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Die Gründer und ersten Mitarbeiter von PayPal – allen voran Elon Musk, Peter Thiel, Max Levchin, oder Reid Hoffman – gelten heute als die mächtigsten Unternehmer der Technologiebranche. Als die führenden Unternehmer unserer Zeit gründeten, finanzierten und berieten sie Unternehmen von Weltrang, darunter Tesla, Facebook, YouTube, SpaceX, Yelp, Palantir und LinkedIn. Doch trotz ihres enormen Einflusses ist die Geschichte ihrer Anfänge weitgehend unerzählt geblieben. Bevor sie den kommerziellen Wettlauf in der Raumfahrt entfachten oder den Aufstieg der sozialen Medien einleiteten, waren die heutigen Milliardäre nur unbekannten Gründer eines kleinen Online-Zahlungsunternehmens namens PayPal. In diesem Buch erkundet der preisgekrönte Autor und Biograf Jimmy Soni die turbulenten Anfangstage von PayPal. Mit Hunderten von Interviews und beispiellosem Zugang zu Tausenden Seiten internen Materials zeigt er, wie die Saat für so vieles, was unsere Welt heute prägt – schnell wachsende digitale Start-ups, bargeldlose Währungskonzepte, mobiler Geldtransfer – vor zwei Jahrzehnten von einem einzigen kleinen Start-up gelegt wurde. Ein seltener, fesselnder und gleichsam unendlich spannender Blick hinter die Kulissen eines Unternehmens dessen Gründer wahrhaft die Welt verändert haben.
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Seitenzahl: 857
Veröffentlichungsjahr: 2022
JIMMY SONI
JIMMY SONI
Die wahre Geschichte von PayPal und seinen Gründern, die das Silicon Valley für immer verändert haben
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen
1. Auflage 2022
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Übersetzung: Egbert Neumüller
Redaktion: Anja Hilgarth
Korrektorat: Christine Rechberger
Umschlaggestaltung: Karina Braun, München
Umschlagabbildung: ©picture alliance/dpa/Tobias Hase; ©picture alliance /AdMedia/F. Sadou; ©picture alliance/AP Images/Affirm; ©picture alliance/AP Images/Evan Agostini; ©picture alliance /AP Images/Rebecca Blackwell; ©picture alliance/Michael Germana/STAR MAX
Satz: ZeroSoft, Timisoara
eBook: ePUBoo.com
ISBN Print 978-3-95972-603-0
ISBN E-Book (PDF) 978-3-98609-141-5
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-98609-142-2
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Einführung
TEIL 1: SIZILIANISCHE VERTEIDIGUNG
1. Bausteine
2. Verkaufsgespräch
3. Die richtigen Fragen
4. »Mir kommt es aufs Gewinnen an«
5. Die Beamer
6. »Ihr seid geliefert«
7. Geld regiert die Welt
TEIL 2: SCHWACHER LÄUFER
8. Wenn du das baust
9. Die Widget-Kriege
10. Crash
11. Der Nut-House-Putsch
12. Die Button-Idee
13. Das Damoklesschwert
14. »Die Ehrsucht hat gebüßt«
TEIL 3: DOPPELTURM
15. Igor
16. Nutze die Macht!
17. Crime in Progress
18. Guerillakämpfer
19. Die Weltherrschaft
20. Kalt erwischt
21. Geächtete
22. Und am Ende bekam ich nur ein T-Shirt
Wie es weiterging
Epilog
Dank
Erläuterung zu den Quellen und zur Vorgehensweise
Anmerkungen
Über den Autor
Meiner Tochter Venice, die gerade kam, als dieses Projekt begann, und meiner Lektorin Alice, die uns verließ, als es gerade beendet war.
»Dabei ist zu bemerken, dass nichts größere Schwierigkeiten in der Ausführung bietet und von zweifelhafterem Erfolg ist, als sich zum Haupt einer neuen Staatsordnung zu machen. Denn der Neuordner hat alle die zu Feinden, die sich mit der alten Ordnung wohlbefinden, und laue Mitstreiter in denen, welche bei der Neuordnung zu gewinnen hoffen. Dies kommt teils von der Furcht vor den Gegnern, welche die Gesetze auf ihrer Seite haben, teils von der Ungläubigkeit der Menschen, die an eine neue Sache nicht eher glauben, als bis sie sie mit den Händen greifen können.«
Niccolò Machiavelli, Der Fürst, Übersetzung von Friedrich von Oppeln-Bronikowski, Insel Verlag 1990
»Wer gelernt hat, mittels dessen, was allgemein als die exakte Wissenschaft par excellence bezeichnet wird, auf der Schwelle zu unbekannten Welten zu wandeln, darf hoffen, mit den glatten weißen Schwingen der Einbildungskraft weiter in das Unerforschte aufzusteigen, in dessen Mitte wir leben.«
Ada Lovelace
»Im Ernst jetzt, Sie wollen, dass ich den Dachboden durchstöbere?«, fragte Elon Musk.
Wir saßen in seinem Wohnzimmer, aber seine Metapher passte trotzdem. Musk schickte sich an, mir die Geschichte von PayPal zu erzählen.
Als wir uns trafen, im Januar 2019, beschäftigten ihn ganz andere Dinge als PayPal – ein Unternehmen, das er ein paar Jahrzehnte zuvor mitgegründet hatte. Am Tag zuvor hatte er umfangreiche Entlassungen bei Tesla angekündigt, dem Elektroauto-Hersteller, den er seit 2003 leitet. Und erst eine Woche davor hatte er ein Zehntel der Stellen von SpaceX gestrichen, dem Luftfahrt-, Raumfahrt- und Transportunternehmen, das er im Jahr 2002 gegründet hatte. Angesichts dieses aktuellen Wirbels wusste ich nicht, wie viel Lust Musk haben würde, in die Vergangenheit einzutauchen, und ich war darauf gefasst, dass er ein paar bekannte Aussagen ablassen und mich meiner Wege schicken würde.
Aber als er über die Entwicklung des Internets und über die Ursprünge von PayPal sprach, begannen die Geschichten zu sprudeln. Über sein erstes Praktikum bei einer kanadischen Bank. Über den Aufbau seines ersten Start-ups und dann seines zweiten. Darüber, wie es sich anfühlt, als CEO gestürzt zu werden.
Am Ende jenes Nachmittags – fast drei Stunden später – schlug ich vor, eine Pause einzulegen. Wir hatten eine gemeinsame Stunde geplant, und obwohl Musk mit seiner Zeit großzügig gewesen war, wollte ich seine Gastfreundschaft nicht zu sehr strapazieren. Aber als er schon stand, um mich hinauszugeleiten, ließ er eine weitere PayPal-Story vom Stapel. Der 47-jährige Musk sprach mit der Begeisterung eines älteren Mannes, der aufgefordert wird, erneut seine ruhmreichen Tage zu durchleben: »Ich kann es nicht fassen, dass das schon 20 Jahre her ist!«
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Das war tatsächlich kaum zu fassen – nicht nur, wie viele Jahre vergangen waren, sondern auch, wie viel die PayPal-Mitarbeiter der ersten Stunde in diesen Jahren erreicht hatten. Jeder, der in den letzten 20 Jahren irgendwann einmal das Internet benutzt hat, hatte mit einem Produkt, einer Dienstleistung oder einer Website zu tun, die irgendwie mit den Schöpfern von PayPal zusammenhängt. Die Gründer mehrerer Unternehmen, die unsere Ära prägen – unter anderem von YouTube, Yelp, Tesla, SpaceX, LinkedIn und Palantir –, waren frühe Mitarbeiter von PayPal. Andere besetzen heute Spitzenpositionen bei Google, Facebook und führenden Wagniskapitalgebern im Silicon Valley.
Sowohl im Vordergrund als auch hinter den Kulissen haben die PayPal-Mitarbeiter der ersten Stunde so gut wie jedes Unternehmen von Bedeutung im Silicon Valley gegründet, finanziert oder beraten. Als Gruppe stellen sie eines der mächtigsten und erfolgreichsten Netzwerke dar, die je geschaffen wurden – ihre Macht und ihr Einfluss werden durch den umstrittenen Begriff der »PayPal-Mafia« erfasst. Aus den Reihen von PayPal sind mehrere Milliardäre und viele Multimillionäre hervorgegangen. Das Gesamtvermögen dieser Personengruppe ist größer als das Bruttoinlandsprodukt von Neuseeland.
Wenn man jedoch nur ihren Reichtum und ihren Einfluss auf die Technologiebranche betrachten würde, würde man all die anderen Bereiche übersehen, in denen sie wirken und denen sie ihren Stempel aufdrücken: Die PayPal-Gründer haben Non-Profit-Organisationen im Mikrokredit-Wesen aufgebaut, die die Welt verändern, sie haben preisgekrönte Filme produziert, Bestseller geschrieben und Politiker auf allen Ebenen beraten – vom Bundesstaat bis zum Weißen Haus. Und sie sind noch lange nicht fertig: Heute verschreiben sie sich allen möglichen Missionen, von der Katalogisierung aller genealogischen Aufzeichnungen der Welt über die Wiederaufforstung von zwölf Millionen Quadratkilometern Waldflächen bis hin zu der Bewegung »Scaling Love«.[1] Und bei alledem kommen ihre bei PayPal gesammelten Erfahrungen zum Tragen.
Sie nehmen engagiert teil an den größten gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Diskussionen unserer Zeit und kämpfen erbittert für freie Meinungsäußerung, Finanzregulierung, Datenschutz, gegen Einkommensungleichheit, für die Effizienz von Kryptowährungen und gegen Diskriminierung im Silicon Valley. In den Augen ihrer Bewunderer sind die PayPal-Gründer nachahmenswerte Idole, ihre Kritiker sehen in ihnen den Grund für alles, was im Technologiebereich falsch läuft, weil hier eine historisch beispiellose große Macht in den Händen einer kleinen Gruppe von techno-utopistischen Libertären liegt. Tatsächlich fällt es schwer, eine indifferente Meinung über die Gründer von PayPal zu finden – sie sind entweder Engel oder Teufel, je nachdem, wer sein Urteil abgibt.
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In der Berichterstattung werden die frühen PayPal-Jahre jedoch meist mehr oder weniger übergangen. Wenn sie überhaupt zur Sprache kommen, dann wird ihnen üblicherweise ein höflicher Absatz gewidmet, in dem PayPal dafür gewürdigt wird, dass es die späteren, spektakuläreren Leistungen möglich gemacht hat. Diese späteren Erfolge der Gruppe sind derart legendär – und die Debatten darüber derart vehement –, dass sie die ursprüngliche Story in den Hintergrund treten lassen. Schließlich verkaufen sich Artikel und Bücher über Weltraumtourismus besser als Artikel über Bezahldienstleister.
Das fand ich merkwürdig. PayPal wurde von so vielen heute überaus erfolgreichen Menschen gegründet, und niemand wollte wissen, was sie alle verband und was ihnen zum Erfolg verhalf. Wenn man die Gründungsgeschichte von PayPal einfach unter den Tisch fallen ließ, vergab man sich doch die Chance darauf, Hochinteressantes über die Leute zu erfahren, die dabei waren, über die wichtigen Erfahrungen, die sie damals sammelten und die ihr späteres Leben prägen sollten.
Also begann ich, herumzustochern und Fragen über die Anfänge von PayPal zu stellen, und es wurde deutlich, wie viel von der PayPal-Story übersehen worden war – und wie viele zentrale Figuren in den Nacherzählungen fehlten. Mehr als eine der Personen, mit denen ich sprach, war noch nie zuvor ausführlich über ihre Zeit bei PayPal befragt worden. Und ihre Storys waren ebenso interessant und aufschlussreich wie die der heute berühmten Namen.
Tatsächlich schrieben Dutzende Programmierer, UX-Designer, Netzwerkarchitekten, Produktspezialisten, Betrugsbekämpfer und Kundendienstler Pay-Pals-Anfangsgeschichte. Ein ehemaliger Mitarbeiter erinnert sich: »Da gibt es Leute wie Peter Thiel, Max Levchin und Reid Hoffman. Aber als ich in das Unternehmen kam, waren diejenigen, die als Götter galten, die Datenbank-Administratoren.«
Ob sie nun bekannt wurden oder nicht – Hunderte von Menschen, die von 1998 bis 2002 bei PayPal arbeiteten, betrachten ihre Erfahrungen dort als Wendepunkt. Sie beeinflussten ihren Umgang mit Führung, Strategie und Technologie. Mehrere ehemalige PayPal-Mitarbeiter sagen, sie hätten den Rest ihrer Laufbahn mit dem Versuch verbracht, ein Team von vergleichbarer Intensität, Intelligenz und Initiative zusammenzustellen. »Das war etwas echt Besonderes, und ich glaube, wir haben das damals nicht alle begriffen«, so ein Mitglied des Produktteams. »Aber wenn ich jetzt in ein Team hineinkomme, dann hoffe ich die Magie zu finden, die wir in der Anfangszeit von PayPal erlebten. Sie ist selten, aber wir suchen weiterhin danach.«
Ein Mitarbeiter erwähnte den Schmetterlingseffekt, den PayPal hatte – nicht nur auf die Leistungen von Menschen wie Musk, Levchin und Hoffman, die damit Millionen berühren, sondern auch auf das Leben von Hunderten Mitarbeitern, die bei der Gründung zugegen waren: »Das ist ... etwas, das mich und mein Leben prägt, und wahrscheinlich wird das mein Leben lang so bleiben.«
Wenn man die Geschichte der PayPal-Gründungsjahre kennt, wirft das ein Licht auf eine bemerkenswerte Phase der Technologiegeschichte und auf die bemerkenswerten Menschen, die das Unternehmen ins Leben gerufen haben. Je mehr ich darüber erfuhr, umso mehr wuchs meine Überzeugung, dass es sich lohnte, den »Dachboden« zu durchstöbern.
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Die Gründung von PayPal ist eine der vielen großartigen und schier unglaublichen Geschichten des Internetzeitalters. Zwei Jahrzehnte später, in einer Zeit, in der das »E« in »E-Commerce« quasi überflüssig geworden ist, weil wir ohnehin nur online shoppen und leben, kann man einen Dienst wie PayPal leicht für selbstverständlich halten. Heute, wo wir uns mit ein paar Klicks einfach ein Auto vor unsere Tür liefern lassen können, scheint es kaum mehr bahnbrechend, per Internet Geld zu versenden. Doch es wäre ein Fehler, anzunehmen, die Technologie, die hinter einer digitalen Überweisung steht, sei mühelos aufgebaut worden oder PayPal sei der Erfolg vorherbestimmt gewesen.
Das PayPal, das wir heute kennen, ist aus der Fusion zweier Unternehmen hervorgegangen. Das eine, das ursprünglich Fieldlink hieß und in Confinity umbenannt worden war, war 1998 von zwei damals völlig Unbekannten namens Max Levchin und Peter Thiel gegründet worden. Confinity entwickelte im Laufe der Zeit ein System, das Geld mit E-Mails verknüpfte, und nannte seinen Dienst »PayPal«. Auf der Auktions-Website eBay fand PayPal begeisterte Anhänger.
Allerdings war Confinity nicht das einzige Unternehmen, das am digitalen Bezahlen arbeitete. Gleich nach dem Verkauf seines ersten Start-ups hatte Elon Musk X.com gegründet, ein Unternehmen, das ebenfalls half, Geld per E-Mail zu versenden. Doch dies war nur der Anfang von Musks Idee, er war überzeugt, die Finanzdienstleistungs-Branche müsse auf den Kopf gestellt werden und X.com sei die Plattform, die dies tun würde. Er pries sein neues Start-up-Unternehmen mit dem einbuchstabigen Namen als Finanz-Website an, die alle anderen ausstechen würde, indem sie alle erhältlichen Finanzprodukte und Finanzdienstleistungen anbieten würde. Aber eine Reihe von Strategiewechseln führte dazu, dass X.com den gleichen Markt der Online-Bezahlung anpeilte wie Confinity – das digitale Bezahlen als Tor zu einem umfassenderen Finanzdienstleistungsangebot.
Confinity und X.com fochten grimmig um Marktanteile bei eBay, was den Wettbewerb zwischen beiden Unternehmen anheizte und schließlich in einer ungeliebten Fusion endete. Mehrere Jahre lang blieb die Frage offen, ob PayPal das überleben würde. Verklagt, betrogen, nachgeahmt, verspottet – von Beginn an war PayPal ein Start-up im Belagerungszustand. Die Gründer mussten gegen milliardenschwere Finanzkonzerne ankommen, gegen eine kritische Presse und gegen eine skeptische Öffentlichkeit, gegen feindlich gesinnte Regulierungsbehörden und sogar gegen Betrüger aus dem Ausland. Innerhalb von nur vier Jahren überlebte das Unternehmen das Platzen der Dotcom-Blase, Ermittlungen der Generalstaatsanwälte von US-Bundesstaaten und ein Nachahmerprodukt, das einer seiner eigenen Investoren aufgebaut hatte.
Außerdem war PayPal mit einem spektakulär wettbewerbsintensiven Markt konfrontiert. In seinen prägenden Anfangsjahren erlebte PayPal mehr als ein Dutzend Neueinsteiger in den Payment-Bereich und musste sich gleichzeitig gegen den Eintritt etablierter Akteure wehren – Kreditkartenvereinigungen wie Visa und Mastercard ebenso wie milliardenschwere Banken. Und da es zur hauptsächlichen Bezahlplattform für eBay wurde, war es ein Dorn im Auge der eBay-Manager, die PayPal für einen Eindringling hielten, der Gebühren abschöpfte, die doch eigentlich von Rechts wegen eBay zugestanden hätten. Also kaufte und startete eBay eine eigene Zahlungsplattform, um PayPal aus dem Sattel zu werfen – eine Rivalität, die die ersten Jahre von PayPal prägte.
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Es überrascht wohl kaum, dass die raue See, auf der das Unternehmen unterwegs war, ihm auch intern keine Ruhe gönnte. »Uns als Mafia zu bezeichnen, ist eine Beleidigung für die Mafias«, scherzte das frühe Vorstandsmitglied John Malloy einmal. »Eine Mafia ist viel besser organisiert, als wir es waren.« In den ersten zwei Jahren seines Bestehens verschliss PayPal drei CEOs, und sein gesamtes Top-Management drohte damit, alles hinzuwerfen – und das gleich zweimal.
Nicht dass das Führungsteam ein ordentliches Dienstalter im traditionellen Sinne vorzuweisen gehabt hätte. Viele der Gründer und der ersten Angestellten kamen in ihren Zwanzigern ins Unternehmen, die meisten frisch vom College. Bei PayPal schnupperten sie erstmals ins Berufsleben hinein. Eine junge Belegschaft an sich war Ende der 1990er-Jahre im Silicon Valley, wo es vor jungen Technologen wimmelte, die ein Vermögen machen wollten, nichts Besonderes. Aber selbst nach den dortigen Standards besaß PayPal eine bilderstürmerische Unternehmenskultur. Unter den ersten Mitarbeitern fanden sich Schulabbrecher, ausgezeichnete Schachspieler und Puzzle-Champions – die oft nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Exzentrik und ihrer Eigenheiten genommen worden waren.
Es gab eine Zeit, da hing in den Geschäftsräumen des Unternehmens zum einen der »World Domination Index« (Index der Weltherrschaft), der die Anzahl der tagesaktuellen Nutzer anzeigte, und zum anderen ein Banner, auf dem die Worte »Memento Mori« standen, was etwa »Bedenke, dass du sterben wirst« bedeutet. PayPals exzentrisches Team war darauf aus, die Welt zu beherrschen – oder bei diesem Versuch zu sterben.
Die meisten Beobachter sagten Letzteres voraus. Ende der 1990er-Jahre wurden nur zehn Prozent des Onlinehandels digital abgewickelt, die überwältigende Mehrheit der Transaktionen endete nach wie vor damit, dass der Käufer per Post einen Scheck schickte.[2] Viele Menschen fühlten sich unwohl damit, online Angaben zur Kreditkarte oder zu ihrer Bankverbindung zu übermitteln, und Websites wie die von PayPal galten oft als Einfallstore für illegale Aktivitäten wie Geldwäsche oder für den Verkauf von Drogen und Waffen. Kurz vor dem Börsengang von PayPal erklärte ein prominentes Branchenorgan, das Land brauche PayPal »so dringend wie eine Milzbrand-Epidemie«.
Die schlechte Presse konnte das Unternehmen ignorieren, welterschütternde Ereignisse jedoch nicht. Gerade als sich die Gründer von PayPal darauf vorbereiteten, das Unternehmen an die Börse zu bringen – und die endgültigen Bedingungen für das Ereignis festlegten, das ihr größter Triumph hätte werden sollen –, rasten zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Centers. PayPal war die erste Gesellschaft, die nach dem 11. September 2001 den Börsengang beantragte, während das Land und die Finanzmärkte gerade begannen, sich von den Anschlägen zu erholen.
Auf dem Weg zu diesem Börsengang sah sich PayPal mit einer Flut von Prozessen und mit der Tatsache konfrontiert, dass die Börsenaufsicht SEC gerade mehrere hochkarätige Bilanzierungsskandale bei anderen Unternehmen untersuchte. Nach nahezu endlosen Rückschlägen – nach einer knallharten Fusion, nach Millionenverlusten durch Betrug und nach einem für Technologie-Aktien rauen Klima – erreichte PayPal das Unwahrscheinliche: einen atemberaubend erfolgreichen Börsengang sowie noch im gleichen Jahr die Übernahme durch eBay für 1,5 Milliarden Dollar.
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Später korrigierte Musk einen Interviewer, der angedeutet hatte, es sei wohl schwer gewesen, PayPal zu gründen. Musk sagte, die Gründung des Unternehmens sei überhaupt nicht schwierig gewesen, vielmehr sei »es schwierig gewesen, das Unternehmen am Leben zu halten«. 20 Jahre später kann PayPal einen für Unternehmen aus seiner Ära seltenen Triumph für sich in Anspruch nehmen: Es existiert immer noch. Schließlich gliederte eBay PayPal als eigenständiges Unternehmen aus und heute ist es rund 300 Milliarden Dollar wert – womit es eines der größten Unternehmen der Welt ist.
Zwischen der Fusion von X.com mit Confinity und PayPals Gang an die Nasdaq vergingen nur gut zwei Jahre, aber vielen Angestellten kam es vor, als hätten sie ein Leben lang dort gearbeitet. Viele erinnern sich an das Unternehmen als Hexenkessel – mörderisch kreativ und unerbittlich intensiv. Eine Mitarbeiterin bekam das in der ersten Arbeitsstunde ihres ersten Arbeitstags deutlich zu sehen. Als sie sich zu ihrem Arbeitsplatz begab, erblickte sie zu ihrer Rechten einen riesigen Berg an Schachteln mit Paracetamol. Zu ihrer Linken, am benachbarten Arbeitsplatz, hörte sie eine Kollegin mit ihrem Ehemann schimpfen: »Ich weiß noch, dass sie mit ihrem Mann sprach und sagte: ›Hör zu, ich komme heute Abend nicht nach Hause, also frag mich nicht mehr!‹«
Ein Mitarbeiter nach dem anderen bezeichnete diese Zeit als »verschwommen« – als Nebelschleier aus Erschöpfung, Adrenalin und Ängstlichkeit. Ein Programmierer schlief in dieser Zeit so wenig, dass er spätabends auf dem Heimweg nicht nur ein, sondern gleich zwei Autos zu Schrott fuhr. Der Technikvorstand des Unternehmens beschrieb, dass sich alle »wie Veteranen eines intensiven militärischen Feldzugs« fühlten.
Und dennoch schwelgen die ehemaligen Mitarbeiter von PayPal rückblickend in Nostalgie: »Das war wahnsinnig aufregend«, bemerkte Amy Rowe Klement. »Ich glaube, wir begriffen nicht wirklich, auf welcher Rakete wir damals saßen.« Mehrere von ihnen sagten, in dieser Zeit hätten sie die beste Arbeit ihres Lebens geleistet. »Ich empfand mich als Teil von etwas Großartigem, und dieses Gefühl hatte ich noch nie gehabt«, sagt die Qualitätsmanagement-Analystin Oxana Wootton. »Bis zum heutigen Tag«, bemerkt der Betrugsanalyst Jeremy Roybal, »blute ich in PayPal-Blau.«
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Viele, die bei PayPal landeten, kamen auf Umwegen in das Unternehmen. Und mein Buchprojekt kam auf ähnliche Weise zustande. Während ich mein vorheriges Buch schrieb – eine Biografie von Dr. Claude Shannon, dem Begründer der Informationstheorie und einem der größten vergessenen Genies des 20. Jahrhunderts –, befasste ich mich mit seinem Arbeitgeber, den Bell Laboratories. Die Bell Labs waren die Forschungsabteilung der Telefongesellschaft Bell Telephone, ihre Wissenschaftler und Ingenieure gewannen sechs Nobelpreise und erfanden unter anderem das Tonwahlsystem, den Laser, das Mobilfunknetz, den Kommunikationssatelliten, die Solarzelle und den Transistor.
Da begann ich mir Fragen über ähnliche Talentkonstellationen wie bei Bell zu stellen, unter anderem bei Technologie-Unternehmen wie PayPal, General Magic und Fairchild Semiconductor, aber auch bei nicht technisch ausgerichteten Gruppierungen wie den Fugitive Poets, der Bloomsbury Group und den Soulquarians. Der britische Musiker und Produzent Brian Eno hat einmal gesagt, als Student der Bildenden Kunst sei ihm beigebracht worden, dass künstlerische Revolutionen von solitären Gestalten ausgehen – wie beispielsweise Picasso, Kandinsky oder Rembrandt. Doch als er sich mit diesen Revolutionen befasste, habe er entdeckt, dass sie Produkte »sehr fruchtbarer Szenen [gewesen seien], an denen eine Menge Leute beteiligt waren – manche von ihnen Künstler, manche Kunstsammler, manche Kuratoren, Denker, Theoretiker ... alle möglichen Arten von Leuten, die eine Art Talent-Ökologie schufen«.
Eno bezeichnete dies als »scenius«, eine Parallelbildung zu dem englischen Wort für Genie: »genius«; auf Deutsch könnte man »Szenie« beziehungsweise »Szenialität« sagen. »Scenius«, so Eno, »ist die Intelligenz eines ganzen ... Bereichs oder einer Gruppe von Menschen. Und ich finde, das ist wirklich ein hilfreiches Verständnis von Kultur.« Diese Auffassung lässt sich auch auf die PayPal-Story übertragen, als eine Erzählung aus Hunderten von Lebensläufen, Schnittmengen und Interaktionen all jener, die dort zu dem Zeitpunkt arbeiteten, als das Internet für die Verbraucher gerade Gestalt annahm.
Erzählungen über moderne Technologie sind meist Geschichten über individuelle Leistungen – eher »Genie« als »Szenie«. Steve Jobs ist ebenso untrennbar mit dem Apple-Narrativ verbunden, wie Jeff Bezos mit Amazon, Bill Gates mit Microsoft oder Mark Zuckerberg mit Facebook verknüpft sind. Die Erfolgsstory von PayPal ist anders geartet. Hier gibt es keinen einzelnen Helden oder eine einzelne Heldin. Zu verschiedenen Zeiten der Unternehmensgeschichte brachten es verschiedene Mitarbeiter zu entscheidenden Durchbrüchen, die das Unternehmen retteten; hätte einer davon gefehlt, wäre womöglich das ganze Vorhaben in sich zusammengefallen.
Hinzu kommt, dass viele maßgebliche Errungenschaften von PayPal aus den produktiven Reibungen innerhalb der Gruppe hervorgingen – die Spannungen zwischen der Produktabteilung, der technischen Abteilung und dem geschäftlichen Team lieferten Perlen der Innovation. Die Frühgeschichte des Unternehmens war von tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten geprägt, und doch, so sagt der schon zu Beginn beteiligte Softwareentwickler James Hogan: »Irgendwie war es so, dass wir uns persönlich und emotional nicht in einer Art und Weise auf die Füße traten, aus der sich eine wirklich dysfunktionale Spirale ergeben hätte.« Bei PayPal brachte die Disharmonie Entdeckungen hervor.
Ich wollte diese Ökologie, die fruchtbare Mischung der beteiligten Menschen, die Herausforderungen, denen sie sich gegenübersahen, und den technologiegeschichtlichen Moment, in dem sie sich ihnen stellten, begreifen.
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Für mich war es eine faszinierende – aber auch einschüchternde – Herausforderung, die Erzählung über den Ursprung von PayPal zu schreiben. Ich begann mit einer eingehenden Untersuchung dessen, was zu diesem Thema bereits gesagt und geschrieben worden war. Zum Glück hatten viele von denen, die das Unternehmen aufgebaut haben, ergiebige öffentliche Profile. Sie hatten Bücher geschrieben, Podcasts aufgelegt, auf Konferenzen Vorträge über PayPal gehalten sowie im Fernsehen, im Radio und in Printmedien darüber gesprochen. Ich ging Hunderte Stunden lang die Unmengen an Kommentaren und Artikeln durch, die über die Entstehungsjahre von PayPal bislang geschrieben worden waren, dazu noch eine kleine Anzahl von Büchern und wissenschaftlichen Artikeln, die das Unternehmen als Fallstudie heranzogen.
Auch versuchte ich, mit vielen Mitarbeitern von PayPal aus der Zeit vor dem Börsengang Kontakt aufzunehmen, und ich interviewte im Zuge dieses Projekts Hunderte Menschen. Ich war dankbar, dass ich mit allen ursprünglichen Mitgründern des Unternehmens sowie mit allen Verwaltungsratsmitgliedern und den allerersten Investoren sprechen und sie interviewen konnte. Außerdem sprach ich mit Außenstehenden, die unschätzbar wertvolle Blickwinkel boten: mit den technischen Beratern der Gesellschaft, mit der Person, deren Firma den Namen »PayPal« erschuf, mit Beinahe-Investoren, die kurz vor der Beteiligung standen, mit den Chefs von Konkurrenzfirmen sowie mit vielen anderen. Ich danke allen, die es mir großzügig gestatteten, in ihren Sammlungen an Notizen, Dokumenten, Fotos, Erinnerungsstücken und in Zehntausenden Seiten E-Mail-Schriftverkehr aus der Anfangszeit von PayPal zu stöbern.
In vielen Fällen deckte ich Geschichten über PayPal auf, die noch nie erzählt worden waren, darunter erschütternde Berichte über das Beinahe-Scheitern der Fusion von Confinity und X.com oder darüber, wie nahe das Unternehmen an mehreren kritischen Punkten dem Zusammenbruch war. Ich versuchte, zu verstehen, wie PayPal inmitten jener chaotischen Zeit mit seinen Internet-Innovationen Erfolg haben konnte und wie es dazu kam, dass sie die heutige Internet-Landschaft prägten.
Das, was aus diesen jahrelangen Recherchen hervorging, ist eine Geschichte über Ehrgeiz, Erfindergeist und Iteration. Aus einer Zeit des Drucks und Zwangs ging eine Generation von Entrepreneuren hervor, deren spätere Unternehmen den Stempel von PayPal tragen. Ihr erster Triumph – der Erfolg von PayPal – war jedoch schwer erkämpft. Richtig verstanden ist die PayPal-Story eine vierjährige Odyssee, in deren Verlauf ein Beinahe-Scheitern dem anderen folgte.
Daher ist es durchaus passend, dass die PayPal-Story mit einem historischen technologischen Zusammenbruch beginnt – mit einer Tausende Meilen vom Silicon Valley entfernten Katastrophe, aufgrund derer ein späterer PayPal-Gründer zum ersten Mal mit Computertechnik in Berührung kam.
Die Februar-Ausgabe 1986 von Soviet Life brachte eine zehnseitige Hochglanz-Fotostrecke mit dem sinngemäßen Titel »Frieden und Fülle in Prypjat«. Laut dem Artikel war Prypjat ein kosmopolitisches Idyll: »Heute wohnen in der Stadt Menschen mit mehr als 30 Nationalitäten aus der gesamten Sowjetunion. In den Straßen gibt es Blumen in Hülle und Fülle. Die Wohnblocks stehen in Kiefernhainen. Jedes Wohnviertel hat seine eigene Schule, eine Bibliothek, Geschäfte, Sportstätten und Spielplätze. Morgens sind weniger Menschen unterwegs, nur junge Frauen gehen ohne Eile ihre Kinderwagen schiebend spazieren.«
Falls die Stadt überhaupt Probleme hatte, dann höchstens, dass es ihr an ausreichend Platz für Zuzügler mangelte. »Prypjat erlebt derzeit einen Babyboom«, so der Bürgermeister. »Wir haben Dutzende Kindertagesstätten und Kindergärten errichtet, weitere sind in Planung, aber sie halten mit dem Bedarf immer noch nicht Schritt.«
Dieser Bedarf war verständlich, denn Prypjat beherbergte ein Wunder der Technik: das Kernkraftwerk Tschernobyl. Es war der größte Arbeitgeber und bot laut dem Artikel gut bezahlte Jobs sowie Strom, der »ökologisch viel sauberer ist als der aus Wärmekraftwerken, die enorme Mengen an fossilen Brennstoffen verbrennen«.
Und die Sicherheitsbedenken? Ein sowjetischer Minister wurde darauf direkt angesprochen und antwortete mit der ganzen Zuversicht und Selbstsicherheit des Bürokraten: »Die Wahrscheinlichkeit einer Kernschmelze«, so prahlte er, »beläuft sich auf eine in 10.000 Jahren.«
Doch schon wenige Monate nachdem Soviet Life vom Leben in Prypjat geschwärmt hatte, war von der Kleinstadt nur eine schwelende radioaktive Ruine übrig. Um 1:23 Uhr am Morgen des 26. April 1986 ereignete sich im Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl eine Kernschmelze, die zu einer Explosion führte, durch die der tausend Tonnen schwere Deckel des Reaktorkerns und das Dach des Gebäudes abgesprengt wurden. Schon bald war die Luft über Prypjat mit mehr als dem Vierhundertfachen des radioaktiven Materials verseucht, das über Hiroshima abgeworfen worden war.
Maksymilian Rafaeljowytsch Lewtschyn (Max Levchin) war damals zehn Jahre alt und schlief 150 Kilometer weit entfernt, als Tschernobyl explodierte. Als er erwachte, hatte die Katastrophe sein Leben verändert und umgestaltet. Voller Sorge und Angst setzten seine Eltern ihn und seinen Bruder sofort in einen Zug, der sie aus dem verseuchten Gebiet fortbringen sollte. Während der Fahrt wurde Max mit einem Geigerzähler auf Verstrahlung untersucht – und löste Alarm aus. Es stellte sich heraus, dass ein Rosendorn, der in seinem Schuh steckte, an der Radioaktivität schuld war, aber einen Augenblick lang geriet er in Panik, weil er dachte, vielleicht müsste der Fuß amputiert werden.
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Levchins ganze Familie war von dem Tschernobyl-Unglück betroffen, auch seine Mutter Elwina Seltsman. Sie war Ärztin und arbeitete im radiologischen Messlabor des Instituts für Ernährungswissenschaft.
Vor Tschernobyl war das eine gemütliche Stellung gewesen. Laut ihrem Sohn verbrachte sie ihre Tage damit, die Unbedenklichkeit des (nicht radioaktiven) Brotangebots in der Ukraine zu prüfen. Doch als nach Tschernobyl radioaktive Lebensmittel aus der Nordukraine aufzutauchen begannen, wuchs ihre Verantwortung – und ebenso die Dringlichkeit ihrer Aufgaben.
Um sie bei ihrer Arbeit zu unterstützen, schickte die sowjetische Regierung zwei Computer an Elwinas Büro: einen sowjetischen DVK-2 und einen Robotron PC 1715 aus der DDR. Levchin begleitete manchmal seine Mutter zur Arbeit und anfangs fand er die Computer langweilig und klobig. Aber nur so lange, bis ein bestimmtes Spiel für den DVK-2 herauskam: Stakan – so der russische Name für Tetris, das Programmierer der Wissenschaftsakademie der Sowjetunion 1984 kreiert hatten. Nun war er süchtig.
Schon bald wandte Levchin sein Interesse dem Robotron-Computer zu. Er beinhaltete einen Pascal-Compiler – ein Programm, das vom Menschen geschriebene Programme in Maschinensprache umwandelt. Mitgeliefert wurde auch der Raubdruck eines Handbuchs zu Turbo Pascal 3.0, in dem die Bedienung des Compilers erklärt wurde. Solche Texte waren in der Sowjetunion rar, und für Levchin wurde das Handbuch zur Heiligen Schrift.
Schon bald konnte er einfache Programme schreiben und war davon hingerissen. »Die Vorstellung, dass man einer Maschine sagen kann, dass sie in Zukunft Dinge tun soll, deren Ergebnisse man erst später erfährt, war eine tiefgreifende Erkenntnis«, sagte er Jahre später. »Ab da brauchte ich nicht mehr alles zu wissen, um etwas zu erledigen. Ich konnte es einfach aufschreiben und später lief das von ganz allein ab.« Davor hatte Levchin Mathematiklehrer werden wollen, aber jetzt prahlte er damit, wenn er groß wäre, werde er Computer programmieren.
Levchin genoss seine ersten Programmierschritte und die Spiele sehr, aber die Computer waren ja nicht zu seiner Unterhaltung gedacht. Sie sollten Elwina helfen, die Verstrahlung sowjetischer Lebensmittel zu melden. Als sie sah, dass die technischen Kenntnisse ihres Sohnes die ihrigen übertrafen, ließ sie ihn arbeiten und schloss einen Deal mit ihm: Die Computer gehörten allein ihm – sobald er ihre Aufgaben erledigt hatte.
Dadurch blieb Levchin nicht viel Freizeit für eigene Programme. Um sich wertvolle Robotron-Zeit zu sparen, dachte er sich ein System aus: Er schrieb seine Programme mit Stift und Papier. In dem Park in der Nähe der elterlichen Wohnung entwarf und bearbeitete er seine Programme in Langschrift. Sobald die Aufgaben seiner Mutter erledigt waren, übertrug Levchin den Inhalt seines Notizbuchs in den Computer. Und dann kam der entscheidende Moment: »Wenn ich den Code wörtlich aus meinem Notizbuch abtippte, würde ihn der Computer kompilieren und würde er sofort laufen – oder würde ich ihn debuggen müssen?«
Dieser Lernprozess führte zu anspruchsvollen Maßstäben. »Meine Selbstdefinition als Programmierer rührt schon immer daher, dass ich mit diesen alten Computern angefangen habe«, so Levchin. »Das war [...] immer ein sehr verfahrensorientiertes Programmieren in unterschiedlichen Assemblersprachen gewesen [...]. Wahrscheinlich bin ich dadurch ein bisschen elitär geworden, aber auf jeden Fall hat mich das zum sehr hartnäckigen Entwickler gemacht. Ich hatte eben nie die Möglichkeit, es mir leicht zu machen.«
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Nicht den leichten Weg zu gehen war eine Familientradition der Levchins. Als Juden in einem antisemitischen Staat arbeiteten sie doppelt so hart, um etwas zu erreichen – und stellten sich Hindernissen, mit denen andere nicht konfrontiert waren. Eines Morgens wachte Levchins Vater auf und fand an der Haustür einen aufgesprühten Davidstern vor. Die Eltern sagten ihrem Sohn, die einzige Möglichkeit, an eine Spitzen-Universität zu kommen, bestehe für ihn wegen seines Glaubens darin, der Jahrgangsbeste seiner Schule zu werden.
Trotz dieser Hürden hatte seine Familie viel erreicht, wobei Levchins Großmutter mütterlicherseits Vorreiterin gewesen war. Dr. Frima Josifowna Lukatskaya war eine nur 1,42 Meter große Naturgewalt, die Astrophysik studiert hatte und am Hauptobservatorium der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine in Kiew arbeitete. Sie brachte das Gebiet der astronomischen Spektroskopie und die Messung bedeckungsveränderlicher Sterne voran, und ihre umfänglichen Artikel »Autocorrelative Analysis of the Brightness of Irregular and Semi-Regular Variable Stars« und »Properties of Optical Radiation of Variables and Quasars« wurden in renommierten wissenschaftlichen Zeitschriften abgedruckt.
Für Max Levchin war sie die personifizierte Stärke und Tapferkeit – eine Frau, die auf einem von Männern dominierten Gebiet triumphiert hatte und die als Jüdin in einem feindlich gesinnten Land erfolgreich geworden war. Ihre Entschlossenheit wirkte auf ihn fast schon übernatürlich. In seinem Geburtsjahr wurde bei Lukatskaya eine seltene, aggressive Form von Brustkrebs diagnostiziert. Dazu sagt Levchin: »Im Grunde sagte sie: ›Ich darf nicht sterben, ich habe einen Enkel.‹ Und so überlebte sie dank ihrer Willenskraft noch 25 Jahre. Ich hatte dieses lebende Beispiel eines Menschen vor mir, der unter keinen Umständen aufgab.«
In den 1980er-Jahren, als Levchin ins Teenageralter kam, befand sich die sowjetische Wirtschaft im freien Fall und das Politbüro verfiel in Panik. Lukatskaya begann den beunruhigenden Widerhall des Zweiten Weltkriegs zu vernehmen, dessen Schrecken sie aus erster Hand erlebt hatte. Soweit die Familie wusste, überwachte der KGB Levchins Vater, und es bestand große Gefahr, dass der Staat ihn verschwinden lassen würde.
Lukatskaya beantragte bei einer jüdischen Flüchtlingsagentur Mittel und organisierte die Auswanderung der Levchins nach Amerika. Die Ausreise der Familie war ein streng gehütetes Geheimnis. »Das waren irre Jahre; ich wusste schon seit zwölf Monaten, dass wir das Land verlassen würden, durfte es aber niemandem sagen«, erinnert sich Levchin.
Mit einem Minimum an Habseligkeiten fuhr die Familie zum Flughafen. Trotz des milden Juli-Wetters kamen die Levchins in dicker Winterkleidung am Terminal an, damit sie sie nicht zu deklarieren brauchten. Nach einem abschließenden Gespräch mit einem sowjetischen Grenzschutzbeamten – der ihnen ganz klar sagte, die Ausreise werde endgültig sein –, bestiegen sie ein Flugzeug in die Vereinigten Staaten.
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Immer noch in Mäntel gehüllt, gingen die Levchins am 18. Juli 1991 am Chicagoer O’Hare International Airport von Bord, einen Tag bevor die Stadt von einer mörderischen Hitzewelle heimgesucht wurde. Sie verkauften ihre Mäntel einem Schwarzmarkthändler zu einem Bruchteil ihres Wertes. Aber dieser beschränkte Erlös bedeutete sehr viel. Kurz bevor sie die Ukraine verlassen hatten, war der Rubelkurs zusammengebrochen, sodass die Ersparnisse der Familie in Höhe von einigen Tausend Dollar plötzlich nur noch ein paar Hundert Dollar wert waren.
Für die Familie war die Auswanderung in die Vereinigten Staaten gefährlich, aber für den gerade erst 16 Jahre alt gewordenen Max Levchin war sie der erste Schritt eines epischen Abenteuers – und es begann sofort. Levchin war ein guter Schüler gewesen und er wollte seine ukrainischen Schulzeugnisse vom Chicago Board of Education anerkennen lassen. Anstatt seine Eltern um Hilfe zu bitten, stieg er in einen Bus, um diese Mission allein zu erfüllen.
Nachdem er an der falschen Haltestelle ausgestiegen war, fand er sich mitten in den sozialen Wohnungsbauprojekten von Cabrini-Green wieder, damals eines der heruntergekommensten und gefährlichsten Viertel der Stadt. »Ich spazierte da irgendwie durch und dachte mir: Ach, hier sieht keiner so aus wie ich. Hallo, ihr tollen amerikanischen Menschen!«, erinnert sich Levchin. »Ich war total ahnungslos ... ein dürrer Jude mit dickem Afro, ich sah aus, als trüge ich Kleider aus den Sankt Petersburger Leninwerken – und so war es ja auch.«
Seine kulturelle Anpassung erfolgte stoßweise. Kurz nach seiner Ankunft in Amerika fischte er einen kaputten Fernseher aus dem Müll und seine technisch begabte Familie reparierte ihn. Nun konnte er die Sitcom Diff’rent Strokes schauen, und wie er der Journalistin Sarah Lacy Jahre später sagte, orientierte sich sein Englisch an dem von Gary Coleman dargestellten in Harlem aufgewachsenen Arnold Jackson. »Wo hast du Englisch gelernt?«, fragte einer seiner Lehrer, der neugierig war, wo er seinen Slang nach dem Motto »New York meets Kiew« herhatte. »Wiemeinnsendes, Herr Harris?«, erwiderte er. Der Lehrer legte ihm freundlich nahe, ein etwas breiteres Medienspektrum zu konsumieren.
Die Sprache und die Kultur waren neu, aber eines blieb: Levchins Liebe zu allem, was mit Computern zu tun hatte. Und in Amerika bekam er endlich einen, den er nach Belieben benutzen konnte. Er bekam ihn von einem Verwandten geschenkt, und er konnte etwas, das seine früheren Geräte nicht gekonnt hatten: Er ließ sich mit dem Internet verbinden. Schon bald wurde Levchin vom World Wide Web aufgesaugt und er fand Foren und Netzwerke voller verwandter digitaler Geister.
Die fand er auch in der Schule. An der Stephen Tyng Mather High School im Norden Chicagos trat er dem Schachclub bei, organisierte den Computerclub mit und spielte zusammen mit seinem Freund, Posaunisten und späteren PayPal-Kollegen Erik Klein im Schulorchester Klarinette. Auf der Mather High School zeigte Levchin erste Anzeichen der Intensität, die zu seinem Markenzeichen wurde. Ein Freund und ebenfalls späterer PayPal-Kollege namens Jim Kellas erinnert sich, dass er und Levchin einmal allein in der letzten Reihe der Kunstklasse zurückgelassen wurden. Aus Langeweile beschlossen sie, Federmesser wie Dartpfeile in die Wand zu werfen. »Max [...] ist Perfektionist. Er will in allem, was er macht, der Beste sein. Er saß da, legte das Messer auf einen Finger, ermittelte den Schwerpunkt und sagte: ›Ja, das wäre wohl die perfekte Position, um es zu werfen‹«, erinnert sich Kellas. »Und ich sagte: ›Ach was, wirf einfach ein bisschen fester.‹«
In Mathematik und in den naturwissenschaftlichen Fächern hatte Levchin hervorragende Noten, und als die Zeit der College-Bewerbungen näher rückte, sprach er vor Ehrgeiz strotzend die Berufsberaterin der Schule an und sagte, er wolle aufs »MTI« gehen. Levchin: »Ich sagte: ›Ich will aufs MTI. Sie müssen mich ins MTI bringen.‹ Sie fragte: ›Was zum Teufel ist denn das MTI?‹«
Natürlich meinte Levchin das MIT, das Massachusetts Institute of Technology, eine der renommiertesten Hochschulen der Vereinigten Staaten. Die Beraterin riet ihm, sich lieber an der nahe gelegenen University of Illinois at Urbana-Champaign (UIUC) zu bewerben. Aber auch dabei gab es ein Problem: Levchin hatte die Bewerbungsfrist der UIUC verschlafen. Doch als er die Anforderungen durchging, stellte er fest, dass die Frist für Studenten aus dem Ausland noch nicht verstrichen war. Darin sah er eine Lücke: »Ich bin doch irgendwie Ausländer. Ich bin kein Staatsbürger und vor nicht einmal zwei Jahren in die USA gekommen, wer könnte da was dagegen sagen?« Und mit diesen Argumenten wurde er an der UIUC genommen.
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Da Levchin keine Lust mehr hatte, bei seinen Eltern zu wohnen, zog er zwei Wochen vor der Zeit an die Uni. Die Mensa war noch geschlossen und so verzehrte er seine erste Studentenmahlzeit im McDonald’s in der Green Street. Außerdem versuchte er, nicht aufzufallen. Bevor er das Universitätsgelände betrat, hatte er ein Schreiben erhalten, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass die Erstsemester aus dem Ausland auf dem nahe gelegenen Willard Airport von einem Empfangskomitee begrüßt werden sollten. Das klang nach Pflichtprogramm.
»Ich hatte schreckliche Angst, die würden merken, dass ich mich hineingemogelt hatte«, erinnert er sich. Also verließ er an dem Tag, an dem ihn das Begrüßungskomitee willkommen heißen sollte, den Campus und fuhr mit zwei frisch gepackten Koffern zum Flughafen. Er tat, als staune er mit aufgerissenen Augen, so als käme er zum ersten Mal nach Amerika, das bereits seit zwei Jahren seine Heimat war. »Dieser Plan – oder Betrug – war ganz schön raffiniert«, sagt Levchin.
Ob nun Betrug oder nicht, Max Levchins Zulassung zum Studium an der UIUC passte perfekt zum damaligen Produktmarkt: Ein angehender, energiegeladener Technologe betritt eines der Epizentren der weltweiten Informatik. Jahrzehntelang leisteten Forscher der UIUC in der digitalen Technologie Pionierarbeit und sie bauten eines der ersten sozialen Netzwerke der Welt auf. Gerade als Levchin den Ankömmling aus dem Ausland mimte, kündigte das an der UIUC beheimatete National Center for Supercomputing Applications (NCSA) einen neuen Internetbrowser namens Mosaic an. Neben anderen Verbesserungen machte Mosaic das Web grafikfähig und vereinfachte die Installation des Browsers. Beide Änderungen brachten das Internet in den Mainstream und beschleunigten sein Wachstum – und die UIUC stand mitten im Zentrum.
Für den Studienanfänger Max Levchin waren die computertechnischen Triumphe der Universität zwar bemerkenswert, aber damals suchte er, was alle neuen College-Studenten wollen: Anschluss und Zerstreuung. Beides fand er beim Quad Day auf dem Campus, bei dem Studentenverbindungen neue Mitglieder warben. Levchin erspähte eine Gruppe von Leuten, die alle äußeren Anzeichen von Freaks trugen und um einen Computer herumstanden, dessen Monitor mit einem Karton geschützt war. Dieser schirmte den Bildschirm vor dem Sonnenlicht ab – und signalisierte den künftigen Mitgliedern der Association for Computer Machinery (ACM), dass Sonnenschein ihrer Computerzeit[4] nicht in die Quere kommen würde. Das sind meine Leute, dachte sich Levchin.
Und das waren sie wirklich. Die Mitte der 1960er-Jahre gegründete ACM der UIUC wurde schnell zur Drehscheibe des Campus für alles, was mit Computern zu tun hatte, und zur De-facto-Heimstatt für Generationen von Informatikstudenten. Als Levchin auf dem Campus landete, bastelten die diversen Fachgruppen der ACM an allem Möglichen, von fortgeschrittener Netzwerktechnik bis hin zu immersiver Virtual Reality. »Ich habe ganze [Informatik-]Abteilungen mit weniger Rechenleistung gesehen, als wir sie allein im ACM-Büro haben«, prahlte ein Mitglied damals.
Dort fühlte sich Levchin zu Hause, und schon bald hielt er sich öfter im ACMBüro im Digital Computer Lab (DCL) auf als in seinem Wohnheimzimmer in Blaisdell Hall. »Ich kann Ihnen sagen, dass das Gitarren-Instrumentalstück Ah Via Musicom von Eric Johnson exakt so lang ist wie die Radfahrt von Blaisdell zum DCL morgens um sieben. Das habe ich viele, viele Male ausprobiert«, vertraute er Jahre später dem Alumni-Magazin der Universität an.
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Bei der ACM lernte Levchin auch zwei Studenten kennen, die später in seinem Leben und bei PayPal Schlüsselrollen spielen sollten: Luke Nosek und Scott Banister. Sie trafen sich zum ersten Mal, als Nosek und Banister einmal spätabends ins ACM-Büro kamen. Levchin hämmerte auf der Tastatur herum und nahm ihre Anwesenheit kaum wahr. Bis dahin war er zu einem derart festen Bestandteil des Inventars geworden, dass sie neugierig auf ihn wurden.
»Woran arbeitest du?«, fragte ihn Nosek.
»Ich erstelle einen Explosionssimulator«, erwiderte Levchin.
»Was macht der? Welchen Zweck erfüllt er?«, fragte Banister.
»Wie meinst du das? Er ist schön«, antwortete Levchin. »Er läuft in Echtzeit und berechnet jedes Mal eine zufällige Explosion.«
»Okay, aber wozu?«, fragte Nosek.
»Ich weiß nicht. Ist er nicht cool?«, sagte Levchin.
»Es ist Freitagabend, hast du nichts Besseres zu tun?«, fragte Banister.
»Nein ... ich liebe das. Habt denn ihr nichts Besseres zu tun?«, entgegnete Levchin.
»Wir wollen ein Unternehmen gründen. Du solltest mitmachen«, erwiderte Nosek.
Luke Nosek war wie Levchin in einer Einwandererfamilie groß geworden, die vor dem Kommunismus geflohen war. Er stammte ursprünglich aus Polen und war in den 1970er-Jahren in die Vereinigten Staaten gekommen.
Nosek war intelligent, hatte einen Hang zum Technischen und lernte sehr gern, aber in der Schule hatte er das Gefühl, zu ersticken. »Ich kam auf die Idee, bei meiner Ausbildung gehe es eher um die Dinge, die ich mache – nicht um die Dinge, die die mich machen ließen«, sagte Nosek einmal. Seine Mutter versprach ihm, das College werde ihm mehr Freiheit und eine eigenständigere Lernerfahrung bieten.
Nosek entschied sich wegen der kurzen Bewerbungsfrist für die UIUC, aber schon bald war er von der formalen Ausbildung erneut desillusioniert. »Gegen Ende dieses [ersten] Jahres versuchte ich Wege zu finden, wie ich aus dem Unterrichtsbetrieb herauskommen könnte«, so Nosek. Er nahm die Unterlagen des Prüfungsamts auseinander und fand die Mindestanforderungen für einen Abschluss heraus. Wann immer es möglich war, glich er seine unentschuldigten Abwesenheitszeiten durch gute Prüfungsergebnisse aus.
Er suchte nach Gleichgesinnten und fand sie bald bei der ACM. »Die ACM [...] war eine Gruppierung, die ein bisschen gegen die Ausbildung rebellierte«, so Nosek. Er hatte das Gefühl, dass sie sich von den anderen Studentenverbindungen abhob. »Wir merkten, dass die Leute, die anderen Verbindungen beitraten, sie als Sprungbretter nutzten, um im System zu bleiben.« Den ACM-lern war das System egal, stattdessen verbanden sie die Rebellion mit Kreativität, indem sie innovative Prototypen erstellten und Nischenexperimente machten.
Dazu gehörte es auch, den Getränkeautomaten im ACM-Büro zu vernetzen. »Wir dachten uns, eine der interessanteren Anwendungsmöglichkeiten des Internets wäre es, unseren Getränkeautomaten hineinzubringen«, so Nosek. Der Automat trug den Spitznamen »Caffeine«, und laut dem Newsletter der Fakultät für Informatik hatten die ACM-ler »einen Mikrocontroller an einem altmodischen Getränkeautomaten von Dr Pepper angebracht und mit dem Internet verbunden, sodass die Studenten ihre Getränke bezahlen konnten, indem sie ihre Studentenausweise durchzogen«.
Nosek und die anderen ACM-ler waren stolz auf den »smarten« Getränkeautomaten – sowohl auf die Konstruktion als auch auf deren Schwierigkeit. »Es war sehr schwierig, sich in den Automaten zu hacken und ihn ins Internet zu bringen«, sagt Nosek. »Wahrscheinlich hätten wir in der Zeit, die wir dafür brauchten, eBay aufbauen können.«
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Bevor sie auf Levchin stießen, hatte die ACM auch Nosek und Scott Banister zusammengebracht. Banister ging später als Erster des Trios ins Silicon Valley, verkaufte als Erster ein Start-up, war einer der Investoren der ersten Inkarnation von PayPal und saß bei der Unternehmensgründung im Verwaltungsrat.
Banister stammte aus Missouri und befasste sich schon früh mit Technologie. An der Highschool und auf dem College wurde seine Leidenschaft für die Erstellung von Websites entfacht, und an die UIUC war er wegen ihrer außerordentlichen Reputation in Informatik gekommen.
Als er und Nosek sich zum ersten Mal begegneten, rieb sich auch Banister an den Beschränkungen der traditionellen Universitätsausbildung und begann das College als Hacker-Ziel zu betrachten. Er dachte sich Möglichkeiten aus, die Vorschriften der UIUC zu umgehen, unter anderem einen gewagten Plan: Er gründete ein Unternehmen, stellte sich selbst als Praktikant an und erwarb sich als solcher Credit Points.
Er war bilderstürmerisch, intensiv, sprach leise, hatte eine »Jesus-Frisur« und wurde sowohl für Nosek als auch für Levchin zum leuchtenden Vorbild. Schnell wurden die drei Freunde und arbeiteten zusammen. Ihr erstes gemeinsames Unterfangen war ein T-Shirt für das Engineering Open House 1995, eine von Studenten organisierte alljährliche Konferenz, deren Hauptredner in jenem Jahr der Apple-Mitgründer Steve Wozniak war. Dieses kleine Projekt schweißte das Trio zusammen und gab ihm die Zuversicht, eines Tages vielleicht etwas Großes zu schaffen.
Als sie einander näher kennenlernten, gaben Nosek und Banister Levchin einen Crashkurs in Libertarismus. Die beiden waren an der Gründung einer libertären Studentenvereinigung beteiligt gewesen und Banister programmierte deren Website. Gemeinsam versuchten sie, Levchin zu indoktrinieren, sie ermunterten ihn, diverse libertäre Veranstaltungen zu besuchen und Bücher wie Der ewige Quell von Ayn Rand oder Der Weg zur Knechtschaft von Friedrich Hayek zu lesen. Dazu sagt Levchin: »[Nosek und Banister] waren die Subversiven in unserer Gruppe. Sie brannten vor libertärer Liebe. Und ich sagte bloß: ›He, Leute, ich will einfach programmieren.‹ Ich kam mir immer ein bisschen vor wie der dumme Beatle.«
Levchins Domäne war die Softwareentwicklung. Banister versuchte gelegentlich, in der Programmiersprache Perl zu programmieren, die zwar funktional, aber unelegant war und halb scherzhaft als »Isolierband für das Internet« bezeichnet wurde. Levchin fand sie fürchterlich. »Komm mir damit nicht zu nahe«, sagte er. »Das ist hässlich.« Banister für sein Teil war glücklich damit, das Programmieren an Levchin abzugeben. »Max ist derjenige, der mich davon überzeugt hat, nicht Programmierer zu werden«, gestand Banister ein, »weil er so gut war.«
Sie taten ihre jeweiligen Talente für das erste ernsthafte gemeinsame Projekt zusammen. Es hieß SponsorNet New Media und war der Versuch, Kleinanzeigen für Websites zu erstellen. Das Team finanzierte die Unternehmung mit seinen mageren Ersparnissen, und als das Geld ausging, mit seinen Kreditkarten. Immerhin brachte SponsorNet so viele Einnahmen, dass das Team Mitarbeiter einstellte und ein Büro im Erdgeschoss des Huntington Towers mietete, eines kleineren Wahrzeichens von Champaign. Banister erinnert sich: »Wir waren Studenten. Und dass wir hingingen und tatsächlich ein Büro mieteten, das war [...] eine ziemlich große Sache.«
Um sich auf SponsorNet zu konzentrieren, nahm Banister ein Freisemester. Levchin und Nosek machten das nebenher und wahrten ein prekäres Gleichgewicht zwischen ihrem jeweiligen Studium und ihren Aufgaben bei SponsorNet. Das Unternehmen hielt sich ein bisschen länger als ein Jahr. »Wir verbrannten im Laufe jenes Jahres Scotts anständige, Lukes magere und meine nichtexistenten Ersparnisse«, schrieb Levchin später über den Untergang von SponsorNet, »und nun fuhren wir gegen die unvermeidliche Wand. Diverse Vorstöße zur Geldbeschaffung erwiesen sich als zwecklos, und unsere geringfügigen Ersparnisse reichten nicht einmal mehr, um die Lämpchen der Server leuchten zu lassen.«
Obwohl SponsorNet scheiterte, war es prägend. Das erste Mal hatten sie ein Team eingestellt, ein Produkt kreiert, es verkauft und daran Geld – in diesem Fall nicht verdient, sondern verloren. »Ich glaube nicht, dass PayPal ohne das möglich gewesen wäre«, so Nosek.
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Levchin – der letzte der drei, der noch an die Hochschule glaubte – denkt gern an die Zeit an der UIUC und an SponsorNet zurück: »Ich war ein sehr glücklicher Freak. Ich besuchte alle Kurse und liebte sie [...]. Wenn Kurse, Programmieren, Freundinnen und Schlaf zur Wahl standen, tauschte ich die beiden Letzteren gegen die beiden Ersteren ein.«
In Levchins Stundenplan überwogen zwar technische Kurse, aber einer seiner nichttechnischen Kurse hinterließ einen bleibenden Eindruck. In einem Filmkurs beschäftigte sich Levchin mit einigen von der Kritik gelobten Filmen des 20. Jahrhunderts und war wie besessen von Akira Kurosawas Die sieben Samurai. »Ich fand, das war der beste Film aller Zeiten«, sagte er dazu. »So etwas hatte ich noch nie gesehen.«
In einem Sommer während seines Studiums schaute Levchin den drei Stunden und 27 Minuten langen Schwarzweißfilm hingebungsvoll immer wieder: »Es gibt nichts außer dir, dem Fernseher und der Klimaanlage [...]. Ich schaute Die sieben Samurai in jenem Sommer mindestens 25-mal. Ich wurde süchtig danach.« Während ich dies schreibe, behauptet Levchin, er habe Kurosawas Klassiker mehr als hundertmal gesehen – und bezeichnet ihn als sein einziges »Management-Training«.
Was soziale Beziehungen angeht, so gelang es Levchin schließlich, »eine Freundin zu bekommen«, aber seine Hingabe an das Programmieren machte das romantische Engagement kompliziert. »Ich weiß noch, dass ich einmal zu ihr nach Hause kam und gleich nach meiner Ankunft ins Bad ging, um zu programmieren.« Seine Freundin klopfte an die Tür und fragte: »Was machst du hier eigentlich?«
»Was meinst du? Wir haben eine Verabredung«, antwortete er, von der Frage verwirrt.
»Nein, das ist keine Verabredung. Du schreibst in meinem Bad Programme.«
Für Levchin war das Programmieren – wo immer er es auch tat – eine einzigartige Quelle des Staunens und der Erkenntnis. Und in der Außenwelt wurde Programmieren ein Weg zu Wohlstand und Einfluss.
Marc Andreessen, der ebenfalls an der UIUC studiert hatte, half, diesen Weg zu ebnen. Im Grundstudium hatte er seine Sporen am National Center for Supercomputing Applications (NCSA) verdient. Dort war er an der Erstellung des Browsers Mosaic beteiligt gewesen, bevor er seine Talente mit in den Westen nahm und das Unternehmen Netscape gründete. Schon bald landete Netscape an der Nasdaq und Andreessen landete auf der Titelseite der Zeitschrift Time.
»Unsere jungen Absolventen sind derzeit wohl nirgends so stark vertreten wie in der Internet-Arena«, hieß es Mitte der 1990er-Jahre in einem Newsletter der Informatik-Fakultät. »Als wir anfingen, die ursprünglichen Entwickler von Mosaic zu verfolgen, nachdem sie das NCSA verlassen hatten, passten die Zeitungsausschnitte über sie noch in einen Ordner. Doch nach kurzer Zeit wurde diese Aufgabe zu einer Vollzeitbeschäftigung, und irgendwann gaben wir auf.« Die Zeitungsausschnitte bestätigten die wachsende kulturelle Bedeutung des Internets: Im Jahr 1994 wählte die Zeitschrift Fortune Mosaic zu einem der Produkte des Jahres – »neben dem Wonderbra und den Mighty Morphin’ Power Rangers«.
Auf einmal war die Informatik-Fakultät der UIUC in aller Munde. »Ich ging wegen Marc Andreessen an die University of Illinois«, gestand Jawed Karim, ein späterer PayPal-Mitarbeiter und YouTube-Mitgründer. Auf der Highschool war Karim Mosaic-Verehrer gewesen, und als er von der Herkunft des Browsers erfuhr, fasste er für sein College-Studium die UIUC ins Auge. Er bekam einen Platz, und noch bevor die Erstsemesterkurse begannen, nahm er eine Stelle beim NCSA an.
Andreessens Aufstieg inspirierte diese Generation von UIUC-Softwareentwicklern: Er war ein Beleg dafür, dass das Internet nicht nur ein exzentrisches Hobby, sondern auch eine wirtschaftliche Kraft war. »Etwas, das mich wirklich geprägt hat – und wahrscheinlich auch viele andere Menschen an dieser Uni –, war dieses ständige Gefühl dank Mosaic und später Netscape, dass Chancen in der Luft lagen«, sagte Levchin später dem Alumni-Magazin der UIUC. »Es war dieses Wissen, dass Studenten wie wir jene fantastischen Tools entwickelten, über die die Industrie noch nicht einmal nachdachte.«
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Scott Banister gelangte zu der Überzeugung, der Internet-Goldrausch sei eine zu große Versuchung, als dass er ihn verpassen dürfe, und so brach er sein Studium an der UIUC ab und ging seinen Ambitionen nach. Luke Nosek war noch nicht recht bereit, das College gleich zu verlassen, aber er verdoppelte seine Anstrengungen, um sein Diplom zu bekommen und sich an die Westküste zu wagen.
Da sich seine beiden guten Freunde nach Kalifornien aufmachen wollten, fasste auch Levchin Pläne, das Studium abzubrechen und Vollzeitunternehmer zu werden. Da gab es natürlich das Problem, dies seiner bildungsorientierten Familie zu sagen. Das Gespräch war kurz: »Deine Oma liegt sowieso schon im Sterben«, sagten seine Eltern. »Willst du das noch beschleunigen?« Für die Levchins war ein Bachelor-Abschluss schlicht die erste Stufe auf der Bildungsleiter. »In der Familie Levchin bedeutet höhere Bildung ... einen Doktorgrad«, sagte Levchin dem San Francisco Chronicle Jahre nach der Ermahnung durch seine Eltern. Sie hatte ihn zum Schweigen gebracht und er kehrte an die UIUC zurück, um seinen Abschluss zu machen.
Seine Träume von der Westküste lagen auf Eis, aber er hatte eine Menge Dinge, die ihn beschäftigten. Kaum war SponsorNet gescheitert, da startete Levchin bereits sein nächstes Unternehmen – NetMomentum Software – und erstellte Anzeigenkonzepte für die Websites von Zeitungen. Aber auch dieses Unterfangen hielt sich nicht lange. Dieses Projekt bescherte Levchin seine erste Erfahrung mit einer bitteren Trennung zwischen Gründern, denn er und sein Mitgründer waren über das Produkt und seine Weiterentwicklung unterschiedlicher Meinung.
Das Geld war knapp und er gründete ein Beratungsunternehmen, das seinen vereinzelten Programmieraufträgen einen professionellen Anstrich geben sollte. Er widmete die Überreste von NetMomentum – das Logo »NM« – um und nannte die Firma, die er zusammen mit dem Kommilitonen Eric Huss gründete, NetMeridian Software.
Eines der Projekte von NetMeridian wurde zu einem der ersten geschäftlichen Erfolge von Levchin. Der ListBot von NetMeridian war eine primitive Verwaltung von Mailing-Listen und der geistige Vorläufer von Mailchimp und SendGrid. Als Levchin und Huss das Produkt lanciert hatten, florierte es so sehr, dass ihr Server an seine Grenzen stieß. Um mit der Nachfrage Schritt zu halten, investierten sie mehrere Tausend Dollar in einen Solaris-Server, der um die 100 Kilogramm wog und auf einem Sattelschlepper geliefert wurde.
Einen zweiten Erfolg verbuchte NetMeridian mit einem Projekt namens Position Agent. Bereits in der Prä-Google-Ära Ende der 1990er-Jahre waren Spitzenplätze unter den Treffern von Lycos, AltaVista und Yahoo begehrt. Mit Position Agent konnten Website-Administratoren ihren Rang verfolgen. Die Software beinhaltete einen technischen Coup von Levchin: einen Rangzähler, der sich aktualisierte, ohne dass der Nutzer die Internetseite neu laden musste.
Jedoch war der Erfolg von NetMeridian Segen und Fluch zugleich. Als die Zahl der Nutzer stieg, musste die Infrastruktur Schritt halten, aber Levchin hatte kein Geld für noch größere Server. Daher griff er auf das Finanzierungsmodell zurück, das er bereits in den mageren Tagen von SponsorNet genutzt hatte: Um das Wachstum des Unternehmens zu finanzieren, strapazierte er mehrere Kreditkarten, was ihm hochverzinsliche Schulden bescherte und auf Jahre hinaus seinen Bonitätsscore verdarb.
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Dem Namen nach war Levchin der Gründer des vielversprechenden Softwareas-a-Service-Start-ups NetMeridian. In Wirklichkeit war er ein verschuldeter Zwanzigjähriger, der zu kämpfen hatte, um finanziell flüssig zu bleiben. Zum Glück bestand nach Programmierern, die rund um die Uhr arbeiten konnten, eine hohe Nachfrage, und so bekam Levchin einen lukrativen Auftrag von John Bedford, dem Leiter einer Firma namens Market Access International (MAI).
Levchin rechnete es Bedford an, dass er ihn »aus der Armut geholt hat«, indem er ihm Programmierjobs verschaffte, mit denen er mehrere Tausend Dollar die Woche verdiente. Das Hauptprodukt von MAI war eine CD-basierte Abo-Datenbank zur Wettbewerbsanalyse für Konsumartikel und Stückgut. Das Geld war Levchin willkommen, auch wenn er die auf Microsoft basierende Software »unerträglich schlecht« fand.
Außer bei MAI fand Levchin auch Programmieraufträge beim U.S. Army Corps of Engineers, das in der Nähe des Campus eine Forschungs-Außenstelle betrieb. »Die Army stellte mir eine ID aus, und ich kam in eine echte Armee-Einrichtung hinein«, so Levchin. »Ich kam mit dem Fahrrad angerollt und sperrte es draußen ab.« Er bekam 14 Dollar die Stunde und diese Arbeit verschaffte dem jungen Programmierer einen seltenen Blickwinkel – die Chance, sich auf Militärstützpunkten herumzutreiben und sich mit Hubschrauberpiloten anzufreunden.
Er war für die Audio-Software zuständig, die in das Verkehrsleitsystem der Army integriert wurde. »Als ich ankam, hatten die einen riesigen Programmbrocken, der ausgerechnet in Pascal geschrieben war«, so Levchin. Der Urheber der Software war nicht mehr da, und so fiel es Levchin zu, sie zu pflegen. »Da lernte ich, wie echte Systeme aufgebaut sind.«
Die Nutzer der Software waren hartgesottene Befehlshaber von Militärstützpunkten, die am liebsten mit handgeschriebenen Flugmanöver-Plänen arbeiteten und der Automatisierung skeptisch gegenüberstanden. Um ihrer zögerlichen Haltung entgegenzukommen, kreierte Levchin ein Nutzererlebnis, das die Methode mit Stift und Papier nachahmte. »Einmal verbrachte ich eine Woche damit, zu überlegen, wie ich ein Formular mit exakt den gleichen Maßen wie ein Blatt Papier erstellen könnte«, so Levchin.
Sein Formular scrollte, während der Nutzer tippte, aber er befürchtete, die rappelige Bildschirmanimation könnte zu »psychedelisch« oder zu »irre« wirken. Seine Vorgesetzten indes bezeichneten sie als »perfekt«. »Unsere Leute werden das benutzen, weil sie es so kennen«, sagten sie zu ihm.
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Und mit einer weiteren neuen Erfahrung wurde Levchin bei der Truppe konfrontiert: mit ästhetischer Kritik an seiner Arbeit. »Die sagten mir, es [mein Programm] funktioniere zwar perfekt, aber es sei uncool ...«, so Levchin. Zu diesem Zeitpunkt entstaubte er eine ältere Schöpfung: den Explosionssimulator. Er nahm ihn als Bildschirmschoner für seine Software und mischte so eine Prise Coolness in die triste Anzeige von Flugmanövern.
Inzwischen hatte sich Levchin auch selbst eine gewisse Coolness erworben. Er reiste zu Armeestützpunkten – unter anderem Fort Drum im Bundesstaat New York und Camp Grayling in Michigan – und hatte bei der Rückkehr bunte Geschichten zu erzählen. Seine Zeit als Auftragsarbeiter für die Streitkräfte brachte ihn auch mit eher finsteren Realitäten des militärischen Lebens in Berührung. Einmal erfuhr er, dass zwei Angehörige der Streitkräfte, ein schwuler Mann und eine lesbische Frau, miteinander verheiratet waren, aber mit anderen Partnern zusammenlebten. »Man nennt das Army-Ehe«, erklärte ihm ein Freund auf dem Stützpunkt. In den Zeiten vor »Don’t Ask, Don’t Tell«, als Schwule, Lesben und Bisexuelle überhaupt keinen Militärdienst leisten durften, waren solche »Army-Ehen« gang und gäbe. »Dass ich all das sah, trug viel zu meinem Erwachsenwerden bei«, sagt Levchin.
Schon bald schlug eine finstere Realität ganz in der Nähe ein. Während Levchin für das Army Corps of Engineers arbeitete, kamen Bedenken hinsichtlich Beschäftigter aus dem Ausland und hinsichtlich der Informationssicherheit auf. Zum Unglück der Forschungsstelle in Urbana-Champaign drohte dadurch der Verlust der meisten Programmierer, wodurch ein komplexes Computersystem in den Händen von Personal gelegen hätte, das sich mit seiner Wartung und Pflege nicht auskannte.
Auch Levchin stand auf der Abschlussliste, aber sein Vorgesetzter schritt ein: Er sollte weiterhin an der Hubschrauber-Software arbeiten und schwarz in Form von Computerteilen bezahlt werden. Zur Überbrückung funktionierte das, und letztlich behielt das Korps seine ausländischen Beschäftigten doch, wenn auch mit einer ärgerlichen Auflage: Auftragnehmer, die keine US-amerikanischen Staatsbürger waren, mussten gelbe Erkennungsplaketten tragen. »Wenn man so ein Schildchen trug, wurde man streng überwacht. Man durfte seinen Schreibtisch nicht verlassen. Und wenn es einmal nötig war, musste man eskortiert werden«, erinnert sich Levchin.
Bei einem jüdischen Flüchtling riefen diese Plaketten schmerzliche Parallelen wach. »Ich musste das nicht tun, aber ich hatte Verwandte, die dazu gezwungen wurden«, sagt er. Er schied aus dem U.S. Army Corps of Engineers aus, behielt allerdings die Plakette als Andenken an eine der seltsamsten Nebenbeschäftigungen seiner Studienzeit.
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Als die Prüfungszeit näher rückte, betrieb Levchin NetMeridian, bereitete sich gleichzeitig auf den Abschluss vor und grübelte über seinen nächsten Schritt nach. Während sich seine Freunde auf ein Leben fern von Urbana-Champaign freuten, sah sich Levchin an diesen Ort gefesselt. NetMeridian war erfolgreich, aber in der Zeit vor dem Cloud-Computing war das Unternehmen auf seinen massiven, immobilen Server angewiesen. Solange der Server in Illinois stand, steckte auch Levchin dort fest.
Scott Banister warf ihm eine Rettungsleine zu. Er hatte inzwischen im Silicon Valley ein Unternehmen aufgebaut und es verkauft. Von seiner neuen Warte aus handelte er bis August 1998 den Verkauf der Produkte ListBot und Position Agent von NetMeridian aus. Offiziell hatte Levchin damit einen »Exit« geschafft und konnte nun »nach Kalifornien entfliehen« – die ersten Schritte einer unternehmerischen Reise, die die digitale Welt auf immer verändern sollte.
Zum bescheidenen Anfang weigerte sich Levchin, einen Umzugsservice zu bezahlen. Stattdessen mietete er bei Penske Truck Rental den zweitgrößten Transporter und lud zusammen mit seinem Mitbewohner Eric Huss alles aus dem Büro hinein, auch die Schreibtische und Stühle von Ikea mit ihren leichten Gebrauchsspuren. Als der Transporter und der Toyota Tercel von Huss bis zum Anschlag vollgepackt waren, begaben sie sich auf die Fahrt nach Westen. »Wir hielten nirgends an, um uns etwas anzuschauen. Ich wollte bloß so schnell wie möglich nach Palo Alto«, sagt Levchin dazu.
Nach seinem eigenen Eingeständnis verbrachte Peter Andreas Thiel seine Jugend damit, alle passenden Kästchen der Leistungsorientierung abzuhaken: In der Highschool war er ein hervorragender Schüler und wurde an der Stanford University zugelassen, wo er Philosophie und danach Jura studierte. »Ich steckte von der Mittelstufe über die Oberstufe bis ins College voll im Konkurrenzdenken«, sagte Thiel später in einer Abschlussrede, »und als ich dann gleich ins Jurastudium einstieg, wusste ich, dass ich bei der gleichen Art von Prüfungen antreten würde, die ich seit meiner Kindheit absolvierte, aber ich konnte jedem sagen, dass ich das nur tat, um ein kompetenter Erwachsener zu werden.«
Seine Erfolge setzten sich nach dem Jurastudium fort und er bekam eine prestigeträchtige Stelle als Urkundsbeamter. Doch dann kam ein folgenschwerer Misserfolg: Thiel hatte ein Bewerbungsgespräch beim Supreme Court und wurde nicht genommen. Für Thiel war diese Ablehnung eine Katastrophe. »Mir kam das vor wie der Weltuntergang«, sagte er später. Dies rief seine »Quarterlife-Krise« hervor, in der »ich versuchte, mich selbst zu finden«. Er gab den Juristenberuf auf, ging als Derivatehändler zur Credit Suisse und kehrte 1996 in den Westen der USA zurück.
In Kalifornien fing er neu an. Er lieh sich von Freunden und Verwandten Geld, um den Hedgefonds »Thiel Capital« zu gründen, der sich auf globale makroökonomische Strategien und Devisengeschäfte konzentrierte. Als sich Thiel zwei Jahre später auf die Suche nach dem ersten Angestellten des Fonds machte, nutzte er einen vertrauten Talentpool.
In seinem zweiten Studienjahr in Stanford hatte er mit seinem Kommilitonen Norman Book die unabhängige Studentenzeitung Stanford Review gegründet. Die erste Ausgabe der Stanford Review
