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Zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten - und doch perfekt füreinander sind ...
Mit gebrochenem Herzen und geplatzten Träumen kehrt Vera Delane in ihre Heimatstadt zurück. Um wieder auf die Füße zu kommen, macht sie sich mit einem Food-Truck selbstständig. Dumm nur, dass sie diesen genau gegenüber des Sternerestaurants abstellt, in dem Killian Quinn, der Bad Boy der Kochszene, das Zepter schwingt. Er gilt als arrogant und launisch und ist doch eine Legende. Aber die junge Frau lässt sich von dem schroffen Konkurrenten nicht einschüchtern, und schon bald fliegen die Fetzen - und Funken! - zwischen Vera und dem heißen Sternekoch.
"Ich bin verliebt! In den arrogantesten und launischsten Koch, von dem ich je gelesen habe. Killian Quinn ist mein neuer Book-Boyfriend und einfach wunderbar!" MARYSE’S BOOK BLOG
Auftakt der Serie rund um Gegensätze, Liebe und Food - warmherzig, romantisch und sexy
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Seitenzahl: 497
Veröffentlichungsjahr: 2019
RACHEL HIGGINSON
The Opposite of You
Roman
Ins Deutsche übertragen von Corinna Wieja
Schon als kleines Mädchen wusste Vera Delane ganz genau, was sie wollte: eine erfolgreiche Sterneköchin werden! Sie hat hart dafür gearbeitet, dieses Ziel zu erreichen. Doch eine falsche Entscheidung lässt nicht nur ihr Herz in tausend Scherben zerspringen, sondern auch ihren Traum vom eigenen Restaurant platzen. Vera flieht vor ihrer Vergangenheit und kehrt erst wieder in ihre Heimatstadt zurück, als ihr Vater erkrankt und ihre Hilfe braucht. Als letzten Ausweg macht sie sich mit einem Food-Truck selbstständig und hofft, so wieder auf die Füße zu kommen. Dumm nur, dass sie diesen genau gegenüber vom Lilou aufstellt, dem angesagtesten Restaurant in der Stadt. Hier kocht Killian Quinn, eine Legende in der Gastronomie und genau der Typ Mann, den Vera nie wieder an sich heranlassen will: arrogant, launisch und von Perfektion besessen. Als der Bad Boy der Kochszene Foodie und seine attraktive Besitzerin erblickt, ist er wenig begeistert angesichts der Konkurrenz, dennoch weckt die ambitionierte Köchin sein Interesse. Und schon bald fliegen die Fetzen – und Funken! – zwischen der ehrgeizigen Vera und dem selbstbewussten Killian …
Für A, B und K,
Ihr seid keine Opfer. Ihr seid Siegerinnen.
Und die stärksten Frauen, die ich kenne.
Ihr habt euer Glück verdient.
»Wunderschön.«
Ich schenkte Molly, meiner besten Freundin seit Kindertagen, ein Lächeln. »Das ist sie, oder?«
Molly schob den dichten dunklen Pony aus ihrem herzförmigen Gesicht und enthüllte ihre entschlossene Miene. »Kein Wunder, nach all der Mühe, die ich mir gemacht habe.«
Mein Herz stolperte, mein Puls hämmerte aufgeregt. Das war mein Baby. Mein Leben. Und ich war heute der Eröffnung einen großen Schritt näher. »Nach all der Mühe, die du dir gemacht hast?«
In Mollys strahlenden hellblauen Augen erschien ein amüsiertes Funkeln. Sie wedelte mit dem Pinsel vor meiner Nase herum. »Ja, mit dem Schriftzug, meine ich.« Erneut tauchte sie die Pinselspitze in die dickflüssige rote Farbe auf ihrer vollgeklecksten Palette. »Ohne mich wärst du nichts, Süße. Wen interessiert schon, was du in deinem Wohnwagen zaubern kannst?! Ohne meine perfekte Beschilderung würde dich niemand finden.«
Ich musste unwillkürlich lachen. Molly Maverick war eine wahnsinnig gute Freundin und der einzige Grund, warum ich nach den Ereignissen im vergangenen Jahr nicht völlig durchgedreht war.
»Können wir uns darauf einigen, meinen Food-Truck nicht als Wohnwagen zu bezeichnen? Das klingt ja so, als sei ich im horizontalen Gewerbe unterwegs.«
Mollys Seitenblick verriet ihre Gedanken. »Ein wenig mehr Action in der Horizontalen würde dir guttun.«
Ich wandte mich wieder der in der Sonne glänzenden frischen Farbe zu, und mein ganzer Körper bebte vor Vorfreude. »Der Duft.«
Molly schnaubte unanständig und hielt im Malen inne. »Was?«
»Der Duft zieht die Kunden an. Wie im Zeichentrickfilm. Die Leute müssen nur noch ihrer Nase bis hierher folgen.« Ich zeigte auf die Stelle vor meinen Füßen.
Molly warf den Kopf in den Nacken und lachte lauthals. Ihr langes schwarzes Haar schwang dabei über ihren Rücken. »Wenn du nebenbei ein horizontales Gewerbe planst, solltest du vielleicht nicht mit deinen köstlichen Düften werben.«
Ich zwickte sie in den Arm. »Du bist unmöglich, Molly Maverick.«
»Und trotzdem magst du mich, Vera Delane.«
Wir teilten ein verschwörerisches Grinsen, doch im nächsten Moment blieb mein Blick wieder an der knallroten Schrift hängen, die Molly auf die Seite meines Trucks gezaubert hatte. Ich konnte den Blick nicht davon abwenden. Zumindest nicht lange. Es lag etwas Endgültiges darin, wenn man Dingen einen Namen gab. Ein Name verhieß Hoffnung. Und eine Namensgebung zeugte von Entschlossenheit, als würde man sagen: »Du gehörst mir, Foodie. Ich beanspruche dich für mich.«
Der silbrige Lack meines Food-Trucks schimmerte in der Nachmittagssonne. Nur die breiten Fenster wurden von meiner brandneuen schwarz-weiß gestreiften Markise überschattet, deren Volants in der schwülen Sommerbrise flatterten. Die Schiebefenster waren praktisch, modern und schmucklos, während der Rest meines frisch erstandenen »Wohnwagens« augenzwinkernd mit kitschigem Vintage-Feeling daherkam, von dem ich wünschte, dass es im besten Fall meinen Stil widerspiegelte.
Ja, Foodie war eine Schönheit. Und die frische rote Farbe machte sie noch schöner. Meine unglaublich talentierte Freundin Molly war Künstlerin von Natur aus und Grafikdesignerin von Beruf. Ihre Leidenschaft gehörte der Malerei. Und sie war unfassbar gut darin.
Und deshalb schämte ich mich auch nicht, ihre Begabung auszunutzen. Es hatte ohnehin nicht viel Mühe gekostet, Molly dazu zu überreden. Sie war die Erste, der ich meine verrückte Imbiss-Truck-Idee anvertraut hatte, und die Erste, die mir nach meiner Rückkehr ihre Hilfe anbot.
Ihr Retro-Design-Logo an der Seite meines Wagens würde Kunden aus dem ganzen Viertel anlocken. In meinen kühnsten Träumen sah ich sie schon in Scharen abends aus den Bars und Clubs des trendigen Teils der Stadt zu mir strömen.
Hungrige Scharen.
Das war vermutlich Wunschdenken, aber viel mehr als Hoffnung blieb mir in diesen Tagen nicht. Foodie war mein allerletzter Versuch, die Überreste meiner in den vergangenen Jahren extrem schiefgelaufenen Karriere noch zu retten. Tatsächlich war der Truck – Mein ureigener Food-Truck! – so gut wie alles, was mir von meinen hochgesteckten Zielen, meinem Ehrgeiz und meinen Ersparnissen geblieben war.
Wenn Foodie kein Erfolg wurde, hatte ich auf ganzer Linie versagt.
Und was dann?
Ich starrte gedankenverloren auf den Namen, den ich nach monatelangem Planen, Hoffen und Träumen so sorgfältig gewählt hatte, und versuchte mir vorzustellen, was mich erwartete, wenn dieses Wagnis nicht so lief wie geplant. Oder schlimmer noch, wenn auch dieser Traum in die Brüche ging, so wie alles, worauf ich bisher im Leben gebaut hatte.
Allerdings fiel es mir schwer, so weit in die Zukunft zu blicken. Ich konnte mir nicht vorstellen, was ich machen sollte, wenn Foodie kein Erfolg würde. Nicht, dass ich es nicht versucht hätte.
Ich dachte ständig daran. Die Sorgen und die Versagensangst raubten mir den Schlaf. Oft lag ich nachts wach, starrte an die Decke und versuchte, mir ein Leben vorzustellen, in dem sich nicht alles ums Kochen oder das Entwickeln neuer Gerichte drehte.
Aber es gelang mir nicht.
Kochen war meine Leidenschaft.
Das Leben konnte mir alles nehmen – eine sichere Zukunft, meine Hoffnungen, den Traum, eine bekannte Sterneköchin zu werden, bevor ich dreißig wurde, mein letztes Geld, alles.
Dennoch würde ich mein Ziel, Chefin meiner eigenen Küche zu werden, niemals aufgeben.
Wenn es sein müsste, würde ich sogar auf der Straße in Mülltonnen kochen.
Also, ich meine, bildlich gesprochen.
Wer isst schon was, das aus einer Mülltonne kommt?
»Vera?« Mollys Stimme klang so sanft wie immer, wenn sie mich nicht erschrecken wollte.
Ich blinzelte, bis sich die Welt um mich herum wieder scharf stellte. Ich wusste schon, was sie sagen wollte, noch bevor sie den Mund öffnete, daher kam ich ihr zuvor. »Alles gut.«
»Du warst ganz woanders«, stellte sie mit besorgtem Blick fest.
Ich seufzte und gestand ihr die Wahrheit. »Ich hab eine Scheißangst.«
Mollys Mundwinkel hob sich zu einem selbstgewissen Lächeln. »Dieser Food-Truck wird ein Erfolg. Dein Essen wird fantastisch sein«, versprach sie. »Die ganze Stadt wird sich darum reißen. Die Leute werden stundenlang vor Foodie Schlange stehen, damit sie deine genialen Gerichte probieren können, und du wirst Superkritiken bekommen.«
Ich schenkte ihr ein zaghaftes Lächeln, obwohl mir nicht danach zumute war. »Genau das, was ich immer wollte.« Ich wandte mich ab, ehe sie die Tränen bemerkte, die mir in den Augen brannten. Sarkasmus konnte kaum die Wahrheit meiner Worte verschleiern. Denn all das wünschte ich mir tatsächlich sehnsüchtig.
Oder hatte es mir mal gewünscht.
Früher.
Bevor alles den Bach runterging.
Und jetzt wünschte ich mir all das wieder, in kleinerem Rahmen. Anstelle eines schillernden Fünf-Sterne-Restaurants gab ich mich mit einer neun Meter langen Küche auf Rädern zufrieden. Ich hatte meinen Ehrgeiz zurückgeschraubt. Statt mit einer gut geölten Maschinerie aus Servicepersonal und Köchen zu arbeiten, würde ich Küche und Service im Alleingang übernehmen.
Ich hatte nie vorgehabt, mich mit meinem Ausbildungskredit über beide Ohren zu verschulden, um später in einem restaurierten Imbisswagen zu kochen, für den ich mich zusätzlich verschuldet hatte. Allerdings musste ich vor vier Monaten, nach einem ziemlich heftigen Jahr, wieder zu Hause einziehen und einen Plan B entwickeln.
Foodie war mein Plan B.
Ich hatte eine teure Ausbildung an einer renommierten Schule gemacht, um eine weltberühmte Köchin zu werden. Ich wollte mir einen Platz in einer von Männern dominierten Branche erkämpfen, um in den besten Restaurants der Welt zu arbeiten. Ich hatte mir den Hintern aufgerissen und jede Menge Opfer gebracht für einen Lebenslauf und Ruf, der mir die Türen zu jeder gewünschten Restaurantküche öffnen sollte. Und ich hatte gehofft und gebetet, von den besten Küchenchefs lernen zu können, in ihren Kreisen akzeptiert und irgendwann sogar als eine der ihren betrachtet zu werden. Ich hatte mir Auszeichnungen, Michelin-Sterne und branchenweite Anerkennung gewünscht.
Nichts davon war passiert. Meine Träume hingen in der Warteschleife, weil ich eine falsche Entscheidung getroffen und mich von meinem Ziel hatte ablenken lassen.
Ich fühlte mich immer noch nicht auf dem richtigen Weg.
Ganz gleich, wie hart ich im vergangenen Jahr gearbeitet hatte, um darüber hinwegzukommen, spürte ich immer noch die Last auf meinen Schultern und ein flaues Gefühl in der Magengrube.
Die Vergangenheit hing über mir wie ein Damoklesschwert. Eine nicht mehr greifbare, aber auch nicht zu vergessende Bedrohung. Ich fühlte mich auch jetzt noch verfolgt und unter Druck gesetzt.
Dieser Imbisswagen, so schön und inspirierend er auch sein mochte, war nicht der Weg, den ich im Leben gehen wollte. Er stand für zerbrochene Träume und eine verlorene Zukunft.
Und er war alles, was mir noch geblieben war.
Eine Türglocke bimmelte und zog meine Aufmerksamkeit auf den Laden, auf dessen Parkplatz ich stand. Cycle Life. Der Eigentümer erschien in der Tür und zauberte ein Lächeln auf mein Gesicht, denn er war mir einer der liebsten Menschen auf der Welt. Ein kleiner Businessguru, ein totaler Hipster, auch wenn er es leugnete, und mein großer Bruder. Ich bewunderte Vann, ja, ich schaute zu ihm auf. Er hob schützend die Hand gegen die blendende Sonne, nickte und lief auf Molly und mich zu.
Molly nickte halbherzig zurück und stieg wieder die Leiter hinauf, um ihr Werk an Foodie zu vollenden. Sie war voller Selbstvertrauen und fühlte sich so lange wohl in ihrer Haut, bis sie jemandem ihre Arbeit zeigen musste. Dann wurde sie so unsicher wie wir anderen Sterblichen.
»Hallo, Vann«, grüßte ich ihn, noch ehe er im Schatten der Markise stand.
Mit ernstem Blick begutachtete er Mollys Arbeit. Molly musste sich eigentlich keine Sorgen um Kritik machen. Ihr Talent war atemberaubend, ihre Kunstwerke waren perfekt und berührten jeden, der sich glücklich schätzen konnte, sie zu sehen. Mein Bruder jedoch nahm kein Blatt vor den Mund, vor allem nicht bei Molly. Die beiden waren wie Geschwister. »Den Namen habt ihr ja schon.«
Ein nervöses Kribbeln durchlief mich. »Und was denkst du?«
Vann war superkritisch und nicht besonders einfühlsam. Er sagte immer, was er dachte. Und er meinte, was er sagte.
Das machte ihn die meiste Zeit zu einem unerträglichen Arsch.
Kurz gesagt, seine Meinung war mir megawichtig.
»Sieht gut aus, Vera. Jetzt bist du offiziell Unternehmerin.«
»Hast du gehört, Molly? Ich bin offiziell.«
Sie drehte sich, auf der Leiter balancierend, zu uns um und lächelte. »Du bist beeindruckt, stimmt’s, Vann? Los, sag mir schon, wie fantastisch ich bin.«
Er winkte ab, nickte aber gleichzeitig zustimmend. »Gefällt mir. Ich würde hier essen.«
»Na hoffentlich«, seufzte ich. »Ich brauche wenigstens einen zahlenden Kunden.«
Vann schmunzelte. »Oh, ich hab nicht gesagt, dass ich zahlen würde. Ich würde hier essen, weil der Imbiss direkt vor meinem Laden steht und ich mir die Hälfte meines Parkplatzes habe abschwatzen lassen. Ach ja, und weil die Inhaberin zur Familie gehört. Allein aus diesen Gründen würde ich hier ab und zu mal auf ein Gratis-Essen vorbeischauen.«
Ich sah ihn durchdringend an. »Gratis-Essen kann ich mir nicht leisten. Im Moment kann ich mir noch nicht mal die Gerichte leisten, für die die Leute bezahlen sollen.«
Er verzog enttäuscht sein Gesicht. »Nicht mal ein Mittagessen?«
Ich schüttelte den Kopf und stupste ihn mit der Schulter. »Heute steht nur Farbe auf dem Speiseplan. Aber ich servier dir gern eine Schüssel Rot.«
»Scheunenrot, um genau zu sein«, ergänzte Molly hilfsbereit.
»Du bist neuerdings so eine Besserwisserin«, sagte Vann. »Dabei warst du mal echt nett. Hey, Molly, erinnerst du dich noch an die guten alten Zeiten, als Vera nett war?«
Molly hielt inne und sah mich mit gespieltem Mitleid an.
Mit Sarkasmus kam ich ja noch klar.
Aber mit den echten Gefühlen dahinter wollte ich mich lieber nicht auseinandersetzen.
»Sie ist nur so, weil sie sich für was Besseres hält«, sagte Molly. »Weil sie so weit gereist und so kultiviert ist. Wir können es mit Europa nicht aufnehmen, Vann, egal, wie großartig wir sind.«
»Ich liebe euch«, sagte ich aufrichtig. »Gegen euch beide kommt Europa nicht an, ganz egal, wie toll das Essen, wie trendy die Mode und wie unglaublich einfach die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel war.« Ich hielt inne und setzte einen Fuß auf die Stufe meines Trucks – der erste Schritt ins Eingemachte meiner neuen Herausforderung. »Hab ich euch eigentlich schon von der Architektur erzählt? Die haben Bauwerke dort, die älter sind als unser ganzes Land.«
»Ja, das hast du mal erwähnt«, brummte Vann. »Ein oder zwei Mal.«
»Eher dreitausend Mal«, erwiderte Molly.
Lächelnd nahm ich die nächsten Stufen und verschwand im Inneren von Foodie, um dort nach dem Rechten zu sehen.
Ich war auf einer der besten Kochschulen Amerikas gewesen, hatte vergangenes Jahr ganz Europa bereist, vorzügliche Gerichte gekostet und an der Zusammenstellung der besten Geschmacksprofile gearbeitet. Ich hatte Erfahrung, die nötige Ausbildung und einen Haufen zerplatzter Träume.
In Europa hatte mich meine Anonymität geschützt. Niemand kannte mich, niemand wusste, wo ich zur Schule gegangen oder mit wem ich ausgegangen war. Dort musste ich mir keine Sorgen machen, wegen fieser Gerüchte auf irgendwelchen schwarzen Listen zu landen, oder keinen Job zu bekommen, weil ich mir Feinde gemacht hatte.
Seit meiner Rückkehr hatte ich das Gefühl, meine Vergangenheit umschlich mich wie ein hungriger, sprungbereiter Alligator. In einem angesehenen Sterne-Restaurant zu arbeiten war keine Option mehr. Dieser Traum war ausgeträumt. Ich musste einen anderen Weg finden, das zu tun, was ich liebte und mein Leben wieder in den Griff bekommen.
Und da war mir die Idee mit dem Food-Truck gekommen.
In Foodie glänzte von der Decke bis zum Boden rostfreier Edelstahl. Schränke, Kühlschränke, Herd, Fritteuse und Geschirrspüler – jedes einzelne Stück meiner neuen Küche blitzte und blinkte. Ich erkannte verschwommen mein Spiegelbild in der makellosen Arbeitsfläche, die Konturen meiner sommersprossigen Wangen und schmalen Nase schienen weich und verbargen mein ungeschminktes Gesicht und die müden grauen Augen. Mein störrisches Haar hatte ich fast ganz unter ein schwarzes Bandana gestopft, nur einige widerspenstige kastanienbraune Locken ringelten sich wie Medusas Schlangen meinen Rücken hinunter. Nur wilder. Mein ehemals weißes T-Shirt war mit roten Farbspritzern übersät und durchgeschwitzt. Im Moment zeigte ich mich sicher nicht von meiner Schokoladenseite.
Und doch sah ich mir ähnlicher als seit Jahren.
Jetzt musste ich nur noch mich selbst wiederfinden.
Ich riss mich von meinem Spiegelbild los, das mir immer noch Unbehagen bereitete, und ging hinüber zu den Kühlschränken, die eine ganze Ecke des beengten Raums ausfüllten, um einen Blick auf das Thermostat zu werfen. Trotz des unkonventionellen Designs schwankte die Temperatur nicht. Gott sei Dank.
Noch hatte ich keine Lebensmittel im Food-Truck untergebracht. Genau genommen wusste ich nicht einmal, was ich am Eröffnungsabend anbieten sollte. Ich war seit Monaten aus der Übung und scheute davor zurück, eine Entscheidung zu treffen, aus Furcht, alles nur noch schlimmer zu machen. Meine besten Rezepte flogen wie Tischtennisbälle durch meinen Kopf, in allen Variationen und inklusive möglicher Fehler. Wie sollte ich nur eines davon auswählen? Woher sollte ich wissen, welches die Leute am liebsten probieren würden? Ich war zu blockiert, um mich zu entscheiden.
Außerdem musste ich erst noch einen Testlauf machen, um herauszufinden, was auf diesem begrenztem Raum überhaupt möglich war und was in der Mietküche vorbereitet werden musste. Ich hatte eine gewerbliche Küche mit genügend Stauraum angemietet, die den gesetzlichen Auflagen und Hygienevorschriften entsprach.
Mein Ziel war es, Gourmetgerichte mit Streetfood-Flair anzubieten, und ich hatte mir ausgemalt, dass der erste Artikel eines Foodbloggers oder Magazins genau diese Überschrift tragen würde. Und nun überlegte ich, ob ich nicht doch lieber Pommes frites und Hotdogs anbieten sollte, denn mit diesen altbewährten Imbissbuden-Klassikern konnte ich garantiert nichts falsch machen.
Andererseits, falls mein Versuch fehlschlug, diesen Teil der Stadt mit schicken Gourmetsnacks zu revolutionieren, konnte ich immer noch darauf zurückgreifen.
Das aber wollte ich unter allen Umständen vermeiden.
Ich ballte die Fäuste und sprach mir zum x-ten Mal Mut zu. So tief wie ich gestürzt war, hatte ich nichts mehr zu verlieren.
Mit Foodie würde ich zwar keinen Sprung in ungeahnte Höhen machen können, aber es war der erste Schritt heraus aus der Hölle. Ein Sprung in die richtige Richtung, zur Rettung meiner großen Leidenschaft – dem Kochen.
Und gutem Essen.
Dem besten Essen überhaupt.
Mir war gar nicht bewusst, dass ich die Augen geschlossen hatte. Als ich sie wieder öffnete, fiel mein Blick auf das weiß gekalkte Gebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die meisten Gebäude, die den kopfsteingepflasterten Platz säumten, waren große rote Backsteinbauten mit schmiedeeisernen Verzierungen. Der Landhausstil des Lilou stach aus diesem Meer der Architektur des frühen 19. Jahrhunderts hervor wie ein Leuchtturm.
Das beliebte Restaurant strahlte eine zurückhaltende Eleganz aus. Es wirkte grazil im Vergleich zu deren imposanter Strenge, kultiviert und vornehm inmitten dröhnender Bässe und blitzender Stroboskope, die nach Einbruch der Dunkelheit aus den Fenstern der Clubs drangen.
Das Lilou war das Sinnbild all meiner geplatzten Träume und in Vergessenheit geratener Ambitionen. Es war eines der besten Restaurants der Stadt und auf Monate im Voraus ausgebucht. Es ging das Gerücht, dass Kellner eine Art Restaurant-Boot-Camp überstehen mussten, bevor überhaupt in Erwägung gezogen wurde, sie einzustellen. Der Inhaber, Ezra Baptiste, war ein gewiefter Gastronom. Er führte drei erfolgreiche Restaurants, die angeblich alle nach seinen Exfreundinnen benannt waren.
Und sein Küchenchef? Eine Legende in der Gastronomie. Mit zweiunddreißig Jahren hatte er sich bereits einen Michelin-Stern und den Respekt jedes wichtigen Restaurantkritikers, Foodbloggers und Branchenmagazins im ganzen Land verdient. Mit fünfundzwanzig Jahren hatte er sich zum Küchenchef hochgearbeitet. Mit achtundzwanzig erhielt er den James-Beard-Award für herausragende Leistungen. Mit einunddreißig hatte er durch seine Kochkünste dem Lilou die Auszeichnung als »Spitzenrestaurant« verschafft. Killian Quinn war in der Küche als fürchterlicher, von Perfektion besessener Tyrann verschrien. Vor allem aber waren seine Rezepte so edel und die Art des Anrichtens so raffiniert, dass sie im ganzen Land Nachahmer fanden.
Das hatte ich zumindest in der letzten Ausgabe von Food and Wine und in Hunderten Artikeln während meiner Internetrecherche gelesen, die ich betrieb, seit mein Bruder mir den Parkplatz vor seinem Laden für Foodie angeboten hatte, direkt gegenüber vom Lilou.
Ich hatte Quinns Aufstieg zum Starruhm bereits während meiner Ausbildung fasziniert verfolgt. Aber in den vergangenen Jahren war mein Interesse an seiner Karriere, wie andere wichtige Dinge in meinem Leben, in den Hintergrund getreten. Erst als Vann meinen möglichen »Konkurrenten« auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes erwähnte, erinnerte ich mich notgedrungen wieder an das Lilou und seinen überaus talentierten Starkoch, mit dem ich mir womöglich die Gäste würde teilen müssen.
Unwillkürlich schweifte mein Blick hinüber, und ich bewunderte das schlichte Design des Lilou. Der Stil des Schriftzugs mit dem berühmten Namen war so schnörkellos raffiniert und so ganz anders in seiner Art als mein blitzender, trendiger Food-Truck.
»Er ist keine Konkurrenz«, murmelte ich wie ein Mantra.
Und das war er auch nicht. Wir würden nicht dieselben Gäste haben. Und falls doch, zu unterschiedlichen Zeiten: Er würde ihnen das Abendessen servieren, ich würde sie später zu mir locken, ausgehungert nach einer durchfeierten Nacht.
Ich wollte ihm sicher nicht seine Gäste abspenstig machen; ich wollte da sein, wenn sie heißhungrig aus den Nachtclubs strömten, bereit für eine fettige vierte Mahlzeit.
Killian Quinn bot ihnen ein einmaliges Feinschmeckererlebnis. Ich bot ihnen Wohlfühlessen gegen Katerstimmung.
Das Lilou stand für alles, was ich aufgegeben hatte, die weggeworfenen Träume und das Leben, das ich hätte haben können, aber es war keine Konkurrenz für mich.
Warum fühlte ich mich bloß so eingeschüchtert?
Ich wollte am Wochenende eröffnen. Seit ich mit den kläglichen Resten meiner Ersparnisse, dem Versprechen einer Anzahlung auf mein Erbe und dieser wahnwitzigen Unternehmensidee nach Hause zurückgekehrt war, hatten Molly und ich wie die Wilden geschuftet, um den Foodie-Schriftzug und die Küche rechtzeitig fertig zu bekommen.
Molly hatte mich vermisst, als ich in Europa war. Zum Glück. Deshalb hatte sie meinen engen Zeitplan hingenommen und mir bei den Vorbereitungen geholfen, nur um Zeit mit mir zu verbringen. Ohne sie wäre ich gar nicht so weit gekommen, aber sie konnte mir ja nicht ewig die Hand halten. Vor allem jetzt nicht mehr, da bald der Startschuss fallen würde.
Molly hätte die Decke der Sixtinischen Kapelle blind und mit links ausmalen können, aber sie konnte nicht mal einen Toast machen, ohne dass der Feuermelder losging.
Womöglich übertrieb ich ein klitzekleines bisschen, was ihr Talent anging, aber nur, weil uns eine siebzehnjährige Freundschaft und unerschütterliche Loyalität verband.
Vanns Kopf erschien im Türrahmen, er betrachtete mich stirnrunzelnd. »Hast du echt kein Essen?«
Ich riss mich vom Anblick des Lilou los und zuckte entschuldigend mit den Schultern. »Am Donnerstag werde ich alle Öfen anschmeißen und den ganzen Tag Rezepte testen. Und du darfst mein Versuchskaninchen sein«, versprach ich.
»Na schön«, schmollte er. »Aber dann erwarte ich Frühstück, Mittag- und Abendessen.«
»Du bist arbeitssüchtig«, warf ich ihm vor. »Dein Fahrradladen ruiniert dir noch dein ganzes Leben.«
Fassungslos schüttelte er den Kopf. »Dieser Laden ist mein Leben.« Er sah vielsagend in meinen blitzblanken Truck. »Im Übrigen kannst du dir an die eigene Nase fassen.«
»Hallo? Noch bin ich kein Workaholic. Gib mir wenigstens noch drei Tage, bevor du mit Vorwürfen um dich schmeißt.«
Sein Mund verzog sich zu einem verkniffenen Lächeln. »Gut, du darfst heute Nachmittag mein Lehrling sein. Ich zeig dir, wie die Besten unter den Workaholics Mittagspause machen.«
»Echt jetzt?«
Er deutete mit dem Kinn zum Parkplatz. »Du bist die Küchenchefin. Es wäre die pure Ironie, wenn du verhungerst.«
»Ich betreibe einen Imbisswagen.« Ich klammerte mich an die stählerne Arbeitsfläche. »Auch wenn ich den Laden hier schmeiße«, stellte ich richtig, »bin ich genau genommen nur eine Fritteuse mit Ambitionen. Den Titel Küchenchefin habe ich nicht verdient. Und ich kann gut hungern. Das ist eine meiner leichtesten Übungen.«
Vanns sonst so eindringliche graue Augen wurden sanfter, dann seufzte er auf eine für ihn so untypische Weise geduldig, dass mir vor schwesterlicher Zuneigung ganz warm wurde. »Sie werden dich lieben, Vera. Und deinen Food-Truck. Und dein fantastisches Essen. Weil es eine hervorragende Idee ist.«
»Und wenn nicht? Was, wenn ich versage?«
»Das wirst du nicht«, versicherte er. »Und ich werde meine Kunden zu dir schicken. Da ist der Umsatz garantiert.«
Ich schnaubte. Für einen Moment waren die bedrückenden Gedanken ans Lilou vergessen. »Deine Knuspermüsli liebende Kundschaft gehört wohl kaum zu meiner Zielgruppe, Vann. Außerdem haben wir nicht die gleichen Öffnungszeiten, erinnerst du dich? Nur deshalb funktioniert das Ganze ja.«
Sein Mund verzog sich zu einem seltenen Lächeln. »Hey, sogar Knuspermüsli liebende Ökofreaks trinken gelegentlich zu viel. Ab und zu machen auch wir mal Party. Sogar bis nach Mitternacht.«
Spöttisch zog ich die Augenbrauen hoch. »Nein, ehrlich, Vann? Bis nach Mitternacht? Wahnsinn. Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Du führst wirklich ein Leben auf der Überholspur.«
Sein Lächeln schwand, und seine Stimme nahm wieder den ernsten Großer-Bruder-Ton an, den ich so gut kannte und liebte. »Ich glaube, ich überlege mir noch mal, ob ich für dein Essen bezahle.«
»Du wolltest ehrlich zahlen?« Ich schnappte mir meine Tasche von der Ablage über mir und folgte ihm aus der Tür. »Das hättest du auch gleich sagen können.«
»Moment mal!« Molly hielt mich auf, bevor ich abschließen konnte. »Ich muss meine Sachen noch reinstellen.«
Sie hatte den Deckel bereits auf den leuchtend roten Farbeimer gesetzt und ihre Farbpalette gesäubert, aber ihre Pinsel waren noch voll nasser Farbe. Ich beäugte sie skeptisch.
Sie stieß ein genervtes Seufzen aus. »Ich verspreche, dein makelloses Allerheiligstes nicht zu beflecken. Ehrlich, Vera!« Sie deutete mit ausholender Geste auf den Schriftzug, den sie gerade kostenlos für mich gemalt hatte, und fuchtelte beleidigt mit ihren teuren Pinseln herum.
»Keine Kleckse«, warnte ich sie.
Sie verdrehte die Augen, nickte aber. »Ich verspreche, es wird alles so blitzblank sauber bleiben, wie ich es vorgefunden habe.«
Ich öffnete die Tür, aber sie drängelte sich an mir vorbei, noch bevor ich auf der Treppe Platz machen konnte, und kletterte in den Truck. Dass sie dafür einen unbeholfenen Riesenschritt machen musste, schien sie gar nicht wahrzunehmen.
»Du meine Güte«, murmelte Vann. »Und ich dachte, ich bin pingelig.«
Ich warf ihm einen bösen Blick zu. »Du hättest ihr ja anbieten können, die Pinsel in deinem Laden sauber zu machen.«
Er zuckte zurück, als er kapierte, worauf ich hinauswollte.
Mein Bruder war ebenso zwanghaft ordentlich wie ich. Wir waren das Ergebnis unserer Erziehung. Damit will ich sagen, unseres alleinerziehenden Vaters, der selten daran dachte, die Geschirrspülmaschine anzustellen, das Bad zu putzen, die Wäsche zu waschen, kurz, überhaupt irgendetwas im Haushalt zu tun. Vann und ich wurden erwachsen mit dem verzweifelten Wunsch nach Ordnung und Sauberkeit. Wir waren das genaue Gegenteil von unserem Vater, aber wir hegten keinen Groll gegen ihn.
Wir liebten ihn beide heiß und innig. Er hatte so viele Opfer für uns gebracht und es geschafft, uns zu anständigen, erfolgreichen Erwachsenen zu erziehen. Na ja, zumindest Vann. Ich versuchte immer noch, auf eigenen Füßen zu stehen. Aber schon bald, so hoffte ich, würde mein Vater stolz auf mich sein können.
Sehr bald, denn mir blieb nicht mehr viel Zeit.
Das Aufheulen eines Motors unterbrach die Stille des Nachmittags und dröhnte über den Platz. Die geschäftige Innenstadt bestand hauptsächlich aus Einbahnstraßen mit ständigem Verkehr, doch im eigentlichen Kern, umgeben von den Backsteingebäuden, aus denen man trendige Lofts und Edelläden gemacht hatte, war am meisten los.
Drei benachbarte Plätze übertrumpften sich gegenseitig mit Restaurants, Bars, Clubs, Lofts und Ladenzeilen, die erfolgreich genug waren, um die horrend teuren Mieten zu zahlen. In diesem Teil der Stadt ging die Generation Y bis in die frühen Morgenstunden auf Clubtour und warf verschwenderisch ihr Geld für extravagante Abendessen und Designerklamotten heraus.
Ich war weder cool noch reich genug, mir hier die Miete, geschweige denn eine Immobilie leisten zu können. Vanns Laden für Fahrräder nach Maß passte jedoch perfekt hierher, und nachdem ich bittend und bettelnd meine Seele an die Stadtverwaltung verkauft hatte, wurde mir widerwillig genehmigt, zumindest vorübergehend auf seinem Parkplatz meinen Food-Truck zu betreiben.
Zu dieser Tageszeit war hier viel los, aber noch nicht im Entferntesten so viel wie am späteren Abend. Das Motorrad überdröhnte alle anderen Geräusche. Vann und ich schauten gleichermaßen interessiert zu, wie elegant sich die schwarze Maschine durch die Straße schlängelte und mit einem Powerslide vor dem Lilou zum Stehen kam. Eine Szene wie aus einem britischen Agentenfilm.
Es war beinah unanständig, wie cool der Fahrer aussah.
Trotz der warmen Sommersonne bekam ich Gänsehaut. Eine plötzliche Erkenntnis durchfuhr mich, und in meinem Magen breitete sich ein mulmiges Gefühl aus.
»Das ist er«, bestätigte Vann meine Vorahnung. Der Schalk sprang ihm aus den Augen. »Dein Konkurrent.«
Ich schluckte den faustgroßen Kloß in meiner Kehle hinunter und krächzte: »Er ist nicht mein Konkurrent.«
Ich musste Vann nicht ansehen, um zu wissen, dass er grinste. Ich konnte den Blick nicht von dem durchtrainierten Typ mit dem schwarzen Helm abwenden, der so souverän vom Motorrad gestiegen war, wie ich es niemals könnte.
Ich schluckte und versuchte, nicht zu hyperventilieren.
Er schaute in unsere Richtung. Wenn sich die Nachbarn auf unserem Platz fragten, was es mit dem silbernen Wohnwagen vor dem Fahrradgeschäft auf sich hatte, dann gab ihnen der Schriftzug »Foodie« einen ziemlich guten Hinweis.
Killian Quinn nahm den Helm ab und ließ ihn lässig an der Hand baumeln. Ich zuckte instinktiv zusammen und machte einen Schritt rückwärts. Ich konnte sein Gesicht nicht genau erkennen, aber seine Körperhaltung sprach Bände: Ich hasse dich.
Er wusste, was ihm mit Foodie gegenüberstand und war, gelinde gesagt, nicht begeistert.
Nach der offiziellen Genehmigung hatte ich in den sozialen Medien und Lokalzeitschriften Werbung geschaltet, was mir zwar ziemlich viele positive Kommentare einbrachte, aber Vann hatte sich den Nachbarn gegenüber bisher bedeckt gehalten. Er erzählte mir etwas vom Überraschungsmoment, aber mir war klar, dass er Sorge hatte, was seine Nachbarn davon halten würden, wenn demnächst ein Imbisswagen auf seinem Parkplatz stünde. Mit nächtlichen Öffnungszeiten.
»Warum siehst du so aus, als müsstest du dich gleich übergeben?«, zog Vann mich auf.
Meine Stimme klang erstickt. »Ist er das wirklich?«
»Killian Quinn, wie er leibt und lebt.« Vann hatte sich nie viel aus Essen gemacht. In unserer Kindheit waren wir dafür meist selbst verantwortlich. Wenn wir Hunger hatten, mussten wir uns selbst etwas machen. Mit zwei Jobs fehlten unserem Dad die Zeit und Kraft, für das Abendessen mit der Familie auch nur einzukaufen. Vann gab sich mit dem Minimum zufrieden.
Müsliriegel und Proteinshakes reichten ihm völlig. Das war immer noch besser, als die Instantnudeln und Fertiggerichte à la Mirácoli unserer Kindheit.
Ich war das genaue Gegenteil. Da mir eine solide Mahlzeit oder auch nur ausgewogene Zutaten verwehrt blieben, hatte ich eine Leidenschaft für gutes Essen entwickelt. Ich träumte von dem Tag, an dem ich etwas zu essen bekam, das wirklich gut schmeckte. Ich war wie besessen von Speisen, die nicht billig oder nach Fertiggericht schmeckten.
Im Hauswirtschaftskurs der Highschool wurde aus der Leidenschaft ein Ziel. Ich wollte Gourmetköchin werden. In der Oberstufe bekam mein Traum Flügel, denn meine Lehrerin war Chefköchin in einem französischen Bistro gewesen, bevor sie die Liebe ihres Lebens traf und hierherzog, um eine Familie zu gründen.
Sie hatte sich in der Heimatstadt ihres Mannes niedergelassen und dafür entschieden, als Lehrerin eine Inspiration für zukünftige Gourmetköche zu sein, statt sich mit einem eigenen Restaurant einen Namen zu machen. Sie lachte nur, wenn ich ihr das sagte, und beharrte darauf, dass die Entscheidung, ihrem Herz zu folgen und eine Familie zu gründen, das Beste war, was ihr je passieren konnte.
Und die Moral von der Geschichte? Mit Kindern hat sich jeglicher Lebensplan erübrigt.
Mein Dad war das beste Beispiel dafür.
Jedenfalls war Vann von Killian Quinn nicht im Mindesten eingeschüchtert. Er las ja auch nicht die Food and Wine oder arbeitete sich täglich durch unzählige Foodblogs. Er musste sich weder mit der Lokalgröße auf der anderen Seite des Platzes vergleichen, noch wünschte er, dass sein Leben eine ähnliche Richtung eingeschlagen hätte wie Quinns, ganz im Gegensatz zu mir, mit meinem an die Wand gefahrenen Leben.
Von der anderen Straßenseite aus hatte ich Killian Quinn im Blick. Er stach aus der für die Branche typische Menge glatt rasierter Männer heraus. Ich hatte mir oft genug Fotos von ihm im Internet angesehen und würde ihn mit seiner dunklen, wilden Mähne und dem unverkennbaren Bart jederzeit wiedererkennen.
Wir starrten uns immer noch an. Vann machte keine Anstalten, zu ihm hinüberzugehen, um ihn zu begrüßen, und ich stand da wie angewurzelt. In der Nähe dieses talentierten und erfolgreichen Mannes kam ich mir wie ein Nichts vor.
Ich hätte schwören können, dass er die Augen zusammenkniff, als er den frisch aufgemalten Schriftzug entdeckte, der der Welt mein Vorhaben kundtat. Und ich hätte schwören können, dass er seinen Blick abschätzend über mein farbverschmiertes T-Shirt und die schwarz-weiße Küchenschürze schweifen ließ. Ich spürte, wie er mein schwarzes Bandana, mein Gesicht, meine Arme, meinen Körper musterte, bevor er seinen Blick wieder auf den Food-Truck hinter mir richtete.
Offenbar versuchte Killian Quinn, meine Schwächen und Unsicherheiten einzuschätzen, und sein bohrender Blick gab mir das Gefühl, er hätte erkannt, wie zerbrechlich mein Vertrauen in dieses Vorhaben war. Er wägte mein Talent ab, oder richtiger, den Mangel daran, und tat mich nun als flüchtiges Ärgernis ab.
Wie aus einer Trance erwachend drehte er sich zu seinem Motorrad um, schob es in die Gasse zum Hintereingang des Lilou und verstaute seinen Helm in der Seitentasche. Seine breiten Schultern zeichneten sich deutlich unter der Lederjacke ab, als er eine ausholende Bewegung mit den Armen machte, die aussah, als wollte er das lästige kleine Problem jenseits des Platzes abschütteln.
Wie hypnotisiert beobachtete ich meinen heimlichen Helden, der noch einen Moment herumtrödelte, ehe er den Schlüssel aus der Tasche zog und den Personaleingang zum Lilou aufschloss. Krachend fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.
Ich atmete langsam aus. Mir war gar nicht aufgefallen, dass ich den Atem angehalten hatte. Und plötzlich fröstelte ich trotz der Hitze.
»Hast du wirklich solche Muffen vor ihm?«, fragte Vann überrascht und leicht amüsiert.
»Er ist eine große Nummer«, erklärte ich.
Vann schüttelte den Kopf und bot Molly die Hand an, um ihr von der Treppe zu helfen. »Wenn du es sagst.«
»Wenn ich was sage?«, fragte Molly.
»Nicht du. Ich. Wir haben gerade einen ersten Blick auf ihn erhascht«, erklärte ich. Mir stand fett Themenwechsel auf die Stirn geschrieben.
Molly blickte mich verwirrt an. »Ihn? Ach ja, ihn. Und ich hab es verpasst! Warum habt ihr mich nicht gerufen?«
Vann gab einen würgenden Laut von sich, der seine ganze Missbilligung ausdrückte. »Ich verstehe wirklich nicht, warum ihr so eine große Sache daraus macht. Er ist also ein guter Koch. Na und? Das bist du auch, Vera. Du hast nichts zu befürchten.«
Molly nickte heftig und klopfte mir auf die Schulter. »Vann hat recht. Du bist die Beste. Killian Quinn kann dir nicht das Wasser reichen.«
»Wenn du wirklich so denkst, warum hast du dann so ein großes Interesse an ihm?«, fragte Vann.
»Äh, echt jetzt?« Sie lachte. »Weil er ziemlich heiß ist. Hast du ihn nicht gesehen? Er könnte mir verbrannten Haferbrei servieren, und ich würde immer noch so tun, als wäre ich begeistert.«
»Es ist sehr viel wahrscheinlicher, dass du ihm verbrannten Haferbrei servierst«, schmunzelte ich.
»Wenn er so gut ist, wie du sagst, dann würden ihn meine Kochkünste wohl ziemlich schnell in die Flucht treiben, was?«
»Deine Kochkünste treiben jeden Kerl in die Flucht«, murmelte Vann.
Molly boxte ihm in den Bauch, worauf er sich theatralisch nach vorn beugte und aufstöhnte. Dann zog er sie an den Haaren. Die beiden waren so albern wie Slapstick-Komiker.
»Los, hilf mir, Vera«, verlangte Molly.
»Kann ich nicht«, erwiderte ich. »Vann sagt die Wahrheit. Deine Kochkünste sind so übel, dass sie sogar mich fast in die Flucht getrieben hätten.«
»Ich hasse euch beide«, schmollte sie. »Und weil ihr so fies seid, darf ich das Restaurant aussuchen.«
»Aber …« Ich wollte Einspruch erheben. Mollys Geschmacksvorlieben reichten von Cheeseburger bis zu Filet Mignon, gut durchgebraten. Igitt.
»Soll ich dein Mittagessen etwa auch bezahlen?« Vann kniff die Augen zusammen.
Sie hielt seinem Blick stand. »Ist das ein Angebot?«
Er zuckte mit den Schultern. »Ich zahle mit der Geschäftskarte und nenne es Kundenbewirtung.«
Molly und ich grinsten uns an. »Such uns etwas Schönes aus, Molly.« Sie machte Anstalten, auf ein gewisses Restaurant zu deuten, aber ich kam ihr zuvor, ehe sie etwas Unbedachtes tun konnte. »Nur nicht das Lilou. Das hat mittags sowieso noch nicht auf. Außerdem bräuchte es schon eine Glücksfee, damit wir vor der nächsten Sonnenfinsternis einen Platz ergattern.«
Sie zog eine Schnute, obwohl sie wusste, dass ich recht hatte. Wenn nicht irgendein Wunder geschah oder die Zombie-Apokalypse ausbrach, würden wir erst im Lilou essen, nachdem wir eine gefühlte Ewigkeit auf der Warteliste zugebracht hatten.
»Dann zu Vincenzo«, lenkte Molly ein.
»Boah, du willst wohl, dass ich den ganzen restlichen Tag im Kohlenhydratkoma liege«, beschwerte sich mein ultraernährungsbewusster Bruder.
Molly kniff in die imaginären Fettröllchen an seinem Bauch. »Und das wird sich fantastisch anfühlen.«
Trotz meiner Nervosität wegen der bevorstehenden Eröffnung musste ich lachen. Wir gingen am Lilou vorbei in Richtung des nächsten Gebäudekarrees mit seinem gepflasterten Innenhof. Unwillkürlich warf ich im Vorübergehen einen Blick auf die verdunkelten Fenster und die weiß gekalkte Fassade, um die sich sattgrüner Efeu rankte. Ich konnte Killian nicht sehen, aber ich spürte, dass er dort drin sein musste, und mein Puls beschleunigte sich.
Bis zu diesem Moment hatte sich die Eröffnung des Foodie wie der reinste Wahnsinn angefühlt.
Jetzt wurde mir klar, dass das nicht stimmte. Jetzt, da ich gezwungen war, zur Kenntnis zu nehmen, dass Killian Quinn nur einen Steinwurf von mir entfernt kochte, war es nicht mehr reiner Wahnsinn. Es war das Dümmste, was ich je gemacht hatte.
Nicht die Idee mit dem Food-Truck war dämlich. Sondern dass die Eröffnung meines Pseudo-Fast-Food-Imbisses genau gegenüber vom Restaurant stattfinden sollte, in dem einer der führenden Küchenchefs des Landes den Ton angab.
Ich atmete mit einem tiefen Seufzer aus und verdrängte den Gedanken daran. Nun hieß es schwimmen oder untergehen.
Wie schlimm also kann es noch werden?, fragte ich mich mit wachsender Unruhe.
Vielleicht würde ich ja sogar das eine oder andere von meinem illustren Konkurrenten lernen …
Berühmte letzte Worte.
»Dad?« Ich kam erst spät nach Hause. Zumindest für die Maßstäbe meines Dads. Gewöhnlich ging er abends um acht ins Bett, und es war bereits nach neun.
Als er nicht antwortete, stellte ich meine Handtasche auf den zugemüllten Resopaltisch im Flur und bahnte mir meinen Weg durch das kleine Haus.
Das Zuhause meiner Kindheit hatte drei Schlafzimmer, zwei kleine Bäder und war über und über mit Möbeln vollgestellt. Dad hatte dieses Haus direkt nach der Hochzeit für meine Mom gekauft. Sie hatten vorgehabt, sich zu vergrößern, wenn Kinder kommen würden. Doch kurz nach meiner Geburt wurde meine Mutter krank, und das warf ihre Pläne über den Haufen.
Nach dem Tod meiner Mom war von Umzug nie wieder die Rede.
Meinem Dad und meinem Bruder machte es nichts aus, auf engstem Raum in diesem Museum von einem alten Haus zu leben, aber ich wollte, seit ich denken konnte, von dort weg. Also zog ich sobald wie möglich aus, begann meine Ausbildung und steuerte die großen Ziele an, die ich mir gesteckt hatte.
Hierher zurückzukehren fühlte sich, nach allem, was passiert war, seltsam und falsch an. Ich war diesem Haus längst entwachsen. Viel zu alt. Diese Haut hatte ich schon vor langer Zeit abgestreift und musste nun erst wieder einen Weg finden, erneut in sie hineinzuschlüpfen.
Aber ich konnte nirgendwo anders hin.
Außerdem brauchte Dad mich.
Ich fand ihn schlafend im Wohnzimmer, in seinem verschlissenen blauen Lieblingssessel, der jedes Mal knarzte, wenn die Fußstütze herausklappte. Die Fernbedienung lag locker in seiner rechten Hand, und ein Hausschuh hing nur noch an einer Zehe.
Behutsam nahm ich ihm die Fernbedienung ab und legte eine Decke über seine Beine. Er passte kaum in den Sessel, der für Menschen normaler Größe gedacht war. Mein Vater aber war hünenhaft und massig und von den Jahren als Mechaniker gezeichnet. Gewöhnlich musste er sich unter Türrahmen hindurchbücken, sich in kleine Autos und durch schmale Flure quetschen. Selbst der Grand Canyon schien für ihn zu eng.
So war mein Dad, ein herausragender und beeindruckender Mann, aber auch wortkarg und menschenscheu. In meiner Kindheit war er so gut wie nie da gewesen. Er musste rund um die Uhr arbeiten, damit wir über die Runden kamen, und nach dem Tod meiner Mutter fiel es ihm erst recht schwer, nach Hause zu kommen.
Hier erwarteten ihn zu viele Erinnerungen an sie. Jeder Raum trug ihre Handschrift und überall hingen Bilder von ihr, die sie vor ihrer Krankheit zeigten. Im Garten verwilderten ihre Gemüsebeete und waren dank unserer Vernachlässigung von Unkraut überwuchert. Und wir Kinder – Vann und ich – waren die Ebenbilder der Frau, die er so heftig geliebt und so früh verloren hatte.
Daher blieb er so lange wie möglich von zu Hause fort, um sich von den quälenden Erinnerungen und der schmerzvollen Gegenwart abzuschotten. Wir hatten alles, was wir brauchten, doch nie genug von dem, was wir uns wünschten. Aus dem einsamen Mädchen meiner Kindheit wurde eine junge Frau mit dem verzweifelten Wunsch, von hier wegzukommen. Ausgerechnet dieses ungeliebte Zuhause war zu meiner letzten Zuflucht geworden, und nun kümmerte ich mich um den Mann, der sich einst nach besten Kräften um mich gekümmert hatte.
Die Vergangenheit hatte ich schon vor Langem akzeptiert. Die Verbitterung aus Kindertagen verblasste im Licht seiner aufrichtigen Liebe für uns.
Ich hatte auch akzeptiert, dass er uns auf Abstand hielt, ich zählte sogar darauf. Es war einfacher gewesen, einen Vater zu haben, der mich zwar liebte, sich aber für mein Leben nicht interessierte. Vor allem, als ich all die Dinge tat, die ich nicht hätte tun sollen, und ein Leben führte, das mein Vater missbilligt hätte. Seine Liebe war echt. Das allein zählte.
Das rief ich mir ins Gedächtnis, als ich jetzt auf meinen schlafenden Vater hinuntersah.
Er regte sich, vermutlich weil er spürte, dass ich ihn ansah. Er öffnete langsam die Augen und rieb sich mit den großen schwieligen Händen übers Gesicht.
Als Kind war ich von seinen riesigen Händen fasziniert gewesen. Als Mechaniker hatte er ständig schwarze Hände, überzogen von Öl und Dreck und womit er sonst noch arbeitete. Nach Feierabend kam er immer durch die Hintertür in die Küche, umgeben vom strengen Geruch seiner Arbeit und ölverschmiert. Er hob die groben schmutzigen Hände kurz zu einem müden Hallo, wandte sich gleich zum Spülbecken und begann zu schrubben.
Heute waren seine Hände sauber. Vor zwei Jahren musste er in Rente gehen. Da brauchte er noch keine Chemotherapie, war aber schon zu schwach, um weiter so schwer zu arbeiten. Zum Glück deckte seine Pension die Ausgaben für Medikamente und Behandlungen.
»Vera May«, murmelte er schläfrig.
»Hallo, Daddy.« Ich flüsterte, obwohl er wach war.
»Gerade erst nach Hause gekommen?«
Ich schenkte ihm das müde Lächeln, das er mir früher immer geschenkt hatte. Unsere Rollen waren nun vertauscht. Jetzt war ich diejenige, die nach einem harten Arbeitstag erschöpft und schmutzig nach Hause kam. Meine Kleidung war voll getrockneter Farbe und völlig verschwitzt nach der Schufterei den ganzen Nachmittag in sengender Hitze.
»Ja«, bestätigte ich gähnend. Ich setzte mich auf das Sofa ihm gegenüber, legte die nackten Füße auf den Tisch und den Kopf an die Lehne. Gegen meinen Willen fielen mir die Augen zu.
Sein herzliches Lachen erfüllte das stille Zimmer. »Du arbeitest zu viel. Dabei hast du noch nicht mal eröffnet.«
Ich hob die schweren Augenlider und sah ihn streng an. »Sagt ausgerechnet der Mann, der sein ganzes Leben lang zwei Jobs gehabt hat.«
Er lachte heiser. »Aber nicht, weil ich das so gewollt hätte. Reine Überlebensstrategie.«
Ich schloss die Augen wieder. »Ja, Überleben ist auch mein Plan.«
Der Sessel ächzte, als sich mein Dad aufrichtete. »Warum sagst du das so? Hat er sich gemeldet? Belästigt er dich wieder?«
Ich schüttelte den Kopf, ohne die Augen zu öffnen. »Nein, es liegt nicht an ihm. Er hat mich nicht belästigt. Ich habe ihn weder gesehen noch gehört.« Tief vergraben geglaubte Erinnerungen stahlen sich ungebeten in mein Gedächtnis. Mein Herz schlug wild in meiner Brust, als versuchte es, sich aus dem Albtraum meiner Vergangenheit zu befreien. Ich öffnete die Augen, in der Hoffnung, dadurch die Gedanken zu verscheuchen, die mich selbst nach einem Jahr in Freiheit noch gefangen hielten. Ich sah in das graue, besorgte Gesicht meines Vaters. »Ich mache das für mich. Allein für mich.«
Er zog die Augenbrauen zusammen, und tiefe Falten durchfurchten seine Stirn. »Ich bin stolz auf dich, Vera. Das weißt du, oder?«
Ich schaute meinen Vater an. Früher ein Ausbund an Kraft, war er heute nur noch ein Schatten seiner selbst. Er war schwer krank und hatte sich buchstäblich zu Tode gearbeitet. Aber er war immer noch der Mann, dem ich von klein auf vertraute, der für Vann und mich gesorgt hatte, obwohl er am Boden zerstört war und sich am liebsten aufgegeben hätte. Er hatte sogar seine Zustimmung für meine Flucht nach Europa gegeben, obwohl er derjenige war, der bleiben musste, um meine Kämpfe auszutragen und meine Dämonen zu vertreiben.
Mein Dad war ein Kämpfer. Ich hatte viel Zeit damit verbracht, vor diesem Zuhause und allem Unliebsamen davonzulaufen. Inzwischen wünschte ich mir, ich besäße seine Kraft. Ich wollte ein Kämpfer sein, wie er.
Ich räusperte mich und schluckte meine Gefühle hinunter. »Ich weiß, Daddy.«
Er beugte sich zu mir, damit ich sah, wie ernst es ihm war. »Ich bin nicht nur wegen des Food-Trucks stolz auf dich. Ich bin stolz, weil du so bist, wie du bist. Weil du dich befreit hast. Weil du wusstest, wann du gehen musstest.«
Ich schluckte noch mehr Tränen hinunter und auch die Lügen, die mir noch immer auf der Zunge lagen, denn mein Vater kannte nur einen Teil der Geschichte. Ich hatte ihm eine beschönigte Version erzählt, gerade so viel, wie ich über mich bringen konnte. Und die war schon schlimm genug.
»Ich bin auch stolz auf dich«, sagte ich, weil es stimmte, vor allem aber, um vom Thema abzulenken.
Er winkte ab und lehnte sich zurück. »Pah!«, murmelte er. »Es gibt keinen Grund, stolz auf mich zu sein.«
Ich stand auf, ging zu ihm hinüber und gab ihm einen Kuss auf seinen kahl gewordenen Schädel. »Da täuschst du dich aber gewaltig.«
Er nahm meine Hand und sah mich an. »Ich bin froh, dass du zu Hause bist, Kleines.« Hank Delane neigte nicht zu Sentimentalität, und nun stellte ich überrascht fest, dass Tränen an seinen Wimpern hingen.
Ich seufzte, und diesmal meinte ich ehrlich, was ich sagte. »Ich auch.« Ich drückte seine Hand und sah mich in dem spärlich beleuchteten Wohnzimmer um. Bücherregale standen gedrängt in den Ecken, und der Fernseher flimmerte stumm an der Wand.
Die Möbel stammten aus der Zeit, als meine Mutter noch lebte, aber die Böden waren neu verlegt und die Wände frisch gestrichen. Mein Vater sorgte sich trotz des Krebses immer noch um meinen Bruder und mich. Er hatte, damit wir das Haus nach seinem Tod besser verkaufen konnten, Zimmer für Zimmer renoviert.
So rücksichtsvoll die Geste auch gemeint war, sie war reichlich makaber. Vann und ich hatten ihn angefleht, uns alles zu überlassen, wenn die Zeit gekommen war. Aber das wollte er nicht hören.
Der Mann war stur wie ein Esel.
Wahrscheinlich konnte er gar nicht anders, als sich um uns zu kümmern. Zumindest auf seine Art.
»Soll ich dir ins Bett helfen?«, fragte ich.
Er gähnte und schüttelte den Kopf. »Nee, ich hab es hier bequemer. Und die Glotze läuft ja schon.«
Ich gab ihm die Fernbedienung wieder und wünschte ihm gute Nacht. Noch ehe ich mich vergewissern konnte, dass die Haustür abgeschlossen war, hörte ich ihn schon schnarchen.
Ich machte einen letzten Rundgang durch das Haus, ging durch den Flur, schaltete alle Lichter aus und sammelte meine Sachen ein, die ich überall hatte herumliegen lassen.
Nach meinem Auszug war ich zu einer Ordnungsfanatikerin geworden. Zunächst freiwillig, später aus Notwendigkeit. Seit ich wieder bei meinem Dad wohnte, hatten sich wie aus heiterem Himmel alte Gewohnheiten eingeschlichen. Ständig schien ich zu vergessen, meine Socken vom Wohnzimmerboden aufzuheben oder mein Geschirr ins Spülbecken zu stellen. Das war an sich keine große Sache, trotzdem überkam mich jedes Mal eine Panikattacke, wenn irgendwelche Sachen von mir nicht an ihrem Platz lagen oder sich dreckiges Geschirr auf der Küchentheke stapelte.
Total idiotisch. Eigentlich sollte es mir inzwischen egal sein, wenn ich Sachen im Haus herumliegen ließ. Was hatte das schon für Konsequenzen?
Ich sollte mich besser fühlen.
Ich fühlte mich aber nicht besser, und es war mir nicht egal. Noch nicht.
Ich hatte nie geplant, mit sechsundzwanzig wieder bei meinem Vater einzuziehen, aber jetzt war ich froh, dass ich hier war. Er brauchte mich, und ich hatte keine Angst davor, zuzugeben, dass auch ich ihn brauchte. Hoffentlich würde er mir noch lange erhalten bleiben.
Ich duschte, schlüpfte in eine Yogahose und ein Tanktop, putzte mir die Zähne und versuchte, meine widerspenstige Mähne mit Haarspray zu bändigen. Als ich endlich die alte Kinderzimmertür hinter mir zuzog, spürte ich erst richtig die Erschöpfung in meinen müden Knochen.
Ich schaute blinzelnd auf die Uhr und zwang mich, noch eine Stunde zu arbeiten. Der Speiseplan für die Eröffnung am Freitagabend musste noch festgelegt werden. Dann erst konnte ich mich an die Einkaufsliste machen und herausfinden, wo in der Stadt die Zutaten aufzutreiben waren. Mein ganzes Kochequipment musste noch startklar gemacht und zu Foodie geschleppt werden. Zu guter Letzt musste ich noch die Speisekarte auf die Kreidetafel schreiben und mir etwas einfallen lassen, wie ich sie gut sichtbar neben Foodies Fenster anbrachte.
In mir stieg Panik auf. Was mache ich da bloß?
Das schaffe ich nie.
Wie bin ich nur auf die Idee gekommen, dass ich das schaffen kann?
Ich betrachtete meine Messer, die noch in ihrem Etui auf meinem Schreibtisch lagen. Das samtweiche schwarze Tuch war fein säuberlich gefaltet und barg das wichtigste Handwerkszeug meines Berufs. Das Messerset hatten mir Vann und Dad zum Abschluss meiner Ausbildung geschenkt. Es war das Teuerste, was ich besaß. Ich hatte den leisen Verdacht, dass mein Vater einen Kredit aufgenommen hatte, um es mir zu kaufen. Aber ich war zu dankbar, um genauer nachzuhaken.
Heute Abend war es, als würden meine Messer mich vorwurfsvoll anstarren, weil ich sie so sträflich vernachlässigt hatte. Seit meiner Rückkehr hatte ich nicht mehr gekocht. Ich hatte weder Rezepte ausprobiert noch mir Menüs überlegt. Nicht mal ein überbackenes Käsesandwich hatte ich mir gemacht.
Und der Grund dafür war mir verhasst.
Ich hatte Angst.
Nein, es war noch schlimmer. Ich war vor Angst wie gelähmt – Angst zu versagen und einer Lebenslüge aufgesessen zu sein.
Alte Unsicherheiten drängten sich in meine Gedanken. Wie Gewitterwolken an einem Sommertag den blauen Himmel, so verdüsterte meine Angst alles Positive und ließ mich frierend und verloren zurück, ohne die geringste Idee, wie es weitergehen sollte.
Mir stockte der Atem, und meine Hände wurden eiskalt. Ich spürte den enormen Erfolgsdruck, es dieses Mal nicht zu vermasseln, so wie alles andere in meinem Leben. Ein Druck, der mir die Kehle zuschnürte wie der Würgegriff eines Serienkillers.
Ich schüttelte den Kopf und schubste das Notebook vom Schoß. Den Anblick meiner Messer konnte ich kaum ertragen. Ich konnte mich nicht einmal dazu überwinden, mich an den Schreibtisch zu setzen, weil ich sie dann hätte zur Seite schieben müssen. Ich saß im Schneidersitz auf dem Bett und hatte darauf gehofft, Inspiration zu finden, aber weit gefehlt.
Ganz schön armselig.
Seufzend zog ich den Laptop wieder auf meinen Schoß. Immer noch nagten die Selbstzweifel an mir und versuchten, alles zunichtezumachen, was ich mir im vergangenen Jahr so hart erarbeitet hatte. Das durfte ich nicht zulassen.
Und das würde ich auch nicht.
Ich atmete entschlossen durch und zwang mich zur Konzentration. Mit noch zittrigen Händen weckte ich den Laptop aus dem Ruhemodus.
Ursprünglich wollte ich mir nur ein paar Ideen für meine Speisekarte holen, aber da ich das letzte Mal vergessen hatte, Facebook abzumelden, erschien sofort mein Newsfeed und zog mich unfreiwillig in den Bann, obwohl er gar nicht besonders interessant war.
Vor meiner Reise nach Europa hatte ich mein Profil deaktiviert. Genau genommen hatte ich sogar mehr als das getan. Ich hatte mein Handy abgeschaltet und sämtliche Mails gelöscht. Ich wollte einen Neuanfang mit so wenig Altlasten wie möglich. Ich legte mir zwar eine neue Handynummer und Mailadresse zu, aber nur, um mit Dad, Vann und Molly in Kontakt zu bleiben. Um Facebook machte ich weiter einen großen Bogen, weil ich nicht gefunden werden wollte.
Aber nachdem ich beschlossen hatte, Foodie zu eröffnen, wurde mir klar, dass ein solches Unternehmen ohne Internetpräsenz zum Scheitern verurteilt war. Deshalb hatte ich mir unter anderem Name – Vera May statt Vera Delane – Profile in verschiedenen sozialen Netzwerken angelegt.
Leider gab es außer Vann und Molly nicht mehr viele Menschen in meinem Leben, mit denen ich befreundet war. Und, ganz ehrlich, Vanns Beiträge über seinen gesunden Lebensstil und seine Extremsportaktivitäten gingen mir allmählich auf den Geist. Bla, bla, bla, Vann. Wir haben’s kapiert. Du quälst deinen Körper gerne und isst am liebsten Pappkarton. Wie schön für dich.
Da sich auf meiner persönlichen Seite nichts Interessantes bot, klickte ich auf Foodies Profil. Ich hatte es Vanns Erfahrung zu verdanken, dass ich nur wenig Geld für Werbung ausgeben musste. Er hatte mir gezeigt, wie ich das meiste aus einem kleinen Werbebudget herausholen konnte.
Nur deshalb hatte Foodie eine eigene Unternehmensseite und schon mehrere Hundert Likes. Juchhu! Okay, das war nicht viel, aber irgendwo musste ich ja anfangen. Und ich hatte großes Glück, eine Grafikdesignerin an meiner Seite zu haben, die mir die heißeste Werbung ganz umsonst lieferte. Danke, Molly!
Außerdem waren Food-Trucks gerade der Renner, und in Durham gab es noch nicht viele.
Lächelnd las ich ein paar Posts von Leuten, die sich auf die Eröffnung am Freitag zu freuen schienen. Ob ich wollte oder nicht, ihre Begeisterung war ansteckend und beruhigte meine Nerven. Unwillkürlich sprudelte auch in mir Vorfreude hoch und spülte meine Versagensängste fort.
Da erst entdeckte ich die Nachricht im Messenger. Es hatte mich tatsächlich jemand kontaktiert. Meine erste geschäftliche Nachricht – eilig öffnete ich sie, mit schlechtem Gewissen, weil ich nicht früher nachgesehen hatte. Sie war schon am Nachmittag geschickt worden. Ich sollte die Seite besser im Auge behalten, jetzt, wo Foodie Realität wurde.
Nervös überflog ich die Zeilen. Meine Stimmung sank augenblicklich auf den Gefrierpunkt, als ich mich zwang, alles noch einmal Wort für Wort zu lesen.
Ich klickte auf den Namen des Absenders und sah mich auf seinem privaten Profil um. Die Furcht, entdeckt worden zu sein, saß mir im Nacken, obwohl ich mir ständig versicherte, dass Foodies Facebookseite meine Identität nicht preisgab, sondern lediglich dazu diente, mein Unternehmen zu bewerben. Es gab keinerlei persönliche Informationen oder Bilder von mir. Nur ein Foto von Foodie, Mollys tolle Werbegrafiken und meine Firmenphilosophie. Der Absender konnte daraus so viele Informationen über mich gewinnen wie ich gerade über ihn. Nämlich keine.
Aber er konnte mich ganz offensichtlich nicht ausstehen.
James Q: Ich verstehe nicht, was du mit diesem Food-Truck bezwecken willst. Es gibt in diesem Teil der Stadt bereits genügend Restaurants. Die werden dich in den Ruin treiben. Was soll das also? Erspar dir den Kummer.
In meiner Brust breitete sich brennende, tiefe Scham aus. Als hätte er meine Gedanken gelesen, schleuderte er mir all meine Ängste ins Gesicht. Er stellte genau die Fragen, die ich nicht laut auszusprechen wagte.
Vann überließ mir den Parkplatz kostenlos, darum hatte ich mir auch gar kein anderes Grundstück angesehen. Außerdem hatte ich in seinem Laden Zugang zu Wasser und Strom, für die ich meinen Anteil zahlen würde. Und natürlich beachtete ich die Vorschriften und hielt den gesetzlichen Abstand zu den anderen Restaurants ein. Foodie lag dem Lilou zwar am nächsten, parkte aber genau in der erforderlichen Distanz.
Der Parkplatz war perfekt für mich, auch wenn er von anderen bereits etablierten Restaurants umgeben war. Ich tröstete mich damit, dass keines das bot, was ich anbieten wollte. Bei meinem Truck drehte sich alles um einen unkomplizierten mitternächtlichen Snack. Bei den anderen sechs Restaurants um ein gehobenes Dinnererlebnis. Meine Gerichte wurden in einer Pappschachtel kredenzt, mit einem nicht versiegenden Nachschub an Papierservietten. In den Restaurants gab es einen Dresscode.
Aus meiner Scham wurde Wut. Was bildete sich dieser Kerl eigentlich ein? Hatte er überhaupt irgendeine Ahnung von Gastronomie?
Ich tippte eine Antwort an James Q. Ganz ehrlich, das klang nicht mal wie ein richtiger Name.
Foodie: Danke für deinen ungebetenen Rat, James Q. Allerdings hast du das Wichtigste übersehen, du Idiot. Troll dich auf andere Internetseiten, du Muttersöhnchen.
Meine Finger juckten, wider besseres Wissen und gegen jegliche Vernunft auf Senden zu drücken, deshalb löschte ich den Text schnell wieder. Der Kunde ist immer König, vielmehr potenzieller Kunde, in diesem Fall.
Foodie: Danke für deine Sorge, James.
Wie es aussah, duzten wir uns. Das Anrecht auf sein Q oder andere Formalitäten hatte dieser totale Vollidiot verloren.
Ich schrieb weiter.
Foodie: Aber ich will gar nicht mit den anderen Restaurants konkurrieren. Mein Food-Truck ist kein Restaurant. Ich biete ein völlig anderes Essen und hoffe, dass es gerade in diesem Viertel Zuspruch findet. Danke für deine Nachricht. Warum probierst du es nicht aus und gibst Foodie eine Chance?
Ich drückte, beeindruckt von meiner Professionalität, auf Senden.
Sofort blinkte der Cursor, was mir verriet, dass James bereits an der Antwort schrieb.
Wow, James. Ganz schön schnell. Vielleicht war er wirklich ein Nesthocker und hing noch bei Mutti zu Hause rum.
Ein beklemmendes Gefühl ergriff mich. Wenn dieser Kerl ein Internet-Troll war, hatte ich ihm wohl gerade Futter geliefert. Sowohl Vann als auch Molly hatten davor gewarnt, mich auf Leute einzulassen, die nur auf Provokation aus waren.
Ignoriere die schlechten Kritiken einfach, hatte Vann geraten. Wenn du darauf reagierst, machst du dich nur zum Deppen.
Ich las meine Nachricht noch einmal, um mich zu vergewissern, dass ich nichts Dummes von mir gegeben hatte, und machte mich auf die Antwort gefasst. James Q schien seine Meinung über mich bereits gebildet zu haben, also konnte es ziemlich übel werden.
James Q: Die Restaurants sind da vielleicht anderer Ansicht.
Und wenn schon. Ich schnaubte in den Monitor. Was für eine bescheuerte Antwort. Ich habe Foodie schließlich nicht auf diesen Platz gestellt, um Freundschaften zu schließen. Zumindest nicht mit den anderen Restaurants.
Abgesehen davon trennte mich eine ganze Straße vom Lilou, um Himmels willen. Niemand würde je auf den Gedanken kommen, meine Gerichte mit denen von Killian Quinn zu vergleichen oder sie gar gleichrangig zu nennen. Im Gegenteil. Jeder Mensch mit klarem Verstand würde mich bemitleiden.
Ich tat mir ja selbst leid.
Ich versuchte tatsächlich, an James’ weichere Seite zu appellieren und ihn mit meinem Optimismus und unerschütterlichen Willen für mich zu gewinnen. Kumbaya, James Q. Namaste und so weiter.
Foodie: Foodie wird köstliche Mitternachtssnacks anbieten, die die Leute nach einer langen Nacht genießen können!
Ich war ein wenig unsicher wegen des Ausrufezeichens. War das zu viel des Guten? Hielt mich James jetzt für ein hyperaktives Streifenhörnchen?
James Q: Im Klartext heißt das wohl, dass du vollgesoffenen Feierwütigen fettige Straßentacos servieren willst?
Na, klasse. James Q war ein echtes Arschloch! Auch wenn er damit genau traf, was ich vorhatte. Dennoch war es unverschämt, dass ein Wildfremder mir so etwas an den Kopf warf.
Außerdem, was ist so schlimm an fettigen Straßentacos?
Nichts. Verdammt noch mal.
In der Hoffnung, der Sache ein Ende zu bereiten, rang ich mir erneut eine höfliche Antwort ab.
Foodie: Noch mal danke für deinen Kommentar. Ich hoffe, du wirst deine Meinung über Foodie noch ändern und uns eine Chance geben!
Echt jetzt? Hatte ich wirklich noch ein Ausrufezeichen gesetzt? Was stimmte mit mir nicht? Dieser Typ verdiente keine Ausrufezeichen!
Ups. Ich meinte, dieser Typ verdiente keine Ausrufezeichen. Man beachte den wütenden Punkt am Ende dieses Satzes.
James Qs Antwort war kurz und bündig.
James Q: »Höchst unwahrscheinlich.«
Damit war der Chat zumindest beendet.
Wie gebannt starrte ich auf diese beiden Wörter. Sie trampelten meine Hoffnungen und Träume nieder. Sie würden mich zwingen, aufzugeben. Irgendwann würde es ihnen gelingen. Das wusste ich.
In letzter Zeit war ich mutlos. Vielleicht war ich das auch schon immer gewesen. Ich hatte mich früher nie für so erbärmlich gehalten, aber die Entscheidungen, die ich während und nach der Kochschule getroffen hatte … Sie hatten mein Selbstbild erschüttert, und meine Unfähigkeit, mein Selbstvertrauen wiederzufinden, war entmutigend.
Ein Jahr lang war ich durch ganz Europa gereist, um mich selbst »wiederzufinden«, und war niedergeschlagen, wimmernd und mit fünf Kilo Frustspeck nach Hause zurückgekehrt. Hätte Dad mich nicht gebraucht, würde ich vermutlich immer noch von einem Job zum nächsten wechseln, in der Hoffnung, die Frau zu finden, die ich früher mal gewesen war. Bevor ich zu der Frau wurde, die ihre strahlende Zukunft gegen ein Luftschloss eingetauscht hatte, nur weil das sofortige Erfüllung versprochen hatte.
