The Something About Him - Rachel Higginson - E-Book

The Something About Him E-Book

Rachel Higginson

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Beschreibung

Zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten - und doch perfekt füreinander sind...

Dillon Baptiste hat es geschafft: Sie führt die Sterneküche eines der angesagtesten Restaurants in der Stadt - und merkt schnell, dass sie total überfordert ist. Da kann sie es gar nicht gebrauchen, dass Vann Delane, der große Bruder ihrer besten Freundin, in jeder Notlage auftaucht und versucht, den Ritter in glänzender Rüstung zu spielen. Dillon will niemanden, der sie rettet, und schon gar nicht Vann, der glaubt, alles besser zu wissen. Und doch schlägt ihr Herz jedes Mal schneller, wenn sie ihm begegnet ...

"Man verliebt sich beim Lesen gleich mit!" SCHMEXY GIRL BOOK BLOG

Abschlussband der OPPOSITES-ATTRACT-Serie von Bestseller-Autorin Rachel Higginson

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EPUB
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Seitenzahl: 486

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Liebe Leser*innen

Widmung

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

Nachwort der Autorin

Triggerwarnung

Danksagung

Die Autorin

Die Romane von Rachel Higginson bei LYX

Impressum

RACHEL HIGGINSON

THE SOMETHING ABOUT HIM

Roman

Ins Deutsche übertragen von Corinna Wieja

Zu diesem Buch

Dillon Baptiste kommt aus reichem Haus. Ihre Jugend bestand aus Glitzer, Glamour, Geld und Partys. Doch ein schreckliches Ereignis hat sie dazu veranlasst, ihr Leben komplett auf den Kopf zu stellen und ganz von vorne anzufangen. Nach einer Ausbildung zur Köchin arbeitet Dillon seither in einem der besten Restaurants der Stadt. Sie hat einen tollen Job, gute Freunde und doch will sie mehr vom Leben. Als ihr Bruder Ezra ihr den Posten als Küchenchefin in einem seiner Sternerestaurants anbietet, zögert sie daher keine Sekunde, obwohl ihr eigentlich die nötige Erfahrung fehlt. Schnell merkt sie jedoch, dass sie komplett überfordert ist, denn ihr Team tut sich schwer damit, sie als neue Chefin zu akzeptieren. Da kann sie es gar nicht gebrauchen, dass Vann Delane, der große Bruder ihrer besten Freundin, in jeder brenzligen Situation zur Stelle ist und ihr ständig gute Ratschläge gibt. Dillon will nicht gerettet werden und schon gar nicht von Vann, der glaubt, alles besser zu wissen. Und doch schlägt ihr Herz jedes Mal schneller, wenn sie ihm begegnet …

Liebe Leser*innen,

Dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte. Deshalb finden Sie hier eine Triggerwarnung.

Achtung: Diese enthält einen Spoiler.

Für Sam,

von dir lasse ich mich am liebsten ins Gespräch verwickeln.

Ich bin so froh, mit dir befreundet zu sein.

Danke, dass du deine Nummer auf die Rückseite eines Fotos deiner Kinder geschrieben hast.

Du weißt genau, wie man den besten ersten Eindruck hinterlässt.

1. Kapitel

Als kleines Mädchen sammelte ich Persönlichkeiten. In die Haut einer anderen Person zu schlüpfen war für mich Kunstform und heimliche Herausforderung zugleich, ein Wettbewerb mit mir selbst, den ich immer gewann. Je weniger von meinem eigentlichen Ich zum Vorschein kam, desto leichter fiel es mir, mich an die verschiedenen Situationen anzupassen, die ich durchleben musste.

Und je älter ich wurde, desto klarer erkannte ich, dass diese Erlebnisse meist zur Kategorie »schrecklich« oder »traumatisch« zählten. Zumindest traf dies auf jene Erfahrungen zu, die bei mir die deutlichsten Spuren hinterlassen hatten. Die größten Narben.

Ich vertraute auf diese Ersatzpersonen, in die ich wie ein Chamäleon hineinschlüpfte, um mich nahtlos einzufügen. Das Sammeln von verschiedenen Charakteren hatte mich immer wieder gerettet. Es war die einzige Konstante, auf die ich mich als Kind verlassen konnte. Und sie war mir bis ins Erwachsenenleben gefolgt, durch die rauen Gewässer des Alltags und Berufslebens, und half mir bei meinen Bemühungen, all das zu überstehen.

Für meinen Dad zog ich Prinzessinnenkleider an, schüttelte Erwachsenen die Hand und begrüßte sie mit einem kleinen Knicks. Ich ertrug die Geschäftskonferenzen, zu denen er mich noch spätabends schleifte, und gab vor, dass es mir Spaß machte, stundenlang die Wand anzustarren. Ich lächelte seine alternden Freunde mit schon schütterem Haar, aber mehr Geld, als ihnen guttat, freundlich an und gaukelte vor, dass es mir nichts ausmachte, wenn ihre Hände ungebeten über meinen Hintern streiften. Ich spielte die perfekte Tochter, und er gab den gleichgültigen, selbstsüchtigen Vater.

Für meine Mom trug ich Partykleider und High Heels und lachte über all die derben Witze, die ich noch nicht verstand. Ich badete geduldig ihre schlechten Entscheidungen aus und unterstützte sie in ihrer ungesunden Hörigkeit meinem Vater gegenüber. Ich machte keine Hausaufgaben, damit wir mit ihren zügellosen Freunden abhängen konnten. Ich erwähnte weder die Schultheateraufführungen, die sie vergaß, noch die Ballettproben, die ich ausfallen lassen musste, weil sie am Wochenende an den Strand fahren wollte. Ich war ihre beste Freundin, nicht ihre Tochter. Und sie liebte mich mehr als alles andere auf der Welt. Diese Liebe beruhte auf Gegenseitigkeit, auch wenn nur ich mich an die bitteren Fakten und schlechten Seiten unserer Beziehung erinnerte.

In der Schule bekam ich Supernoten und beantwortete jede Frage, wenn ich aufgerufen wurde. Ich war im Schülerrat und Sprecherin der Oberstufe. Ich gab Nachhilfe. Und war Kapitänin des Basketballteams. Wie jeder Teenager klaute ich den billigen Fusel aus der Bar meiner Mom, und Dads Geld finanzierte den Unfug, den wir anstellten. Ich sagte Ja zu allem und jedem. Jungs, Partys und Drogen, einem Leben voller Spaß und ohne Pflichten und Verantwortung. Auch wenn ich eigentlich Nein sagen wollte.

Und wenn ich tatsächlich mal Nein sagte, hörte niemand darauf. Ich hatte zu oft Ja gesagt, um noch ernst genommen zu werden. Ich spielte meine Rolle als Partygirl zu gut.

Alle meine Rollen spielte ich viel zu gut.

Ich war Dillon Baptiste, das Mädchen, das jeder mochte, weil es niemand kannte.

Jedenfalls kannte niemand mein wahres Ich.

Bis zum Schulabschluss hatte ich unzähligen Menschen hunderte von Rollen vorgespielt. Und ich hasste den Menschen, der ich vorgab zu sein.

Denn das war nicht ich.

Am Schlimmsten war jedoch, dass ich selbst nicht wusste, wer ich eigentlich war.

Und wusste es noch immer nicht.

In den ersten Jahren nach der Schule erwischte mich die Depression mit voller Wucht. Ich hatte keine Ahnung, welche Richtung ich einschlagen sollte, weil es kein Ziel in meinem Leben gab. Und ich hatte kein Ziel, weil ich nicht wusste, was ich wollte. Was daran lag, dass ich keinen blassen Schimmer hatte, wie ich das auch nur herausfinden sollte.

Und dann wurde mein Dad krank.

Kein Therapeut der Welt hätte das Chaos in meinem Kopf entwirren können. Meine Gedanken überschlugen sich, als ich zusehen musste, wie der Mann, den ich gleichermaßen liebte und hasste, einer Krankheit erlag, die er nicht mit Geld verschwinden lassen konnte.

Das waren dunkle, schwere Jahre.

Zu diesem Zeitpunkt tauchte Ezra in unserem Leben auf, um seinem Vater beizustehen. Wie ein Ritter in schimmernder Rüstung eilte er herbei, um all die Katastrophen in Ordnung zu bringen – mich eingeschlossen.

Vor allem mich.

Unser Dad war schon zu krank, als dass ihm Ezra noch hätte helfen können. Aber ich war noch nicht völlig verloren. Zumindest war ich bei körperlicher Gesundheit.

Und so begann er den langsamen, mühsamen Prozess, mich aus dem schwarzen Abgrund zu ziehen, in den ich mich hatte fallen lassen. Ich klammerte mich nicht an ihn wie an all die anderen Menschen in meinem Leben. Ich beobachtete ihn. Und lernte von ihm. Und schließlich versuchte ich, wie er zu werden.

Nicht wortwörtlich, natürlich.

Ich mochte seine Macken. Er war unnahbar. So mühelos kaltschnäuzig. Er kam aus ärmlichen Verhältnissen, aber er trat so auf, als gehörte er in meine Welt. Er behandelte jeden herablassend, bis auf mich. Unfähigkeit und Dummköpfe konnte er nicht ertragen, und er ließ sich von niemandem die Butter vom Brot nehmen, denn er wusste, wie er bekam, was er wollte.

Vor allem aber wusste er, was er wollte.

Ich war vom ersten Augenblick an hingerissen von meinem neuen älteren Bruder, der sich selbstlos um andere Menschen kümmerte, ohne selbst jemanden an sich heranzulassen.

Ich wollte seine … Rüstung.

Ezra hatte bereits ein Leben, bevor er in meines trat. Er liebte gutes Essen. Diese Liebe hatten sein Freund Killian und ihre gemeinsame Pflegemutter Jo in ihm geweckt – seine kleine verlässliche Sippe, die einzigen Menschen, denen er näherstand und vertraute. Wenn sie Rezepte entwickelten und kochten, erlebte ich sie so offenherzig und ausgelassen wie sonst nie.

Später erschien Elena auf der Bildfläche. Ich konnte sie von Anfang an nicht ausstehen, befürchtete aber, es mir mit meinem Bruder zu verderben, also hielt ich die Klappe. Ezra heiratete sie und verschwand wieder eine Weile aus meinem Leben. Die beiden wollten ein Restaurant eröffnen. Für sie begann ein neues Leben. Da war kein Platz für eine verwöhnte kleine Halbschwester, die in Kummer und Verwirrung versank und genau genommen nicht eine einzige Sache benennen konnte, für die sie wirklich brannte.

Ich machte wieder Party und hatte auch jede Menge Bekannte, die mir bereitwillig halfen zu vergessen, wie es war, wenn sich jemand um einen kümmerte, der mich um meiner selbst willen mochte. Weil ich so war, wie ich war.

Ich kramte meinen geheimen Vorrat an Persönlichkeiten hervor und tauchte wieder in die dunkle, deprimierende Welt ab, die mir die wahre Bedeutung von »am Tiefpunkt angekommen« klarmachte. Glitzer, Glamour, Geld und Partys und all die anderen hübschen Belanglosigkeiten, mit denen ich mir in diesen Jahren die Zeit vertrieb, hatten jedoch einen Preis – einen Preis, den ich teuer mit meiner Seele bezahlte.

Ich hatte angenommen, ich wäre bereits ganz unten, und hatte keinen Schimmer davon, wie schlimm es noch kommen würde. Ich hielt mich bereits für verloren, verdorben, eine gescheiterte Existenz. Doch musste ich schnell erfahren, dass die wahre Bedeutung dieser Worte weit schärfere, tödlichere Zähne hatte, die sich, hatten sie erst einmal zugebissen, bis auf die Knochen in mein Fleisch gruben und nicht mehr losließen. Verwundet, blutend und einsam blieb ich zurück.

Schließlich kehrte Ezra zurück, nur dieses Mal brachte er das Kochen mit. Nicht einfach gutes Essen, sondern die Kunst des Kochens. Und wie man daraus ein Geschäft macht.

Und er rettete mich ein zweites Mal.

Von da an habe ich mir noch mehr von ihm abgeguckt. Aus schierer Notwendigkeit. Aus dem Bedürfnis, meinen Fall abzufedern, mein Überleben zu sichern, und damit ich mir eine Wirklichkeit ausmalen konnte, die anders war als die Realität.

Ich suchte verzweifelt nach einem Sinn im Leben. Ich gierte nach etwas, das die gähnende Leere in mir ausfüllte und mir das Gefühl nahm, dass etwas mit mir nicht stimmte.

Mich vergessen ließ, wie tief verletzt ich war.

Als Ezra mich in die Welt des Kochens einführte – in wirklich gute Kochkunst voll Herzblut und Leidenschaft –, saugte ich alles auf wie ein Schwamm. Eigentlich war Kochen gar nicht mein Ding, aber irgendwann, umgeben von Öfen, Hitze und Gewürzen, fand ich zu mir.

Inmitten einer Küche, in Schweiß gebadet und voller Fettspritzer, entdeckte ich, wer ich wirklich war.

Das war das größte Geschenk, das Ezra mir je hatte machen können. Ein Geschenk, für das ich ihm nicht einmal danken konnte, ohne zuzugeben, wie verkorkst ich eigentlich war, und selbst dann würde er nur meine äußere Fassade sehen. Meine Fehler. Nicht mehr die hübsche Schwester, die er so innig liebte, sondern das hässliche verstörte Wrack.

Diese Seite von mir hielt ich gut versteckt, auch wenn das Kochen Balsam für meine Seele war, die Wärme heilend, und die Herdflammen neue Lebensfreude in meinem angeschlagenen Körper entfachte. Und ich schlüpfte in eine letzte Rolle, um all meine Ecken und Kanten zu glätten. Ich wurde die Frau, die vorgab, es ginge ihr immer gut und alles wäre spaßig und toll. Ich schuf mir eine zweite Haut, die den Anschein von Normalität erweckte. Und ich beschloss, sie für den Rest meines Lebens zu tragen.

Ezra gehörten mehrere Restaurants, daher machte ich eine Ausbildung zur Köchin, um für ihn zu arbeiten. Das erschien nur folgerichtig für meine neue Persönlichkeit. Ich wusste, dass er es für vernünftig hielt. Zwar könnte ich niemals all die komplizierten Gründe erklären, warum ich mich ins Kochen verliebte, aber das musste ich ja auch nicht. Ich kam aus einer Familie, in der Essen schon immer eine große Rolle gespielt hatte. Kochen war meine Gegenwart. Und würde auch meine Zukunft sein.

Die meiste Zeit machte es Spaß, für meinen Bruder zu arbeiten.

Aber dieses Mal war er zu weit gegangen.

Er hatte eine Grenze überschritten, verdammt.

»Das schaffe ich nicht«, hauchte ich und schnappte panisch nach Luft. Meine aufgesetzte Frohnatur-Persönlichkeit entglitt mir bereits, aber ich war viel zu perplex, um mich darum zu scheren.

Mein Bruder lächelte vom Empfangspult des berühmt-berüchtigsten seiner Restaurants, dem Bianca, zu mir herüber. »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Dillon.«

»Das ist nicht dein Ernst.« Die Worte kamen als Flüstern heraus, und ich hoffte, er hielt meine Reaktion für Überraschung und nicht für das Zischen der Schlange, die in mir zum Vorschein kommen wollte. Mein Geburtstag war zwei Wochen her. Wir hatten Nummer siebenundzwanzig bereits gefeiert. Er hatte mir einen Vakuumgarer für zu Hause geschenkt. Das hier konnte nur ein schlechter Scherz sein.

Sein Grinsen wurde breiter – es war ein wirklich seltener und ungewohnter Anblick, ihn so glücklich zu sehen. »Das ist mein voller Ernst.«

»Ezra, ich kann doch nicht …«

»Ich weiß, was du denkst«, fiel er mir ins Wort. »Aber du bist die optimale Besetzung für diese Küche. Und das Personal arbeitet schon seit über einem Jahr eigenständig ohne Küchenchef. Sie werden dir während des Übergangs helfen, bis du dich in die Position eingefunden hast.«

»Ich habe meinen Abschluss doch gerade erst gemacht. Ich bin noch keine zwei Jahre im Lilou.« Mein barscher Tonfall schreckte ihn jedoch nicht ab. Im Gegenteil, in seinen Augen lag dieses gewisse Funkeln, das mir verriet, er würde nicht nachgeben. Nicht jetzt. Niemals. Ich würgte den Kloß aus Zweifeln, Frust und jeder Menge Angst die Kehle hinunter. »Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie man ein Restaurant führt. Ich dachte, du willst das Bianca retten, nicht in den Sand setzen!«

»Du wirst es nicht in den Sand setzen«, entgegnete er geduldig.

»Schön. Dann mache ich etwas noch Schlimmeres. Es abfackeln. In die Luft jagen. Auf den verdammten Mond schießen.« Die in mir aufsteigende Hysterie schwappte förmlich aus meinem Mund. »Ezra, ich bin nicht qualifiziert für dieses Restaurant! Bist du völlig verrückt geworden?«

Sein Lächeln erstarb, und sein typisches Stirnrunzeln kam zum Vorschein. »Scheinbar bist du es, die verrückt geworden ist, Dillon! Das ist eine einmalige Gelegenheit.«

Ich widerstand dem Drang, die Augen zu verdrehen. »Ja, eine einmalige Gelegenheit, meine Karriere in Rauch aufgehen zu lassen. Und ich werde es dir nie verzeihen, wenn du mich feuerst. Was unweigerlich passieren wird, denn das schaffe ich nie. Und dann werden wir uns zerstreiten und sind am Ende geschiedene Leute. Willst du das?«

»Du wirst deine Sache gut …«

»Ich bin nicht gut genug fürs Bianca, Ezra. Ich will das Restaurant nicht. Jedenfalls noch nicht.«

Bekümmert zog er die Augenbrauen zusammen. »Ich kann aber nicht länger warten. Das Bianca braucht einen fähigen Küchenchef, der das Ruder übernimmt. Und ich will dich dafür. Wenn ich jemand anderen dafür auswählen muss, dann wird er kein Lückenbüßer sein. Ich werde mir den besten Chefkoch schnappen, den ich kriegen kann. Wenn du jetzt nicht übernimmst, wirst du die Leitung vielleicht niemals bekommen.«

»Ezra, verdammt noch mal. Lass mich doch erst einmal genügend Erfahrung sammeln, bevor du mir eine so verantwortungsvolle Stelle gibst.«

Er schüttelte den Kopf. »Ich wünschte, das könnte ich.«

Die Tür zur Küche schwang auf, und unsere Freunde schlenderten in den Gastraum. »Herzlichen Glückwunsch!«, riefen sie einstimmig.

Ich hätte am liebsten geheult.

Molly und Vera kamen, Ballons in den Händen, zu mir herüber. Kaya präsentierte mir eine lächerlich teure Flasche Champagner. Wyatt hielt eine gestärkte weiße Kochmütze in der Hand, auf die die Lilie des Bianca gestickt war. Killian bildete das Schlusslicht. Er schob einen Wagen mit einer gigantisch großen Torte darauf vor sich her.

Ich blinzelte beim Anblick des Zuckergussalbtraums. »Herzlichen Glückwunsch, Chef Dillon« stand darauf.

»Ist die Torte aus dem Laden?«

Alle brachen in verlegenes Lachen aus. Entschuldigungen, dass so wenig Zeit war und niemand wusste, wer sich tatsächlich darum kümmern würde und welche Geschmacksrichtung ich am liebsten mochte, flogen hin und her.

Es fiel wirklich schwer, sich ein Lächeln zu verkneifen, wenn Freunde den Raum mit ihrem Gelächter erfüllten. Und wenn ich den Blick über das elegante Ambiente schweifen ließ, den offen gestalteten Raum und Biancas Augen in dem atemberaubenden Gemälde, mit dem Molly die breite Wand verschönert hatte, war es fast unmöglich, das Restaurant nicht zu wollen. Wenn ich dabei obendrein an den angeschlagenen Ruf des Bianca dachte, und die Schwierigkeiten, in denen es in den vergangenen Jahren gesteckt hatte, konnte ich nicht leugnen, dass ich ihm gern neues Leben einhauchen würde.

Ich wollte das Restaurant.

Ich wollte es unbedingt.

Aber ich war ein Frischling. Noch grün hinter den Ohren. Und in meinen schlimmsten Momenten hoffnungslos ignorant. Ich schipperte immer noch in unbekanntem Fahrwasser, vollauf damit beschäftigt herauszufinden, was ich alles noch nicht wusste.

Zugegeben, ich hatte seit meiner Ausbildung in mehreren Restaurantküchen gearbeitet. Und davor bereits als Kellnerin. Mein Bruder war ein genialer Geschäftsmann und Gastronom. Meine besten Freunde waren Köche.

Wie so oft in meinem Bilderbuchleben verfügte ich über die besten Voraussetzungen für diese Stelle. Mir mangelte es bloß am verdammten Know-how. Wie konnte es Ezra wagen, mir so einen Leckerbissen vor die Nase zu halten, obwohl er wusste, dass ich ablehnen musste?

»Sie will das Bianca nicht.« Ezras unwirsche Stimme unterbrach die Heiterkeit im Raum, und im Nu herrschte Frostatmosphäre.

Grundgütiger, er konnte ein echter Mistkerl sein, wenn er es darauf anlegte.

Killian fand seine Stimme zuerst wieder. Sein ungläubiges »Wie bitte?« hallte durch den Raum.

»Sie will das Bianca nicht. Es gibt keinen Grund zu feiern.«

Alle Augen richteten sich auf mich. Meine Freunde schauten mich an, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank. Und vielleicht war ich tatsächlich verrückt, diese »einmalige Gelegenheit«, wie Ezra es so unmissverständlich ausgedrückt hatte, auszuschlagen.

Noch verrückter wäre es allerdings, wenn ich die Stelle annähme.

Die Reaktion meiner Freunde traf mich wie eine Faust in den Magen, und mir brannte das Herz vor lauter Verzweiflung, die Menschen, die ich so sehr mochte, zu enttäuschen. Sie kannten mich als Sonnenschein, bei dem immer alles super war. Immer.

In ihren Mienen las ich Verblüffung und Erstaunen. Eigentlich müsste es eine Selbstverständlichkeit für mich sein, den Posten anzutreten und meinen Platz in ihrer Mitte anzunehmen.

Alle waren Küchenchefs oder besaßen ein eigenes Restaurant. Sie alle waren karriereorientiert und ambitioniert. Mit mir im Raum befand sich die Crème de la Crème der Gastronomieszene von Durham. Sie beeinflussten die Gastrokultur in unserem Teil der Welt.

Warum also sollte ich mich nicht ihrer Mission anschließen, einem breiteren Publikum ein Genusserlebnis vom Feinsten zu bieten? Warum wollte ich nicht Teil der Food-Revolution Durhams, North Carolina, werden?

Warum wollte ich meinen Namen nicht in den Hackklotz des Who-is-Who der heiligen Hallen der Gastronomiebranche schnitzen?

Aber es wäre nicht angemessen, mich mit ihnen zu vergleichen. Ich spielte noch nicht einmal in derselben Liga.

Sie waren Meister ihres Fachs.

Und ich hatte immer noch von ihnen zu lernen.

Wie konnte ich da also eine von ihnen werden?

Im Raum herrschte bleiernes Schweigen. Ich öffnete den Mund, um meine Absage zu erklären, zu entschuldigen oder wenigstens irgendetwas zu sagen, aber ich brachte kein einziges Wort heraus.

»Aber wir essen den Kuchen doch trotzdem, oder?«

Alle gerieten gleichzeitig in Bewegung und wendeten sich synchron der Stimme zu, die die angespannte Stille durchbrochen hatte. Vann Delane lehnte lässig an der Wand neben der Schwingtür zur Küche, die Arme über der Brust verschränkt, die Beine an den Knöcheln überkreuzt.

»Ist das dein Ernst?«, giftete Vera.

Er zuckte mit den Schultern und deutete mit seinem glatt rasierten Kinn in Richtung des Metallwagens mit der weiß glasierten Torte. »Ich sag nur, das ist eine tolle Torte. Viel zu schade, um sie in den Müll zu werfen.«

Ich knirschte mit den Zähnen. Aus unerfindlichen Gründen war ich wütend auf diesen Fremden im Raum. Okay, alle anderen kannten Veras Müsli liebenden Bruder gut, ich jedoch nicht. Und das war schließlich meine verdammte Party.

Äh, meine Selbstmitleidsorgie.

Wegen mir konnte er sich die Torte gern in seine Radlerhosen schieben. Was nicht heißen sollte, dass er im Moment Radlerhosen trug. Es sei denn, sie versteckten sich unter seiner engen braunen Hose.

Vera ergriff das Wort, bevor ich meine Meinung laut aussprechen konnte.

»Seit wann magst du Torte?«

»Warum sollte ich keine Torte mögen?«

»Weil da Zucker drin ist«, erinnerte Vera. »Und Gluten. Haufenweise Gluten.«

Er besaß die Frechheit, gekränkt auszusehen. »Ich esse nicht glutenfrei.«

Vera hob die Augenbrauen.

Er zuckte mit den Schultern. »Gut, ich vermeide es, wenn ich kann. Aber ich bin nicht anti Gluten oder so was. Tatsächlich mag ich es sogar. Natürlich nur in Maßen.«

Machte der Kerl Witze?

»Die Torte sieht lecker aus«, fuhr er fort. »Ich sag ja nur, dass wir sie nicht wegwerfen sollten.«

»Niemand wird sie wegwerfen«, erwiderte ich schroff, weil ich mich nicht länger beherrschen konnte. Ich wollte diese unbehagliche Situation beenden. Sie sollten alle verschwinden. Und der Kuchen gleich dazu. Ich wollte nur noch weg.

Ezra und ich würden uns vermutlich ein wenig ausführlicher darüber unterhalten müssen, warum ich sein außerordentlich großzügiges Angebot ablehnen musste. Ich würde mich während des Gesprächs irgendwann zu einer Kugel zusammenrollen und weinen müssen, vermutlich eine existentielle Krise inklusive. Bei all dem wollte ich keine Zeugen, schon gar nicht den tortenbesessenen Vollpfosten in der Ecke.

Vann stieß sich von der Wand ab und stützte die Hände in die schmalen Hüften. »Ich hole Teller«, sagte er, als wäre das die genialste Idee der Welt.

Kaum war er in der Küche verschwunden, hefteten sich die Blicke meiner Freunde und meines Bruders wieder auf mich.

»Warum willst du nicht Küchenchefin im Bianca werden?«, fragte Kaya. Sie zog die Augenbrauen unter ihrem leuchtend violetten Pony zusammen. Den knalligen Pixieschnitt, Boss-Bitch, wie sie ihn nannte, trug sie noch nicht lange. Das gesamte Paket, einschließlich der neuen Frisur, passte prima zu ihr und dem Sarita.

»Ich will das Bianca«, antwortete ich geduldig. »Nur bin ich jetzt noch nicht bereit dafür.« Als alle protestierten, hob ich eine Hand und erklärte: »Hey Leute, ich arbeite erst seit gut einem Jahr in einer richtigen Restaurantküche. Ich bin noch nicht fit genug. Es reicht gerade mal, um für Wyatt zu arbeiten.«

»Stimmt doch gar nicht«, behauptete Kaya. Das war mein Mädchen. Meine Küchenfee, die mit mir durch dick und dünn ging. Meine funkelnde Vampirbusenfreundin. Und die ehrgeizigste Frau, die ich kannte. Kein Wunder, dass sie mein Zögern nicht nachvollziehen konnte. Vermutlich hatte sie sich schon im Mutterleib darauf vorbereitet, es mit der Welt aufzunehmen und Fünfsternemenüs zu kochen. »Du bist eine der besten Köchinnen, die ich kenne, Dillon. Das Bianca kann sich glücklich schätzen, dich zu bekommen.«

»Und ich auch«, bestätigte Ezra. »Jetzt komm schon, Dillon. Ich bin diese eingebildeten Küchenchefs so leid, die meine Restaurants nicht führen können, weil sie sich von ihrem gigantischen Ego leiten lassen, statt von der Vernunft. Oder ihrer Kreativität. Ich brauche jemanden, der frischen Wind reinbringt. Der jung ist. Und Angst vorm Versagen hat.« Er atmete tief durch und setzte seinen unwiderstehlichen Welpenblick schamlos für seine Zwecke ein. »Ich brauche dich, Schwesterherz.«

Es herrschte Totenstille, bis Killian das Schweigen brach: »Irgendwie fühle ich mich jetzt beleidigt.«

»Ich mich auch«, sagte Wyatt.

»Dann sind wir schon drei«, brummte Kaya.

Vera wippte auf den Fußballen hin und her. »Ich habe nie für Ezra gearbeitet«, erklärte sie in die Runde. »Genau genommen habe ich sein Angebot abgelehnt.«

»Ich bin noch nicht so weit«, beharrte ich.

Bevor jemand etwas darauf erwidern konnte, steckte Vann den Kopf durch die Tür. »Ich hätte vorher fragen sollen, aber wo sind noch mal gleich die Teller?«

Ein einstimmiges genervtes Seufzen erfüllte den Raum, aber mir kam die Unterbrechung wie gerufen. »Warte, ich helfe dir.« Ich drängte mich an meinen Freunden vorbei und lief zu Vann in die Küche, in der Hoffnung auf einen ruhigen Moment.

Aber kaum war ich in der Küche, hatte ich schon vergessen, was ich hier wollte. Ich ging zum nächstbesten Küchentresen und legte die Hände auf die kühle Edelstahlfläche. Das Licht war noch ausgeschaltet, und in dem noch unbelebten Raum war nur das Surren der Kühlschränke zu hören.

»Mistkerl«, knurrte ich mit Blick auf meine manikürten Nägel. Ich schloss die Augen vor dem Geist, diesem lebenden, atmenden, hartnäckigen Etwas, das die Küche bewohnte und von jedem Koch Besitz ergriff, der hier arbeitete.

Aber er ging mir unter die Haut und setzte mein Blut in Flammen. Ich atmete tief ein, und meine Lungen füllten sich mit der ansteckenden Sehnsucht, hierbleiben zu wollen.

»Ich hab die hier gefunden«, verkündete Vann und riss mich aus der Gedankenverlorenheit. Ich öffnete die Augen und sah ihn, auf der anderen Seite der Theke stehend, mit einem Stapel großer Hauptspeisenteller in der Hand. Reflexartig verspannten sich meine Muskeln, aus Sorge, dass er sie fallen lassen würde, noch bevor er es damit zur Tür schaffte.

Eine Mischung aus Angst, Beklommenheit und einem Anflug von idiotischer Hoffnung kroch meine Kehle hoch, und ich schaffte es nicht, ihm eine ordentliche Anweisung zu geben. »Warum bist du so versessen auf Kuchen?«

Er stellte die Teller mit mehr Geschicklichkeit auf die Theke, als ich ihm zugetraut hätte, und musterte mich mit herablassender Arroganz. »Deshalb bin ich hier. Und du doch auch, Himmel noch mal.«

Ich schüttelte den Kopf und bestand trotzig auf meine Entscheidung. Meine blond gelockte Mähne tanzte wie Medusas Schlangen um meine Schultern. »Nein, deshalb bin ich ganz und gar nicht hier. Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukommen würde. Ezra hat mich herbestellt, weil er angeblich meinen Rat zu einem neuen Menü haben wollte. Mir die Stelle der Küchenchefin anzubieten, kam aus heiterem Himmel.«

Ich hatte das Gefühl, dass er sich nur mit Mühe ein Augenrollen verkniff. »Aber du hast es doch bestimmt geahnt.«

»Ja, vielleicht«, gab ich zu, weil ich nicht lügen wollte. Ezra hatte seit dem Ende meiner Ausbildung gewisse Andeutungen gemacht. Ich wusste schon länger, dass er mir dieses Restaurant anvertrauen wollte. Und in letzter Zeit wurde mir klar, dass er mir die Stelle lieber früher als später geben wollte. Aber heute? Damit hatte ich nicht gerechnet. Nicht mal innerhalb der nächsten fünf Jahre. »Trotzdem hat es mich überrascht. Ich habe angenommen, er würde mir noch ein paar Jahre Zeit geben, um Erfahrungen zu sammeln, bevor er mir die Chance meines Lebens an den Kopf knallt.«

Dieses Mal verdrehte er tatsächlich die Augen. »Sei ehrlich, du hattest nie vor, die Stelle anzunehmen. Das hättest du ihm gleich von Anfang an sagen sollen.«

Das Feuer in mir verwandelte mich in einen wütenden Drachen. »Wie bitte?«

»Wir sind hier wegen des Kuchens«, wiederholte er. »Du und ich, wir beide.«

»Was genau willst du damit sagen?«

Er schob die Teller in die Mitte der Arbeitsinsel, kam näher und streifte mit seiner Hand über die kühle Metallfläche. »Ich kenne dich nicht, und selbst ich sehe auf den ersten Blick, dass du für diesen Job nicht gemacht bist.«

»Ach, und wie kommst du darauf?«

»Erstens, weil es harte Arbeit ist. Und weil ich von Vera weiß, dass der Küchenchef, der das Bianca übernimmt, sowohl privat als auch in der Küche ein hartgesottener Typ sein muss. Dieses Restaurant braucht jemanden, der es wiederbeleben kann. Der es in Schuss bringt. Du bist zu weich dafür.«

»Zu weich?«

Er lächelte, aber es war ein sarkastisches, selbstzufriedenes Lächeln. »Du bist ein nettes Mädchen, Dillon. Sanft. Zartbesaitet. Du hast Angst, die Gefühle anderer zu verletzen. In dieser Küche würdest du bei lebendigem Leib gefressen und wieder ausgespuckt werden. Und das weißt du auch.«

Mir stellten sich die Haare im Nacken auf, und ich hätte schwören können, dass meine Nägel zu Krallen wurden. Am liebsten wäre ich über die Theke gesprungen und hätte ihn erwürgt.

Aber das tat ich nicht.

Immerhin war ich eine Dame mit Manieren.

Was seine Anschuldigungen nur bestätigte und mein Verlangen, ihn zu erwürgen, gleich verdoppelte.

»Ich nehme den Job nicht an, weil ich meinem Bruder damit einen Gefallen tue«, zischte ich, damit er verstand, dass nichts von dem, was er da über mich behauptete, zutraf. »Wenn er noch ein Jahr gewartet hätte, oder drei, hätte ich die Stelle mit Kusshand genommen. Aber die harten Fakten sind nun mal, dass ich erst noch Erfahrung sammeln muss. Das hat nichts damit zu tun, dass ich so ein netter Mensch bin.«

Er schenkte mir ein schmallippiges Lächeln. »Gute Ausrede. Und du brauchst eine gute, wenn du vorhast, sie dir die nächsten dreißig Jahre einzureden.«

Er wollte an mir vorbei, aber ich griff blitzartig nach seinem Arm und grub meine Finger in seinen Bizeps, bevor er abhauen konnte. »Was weißt du denn schon, verdammt noch mal?«

Er drehte sich zu mir um und bedachte mich mit einem fieberhaften Blick aus seinen silbergrauen Augen, der für meinen Geschmack viel zu aufmerksam und eindringlich war. »Ich kenne mich mit netten Mädchen aus.« In seiner Stimme schwang pure Abscheu. »Und du, Dillon Baptiste, bist der Inbegriff eines netten Mädchens.«

Er entzog sich meinem nachlassenden Griff, und seine Worte hallten noch durch die Luft, als er mich einfach in der Küche stehen ließ.

Nun, da ich mit meinen Gedanken und dem Stapel Teller allein war, wurden mir zwei Dinge klar.

Erstens: Vann Delane war ein kompletter Idiot, und ich war dankbar, dass ich mich mit seinen blöden Bemerkungen nicht schon früher hatte herumschlagen müssen.

Und zweitens: Er hatte recht. Das waren genau die Ausflüchte, die ich mir die nächsten dreißig Jahre einreden würde. Ich wusste, Ezra meinte es ernst damit, einen anderen Chef einzustellen. Er würde so lange suchen, bis er den Passenden gefunden hatte, jemanden, der bis zum bitteren Ende durchhielt. Oder zumindest für einen Großteil des nächsten Jahrzehnts.

Wenn ich mir das Bianca jetzt nicht schnappte, würde sich die Gelegenheit vielleicht nie wieder bieten. Mochte sein, dass sich unsere Wege in der Zukunft ab und zu kreuzten, aber zwischen uns lägen Welten, und wir würden niemals zusammenfinden und ich nie in dieser Küche arbeiten.

Ich strich über den obersten Teller auf dem Stapel. Könnte ich mit meiner Entscheidung leben, wenn ich die heutige Chance fahren ließe? Könnte ich die Enttäuschung überwinden, niemals Küchenchefin dieses Restaurants zu werden?

Schon seit Anbeginn meiner Kochausbildung war das Bianca der Traum, hinter dem ich herjagte. Meine gastronomische Reise hatte mich genau zu diesem Moment geführt.

Gut, ich hätte es vorgezogen, wenn dieser Moment ein paar Jahre später eingetreten wäre, aber das stand nun nicht mehr zur Debatte.

Und Ezra glaubte an mich. Das zählte doch auch etwas, oder nicht? Außerdem konnte er mich nicht so einfach feuern. Wenn er mich zu dieser Stelle überredete, würde er auch die Konsequenzen tragen müssen.

Ob gut oder schlecht, wir saßen beide im selben Boot.

Außerdem hatte das Küchenteam dieses Boot beinahe ein Jahr lang ohne Kapitän über Wasser gehalten. Es ging das Gerücht um, dass sogar Ezra manchmal eingesprungen wäre. Wenn er diese Küche ohne offizielle Ausbildung und Praxiserfahrung führen konnte, dann ich ja wohl erst recht. Oder?

Auch meine Freunde spielten eine nicht unbedeutende Rolle in diesem Entscheidungsfindungsprozess. Im Gastraum tummelten sich Spitzenköche, die die kulinarische Szene von Durham rockten. Und diese Superstarköche glaubten an mich. Sie waren hergekommen, um mich zu feiern.

Warum stand ich mir also selbst im Weg?

Warum ließ ich den Traum zerplatzen, der mir geholfen hatte, zahllose grässliche Abende durchzustehen, an denen ich für durchgeknallte Egomanen gearbeitet hatte? Warum gab ich die Hoffnung auf, die mir Trost gespendet und über schreckliche Erinnerungen an ein Leben hinweggeholfen hatte, das ich nie wieder führen wollte? Warum wollte ich auf eine tolle Küche und ein hervorragendes Restaurant verzichten, dessen Ruf ausgezeichnet sein könnte? Weil ich Angst hatte?

Warum? Weil ich immer die falsche Entscheidung traf.

Trotz meines guten Elternhauses hatte ich einen grässlichen Geschmack und kein gutes Gespür.

Sechs Jahre Zölibat und Jahre voller Erinnerungen, die ich unbedingt vergessen wollte, belegten dies eindrücklich.

Ich nahm den obersten Teller, umschloss den weißen Porzellanrand mit den Fingern und drückte ihn fest an meine Brust, direkt über meinem Herzen.

Das Bianca gehörte mir.

Es war für mich wie geschaffen.

Und ich wäre bescheuert, wenn ich es einem anderen Koch überließe.

Auf dem Absatz meiner Sam-Edelman-Stiefeletten machte ich kehrt, schob mich durch die Schwingtür in den Gastraum und verkündete, den Teller fest umklammert: »Ich habe meine Meinung geändert. Ich übernehme das Bianca.«

2. Kapitel

»Das ging schnell.« Mein Bruder hatte mit Killian und Wyatt die Köpfe zusammengesteckt, zweifellos um zu beratschlagen, wie sie mich doch noch umstimmen könnten.

»Ich habe darüber nachgedacht«, verkündete ich und ignorierte dabei das mulmige Gefühl. »Und mir ist klar geworden, dass das wirklich die Chance meines Lebens ist. Ich befürchte, wenn ich sie ausschlage, zerplatzt ein lang gehegter Traum.«

»Ich werde immer einen Arbeitsplatz für dich haben …«

»Das weiß ich«, fiel ich Ezra ins Wort. »Aber ich will das Bianca. Ich habe es schon immer gewollt. Abgesehen davon nehme ich euch alle in die Pflicht, dafür zu sorgen, dass ich es nicht vermassele.«

»Du wirst wundervoll sein«, versicherte Vera.

Gleichzeitig meinte Kaya: »Wir werden schon nicht zulassen, dass du dich blamierst, keine Sorge.«

Ich hoffte, die Wahrheit lag irgendwo in der Mitte.

Ein Schwall Glückwünsche prasselte auf mich ein, und Molly fragte verwundert, ob sie mir den Teller abnehmen dürfte, den ich immer noch umklammert hielt, als hinge mein Leben von ihm ab. Jemand holte die richtigen Kuchenteller, und ein anderer schnitt die Torte auf und reichte mir ein Stück.

Der Champagnerkorken knallte, gefolgt von Gelächter. Vann konnte ich nicht mehr entdecken. Offenbar war er gegangen, bevor die Torte angeschnitten wurde. Ha! Dieser Blödmann.

Ich dachte daran, wie er in dieser eng geschnittenen braunen Hose vor mir gestanden hatte, die ihn eigentlich unmännlich hätte wirken lassen sollen, aber stattdessen den Eindruck vermittelte, dass er für einen Junggesellen einen ziemlich lässigen Style besaß. In Kombination mit dem cremefarbenen Shirt mit Knopfleiste und den teuren Retro-Nikes war sein Look geschmackvoll abgestimmt.

Und das ging mir aus unerfindlichen Gründen gegen den Strich.

Mir wäre es lieber gewesen, er hätte nach Hanföl gerochen und einen kleinen Bierbauch gehabt. In der Küche hatte er meine Gefühle verletzt. Er war auf meinen Träumen herumgetrampelt und hatte mich verspottet. Er hatte das Einzige getan, was ich absolut unverzeihlich fand – er hatte mich nicht ernst genommen.

»Ich wusste gar nicht, dass dein Bruder so ein Idiot ist«, sagte ich zu Vera, als wir die Teller zusammenräumten, nachdem alle erst meckernd im Kuchen herumgestochert hatten, um ihn dann natürlich vollständig wegzuputzen.

»Wer? Vann?«

Ich schaute sie verwundert an. »Hast du noch einen anderen Bruder?«

Lachend spielte sie mit dem Verlobungsring an ihrem Finger. »Nein. Nur den einen.« Sie räusperte sich, und mir ging auf, dass ich sie gekränkt hatte.

»Oh nein. Du bist sauer auf mich. Tut mir leid, Vera! Das sollte nur ein Scherz sein. Ich wollte damit nicht sagen, dass er wirklich ein …«

»Oh, du lieber Himmel«, fiel sie mir ins Wort. »Hör auf, dich zu entschuldigen. Er ist ein Idiot. Vor allem bei Leuten, die er nicht kennt, tritt er häufig ins Fettnäpfchen. Als er seinen Fahrradladen eröffnet hat, haben mein Dad und ich Wetten abgeschlossen, worüber sich die Leute wohl am meisten beschweren würden. Allerdings ist er ziemlich klug. Ich glaube, das ist der Grund, warum er sich manchmal wie ein überheblicher Klugscheißer verhält. Außerdem ist er ein Geizkragen. Seine Sparsamkeit kommt nicht sehr sympathisch rüber. Und ganz ehrlich, was Frauen angeht, ist er die totale Niete. Ich kann mich nicht erinnern, wann er zum letzten Mal ein zweites Date hatte. Die Frauen suchen vor ihm das Weite. Also, nicht sofort natürlich. Er bringt sie immerhin dazu, mit ihm auszugehen. Doch spätestens nach der Getränkebestellung schicken sie SOS-Botschaften, um sich vor ihm retten zu lassen, egal von wem.«

Auch wenn es auf Kosten ihres Bruders war, musste ich unwillkürlich lachen. »Aber du bist ein wunderbarer Mensch«, stellte ich fest.

Sie strahlte mich an. »Ich weiß.«

»Ist er deshalb noch Single? Weil die Frauen sich von ihm einschüchtern lassen?«

Sie verdrehte die Augen. »Ja. Und er hört nicht auf, sich mit Mädchen zu verabreden, die nur nett sind. Die tun ihm nicht gut. Er braucht eine Frau mit Willensstärke. Die Art von Frau, die sich nicht kleinmachen und noch vor dem zweiten Date in die Flucht schlagen lässt. Ich sage ihm ständig, er soll aufhören, nette Mädchen zu daten und sich besser eine Frau mit Vorstrafenregister suchen. Oder zumindest eine, die auch mal Regeln übertritt und ihm die Stirn bieten kann. Aber hört er auf mich? Nein. Das tut er nicht.«

»Na, dann wünsche ich ihm viel Glück«, murmelte ich. Ich kenne mich mit netten Mädchen aus, hatte er zu mir gesagt. Und du, Dillon Baptiste, bist der Inbegriff eines netten Mädchens.

Ich nagte an meiner Unterlippe, als mir die Beleidigung erneut durch den Kopf ging. Er hatte mir nicht nur unter die Nase gerieben, dass ich als Köchin nicht gut genug für das Biancawar, sondern gleichzeitig zu verstehen gegeben, ich wäre auch nicht gut genug für ihn.

Ach, geh zum Teufel, Vann Delane.

Ich bin fantastisch.

Und mehr als qualifiziert fürs Bianca.

Und weitaus besser als jede Frau, die du bisher gedatet hast.

Schluck das.

Ich unterdrückte das dringende Bedürfnis, die Hände vor das Gesicht zu schlagen und laut zu schreien, warf Vera ein wackeliges Lächeln zu und wendete mich den Überresten der Torte auf dem Wagen zu. »Ich hole schnell ein Tuch, um das hier abzuwischen.«

»Ich geh schon!«, bot sie an und lief in Richtung Küche. »Das ist deine Feier. Entspann dich heute. Du wirst noch früh genug bis zum Umfallen schuften.«

Zu früh, dachte ich, hielt aber den Mund.

Wyatt rempelte mich mit der Schulter an, sobald Vera weg war. »Ich brauche von dir eine offizielle schriftliche Kündigung, wenn es dir nichts ausmacht.«

»Das ist jetzt ein Witz.«

»Leider nein.« Er seufzte. »Aber das liegt nicht an mir. Mein Chef ist ein Erbsenzähler, was das Einhalten von Regeln betrifft. Er wird einen handgeschriebenen Brief verlangen, mit nicht weniger als fünftausend Wörtern und obendrein einen Aufsatz über die Vorteile von marktfrischem Fisch im Vergleich zum Einkauf im Großhandel.«

»Was redest du für ein Blech, du Scherzkeks«, sagte ich.

Er grinste. »Lustig ist, dass du denkst, ich mache Witze.«

Ich verdrehte die Augen. »In dem Fall wirst du wohl weiter mit mir auskommen müssen. Kein Job in der Welt ist diesen Aufwand wert.«

Er lachte schallend. »So leicht gibst du deine schicke neue Stelle auf? Ich dachte, du hättest mehr Mumm in den Knochen, Baptiste.«

Aus seinem Mund war das ein Kompliment. Wenn von allen Frauen, die ich kannte, eine wirklich Mumm hatte, dann war das seine Freundin und meine beste Freundin Kaya. Ich befand mich eher am anderen Ende der Skala.

Kein Mumm. Kein Biss. Ich war innerlich weich wie Pudding.

Ich zuckte lässig mit den Schultern. »Hier geht es nicht um Mumm. Das ist der reine Selbsterhaltungstrieb.«

Sein Lächeln ließ ihn buchstäblich strahlen. Vor wenigen Monaten war Wyatt bloß mein einschüchternder Chef gewesen, dem ich am liebsten aus dem Weg gegangen war. Zum Glück war er total in Kaya verschossen, weshalb ihm meine Fehler in der Küche meist nicht auffielen. Dennoch erzitterten seine Angestellten regelmäßig vor ihm.

Seit er mit Kaya zusammen war, hatte ich ihn auch von seiner anderen Seite kennengelernt. Er führte zwar immer noch ein knallhartes Regiment im Lilou, meinem momentanen Arbeitsplatz, aber außerhalb der weiß gekalkten Mauern war er freundlich, großzügig und sogar witzig.

Wir sind gute Freunde geworden. Ein weiterer Grund, das Lilou zu verlassen. Nun, da ich wusste, dass er zu den Hunden gehörte, die bellten, aber nicht bissen, nahm ich ihn nicht mehr so ernst, wenn er rumbrüllte und auf Sachen eindrosch. Und das sorgte für Unstimmigkeiten im Team.

Als Kaya uns verließ, um Küchenchefin des Sarita zu werden, wurde ich zur Souschefin befördert, die Nummer zwei in der Küche. Wenn ich nun die Augen über Wyatts Ausbrüche verdrehte, meinte die Brigade, sich das auch erlauben zu können.

Dabei war es ganz und gar nicht okay, über Wyatt die Augen zu verdrehen.

»Du wirst ihm guttun«, sagte er. »Ezra, meine ich. Er hört auf dich. Er respektiert deine Meinung. Und ich fürchte, deine einzige Chance, das Bianca wieder auf die richtige Spur zu bringen, ist, alles zu ignorieren, was dein Bruder sagt. Er liegt zwar bei fast allen Belangen des Lebens richtig, aber seine Philosophie der Restaurantführung ist aus der Mottenkiste. Ich musste mir meine Unabhängigkeit in der Küche regelrecht erkämpfen. Killian hat gekündigt, um endlich selbst das Sagen zu haben. Kaya fragt erst gar nicht um Erlaubnis. Sie tut einfach, was sie will. Du wirst deine eigene Art finden müssen, um mit ihm umzugehen. Aber du wirst etwas tun müssen, um das Restaurant wieder zu neuem Leben zu erwecken. Ezra hat keine Ahnung davon, wie das zu bewerkstelligen ist.«

»Die Augen waren eine gute Wahl«, sagte ich zur Verteidigung meines Bruders. »Das Wandgemälde hat den Gastraum belebt.«

Er verzog die Lippen zu einem Grinsen. »Mollys Idee. Und selbst sie hat ihm gesagt, er soll sich heraushalten, während sie ihre Arbeit macht. Wie gesagt, er kann supergut mit Geld umgehen. Aber er hat keinen Schimmer, wie man dieses Restaurant wieder an die Spitze bringt. Das liegt allein an dir, Dillon. Mach dieses Restaurant zu deinem. Drück ihm deinen Stempel auf, deinen Stil. Dein … gewisses Etwas. Dann wird alles schon wie von selbst laufen.«

Erneut erfasste mich Panik. »Und wenn ich keinen eigenen Stil habe? Ja, nicht mal weiß, wie ich den Dreh kriegen soll, mir einen zu verschaffen?«

Sein Lächeln wurde nachsichtig, und ein warmes Funkeln erschien in seinen Augen. »Ich hab dich in der Küche erlebt. Ich habe gesehen, wie du dich verhältst, wenn du das Kommando hast. Ich weiß, du hältst dich für nicht gut genug, aber es gibt zehn andere Köche im Lilou, die schon sehr viel länger kochen als du und nicht hinkriegen, was du hinkriegst. Du hast eine ganz besondere, geradezu behutsame Art, mit Speisen umzugehen. Du liebst das Kochen auf eine Weise, die selten ist.«

Ein Aufruhr der Gefühle schnürte mir die Kehle zu, und ich blinzelte Tränen fort. »Ach, Mensch, Chef.«

Er boxte mich leicht an den Arm. »Melde dich bei mir, wenn du irgendetwas brauchst, ja?«

»Okay.«

»Das meine ich ernst«, sagte er und warf meinem Bruder einen säuerlichen Blick zu. »Kaya und ich stehen hinter dir. Diese Aufgabe wird sicher nicht leicht werden. Das weißt du. Was jedoch nicht heißt, dass es nicht der verdammt beste Ritt deines Lebens wird.«

Ich biss mir auf die Unterlippe. Damit hatte er recht. Mit allem.

»Ehrlich, danke, Wyatt.« Er nickte, und ein weiterer Gedanke schoss mir durch den Kopf. »Moment mal, durch wen wirst du mich ersetzen?«

Seine Miene versteinerte, und er schaute verzweifelt zur Decke. »Wenn ich das nur wüsste, verdammt. Ich habe ganz beiläufig Benny den Vorschlag gemacht, und er wäre mir fast ins Gesicht gesprungen. Niemand will den Job.«

»Tja, nun, auch den Job im Bianca wollte niemand, aber wie du siehst, hat Ezra einen Trottel gefunden. Ich bin sicher, du findest auch noch einen.«

Er schnaubte. »Na, wir werden ja sehen.«

»In der Tat, das werden wir wohl. Vielleicht solltest du die Stelle nicht zu rasch neu besetzen. Womöglich komme ich auf allen vieren zurückgekrochen.«

Zum Glück kamen die anderen zu uns herüber, bevor er mir zum millionsten Mal versichern konnte, dass ich meine Sache schon gut machen würde. Ich wusste ja, dass das nicht stimmte. Nicht einmal annähernd. Ich wollte keine weiteren wohlmeinenden Lügen mehr hören, dass ich einen Job super meistern würde, der mit Sicherheit eine Nummer zu groß für mich war.

Ich würde ganz bestimmt nicht toll sein.

Vermutlich nicht mal passabel.

Grundgütiger, worauf hatte ich mich bloß eingelassen?

3. Kapitel

Am darauffolgenden Morgen wachte ich mit rasenden Kopfschmerzen auf. Ich drehte mich auf den Bauch, vergrub das Gesicht im Kissen und wünschte nichts sehnlicher, als wieder einzuschlafen. Warum war ich wach, wenn nicht mal die Sonne auf war?

Gut aus dem Bett zu kommen, war eine der wenigen Eigenschaften, die ich von meinem Vater geerbt hatte. Ezra war genauso. Genau genommen waren alle Baptistes eine Familie von Frühaufstehern. Getrieben von ehrgeizigen Karrierezielen und dem Bedürfnis, die Welt zu erobern, standen wir früh auf, um uns dem Alltagskampf zu stellen.

Gewöhnlich genoss ich es, früh aufzuwachen. Selbst wenn ich bis spätnachts gearbeitet hatte, zog ich es vor, als früher Vogel den Wurm zu fangen. Heute fühlte sich mein Kopf jedoch so an, als hätte ihn jemand mit einem Presslufthammer bearbeitet, und jeder Muskel im Körper tat mir weh. Eine weitere Stunde Schlaf wäre hilfreich gewesen.

Der Ton meines Handys signalisierte eine eingehende Nachricht, und gleich darauf trudelte eine E-Mail ein. Schon mein ganzes Leben lang hatte ich immer wieder mit Migräneanfällen zu tun. Dieser war zwar nicht so schlimm wie manch anderer in meiner Vergangenheit, aber trotzdem heftig genug, dass ich am liebsten den ganzen Tag im Bett geblieben wäre.

Okay, ehrlich gesagt, war der gestrige Überraschungsangriff, mich mit dem Bianca zu betrauen, der wahre Grund, warum ich mich in meiner Dreizimmerwohnung bei vorgezogenen Verdunkelungsvorhängen verkriechen und bis in alle Ewigkeit Serien schauen wollte. Die Migräne war nur eine Nebenwirkung der mir nun auferlegten Bürde als Küchenchefin und dem damit verbundenen Stress.

Ich stöhnte ins Kissen und tastete blind auf dem Nachttisch nach meinem Handy, sodass ich es beinahe zu Boden schmiss. Kaum kriegte ich es zu fassen, fing es auch schon an zu klingeln.

Ohne einen Blick auf die Nummer zu werfen, drückte ich es an mein Ohr und krächzte: »Hallo.«

Nach einem kurzen Zögern hörte ich die Stimme meiner Mutter. »Dillon? Bist du das?«

Ich drehte mich um und schaute zu den Vorhängen, die ich gestern nicht ganz zugezogen hatte. Die frühe Morgensonne schimmerte durch den Spalt. Gleich hinter dem verdunkelten Fenster lag die Innenstadt von Durham, die bald aufwachen würde. Lieferwagen würden ihre Waren zu den nahe gelegenen Geschäften bringen. Frauen und Männer mit Aktentaschen und in Businesskleidung würden die Bürgersteige bevölkern und sich ihren Weg von den Parkhäusern zu ihrem Arbeitsplatz in den hohen Bürogebäuden bahnen. Ein Mann mit einem Handwagen mit Kaffee, frischem Obst und leckeren Pasteten würde an der Straßenecke stehen – wie ein Engel, den man jeden Morgen zur Erde schickt, um die Menschheit mit köstlich knusprigem Buttergebäck für sich zu gewinnen.

Mir gefiel es, mitten in der Stadt zu leben. Ich liebte das hektische Treiben und mein teures Loft mit Ausblick über die Hochhäuser und Straßenschluchten, das eigentlich viel zu groß für meine kleine Wenigkeit war. Ich mochte den Portier, der mich in zweiter Reihe parken ließ und mir mit den Einkäufen half, weil ich ihn großzügig mit den Resten vom Lilou bedachte und mit Schokocroissants, die ich jedes Wochenende buk.

Aufzuwachen in dieser Stadt, in meinem riesigen Doppelbett mit den zehn Kissen und der Daunendecke, war für mich die beste Art, den Tag zu beginnen. Und es linderte ein wenig meine Sorgen, was das Bianca betraf.

Nicht viel. Aber etwas.

Das Pochen hinter den Schläfen sagte mir jedoch, dass es immer noch genug gab, worüber ich mir Sorgen machen konnte.

»Hallo, Mom«, begrüßte ich meine Mutter. »Du bist aber früh auf. Ist alles in Ordnung?«

Ich hatte erwähnt, dass die Baptistes einen Frühaufsteher-Fimmel hatten. Meine Mutter jedoch nicht. Sie konnte mühelos bis mittags durchschlafen, ohne es zu merken. Die Frau war eine Nachteule. Früher hatte ich sie oft zu nachtschlafender Zeit im Haus herumrumoren hören. Und am nächsten Tag musste ich sie dann immer zum Mittagessen wecken.

»Ist es bei dir früh?« Sie klang abgelenkt. »Ich habe die Zeitverschiebung vergessen.«

Ich kniff die Augen zusammen und kramte in meinem Gedächtnis, ob ich irgendetwas verpasst hatte. Meine Mutter lebte in Durham. Wenn es für mich früh war, war es das auch für sie. »Wo bist du?«

»Dillon, das habe ich dir doch gesagt. Tony und ich verbringen den Sommer in Paris.«

»Das hast du mir nicht gesagt.«

Sie seufzte nachdenklich. »Doch, habe ich. Natürlich habe ich das.«

Ich blinzelte. »Ich glaube, ich würde mich daran erinnern, wenn du mir erzählt hättest, dass du die nächsten drei Monate in Frankreich verbringst.«

»Ja, vielleicht hast du recht.« Sie lachte über sich selbst. »Tut mir leid, Schatz. Tony und ich verbringen den Sommer in Frankreich, wir machen eine Rundreise. An Thanksgiving sind wir zurück.«

Das war länger als nur der Sommer, aber ich diskutierte nur selten mit meiner Mutter über ihre Logik. »Dann verpasst du ja Killians Hochzeit.«

Ich hörte ein Klatschen am anderen Ende und wusste, dass sie sich gerade mit der Hand an die Stirn geschlagen hatte – eine Angewohnheit, die wir gemeinsam hatten. »Oh, ich hatte völlig vergessen, dass sie die Hochzeit vorverlegt haben.«

»Ja, weil Vera schwanger ist.« Ich gab ein verschwörerisches, scherzendes »Ts, ts, ts« von mir.

»Also eine Zwangsheirat«, scherzte meine Mutter zurück. »Mir war immer klar, wenn Killian überhaupt heiraten sollte, müsste er zu seinem Glück gezwungen werden. Aber ehrlich gesagt habe ich mir schon immer gedacht, wenn es eine schafft, dann Vera.« Sie holte Luft. Wenn ich keine Migräne hätte, hätte ich sie abgewürgt, bevor sie weitersprechen könnte. Aber durch die Kopfschmerzen war ich völlig von der Rolle. »Weißt du, ich habe immer gedacht, dass ihr beide ein Paar werden würdet, Dillymaus. Ich war wirklich überrascht, als du mir erzählt hast, dass er mit einer anderen Frau zusammen ist.«

Ich unterdrückte ein Stöhnen, dieses Gespräch hatten wir locker schon Tausende Male geführt. Vielleicht öfter. Selbst bevor Vera auf der Bildfläche erschien, musste ich meine Mutter ständig daran erinnern, dass zwischen mir und Killian nie etwas laufen würde. Wir waren wie Bruder und Schwester. Klar, ich schaute zu ihm auf. Ich zollte ihm Respekt. Und ich würde sein Angebot, mir bei der Eingewöhnung in die neue Stelle zu helfen, so was von ausnutzen. Aber als Liebespaar passten wir ungefähr so gut zusammen wie ein Kätzchen und ein wild gewordener Elefant.

In diesem Szenario war ich übrigens das Kätzchen.

Das war ja wohl offensichtlich.

»Mom, Vera ist die perfekte Frau für Killian. Sie tut ihm gut und kommt gut mit seinen … Macho-Allüren klar. Für mich sind sie das perfekteste Traumpaar aller Zeiten.« Sie gab ein Räuspern von sich, weshalb ich schnell hinzufügte: »Nach dir und Tony, natürlich.«

Ich konnte sie von Frankreich bis zu mir herüber lächeln sehen. »Du bist süß, Schätzchen.«

Ich lachte, weil sie so schnell eingelenkt hatte, rollte mich auf den Rücken, und der stechende Schmerz in meinem Kopf ließ mich zusammenzucken. Ich brauchte eine Schmerztablette. Dringend. Was bedeutete, dass ich mich aus einem Gespräch herausmogeln musste, das sonst gut und gerne die nächsten vier Stunden dauern könnte.

Meine Mutter und ich telefonierten höchstens einmal in der Woche miteinander, aber wir schrieben uns regelmäßig Nachrichten. Wir telefonierten beide nicht gern, machten aber füreinander eine Ausnahme. Und dann verbrachten wir den ganzen Tag damit, uns auf den neuesten Stand zu bringen und alles zu erzählen, was so los war – bis auf die unmaßgebliche Kleinigkeit einer mehrmonatigen Reise nach Frankreich.

Okay, wir erzählten uns alles, woran wir uns erinnern konnten. Meine Erinnerung war meistens besser als ihre.

Cynthia Troy war zeit ihres Leben schusselig gewesen, und im Lauf der Jahre wurde das nicht besser. Ich liebte ihr umgängliches, unbeschwertes Wesen und ihre Fähigkeit, über sich selbst zu lachen. Aber je älter sie wurde, desto schlimmer stand es um ihre Vergesslichkeit.

Wenigstens hatte sie jetzt Tony. Vor drei Jahren hatten die beiden geheiratet, nachdem sie vorher bereits ebenso lange zusammen gewesen waren. Für beide war es die zweite Ehe. Mom hatte nur mich, Tony hingegen vier erwachsene Kinder, die übers ganze Land verstreut lebten.

Sie kannten sich aber schon, solange ich denken konnte. Tony war ein Geschäftspartner meines Vaters gewesen. Aber erst nach Dads Tod sprühten zwischen Mom und ihm die Funken. Sie hatten sich zufällig in einem kleinen Weinladen wiedergetroffen, in dem sie beide Kundenmitglieder waren und dafür regelmäßig den Wein des Monats zum Sonderpreis bekamen. Tony war ein sehr erfolgreicher Investmentbanker, und meine Mom liebte Geld. Eine Beziehung, die im Himmel geschlossen wurde.

Zum Glück hatte sich Tony als großartiger Mann entpuppt, obwohl er so viele Jahre mit meinem Vater zusammengearbeitet hatte, und ich freute mich, dass Mom zu guter Letzt einen Mann getroffen hatte, der sie bedingungslos und von ganzem Herzen liebte.

Ich war damit aufgewachsen, mitanzusehen, wie sie den ganzen Mist meines Vaters in Kauf nahm. Nach seinem Tod geriet sie in einen Teufelskreis aus Verabredungen mit Losern, die sich gegenseitig die Klinke in die Hand gaben, immer nach demselben Prinzip: kurz kennengelernt, kaum zusammenkommen, schon von ihr abserviert. Für eine kurze Weile bin ich in ihre Fußstapfen getreten. Und wir haben beide ungefähr zur selben Zeit diesen Teufelskreis durchbrochen. Allerdings aus unterschiedlichen Gründen.

Sie hatte endlich ihren Traumprinzen gefunden, während ich die vergangenen sechs Jahre damit verbrachte, Männern komplett aus dem Weg zu gehen, und mir wünschte, sie machten es mit mir genauso. Inzwischen betete ich nur noch dafür, ich möge meinen Seelengefährten nicht erst mit siebenundfünfzig kennenlernen.

»Bitte, bitte, lass mich nicht noch weitere dreißig Jahre warten müssen«, flüsterte ich mit zur Decke gerichtetem Blick, in der Hoffnung, höhere Mächte würden mein Gebet erhören.

Mir war klar, dass ich nicht so viel Glück haben würde wie meine Mutter, wenn ich so lange warten musste. Ich würde es ohne Botox kaum über die Hürde der Dreißig schaffen. Nach weiteren drei Jahrzehnten wäre ich womöglich ein lebender Warnhinweis, was bei Schönheitsoperationen alles schiefgehen konnte.

Die Küche war wirklich kein guter Arbeitsplatz für Menschen wie mich, die reine Haut und saubere Haare fettigen Strähnen und Pickeln vorzogen. Stundenlang am heißen Herd zu stehen, war in dieser Hinsicht nicht gerade förderlich.

»Ich freue mich, dass du gut in Paris angekommen bist.« Ich hörte Tony im Hintergrund, der sie an irgendwelche Reservierungen erinnerte.

»Ich muss jetzt wohl los«, schmollte sie. »Der Sklaventreiber ruft mich.«

»Hab eine schöne Zeit. Und denk dran, dass ich tierisch neidisch bin und mir jetzt der Tag vermiest ist.«

Sie lachte, und ich stellte mir vor, wie sie ihre langen blonden Haare über die Schulter warf, damit sie an ihrem linken Ohrring herumzupfen konnte, was sie immer tat, wenn sie etwas witzig fand. »Ja, genau, Miss Küchenchefin. Ich bin sicher, dein Leben ist im Moment eine einzige Qual.«

Ich stöhnte. Ich hatte ihr noch gestern Abend die neue Botschaft per SMS gesendet, in einem Zustand zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode erschrocken.

»Oh, hör auf. Das ist doch ein wahr gewordener Traum für dich«, meinte meine Mutter. »Dein Bruder verwöhnt dich viel zu sehr.«

Das stimmte. »Ich hab jetzt schon Kopfschmerzen, und dabei hab ich die Stelle noch nicht einmal angetreten«, erwiderte ich.

»Nimm eine Schmerztablette, bevor du eine Migräne bekommst«, ordnete sie an. »Und dann trink ein Glas Champagner. Danach fühlst du dich besser.«

Sie darauf hinzuweisen, dass es nicht die allerbeste Idee war, am frühen Morgen Schmerztabletten mit Alkohol herunterzuspülen, war zwecklos. Also ließ ich es bleiben. Und eigentlich wusste sie das auch. Sie sprach bloß erst, bevor sie nachdachte.

»Ich hab dich lieb, Mama.«

»Ich dich auch, Dillymaus. Ich ruf dich später an.«

Wir wussten beide, dass das gelogen war, aber in diesem Moment meinte sie es wahrscheinlich sogar ernst.

Nachdem ich aufgelegt hatte, schleppte ich mich in die Küche und folgte ihrem Rat. Zumindest was die Schmerztablette anging. Den Champagner ließ ich aus.

Fürs Erste.

Ich spülte die Tablette mit einem Glas Wasser hinunter und schob ein paar Kekse hinterher, damit mir nicht übel wurde. Dann schleppte ich mich unter die Dusche und drehte das heiße Wasser so weit auf, wie ich es gerade noch ertragen konnte.

Der starke Strahl linderte die Verspannung in den Schultern und im Nacken ein wenig. Ich vollzog mein tägliches Waschritual und ließ das Wasser auf mich niederprasseln, bis meine Finger zu Rosinen verschrumpelten und die Tablette wirkte.

Als ich endlich mit meiner dicken blonden Haarmähne fertig war und Eyeliner und Mascara aufgetragen hatte, herrschte auf meinem Handy schon Hochbetrieb.

Freunde aus der Branche hatten mir bereits ihre Glückwünsche zum neuen Job gesendet. Neuigkeiten verbreiteten sich in den Küchen immer wie der Blitz. Wir liebten Tratsch ebenso sehr wie das Kochen.

Auch mein E-Mail-Postfach quoll fast über. Und Anrufe von Kaya, Vera, Wyatt und Ezra hatte ich auch schon verpasst.

Grundgütiger.

Ich beantwortete die ersten drei Nachrichten und rief meinen Bruder an.

»Danke noch mal«, sagte er putzmunter. »Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass du das Bianca übernimmst.«

»Dir auch einen guten Morgen.« Ich klang weniger frisch. Es sei denn, man konnte diese krächzig-heisere Männerstimme, die aus meiner Kehle kam, als frisch und fröhlich bezeichnen.

Er ging nicht auf meinen versteckten Spott ein. »Du bist die Beste, das weißt du doch, nicht wahr?«

»Ja, das weiß ich«, frotzelte ich und seufzte noch obendrein.

»Gut.«

Lächelnd warf ich einen Blick auf mein ungemachtes Bett. »Ich fange trotzdem nicht vor Sonntag an. Darin sind wir uns doch einig, oder?«

»Sonntag …«

»Ich will noch meine Abschiedsschicht im Lilou machen«, erinnerte ich ihn. »Und ein freies Wochenende, bevor ich Küchenchefin werde und nie wieder einen Tag freibekomme. Das Allerletzte, hurra, bevor ich meine Seele verkaufe, um dir den Hintern zu retten.«

Er lachte. »Das würdest du tun?«

Ich schwieg darauf, denn er wusste genau, dass das der Fall war.

Als Souschefin im Lilou hatte ich durchaus auch mal frei. Gewiss, ich arbeitete fast Tag und Nacht. Wyatt konnte seine Küche praktisch nicht ohne mich führen, dennoch gönnte er mir ab und zu einen freien Abend.

Im Bianca würde mir dieser Luxus nicht vergönnt sein. Vor allem nicht am Anfang, wenn ich mich bemühen musste, den ganzen Schaden wiedergutzumachen, der in den letzten eineinhalb Jahren entstanden war.

Er stöhnte, was mich sofort an meine eigene Reaktion vorhin am Telefon mit meiner Mutter erinnerte. »Okay, also gut. Ich schätze, ich kann bis dahin für dich einspringen.«

»Und für die Hochzeit mit allem Drumherum will ich auch freihaben. Vergiss das nicht.«

»Klar«, bestätigte er rasch. Zu rasch. »Die Hochzeit.«

»Und das Probe-Essen«, erinnerte ich ihn. »Und den Junggesellinnenabschied.«

»Ich weiß nicht, ob ich das schaukeln kann …«

»Ezra, du hast es versprochen!«

»Das glaube ich nicht.«

»Ich glaube, ich kündige.«

»Wie bitte?«

Ich seufzte, als mir klar wurde, dass das wohl ein kleiner Vorgeschmack darauf war, für ihn zu arbeiten. Ezra war echt unmöglich. Wie Molly ihn ertrug, war mir ein Rätsel. »Ich kündige. Unter diesen Bedingungen kann ich nicht arbeiten.«

»Unter diesen Bedingungen? Du hast ja noch nicht mal im Bianca angefangen. Darum geht es ja!«

»Dann hättest du mich erst danach einstellen sollen. Diese Festivitäten sind nicht verhandelbar.«

Er fluchte mit Kraftausdrücken vor sich hin, die er mir gegenüber sonst tunlichst vermied. Weil er eben der große Bruder und ich die zarte kleine Schwester war. Mein Einsatz, die Augen zu verdrehen. »Du bist eine Erpresserin, weißt du das?«

Mein Lächeln war echt, als ich witzelte: »Ich habe von den Besten gelernt.«

»Hmpf.«

»Ich habe dich lieb, Ez.«

»Ich hasse es, wenn du mich so nennst.« Er seufzte. »Ich hab dich auch lieb, Schwesterherz.«