The Gilded Cage - Lauren Smith - E-Book

The Gilded Cage E-Book

Lauren Smith

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Beschreibung

Ungezügelte Leidenschaft und Liebe, die die Grenzen der Ekstase auslotet ... Fenn Lockwood lebt im Schatten. Obwohl er die Entführung, die ihm seine Kindheit raubte, überlebte, haben ihn das Trauma und der Schmerz, den er durchlebte, für immer geprägt. Der einzige Ort, an dem Fenn er selbst sein kann, ist innerhalb der Mauern seiner privaten BDSM-Welt - ein Ort der erotischen Besessenheit und dem fesselnden Verlangen. Hayden Thorne weiß, dass hinter Fenns undurchdringlichem Äußeren ein Mann steckt, für den es sich zu kämpfen lohnt. Doch um ihn vor der Vergangenheit zu bewahren, die ihn immer noch verfolgt, muss Hayden ihre Zurückhaltung aufgeben und sich in Fenns berauschend sinnliche Welt wagen. Jede verlockende Sekunde, die sie in Fenns glühender Umarmung verbringt, ist köstlicher als die letzte, und bald will Hayden diese quälende Glückseligkeit nie mehr verlassen ... Teil 2 der romantischen BDSM-Reihe von USA Today Bestseller-Autorin Lauren Smith.

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Lauren Smith

Surrender: The Gilded Cage

Aus dem Amerikanischen ins Deutsche übersetzt von Julia Weisenberger

© 2015 by Lauren Smith unter dem Originaltitel „The Gilded Cage (The Surrender Series #2)“

© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe und Übersetzung by Plaisir d’Amour Verlag, D-64678 Lindenfels

www.plaisirdamour.de

[email protected]

© Covergestaltung: Sabrina Dahlenburg (www.art-for-your-book.de)

© Coverfoto: Shutterstock.com

ISBN Print: 978-3-86495-477-1

ISBN eBook: 978-3-86495-478-8

Dieses Werk wurde im Auftrag von Hachette Book Group, Inc. vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Die Personen und die Handlung des Romans sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Table Of Contents

DANKSAGUNGEN

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

EPILOG

AUTORIN

DANKSAGUNGEN

Ein Buch zu schreiben ist so ähnlich, wie ein Kind aufzuziehen. Oft ist mehr als eine Person daran beteiligt, eine Geschichte wunderbar zu machen.

Ich danke Amanda, die sich fast eine ganze Woche lang vier Stunden pro Tag in einer kleinen Bibliothek in Santa Monica mit mir hingesetzt und an meiner Seite geschrieben hat, als ich mit diesem Buch begann, und die mich nicht komisch von der Seite angesehen hat, als ich ihr mitteilte, dass ich Techniken zum Bullenreiten googelte.

Aimee, die eine Betaversion von Cage las und mir half, die heiße Romanze zwischen Fenn und Hayden auf die nächste Stufe zu heben, sodass sie noch großartiger wurde.

Estelle, meiner genialen Herausgeberin und Freundin, die mich bei Verstand hält, zum Lächeln bringt und dazu, tief in mir selbst zu suchen, damit ich nicht nur eine bessere Schriftstellerin, sondern auch ein besserer Mensch werde.

Fareeda, meiner Herausgeberin bei Grand Central, die eine unglaubliche Arbeit leistet, damit die Öffentlichkeit von meinen Bad-Boy-Milliardären erfährt.

Rhenna, Dena und Lorenda, die einmal im Monat bei unseren Romance-Writer-Treffen in Tulsa zu meiner Anlaufstelle geworden sind.

KAPITEL 1

Es ist vier Monate her, seit die acht Jahre alten Zwillinge Fenn Lockwood und Emery Lockwood während einer Gartenparty, die ihre Eltern Miranda und Elliot Lockwood im Lockwood-Anwesen abgehalten haben, aus ihrem Haus in Weston auf Long Island entführt wurden. Vor einem Monat wurde Emery Lockwood gefunden und nach Hause zurückgebracht. Die Polizei und das FBI waren nicht in der Lage, das Schicksal von Fenn Lockwood zu bestimmen. Es wurde weder eine Leiche noch ein Tatort gefunden, und Emery Lockwood reagiert nicht auf Befragungen, da er an Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet. Es scheint, dass das Schicksal des geliebten kleinen Jungen Fenn Lockwood möglicherweise nie bekannt werden wird.

– New York Times, Oktober 1990

Der Bulle stürmte den mit Metallschienen ausgekleideten Lauf hinunter und in den schmalen Pferch. Fenn Smith ergriff das rostige Geländer und drückte seinen Hut fester auf den Kopf, während er das Tier studierte.

Tabasco. Ein schwarzer Stier mit dem Temperament eines Teufels. Genau die Art von wildem Tier, das ihm einen teuflisch üblen Ritt verschaffen würde. Die Zuschauer im Stadion schrien und brüllten ihm Ermutigungen zu, als er über die Abtrennung auf das Tier stieg. Die Lichter im Stadion ließen den braunen Sand gleißend wirken und erhitzten Fenns Körper trotz des kühlen Wetters. Er rutschte auf den Bullen und setzte sich vorsichtig auf seinen Rücken. Das Tier trat um sich und zappelte, aber es gab nicht genug Platz, als dass es sich hätte aufbäumen können.

Fenn zog seine Handschuhe fester und wischte sich frischen Schweiß von der Stirn. Das Biest zwischen seinen Beinen verkrampfte sich, jeder Muskel zuckte und spannte sich an, während es auf den Moment wartete, an dem das Tor aufspringen würde und es ihn abwerfen könnte.

„Mach ihm die Hölle heiß, Smith!“, rief ihm einer der Bullenreiter zu, die an der Seite des Gangs abhingen.

Er lachte und schlug dem Stier mit der Hand auf den Nacken. Genau das wollte er tun. Wenn es eine Sache gab, die er konnte, dann war es, Stiere zu reiten.

Fenn ergriff das geflochtene Bullenseil, das um Tabascos Flanken geschlungen war. Das harzbehandelte Seil wäre umso leichter zu packen, je mehr es sich bei der Belastung während des Rittes erhitzte. Und das war gut so, denn Tabasco war bekannt dafür, mit dem Kopf nach unten zu kreiseln. Wie ein wirbelnder Derwisch warf er in jeder Rodeo-Saison im Bundesstaat Colorado unzählige Männer ab. Die Leute reisten aus dem ganzen Land an, um ihn zu reiten. Einige Stiere bockten geradeaus, andere drehten sich im Kreis. Der Schlüssel, um zu gewinnen, war, einen Bullen vor dem geplanten Ritt für ein paar Wochen zu beobachten und ein Gefühl für seinen Stil zu bekommen. Fenn hatte die letzten zwei Monate damit verbracht, Tabasco zu studieren. Er konnte es sich nicht leisten, heute Abend einen Fehler zu machen, nicht, wenn alles von diesem Ritt abhing.

Er verlagerte sein Gewicht, legte seine dominante Hand von unten um das Seil des Bullen und saß so nah wie möglich bei seinen Händen. Er beugte sich nach vorn, sodass seine Brust fast über den Schultern des Stiers lag.

„Der nächste Reiter ist Fenn Smith aus Walnut Springs. Er kämpft um den Hauptpreis von fünfzigtausend Dollar. Der Bulle ist Tabasco, was von unserer Rodeocrew als eine der härteren Runden des heutigen Abends bewertet wird.“

Fenn ignorierte die Eröffnungsrede des Ansagers und konzentrierte sich auf seine Aufgabe. Die Gerüche von billigem Bier, Heu und Mist, Aromen, mit denen er aufgewachsen war, waren intensiv und doch beruhigend. Dies war seine Stadt, sein Stadion. Er konnte das. Er musste es tun. Beim Visualisieren des Ritts stellte er sich vor, wie er die Körpersprache des Stiers lesen musste, um acht Sekunden lang auf ihm sitzen zu bleiben. Nur acht Sekunden.

Fünfzigtausend Dollar. Das reichte aus, um die Hypothek auf Jim und Callie Taylors Broken Spur Ranch wieder aufzunehmen. Er hätte seinen Hals auf diesem Stier aus keinem anderen Grund riskiert. Der alte Jim war in seinen Fünfzigern, und seine zwanzigjährige Tochter Callie musste versorgt werden. Sie waren seine Familie, und er hätte alles riskiert, wenn es nötig wäre, um ihnen zu helfen. Er leckte sich die Lippen und rollte mit den Hüften, während Tabasco schauderte und schnaubte.

„Das Tor öffnet sich in fünf …“ Der Ansager begann mit dem Countdown.

Fast augenblicklich überfiel ihn ein schreckliches, kribbelndes Gefühl auf der Haut, als würden Käfer über ihn krabbeln. Mit einem Rollen seiner Schultern versuchte er, das beunruhigende Gefühl abzuschütteln.

„Vier, drei …“

Der Stier zitterte unter ihm.

„Zwei, eins …“

Das Tor flog auf und der Bulle schoss heraus. Fenn bemühte sich, auf dem Stier zu bleiben, während er den Kopf duckte und sich auf das Herumwirbeln vorbereitete. Der unbequeme Flankenriemen machte das Tier wütend, und es würde alles tun, um ihn loszuwerden. Tabascos Vorderbeine hoben sich, und Fenn lehnte sich nach vorn. Er presste die Schenkel zusammen und versuchte, seinen festen Griff beizubehalten. Wenn er seine Hüften tief und in der Mitte halten könnte …

Der Schrei einer Frau drang in seinen Geist ein und schnitt durch seinen Verstand wie ein Messer. Blitze … starke und kraftvolle Bilder flackerten wie zerbrochene Fragmente auf einer alten Filmrolle. Verfallene Säulen, erhellt von Mondlicht, das durch zerbrochene Glasfenster fiel. Efeu kroch eine Treppe empor, die ins Erdgeschoss eines Herrenhauses führte, das längst – teilweise bis zu den Grundmauern – zerfallen schien. Ein tiefes Baritonlachen, die Explosion von Kugeln, ein Geräusch aus seinen schlimmsten Albträumen …

Sein Magen zog sich zusammen und sein Abendessen arbeitete sich durch seine Kehle nach oben. Er konnte sich nicht konzentrieren, konnte nichts hören außer dem Schreien in seinem Kopf, als der Terror, den er seit Jahren nicht mehr gespürt hatte, ihn packte. Er war … er war … wieder ein verlorener, verängstigter kleiner Junge.

„Nein!“ Der Schrei war ihm kaum über die Lippen gekommen, als die Welt um ihn herum vollkommen außer Kontrolle geriet.

Tabasco hob den Kopf, dann tauchte er ab, seine Hinterbeine gingen in einer unerwarteten Bewegung gerade nach oben. Fenns Griff am Seil des Bullen löste sich vollkommen.

„Er schickt einen anderen … Wenn ich weg bin, wird ein anderer meinen Platz einnehmen … Er will dich tot sehen.“

Worte – nicht seine – schienen von innen über seine Augenlider zu kratzen, drangen wie Skorpione in seinen Verstand ein und hinterließen reine Angst.

Die Lichter des Stadions wirbelten in grauenhaften Mustern vor ihm, als er in den Himmel geworfen wurde. Der Wind pfiff an ihm vorbei, schnitt über sein Gesicht, bevor er auf den Boden prallte. Etwas in seinem Bein verursachte einen stechenden Schmerz, und er hatte keine Luft übrig, um den erstickten Schrei, der ihm in der Kehle stecken blieb, auszustoßen. Der Schmerz ging ihm durch und durch, begann in seinem Kopf und arbeitete sich nach Süden zu seinen Füßen vor. Er konnte sich nicht bewegen, nicht einmal einen Zentimeter. Jedes Geräusch, jede Empfindung wurde durch die Qual, die durch seinen Körper strömte, gedämpft.

Der Bulle würde angreifen, wo auch immer er sich befand, und es wäre nur eine Frage von Sekunden, bis Tabasco über ihn trampeln und ihn mit den Hörnern zerfetzen würde. Sein Kopf war nach rechts gedreht und er konnte in drei Metern Entfernung seinen Lieblingshut liegen sehen. Der Hut schaukelte hin und her. Er blinzelte und fühlte Sandkörner auf seinen Wimpern.

Wieder blitzten Bilder in seine Sicht. Seltsame Empfindungen erfüllten seinen Körper. Hände, die nutzlos nach Sand griffen, fühlten sich eher so an, als hielte er stattdessen eine Frau in seinen Armen. Aber das war verrückt; er lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden und klammerte sich nicht an eine Phantomfrau.

„Smith! Beweg deinen Arsch!“, rief George Romano, einer seiner Freunde und Rodeokameraden. Er war direkt in Fenns Sichtlinie und kletterte über das Gatter am Rande der Arena.

Bewegen? Das konnte er nicht. Es ging nicht. Ein leuchtender roter Farbfleck stach ihm ins Auge. Eine hinreißend schöne Frau in einem engen roten Kleid mit wallendem rotem Haar kletterte barfuß den Zaun der Arena hinauf. George griff nach ihr, aber sie schwang die Beine über die Seite des Zauns und ließ sich in die Arena fallen.

Heilige Schei…

„Fuck!“, knurrte Fenn, als Adrenalin durch ihn strömte. Er schob die Arme unter seinen Körper und drückte seinen Oberkörper vom Boden hoch.

Das musste ein Traum sein. Ein schlechter. Es war unmöglich, dass eine Frau in einem verführerischen roten Kleid an ihm vorbei sprintete und mit den Armen wedelte in Richtung von … Tabasco. Fenn drehte den Hals, sodass er über seine Schulter sehen konnte, als der angreifende Bulle zum Stillstand kam und die Frau anzusehen schien. Das Tier schnaubte und scharrte im Sand, braune Augen waren auf sie gerichtet. Nach ein paar langen Sekunden riss er den Kopf zurück in Fenns Richtung.

Ein durchdringendes Pfeifen durchschnitt die Luft. Die Menge war verstummt, abgesehen von den Cowboys, die nach den Rodeoclowns schrien. Normalerweise waren sie eine willkommene Ablenkung, wenn Reiter abgeworfen wurden und die Stiere sie angreifen wollten, aber die Clowns kamen zu spät, um ihn jetzt noch zu retten. Das Pfeifen ertönte wieder, und dieses Mal musste Tabasco entschieden haben, dass das Mädchen es eher verdiente, sein Ziel zu werden, als er. Er scharrte den Sand auf und begann einen gleichmäßigen Trab in Richtung der Frau.

„Smith! Beweg dich!“, brüllte George. Er und drei der Reiter hatten ihre Hüte auf den Boden geworfen und stiegen über das Geländer in die Arena. Ein paar weitere Männer arbeiteten daran, ein Gatter ein paar Meter weiter zu öffnen.

Fenn fand genug Kraft, um sich umzudrehen und sich in eine vorgebeugte Sitzposition zu kämpfen. Seine Lungen arbeiteten immer noch daran, die dringend benötigte Luft einzusaugen. Seine Sicht verschwamm und sein Kopf pochte intensiv. Er blinzelte, und die einfache Aktion fühlte sich an wie Sandpapier, das über seine Augen kratzte. Seine Gedanken formten sich unglaublich langsam, und er war einfach sprachlos bei dem Anblick, der sich ihm bot. Die niedliche rothaarige Frau flitzte über den Sand und kickte ihn in kleinen Wölkchen auf, als sie zur anderen Seite der Arena floh. Der Stier legte an Geschwindigkeit zu und rannte ihr hinterher. Als sie den offenen Gang erreichte, griff ein Rodeoreiter über den Zaun und sie erfasste seine Arme. Mit einem schnellen Ruck wurde sie nach oben über den Zaun gezogen und verschwand aus dem Blickfeld und der Gefahrenzone. Der Bulle rannte in den Gang und das Tor klappte zu, wodurch er von der Arena abgeschnitten wurde und Fenn nun in Sicherheit war.

„Was zum Teufel …“, murmelte er. Diese Frau hätte getötet werden können.

Wenn ich sie jemals in die Finger bekomme, gehört ihr Arsch mir. Dass ihn jemand rettete, geschweige denn eine Frau, war nicht annehmbar, vor allem, da sie ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt hatte. Verdammte Buckle Bunnys! Immer wollten diese Fangirls Aufmerksamkeit erregen …

Arme griffen ihm unter die Achseln und zogen ihn auf die Beine.

„Das war viel zu knapp“, keuchte George.

„Scheiße!“ Fenns Knöchel schien vor Schmerz wie elektrisch zu knistern und seine Augen rollten fast in seinen Kopf zurück.

Bitte lass es eine Verstauchung sein. Er konnte sich keinen gebrochenen Knochen leisten.

„Dieses verrückte Mädchen hat dich gerettet“, verkündete George mit einer Mischung aus Belustigung und Erleichterung.

„Sag mir, dass das nicht wirklich passiert ist“, verlangte Fenn, als er seinen Hut entgegennahm, den ihm einer der anderen Reiter hinstreckte. Er schlug grob mit der Handfläche darauf, sodass sich um ihn herum eine Wolke aus Sand und Schmutz bildete.

„Oh doch.“ George lachte leise. „Eine Frau hat dir gerade deinen jämmerlichen Arsch gerettet. Und zwar eine heiße. Sie ist wahrscheinlich ein Buckle Bunny. Wenn du deine Karten richtig spielst, reitest du vielleicht heute Nacht auf ihr. Ich hoffe, du hältst wenigstens da länger als acht Sekunden durch!“ George johlte und klopfte ihm auf den Rücken, während sie auf das offene Tor zuliefen.

Acht Sekunden? Er bräuchte keine acht Sekunden; er würde diese Frau übers Knie legen und ihr den Hintern versohlen, weil sie ihren hübschen kleinen Hals riskiert hatte. Es nagte an ihm, dass er derjenige war, der eine Frau beschützen sollte, nicht umgekehrt, und er brauchte definitiv keine fremden Frauen, die ihn retteten. Er war nicht hilflos. Er würde nie hilflos sein. Eine schwarze Wolke wogte durch seinen Verstand, Geflüster der Vergangenheit … Er schlug geistig die Tore zu und blockierte sie.

Fenn humpelte und stützte sich alle paar Schritte auf Georges Schulter. Er warf einen Blick zurück auf die andere Seite der Arena und erblickte die Sirene im roten Kleid, die hinter der Absperrung stand und ihn beobachtete. Lange Wellen roter Haare tanzten um ihre Schultern und umspielten ihre Schlüsselbeine. Ihre vollen Lippen waren geöffnet, als ob sie überrascht wäre. Sie war eine echte Füchsin. Gott hatte nicht viele Frauen geschaffen, die wie sie aussahen. Volle Kurven, modellierte Gesichtszüge, ein Mund, der für die Sünde geschaffen war … Und sie war diejenige, die ihn gerettet hatte. Das machte ihn sauer. Richtig stocksauer.

Er drehte der Frau den Rücken zu und schaute geradeaus.

„Wie viele Sekunden habe ich geschafft, bevor …“ Er brach ab, ohne George ansehen zu können. Scham kribbelte ihm unter der Haut. So schlimm war er nicht mehr abgeworfen worden, seit er sechzehn Jahre alt gewesen war.

„Äh … sieben Komma drei Sekunden. Sorry.“ George wusste, wie wichtig das gewesen war. Wenn ein Reiter keine acht Sekunden durchhalten konnte, qualifizierte er sich nicht für die Punktetabelle. Keine Punkte, dann keine Chance auf den Gewinn und damit keine Chance, die Broken Spur Ranch vor der Zwangsvollstreckung zu retten. In nur einer Nacht hatte er neben der totalen Kontrolle über sein Leben und der Aussicht auf das Preisgeld, mit dem er die Ranch hätte retten können, alles verloren und besaß nun einen beschissenen Haufen von Nichts. Nicht die Kontrolle zu haben, machte ihn verschlossen und unruhig.

Auf der Ranch hatte er die letzte Hälfte seines Lebens verbracht und sie war sein Zuhause. Wenn er sie nicht retten könnte, würde er den einzigen Ort verlieren, zu dem er eine Verbindung verspürte. Er weigerte sich, zu versagen, weigerte sich, Callie und Jim im Stich zu lassen.

„Ist Callie hier?“ Er machte sich nicht die Mühe, sich umzusehen. Er hätte sie nicht entdeckt, wenn sie hier wäre. Es waren im Herbst immer unglaublich viele Zuschauer hier, wenn das Stadion wegen der größeren Rodeo-Wettbewerbe gefüllt war. Die kleine Stadt Walnut Springs in Colorado explodierte mehrmals im Jahr wegen des Tourismus dank Sommerwanderern, Herbstrodeos und Winter- und Frühlingsskifahrern.

„Callie ist hier. Sie sagte, Jim sei immer noch im Krankenhaus. Sollte morgen entlassen werden. Ich habe sie …“

„Fenn!“ Ein kleiner weiblicher Farbfleck griff ihn an, während er durch das letzte Tor ging und das Stadion verließ.

„Oompf!“, gab er bei dem Aufprall von Callies Körper gegen seinen von sich. „Schön sachte, Kleine. Hier ist ein Verwundeter“, warnte er, lächelte sie aber an, als er sah, wie ein besorgter Ausdruck ihre schönen Züge überschattete.

Sie war erst zwanzig, ein süßes Kind und mehr wie die kleine Schwester, die er sich immer gewünscht hatte. Doch sie war auch stark, innerlich wie äußerlich.

„Entschuldige!“ Callie ließ ihre Arme sinken und biss sich auf die Unterlippe.

Tränen sammelten sich in ihren braungrünen Augen. „Ich habe gesehen, wie du abgeworfen wurdest, und bin ausgeflippt.“ Ihre Hände glätteten ihr rosa kariertes Hemd im Westernstil und sie grub ihre Stiefelspitzen in den Schmutz.

„Hey, ist schon gut. Du weißt, ich würde dir doch nie wegsterben, Schätzchen.“ Seine brüderlichen Instinkte kamen zum Vorschein, und er zog sie in seine Arme, scheiß auf den Schmerz. Ihr honigblonder Pferdeschwanz wippte ein wenig, als sie versuchte, ihren Kopf zu drehen und sich an ihn zu kuscheln. Er ließ sie sanft los und trat zurück.

„Wie geht es Jim? Ich dachte, er käme heute raus. George sagte, er wird nicht vor morgen entlassen.“ Fenn warf George einen Blick zu, der ihm daraufhin kurz zunickte und sie allein ließ.

Callie seufzte. „Du weißt ja, wie Dad ist. Er murrt wegen des Wackelpuddings und wollte aus dem Fenster entkommen, als die Krankenschwester ihm den Rücken zudrehte. Ich habe versucht, ihm zu sagen, dass die meisten Menschen leichtere Herzinfarkte ernst nehmen.“ Sie rollte mit den Augen, aber Fenn entging nicht das Flackern von Schatten, das folgte.

Er wünschte, er könnte ihre Sorgen lindern, aber er wusste nicht, wie er so etwas in Ordnung bringen könnte. Herzinfarkte waren eines der wenigen Dinge, die Fenn nicht kontrollieren konnte. Entweder es würde Jim besser gehen oder nicht, und er und Callie würden mit allem fertig werden müssen, was dann passierte.

Sie gingen hinüber zum Sanitätszelt. Ein Arzt in Jeans und weißem Kittel winkte sie herein, bevor er sich zu einem Barrell Racing Cowgirl mit einem bösen Schnitt auf der Stirn umdrehte. Im Inneren des Zeltes befanden sich vier tragbare medizinische Tische und eine umfangreiche Notfallausrüstung. Die meisten Verletzungen, die man sich hier zuzog, waren Schürfwunden, Schnitte und gelegentliche Prellungen.

Schwere Verletzungen waren immer möglich, wenn die Rodeos auch Bullenreiten zeigten. Die Walnut Springs Rodeo Crew machte sich genügend Sorgen darum, sodass sie einen Krankenwagen neben dem Sanitätszelt postiert hatten, nur für den Fall, dass man wie ein Irrer in das nahe gelegene Krankenhaus rasen musste. Fenn hatte noch nie eine Behandlung nach einem Ritt benötigt, nicht ein einziges Mal, seit er als Teenager damit begonnen hatte. Es war etwas demütigend, dass er im Alter von dreiunddreißig Jahren hier gelandet war. Verdammt, er wurde alt, oder vielleicht lag es an den vielen Dingen, die er seinem Körper zugemutet hatte, der harten Arbeit auf der Ranch und dem Reiten. Er war definitiv nicht mehr so jung wie Callie.

Er ließ sich auf die Liege, die am weitesten von der anderen Reiterin entfernt war, fallen und legte sich auf den Rücken. Sein ganzer Körper wurde schlaff, als ob er endlich begriff, dass er sich entspannen konnte. Das Adrenalin ließ langsam nach und nun brach er zusammen. Alles tat weh. Der Sturz in den Sand war nicht gerade angenehm gewesen. Sein Brustkorb fühlte sich an, als drückte immer noch etwas Schweres auf ihn, presste ihm die Luft heraus und ließ kaum mehr Sauerstoff hinein. Jeder Knochen in seinen Beinen und Armen schmerzte, als ob sein gesamter Körper mit einem Baseballschläger bearbeitet worden wäre. Sein Knöchel tat am meisten weh und von dort strahlte der Schmerz überallhin aus. Seinen Stiefel auszuziehen, würde höllisch wehtun.

„Geht’s dir gut, Fenn?“ Callies süßes, bezauberndes Gesicht erschien in seinem Blickfeld, während sie sich über die Liege beugte und ihn anstarrte.

„Tu mir einen Gefallen, Kleine. Zieh mir die Stiefel aus, bevor mein Knöchel anschwillt.“

„Klar.“ Callie verschwand kurz, und dann traf ihn der Schmerz wie ein Güterzug, der ihn erfasst hatte, als sie an dem Stiefel zerrte.

Er zischte, drückte den Rücken durch und murmelte dann mehrere auserlesene Schimpfwörter, bevor das quälende Pochen etwas nachließ und der Raum aufhörte, sich um ihn zu drehen. Er schloss die Augen und atmete durch die Nase.

„Es tut mir so leid. Ich wette, das hat wehgetan.“ Callies Hand berührte seinen Unterarm und streichelte ihn leicht.

„Schon in Ordnung.“ Zeig ihnen nie, dass es wehtut. Das uralte Mantra kam aus der Düsternis der Vergangenheit zu ihm und zerschnitt seine Brust von innen mit Leid. Er hatte dieses Gelübde vor so langer Zeit abgelegt, aber er schien sich nicht daran erinnern zu können, warum. Er tätschelte ihre Hand, bevor er seine Schläfen rieb.

Seine Gedanken sprangen immer wieder zu dem zurück, was er gesehen hatte, als der Stier ihn abgeworfen hatte. Nichts davon ergab Sinn … er hatte Dinge gesehen … Dinge gehört. Nichts davon machte wirklich Sinn. Wurde er verrückt? Hatte er schlussendlich einen psychotischen Zusammenbruch? Es wäre nicht das erste Mal, dass er solche Bedenken hatte. Als er acht Jahre alt gewesen war, war sein Vater mit ihnen nach Walnut Springs gezogen, und er hatte schreckliche Kopfschmerzen und Halluzinationen gehabt.

Erst nachdem er einige Monate mit Schmerzmitteln und in Therapiesitzungen verbracht hatte, war das Leiden verschwunden. Aber als er dreizehn Jahre alt gewesen war, war sein Vater gestorben und die Albträume und Kopfschmerzen waren zurückgekommen. Jim Taylor und seine Tochter Callie hatten ihn gerettet. Er war auf die Broken Spur gezogen und hatte zu arbeiten begonnen, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Das Heim, das ihm Jim geboten hatte, war eine wunderbare Flucht vor der Realität eines Lebens als Waise gewesen. Die Broken Spur war jetzt sein Zuhause, und die Bank würde sie in wenigen Wochen zwangsvollstrecken. Die Vorstellung war deprimierend. Er hatte die Chance gehabt, sie heute Abend zu retten, und er hatte es vermasselt.

„Callie?“, fragte er und öffnete wieder die Augen.

„Ja?“ Sie starrte ihn an, ihr Blick voller Verehrung und Schwärmerei. Er hatte versucht, es zu ignorieren, aber er wusste, dass sie ihn anbetete. Es war schade, dass er nicht dasselbe fühlte.

„Es tut mir leid, dass ich das Geld nicht bekommen konnte. Ich habe Jim versprochen, es zu besorgen.“ Seine Kehle zog sich zusammen. Seine Augen brannten und er blinzelte mehrere Male heftig. Was hatte Jim immer gesagt? Cowboys weinen nie. Komisch, Jim war eher sein Vater als Lewis, Fenns eigentlicher Vater, der geheimnisvolle Mann, der wenig geredet und sie fünf Jahre lang mit seltsamen Gelegenheitsjobs in der Stadt über Wasser gehalten hatte, bevor er starb.

Callie versuchte, ihm ein Lächeln zu schenken, doch es welkte an ihren Mundwinkeln dahin. „Es war nicht deine Aufgabe, die Ranch zu retten. Mach dir keine Vorwürfe. Dad und ich werden uns etwas überlegen. Wir können immer noch versuchen, die Kreditrückzahlungen zu ändern. Ich habe versucht, den Papierkram auszufüllen. Es gibt immer noch Hoffnung.“

Hoffnung. Hoffnung gefiel ihm nicht. Es war ein unbeständiges Gefühl, das oft zu keinem Ergebnis führte. Ja, er würde in nächster Zeit nicht auf die Hoffnung setzen. Außerdem füllte immer, wenn er darüber nachdachte, die bloße Vorstellung von Hoffnung sein Herz und seine Seele mit einer alles verzehrenden Verzweiflung. Es war ein Instinkt, den er sich nicht erklären konnte, wie das Zurückweichen vor einer Schlange. Er reagierte einfach, ohne zu wissen, warum. Er wusste nur, dass er sich nie auf die Hoffnung verlassen würde. Das Einzige, worauf er sich verlassen konnte, war er selbst.

Der Arzt half der anderen Patientin aus dem Zelt, und nachdem die Frau gegangen war, ging er zu Fenn hinüber. Mit einem Ächzen schaffte es Fenn, sich in eine sitzende Position aufzurichten und sich dem Arzt mittleren Alters zuzuwenden.

„Ich habe gehört, Sie wurden von Tabasco abgeworfen.“ Der Arzt lächelte freundlich, während er sprach, als ob es völlig normal wäre, darüber zu reden, dass er dem Tod von der Schippe gesprungen war.

„Ja. Mein rechter Knöchel tut weh.“ Er hob seinen ungestiefelten Fuß hoch. Der Arzt hob sein Bein an der Wade an und rollte dann sanft den Knöchel. Fenn stieß heftig die Luft aus, als der Schmerz wieder durch ihn hindurch schoss.

„Die Beweglichkeit ist gut. Aber es ist eine schlimme Verstauchung.“ Der Arzt nahm sein kleines Klemmbrett und schrieb ein paar Notizen darauf, bevor er Fenn ansah, lächelte, mit dem Stift klickte und diesen in seine Manteltasche steckte.

„Behandeln Sie den Knöchel in den nächsten Tagen mit Eis, legen Sie ihn hoch, um die Schwellung zu reduzieren und …“ Der Arzt grinste immer noch, als ob er über einen geheimen Witz lachte. „Nicht reiten. Ich weiß, dass ihr Jungs die schlimmste Art von Patienten seid, wenn es um Einschränkungen geht, aber ich meine es ernst. Kein Reiten.“

„Schon klar“, murmelte Fenn.

Der verletzte Knöchel wurde dann fest in eine Schiene eingewickelt und Fenn nahm von dem Arzt die angebotenen Krücken entgegen.

„Gut. Kommen Sie morgen zu mir in die Klinik, wenn Sie etwas gegen die Schmerzen brauchen oder wenn Sie glauben, dass es schlimmer wird.“

„Wird gemacht“, versprach Fenn, rutschte von der Liege und landete gekonnt auf seinem guten Bein. Er drückte seinen Hut auf Callies Kopf. Sie lachte und schob die Krempe nach hinten, damit sie etwas sehen konnte.

„Lass uns nach Hause gehen.“ Der Anblick dieser rothaarigen Schönheit, deren kleine nackte Füße wie wild über den Sand gewirbelt waren, als sie ihn rettete und ihren eigenen verdammten Hals riskierte … Er musste das vergessen. Dennoch wusste er, dass er den Rest der Nacht damit verbringen würde, an sie zu denken und daran, wie gern er sie für etwas so Dummes bestrafen wollte.

Wer war sie? Und noch wichtiger, warum hatte sie ihr Leben riskiert, um ihn zu retten?

KAPITEL 2

Hayden Thornes Herz klopfte immer noch ein wenig schnell. Ihre Atmung kam etwas flach, und ihre Handflächen schmerzten immer noch wegen der Kratzer, die sie sich zugezogen hatte, als sie über das Geländer geklettert war, um dem Tod zu entgehen. War sie wirklich in eine Arena gesprungen, um sich mit einem wütenden Bullen anzulegen? Ein kleines halb hysterisches Kichern entkam ihr, als sie sich auf das kleine Doppelbett in ihrem billigen Motelzimmer in Walnut Springs fallen ließ und ihr rotes Kleid tiefer auf ihre Oberschenkel zerrte. Ihre Hände zitterten noch immer vor Adrenalin.

Ja, sie hatte es tatsächlich getan.

Sie hatte Fenn Lockwood das Leben gerettet. Dem vermissten Jungen der Zwillinge, die vor fünfundzwanzig Jahren im Alter von acht entführt worden waren. Emery, der jüngere, war auf wundersame Weise entkommen, sprach aber nie darüber, was seinem Bruder Fenn zugestoßen sein könnte. Die Welt hatte angenommen, sein Schweigen bedeutete, dass Fenn tot wäre. Wie sehr sie sich doch alle geirrt hatten. Er war die ganze Zeit hier in Colorado gewesen und hatte als Viehzüchter gelebt. Er war am Leben. Etwas, was sie immer noch schockierte und mit Staunen und Aufregung erfüllte. Fenn nach Hause zu bringen, könnte so viel bewirken – für ihn, für seine Familie, für seinen Bruder. Fenns Verlust hatte so viele Menschen am Boden zerstört, einschließlich ihres Bruders Wes, der ein Jugendfreund von Fenn und Emery war.

Sie griff nach unten und zerrte an ihren Jimmy-Choo-Pumps. Das schwarze Leder war ziemlich zerkratzt. Sie musste sich bald ein anderes Paar besorgen. Wahrscheinlich waren sie von der Menge während der Panik nach dem Unfall ruiniert worden, als der dumme Stier Fenn wie einen Sack Kartoffeln abgeworfen hatte. Warum konnte er nicht einfach Polo spielen wie sein Zwilling? Warum musste er ein Bullenreiter sein?

Sie ließ die Schuhe auf den Boden fallen. Sie konnte sich immer noch nicht entspannen. Sie war zu sehr auf etwas anderes fixiert. Was sie tun wollte, war, Fenn aufzusuchen und ihm alles zu erzählen. Sie hatte versucht, ihn zu finden, nachdem sie mithilfe einiger Reiter aus der Arena gekommen war. Sie hatten ihr gerne auf den Busen gestarrt, bevor sie sich verabschiedet hatte, um ihre Schuhe zu suchen. Sie waren ihr sogar hinterhergelaufen und hatten alle möglichen Bemerkungen gemacht, die sie hätten erröten lassen, wenn sie nicht ganz andere Dinge im Kopf gehabt hätte.

Nachdem sie ihre Pumps gefunden hatte, fragte sie noch einmal herum, wohin Fenn gegangen war, nachdem er die Arena verlassen hatte, und man zeigte ihr den Weg zum Sanitätszelt. Zu diesem Zeitpunkt war es leer gewesen, bis auf einen höflichen Arzt mittleren Alters, der damit beschäftigt war, seine Sachen zusammenzupacken. Ein bisschen Kichern, ein Lächeln, und sie hatte sich eine anständige Wegbeschreibung zu einem Ort namens Broken Spur verdient, wo Fenn offenbar arbeitete.

Sie schob ihre Hand in die winzige, fast versteckte Tasche ihres Kleides und berührte den Zettel, auf den sie die Wegbeschreibung zu Fenns Ranch gekritzelt hatte. Fenns Wohnsitz dort war etwas, was sie ihrem älteren Bruder Wes nicht mitgeteilt hatte. Er konnte versuchen, sie dazu zu drängen, nach Hause oder Fenn aus dem Weg zu gehen, sosehr er wollte, aber das war ihr egal. Das hier war ihre Mission und sie würde nicht kampflos aufgeben. Sie wollte, dass jeder zu Hause sie ernst nahm.

Die Tochter einer der reichsten Familien an der Goldküste von Long Island zu sein, war nicht das perfekte Traumleben, das sich die meisten Menschen vorstellten. Sie war ein Verhandlungsinstrument, eine Schachfigur für ihre Eltern, um politische Macht und Einfluss zu erlangen. Sie war Ehematerial, mehr nicht. Sie wollte ihre Eltern wachrütteln, sie dazu bringen, die Augen zu öffnen und zu erkennen, dass sie nicht nur ein mit Rüschen bekleidetes Dummchen war, sondern eine Frau, die tatsächlich die Welt verändern konnte. Wenn sie den lange verschollenen Goldjungen nach Hause bringen würde, würde das vielleicht nicht nur deren Meinung über sie ändern, sondern damit würde sie auch dafür sorgen, dass die Menschen, um die sie sich sorgte, endlich in Sicherheit waren. Es wäre auch nicht einfach, denn jemand wollte Fenn Lockwood töten, und sie würde ihn nicht nur nach Hause bringen, sondern ihm auch das Leben retten. Genau wie heute Abend – obwohl sie heute Abend nicht erwartet hatte, dass Fenns potenzieller Mörder ein verdammter Bulle sein würde.

Etwas klickte im Schlüsselkartenschlitz ihrer Motelzimmertür, und sie zuckte zusammen, als ihr Bruder Wes Thorne plötzlich in das Zimmer stürmte.

„Wie bist du hier reingekommen?“, verlangte sie zu wissen.

Er winkte mit der Schlüsselkarte vor ihrem Gesicht. „Ich habe dem Manager gesagt, ich müsse nach dir sehen. Das war nicht gelogen. Weißt du überhaupt, in was für Schwierigkeiten du steckst? Du fliegst von der Insel, ohne jemandem zu sagen, dass du hierherkommst? Das ist gefährlich, Hayden. Wirklich gefährlich. Fenn trägt eine Zielscheibe auf dem Rücken.“ Ihr Bruder wirkte so gestresst, dass sie förmlich die Wellen der Anspannung fühlen konnte, die er ausstrahlte. Sie wusste genau, wie sehr es ihn getroffen hatte, als er erfahren hatte, dass sein Kindheitsfreund doch noch lebte, nachdem er fünfundzwanzig Jahre lang für tot gehalten worden war. Es war ein Schock gewesen, und das zeigte sich in seinen blank liegenden Nerven.

„Wehe, du buchst morgen früh nicht den ersten Flug zurück. Ich will dich nicht in seiner Nähe haben.“

Hayden neigte den Kopf zur Seite und runzelte die Stirn. „Ich bleibe, Wes. Das ist wichtig für mich. Wir müssen ihm sagen, wer er wirklich ist.“ Sie setzte sich auf die Kante des billigen Bettes und beobachtete, wie Wes über den rauchgrauen Teppich schritt.

Er trug noch immer seinen teuren Hugo-Boss-Anzug von einem Meeting, an dem er heute teilgenommen hatte, bevor er seinen Flug von Long Island genommen hatte. Sie trug ihr kurzes rotes Valentino-Kleid. Keiner von beiden war für eine Last-Minute-Reise in eine Kleinstadt in Colorado gekleidet. Aber hier waren sie nun, perfekt rausgeputzt, und stritten darüber, wie man Fenn Smith, oder besser gesagt, Fenn Lockwood, retten könnte.

Wes hielt in seinem Hin- und Hergehen, bei dem er einem Tiger glich, inne und fuhr sich durch sein rotes Haar. Sie sahen sich so ähnlich, aber während sie hellhäutig war, besaß Wes eine schwach goldene Bräune, um die sie ihn beneidete.

„Du hast es wirklich vermasselt, Hayden. Du solltest nicht einmal hier sein. Emery hat mich hergeschickt, um seinen Bruder zu finden, nicht dich. Du hast Fenn noch nicht einmal kennengelernt. Verdammt, er war schon zwei Jahre vor deiner Geburt verschwunden. Wenn er sich an jemanden erinnert, dann an mich. Ich sollte derjenige sein, der zu ihm geht und erklärt, was alles passiert ist.“

Hayden verschränkte ihre Arme und blickte ihren Bruder an. Er war manchmal so ein Arsch. Er war dreiunddreißig Jahre alt und sie dreiundzwanzig, und er liebte es, die zehn Jahre, die sie trennten, zu nutzen, um sie in ihre Schranken zu weisen. Genau das war der Grund, warum sie den Privatjet ihrer Familie reserviert hatte und hierher geflogen war, bevor Wes hier hatte ankommen können. Sie wollte etwas bewegen, helfen. Sie hatte nicht nur zum Spaß ihr Studium an der Princeton ein Jahr früher als üblich abgeschlossen und den Master in Management gemacht. Sie hatte nicht vor, eine glorifizierte Trophäenfrau zu werden. Nein. Sie hatte andere Pläne, und die begannen damit, dass sie diejenige war, die Fenn Lockwood nach Hause nach Long Island brachte.

Wes öffnete den Mund, als wollte er sie weiter rügen, wurde aber unterbrochen, als sein Handy summte. Er holte es aus seiner Hosentasche und nahm den Anruf entgegen. „Royce? Was ist los? Ich bin gerade mitten in …“ Sein Blick richtete sich auf sie und er runzelte die Stirn. „Was?“ Er wurde blass, lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und hörte weiter zu, was Royce sagte. Royce Devereaux war einer von Wes’ besten Freunden. Wes, Royce, Emery und Fenn waren als Kinder unzertrennlich gewesen.

„Was ist denn los?“, flüsterte Hayden und stand auf. Ihr Herz, das gerade erst begonnen hatte, sich zu beruhigen, schlug so heftig gegen ihre Rippen, dass es sie fast verletzte.

Ihr Bruder sah sie nicht an, während er sprach. „Das Krankenhaus? Wie schnell werden wir etwas erfahren?“ Er blieb einen Moment lang still, dann nickte er und seufzte. „Ruf mich an, wenn du mehr weißt.“

Krankenhaus? Haydens Körper wurde starr. Etwas musste Emery zugestoßen sein. Oder Sophie, der Frau, in die Emery sich gerade verliebt hatte, der Frau, die ihm geholfen hatte, herauszufinden, dass Fenn nicht tot war. Sophie war eine Freundin, eine gute Freundin. Hayden versuchte, den Kloß in ihrer Kehle hinunterzuschlucken. Bitte lass es keinen von beiden sein.

Wes schien auflegen zu wollen, bevor er sich die Augen rieb. „Ja. Ich habe ihn gesehen. Aus der Ferne. Wurde fast getötet, als ihn ein Bulle abgeworfen hat.“ Er lachte leise. „Ich schätze, manche Dinge ändern sich nie. Ich melde mich morgen, wenn ich bis dahin nichts von dir gehört habe.“ Wes beendete das Telefonat und sah sie an. Seine ganze Wut war verraucht.

Ein schreckliches Unbehagen machte sich in ihrem Magen breit. Etwas stimmte tatsächlich nicht, das konnte sie an seinem Gesichtsausdruck erkennen.

„Wes …“ Fast hätte sie etwas gerufen, aber sie hielt inne. Was auch immer es war, vielleicht könnte sie nicht damit umgehen.

„Der Attentäter hat heute Abend einen Zug gemacht. Er hat Sophie von einer Party entführt und Emery und seinen Leibwächter Hans dazu gebracht, sie zu verfolgen. Emery schoss auf den Bastard, aber Sophie ist … nun, sie ist in schlechter Verfassung. Royce sagte, dass sie während des Kampfes mit einem Messer angegriffen und angeschossen wurde. Sie sind gerade im Krankenhaus angekommen. Sophie ist im OP.“

Die Welt zog sich um sie herum zusammen, und sie streckte eine Hand aus, um sich an der Wand abzustützen, bevor sie fiel. Es war schon schlimm genug, dass ein paar Tage zuvor Emerys Freund und Hacker, Cody Larsen, entführt worden war. Der Auftragskiller Antonio D’Angelo, der Emery hatte töten wollen, hatte ihn dabei fast zu Tode geprügelt.

„Oh mein Gott!“

Wes nahm sie in die Arme, als offenbar der Beschützer in ihrem Bruder gegenüber der genervten Seite, die er ihr gewöhnlich zeigte, gewann. „Es wird alles gut. Sophie ist hart im Nehmen. Sie wird durchkommen.“

„Es ist alles meine Schuld, Wes. Ich habe sie ins Gilded Cuff gebracht. Hätte ich das nicht getan, hätte sie Emery vielleicht nie kennengelernt, und sie würde nicht …“ Sterben. Das Wort erstickte sie. Sie vergrub ihr Gesicht an seiner Brust. Die Schuld und die Angst um Sophie trafen sie wie ein Zug – sie waren nicht aufzuhalten und hinterließen nur Elend und blendenden Schmerz.

„Schhh. Ich weiß, dass sich die Dinge zum Guten wenden werden.“ Er klang so sicher, aber dafür waren große Brüder da. Sie überzeugten einen davon, dass alles gut werden würde. Sosehr sie ihm auch glauben wollte, sie war kein kleines Mädchen mehr und wusste, welche Dunkelheit die Welt in sich barg.

Er klopfte ihr auf den Rücken und ließ sie dann los. Sie brach wieder auf dem Bett zusammen und atmete rau ein, während sie versuchte, sich zu konzentrieren und sich zu beruhigen. Jetzt die Nerven zu verlieren, würde weder Sophie noch Emery etwas nützen.

„Ich muss ein paar Anrufe machen. Ich bin in meinem Zimmer nebenan. Geh nicht weg.“ Wes holte erneut sein elegantes schwarzes Mobiltelefon heraus und wählte eine Nummer, während er auf die Tür zuging. Sie hatten beide Räume im einzigen Motel mit freien Zimmern bekommen. Als sie hierhergeflogen war, hatte sie noch nicht durchdacht, wo sie die Nacht verbringen würde. Nachdem sie Wes in der Arena getroffen hatte, hatte er in diesem Motel angerufen und ihnen Zimmer für nur eine Nacht gebucht. Morgen würden die Touristen die Stadt verlassen haben und die schickeren Hotels hätten wieder Zimmer frei. Erstklassigere Unterkünfte waren definitiv eher etwas für sie. Sie mochte eine unabhängige, gebildete Frau sein, aber sie mochte auch die feineren Dinge im Leben. Sie war niemand, der für ein „Outdoor“-Leben geeignet war.

Die Tür knallte zu, als ihr Bruder hinausstürmte, aber das war ihr egal. Er konnte so sauer sein, wie er wollte. Sie hatte hier vollkommen legitim gewonnen. Ihre Schultern senkten sich und sie stieß einen erleichterten Seufzer aus.

Sophie war verletzt. Ihre Freundin war ihretwegen im Krankenhaus. Das musste aufhören. Sie konnte nicht zulassen, dass jemand anderes, der ihr wichtig war, verletzt wurde, weil jemand die Lockwood-Zwillinge töten wollte. Sie wollte herausfinden, wer dahintersteckte, und dem Ganzen ein Ende setzen.

Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Wes war damit beschäftigt, im anderen Zimmer zu telefonieren. Sie konnte sich zu ihrem Mietwagen hinausschleichen und zur Ranch fahren. Er würde nicht einmal merken, dass sie weggefahren war. Nachdem sie von Sophie gehört hatte, war es ihr unmöglich, still zu sitzen. Sie nahm ihre Stöckelschuhe, schlüpfte hinein und schnappte sich ihre Autoschlüssel oben auf dem kastenförmigen alten Fernseher. Mit einem schnellen Ruck zog sie den Saum des roten Kleides erneut an ihren Oberschenkeln herunter. Kein ideales Outfit für diese Reise, aber sie hatte die Cocktailparty mittendrin verlassen, als sie hörte, wo Fenn sich aufhalten sollte. Sie hatte kaum die Gelegenheit gehabt, ein paar Sachen in eine Tasche zu packen, bevor sie zum Flughafen raste, um möglichst schnell ihren Flug zu nehmen.

Der Parkplatz des Motels war ruhig und dunkel. Aus ein paar Räumen fielen nur wenige Lichtstrahlen durch die teilweise geschlossenen Vorhänge. Über dem Eingang zum Parkplatz hing ein leuchtendes Neonschild mit der Aufschrift Rabbit Hole. Über dem Motelnamen blinkten zwei rosa Hasenohren, die sie vage an einen Bugs-Bunny-Cartoon erinnerten. Hayden neigte den Kopf nach hinten und nahm die samtige Weite des Himmels über ihr in sich auf. Tausend Sterne blinkten und blitzten wie Diamanten, die in einen Abgrund geworfen worden waren. Ihr trotziger Schein machte Haydens eigene Entschlossenheit umso stärker.

Den neuwertigen schwarze Jeep Wrangler, den sie für die Woche gemietet hatte, war eine Schönheit, auch wenn er nicht mit den Autos zu Hause vergleichbar war. Dort fuhren sie alle Audis, Jaguars, Aston Martins und Mercedes. Sie hatte sich für den Jeep entschieden, weil er praktisch war, aber auch auf schroffe Weise ansprechend. Sie stieg in den Wagen und startete den Motor. Während sie den Richtungsanweisungen folgte, die der Arzt ihr gegeben hatte, ging sie immer wieder die Rede durch, die sie halten wollte, und versuchte, sie richtig hinzukriegen. Fenn erinnerte sich angeblich an nichts aus seiner Vergangenheit und nicht an die Familie, der er gestohlen worden war. Wie konnte sie einem Mann auch nur ansatzweise erzählen, dass er das letzte Vierteljahrhundert lang eine Lüge gelebt hatte? Er war kein Bullenreiter, der in Colorado geboren worden war. Er war Fenn Lockwood, einer von zwei Erben eines riesigen Vermögens. Er würde wahrscheinlich zusammen mit seinem Bruder und seinem Vater Teilhaber von Lockwood Industries werden, sobald er nach Hause nach Long Island zurückkehrte. Sein ganzes Leben stand kurz davor, sich drastisch zu verändern. Es gab keine Worte, um all dies zu beschreiben.

Die Person, die hier sein sollte, war Emery. Sie hatte gehört, dass Zwillinge innige Beziehungen haben. Es ergab Sinn, dass Emery derjenige sein sollte, der sich bei Fenn hätte melden sollen, aber sie wusste, dass Emery Sophie nicht verlassen würde; nicht, während sie im Krankenhaus um ihr Leben kämpfte.

Die ganze Geschichte, wie Sophie und Emery sich kennengelernt hatten, war ein bisschen verrückt, um ehrlich zu sein. Sophie, eine Enthüllungsreporterin, war auf Long Island aufgetaucht, um nach Emery zu fragen und ihn zu interviewen, weil er der einzige Überlebende der berühmten Lockwood-Entführung war. Hayden hatte sie in einem lokalen Buchladen getroffen, in dem Sophie versucht hatte, einige Bücher über die Lockwood-Familie und die Entführung zu finden, und sie hatten begonnen, über ihre Lieblingsromane zu sprechen, und sich sofort angefreundet. Sophie hatte ihr ihr Vorhaben gestanden, Emery treffen zu wollen. Hayden, die der Versuchung nicht hatte widerstehen können, den besten Freund ihres älteren Bruders zu ärgern, hatte Sophie die Möglichkeit gegeben, ihn zu treffen und ihre Story zu bekommen. Sie hatte geahnt, dass Sophie gut für Emery sein und ihm helfen könnte, aus seiner Zurückgezogenheit auszubrechen und ihn dazu zu bringen, wieder zu leben. Sie hatte sich nicht geirrt.

Natürlich hatte niemand, vor allem nicht Hayden, erwartet, dass Sophie herausfinden würde, dass Fenn noch am Leben war. Sophie und Emerys Computergenie und Freund Cody hatten entdeckt, dass Fenn vor all den Jahren nicht gestorben war. Sie hatten sich in den Computer eines angeheuerten Auftragskillers gehackt und alle Informationen über Fenns Leben in Colorado gefunden. Irgendwie war er in Walnut Springs gelandet und erinnerte sich anscheinend an nichts aus seinem früheren Leben.

Mit Ausnahme von Emerys innerem Kreis glaubten alle noch immer, Fenn wäre tot. Sophie hatte sich die Story ihres Lebens gewünscht. Nicht um des Ruhmes willen, den sie damit erlangen würde, sondern in der Hoffnung, dass sie ihr helfen würde, mit ihrer eigenen Trauer über den Verlust einer Freundin an einen Sexualstraftäter in ihrer Kindheit fertig zu werden.

Sophie hatte Hayden erklärt, warum sie den Artikel schreiben wollte und dass sie es sich zur Aufgabe gemacht hatte, das Rätsel der Entführung zu lösen, da die Täter nie gefasst worden waren. Hayden hatte Sophie eine Gastkarte für das Gilded Cuff gegeben, einen privaten BDSM-Club, in dem Emery einen Großteil seiner Freizeit verbracht hatte.

Hayden besaß selbst eine Mitgliedschaft im Club und war als submissiv registriert – nicht, dass einer der Doms im Club das auch wirklich glaubte. Sie liebte den Nervenkitzel, wenn ein Mann sie dominierte, aber sie konnte sich nie ganz dazu durchringen, ihre gesamte Kontrolle an denjenigen abzugeben. Wenn sie mit jemandem zusammengebracht wurde, endete es in der Regel schlecht. Sie bekam zwar ein heftiges Spanking, aber es bereitete ihr keine Lust, und der Dom fühlte sich nicht erregt von ihren frechen Versuchen, sich diese Schläge zu verdienen.

Jeden Abend, wenn sie den Club betrat, hatte sie das Gefühl, sich an der Schwelle zu etwas Erstaunlichem, zu etwas Lebensveränderndem zu befinden, aber stets ging sie mit einem Gefühl von Leere, Einsamkeit und Unzufriedenheit. Aria, eine der Club-Dominanten, hatte ihr eines Abends erzählt, dass sie bisher einfach noch nicht den richtigen Dom gefunden hatte, dass manche Frauen sich nicht einfach irgendjemandem hingeben könnten. Selbst in diesem Wissen versuchte Hayden Nacht für Nacht, diese Leidenschaft zu finden, diesen Reiz, der sie über die Kante in eine Lust stürzen würde, die sie noch nie erlebt hatte. Was sagten die Leute gern? Etwas von wegen, man täte etwas immer und immer wieder auf die gleiche Art und Weise und erwartete ein anderes Ergebnis? Jede Nacht wuchs ihre Frustration und Verzweiflung. Als sie Sophie vorgeschlagen hatte, an jenem Abend als ihr Gast in den Club zu gehen, war sie selbst weggeblieben und hatte die Nacht zu Hause verbracht, sich Wiederholungen von Jane-Austen-Filmen angeschaut und Eiscreme gegessen. Ja, nichts, worauf sie stolz war, aber sie war nicht perfekt und hatte es auch nie behauptet. Zumindest hatte sie gewusst, dass Sophie an diesem Abend Emery treffen konnte, und das hatte perfekt funktioniert.

Das Gilded Cuff war der einzige Ort, an dem jemand Zugang zu Emery erhalten konnte. Der Mann hatte seit der Entführung wie ein echter Einsiedler gelebt. Er hatte es nötig, dass seine Welt erschüttert wurde. Er hatte fünfundzwanzig Jahre damit verbracht, sich zu verstecken, verletzt zu sein und allein zu leiden. Hayden wusste, dass es für ihn an der Zeit war, mit dem Leben weiterzumachen. Sie hatte von Anfang an geahnt, was für ein Mensch Sophie war: gütig, mitfühlend, eine Kämpferin für Gerechtigkeit und die richtige Frau, um Emerys Mauern einzureißen. Hayden sah sich als Kupplerin ihrer Beziehung und betrachtete sie als vollkommenen Erfolg, da die beiden nun so eng miteinander verbunden waren wie ein langjähriges Liebespaar.

Die zementierte Straße vor Hayden ging plötzlich in einen felsigen, von hohen Kiefern gesäumten Feldweg über. Es war ein wenig unheimlich, in völliger Dunkelheit zu fahren. Die Strahlen der Scheinwerfer ihres Jeeps schnitten eine schmale Schneise durch die Finsternis. Nach ihrer Wegbeschreibung sollte die Ranch nur zwei oder drei Kilometer vor ihr liegen. Bislang sah sie nur dichten Wald um sich herum und Bäume, die wie dunkle Phantome neben der Straße aufragten. Ab und zu ragte ein Ast zu weit in den Weg und schlug gegen die Windschutzscheibe des Jeeps. Jedes Mal hüpfte Hayden das Herz regelrecht in die Kehle und sie zuckte auf ihrem Sitz zusammen.

Vielleicht war es nicht das Klügste, was man mitten in der Nacht tun sollte, rügte ihre innere Stimme sie. So sterben Frauen in Horrorfilmen.

Das war das Letzte, was sie brauchte – die zu sein, die sich von einem gruseligen Serienmörder umbringen ließ, der aus dem Gebüsch auftauchte. Sie drückte auf die Bremse, wurde langsamer und bog auf der schlechten Straße nach links. Augenblicke später lichtete sich der Wald, und vor ihr lag ein riesiger leerer Bereich eingezäunter Weiden. In der Dunkelheit konnte sie gerade noch ein schmiedeeisernes Schild erkennen, das an einem Bogen über einer schmalen Straße angebracht war, hinter der rechts und links zwei Weiden waren.

Die Broken Spur. Gott sei Dank hatte sie sie gefunden.

Etwa fünfhundert Meter vor ihr befand sich ein wunderschönes zweistöckiges Ranchhaus, das sich zwischen den beiden riesigen Feldern befand. Es war aus dunkelrotem Holz und zerklüfteten grauen Steinen erbaut, und im ersten Stock schien das Licht aus ein paar Fenstern durch leicht geteilte Vorhänge. Es sah warm und einladend aus, nichts im Vergleich zu der eleganten Ausstrahlung von Eiseskälte bei den Villen zu Hause auf Long Island. Außerdem wirkte es männlich und schroff, wie ein großer Mann mit Cowboyhut und Jeans; es erschien gleichzeitig sexy und verlockend. Auf der Veranda standen gepolsterte Stühle und Hocker, um die Füße zum Entspannen hochzulegen.

Dunkle Formen bewegten sich auf den Weiden neben dem Jeep, als Hayden auf das Ranchhaus zusteuerte. Wahrscheinlich Vieh. Sie hoffte, dasses sich um Rinder handelte, sonst könnte dies wirklich ein Horrorfilm werden.

Sie verfluchte sich selbst dafür, dass sie am Wochenende zuvor einen Marathonfernsehabend mit Zombie-Filmen gemacht und einen ganzen Becher Eiscreme gegessen hatte. Aber zu ihrer Verteidigung: Sie war gerade von einem weiteren Dom im Gilded Cuff abgewiesen worden, und das hatte alles noch schlimmer gemacht. Es gab immer weniger Doms, die bereit waren, sich mit ihr abzugeben, jetzt, da sie sich immer wieder als freche, aggressive Unterwürfige herausgestellt hatte. Das letzte Wochenende hatte sie eine ganze Nacht kniend vor einem der Hauptbereiche verbracht, in denen sich ungebundene Doms versammelten, in der Hoffnung, dass nur einer von ihnen es mit ihr aufnehmen würde.

Stunde um Stunde hatte sie zugesehen, wie andere Submissive ausgewählt und an silbernen Ketten weggeführt wurden, um Vergnügen zu erleben, während sie allein blieb. Normalerweise ergab sie sich keinem Selbstmitleid, aber in dieser Nacht hatte sie sich wie ein getretener Welpe gefühlt, dem sie wahrscheinlich sogar ähnlich gesehen hatte. Das tat weh. Immer wieder nicht ausgewählt zu werden. Es hatte nichts mit ihrem Aussehen zu tun, sondern nur mit dem, was sie war. In der schillernden Welt ihrer Eltern wurde sie nur wegen ihres Aussehens und ihres sozialen Stammbaums geschätzt. Im Club hätte es anders sein sollen. Doms sollten ihre Schönheit zu genießen wissen, ja, aber zugleich sie und die unterwürfige Natur in ihr schätzen. Doch niemand hatte sie gewollt. Sie hatte sogar gehört, wie einige der Dominanten über sie sprachen.

„Halt dich von der fern, sie versucht immer durch ihr provokantes Verhalten, die Handlung zu manipulieren und zu bestimmen.“ Das war nur einer von vielen Kommentaren gewesen, die bewiesen, dass sie bei etwas, was ihr wichtig war, versagt hatte. Diese Erkenntnis traf sie eiskalt und schien sie mit ihrem schrecklichen Gewicht zu betäuben. Sie musste etwas gut machen, musste Erfolg haben, sonst würde sie verrückt werden. Fenn zurückzubringen, war das, was sie richtig machen musste.

Hayden parkte vor dem Haus neben einem alten roten Pick-up, bevor sie vorsichtig über den Hof ging. Abgesehen von den Lichtern im Haus und den Sternen am Himmel war es dunkel genug, dass sie leicht in ein Loch treten könnte, wenn sie nicht vorsichtig war. In Stilettos auf Gras zu laufen, war so ziemlich für jede Frau ein Minenfeld. Wie die Stöckelschuhe in den Boden sanken, sich an Dingen verhakten und sie dann dazu brachten, über sie zu stolpern, war eine echte Todesfalle. Sie trug Stöckelschuhe nur, wenn sie wusste, dass sie nicht viel herumlaufen würde. Ganz offensichtlich war es nicht Teil ihres Plans gewesen, heute Fenn zu retten.

Notiz an mich selbst: Wähle das nächste Mal bessere Schuhe für Rettungseinsätze.

Ein Licht flackerte links neben dem Haus auf und sie drehte ihren Kopf in dessen Richtung. Ein alter silberner Wohnwagen war etwa fünfundzwanzig Meter vom Haus entfernt geparkt. Die Vorhänge waren einige Zentimeter zurückgezogen, und sie sah Fenns Gesicht, als er vorübergehend in Sicht kam, bevor er wieder aus ihrem Blickfeld verschwand.

Hayden verwarf ihr Vorhaben, an die Haustür zu klopfen, und ging die Stufen wieder hinunter und auf den kleinen Wohnwagen zu. Sie klopfte mit ihren Knöcheln an die Tür. Von der anderen Seite ertönte ein Bellen und Knurren.

„Still, Coda, Baby“, murmelte eine leise, sanfte Stimme.

Das Geräusch von Schritten veranlasste sie, ein paar Meter zurückzutreten, falls Fenn beschloss, die Tür weit aufzuschwenken.

„Callie? Bist du das? Geh wieder ins Bett. Es geht mir gut“, rief Fenn.

Callie? Ein Hauch Eifersucht ließ Hayden innerlich zusammenzucken, mehr wegen sich selbst als wegen der geheimnisvollen Callie. Hayden hatte kein Recht, eifersüchtig zu sein. Fenn gehörte ihr nicht. Verdammt, er musste eine Freundin haben. Ein Mann, der in einer Jeans so gut aussah, hatte definitiv eine. Nachdem sie ihn in der Arena gerettet hatte, hatte es nur einen Blick von ihm gebraucht, damit sie wusste, dass sie in Schwierigkeiten war. Er besaß die gleichen gemeißelten, gottgleichen Gesichtszüge wie sein Bruder Emery, hatte breite Schultern, schlanke Beine und diese rohe männliche Anmut in jeder seiner Bewegungen. Selbst wenn er humpelte, war der Mann attraktiv.

Er und Emery waren eineiige Zwillinge – regelrecht unheimlich eineiig –, was für sie überraschend war, da sie Fenn bisher noch nie gesehen hatte. Während sie Emerys gutes Aussehen immer genossen hatte, hatte er ihr nie die Knie schwach werden lassen. Aber Fenn schon. Sein flammender finsterer Blick auf sie am frühen Abend war wie ein Schlag in den Magen gewesen. Sie war errötet und feucht geworden. Nach nur einem Blick. So sollte ein Dom auf eine Unterwürfige wirken. Zum ersten Mal in ihrem Leben verstand sie, wieso die anderen Subs im Club so reagierten, wenn ihre Doms mit diesem Blick in den Augen auf sie zukamen. Fenn beherrschte diesen Blick perfekt. Er war ein natürlicher Dom – angefangen bei der Art, wie er den Bullen kontrollierte, bis hin zu dem sengenden Blick, den er ihr zugeworfen hatte; einen Blick, der Vergeltung versprochen hatte. Sie konnte nicht umhin, sich zu fragen, ob das verschlafene Städtchen Walnut Springs irgendwelche BDSM-Clubs hatte – und wenn ja, war er Mitglied?

Die Wohnwagentür öffnete sich einen Spalt. Licht fiel hindurch und traf sie voll ins Gesicht.

„Callie …“ Fenn blickte auf sie herab. Sein langes goldenes Haar war zerzaust und fiel ihm in die Augen. Wieder trafen Hayden dieser verräterische Schmerz der Enttäuschung und der Stachel der Ablehnung. Wer auch immer diese Callie war, sie hatte echt Glück. Würde jemals jemand mit ihr zusammen sein wollen? Nur wegen ihr; nicht wegen des Geldes oder des Einflusses ihrer Eltern, sondern weil derjenige sie ganz allein haben wollte?

Zwischen seinen Beinen knurrte leise ein Hund – ein Husky – und entblößte seine weißen Zähne. War das Coda? Hayden blinzelte gegen die Helligkeit der Innenbeleuchtung des Wohnwagens. Fenn öffnete die Tür weiter und zeigte damit, dass er nichts anderes als Jeans trug. Der Anblick seiner muskulösen Brust lenkte sie ab. Ihr Blick folgte der Spur des hellen goldenen Haares auf seinem Bauch, das in seinem Hosenbund verschwand.

„Sie sind nicht Callie.“ Seine Worte klangen ein wenig seidig – nicht undeutlich, aber nahe dran. Der intensive Duft von Whisky hing an ihm; zwar nicht überwältigend, doch es reichte, um sie zu verführen. War er betrunken? Das würde seine Stimme erklären.

Er beugte sich ein wenig vor und blickte mit deutlicher Neugierde auf sie herab. Seine Augen funkelten vor sexuellem Interesse, wodurch sie sich klein und zierlich fühlte. Das plötzliche Grinsen, das sein Gesicht erhellte, folgte dem Blitz des Wiedererkennens in seinen Augen.

„Na, wenn das nicht die kleine Miss mit dem roten Kleid ist.“ Das wilde Misstrauen und die Anspannung in seinem Körper veränderten sich zu einer maskulinen Pose der Entspannung, als er sich mit einer Schulter an der Tür des Wohnwagens abstützte.

Die kleine Miss mit dem roten Kleid? Machte er Witze?

„Ich bin Hayden“, sagte sie. „Hayden Thorne?“ Würde er sich an ihren Nachnamen erinnern? Er und Wes waren Freunde gewesen, seit sie laufen gelernt hatten, lange vor der Entführung. War die Erinnerung an die meisten dieser frühen Jahre völlig verschwunden, sodass nicht einmal ihr Nachname etwas bewirken würde?

Fenn grinste verrucht. „Fragst du mich? Oder weißt du deinen eigenen Namen nicht, Honey?“

Honey? Sie runzelte die Stirn und ballte die Fäuste an ihren Seiten. „Ich bin nicht dein Honey.“ Auch wenn ihr die Art und Weise, wie er es sagte, nicht gefiel, so ließ der Kosename doch ihr Inneres mit femininem Interesse brennen. In der Vergangenheit war sie in der Nähe von Dominanten gewesen, die stille Kraft ausstrahlten; das waren die erfahreneren unter ihnen. Die jüngeren neigten dazu, herumzustolzieren und zu posieren und verstanden nicht wirklich, dass Arroganz und Überheblichkeit für die Kontroll- und Machtbasis eines Doms nicht notwendig waren. Aber Fenn war anders. Er war kühn, anmaßend und auf eine Weise dominierend, die sie nicht erwartet hatte. Niemals in einer Million Jahren hätte sie gedacht, dass übermütige Arroganz ihr gefallen würde, und dieser Mann strahlte das in höchstem Maße aus. Ihr ganzer Körper reagierte auf ihn und seine Haltung, weil beides heißen, rauen Sex auf der nächstgelegenen flachen Oberfläche versprach, Sex, nach dem sie tagelang köstliche Schmerzen haben würde. Verdammte Hölle … Konzentration! Sie kämpfte darum, sich wieder auf die Aufgabe zu fokussieren, die sie vor seine Tür gebracht hatte.

„Fenn. Ich muss mit dir reden.“

Seine Augen öffneten sich weiter. Sie besaßen den gleichen Farbton wie die von Emery, Haselnussbraun mit grünen Flecken, die tanzten und funkelten und ein Mädchen davon träumen ließen, sie stundenlang zu zählen. Sie waren hypnotisierend, und für einen Moment verlor sie ihren Gedankengang, etwas, was selten vorkam.

„Seit du heute Abend in der Arena an mir vorbeigelaufen bist, habe ich gehofft, dass du den Weg zu mir finden würdest.“ Er schnippte mit der Hand seine Locken aus der Stirn, die seine Augen kurz bedeckt hatten. Hellbraune Stoppeln warfen Schatten auf seine Kieferpartie, und ihr Herz setzte einige Schläge aus, als sie sich fragte, wie es sich anfühlen würde, wenn sie über ihre Haut reiben würden. Würde ihr das Kratzen gefallen? Er sah so köstlich aus, so gefährlich. In der Nacht hierher zu kommen, während er betrunken war, könnte eine schreckliche Idee gewesen sein …

„Bitte, Fenn, wir müssen wirklich reden. Kann ich einen Moment reinkommen?“ Sie machte einen Schritt nach vorn. Coda winselte leise hinter seinen Beinen hervor. Ihre blauen Augen waren hell und blass wie Gletscher. Sie sah merkwürdigerweise eher … wolfähnlich aus mit den Ohren mit dunklen Spitzen und einer dicken Mähne um den Hals statt des kurzen Fells eines Huskys. Ihre Schnauze war ganz weiß, und der weiße Fleck breitete sich aus und umrahmte herzförmig ihre Augen. Sie war ein wunderschönes Geschöpf.

Ein sehr sexy Lächeln wölbte seine Lippen. „Klar, komm rein, Honey.“

„Äh, danke.“ So, wie er „Honey“ sagte, fühlte es sich diesmal viel mehr wie eine Warnung an.

Fenn trat zurück und erlaubte ihr, in den Anhänger zu treten. Der Husky wich ebenfalls auf die Seite, schaute immer noch um die Knie seines Herrchens, die Ohren zurückgelegt, knurrte aber nicht mehr. Hayden stieß einen Atemzug aus, von dem sie nicht gemerkt hatte, dass sie ihn angehalten hatte. Es war klar, dass der Hund sie nicht mehr für eine Bedrohung hielt.

Hayden liebte Tiere, aber ihre Eltern hatten ihr nie erlaubt, ein Haustier zu halten. Sie ruinierten schöne Häuser, zumindest laut ihrer Mutter. Deshalb hatte sie nie viel Zeit mit Hunden verbracht, vor allem nicht mit solchen wie Coda, die wie ein Wolf aussahen … einer, der sie fressen könnte.

„Möchtest du etwas trinken?“, fragte Fenn, als er die Tür hinter ihr schloss.

Ein Stapel leerer Flaschen verunreinigte die winzige Theke neben dem Waschbecken.

„Nein danke. Ich glaube, du hattest genug für uns beide“, murmelte sie.

„Stimmt wahrscheinlich.“ Er seufzte und zog seine Jeans auf der linken Seite etwas hoch, um einen dick verbundenen Knöchel zu zeigen. „Tut ganz schön weh“, erklärte er mit einem knappen Nicken zu den Bieren und der halb vollen Flasche Whisky.

„Also … was kann ich für dich tun, kleine Miss mit dem roten Kleid?“ Er blickte sie offen an, aber ihr fiel in seinem Blick die leiseste spielerische Andeutung von Neckerei auf.

„Hayden. Bitte, nenn mich Hayden.“ Sie versuchte, sich an ihm vorbeizubewegen, aber die Enge des Wohnwagens erlaubte ihr das nicht, ohne mit ihrem Körper an seinem entlang zu streichen. Als sie das tat, musste sie ihren Kopf nach hinten neigen. Er war genauso groß wie sein Zwillingsbruder, locker eins neunzig.