18,99 €
Viel Leben auf kleinem Raum: Wenn in Zeiten von Corona plötzlich Leben, Lernen und Arbeiten unter einer Decke passieren müssen, ist das kleinste Fleckchen Grün eine willkommene Zuflucht. Kein Wunder, dass die Zahl der Hobbygärtner in die Höhe schnellt und Home Farming im Trend liegt. Wer Obst und Gemüse anbaut, erdet auch sich selbst ein bisschen und weiß außerdem genau, was im Essen drinsteckt. Einen Garten braucht es dazu gar nicht. The Frenchie Gardener zeigt von der Pike auf wie sich auch in der Stadt auf kleinstem Raum eigene Bio-Pflanzen ziehen lassen. Holen Sie sich Erdbeeren, Bohnen und Zucchini ganz einfach auf die Terrasse oder den Balkon. Sogar ein Fensterbrett bietet Platz für wachsende Geschmackserlebnisse und ein Stückchen Unabhängigkeit. Auch für Menschen ohne grünen Daumen. Was bedeutet samenfest? Wann aussäen, wann umtopfen und wohin? Wie viel Wasser, welcher Dünger? Jetzt schon ernten oder lieber warten? Mit vielen Fotos, Pflanzenportraits und Patrick Vernuccios praktischem Know-how wird Urban Gardening zum Kinderspiel, sodass auch Sie sich bald selbst versorgen können!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 216
Veröffentlichungsjahr: 2022
Vorwort
Wie ich zum Gärtnern kam: Die Geschichte meiner Reise
URBAN GARDENINGkönnte dein Leben verändern
BIOESSEN IN BLUMENTÖPFEN ANBAUENDas olltest du wissen
Grundsätze
Was wo anbauen
Gesunde Erde
Gießen
Dünger und Kompost
Werkzeuge
Bienen und Blümchen
Schädlingsabwehr
AUSSÄEN – WACHSEN LASSEN – ERNTENDie drei Vegetationsphasen
Die Keimzeit: Aussaat und Anzucht
Die Wachstums- und Entwicklungsphase: Eintopfen und Düngen
Die Erntezeit: Essen und neu beginnen
DEIN PFLANZEN-GUIDESorte für Sorte
Die wichtigsten Infos auf einen Blick
Gartensalat
Radieschen
Grünkohl
Möhren
Mangold
Erbsen
Kartoffeln
Spinat
Pak Choi
Speiserüben
Knollenfenchel
Brokkoli
Küchenkräuter
Tomaten
Zucchini
Auberginen
Gurken
Gemüsepaprika
Erdbeeren
Stecklinge
Keimsprossen
Nachwort
Aussaatkalender
Impressum
„You may say I’m a dreamer, but I’m not the only one“
JOHN LENNON
Ich hätte nie gedacht, dass mich meine Leidenschaft Gärtnern eines Tages dazu führen würde, andere zu inspirieren und ein Buch zu schreiben, aber ich muss zugeben – in meinem Innersten habe ich davon geträumt.
Lassen wir Träume zu und gehen dem nach, was uns im Leben wirklich antreibt. Je mehr wir unserer wahren Bestimmung folgen, desto mehr erkennen wir, dass wir nicht allein sind mit unserem Traum. Leidenschaft verbindet Menschen auf verblüffende Weise, bewirkt wunderbare Begegnungen und lässt uns sogar wachsen und aufblühen.
Dieses Buch ist die Frucht langer Arbeit. Ich habe all meine Leidenschaft hineingesteckt, um dich, so hoffe ich, zu ermuntern, selbst Nahrungsmittel anzubauen, sogar auf winzigstem Raum. Heißen wir die Natur wieder in unseren Städten willkommen und stellen wir diese so notwendige Beziehung zu unserem Essen aufs Neue her! Die Welt wird sich nicht gleich von einem Tag auf den anderen ändern lassen, aber wir alle haben eine Funktion zu erfüllen: andere zu inspirieren und zukünftigen Generationen etwas beizubringen.
Ich widme dieses Buch allen Träumern und allen inspirierenden und kreativen Seelen überall auf unserem wunderschönen Planeten. Louis de Funès, diesem einzigartigen französischen Schauspieler und wahren Pionier des ökologischen Gärtnerns. Verena Mayer von der Süddeutschen und Robin Schmidt von der Berliner Zeitung – danke für eure schönen Artikel. Sabine Gudath – danke für die tollen Fotos und all den Spaß auf dieser kreativen Reise. Anja für ihre stets positive Unterstützung und wertvolle Hilfe auf meinem Gartenbalkon. Meiner wunderbaren Partnerin Junika – danke, dass du mich dabei unterstützt, an meiner Leidenschaft zu wachsen und meinen Träumen zu folgen. Für unseren geliebten Hund Cosmo: Danke, dass du uns das Leben gelehrt hast.
Ich sehe, du liest diese Zeilen – zunächst einmal herzlichen Dank dafür. Dies ist mein erstes Buch, und tatsächlich bin ich ein wenig aufgeregt. Ich verspreche dir, mein Bestes zu geben, um die Reise so angenehm und nützlich wie möglich werden zu lassen. Auf dass auch du bald Teil der glücklichen Gemeinschaft sein mögest, die auf der ganzen Welt ökologisches Urban Gardening betreibt. Wenn du dieses Buch in Händen hältst, bedeutet das vielleicht, dass du es bereits gekauft hast, weil du wirklich dein eigenes Essen auf dem Balkon anbauen möchtest. Oder aber du bist in einer Buchhandlung oder Bibliothek auf das Buch gestoßen und zögerst vielleicht noch, es mit nach Hause zu nehmen – unschlüssig, ob du mit dem Gärtnern anfangen sollst, oder einfach nur unsicher, was das Buch an sich angeht. Egal, welchen Grund du hast – lass dir auf alle Fälle Zeit!
Zunächst möchte ich mich vorstellen. Ich heiße Patrick, bin 39 und in Frankreich geboren und aufgewachsen. Zeit meines Lebens wohnte ich in Städten wie Paris, Amsterdam und jetzt Berlin. Vermutlich genau wie du wusste ich nicht viel über die Natur, mal abgesehen von ein paar seligen Wochenendausflügen aufs französische Land, wo meine geliebten Großeltern mir beibrachten, dass frische, leckere, ökologisch hergestellte und auf regionalen Märkten angebotene Lebensmittel ein ganz besonderer Genuss sind.
Mir wurde plötzlich bewusst, dass ich als eingefleischte Stadtpflanze diese Beziehung zur Natur nie vertieft habe, weil das Leben in der Großstadt oft mit viel Stress und Arbeit verbunden ist. Wir müssen so vieles vorhersehen, z. B., wie lange wir von A nach B brauchen, und wir müssen uns oft schnell entscheiden, wenn wir in einem Geschäft oder wo auch immer sind. Wir spüren ganz klar diesen Drang und den sozialen Druck, immer schnell zu handeln.
Es ist nicht unsere Schuld, es ist einfach so. Unds vor allem ist es unsere eigene Entscheidung, in der Stadt zu leben, daher sollten wir versuchen, das Beste daraus zu machen. Mit diesem Buch möchte ich dir zeigen, wie du – selbst wenn du in einer hektischen städtischen Umgebung aus Beton lebst – diese notwendige, aber oft gekappte Beziehung zur Natur und zu den Nahrungsmitteln durch urbanes Gärtnern wiederentdecken und erneut herstellen kannst. Du brauchst nicht mal einen Garten dazu. Ein kleines bisschen Platz im städtischen Raum reicht schon aus, um gesunde Nahrungsmittel in Bioqualität zu kultivieren.
Das Abenteuer Urban Gardening begann für mich rein zufällig und ohne jegliche Vorkenntnisse. Ich war der festen Überzeugung, Gärtnern sei nichts für mich aufgrund „traumatischer“ Erlebnisse in der Vergangenheit. Ich hatte es doch tatsächlich fertiggebracht, einen Kaktus, den mir meine Tante während ihres Urlaubs anvertraut hatte, in nur wenigen Wochen umzubringen (mein liebes Tantchen, es tut mir immer noch von Herzen leid!). Die meisten meiner Zimmerpflanzen haben nie lange überlebt, und auch das Basilikum im Topf, das ich im Supermarkt kaufte, ging nach ein paar Tagen immer ein. Wie konnte ich also nur eine Minute lang annehmen, ich sei für das Gärtnern geschaffen? Welche Anmaßung!
Ich war auf der Suche nach Blumen für Balkon und Fensterbrett, wie man das im Frühjahr eben so macht, und fuhr also zum Gartenmarkt. Am Eingang stand ein riesiges Regal voller Radieschen-, Blattsalat- und Tomatensamen, das meine Aufmerksamkeit erregte. Voller Neid, aber auch voller Skepsis grübelte ich. Sollte ich jetzt, wo meine Wohnung in Amsterdam eine Terrasse hat, nicht doch einmal einen Versuch wagen? Aber ich zweifelte an mir selbst. Ich hatte keinerlei Erfahrung und war auch nicht unbedingt der Geduldigste. Ich hatte mir immer das Etikett „kein grüner Daumen“ auf die Stirn geklebt. In meinem ganzen Leben hatte ich noch keinen einzigen Samen in die Erde gesteckt, vor meinem inneren Auge sah ich bereits zukünftige Misserfolge … Außerdem stellte ich mir die Frage, warum ich Salat oder Radieschen anbauen sollte, die sowieso niemals so schön aussehen würden wie die, die es im Laden gibt. Würde das alles nicht bloß auf reine Zeit- und Geldverschwendung hinauslaufen?
Aber als Stadtbewohner auf Einkaufstour hatte ich diesen Kaufimpuls (mit Sicherheit der beste meines Lebens!) und griff zu – holte Erde, Töpfe und Samen. Auf dem Heimweg hielt ich mich für ziemlich unbedarft. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, womit ich anfangen sollte, und ich fragte mich ernsthaft, warum wir so etwas eigentlich nicht in der Schule lernen. Für uns als Menschen sollte der Anbau der eigenen Nahrungmittel als wesentlicher Teil zur Grundbildung gehören.
Ich sah mir also diese Samenpäckchen an, und dabei schwirrten mir ziemlich viele Fragen durch den Kopf. Wird dieser winzig kleine Salatsamen einen richtig großen Salatkopf hervorbringen? Wird dieser Radieschensamen mir ein ganzes Bund Radieschen bescheren? Ja, damals war mir noch nicht einmal bewusst, dass Radieschen nicht in dichten Büscheln wachsen, sondern einzeln in der Erde gedeihen wie Möhren. Sorry, bis dahin hatte ich Radieschen nur als Bündel im Laden gesehen. Wie das Gemüse vor der Ernte aussieht, wie es im Beet wächst, davon hatte ich gar keine Vorstellung.
Natürlich wollte ich von Anfang an komplett ökologisch vorgehen und ohne jegliche Pestizide und künstliche Düngemittel auskommen. Warum auch sollte ich mich mutwillig vergiften wollen? Nachdem ich ein paar grundlegende Informationen im Internet nachgelesen hatte, wagte ich einen Versuch – und das Wunder geschah! Bereits nach wenigen Tagen keimten einige meiner Salatsamen, und ich sah einen zarten Stiel und erste kleine Blättchen! Was für ein Triumph! Ich lege einen Samen in die Erde, er geht auf, ich hab’s geschafft! Ich war so ergriffen, als hätte ich gerade das Feuer erfunden … Dieser erste kleine Erfolg spornte mich an und schürte meine Neugier, weitere Gemüsesorten zu ziehen und durch trial & error noch viel mehr über die Natur zu lernen.
Mit diesem Buch möchte ich nun all mein bescheidenes Wissen mit dir teilen und dir Schritt für Schritt zeigen und leicht verständlich erklären, wie du dein urbanes Umfeld in einen wunderschönen bunten Dschungel verwandelst – in eine Oase, die zu deinem persönlichen kleinen Paradies wird. Ein Paradies, das dich zudem hoffentlich mit allerlei aromatischem und ökologisch unbedenklichem Gemüse und Obst versorgt.
Du wirst nicht nur viel Interessantes über die Grundprinzipien des Gärtnerns in städtischer Umgebung erfahren. Ich vermittle dir überdies auch detaillierte Informationen über die einzelnen Obst- und Gemüsesorten, die du in bester Bioqualität in Töpfen, Blumenkästen und Anzuchttischen auf deinem Balkon oder deiner Terrasse ziehen kannst. Glaub mir, es ist möglich, es ist machbar, und sogar noch mehr als das: Es ist überhaupt nicht schwer! Denn ja, wir alle haben einen grünen Daumen! Wir müssen ihn nur noch zum Wachsen bringen!
Archäologische Funde haben bestätigt, dass der neolithische Bauer Weizen- oder Grasarten anbaute, Getreidekörner an Vieh verfütterte und Mist sammelte, um die Felder zu düngen und damit den Ertrag zu erhöhen. Die ersten Ackerbauern dieser Erde tauchten vor 11.000 Jahren auf. Die Wucht, mit der sich dieser Schritt auf Gesellschaft und Evolution auswirkte, kann gar nicht hoch genug bewertet werden. Der Ackerbau führte unmittelbar dazu, dass sich die Lebensweise von nomadisch zu sesshaft verschob. Er ermöglichte, dass sich die Menschen niederließen, denn nur wenn genügend Lebensmittel sicher verfügbar sind, können sich gesellschaftliche Aktivitäten entwickeln, ohne täglich auf Nahrungssuche gehen zu müssen. Der bewusste Anbau unserer Nahrung war ein einschneidender, ja DER alles verändernde Schritt bei der Entstehung unserer Zivilisation.
Aufgrund der weltweit explodierenden Bevölkerungszahlen und der damit verbundenen hohen Nachfrage werden unsere Landwirte heutzutage von der Nahrungsmittelindustrie listig geleitet und kräftig kontrolliert. Sie zwingt ihnen Normen, Verordnungen und industrielle Produktionsvorgaben auf, die die Produktion zwar erhöhen, aber mit ungesunden Praktiken einhergehen. Seien wir realistisch: Die meisten unserer Landwirte gehen an diesem System der Lebensmittelindustrie zugrunde. Wir haben ein Grundrecht und das Monopol auf den Anbau von Nahrungsmitteln aus der Hand gegeben – an eben jene Nahrungsmittelindustrie. Wie zum Beweis ist der Anbau von Nahrung in manchen Ländern nicht einmal mehr Thema in der Schule. Wir hatten im Biologieunterricht zwar die Reproduktion von Pflanzen behandelt, doch das fand ich persönlich nicht sonderlich interessant. Der Stoff war zu theoretisch, und die behandelten Arten erschienen mir unattraktiv. Da ich in der Stadt geboren und aufgewachsen bin, war aber das Fach Biologie der einzige Berührungspunkt mit der Natur.
Ich wundere mich eigentlich darüber, dass man uns nicht als Grundbildung beibringt, wie man Nahrung anbaut, und das bringt mich zu einer wichtigen Frage: Kann es sein, dass unsere Gesellschaft gar nicht möchte, dass wir wissen, wie wir unser Essen selbst anbauen könnten, weil wir dann weniger kaufen würden? Sollte diese Annahme zutreffen, müssen wir uns dieses Grundrecht zurückholen. Lebensmittel anzubauen und überhaupt erst zu verstehen, wie sie wachsen, ist unerlässlich, um eine tiefere Verbindung und eine Beziehung zu ihnen aufzubauen und vor allem mehr Respekt für das Essen auf unserem Teller zu zeigen.
Wer Pflanzen pflegt, bekommt schnell den Stempel mit dem grünen Daumen aufgedrückt. Und viele von uns würden sich eher einen „schwarzen Daumen“ zuschreiben, weil ihnen schon viele Pflanzen eingegangen sind. In Wahrheit haben wir aber alle einen grünen Daumen, er ist Teil unserer angestammten uralten Traditionen. Wir alle besitzen genügend Wissen und die Fähigkeit, unser Essen selbst anzubauen.
Lassen wir uns also von Misserfolgen nicht verunsichern, ich will auch erklären, warum. Nehmen wir das Beispiel mit dem Basilikum: Erstens sind die meisten Basilikumsorten einjährig, und in unseren Breiten ist es ihnen schnell zu kalt. Die Pflanze lebt also immer nur ein Jahr und stirbt noch im selben ab. Das hat nichts mit uns und unseren Gartenkünsten zu tun, es ist einfach ihr natürlicher Lebenszyklus. Zweitens ist das im Supermarkt gekaufte Topfbasilikum nicht dafür gedacht, lange zu überdauern oder gar weiterzuwachsen. Es wurde schnell hochgezogen, um verkauft und verbraucht zu werden. Drittens hast vermutlich auch du schon – genau wie ich – versucht, es nach draußen in den Blumenkasten vor dem Fenster umzutopfen, nicht wissend, dass neue Blumenerde im Schnitt nur für sechs Wochen Nährstoffe enthält. Danach muss gedüngt werden. Und nein, das bisschen Wein und die paar Zigarettenkippen, die in einer Partynacht dort im Topf gelandet sind, gehen nicht als Dünger durch.
Da uns niemand beigebracht hat, wie man die eigene Nahrung anbaut und sich des grünen Daumens bedient, den wir alle haben, ist es völlig normal, dass wir grundlegende Fehler machen. Wir brauchen nur ein paar einfache Grundprinzipien zu verstehen und etwas Übung, schon können wir das Potenzial, das uns unser grüner Daumen beschert, voll auskosten. In welcher Jahreszeit wächst was am besten? Wie erhalte ich die Erde in meinem Blumenkasten auf dem Fensterbrett gesund und nährstoffreich? Welchen Platz benötigt eine bestimmte Gemüse- oder Obstsorte, um sich gut zu entwickeln und Früchte zu tragen? Braucht diese Pflanze viel Sonne oder viel Wasser?
Die gute Nachricht: Es ist nie zu spät! Mit ein paar wenigen grundlegenden Kenntnissen und durch unsere Praxis lernen wir sehr schnell, dass wir nahezu alles anbauen können – selbst auf einem kleinen Balkon. Die Natur ist ein wunderbarer Lehrer. Wer gut beobachtet und sich ihrem Rhythmus anpasst, wird schon bald seinen grünen Daumen voll entfalten!
Die Covid-19-Krise stellte weltweit eine extreme Herausforderung für Länder und Volkswirtschaften, insbesondere aber für uns als Individuen dar. Positiv betrachtet weckte diese Krise jedoch das Bewusstsein für unseren Lebensstil und enthüllte unser ungesundes Konsumverhalten. Sie führte schließlich zu der Erkenntnis, dass es dringend notwendig sei, für mehr Nachhaltigkeit auf unserem Planeten zu sorgen.
So nutzten viele Menschen die freie Zeit, die ihnen durch die Kurzarbeit während der Pandemie aufgezwungen worden war, und begannen plötzlich damit, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen. Sie verspürten das Bedürfnis, zu ihren Wurzeln zurückzukehren, back to naturesozusagen. Viele von ihnen wollten auf einmal mit dem Gärtnern anfangen, um eine tiefere Beziehung zum Essen auf ihrem Teller aufzubauen. Dieses Verhältnis zu unseren Nahrungsmitteln ist sehr wichtig, denn schließlich ist es unsere Ernährung, die uns am Leben und gesund erhält. Im Zuge dessen kamen Fragen auf: Woher stammt das Gemüse, das ich im Supermarkt kaufe? Wie wächst es eigentlich? Wie kann ich selbst Gemüse, das ich verzehre, ökologisch verträglich anbauen? Und wie kann ich mich nachhaltiger und respektvoller gegenüber unserer wunderbaren Natur verhalten?
All diese Fragen führen zu einer gesünderen Art zu denken, zu handeln und zu konsumieren, denn ja, wir haben es in der Hand, die Nachfrage, die wir selbst erzeugen, auch zu steuern und zu beeinflussen. Letztendlich liegt es in unserer Verantwortung als Bürgerinnen und Bürger, unseren Konsum positiv zu verändern und nicht länger zu ertragen, was die Nahrungsmittelindustrie uns seit Jahren aufzwingt.
Wir haben die Wahl und die Macht, den Wandel herbeizuführen, denn wenn niemand all die für unsere Umwelt schädlichen Produkte kauft, gibt es auch keine Nachfrage mehr danach. Die Konzerne werden letztendlich ihr Geschäftsmodell überdenken müssen. Und wenn wir uns so umschauen, bemerken wir, dass ein gewisser Wandel bereits im Gange ist. Nun werden vielleicht nicht gleich ganze Geschäftsmodelle über den Haufen geworfen, schon gar nicht aus innerer Überzeugung, sondern weil man in der Kundenmeinung gut dastehen will. Eine Marke ist nichts ohne ihre öffentliche Wahrnehmung. Wir sind diese Kundenmeinung! Und so haben wir tatsächlich eine kollektive Einflussmöglichkeit. Der Trend zu regionalen und saisonalen Lebensmitteln nimmt gerade Fahrt auf, wir sollten auf diesen Zug aufspringen und mitmachen! Und ja – dein Balkon ist definitiv regional!
Vielleicht hast du noch nie in deinem Leben einen Samen in die Erde gelegt – kein Vorwurf, ich selbst habe 36 Jahre damit gewartet. Aber alles hat seine Zeit, und Samen selbst auszusäen ist ein einzigartiges Abenteuer. Du kannst bestimmen, wie und wann es losgeht (immer mit sehr großen Erwartungen), aber du kannst nie wissen, wie es endet –gerade das ist aber das Schöne daran. Einen Samen in gesunde Erde zu legen ist beinahe so etwas wie die Schöpfung – wir erschaffen eine Pflanze, ein lebendiges Wesen! Das gehört zu unserem natürlichen Ökosystem, und du bist der Mensch, der diesen wunderbaren Prozess initiiert. Es gibt so viele verschiedene Samen, ganz winzige wie die von Kopfsalat oder Tomaten, aber auch größere wie die von Zucchini oder Gurken. Die Größe spielt keine Rolle. Aus einem winzig kleinen Samenkorn kann eine stattliche Pflanze werden, die monatelang oder mitunter sogar jahrelang wächst und uns viel Grün, viel Freude, aber auch ein riesiges Erfolgserlebnis beschert. Wenn du dir eines Tages diese eine Erdbeerpflanze ansiehst, die dir dann mehrere Jahre lang gesunde Früchte geschenkt haben wird, dann wirst du sicherlich gern daran zurückdenken, wie du diesen winzigen Samen mit den eigenen Händen in die Erde gelegt hast!
Möchtest du Salatsamen gewinnen, lass einfach eine Pflanze stehen, bis sie blüht und Samen ausbildet. Nach der Reifung brauchst du sie nur noch einzusammeln.
Doch hier hört der Zauber noch lange nicht auf, denn aus dem einen Samenkorn werden wiederum Hunderte neuer Samenkörner derselben Pflanzenart. Überall um uns herum in der Natur vermehren sich Blumen, Sträucher und Bäume immer und immer wieder, indem sie ihre Samen mit der sanften Hilfe des Windes und unzähliger kleiner Helfer aus dem Tierreich verbreiten.
Praktisches Beispiel gefällig? Bitte schön, der Kopfsalat: Wenn du acht Salatsamen in einen Pflanzkasten setzt, sieben Salatköpfe erntest und auffutterst (köstlich, selbst gezogen und ökologisch, das schmeckst du!) und nur einen stehen lässt, wächst dieser eine weiter. Sobald es warm ist und die Sonne scheint, wird dieser Salatkopf Blüten treiben, und die Blüten werden – ja, richtig! – dich mit neuen Samen beschenken. Mit Hunderten Samen, um genau zu sein, sodass du erneut diesen schmackhaften, knackigen Blattsalat aussäen kannst! Das ist der wunderbare Kreislauf der Natur: Aus einem winzig kleinen Samenkorn können Hunderte werden, sodass du nie wieder Salatsamen dieser Sorte zu kaufen brauchst.
Als ich mir dessen bewusst wurde, habe ich mich gefragt, warum eigentlich immer und immer wieder Saatgut gekauft wird. Wie kann der Verkauf von Sämereien überhaupt ein profitables Geschäftsmodell sein, wenn man doch so leicht selbst Samen sammeln und vermehren kann? Und dann entdeckte ich den Unterschied zwischen samenfesten alten Sorten und Hybridzüchtungen. Es ist ein himmelweiter Unterschied, welche Kategorie von Samen du kaufst und pflanzt!
Hybridsamen entstehen aus der Kreuzung mehrerer Sorten, man erkennt sie meist am Zusatz „F1“ neben dem Namen der Sorte auf dem Samenpäckchen. Um dir auf einfache Weise zu erklären, wie Hybridsorten gezüchtet werden, nehmen wir mal drei Tomatensorten an – Sorte A, die besonders resistent gegen Krankheiten und Schädlinge ist, Sorte B, die besonders haltbare Früchte hervorbringt, und Sorte C, die mit einem besonders hohen Ertrag aufwartet. Diese drei Sorten nebst ihren hervorstechenden Eigenschaften werden nun durch Kreuzung zu einer Hybridsorte kombiniert, die zum Superstar unter den Tomaten wird, da sie besser, schneller und schöner wächst. Viele andere wichtige Faktoren werden dadurch aber verdeckt oder überlagert, und leider ist ein sehr großer Teil des Saatguts, das für unsere Ernährung verwendet wird, inzwischen Hybridsaatgut.
Bei Hybridsamen ist der natürliche Prozess, bei dem sich wieder und wieder fruchtbare Samen derselben Sorte herausbilden, unterbrochen. Hybridsorten produzieren zwar auch Samen, sind aber nicht samenfest. Das bedeutet, dass die nächste Generation nicht derselben (Hybrid-)Sorte entspricht, da sich die Merkmale der Elterngenerationen wieder vermischen. Die positiven Eigenschaften, die zur Zucht der Hybride geführt und den „Superstar“ unter den Tomaten ausgemacht haben, sind wieder verschwunden. So entsteht eine zweite Hybridgeneration. Bei dieser kommen zwar bestimmte Merkmale von Sorte A und/oder B und/oder C vor, doch die sind eher zufällig zusammengewürfelt, geschwächt und fast nie in der ursprünglich gewollten „perfekten“ Ausprägung vorhanden, für die man mit dem Kauf des F1-Hybridsamens bezahlt hat. Um dieselbe Superstar-Sorte aussäen zu können, hast du also – Überraschung! – keine andere Wahl, als wieder in den Laden zu tigern und erneut die tollen Hybridsamen zu kaufen.
Als ich das begriff, wurde mir klar, wieso die Saatgutherstellung zu einem dermaßen florierenden Geschäft werden konnte, initiiert von der Lebensmittelindustrie. Diese hat ein hybrides System geschaffen, das uns dazu zwingt, immer und immer wieder neue Samen zu kaufen, während die Natur mit ihren alten, samenfesten Arten und Sorten Hunderte von Samen kostenlos anbietet. Dass sich Hybridsaatgut verheerend auf die Artenvielfalt auswirkt, versteht sich dabei von selbst.
Nun, da die Nachfrage nach Hybridsamen auf dem Saatgutmarkt erst einmal geweckt ist, können wir im Gartenmarkt nur noch diese Hybridsorten im Regal finden. Warum? Weil die mächtigen Hybridsaatgutproduzenten sehr geschickt einen monopolistischen Markt aufgebaut haben und ihn bestimmen. In Frankreich z. B. haben sie einfach einen offiziell gültigen und behördlich verfügten Katalog veranlasst, in dem das für den kommerziellen Handel zugelassene Saatgut aufgelistet ist. Mit Sämereien, die nicht im „offiziellen“ Katalog auftauchen oder erwähnt werden, darf schlicht und einfach nicht gehandelt werden. Samenfeste, alte Sorten spielen in diesem Katalog nur eine sehr, sehr untergeordnete Rolle, während Hybridsamen überrepräsentiert sind. So wurden Handelsgesellschaften oder Bauern, die alte, samenfeste Sorten vertreiben, einfach und ganz bewusst zu Gesetzesbrechern gestempelt. Seit Juni 2020 soll in Frankreich der Verkauf von Saatgut samenfester, alter Sorten an Hobbygärtner endlich wieder erlaubt sein, was Hoffnungen schürt.
Die EU hat diesem Gesetz jedoch noch immer nicht zugestimmt – traurig, aber wahr. Es scheint, als verfügten Lobbyisten leider immer noch über sehr großen Einfluss. Möge dieser Einfluss verschwinden, damit die naturgegebenen alten und samenfesten Sorten wieder sprießen können, denn sie sind der Schlüssel zum Erhalt der faszinierenden Biodiversität auf unserer Erde.
Allein bei den Tomaten gibt es weltweit über 3.000 samenfeste Sorten, die aktiv angebaut werden, und mehr als 15.000 bekannte Sorten überhaupt. Das ist das Schöne an diesen Samen, sie sind unser Erbe – die verschiedensten uralten Sorten, alle unterschiedlich in Form, Größe, Farbe und Geschmack. Wenn also jemand sagt, etwas zu säen sei eine wahrhaft faszinierende und wunderbare Erfahrung, so ist das völlig richtig. Noch richtiger wäre es, wenn dieser Jemand keinen Hybridsamen verwendete. Ein winziges Samenkorn einer samenfesten, alten Sorte bringt essbares Gemüse oder Obst hervor und erzeugt wieder neue Samen, die sich fürs nächste Mal oder die nächsten Jahre sammeln und wieder aussäen lassen.
Ich hoffe sehr, mit diesen Informationen das Verlangen in dir geweckt zu haben, es mir gleichzutun und ebenfalls diese wunderbaren alten, samenfesten Sorten in deinem urbanen Gartenreich zu ziehen. So kannst du aktiv zu jener wundervollen Artenvielfalt beitragen, die die Natur bereithält.
Die samenfeste Tomatensorte ’Indigo Rose’ reift in spektakulären Farben: Außen schimmert sie dunkel-violett und schwarz, innen bleibt sie rot.
Da die Weltbevölkerung weiterhin recht schnell wächst, dehnen sich die Städte immer mehr aus, nicht nur hinsichtlich der Größe, sondern auch der Bevölkerungsdichte. Die Weltbevölkerung hat über zwei Millionen Jahre gebraucht, um auf eine Milliarde zu kommen, und gerade einmal weitere 200 Jahre, um auf bald acht Milliarden anzuwachsen. 55 Prozent der Weltbevölkerung leben derzeit in Städten, 2050 werden es 68 Prozent sein1. Diese Zahl ist beeindruckend und beängstigend zugleich, da mehr als zwei Drittel der Weltbevölkerung in städtischen Gebieten leben werden und unsere ländlichen Gebiete schrumpfen.
Das Dasein in der Großstadt geht mit einer hohen Dosis an Stress in einer sehr schnelllebigen Umgebung einher, in der wir immer sehr flott Entscheidungen treffen müssen. Erschöpft vom harten Arbeitstag wollen wir eilig nach Hause und springen nur noch rasch in einen Laden, um uns mit Nahrung zu versorgen. Also schnappen wir uns einen Einkaufswagen und packen industriell verarbeitete, leicht und schnell zuzubereitende Lebensmittel hinein, erkaufen uns aber auch ein gutes Gewissen, indem wir zu „frischem“ Gemüse greifen, das ach so toll und makellos aussieht. Aber nehmen wir uns die Zeit zu fragen, woher das Essen stammt? Welchen weiten Weg mussten die abgepackten Tomaten zurücklegen? Wie ist die Tomate eigentlich gewachsen und wurde sie wirklich ohne Pestizide erzeugt? Ist denn jetzt überhaupt die richtige Jahreszeit, um Tomaten zu essen? Wann ist denn die richtige Jahreszeit für den Tomatenanbau?
Genau das ist der springende Punkt, der uns Sorgen machen sollte: Indem wir den Bezug zur Natur verlieren, verlieren wir auch den Bezug zu den Jahreszeiten. Wir sind es gewohnt, alles zu jeder Zeit zu bekommen, was zu einem Denken führt, das Quantität über Qualität stellt, verschärft durch eine Kultur des Scheins statt des inneren Werts.
Die Nahrungsmittelindustrie muss mehr und schneller produzieren, aber auch Produkte anbieten, die sich viel länger halten, sodass sie auch nach vielen Stunden und Hunderten von Kilometern Transportweg im Supermarktregal noch immer makellos aussehen. Dies führt zur Verwendung gentechnisch veränderter Organismen und eben zu jenem massiven Einsatz von Hybridsaatgut. Wie gesagt, dieser Hybridtomatensamen bringt eine Tomatenpflanze hervor, die besser, schneller und stärker wächst, die resistenter gegen Schädlinge ist und sich auch noch länger hält – die „perfekte“ Tomate, glänzend rot und wohlgerundet. Auf den ersten Blick hat sie im Grunde keinerlei Makel. Übrigens gibt es mittlerweile neue Methoden, Tomaten zu kultivieren, und zwar völlig ohne Erde. Das klingt nach Zukunftsmusik, doch tatsächlich wachsen viele Tomaten heute gänzlich ohne Erde in den Gewächshäusern heran, ihre Wurzeln werden nur noch mit einer Nährlösung besprüht.
Klingt doch vernünftig, oder? Klar, Technologien helfen uns, mehr zu produzieren, um die Nachfrage der wachsenden Bevölkerung zu decken. Aber was steckt in diesem technisch produzierten Gemüse und Obst wirklich drin?
Tomaten, die wir im Supermarkt kaufen, werden in riesigen Gewächshäusern gezogen.
1 Prognosen zur Weltbevölkerung der Vereinten Nationen, 2018, herausgegeben von der Population Division of the United Nations Department of Economic and Social Affairs (UN DESA)
Einige alarmierende Fakten: In nur 60 Jahren haben Tomaten ganze 59 Prozent ihres Vitamin-C-Gehalts eingebüßt2, ein Apfel enthält heute gerade einmal ein Hundertstel, sprich 1 Prozent des Vitamin C, das er vor 50 Jahren enthielt3
