jetzt, wo es endlich losging, stellte ich meine Ziele infrage. Lebte ich wirklich meinen Traum? Wollte ich den Rest meines Lebens damit verbringen, Social-Media-Pakete für Leute zu schnüren, die nicht mal kapierten, wie man Hashtags einsetzte?
Apropos: #ichhabsalatzummittagessengegessen ist kein werbewirksamer Hashtag.
Außerdem: #hashtag ist ebenso nutzlos.
Immer wieder musste ich Leuten, die mit den Millennium-Neuerungen nichts anzufangen wussten, den Begriff »Recherchierbarer Content« erklären. Ständig bekam ich altmodische Kunden aufgehalst, die aus ihrer Abneigung gegen Rautezeichen keinen Hehl machten und den Vorteil benutzerfreundlicher und leicht auffindbarer Tags für das Wachstum ihres Unternehmens nicht erkennen wollten.
Ich kaute an der Unterlippe, nahm mein Handy und das Glas Wein und ging in mein Arbeitszimmer. Na ja, eigentlich war es eher ein Arbeitsplatz. Ursprünglich hatte ich vorgehabt, das zweite Schlafzimmer mit Schreibtisch, Bücherregalen und, aus lauter Übermut, mit einem Farn auszustatten. Stattdessen lag mein Laptop nun auf dem Wohnzimmertisch, mein Schreib- und Papierkram in einer Küchenschublade und meine Bücher stapelten sich hüfthoch neben meinem Bett.
Dafür war im sogenannten Arbeitszimmer der Boden mit alten Laken ausgelegt, und schräg neben dem Fenster stand eine Staffelei. Der kleine begehbare Kleiderschrank war gefüllt mit Leinwänden in allen Größen, einige neu, andere bemalt, ein paar im Zwischenstadium.
Außerdem hatte ich einen Klapptisch aufgestellt, den ich günstig bei einem Garagenflohmarkt ergattert hatte und als Ablagefläche für meine Farben, Pinsel und anderes Zubehör nutzte. Das angrenzende Bad wurde zum Trockenraum umfunktioniert. Auch dort lagen gereinigte Pinsel auf jeder freien Fläche.
Vera nannte den Raum mein Atelier. Für mich fühlte sich die Malerei mehr wie ein heimliches Vergnügen an. Ein peinliches Hobby, das gegen Langeweile half, mit dem ich gelegentlich Dampf abließ und Enttäuschungen verarbeitete. Und manchmal schien es mir so lebenswichtig wie Atmen.
Aber es war eben nur ein Hobby. Früher hatte ich mal davon geträumt, eine weltberühmte Malerin zu werden und den ganzen Tag, allein angetrieben von meiner Inspiration, Pinsel über Leinwände zu schwingen. Das war jedoch, bevor ich mich mit notwendigen Übeln wie dem Bezahlen von Rechnungen, dem Besitz eines Autos und Lebensmitteleinkäufen herumschlagen musste. Nun war ich eine echte Erwachsene mit einem echten Erwachsenenjob. Einem Job, der mir gelegentlich sogar Spaß machte. Dieser ganze Traum vom hungerleidenden Künstler war einfach nicht umsetzbar.
Ich hatte meine kreative Seite in der Highschool ausgelebt und danach das getan, was die meisten aufstrebenden Künstler nach dem Abschluss tun: Ich hatte mir einen Kreativberuf gesucht und mich von all den unrealistischen Tagträumen verabschiedet, die nicht Sicherheit, ein zuverlässig eintrudelndes Gehalt und eine Rentenvorsorge versprachen.
An Tagen wie heute jedoch, wenn ich wieder daran erinnert wurde, wie fies das Erwachsenenleben sein konnte, wünschte ich, noch mal Kind zu sein und mir keine Gedanken über zu bezahlende Rechnungen oder die Einsamkeit des Singlelebens machen zu müssen oder was Männer wie Ezra Baptiste wirklich dachten. Dann zog ich mich an diesen mir heiligen Ort zurück und ließ all die absurden Gedanken und Zweifel auf die weiße, schöne Leinwand fließen. Genau genommen hörte ich einfach auf zu denken.
Mein Vermieter hatte nach meinem Einzug versucht, mir eine Zimmergenossin unterzuschieben, aber allein die Vorstellung, mich jeden Tag mit einem anderen, mir fremden Menschen auseinanderzusetzen, war kraftraubend. Als ich die Wohnung gemietet hatte, hatte Vera noch in Charlotte gelebt. Sie war die Einzige, mit der ich mir vorstellen konnte, länger als drei Tage zusammenzuwohnen.
Nun aber lebte sie mit Killian zusammen.
Ihre Beziehung zu ihm war auch so etwas, das mir ein komisches Gefühl im Magen verursachte. Ich freute mich für meine Freundin. Sehr sogar. Ich strömte förmlich über vor Glück. Vera verdiente ein Happy End mit Märchenhochzeit. Derrek hatte ihr die Hölle auf Erden bereitet, und Killian war wie geschaffen für sie. Sie waren das #Paradebeispiel für Beziehungsziele. So übrigens verwendet man einen Hashtag richtig. Kapiert das endlich, ihr vom Grünanlagenamt.
Warum also kam ich mir im Stich gelassen vor?
Mit einem Haargummi von meinem Handgelenk band ich mir meine lange, fast schwarze Mähne zu einem Knoten zusammen, strich mir den Pony aus dem Gesicht, zog die Büroklamotten aus und warf ein übergroßes T-Shirt über, das ein Exfreund mal bei mir vergessen und nie zurückverlangt hatte. Ich hatte ihn aber auch nicht daran erinnert.
Dieser Brady … Brady-wie-hieß-er-noch-mal-gleich? Er war mir inzwischen egal, aber sein Highschool-Football-T-Shirt war extrem bequem, und davon wollte ich mich ungern trennen.
