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Zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten - und doch perfekt füreinander sind ...
Kaya Swift hat die Nase voll von Männern - zumindest von einem: Wyatt Shaw, arrogant, genial und heiß wie die Sünde. Außerdem, als Chefkoch im "Lilou", ihr Boss. Es darf nicht sein, dass ein Blick oder ein Lächeln von ihm ihr Herz schneller schlagen lassen. Denn Kaya hat nur ein Ziel: Sie will ihr eigenes Sternerestaurant! Und um das zu erreichen, kann sie keine Ablenkung in Form atemberaubender Küsse und heimlicher Berührungen gebrauchen ...
"Wieder einmal hat Rachel Higginson eine ganz besondere Geschichte geschrieben: gefühlvoll, lustig, mit magischen Momenten, schlagfertigen Dialogen und heißem Prickeln!" VILMA’S BOOK BLOG
Band 3 der OPPOSITES-ATTRACT-Serie von Bestseller-Autorin Rachel Higginson
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Seitenzahl: 511
Veröffentlichungsjahr: 2020
Titel
Zu diesem Buch
Widmung
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
Danksagung
Leseprobe
Die Autorin
Die Romane von Rachel Higginson bei LYX
Impressum
Rachel Higginson
The Problem With Him
Roman
Ins Deutsche übertragen von Corinna Wieja
Schon früh war für Kaya Swift klar, dass sie etwas von der Welt sehen und ihren Weg als Köchin gehen will. Sie möchte ihr eigenes Sternerestaurant! Nach einer gescheiterten Beziehung ließ sie alles hinter sich und hat ihr Ziel nun fast erreicht: Kaya arbeitet als Souschefin im Lilou, einem der besten Restaurants im Land. Nur einer steht noch zwischen ihr und der Position, die sie sich immer gewünscht hat: Wyatt Shaw – arrogant, genial und heiß wie die Sünde. Und als Chefkoch im Lilou ihr Boss! Sie sind Konkurrenten und wie Hund und Katz, jedes Gespräch artet in einen Schlagabtausch aus, und doch ist da auch immer dieses Prickeln zwischen ihnen. Ein Blick von Wyatt oder eines seiner seltenen Lächeln, die er ihr schenkt, lassen ihr Herz schneller schlagen. Kaya wehrt sich mit aller Macht gegen die aufkeimenden Gefühle, kann sie doch keine Ablenkung in Form heißer Küsse und heimlicher Berührungen gebrauchen. Aber so leicht gibt Wyatt nicht auf, und er findet immer wieder Wege, die Mauern, die Kaya um ihr Herz errichtet hat, zu überwinden. Gerade als die junge Frau beginnt, an ihr Glück zu glauben, eröffnet sich ihr die Chance, ihren Traum wahr werden zu lassen. Doch was, wenn das bedeutet, Wyatt zu verlieren?
Für meine »Stachelschweinartgenossinnen«,
die Gruppe von Frauen, die mir wie Schwestern sind.
Ihr inspiriert mich, fordert mich heraus, ermutigt mich.
Dank euch bin ich besser.
Danke, dass ihr meine #squadgoals seid und mit mir durch dick und dünn geht. Danke auch für all die anderen Dinge, durch die eine Freundschaft ein Leben lang hält.
Wäre ich ein Gemüse, dann wäre ich Kohlrabi. Nicht ganz einfach, aber auch nicht zu kompliziert. Pikant, vielseitig einsetzbar und deutlich unterschätzt.
Außerdem beginnt Kohlrabi mit einem K, so wie mein Vorname – Kaya.
Es ist sozusagen mein Seelengemüse.
Diese Gedanken beschäftigten mich gegen Ende der hektischen Abendschicht, während ich mit Argusaugen die im Topf vor sich hin köchelnden Pastinaken beobachtete.
Vorhin hatte ich schon beschlossen, dass ich als Meerestier wohl ein Seeigel sein würde. Und als Obst eine Jackfrucht.
Ich fand es schon ein wenig beunruhigend, dass meine Wahl immer auf Dinge mit Beulen oder Stacheln fiel. Den Seeigel hatte ich natürlich wegen des Coolnessfaktors ausgewählt. Und weil er zu den Speisen zählte, die man entweder liebte oder hasste. Dasselbe konnte man von mir sagen. Ich gehörte definitiv zu der Sorte Mensch, die entweder geliebt oder gehasst wurde. Deshalb fühlte ich mich mit dem Uni, wie er in Japan genannt wird, auch auf einer höheren, spirituellen Ebene verbunden.
Metaphorisch gesprochen natürlich.
Genau genommen ist mit Uni der Rogen gemeint, was bedeutete, dass so ein Seeigel ein Liebesleben hatte. In dieser Hinsicht hatten wir nichts gemeinsam.
Mit der Jackfrucht verband mich die Vielseitigkeit. Außerdem war sie ballaststoffreich. Na ja, so viel dazu.
Kopfschüttelnd zog ich den Topf vom Herd und beschloss, nicht länger über meine Wahl nachzudenken. Es war völlig egal, dass die meisten Kinder die Lebensmittel meiner Wahl verabscheuen würden. Selbst viele Erwachsene würden sie nicht anrühren. Aber das spielte ohnehin keine Rolle. Es war nur ein blödes Spiel, um die Zeit totzuschlagen, weil man mich an diesem Abend an die Beilagenstation verfrachtet hatte, obwohl ich viel lieber auf dem Saucierposten arbeitete und für Fleisch und Fisch zuständig war.
Ich war Souschefin in einem der angesagtesten Restaurants in Durham, North Carolina, und mich lediglich für die Zubereitung der Beilagen abzustellen, empfand ich als schwere Beleidigung meines Talents. Also brauchte ich etwas, um mich zu unterhalten und abzulenken.
Meine Pastinaken sahen inzwischen fantastisch aus und konnten serviert werden. Ich fischte sie aus dem Topf und gab sie in eine Schüssel, um sie zu salzen, bevor ich sie in der Ahornsirupreduktion schwenkte.
Mit zusammengepressten Lippen richtete ich sie an und gab kandierte Pekannüsse dazu. Dabei fragte ich mich zum wiederholten Male, ob ich in meinem Leben alles richtig gemacht hatte, na ja, zumindest was die Wahl meiner seelenverwandten Lebensmittel anging.
Wenn ich ein Dessert wäre, dann wäre ich … Eiscreme.
Schau an. Keine Stacheln.
Lügnerin, spottete meine innere Stimme. Halt die Klappe, gab ich zurück. Ich liebe Eiscreme. Mein Lieblingsdessert.
Was natürlich eine weitere Lüge war.
Key Lime Pie, Limettenkuchen mit Baiserkruste, ist mein Lieblingsdessert. Je saurer, desto besser.
Mögliche Rückschlüsse über meine Persönlichkeit schob ich wieder beiseite und konzentrierte mich auf meine Arbeit.
Ich reichte den Teller mit den Pastinaken an den Kollegen am Saucierposten weiter, der eine ziemlich labberig aussehende Hähnchenroulade darauf platzierte.
Noch vor einer Stunde hätte ich ihn für seine Nachlässigkeit zur Rede gestellt, aber inzwischen war ich zu müde dafür. Außerdem würden um die Uhrzeit ganz sicher keine Foodblogger und Restaurantkritiker mehr an den Tischen sitzen. Zumindest hoffte ich das.
Mein Chef betrachtete den Teller so eingehend, als könne er das geheime Heilmittel für Krebs darauf finden. Wäre er doch nur in der Lage, die Zeichen in den Pastinaken zu deuten, würden wir sogar die Welt retten können.
Ich kämpfte gegen den Drang an, räuspernd auf mich aufmerksam zu machen. Das würde vermutlich nur nach hinten losgehen. Er begutachtete meine Arbeit so grimmig, dass ich stark versucht war, ihm den Mittelfinger zu zeigen. Zu allem Überfluss wischte er jetzt auch noch extra über den Tellerrand, als wäre ich es gewesen, die ihre Arbeit nicht ordentlich gemacht hätte.
Über die Roulade schwieg er sich natürlich aus. Warum sollte er auch? Diese Beleidigung fürs Auge war von einem alten Kumpel zubereitet worden. Einem Mann, auf den er sich verlassen konnte, weil sie etwas gemeinsam hatten – ein Ego von der Größe North Carolinas.
Sauer war eine Untertreibung für meine momentane Stimmung. Wäre ich ein Limettenkuchen, dann hätte die Creme bestimmt total bitter geschmeckt.
Wyatt Shaw stellte den Teller auf ein Tablett und winkte einen Kellner heran, der ihn servieren sollte.
»Charlie hat vergessen, die Zahnstocher rauszunehmen«, sagte ich so beiläufig, als wäre es keine Warnung, sondern lediglich ein Vorschlag.
Wyatt hielt mir den Rücken zugekehrt. Seine Schultern versteiften sich, sein ganzer Körper war angespannt. Zwar verkniff er sich seine Kritik an mir dieses Mal, aber ich spürte seine Missbilligung, die schwer wie Blei in der Luft hing. Der Kellner hielt ihm den Teller hin, damit er die Zahnstocher rausnehmen und den Gast davor bewahren konnte, sich versehentlich den Gaumen zu durchbohren.
Danach entließ er den Kellner mit der Andeutung eines Nickens. Mit perfekten Pastinaken und mittelmäßiger Hähnchenroulade verschwand der in den Gastraum. Wyatt sah ihm nach und machte sich wieder mal nicht die Mühe, mir dafür zu danken, dass ich diesen Fehler samt möglicher fataler Folgen verhindert hatte.
Aber das war schon in Ordnung. Er musste sich nicht bei mir bedanken. In meinem Kopf hörte sich das Gespräch ohnehin viel besser an.
Katastrophe abgewendet, Blödmann. Bitte sehr, gern geschehen.
Ich konnte auch ziemlich gut passiv aggressive Textnachrichten schreiben. Wyatt war der Küchenchef und ich seine Stellvertreterin. Von uns beiden wurde erwartet, dass wir in der Küche zusammenhielten und eine gemeinsame Front bildeten, wie Eltern gegenüber ihren aufsässigen Bälgern. Mir fiel es leichter, ihm meine wütenden Gedanken per SMS mitzuteilen.
Wyatt war jedoch auch kein Amateur. Er kannte sich mit beleidigenden Emojis viel besser aus als jeder andere, den ich kannte.
Zum Beispiel hatte er mir vor Beginn der Schicht eine Nachricht gesendet, die mich daran erinnern sollte, die Lieferungen rechtzeitig entgegenzunehmen, was wir gewöhnlich immer zusammen machten. Ich hatte erwidert, dass ich auch allein daran gedacht hätte, so wie immer. Worauf er mir ein überraschtes Katzengesicht geschickt hatte.
Der Vollpfosten.
Seine Nachrichten brachten mich regelmäßig auf die Palme, und wäre es nicht so spät gewesen, hätte ich meine Klappe wohl nicht gehalten. Ich hätte ihn provoziert, bis er ausgesprochen hätte, was er sich gerade verkniff – und das war ganz bestimmt kein Dankeschön. Aber es war kurz vor Feierabend, und mir fehlte schlicht die Kraft, um mich mit ihm zu streiten. Er konnte von mir enttäuscht sein, so viel er wollte – nicht ich hatte die Zahnstocher in der Hähnchenroulade vergessen.
Und meine Pastinaken, wie alle anderen Beilagen des Abends auch, waren absolut perfekt gewesen. Ich hatte in den vergangenen Stunden über hundertfünfzig Portionen zubereitet und nicht eine einzige Beschwerde erhalten.
Ja, Wyatt, da kannst du die Stirn runzeln, bis du Falten bekommst. Die Pastinaken waren fünf Sterne wert, mindestens.
Ich streckte die Arme über den Kopf und reckte mich, um die Verspannung im Rücken loszuwerden, die sich dort wie eine Faust zusammenballte. Meine Füße schmerzten. In den Beinen hatte ich schon seit einer Stunde kein Gefühl mehr, und ich spürte, dass eine Migräne im Anflug war. Außerdem roch ich nach Entenfett und Koriander. Zeit, nach Hause zu gehen.
Ich liebte meine Arbeit mehr als alles andere auf der Welt. Nur Wyatts Job hätte ich noch lieber gehabt. Ich war mir ziemlich sicher, dass es mir großen Spaß machen würde, hier Küchenchefin zu sein. Einen Riesenspaß sogar. Obwohl seine Arbeit kaum weniger anstrengend war als meine. Als Küchenchefin wäre ich genauso lange auf den Beinen und nach jeder Schicht genauso erschöpft.
Wyatt wirkte bereits, als hätte man ihn überfallen und rückwärts durch eine Autowaschanlage geschleift. Nicht einmal seine hohe Kochmütze konnte verbergen, wie zerzaust seine Haare waren.
Klar liebte ich meine Arbeit, aber danach ging ich auch gern nach Hause. Es gab kein befriedigenderes Gefühl, als nach einer anstrengenden Vierzehn-Stunden-Schicht die Füße hochzulegen und zu wissen, dass man sein Bestes gegeben hatte.
Und genau das hatte ich in exakt einundvierzig Minuten vor.
Ich träumte schon von einer schönen heißen Dusche, als Wyatts tiefe Stimme durch die Küche dröhnte und meinen Traum wie eine Seifenblase zerplatzen ließ. »Übrigens denkt dran, dass heute Großputztag ist, also keiner geht heim, bevor sein Posten nicht von mir geprüft und abgenommen worden ist.«
»Mistkerl«, knurrte ich in den schmutzigen Topf in meiner Hand. Jetzt, da Wyatt es erwähnte, erinnerte ich mich daran, dass er diese Putzaktion vor zwei Wochen per E-Mail angekündigt hatte. Aber in meinem derzeitigen Erschöpfungszustand hatte ich die Mail glatt aus meinem Gedächtnis verdrängt und lieber von einer heißen Dusche und einer kalten Flasche Bier geträumt, sobald ich nach Hause käme. Ja genau, beides gleichzeitig. Für mein Bier in der Dusche würde ich alles geben.
»Das war’s dann mit meinen Plänen für heute Abend«, murmelte die kesse Blondine neben mir, die offenbar genauso wie ich das monatliche Küchenritual vergessen hatte.
Ich schaute meine Freundin Dillon an und hob eine Augenbraue. »Ich bin sicher, deine Zufallsbekanntschaft wird auf dich warten.«
Sie streckte mir die Zunge raus und bückte sich, um das ohnehin schon blinkende und blitzende unterste Regal ihrer Station zu wischen. »Oh, verspritzen wir heute mal wieder ein wenig Gift, Ky?«
Ich seufzte frustriert und lehnte mich über die Theke der Station, die sie so eifrig schrubbte. »Ich verspritze kein Gift. Ich wollte dir damit nur sagen, dass es sich lohnt, auf dich zu warten.«
Sie schaute mich an. »Blödsinn.«
Ich lächelte unwillkürlich. »Na schön. Ich habe ein wenig Gift verspritzt, aber nur, weil ich dich um dein bewegtes Liebesleben beneide.« Das Eingeständnis hinterließ einen bitteren Geschmack auf meiner Zunge. Gewöhnlich zog ich es vor, diese Wahrheit zu verdrängen und mir das Gegenteil einzureden.
Es war aber auch verflixt schwer, zuzugeben, dass man seine Freundin um ihr Liebesleben beneidete. Mein Liebesleben dagegen war so trostlos wie das blinkende »Zimmer frei«-Neonschild eines heruntergekommenen Motels, in dem man um keinen Preis übernachten wollte, weil man befürchtete, vom örtlichen Serienmörder aufgeschlitzt zu werden.
Eine Serienmörderin war ich natürlich nicht, aber eine routinierte Beziehungskillerin.
Okay, das war vielleicht ein wenig übertrieben, wenn man bedachte, dass ich in meinem siebenundzwanzigjährigen Leben bisher nur eine länger andauernde Beziehung gehabt hatte. Aber die hatte ich gründlich vermasselt. Ich hatte unser Glück und das Vertrauen, das wir uns aufgebaut hatten, zielstrebig zerstört.
Um zu vergessen und nach vorn zu schauen, traf ich Entscheidungen, die im Nachhinein betrachtet nicht gerade die besten gewesen waren und kein gutes Ende nahmen. Mit dem dümmsten Ausrutscher musste ich immer noch zusammenarbeiten.
Vorspulen auf heute. Die engste Beziehung, die ich zurzeit mit einem Mann pflegte, war die zum Hausmeister in meinem Mietshaus, weil er ziemlich oft vorbeikommen musste, um den verstopften Abfluss zu reinigen. Es kam mir vor, als würde sich der Schaden, den ich vor Jahren angerichtet hatte, nachhaltig auf mein derzeitiges Liebesleben auswirken. Vielmehr darauf, dass es gar keines gab.
Dillon kannte mich gut genug, um zu wissen, dass ich meine Entschuldigung ernst meinte. Sie stand auf und stupste mich mit dem Ellbogen an. »Ich bin sicher, meine Zufallsbekanntschaft hat einen Freund. Wenn es dir wirklich ernst ist, frage ich ihn und beschaffe dir ein Date. Es gibt keinen Grund, auf mich und mein Liebesleben neidisch zu sein. Du könntest selbst eines haben, wenn du nicht jeden Abend bis zur Erschöpfung schuften würdest.«
Mir wurde flau vor Enttäuschung, denn ich wusste genau, dass das nicht passieren würde. Ich wollte Dillon jedoch nicht schon wieder einen Korb geben. Seit sie vor acht Monaten im Lilou angefangen hatte, waren wir so gut wie unzertrennlich. Unsere Freundschaft war noch frisch, aber so tief, wie es nur Freundschaften sein können, auf die man sein ganzes Leben lang gewartet hat. Offenbar hatte uns das Schicksal zueinander geführt.
Ich hatte zwar kein Glück mit den Männern, aber in ihr hatte ich eine Seelenverwandte gefunden, und das war Glück genug für mich.
Dillon war ein aufgehender Stern am Restauranthimmel. Ihr Bruder Ezra war unser Chef. Also der Oberboss. Nach dem Abschluss ihrer Lehre hatte er sie in seine Fünfsterneküche gesteckt.
Auf den ersten Blick hatte ich sie hassen wollen, weil ich annahm, sie wäre genau die Sorte Frau, die ich nicht ausstehen konnte – unfassbar hübsch, hochgewachsen und gertenschlank und mit Geld, Beziehungen und einer liebenden Familie versehen, die nur das Beste für sie wollte.
Zweifellos hatte sie all das, was ich nicht hatte. Ich hatte sie für verwöhnt gehalten und insgeheim gehofft, sie würde sich in der Küche als völlige Niete herausstellen. Ich wollte keine weitere Konkurrenz. Und auf der Suche nach einer Freundin war ich erst recht nicht. Aber dann kam es, dass Dillon auf die beste Weise beides wurde.
Ich war die andere Seite der Medaille. Nicht, dass ich mich für hässlich hielt, aber an den meisten Tagen verbarg ich meine kurzen Locken unter einem Bandana, trug nie Make-up und hatte immer fleckige Arbeitshosen an. Ich war weder groß noch schlank wie ein Model. Ich war klein und kurvig und ein Männerschreck, weil ich schon mein ganzes Leben lang dafür schuftete, einen Fuß in die Tür einer der am härtesten umkämpften Männerdomänen zu setzen, obendrein in einem der besten Restaurants der Stadt.
Die Stelle hatte ich nicht wegen meiner guten Beziehungen bekommen und auch nicht aus Mitleid. Ich hatte mich gegen sexistische Arschgeigen durchsetzen müssen, die sich für etwas Besseres hielten und mich zum Frühstück verspeist hätten, hätte ich ihnen auch nur den Hauch einer Chance dazu gegeben. Noch dazu musste ich gegen das Klischee der kleinen, intelligenten Frau ankämpfen, die Auseinandersetzungen lieber aus dem Weg ging.
Kein Wunder, dass ich Vorurteile hatte, als Dillon, vor Schönheit und Vetternwirtschaft nur so strotzend, zur Tür hereinspazierte. Die währten ungefähr fünf Minuten, denn sie hatte ihre Sachen neben meine gelegt und gesagt: »Ich glaube, ich muss gleich kotzen.« Ich hatte mich ihr zugewandt, um zu sehen, ob das ernst oder ironisch gemeint war, da hatte sie ihre Kochjacke schon aufgeknöpft und begonnen, sich mit den Händen Luft unter die Achseln zu fächeln. »Schau her!«, hatte sie mit weit aufgerissenen Augen gerufen. Ihr graues T-Shirt war schon um zehn Uhr morgens durchgeschwitzt. »Dieser Job wird mich umbringen!«
»Das wird schon«, hatte ich versucht, sie zu beruhigen.
Sie war seufzend einen Schritt näher gekommen. »Ich stehe kurz vorm Durchdrehen. Mein einziges Ziel für heute ist es, mir nicht die Daumen abzuhacken.« Schon bei der Vorstellung war sie zusammengezuckt. »Die brauche ich nämlich noch.«
Unwillkürlich hatte ich lachen müssen. »Hast du nicht gerade erst deinen Abschluss an der Charlotte gemacht? Und das Restaurant gehört deinem Bruder? Du hast nichts zu befürchten.«
»Ja, ich habe den Abschluss. Und ich habe mich schon auf eine Stelle im Applebee’s gefreut, und dann kommt mein blöder großer Bruder damit, dass ich da unmöglich arbeiten kann. Und ich: Wart’s ab. Und er so: Mir gehören ein paar Restaurants, Dummie. Und ich: Boah, dafür hasse ich dich. So ging das hin und her, so genau kann ich mich nicht mehr erinnern, und jetzt steh ich hier.«
Es waren die Schweißflecken unter ihren Achseln, die sie mir sympathisch gemacht hatten. Sie war überhaupt nicht die Plastikbarbie, zu der ich sie anfangs abgestempelt hatte. Sie schwitzte, war nervös und ehrlich. Ich hatte an meinem ersten Tag im Lilou genauso gelitten.
Okay, um ehrlich zu sein, hatte ich mich sehr viel tapferer geschlagen als Dillon. Zumindest hatte ich mir nichts anmerken lassen, aber ich hatte auch keine andere Wahl. Ich war gezwungen, alles zu schlucken und mich in diesem Haifischbecken zu behaupten, denn ich hatte keinen Boss zum Bruder, zu dem ich hätte laufen können. Was nicht hieß, dass Dillon das je tun würde. Sie war wild entschlossen, sich aus eigener Kraft einen Namen zu machen, ohne sich zu sehr auf Ezras Hilfe zu verlassen.
Ich konnte es ihr jedoch nicht verübeln. Die Küche vom Lilou war einschüchternd, denn hier arbeiteten ausschließlich erfahrene und ausgesprochen talentierte Köche. Ezra dachte vermutlich, er hätte seiner Schwester einen Gefallen getan, doch sie wusste besser als jeder andere, dass sie für eine Küche dieses Kalibers noch nicht bereit war.
Zum Glück hatte sie mich. Ich zeigte ihr alles Nötige und half ihr, sich einzugewöhnen. Sie lernte schnell und schloss in Lichtgeschwindigkeit zu uns anderen auf, was mitanzusehen ein wenig beängstigend war.
Sie war eine gute Köchin. Und ehrgeizig. Irgendwann würde sie womöglich sogar besser sein als ich, wenn ich nicht aufpasste. Auch das war eine Eigenschaft, die ich sehr an ihr schätzte und die unsere Freundschaft festigte. Sie forderte mich heraus und war mir ein ständiger Ansporn, noch besser zu werden und mich nicht auf Geleistetem auszuruhen. Sie würde niemals zulassen, dass ich mich mit Mittelmaß begnügte.
Obwohl wir uns so sehr mochten und unterstützten, hätten wir nicht unterschiedlicher sein können. Und das nicht nur in äußerlicher Hinsicht. Dillon war extrovertiert und ging gern unter Leute und, noch wichtiger, sie war herzensgut und großzügig. Ich hingegen blieb lieber allein und schlief in meinem eigenen Bett als in dem einer Zufallsbekanntschaft, die ich erst zwei Stunden zuvor in einem Klub kennengelernt hatte.
Ich war nicht herzensgut. Also, ich war nicht unbedingt gemein, trotzdem versuchten die anderen Köche aus gutem Grund, mir nicht auf die Zehen zu treten. Ich konnte schon ziemlich kratzbürstig sein. Wie ein Stachelschwein. Außer zu meinen wenigen ausgewählten Freunden.
Stachelschweine lebten in Gruppen von Artgenossen zusammen. Meine Freundinnen waren meine »Stachelschweinartgenossinnen«, und ihre Gesellschaft genügte mir.
Meistens jedenfalls.
»Keine Sorge«, sagte Dillon und zuckte mit den Schultern. »Der einzige Mann, der heute auf mich wartet, ist mein Bruder. Molly hat gefragt, ob ich nach der Arbeit noch bei ihnen vorbeischaue. Morgen wollen sie verreisen.«
Aus irgendeinem Grund senkte die Bemerkung meinen Stresspegel. Ich war oft sarkastisch und bissig und hatte bestimmt einen Haufen Probleme, aber um meine Freundin war ich wirklich besorgt. Dillon war die vertrauensseligste Person, die ich kannte. Bevor ich mich abschleppen ließ, musste mir der Kerl erst einmal einen ganzen Fragenkatalog beantworten und den Nachweis eines amtlichen Gesundheitszeugnisses beibringen, um sicherzustellen, dass ich mir nicht irgendetwas Ekliges einfangen würde. Ich war gewöhnlich nur einen Schritt von der Forderung eines Leumundszeugnisses entfernt, bevor das Thema »Bett« überhaupt zur Debatte stand.
Bei Dillon war das anders. Die unbekümmerte Wahl ihrer Bettgenossen machte mir Sorgen.
»Ich dachte, die beiden wären eher Morgenmenschen.« Das sagte ich mit einem deutlichen Unterton der Verachtung in der Stimme, worauf sie zustimmend die Augen verdrehte und die Nase rümpfte. Wenn man bis spät in die Nacht arbeiten musste, war das Wort »Morgen« ein Schimpfwort, das man nicht leichtfertig verwendete. Aber Molly und Ezra arbeiteten zu »normalen« Uhrzeiten. Nun, Molly jedenfalls. Ezra arbeitete im Prinzip rund um die Uhr. Sie gingen zu einer sogenannten anständigen Zeit zu Bett, damit sie im Morgengrauen die Würmer fangen konnten, die frühe Vögel angeblich fingen.
Ich bevorzugte Mezcalwürmer nach Mitternacht. Aber hey, jedem das Seine.
»Ja, gewöhnlich schon«, stimmte Dillon zu. »Aber sie sind ab morgen vier Wochen in Urlaub und wollten sich vorher noch verabschieden.«
»Vier Wochen? Wahnsinn. Wohin fahren sie denn?«
Sie seufzte sehnsüchtig. »In irgendwelche tropisch warmen Gefilde, wo es Unmengen Piña coladas gibt.« Sie machte eine Pause, damit wir beide in der Vorstellung schwelgen konnten, wie schön es wäre, Ezras Vermögen und Mollys flexible Arbeitszeiten zu haben. Sie war selbstständig und für Ezras PR und das Marketing zuständig. Sie waren eines der perfektesten Paare, die ich kannte.
Ich war mit Molly befreundet und mochte sie sehr. Vor Ezra hingegen hatte ich gehörigen Respekt, denn er konnte ganz schön einschüchternd sein. Zusammen aber waren sie geradezu abartig bezaubernd.
»Ein ganzer Monat Strandurlaub? Ich will so sein wie sie, wenn ich groß bin.«
»Echt?« Dillon lachte. »Ezra hat bisher noch nie Urlaub gemacht. Ist das zu fassen?! Niemals. Kein einziges Mal. Molly hat ihn dazu überredet, dass er die vielen verpassten Gelegenheiten auf einen Rutsch nachholt. Ich passe auf ihr Haus auf, während sie weg sind. Sie wollen mir vorher noch zeigen, was ich alles wissen muss.«
Ein widerlicher Anfall von Hilfsbereitschaft ergriff mich. »Dann geh lieber. Ich übernehme hier für dich.«
Ihr fielen fast die blauen Augen aus dem Kopf. »Das kann ich nicht annehmen. Es wird Stunden dauern, bis du Feierabend machen kannst!«
Ich zuckte mit den Schultern. »Leg ein gutes Wort für mich bei Ezra ein, ja? Erzähl ihm, wie fantastisch ich bin. Und talentiert. Und dass ich eine tolle Küchenchefin abgeben würde.«
Dillon warf einen Seitenblick auf Wyatt. »Absolut.«
»Ja, kein Scherz.« Ich weigerte mich, in Wyatts Richtung zu schauen, um nicht gleich wieder sauer zu werden. »Oh bitte, sag das deinem Bruder.«
Sie strahlte vor Dankbarkeit. »Das mach ich. Versprochen.«
Sie gab mir einen Kuss auf die Wange. An ihre Art hatte ich mich inzwischen gewöhnt. Und ich erduldete ihre übertriebene Sympathiebekundung, weil sie nun mal meine Freundin war und ich sie echt gern mochte. Bevor sie die Küche mit wehenden Fahnen verließ, drehte sie sich noch einmal um. »Ist das auch wirklich in Ordnung? Bist du dir ganz sicher?«
Ich verdrehte die Augen. »Ja. Und jetzt geh endlich!«
»Du bist die Beste!«, rief sie über die Schulter, während sie auf die Tür zusteuerte.
»Ich weiß!«, rief ich in Richtung der großen Metalltür, die laut quietschte, als sie sie öffnete.
In der Küche war es immer brüllend heiß. Als Wyatt jedoch bemerkte, dass Dillon gehen wollte, sah er zuerst mich, dann sie durchdringend an, und die Temperatur fiel locker um zehn Grad. Ein Schauer lief mir über den Rücken.
»Wo willst du denn hin?«, brüllte er ihr hinterher, als die Tür zufiel. Dann drehte er sich zu mir um. »Wo will sie hin?«
Ganz ehrlich, manchmal lehrte mich Wyatt das Fürchten. Wir hatten schon Jahre gemeinsam in dieser Küche verbracht und waren gleichzeitig aufgestiegen. Auch wenn er mir vier Jahre voraus hatte, an Jahren und Erfahrung, war er aber kaum weiter als ich. Beide hatten wir direkt nach der Kochschule im Lilou begonnen, aber als ich die Stelle bekam, stand er auf der Karriereleiter noch ungefähr auf derselben Stufe wie ich.
Inzwischen arbeiteten wir seit fünf Jahren Seite an Seite und hatten eine Menge gemeinsam durchgestanden. Das hieß jedoch nicht, dass wir Verbündete waren oder uns besonders gut kannten. Unsere berufliche Beziehung war reichlich angespannt.
Ich hätte gern behauptet, dass ich ihn nach all der Zeit in- und auswendig kannte. Aber die Wahrheit war, dass Wyatt kaum etwas von sich preisgab. Er war immer schon sehr schweigsam und rätselhaft gewesen und gelegentlich auch ein Vollidiot. Bevor er mein Chef wurde, waren wir einigermaßen freundschaftlich miteinander umgegangen. Allerdings ließ er sich nicht gern in die Karten schauen. Was ich gut verstehen konnte, denn wer würde sich schon gerne gezwungen sehen, auf dem Weg nach oben einem Freund den Dolch in den Rücken zu stoßen.
Mir gegenüber verhielt er sich ausgesprochen distanziert, um unser freundschaftliches Verhältnis nicht zu gefährden. Zumindest wollte ich das glauben. Ich war die Einzige in dieser Küche, die es mit ihm aufnehmen konnte. Ich war seine größte Rivalin. Deshalb hielt er Abstand und gab sich große Mühe, mir aus dem Weg zu gehen und mich zu ignorieren. Oder mich mittels Textnachrichten abzukanzeln.
Konkurrenz hin oder her, besaß er einiges, was seine Karriere voranbrachte, das mir fehlte. Beziehungen in der Branche vor allem. Und er hatte keine Hemmungen, sie auch zu nutzen.
Das hatte sich für ihn ausgezahlt. Killian Quinn, der preisgekrönte ehemalige Küchenchef des Lilou hatte Wyatt zu seinem Nachfolger bestimmt. Das hatte Wyatt noch unnahbarer gemacht und aus meiner Umlaufbahn gekickt.
Inzwischen stand er in der Hierarchie über mir, während ich weiter am Boden herumkrauchte, seine Fehler beseitigte und sicherstellte, dass er das Lob dafür kassierte.
Die kulinarische Szene hatte fast einen Herzinfarkt bekommen, als Killian den Posten als Küchenchef niederlegte. Und Wyatt konnte sich mehr als glücklich schätzen, in Fußstapfen zu treten, die noch viel zu groß für ihn waren, und den ganzen Ruhm für sich zu beanspruchen.
Hauptsächlich ging mir Wyatt auf die Nerven. Und er war schwierig. Und unverschämt. Aber ehrlich gesagt, ich war genauso. Vor allem zu ihm. War er jedoch in einer geladenen Stimmung wie jetzt, die sich in einem gewaltigen Donnerwetter mit Blitzen über einem entlud, dann zitterten selbst mir die Knie.
»Sie muss noch zu Ezra«, erklärte ich, wobei ich unseren Oberboss absichtlich erwähnte. »Ich habe gesagt, ich übernehme den Rest.«
»Du bist nicht für ihre Station verantwortlich«, blaffte er. »Jetzt brauchst du doppelt so lange, bis du fertig wirst und hier rauskommst. Was bedeutet, dass auch ich doppelt so lange bleiben muss, um die Stationen abzunehmen. Ebenso Benny, denn er muss auf mich warten, um die Tageseinnahmen mit mir zur Bank zu bringen. Und Endo kann mit seiner Arbeit erst anfangen, wenn du deine erledigt hast. Wenn du also das nächste Mal deiner Freundin einen Gefallen tun willst, wäre es nett, du würdest auch an deine Kollegen denken.«
Wie ich schon sagte. Er war schwierig, nervig und ausgesprochen ruppig. »Du könntest ja an meiner Stelle ihre Station putzen. Dann müsste niemand länger bleiben. Eine Win-win-Situation für alle.«
Er machte einen Schritt auf mich zu, und ich wusste, ihm war als Reaktion auf meine spöttische Bemerkung unbewusst nach einem kleinen Mord zumute. Am liebsten hätte er mich erwürgt. Natürlich täte er das nicht, zumindest nicht vor so vielen Zeugen, aber er würde gern. »Wie bitte?«
»Vor der Gehaltserhöhung war das dein Job, Shaw. Erinnerst du dich nicht mehr daran?« Ich weigerte mich, Wyatt mit Chef anzureden. Auch wenn das sein rechtmäßiger Titel war, den er sich durch die Beförderung verdient hatte, wollte der mir einfach nicht über die Lippen kommen. Und das ärgerte ihn mehr als alles, was ich sonst tat oder sagte.
Ein kurzes Zucken seiner Kiefermuskeln verriet seinen Ärger, was ich mit Genugtuung zur Kenntnis nahm. Ich provozierte ihn unheimlich gerne. Was auch daran lag, dass sein geradezu lächerlich attraktives Gesicht noch umwerfender aussah, wenn er wütend war.
Okay, ich weiß, das klingt verrückt, nach allem, was ich über ihn gesagt hatte. Aber Wyatt gehörte zu den Menschen, die, gleich, wie sehr man sie hasste, immer bestechend gut aussahen.
Manchmal begegnete man Menschen mit üblem Charakter, die umso hässlicher wurden, je länger man gezwungen war, sich mit ihnen abzugeben. Bei Wyatt war das Gegenteil der Fall. Je besser ich ihn kannte, desto weniger konnte ich ihn leiden. Trotzdem tat das seiner Attraktivität keinen Abbruch.
Er war mindestens einsneunzig groß und, obwohl er aufgrund seiner Größe sehr schlank wirkte, durchtrainiert und muskulös. Damit meine ich wirklich muskulös. Muskeln definierten in großen, kräftigen Strängen seinen ganzen Körper.
Sein Haar war raffiniert zu einem Hipster-Undercut frisiert, die Seiten erst kürzlich rasiert und die längeren Deckhaare auf eine Seite gekämmt. Seine Augen waren dunkelbraun, wie geschmolzene Vollmilchschokolade.
Und dann waren da noch seine Tattoos. Sie bedeckten seine Arme vom Handgelenk bis zum Bizeps und wohl seinen ganzen Oberkörper, denn die sichtbaren Ausläufer der Bilder schlängelten sich bis zu seinem Hals, eine deutliche Zurschaustellung seiner Extravaganz. Sein ganzer Körper war ein Kunstwerk. Eines, das ich gern gemalt oder fotografiert – oder mit der Zunge nachgespürt hätte.
Eigentlich war er der Inbegriff von allem, was ich nicht wollte, mochte und besser auch nicht wahrnahm. Beileibe nicht wegen der Tätowierungen. Und auch nicht wegen der Piercings, die er allerdings nach seiner Beförderung entfernt hatte. Er war die Art Mann, die ich gewöhnlich leicht ignorieren konnte, weil wir absolut nichts gemeinsam hatten und uns lediglich eine tiefe Abneigung miteinander verband.
Diese Rivalität zwischen uns köchelte schon seit Jahren, und wenn ich etwas in dieser Zeit gelernt hatte, dann, dass Wyatt von einer einmal gefassten Meinung niemals abwich. Kein einziges Mal. Wenn er einmal etwas beschlossen hatte, dann blieb es dabei. Und dass er mich nicht mochte, hatte er schon vor langer Zeit beschlossen.
Das hätte Grund genug für mich sein sollen, ihm aus dem Weg zu gehen und meine Klappe zu halten.
Wyatts körperliche Präsenz und seine Persönlichkeit verlangten jedoch automatisch nach Aufmerksamkeit. Dagegen war ich so machtlos wie alle anderen. Wenn er in die Küche kam, stellten wir uns alle unwillkürlich aufrechter hin, glätteten unsere Uniform und konzentrierten uns noch mehr auf unsere Aufgaben. Und wenn er ging, atmeten wir erleichtert auf.
So schön er auch anzusehen war, in der Küche war er ein Diktator. Die Vernunft sagte mir, dass er dazu jedes Recht hatte. Es war sein Reich. Er war der Kapitän dieses Schiffs. Wohl und Wehe des Lilou lag jetzt in seiner Hand.
Ein ganz kleines bisschen war ich neidisch, dass er so mühelos das Kommando übernommen hatte. Seine Entscheidungen waren wohl durchdacht. Er war in Killians Fußstapfen getreten, ohne auch nur ein einziges Mal zu stolpern. Auch wenn er meiner Meinung nach nicht immer die besten Entscheidungen traf, zeigte er nie Bedauern oder Unsicherheit. Er wirkte beinahe komplett gefühllos.
Er zeigte lediglich Ärger und Missfallen. Gewöhnlich mir gegenüber.
So wie jetzt.
»Doch, ich erinnere mich sehr gut daran, Kaya, dass Saubermachen auch mal zu meinen Aufgaben gehört hat.« Er hatte die Stimme gesenkt, und ungewollt lief mir eine Gänsehaut über Arme und Nacken. »Aber dir ist schon klar, dass das jetzt nicht länger der Fall ist?«
Ich schluckte die bittere Pille aus Missgunst hinunter. Er wusste, dass ich ein Auge auf seine Stelle geworfen hatte. Und hätte ich mehr Zeit gehabt, mich zu beweisen, dann hätte ich ihn womöglich sogar ausgestochen. Killian hatte allerdings so plötzlich gekündigt, dass ich nie die Chance hatte, meinen Hut in den Ring zu werfen. Kaum hatte ich geträumt, dass die Küche des Lilou mir gehören würde, von dem Tag, an dem Ezra Baptiste, der angesehenste Gastronom der Stadt, endlich beschloss, einer Frau diese wichtige Position anzuvertrauen, da war dieser Traum auch schon wie eine Seifenblase geplatzt. Ich stand wieder ganz am Anfang und trauerte meiner verpassten Chance nach, die so schnell nicht wieder kommen würde.
Und das nur wegen Wyatt.
Wegen dieses arroganten, sturen Kerls, den ich Chef nennen sollte.
Obwohl es mich große Mühe kostete, hielt ich seinem bohrenden Blick stand und nickte. »Dass du keine niederen Arbeiten mehr erledigen musst, kann ich gar nicht vergessen. Du erinnerst uns ja ständig daran.«
»Dich erinnere ich«, erwiderte er. »Denn du bist die Einzige, die permanent vergisst, dass ich hier das Sagen habe.«
In der Küche wurde es still, denn all meine Kollegen hatten sich gebannt dem Drama zugewendet. Sie liebten es, wenn wir uns stritten. Das lieferte reichlich Klatsch und Tratsch. Am besten gefiel ihnen jedoch, dass sich Wyatts Zorn ausschließlich auf mich konzentrierte und nicht auf sie.
Ich gab mich gleichgültig und zuckte mit den Schultern, weil ich wusste, dass ihn das am meisten ärgern würde. Wyatt war wie ein brodelnder Vulkan, ein Feuer speiender Drache. Gleichgültigkeit weckte seine Wut. »Bei mir fällt der Groschen eben etwas langsamer.«
Wieder zuckte sein Unterkiefermuskel, und mein Herz hüpfte mit. Ich konnte zwar so tun, als ob er mich kalt ließ, aber das Gegenteil war der Fall. Das Adrenalin schoss mir in Warpgeschwindigkeit durch die Adern.
»Dann wollen wir hoffen, dass du beim Saubermachen nicht genauso langsam bist.« Er wandte sich ab und drehte mir den Rücken zu. »Komm in die Gänge, Swift.«
Ich konnte mich nicht zurückhalten und schleuderte ihm einen beherzten Gruß mit dem Mittelfinger hinterher. »Aye-Aye, Captain.«
Drei Stunden später bettelten meine Füße darum, nach Hause gehen zu dürfen, und ich stank vom Kopf bis zu den Zehen nach Schweiß und Bratfett. Vermutlich würde ich meine Klamotten verbrennen müssen. So viel Waschmittel gab es gar nicht, dass ich den Siff je wieder rausbekommen würde.
Die Kochjacke hatte ich mir gleich nach Küchenschluss ausgezogen, denn sie war nicht so leicht zu ersetzen wie eine schwarze Arbeitshose. Na ja, eigentlich schon, aber ich mochte die Jacke. Wir hatten schon so viele stressige Abende gemeinsam überstanden. Auch wenn das abergläubisch klang – sie war mir wie ein alter Freund, auf den ich mich immer verlassen konnte.
Ich schleppte mich also, bekleidet nur mit meinem schwarzen Tanktop und der weiten Hose, in Wyatts Büro. Das Putzen der zwei Stationen hatte zwar eine Ewigkeit gedauert, genau wie von ihm vorausgesagt, dafür war ich besonders gründlich gewesen. Zu oft hatte er vor meinen Augen Kollegen für ihre schlampige Arbeit zusammengestaucht. Daher hatte ich mich für die Mach-es-gleich-ordentlich-Methode entschieden, in der Hoffnung, mir damit den Anschiss zu ersparen.
Aber wie ich Wyatt kannte, würde er bestimmt einen Grund finden, um an mir herumzunörgeln.
Ich klopfte an die Tür seines Büros und erwartete die Aufforderung, eintreten zu dürfen. Nur noch ich war in der Küche. Benny und Endo steckten irgendwo im Restaurant und warteten darauf, dass ich endlich fertig würde. Ich hegte sogar den Verdacht, dass sie im Gastraum eingeschlafen waren. Dass mir niemand seine Hilfe angeboten hatte, war nicht überraschend.
Nachdem ich eine halbe Ewigkeit abgewartet hatte, klopfte ich erneut, lauter dieses Mal, doch kam immer noch keine Reaktion.
Das Büro lag im hinteren Teil der Küche, daher war ich mir sicher, dass Wyatt noch dort sein musste. Ich hatte gesehen, wie er nach dem Check des Annonceurpostens und Passbereiches hineingegangen war. Wenn ich nicht zu vertieft in die Arbeit gewesen war, um zu bemerken, dass er sich an mir vorbeigeschlichen hatte, musste er immer noch da drin sein. Wahrscheinlich grübelte er darüber, wie er mich unauffällig verschwinden lassen oder die Weltherrschaft übernehmen konnte.
Ich stieß die Tür auf und fand ihn schlafend.
Erneut rauschte das Adrenalin mit voller Wucht durch meinen Körper, nur war ich mir nicht sicher, warum. Noch nie hatte ich ihn so friedlich gesehen. Selbst außerhalb der Arbeit hatte er ein messerscharfes Mundwerk, das die meisten Leute in die Flucht schlug.
Die einzige Person, der gegenüber Wyatt sich nett verhielt, war Vera. Aber da sie nicht in unserer Küche arbeitete, sondern noch bis vor Kurzem ihren eigenen Food-Truck hatte, war sie vermutlich keine ernsthafte Konkurrenz. Außerdem hatte sich Killian, unser Ex-Küchenchef und Wyatts Idol, in Vera verliebt, und das reichte Wyatt als Gütesiegel, sie zu mögen. Ich hatte sie sogar miteinander lachen und herumalbern gesehen. Das fühlte sich an, als wäre ich Zeuge einer Alieninvasion gewesen.
Wyatt machte keine Scherze. Er lächelte auch nicht. Stattdessen trug er ein mürrisches Gesicht zur Schau, was ihm schon tiefe Falten auf der Stirn eingetragen hatte, und blaffte ständig herum. Nur in Veras Nähe schien er wie ausgewechselt und total locker.
Ihn so entspannt schlafend an seinem Schreibtisch zu sehen, mit auf die verschränkten Arme gesunkenem Kopf, ließ meine Abneigung dahinschmelzen. Für eine unbedeutende Millisekunde lang wurde mir warm ums Herz. Wie konnte jemand, der den ganzen Tag den Chef rauskehrte, plötzlich so unwiderstehlich verlockend aussehen? Wie konnte er, der jeden nur anherrschte und niemals etwas Nettes sagte, so sanft und unschuldig wirken?
Ich war müde. Wahrscheinlich setzte deshalb mein Verstand gerade aus. Vielleicht hatte ich auch Halluzinationen. Nur das konnte diese seltsame Sehnsucht in meinem Herzen erklären. Und nur deshalb schweifte mein Blick über die Konturen seines Gesichts, von seinem Kinn über die Wangenknochen bis zu den aufgefächerten Wimpern und seinen zerzausten Haaren, die ihm in die Stirn fielen.
Für einen Moment vergaß ich, was für ein Blödmann er sonst war. Seine Stirn war gerunzelt, was kleine Fältchen über seiner Nase entstehen ließ, und plötzlich überkam mich der Wunsch, mit dem Finger über diese Stelle zu streichen und ihm sanfte Worte ins Ohr zu flüstern.
Verwirrt zog ich die Brauen zusammen, denn ich hatte keine Ahnung, welche Worte das sein sollten. Ich war nicht gerade das Paradebeispiel einer anschmiegsamen, liebevollen Frau.
Ruckartig hob er den Kopf, als hätten ihn meine Gedanken aus dem Schlaf geschreckt. Auch ich zuckte zusammen, mein Herz trommelte heftig aus Sorge, er könnte meine Gedanken tatsächlich gelesen haben. Zum Glück bemerkte er meine Reaktion nicht. Er bemerkte mich überhaupt nicht.
Gähnend richtete er sich auf und fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht. Dann erst wanderte sein schläfriger Blick langsam zu mir. Ich war froh, dass meine Hand immer noch wie zur Faust erstarrt an der Tür lag, so nahm er hoffentlich an, ich hätte eben erst angeklopft und ihn nicht bereits seit Minuten wie eine Spannerin beobachtet.
»Hallo«, sagte ich zögernd und bereute es sofort. Mit einem Hallo begrüßte ich ihn sonst nie. Niemals.
Verwundert zog er die Stirn noch mehr kraus. Sein Gesicht sprach Bände. »Bist du fertig?«, fragte er mit vom Schlaf noch rauer Stimme.
Aus Angst davor, was als Nächstes aus meinem Mund käme, beließ ich es bei einem Nicken. Ihn beim Schlafen zu beobachten hatte mein Hirn weichgeklopft. Plötzlich herrschte in meinem Kopf gähnende Leere. Außerdem war ich müde. Und der Merkur war rückläufig. Und irgendwo in einem See im Süden hatte man zombieähnliche Blutegel entdeckt. Logisch, dass mir viel zu heiß war und ich keinen klaren Gedanken fassen konnte.
Wyatt stützte die Hände auf den übervollen Schreibtisch, um aufzustehen. »Bist du soweit? Kann ich dich jetzt anschauen?« Unsere Blicke prallten mit der Wucht eines Auffahrunfalls bei Höchstgeschwindigkeit aufeinander. »Ich meine, deine Stationen«, verbesserte er sich mit einem Räuspern. »Kann ich deine Stationen abnehmen?«
Ich nickte. Meine Zunge hatte offenbar die Fähigkeit verloren, Worte zu bilden. Das konnte nur an den Dämpfen der Putzmittel liegen, die ich in den letzten Stunden eingeatmet hatte.
Wyatt ließ seinen Blick nicht von mir. »Was ist los, Kaya? Hat die Katze deine Zunge gefressen?«
Ich zuckte mit den Schultern und täuschte ein Gähnen vor. »Ich bin bloß müde«, stieß ich hervor.
Er rieb sich die Augen mit den Fäusten, während ich in Erwägung zog, mir den Kopf untersuchen zu lassen. Warum fand ich diese Geste plötzlich so sexy? Daran war überhaupt nichts sexy. Und dennoch beschleunigte der Anblick dieses schläfrigen, zerzausten Mannes meinen Herzschlag.
Es hätte aber auch jeder andere Mann sein können. Endo zum Beispiel. Der war fast fünfzig, wurde langsam kahl, und ihm fehlten mindestens zwei Zähne.
»Ich auch.« Er seufzte. »Komm, bringen wir es hinter uns.«
Ich drückte mich gegen den Türrahmen und ließ ihm den Vortritt. Ich hatte die Tür nicht ganz geöffnet, und als er sich an mir vorbeischob, stieß er mit der Schulter gegen mich. Wyatt und ich berührten uns sonst nie. Wir hielten absichtlich immer Abstand zueinander.
Als seine warme, breite Schulter meine berührte, kam es mir so vor, als würde die Luft zwischen uns knistern. Als hätte der Blitz eingeschlagen. Ich fuhr erschrocken zurück.
Jemand keuchte auf. Das konnte doch nicht ich gewesen sein.
Du liebe Güte, offenbar war ich sexuell so ausgehungert, dass selbst diese harmlose Berührung mich schon kribbelig machte. Aber meine lange Enthaltsamkeit war nicht allein für diese Reaktion verantwortlich. Es lag an Wyatt. Er schien aus purer Elektrizität zu bestehen. Heiß und intensiv, fast magnetisch. Mir kam es vor, als hätte sich die aufgeheizte Spannung zwischen uns auf einen Schlag entladen.
Auch Wyatt schien das zu bemerken, denn er blieb auf halben Weg im Türrahmen stehen und wandte nur langsam seinen Blick zu mir, als müsste er sich erst wappnen auf das, was er zu sehen bekam.
»Wehe du findest was zum Meckern«, platzte ich heraus, um meine alberne Reaktion zu überspielen. Meine Stimme klang fest, obwohl mein Inneres bebte.
Das Braun seiner Augen wurde dunkler, und ein rätselhaftes Funkeln trat in seinen Blick. Er beugte sich zu mir und sah mich herausfordernd an. »Und wenn doch? Was bekomme ich dafür?«
Die Luft zwischen uns vibrierte. Überrascht zog ich die Augenbrauen hoch über den tiefen Klang seiner Stimme und den Anblick seiner Wangen, die ebenso zu glühen schienen wie sein Blick. Was war das? Ein nächtlicher Impuls an falscher Stelle? Durch Schläfrigkeit ausgelöste sexuelle Verwirrung?
Nein, das war verrückt. Wenn hier einer verwirrt war, dann nur ich. Mein letztes Date war ewig her. Wie lange genau dauerte schon meine Enthaltsamkeit? Außerdem war ich total fertig nach dem anstrengenden Tag. Und ja, womöglich sehnte ich mich auch ein wenig verzweifelt nach Aufmerksamkeit. Das hieß jedoch noch lange nicht, dass ich mich Wyatt an den Hals werfen musste, der sich nicht die Bohne für mich interessierte.
»Die Befriedigung über gut geleistete Arbeit?«, antwortete ich auf seine Frage und bemühte mich, so sarkastisch wie nur irgend möglich zu klingen.
Ich erwartete, dass er die Augen verdrehte oder mit einer spitzen Bemerkung reagierte. Stattdessen senkte er die Stimme und raunte: »Was dich angeht, Kaya, scheint Befriedigung ein Ding der Unmöglichkeit zu sein.«
Er lief zu den beiden Stationen, die ich geputzt hatte, während ich nach Luft schnappte. Was sollte das jetzt bedeuten?
Ich saugte an der Unterlippe, nagte mit den Zähnen an meinem schmalen Lippenpiercing und beobachtete, wie er in die Hocke ging, um meine Arbeit zu begutachten. War das eben eine Beleidigung? Es fühlte sich so an.
Und gleichzeitig auch wieder nicht. Die Bemerkung war merkwürdig. Ich fühlte mich merkwürdig. Als hätte jemand den Korken einer Champagnerflasche in meinem Körper knallen lassen.
Wyatts große, tätowierte Hände schoben Ausrüstung herum, und fuhren prüfend in jeden Winkel. Ich sah ihm zu, lehnte mich an die Edelstahltheke und verschränkte die Arme über der Brust. Normalerweise hätte ich ihm längst eine schnippische Erwiderung an den Kopf geschleudert. Aber es war schon spät, und mir fehlte die Kraft dazu. Ich stand da wie eine Idiotin und wartete darauf, dass er etwas fand, um mich anzublaffen.
Er prüfte alles mit einer pingeligen Sorgfalt, die ich eigentlich hassen oder zumindest nervig finden sollte. Aber dem war nicht so. Er musste so gründlich und streng sein, auch wenn ihm das die Arbeit nicht leichter machte. Diesen Teil von ihm konnte ich respektieren. Trotzdem ärgerte ich mich, dass man ihm die Stelle des Küchenchefs gegeben hatte, ohne andere Bewerber überhaupt in Betracht zu ziehen. Okay, er war wirklich nicht schlecht in seinem Job. Ich würde zwar nicht so weit gehen und sagen, dass er ihn verdient hatte, aber er hatte zumindest hart dafür gearbeitet.
Das konnte ich ihm aufrichtig zugestehen.
Er drehte sich um und erwischte mich dabei, wie ich ihn anstarrte. Doch er zuckte weder mit der Wimper, noch gab er einen Kommentar dazu ab. Stattdessen konterte er, indem er mich seinerseits betrachtete. Sein Blick schweifte von meinen Dr.-Martens-Stiefeln langsam nach oben und blieb einen fast unmerklichen Augenblick an meinen Brüsten hängen, die dank meiner verschränkten Arme nach oben geschoben waren. Ich erschauerte, sagte aber auch kein einziges Wort.
Wie du mir, so ich dir. Das war unser Spiel.
»Hast du den Sous-vide-Garer auch geputzt?«, fragte er geschäftsmäßig und ganz düsterer, geheimnisvoller Mann.
Mist. Wütend starrte ich auf das Gerät. Erst jetzt, wo er es sagte, fiel mir auf, dass der Garer zu Dillons Station gehörte, obwohl eigentlich gar nicht zu übersehen. Ich schluckte meinen Stolz hinunter. »Nein, den habe ich vergessen.«
Ich rechnete mit Flüchen und einem Rüffel, aber Wyatt zuckte zu meinem Erstaunen nur mit den Schultern. »Okay, ich kümmere mich drum.«
Leicht verspätet versuchte ich, meine Überraschung zu verbergen. »Ich mach das noch schnell«, warf ich ein. »Es ist meine Aufgabe.«
»Nein, es ist Dillons Aufgabe.« Instinktiv öffnete ich den Mund, um meine Freundin zu verteidigen, aber er schnitt mir das Wort ab, bevor ich überhaupt etwas sagen konnte. »Es ist spät, Kaya. Fang keinen Streit mit mir an. Geh nach Hause und ins Bett.«
Seine Bemerkung versetzte mir einen Stich mit dem absurden Gefühl, zurückgewiesen worden zu sein, und instinktiv streckte ich meinen Rücken. Der Teil meines Gehirns aber, der noch normal funktionierte, warf die Hände hoch und ermahnte mich, wieder runterzukommen. Wyatt wollte nicht gemein zu mir sein oder den Chef heraushängen lassen, er meinte es nur gut.
Der impulsive, misstrauische, unvernünftige Teil meines Gehirns war jedoch schneller. »Schon gut. Die Arbeit hätte erledigt sein müssen, bevor ich dich damit behelligt habe. Das ist keine große Sache.«
Er schüttelte den Kopf, und Enttäuschung schien sich in ihm auszubreiten. »Ich weiß, dass es keine große Sache ist. Deshalb werde ich es auch erledigen.«
»Wie jetzt? Bin ich dir nicht gründlich genug?«
Seine Miene verfinsterte sich. »Habe ich das gesagt? Ich versuche nur, nett zu sein. Du musst morgen arbeiten.«
»Du auch.«
»Jesses Maria, dein Problem möchte ich haben.«
Mein Temperament ging mit mir durch, und die Wut explodierte in mir wie ein Feuerwerkskracher mit einem lauten Knall. »Ja, genau. Mein Problem bist du.« Obwohl ich sauer auf ihn war, fühlte ich mich sofort wohler, denn wir bewegten uns wieder auf vertrautem Terrain. Wortgefechte waren unser normaler Umgangston, und auch wenn es absolut dämlich war, ihn zu provozieren, atmete ich erleichtert auf. Aus unerfindlichem Grund wurde ich auch mutiger als sonst. Und gefährlich frech. Ich stupste mit dem Finger an seine Schulter. »Du bist mein Problem, Wyatt.«
Das war schon die zweite Berührung zwischen uns an diesem Abend, und wie zuvor knisterte die Luft zwischen uns, und mich überlief eine Gänsehaut. Ich wollte die Hand wegziehen, doch seine war schneller, und er packte mich am Handgelenk. Wie rau und stark diese Hand war.
»Das ist mir schon klar, Kaya. Dem ganzen verdammten Küchenpersonal ist das klar.« Er trat ganz dicht an mich heran, ohne mein Handgelenk loszulassen, und plötzlich kam ich mir klein und zerbrechlich vor. Er hatte mich völlig überrumpelt. »Wie wär’s zur Abwechslung, du lässt es einfach mal zu, wenn ich versuche, nett zu sein.«
Ich leckte über meine trockenen Lippen und versuchte, aus seiner eindringlichen Miene schlau zu werden. Meinte er es ernst, oder tappte ich gerade unwissentlich in irgendeine Falle? Während ich noch darüber nachdachte, was ich tun sollte, übernahm der kleine Teufel in mir die Oberhand und ließ die Bemerkung, die mir schon seit Stunden auf der Zunge lag, ungefiltert aus mir herausbrechen. »Nur, wenn du mich morgen die Ente machen lässt. Meine ist besser, und das weißt du auch.«
Sein Unterkiefer zuckte, und ich schluckte schwer. Er war mir so nahe. Auch er trug keine Kochjacke mehr, sondern nur noch ein dünnes T-Shirt, das mir freien Blick auf seine Tätowierungen auf Armen und Hals gewährte. Ich spürte seine Wärme, und er roch unglaublich gut. Viel zu gut.
Stundenlang hatten wir in der heißen Küche gearbeitet, umgeben von allerlei Speisen und Gerüchen. Er hätte nach diesem langen Tag nach Bratfett und Schweiß riechen müssen. Aber er roch nach frischen Kräutern, Zitrone und ganz leicht nach holzigem Whiskey.
Wieder fuhr ich mir mit der Zunge über die Lippen und war plötzlich unfassbar durstig.
»Ich brauche dich für die Beilagen«, erwiderte er.
»Der Saucierposten liegt mir aber mehr.«
Er hob einen Mundwinkel zu einem schiefen, herausfordernden Lächeln. »Du verhandelst mit mir, obwohl ich dir einen Gefallen tun will?«
Mein innerer Teufel brachte meinen Körper dazu, sich kurz an ihn zu drücken. »Ich erlaube dir, den Sous-vide zu putzen, und du erlaubst mir, den Saucierposten zu übernehmen, ja genau. Eine Win-win-Situation.«
Er schüttelte den Kopf und ließ mein Handgelenk los. »Das hast du heute Abend schon mal gesagt. Ich denke, unsere Vorstellung von Gewinn unterscheidet sich erheblich.«
Ich trat drei Schritte zurück und hielt mich hinterrücks mit beiden Händen an der Theke fest, um dem Impuls zu widerstehen, meine Finger in sein T-Shirt zu krallen. Das kalte Metall grub sich in meine Handflächen. »Danke, Wyatt. Du bist der Beste.«
»Ich habe noch nicht zugestimmt, Kaya.«
Ich schnappte mir meine Kochjacke und ging in Richtung Spind, um meine Tasche zu holen. Bevor ich den Raum verließ, drehte ich mich noch einmal um und zwinkerte ihm zu. »Ich denke, wir beide wissen, dass du sehr wohl zugestimmt hast.«
Ich wartete seine Antwort nicht ab, aber sein schiefes Lächeln ging mir nicht aus dem Kopf, als ich über den Parkplatz zu meinem 88er-Toyota Land Cruiser lief, meinem ganzen Stolz und meiner Freude. Das Auto war ein Oldtimer und unglaublich cool, wie ich fand. Leider war es nicht in bestem Zustand, aber immerhin auch schon dreißig Jahre alt. Älter als ich. Der Motor war jedoch äußerst robust, und die fehlende Klimaanlage im Sommer machte die lauwarme Heizung im Winter wieder wett.
Die Nachtluft belebte meine Sinne und machte mir den Kopf frei. Jetzt wurde mir auch klar, wie absolut albern ich mich aufgeführt hatte. Mein Herz sagte mir, dass Wyatt mit mir geflirtet hatte, aber mein Verstand machte mir klar, dass es sich um Wyatt handelte, und der flirtete mit niemandem, schon gar nicht mit mir – seiner Erzrivalin. Erschöpfung und die Dämpfe der Putzmittel hatten mir den Verstand benebelt.
Die frische Luft vertrieb diesen Nebel, und ich konnte wieder klar denken. Rational und vernünftig. Natürlich hatte Wyatt nicht mit mir geflirtet. Und er war auch nicht sexy, nicht mal, wenn er am Schreibtisch schlief. Und die zufälligen Berührungen heute Abend hatte ich auch nicht genossen.
Ganz bestimmt nicht.
Deshalb dachte ich auch nicht mehr an ihn und verspürte auch dieses Kribbeln nicht mehr.
Oder? Das Gegenteil war der Fall. Argh!
Ich ließ meine Stirn auf das ausgeblichene Lenkrad sinken und lachte mich aus. Irgendetwas lief hier aus dem Ruder. Was war bloß los mit mir?
Seufzend angelte ich mein Handy aus der Tasche und ignorierte die tausend Nachrichten, die ich schon den ganzen Tag lang ignoriert hatte. Während meiner Schicht im Lilou hatte ich einfach keine Zeit. Inzwischen war es kurz vor zwei Uhr morgens, und jetzt stand mir auch nicht mehr der Sinn danach, einen Berg von Social-Media-Kommunikation nachzuholen. Morgen musste ich wieder arbeiten. Vielleicht konnte ich ja am Wochenende den Anschluss an den Rest der Welt wieder schaffen. Oder auch nicht.
Dillon hatte mir bereits vor Stunden eine Nachricht geschickt. Ich hatte sie lesen und ihren wohlverdienten Dank für das Reinigen ihrer Station entgegennehmen wollen. Als Nächstes wollte ich sie bitten, mir als Gegenleistung ein Date zu arrangieren und mich wieder zu Verstand zu bringen. Eindeutig brauchte ich dringend wieder Kontakt mit der Außenwelt. Mein Hang zum Workoholismus machte mich wahnsinnig, und wenn ich nicht bald etwas für mein Liebesleben tat, würde ich mich noch dem nächstbesten Geschirrspüler an den Hals werfen. Und damit meinte ich die Maschine und nicht etwa Endos siebzehnjährigen Neffen. Ich war verzweifelt, aber nicht kriminell.
Als ich Dillons Nachricht nun öffnete und las, entglitten mir die Gesichtszüge, und die seltsamen Momente mit Wyatt im Besonderen und mein besorgniserregendes Freizeitleben im Allgemeinen waren vergessen.
Dillon: Ezra hat gesagt, dass sein Küchenchef im Sarita heute gekündigt hat. DU SOLLTEST DIR DIE STELLE SCHNAPPEN!
Wie bitte, was?!?
Rasch tippte ich eine Antwort.
Ich: Ruf mich morgen an. Ich will jede kleinste Einzelheit wissen.
Das Sarita war eines der vier Restaurants, die Ezra gehörten. Alle boten die gehobene Küche und hatten einen ausgezeichneten Ruf. In letzter Zeit hatte Ezra jedoch Schwierigkeiten, loyale Küchenchefs zu finden. Was in unserer Branche keine Seltenheit war. In unserem Gewerbe gab es viele große Egos. Einen Küchenchef zu finden, der den Wunsch nach eigenem Ruhm zurückstellen würde, war schwer und Ezra bekanntermaßen auch kein einfacher Arbeitgeber.
Der Küchenchef im Bianca war bereits wegen kreativer Differenzen gegangen, bevor Killian im Lilou gekündigt hatte. Das Lilou war immer das Prunkstück der vier Restaurants und war es noch, auch wenn Wyatt vorher keine Erfahrung als Küchenchef gesammelt hatte. Nun war auch das Sarita ohne Chef, und Ezra drehte sicher am Rad.
Der ständige Personalwechsel war ein Beweis für Ezras Pedanterie. Auch das war kein Geheimnis. Selbst Killian hatte sich oft mit ihm gestritten, und die beiden waren beste Freunde.
Ezra war rechthaberisch, stur und hing mit ganzer Seele an seinen Restaurants – bis ins kleinste Detail.
Mit gewisser Schadenfreude hatte ich zugesehen, wie sich Wyatt in den letzten Monaten abgestrampelt hatte. Ich hatte meinen Spaß. Er weniger. Ezra und Wyatt stritten über so gut wie alles. Mehr als einmal war ich in ihre hitzigen Debatten über die Speisekarte gestolpert.
Auch wenn es Killian als Küchenchef ähnlich ergangen war, Wyatt überbot ihn um Längen an Sturheit. Vielleicht war es Ezra inzwischen auch einfach leid, immer dieselben Kämpfe auszutragen.
Wie dem auch sei, Wyatt hatte in letzter Zeit immer häufiger seinen Kopf durchgesetzt, und ich hatte mich über die kleinen Veränderungen gefreut, die er für die vorsintflutliche Karte erreicht hatte.
Dillons Nachricht veränderte jedoch alles. Neben dem Bianca auch noch für das Sarita einen Küchenchef suchen zu müssen, brachte Ezra in eine Notsituation. Das wiederum könnte ihn zu Entscheidungen verleiten, die er sonst nicht treffen würde.
Ich lehnte mich im Fahrersitz zurück und umklammerte das Handy mit beiden Händen. In mir brodelte eine Mischung aus Angst, Mut, Hoffnung und Sehnsucht. Zu gern wollte ich glauben, ich wäre gut genug für diesen Posten und könnte eine Küche leiten. Seit dem Abschluss meiner Ausbildung hatte ich darauf hingearbeitet. Ich wollte diese Stelle mehr als alles andere in der Welt.
Aber konnte ich das schaffen? Konnte ich Ezra davon überzeugen, dass ich dem gewachsen war?
Die Anzahl weiblicher Küchenchefs im Vergleich zu den männlichen war unterirdisch. Wir Frauen wurden weltweit maßlos unterschätzt. Eines der vier besten Restaurants in Durham – hatte ich überhaupt den Hauch einer Chance?
Meine Hände zitterten, als ich das Handy auf den Sitz legte und den Motor anließ. Sie zitterten auf der ganzen Fahrt nach Hause. Auch noch beim Duschen und als ich ins Bett ging. Da war sie. Meine Chance.
Natürlich wollte ich sie nutzen. Natürlich würde ich alles daran setzen, das Restaurant zu bekommen und beweisen, was für eine tolle, kompetente Küchenchefin ich sein konnte. Das Sarita war das perfekte Restaurant für mich. Die Atmosphäre, das Essen, das gesamte Konzept entsprach genau meinem Geschmack und meinen Vorlieben.
Ich war wie geschaffen für dieses Restaurant. Und nichts und niemand würde mich aufhalten. Ich würde mich von ganzem Herzen der Aufgabe widmen, all mein Können hineinlegen und all meine Zeit opfern, um diese Stelle zu bekommen. Ich würde alles dafür tun, um diese einmalige Chance zu ergreifen.
Ich musste nur endlich aufhören, an Wyatts blödes Lächeln zu denken und an die Nachricht, die er mir geschickt hatte, als ich schon im Bett lag.
Wyatt: Okay, der Saucierposten gehört wieder dir, Swift. Aber nur, wenn du dort genauso gut bist wie beim Putzen deiner Station heute Abend.
Dahinter hatte er einen Zwinkersmiley gesetzt, der Schlauberger. Und ich schlief, ohne es zu wollen, mit einem Lächeln auf den Lippen ein.
Am nächsten Morgen wachte ich später auf als geplant. Es war schon kurz vor acht, als ich mich endlich aus dem Bett schleppte. Da ich aber erst nach drei eingeschlafen war, hatte ich kein schlechtes Gewissen, ausnahmsweise einmal auszuschlafen.
Ich seufzte in Richtung Uhr. Na ja, fünf Stunden konnte man nicht gerade ausschlafen nennen. Liebe Güte, ich war masochistisch veranlagt. Völlig verrückt, dass ich mir einen noch stressigeren Job wünschte. Falls ich jemals Küchenchefin werden sollte, ob nun im Sarita oder anderswo, würde von Schlaf überhaupt nicht mehr die Rede sein.
Wyatt war der Letzte, der das Lilou verließ, und der Erste, der morgens dort war, um Lieferungen entgegenzunehmen und sich um die kaufmännische Seite seines Jobs zu kümmern. Natürlich lief das nicht immer so. Früher hatten Wyatt und ich gelegentlich die Lieferungen für Killian entgegengenommen, damit er wenigstens etwas Schlaf bekam. Was nicht hieß, dass er sich je eine Auszeit genommen hätte. Wyatt war nicht anders. Er würde es einfach nicht über sich bringen, das Lilou jemand anderem anzuvertrauen.
Und wenn es mir wirklich gelänge, mir die Stelle zu sichern, die ich wollte? Dann würde ich bestimmt auch nicht anders sein.
Was hatte Dillon über Ezra gesagt? Dieser Urlaub war sein allererster überhaupt.
Ein Klub der Workaholics, die ihre Arbeit dem Leben vorzogen.
Ja, das war mein Traumjob, und ich liebte ihn mit jeder Faser meines Körpers und von ganzem Herzen. Das Kochen war mein Leben. Mein Ein und Alles. Ich wollte unbedingt noch besser werden und noch mehr erreichen, meine Karriere mit großen Schritten vorantreiben.
Das war der Grund, warum ich nicht ewig Wyatts Souschefin bleiben konnte. Nicht nur, weil wir die gestörteste Beziehung in der Geschichte der Kochkunst hatten, sondern auch weil ich nicht auf Dauer die zweite Geige spielen wollte. Für mich gab es noch mehr im Leben, als für Wyatt zu arbeiten. Ich war mindestens so gut wie er, wenn nicht gar besser. Ich brauchte meine eigene Küche. Und ich würde alle Hebel dafür in Bewegung setzen.
Da war diese innere Stimme, die mir sagte, dass ich mich niemals damit zufriedengeben würde, im Schatten eines Mannes zu stehen. Vor allem nicht in dem breiten Schatten von Wyatt. Man mochte es Stolz, Ehrgeiz oder ein gieriges Neidmonster nennen, aber ich hatte bestimmt nicht vor, mich mein ganzes Leben abzuschuften und einen anderen die Lorbeeren ernten zu lassen.
Ich wollte den Ruhm für mich selbst. Ich wollte bekannt sein. Ich wollte die Verantwortung, die mich an die Spitze brachte, auch wenn sie mich im nächsten Moment in den Abgrund ziehen könnte.
Das Sarita und ich waren wie füreinander geschaffen. Es stach aus Ezras Restaurantkollektion mit dem am breitesten gefächerten Stilmix hervor. Die Spezialität waren Tapas und Craft-Cocktails. Es gab Flamencoabende, Live Bands und einen »Chef’s Table«, ein Schaukochen des Küchenchefs mit Fünfzehn-Gänge-Menü. Das Sarita hatte Charakter und strahlte ein gewisses Hippie-Flair aus, das mein Herz vor lauter Solidarität schneller klopfen ließ.
Ich war im ländlichen North Carolina aufgewachsen, in der Kleinstadt Hamilton. Meine Eltern und beiden jüngeren Schwestern Claire und Cameron lebten immer noch dort. Sie führten ein typisches Kleinstadtleben mit dem dazugehörigen Klatsch und Tratsch und der unvermeidlichen Kleinkariertheit. Bei der ersten sich bietenden Gelegenheit war ich aus der Stadt geflüchtet.
Ich war das totale Klischee. Das schwarze Schaf, das nirgendwo reinpasste. Eine unfreiwillige Rebellin. Die Goth-Hipster-Emo-Braut, die Schwierigkeiten hatte, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Einer Gesellschaft, die keine Notiz von ihr nahm.
Ich wollte unbedingt mehr sein, als bloß die Cheerleaderin von der Highschool, die den Quarterback heiratete und niemals aus der Stadt herauskam. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, mein Leben zu vergeuden. Ich hegte nicht den Traum, schwanger zu werden und kleine Cheerleader und Quarterbacks aufzuziehen, während das Aufregendste in meinem Leben das Neueste vom Tage wäre – wer mit wem schlief, welcher kleine Punk mit Drogen dealte und, ach du liebe Güte, hast du schon gehört, wer pleite gegangen ist?
Das konnte ich einfach nicht. Ich konnte nicht einmal akzeptieren, dass andere dieses Leben für erstrebenswert hielten.
Ich rebellierte und wurde zu einer großen Enttäuschung für meine Eltern, die sich nichts sehnlicher wünschten, als dass ihre Tochter Abschlussballkönigin wurde und ihnen royale Enkelkinder schenkte.
Aus Protest rauchte ich in der Mittelstufe unter der Tribüne auf dem Sportplatz, schwänzte den Unterricht und ging Teamsport so weit wie möglich aus dem Weg. Und fast wäre ich sogar unbeschadet davongekommen.
