The Irony-Machine - Günther H. Botek - E-Book

The Irony-Machine E-Book

Günther H. Botek

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Beschreibung

Das vorliegende Buch ist die fast vollständige Sammlung der vom Autor geschriebenen Mails in der Mailingliste Netzliteratur im Zeitraum von acht Monaten (1999/2000). Sprache ist in einer Mailingliste das Wichtigste. Literatur ist (und bleibt wahrscheinlich) die wichtigste Kulturform - egal wo und wie sie produziert, präsentiert und konsumiert wird. Literatur kann fast alles beschreiben. Der Kick bei einer Mailingliste ist, dass mehrere Autoren gleichzeitig/parallel schreiben. Da plant keiner etwas und trotzdem entsteht „etwas“ live. Herausgekommen ist eine abwechslungsreiche Mail-/Text-Sammlung, in der es nicht nur um Netzliteratur in Theorie und Praxis geht, sondern auch um das alltägliche virtuelle Leben mit dem Internet und vor allem um zeitlose philosophische Fragen und Antworten. Es gab keinen Plan, kein Konzept, keinen Plot und keine sonstigen Anweisungen. Es war wie Jazz zwischen Schreibenden. Improvisation war angesagt. Der Mailstrom ist einmal in diese und dann in jene Richtung geflossen. So frei, ungezwungen, formlos, chaotisch, bunt, klug, spannend, effektiv, produktiv, respektlos, faszinierend, tief, innovativ, genial (naja, manchmal auch banal und trivial ;-) wie in dieser Mailingliste geschrieben/diskutiert wurde - das gibt es im „Real Life“ eher selten.

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Seitenzahl: 280

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Für Eva und Viktoria

Inhaltsverzeichnis

„Die Schnecke baut ihr Haus nicht,

sondern es wächst ihr aus dem Leib.“

Georg Christoph Lichtenberg

„Man muss noch Chaos in sich haben,

um einen tanzenden Stern gebären zu können.“

Friedrich Nietzsche

Vorwort

Irgendwann im Frühjahr 1999 habe ich beim Surfen im Web einen Hinweis auf eine Mailingliste mit dem interessant klingenden Namen „Netzliteratur“ entdeckt (http://netzliteratur.de/). Ich meldete mich an und las einige Monate aufmerksam mit. Es wurden damals fast jeden Tag einige (manchmal sehr viele) Mails geschrieben. Die Teilnehmer mit unterschiedlichstem Ausbildungs- und Erfahrungshintergrund, die verschiedenen Themen und Diskussionen der Liste waren für mich sehr spannend und so stellte ich mich am 28. Oktober 1999 mit meiner ersten Mail vor - mit der Erwartung, etwas mehr über das Thema „Netzliteratur“ zu erfahren, das mich damals sehr faszinierte und beschäftigte. Ich konnte nicht ahnen, dass mich die Teilnahme an dieser Mailingliste derart fesselte und mich über mehrere Monate nicht mehr los lies.

Das vorliegende Buch ist nun die fast vollständige Sammlung meiner eigenen über 200 geschriebenen Mails im Zeitraum von acht Monaten, wo ich sehr intensiv an dieser Mailingliste teilgenommen habe. Intensiv heißt in diesem Zusammenhang, dass ich manchmal mehrere Stunden am Tag mitgelesen/mitgeschrieben und zwischendurch über das Gelesene/ Geschriebene nachgedacht habe. Herausgekommen ist eine abwechslungsreiche Mail-/Text-Sammlung, in der es nicht nur um Netzliteratur in Theorie und Praxis geht, sondern auch um das alltägliche virtuelle Leben mit dem Internet und vor allem um zeitlose philosophische Fragen und Antworten. Diese bunte Mischung der Mailinhalte macht dieses Buch für mich und hoffentlich auch für die LeserInnen spannend und unterhaltend, obwohl mittlerweile schon fünfzehn Jahre vergangen sind - also fast der Zeitraum einer ganzen Generation und eine „halbe Ewigkeit“ im Zeitalter des Computers und Internets.

Der eigentliche Grund für diese Veröffentlichung ist nun meine Beobachtung, dass sich rund um das Thema „Netzliteratur“ seit dem Jahrtausendwechsel nicht wirklich viel getan hat und der Themenkomplex immer noch kaum in der (Netz-)Öffentlichkeit diskutiert wird. Das Internet hat sich zwar sehr rasch weiter entwickelt und vor allem das Web ist in diesen fünfzehn Jahren an der bunten „glatten“ Oberfläche professioneller, technisch ausgereifter und inhaltlich „erwachsen“ geworden (vor fünfzehn Jahren gab es z.B. noch keine Wikipedia, kein Youtube, keine sozialen Netzwerke wie Facebook und noch wenige Blogger - alles heute digitale Selbstverständlichkeiten wie das internetfähige und multimediale Smartphone oder Tablet mit sog. „Apps“), aber es sind kaum nenneswerte neue künstlerische Ausdrucksformen im multimedialen Internet entstanden, so wie es von einigen Theoretikern Ende der Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts erwartet und prognostiziert wurde.

Eine Mailingliste ist technisch gesehen sehr simpel: es „fliegen“ sozusagen nur e-mails durch das Internet und das Ganze hat nichts mit dem bunten, interaktiven - und manchmal im Hintergrund technisch komplizierten - „World Wide Web“ zu tun. Eine Mailingliste hat keinen virtuellen Ort im Web, sondern nur eine einfache Mailadresse. Sie existiert als Software auf einem Servercomputer und in den Köpfen aller Listenmitglieder. Man kann mitmachen: lesen, schreiben, denken. Aber man kann nichts anwählen/anklicken und man sieht auch nichts Besonderes, außer Texte, die per e-mail kommen. Das „Ganze“ entsteht im Kopf. Eine Mailingliste ist nur vorhanden, wenn sie auch benutzt wird. Schreibt keiner, so existiert sie nur als unsichtbare Idee auf einem Server. Eine Mailingliste hat nicht EINEN Urheber, sondern VIELE.

Die Mailingliste Netzliteratur ist ein virtueller „Stammtisch“, wo seit 1996 über (Netz-)Literarisches berichtet, spekuliert, geplaudert, diskutiert, philosophiert und manchmal auch gestritten wird. Heute - im Jahre 2015 - werden allerdings nur mehr ein paar Dutzend Mails pro Jahr (!) geschrieben und es gibt leider nur noch selten Diskussionen oder virtuelle Gespräche.

Sprache ist in einer Mailingliste das Wichtigste. Literatur ist (und bleibt wahrscheinlich) die wichtigste Kulturform – egal wo und wie sie produziert, präsentiert und konsumiert wird. Literatur kann fast alles beschreiben. Der Kick bei einer Mailingliste ist, dass mehrere Autoren gleichzeitig/parallel schreiben. Da plant keiner etwas und trotzdem entsteht „etwas“ live. Es gibt keinen Plan, kein Konzept, keinen Plot und keine sonstigen Anweisungen. Mir kommt das vor wie Jazz zwischen Schreibenden. Mir ist aber klar: nicht jeder mag Jazz. Improvisation war angesagt. Es ist der Mailstrom einmal in diese und dann in jene Richtung geflossen. So frei, ungezwungen, formlos, chaotisch, bunt, klug, spannend, effektiv, produktiv, respektlos, faszinierend, tief, innovativ, genial (naja manchmal auch banal und trivial ;-) wie in dieser Mailingliste geschrieben/diskutiert wurde - das gibt es im „Real Life“ eher selten.

Das Internetprojekt „The Irony-Machine“ war aus meiner Sicht ein einmaliges unvorhergesehenes interaktives Experiment. Es war als virtuelle „Performance“ im Internet nicht geplant, es ist einfach passiert. Es gab von mir keine bewusste Motivation für dieses Projekt. Erst rückblickend kam mir die Idee, meine geschriebenen Mails in einem klassischen Buch zusammenzufassen und zu veröffentlichen - und so ein kleines Stück „Netzliteratur“ zu schaffen.

Oliver Gassner, der Eigentümer der Website „netzliteratur.de“ und der Mailingliste Netzliteratur hat in seinem Definitionsversuch von „Netzliteratur“ u.a. geschrieben: „Es geht darum, die Texte ‚formal’ nicht einzuschränken. d.h. ein literarischer Papiertext, der massiv von Netzkommunikation beeinflusst ist, wäre nach dieser Definition ebenfalls ‚Netzliteratur’“. Da meine geschriebenen Mails natürlich massiv von Netzkommunikation in der Mailingliste beeinflusst sind, gehört der hier veröffentlichte Text meiner Ansicht nach zur Gattung Netzliteratur.

Formal gesehen habe ich meine Mails fast im Original gelassen. Nur Rechtschreibfehler, ausgeschriebene Umlaute (ue, ae, oe) und netzspezifische Ausdrücke („imho“) habe ich geändert um die Lesbarkeit des Textes auch für „netzferne“ LeserInnen zu verbessern (*g* und *grins* habe ich hingegen unverändert gelassen ;). Die anderen formalen Eigenheiten von Mails in Mailinglisten habe ich hingegen beibehalten - d.h. bei zitierten Mails ist einfach ein ‚>’-Zeichen vor jede Textzeile geschrieben. Begriffe und Wortkombinationen werden in unformatierten Mails manchmal hervorgehoben mit ‚*’ oder ‚_’-Zeichen statt fett, kursiv oder unterstrichen: *Begriff* oder _Begriff_. Und natürlich habe ich die verschiedenen Smileys ( ;-) und :-) usw.) in ihrer klassischen Form belassen. Auch die Betreffzeilen sind großteils die gleichen wie in den Originalmails - nur vereinzelt habe ich einen neuen Betreff gewählt, weil der vorhandene nichts mehr mit dem Inhalt der Mail zu tun hatte. Linkverweise in das Web, soweit noch gültig, habe ich ebenfalls beibehalten. Gleich geblieben ist auch die Kleinschreibung aller Wörter von manchen Listenteilnehemern, weil es für mich authentischer wirkt.

Für Kommentare, Anregungen, Kritik oder Feedback bin ich unter der Mailadresse [email protected] gerne erreichbar.

Günther H. Botek, im Jänner 2015

Mail gesendet: Donnerstag, 28.10.1999 10:00 Betreff: Kurzvorstellung

Hallo NetLiteratInnen,

viele von Euch kenne ich schon ein wenig, weil ich bereits einige Monate (meist) interessiert mitlese, mitdenke und mitlache – aber zum Mitschreiben nehme ich mir dann keine Zeit. Spät aber doch möchte ich mich deshalb kurz vorstellen: 1964 in Wien geboren; wohne und arbeite in der Nähe von Wien; betreibe derzeit Internet-Cafes, genauer gesagt öffentliche Internet-Surfstationen (= Brotberuf) und bin am Themenkreis /.../ Multimedia/ Hypertext/ Internet/ Netzliteratur/ Webfiction/.../ als Autodidakt schon viele Jahre interessiert.

Mich fasziniert an diesem Thema das Spannungsverhältnis > Inhalt <-> Form <-> Design <-> Technik <-> Wirtschaft < (müsste eigentlich skizziert werden als System mit vielfältigen, komplexen Beziehungen untereinander), um das sich die meisten Diskussionen hier drehen, obwohl sie nie auf den Punkt kommen (den es natürlich gar nicht gibt ;)

Theoretisch (philosophisch) interessiert mich auch das Thema „Komplexität und Information“. Ich vertiefe (verliere ;) mich gerade in die Netzliteratur-Homepage mit den vielen interessanten Texten und Links.

Eigene Netzliteratur-Projekte bzw. - Webseiten kann ich (noch) nicht präsentieren (alles noch offline im Experimentierstadium).

Ich nehme mir zumindest vor, ab und zu in dieser Liste auch aktiv teilzunehmen, wenn mich ein Beitrag zu einem eigenen Statement herausfordert. Seelenverwandte gibt es hier jedenfalls einige, habe ich im Lauf der Zeit gemerkt.

Ciao

Günther

---

„Theory of everything“ (in Kurzform ;)

- *Irgendetwas* geht seinen Gang.

- *Irgendwie* hängt alles zusammen.

- Das *Irgendetwas* und *Irgendwie* ist uns bis auf weiteres zu schwer.

- Der Clou ist, es gibt keinen Clou ;)

---

Mail gesendet: Freitag, 29.10.1999 00:28 Betreff: Webwriting

Hi allerseits,

ich denke mir, am Anfang steht immer eine Idee, ein Stoff, ein Inhalt und ein Produzent (ein Autor, ein Regisseur, ein Künstler oder wer auch immer... ob Profi oder Amateur...). Dieser Inhalt wird in irgendeiner Form (im besten Fall künstlerisch ;) ausgedrückt: bisher nur in Sprache (z.B. Theater) oder auf Papier (Buch) oder in Musik oder im Film ... und seit kurzem eben im Web. Wenn es sich nur um reine Texte handelt, gibt es meistens noch kein Problem. Das Speichermedium für Texte ist egal. Das Web ist aber MEHR: es ist auch grafisch und audiovisuell und interaktiv und kommunikativ ... eben multimedial. Jetzt wird es (scheinbar) verwirrend und offenbar problematisch. Warum? Es gibt im Web eben Autoren, Grafiker, Musiker, Videokünstler, Designer, Sound- und Animationskünstler und viele mehr; UND neuerdings solche, die diese Kunstformen kombinieren wollen.

Na und? Das ist doch zunächst wunderbar ...

Nicht *entweder-oder* sondern *sowohl-als-auch*. Problematisch wird es meiner Meinung nach nur, wenn Qualitätsmerkmale und Bewertungskriterien verschiedener (alter) Kunstformen aufeinander prallen: zB Text (MIT Inhalt) <-> Grafikdesign (OHNE Inhalt).

Was bisher funktioniert hat, weil es getrennt konsumiert und bewertet wurde, wird jetzt ein Problem, weil es gemeinsam konsumiert und (noch) nicht (wirklich) bewertet wird. Ich glaube wirklich, das einzige Motto kann nur lauten:

experimentieren und produzieren im Sinne von *work in progress*. Das Web ist einfach noch viel zu jung für Kritiker.

Ciao

Günther

Mail gesendet: Freitag, 29.10.1999 10:00 Betreff: Webwriting

Hi,

Claudia Klinger schrieb:

> Ja, verschiedene Philosophen haben ja

> lange schon das „Lob der Oberfläche“

> angestimmt. Und mir gefällt die

> Entwicklung durchaus. Die Dominanz des

> sinnfernen Textes, der behauptet, DAS

> WESENTLICHE zu sein, halte ich für ein

> Phänomen des gerade untergehenden

> Zeitalters der Aufklärung.

Mir ist die Kritik am „Design“ im Web auch nicht klar, wenn behauptet wird, „Design OHNE Inhalt“ ist oberflächlich (abwertend gemeint) – einfach nur dummes „Klickibunti“.

Überspitzt formuliert: das ganze „Real Life“ kann zum Großteil als „Klickibunti“ gesehen werden. Aber da kommt keiner auf die Idee, das zu kritisieren; im Gegenteil: eine ganze Industrie lebt von der „Oberflächlichkeit“: die Design-Industrie (bzw. Industrie-Design). Ein gut designter Sessel ist für manche ein wertvolles Kunstobjekt und ein sinnliches Erlebnis. Ein Sessel bleibt aber ein Sessel, auf dem man nur sitzen kann. Es steckt sonst keine Idee dahinter. Anderes Beispiel: ein schöner Sonnenuntergang. Viele bekommen dabei Hochgefühle und denken beim Anblick tiefer über sich und die Welt nach.

Andere sehen da nur einen „Effekt“ ohne Bedeutung – physikalisch ist ja alles geklärt. Was ich meine ist: ein oberflächlicher „Effekt“ ohne INHALT hat im „Real Life“ für viele Menschen sehr wohl Bedeutung. Warum soll das im Web plötzlich anders sein?

Ciao

Günther

Mail gesendet: Freitag, 29.10.1999 10:35 Betreff: Webwriting

Hi,

Jan Ulrich Hasecke schrieb:

> Im übrigen glaube ich, dass die These,

> dass das Wesentliche an Literatur

> (und damit auch das Wesentliche der

> Netzliteratur) die Sprache ist, nicht

> so völlig verwegen ist. Dass das

> Wesentliche an NetzKUNST was anderes

> ist, ist ebenso klar. [...]

Sprache ist wahrscheinlich das Wichtigste und Wesentlichste. Aber Sprache (mit Buchstaben und Wörtern) hat ihre Grenzen.

Daneben gibt es auch noch Bilder (Bildsprache) und Musik (Musiksprache).

Allen gemeinsam ist, dass sie im Netz speicherbar und abrufbar sind, weil alles digital als Information bzw. Software gesehen werden kann.

Meine These ist, dass die Kombination verschiedener Kunstformen ein MEHR an Freiheit, Ausdruck und Wert hat. Anders ausgedrückt: die Komplexität nimmt zu. Um das sollte es meiner Meinung nach immer gehen.

Ciao

Günther

Mail gesendet: Samstag, 30.10.1999 22:29 Betreff: Oberfläche

Hi!

Claudia Klinger schrieb:

> [...]

> Und dass diese Frage aufkommt, lässt mich

> erneut immer weniger Spaß an

> intellektuell-logischen Diskursen haben.

Dieser Widerspruch gehört meiner Ansicht nach zum *Spiel*: Spaß kann manchmal auch intellektuell-logisch sein (oder auch satirisch/ironisch ;)

Intellektuell-logische Diskurse sollten natürlich auch Spaß machen und müssen (ja sollten!) nicht abgehoben sein.

So frei, so ungezwungen, so formlos, so chaotisch, so bunt, so klug, so spannend, so effektiv, so produktiv, so respektlos, so faszinierend, so tief, so innovativ, so genial (naja manchmal auch banal und trivial ;) wie hier diskutiert wird ... das gibt es im „Real Life“ eher selten – behaupte ich jetzt einmal nur so ;)

> [...]

> Genauso geht es praktisch mit jeder

> Diskussion: es wird polarisiert auf

> Teufel komm raus, fast kann ich schon

> immer gleich dazu sagen, was ich NICHT

> meine...

Dieser Umstand macht es oft meiner Ansicht nach eben spannend und unberechenbar; sonst wärs ja gerade langweilig und spaßlos.

> [...]

> ich vermute, es hat wenig Sinn, das hier

> zu vertiefen. Aber vielleicht können wir

> das im Real Life mal machen...

... wäre natürlich oft schön, aber meist völlig unmöglich; eine virtuelle Diskussion in einer Mailingliste gibt es vielleicht gerade deshalb, weil das im Real Life SO nie möglich wäre.

Ciao

Günther

Mail gesendet: Sonntag, 31.10.1999 20:46 Betreff: Oberfläche

Hi!

Jan Ulrich Hasecke schrieb:

> „Unsere Sprache und ihr WeltBILD verlieren

> die Fähigkeit, unsere Welt zu beschreiben

> und abzubilden.“ Ich habe das Wort Bild

> einmal hervorgehoben, weil die Krise, von

> der du sprichst, wenn es sie denn gibt,

> nicht allein die Sprache betrifft, sondern

> alle Kommunikationsformen befallen hat.

> Es genügt also nicht, Sprache allein als

> untauglich zur Welterzählung zu verdammen.

> Die Bilder sind es ebenso.

Da magst du sicher Recht haben, aber für unseren Zustand „Wir stecken in einer Krise und schauen, wie wir da raus kommen“ ist m.E. unerheblich, wieviele Dinge NOCH Ursache dafür sind. Zur Diskussion steht also die *Krise* bzw. das *Problem*: „Unser WELTBILD ist nicht mehr darstellbar, nicht mehr abbildbar und nicht mehr beschreibbar“.

> Film ist ebenfalls narrativ und trotzdem

> nicht Literatur. Wieso sind dann „Riven“

> und „Myst“ Literatur?

Ich halte Diskussionen um Begriffe für unergiebig, um nicht zu sagen für irreführend, und zum Scheitern verurteilt (obwohl sie am Anfang von etwas Neuem wohl notwendig sind). Begriffe sind (beliebige) Abstraktionen von etwas Konkretem. Wenn sich dieses *Konkrete* ändert, dann müssen eben neue Begriffe her – sonst gibt es Missverständnisse und Verwechslungen.

Für mich ist *Hyper-/Netz-Literatur* kein guter Begriff für das Web, außer man meint *Literatur IM Web*, um die es ja jetzt nicht geht. Literatur ist (und bleibt wahrscheinlich) die wichtigste Kulturform – egal wo und wie sie produziert, präsentiert und konsumiert wird. Aber sie löst unser PROBLEM (siehe oben) nicht (mehr).

Wir reden von Ausdrucksformen, die erst das Web (allgemeiner: die digitale Computertechnik) ermöglicht. Interaktive Computerspiele sind ein erstes Beispiel für ein neues Genre, das es vorher nicht gab.

Computerspiele sind für mich aber auch kein geeignetes Ausdrucksmittel für unser aktuelles WELTBILD.

Die bereits etablierten Begriffe „Webfiction“ oder „Hyperfiction“ finde ich als Arbeitsbegriffe für neue Ausdrucksformen im Web sehr gut. Aber Begriffe lösen unser *Problem* noch nicht.

> Ich hab keinerlei Probleme, für diese Art

> von Werken eine eigene Kategorie

> einzurichten: Literatur, Theater, Film,

> Spiele. Ich kann aber beim besten Willen

> nicht erkennen, welche produktiven

> Schlüsse wir ziehen könnten, wenn wir

> „Riven“ und „Myst“ als Prototypen einer

> wünschenswerten Netzliteratur oder

> „Literatur ohne Worte“ betrachten.

Ja, Prototypen sind für Serienproduktionen gedacht. Das kann es nicht sein. Bei kulturellen Werken haben wir es meist mit individuellen Unikaten zu tun.

> Viel interessanter finde ich,

> Netzliteratur unter dem Gesichtspunkt der

> technischen und sozialen Vernetzung von

> Menschen zu beschreiben, bei der zwar

> ebenfalls nichts grundsätzlich Neues in

> Anschlag gebracht werden muss, aber

> netzspezifische Aspekte der Beschleunigung

> und der Eins-zu-eins-Distribution in den

> Blick kommen. Vermutlich, wenn man nur mal

> richtig suchen würde, auch noch einige

> andere Aspekte.

Das Eine muss das Andere ja nicht ausschließen. Natürlich gibt es auch für *Literatur im Web* neue Möglichkeiten (Stichwort: Direktvertrieb, Direktkommuniktion – das alles weltweit und auf Knopfdruck in wenigen Sekunden usw.).

Diese Dinge sind genauso neu und interessant wie neue Möglichkeiten der Ausdrucksformen von Inhalten. Aber direkte und schnelle Distribution löst das *Problem* nicht. Es ist aber ein angenehmer Nebeneffekt, wenn die *Lösung des Problems* direkt und schnell verteilt wird ;) Da bleibt scheinbar nur, das *Problem* zu leugnen, und in einer Form zu bleiben, die schon bekannt, sicher und problemlos ist: Literatur, Theater, Malerei, Musik, Film, Computerspiel...

Ich will das *Problem* aber nicht leugnen, sondern verstehen lernen und über mögliche Lösungswege nachdenken.

Ciao

Günther

Mail gesendet: Montag, 1.11.1999 11:17 Betreff: Oberfläche

Hi!

Werner Stangl schrieb:

> ... also da gibt es in der diskussion ein

> paar stellen, wo ich nur mehr

> wütend/ätzend werden kann:

Schade, so war es nicht gemeint :( Es wird ja keiner gezwungen bei einem Thread mitzulesen, geschweige denn mitzuschreiben; einfach wegklicken geht schneller ;)

> antithese:

> wir reden die krisen doch bloss herbei,

> die probleme erfinden wir, (these) weils

> uns zu gut geht.

Wir brauchen ja irgendwas zu denken ;) Ich kann mir den Zustand *gut*, wenn, dann immer nur in kurzen Augenblicken vorstellen.

> netzliteratur (oder wie das dingsbum

> heißen soll) beschreibt man nicht,

> sondern man schreibt/malt/tippt/mailt/

> brüllt/wavt/gifft/kotzt sie...

Jetzt lass uns Zuschauer, Zuhörer, Mitleser, Mitsurfer doch auch zwischendurch mitdenken und mitschreiben; ich halte so eine Mailingliste auch für eine Art *Form*, man schreibt und denkt und schreibt und ...

Und das *Werk* verändert sich sogar noch dynamisch.

> these:

> der substantivismus in unserer diskussion

> ist imho wohl auch schuld daran, dass nix

> weitergeht (jetzt lass ich mich von dem

> pessimismus sogar noch anstecken).

Wer redet von Pessimismus? Ich verstehe deinen Ärger nicht :(

>> Ich will das PROBLEM aber nicht leugnen,

>> sondern verstehen lernen und über

>> mögliche Lösungswege nachdenken.

>

> die sonne scheint und es ist schön

> draußen, gehen wir spazieren, vielleicht

> fällt uns ein ziegel auf den kopf,

> vielleicht finden wir eine herbstzeitlose,

> sicher aber keine lösung.

Wir liegen gar nicht soweit auseinander, glaube ich.

Ciao

Günther

Mail gesendet: Mittwoch, 3.11.1999 08:02 Betreff: dichtung-digital newsletter Oktober

Werner Stangl schrieb:

> [:-) on]

> das hatte rein didaktische gründe, denn

> wenn ich es ganz deutlich schreibe, geht

> es in die mailbox hinein und beim trash

> wieder raus.

> wenn ich es allerdings in ein/e rätsel/

> verschlüsselung/uneindeutgkeit verpacke,

> muss der betroffene selber aktiv werden:

> nachfragen/gehirn einschalten/

> kopfschütteln.

So ähnlich hat sicher *der liebe Gott* gedacht, als er die Welt und uns Menschen schuf, nur dass er uns keine aufklärende Mail schickt ;)

> und bekanntlich bewirkt eigenaktivität ein

> nachhaltigeres lernen als bloßes

> infoberiesel, sag ich als psychologe so

> mal vor mich hin, der in seiner

> außernetzzeit auch pädagogisch tätig ist.

Was macht wohl *der liebe Gott*, wenn er nicht gerade pädagogisch ist? ;)

Ciao

Günther

Mail gesendet: Donnerstag, 4.11.1999 09:34 Betreff: Definition Netzliteratur ... und was kommt danach?

Werner Stangl schrieb:

> Ingo Mack fragte:

>> ist dir die spucke weggeblieben?

> nein, ich dachte das subject sagt einmal

> alles :-)

Oberflächlich gesehen, na produzieren und experimentieren, und rezipieren und analysieren, und dann wieder produzieren, dann wieder denken, lesen, schreiben... usw.

und dann wieder die Frage „... und was kommt danach?“ Und irgendwann nähert man sich dann vielleicht dem Punkt, wo die *Kunst* immer schon hin wollte und den sie immer umkreist (leider nur ganz selten). Und dieser Punkt ist ganz unauffällig, ganz unspektakulär, sehr abstrakt, ohne Sinn und ohne Bedeutung ... aber was bleibt uns sonst? Nur gut gelaunt zu *surfen an der Oberfläche* ‚online’ oder ‚offline’ in einer *Klickibuntiwelt*?

Die Frage „... und was kommt danach?“ kann gefährlich sein. Vielleicht verpasst man ja in der Zwischenzeit etwas Wesentliches, vielleicht ist man in einer Sackgasse, vielleicht geht’s auch um ganz was anderes?

Aber um was? Zum Glück gibt es den Galgenhumor – der bietet auch da noch Überlegenheit, wo man unterlegen ist ;) ...hmm, vielleicht ist aber auch alles ganz anders, und außerdem ist das wahrscheinlich auch OffTopic(?)

Ciao

Günther

Mail gesendet: Freitag, 05.11.1999 12:40 Betreff: Software die zeitgemäße Form der Kunst

Michael Charlier schrieb:

> Habe ich schon mal gesagt, dass ich jede

> Äußerung eines Künstlers/Kunsterklärers,

> der/die mir sagt, er wolle „die Art und

> Weise (zu) ändern, wie wir die Dinge

> sehen“, unter resigniertem Gähnen in der

> Ablage versenke?

Entweder ich verstehe da etwas ganz falsch, oder das ist ein wirklich interessantes Thema – auch für die Netzliteratur. Ich dachte und denke immer noch, dass das genaue Gegenteil die Aufgabe von Kunst sein sollte: uns eine NEUE Perspektive zu zeigen, wie wir die Dinge sehen (natürlich so, dass der gesunde Menschenverstand nicht beleidigt wird, obwohl der auch sehr irren kann, wie uns die Naturwissenschaft in diesem Jahrhundert schon öfters bewiesen hat).

Ciao

Günther

Mail gesendet: Freitag, 05.11.1999 12:40 Betreff: Software die zeitgemäße Form der Kunst

Werner Stangl schrieb:

> Günther postulierte in seiner

> kunstdefinition den:

>> gesunde(n) Menschenverstand

>

> lass bitte das „gesund“ weg.

> bittet Werner Stangl

Ich habe nichts postuliert und schon gar nichts definiert, sondern nur meine Verwunderung über Michael’s Satz formuliert, den ich wahrscheinlich falsch verstehe.

Mit dem zugegeben abgedroschenen Ausdruck *gesunder* Menschenverstand meinte ich einfach den rationalen/logischen/sinnlichen Alltagsverstand, mit dem wir hier versuchen zu diskutieren. Wenn wir diesen nämlich in Frage stellen, dann haben wir kein geeignetes Werkzeug mehr, um zu kommunizieren. Aber ich lasse gerne *gesund* weg ;)

Ciao

Günther

Mail gesendet: Freitag, 05.11.1999 15:31 Betreff: Software die zeitgemäße Form der Kunst

Michael Charlier schrieb:

> [...]

> Aber auch mit den neuen Perspektiven ist

> das so eine Sache: Je älter man wird,

> desto geringer wird der Fundus an noch-

> nie-gesehenen Perspektiven. Und desto mehr

> Leute laufen aufgeregt herum und gackern:

> Guck mal, was ich für tolle neue

> Perspektiven habe.

>

> Ich mag es nicht, wenn Kunst mir so

> didaktisch daher kommt und mir erklärt,

> ich hätte meine Hausaufgaben nicht

> gemacht. Kunst darf mich überwältigen oder

> verblüffen. Manchmal gelingt ihr das –

> dann interessiere ich mich für sie. Oder

> eben nicht.

Ich bin mir nicht sicher, ob Wisniewski das so meint, wie du befürchtest. Vorausschicken muss ich, dass ich mich nur auf das beziehe, was Werner gepostet hat (ich kenne den *Netomat* nicht):

<Zitat-Anfang>

> [...] Der Netomat löst die statischen

> Webseiten auf, reißt sie aus ihrem

> Zusammenhang und präsentiert sie als

> bewegte Collage.

> Seine Absicht sei, „die Art und Weise zu

> ändern, wie wir die Dinge sehen“, sagt

> Wisniewski. Wisniewski hält Software für

> eine zeitgemäße Form der Kunst. Im Web

> sieht er nicht nur eine Datenbank, sondern

> eine einzige große Anwendung. [...]

> Jede neue Anfrage bringt unerwartete

> Ergebnisse, während sich der Browser

> zugleich die bisherigen Anfragen merkt und

> im Fluss der Informationen berücksichtigt.

> Der ständige Strom der Web-Inhalte speist

> sich aus verschiedenen Quellen zugleich.

> Wer sich darauf einläßt, kann ebenso

> ungewohnte wie faszinierende Erfahrungen

> machen.

<Zitat-Ende>

Ich sehe in diesen Aussagen einen Versuch, ein abstraktes (Kunst-)Werk zu beschreiben – nicht mehr und nicht weniger. Ich sehe nirgends einen *didaktischen Zeigefinger*, der verlangt, man solle Hausaufgaben machen und müsse sich ändern.

Ciao

Günther

Mail gesendet: Samstag, 06.11.1999 21:39 Betreff: Kunst-System

Hallo!

Werner Stangl schrieb:

> lasst doch kunst, wie sie ist.

> oder wollt ihr retour auf ansätze (anleihe

Nein, zu diesem Ansatz will ich nicht zurück, aber nur, weil er die Begriffe *Kunst* UND *Natur* enthält, und weil er nichts über die Dynamik dieses Systems aussagt. Aber eine mathematische Formel ist m.E. manchmal schon ein gutes Denkwerkzeug, um ein Thema etwas abstrakter zu sehen. Mich hat dieser Hinweis jedenfalls angeregt, nachzudenken.

Mir ist klar, dass vielleicht einige in der Liste jetzt aufschreien und alle Abwehrhaltungen mobilisieren, um diesen Denkansatz abzulehnen. Nur vorweg (gleich zu meiner Verteidigung): mit *materialistisch*, *reduktionistisch* oder ähnlichem hat das Ganze nichts zu tun. Es ist „nur“ ein Gedankenmodell, das mir im Zusammenhang unserer Kunst-Diskussion eingefallen ist.

Für Künstler ist das Folgende wahrscheinlich uninteressant, weil sie lieber _kreativ_ sein wollen, wie auch immer das funktioniert.

Wenn ich eine Formel gebrauchen müsste, um *Kunst* zu beschreiben, müsste sie rekursiv bzw. iterativ sein. *Wiederholung* ist m.E. das Zauberwort für fast alles, was in unserer Welt passiert. Alles passiert „Schritt-für-Schritt“, nur die Schrittweite ist verschieden. Moderner ausgedrückt: die Taktrate ist bei jedem System unterschiedlich groß und damit verändert sich jedes System verschieden schnell.

Das *Kunst-System* K ist ganz allgemein und abstrakt:

Wobei K(t) das System K zu (irgend)einem Zeitpunkt t ist, K(t-1) das System K zum Zeitpunkt davor ist (also einen Schritt/einen Takt davor) und X ist das *Neue*, das bei jedem Schritt dazukommt (also ganz allgemein JEDE Änderung des Systems). Die Operation <+> ist völlig irrelevant, es könnte auch der Faktor <*> oder irgendetwas anderes dastehen – berechenbar ist die Formel so-oder-so nicht ;)

Sprachlich ausgedrückt: das Kunst-System ändert seinen Zustand mit jedem Takt. Das ist jetzt vielleicht eine banale Aussage.

Interssanter sind wahrscheinlich die Thesen, die sich m.E. daraus ergeben:

1. Das Kunst-System ist komplex und ändert sich dynamisch.

2. Es gibt sehr viele Beteiligte und sehr viele (Kommunikations-/Informations-) Beziehungen untereinander.

3. Alle Beteiligten ändern das Kunst-System gleichzeitig.

4. Jede/r Beteiligte hat eine andere Sicht auf das Kunst-System.

5. Keine Sicht ist qualitativ wichtiger als eine andere.

6. Kein/e Beteiligte/r kennt ALLE Einzelheiten des Kunst-Systems.

7. Es gibt Sub-(Sub-...)Kunst-Systeme („Szenen“), für die die Thesen 1 bis 6 ebenfalls gelten.

Ähnlichkeiten mit anderen Systemen sind gewollt, weil kaum zu vermeiden. Das ganze ist ein reines Gedankenspiel, das weder (ab-)werten, noch reduzieren, noch klassifizieren oder einschränken will. Wer eine andere Sichtweise hat, hat eben eine andere ;)

Natürlich lese/schaue/höre/klicke ich mir wirkliche Kunstwerke viel lieber an, als abstrakt darüber nachzudenken.

Ciao

Günther

Mail gesendet: Donnerstag, 11.11.1999 09:23 Betreff: Internet-Literaturwettbewerb zum Millenium

Wodile schrieb:

> die grenzen sind derzeit im netz schnell

> erreicht. Es ist zb im netz kaum möglich,

> mal „wirklich zu provozieren“. Versuche es

> mal. Es geht nicht. Entweder weil es nicht

> provokant genug ist oder weil die leute

> gleich wieder weg klicken.

Kunst kann/soll m.E. auch viel mit Provokation zu tun haben. Und die ist im Netz wirklich OHNE Grenzen möglich. Mit *Werten* im alten Sinn hat das wohl nichts mehr zu tun. Es ist „jenseits von Gut und Böse“...

Ciao

Günther

Mail gesendet: Sonntag, 14.11.1999 16:41 Betreff: Selbstähnlichkeiten

Hallo Liste!

Ich liebe diese *Selbstähnlichkeiten* in unserem Leben! Da surft man so durch’s Web, findet zufällig eine Mailingliste mit interessant klingenden Namen, meldet sich an, liest passiv eine gewisse Zeit lang aufmerksam mit, findet die Themen und Teilnehmer sehr interessant, stellt sich dann irgendwann ganz förmlich vor, redet ein paarmal mit, lernt die Regeln und die Fachsprache (imho, scnr, rl, vl, ...) kennen, macht die unvermeidlichen Fehler (Vollquote, der falsche Ton oder das falsche Smiley zur falschen Zeit, Missverständnisse usw.) und fragt sich dann irgendwann: Was soll das ganze? Wozu das ganze? Was mache ich hier eigentlich?

Jetzt übertrage man diese Schilderung auf das ganze Leben – und – was für eine Überraschung – man kommt drauf, dass es hier genauso läuft ;)

Weil hier in der Liste einige Peter Sloterdijk kennen, hier ein kurzes passendes Zitat:

<Zitat/Anfang>

„Zeitlebens sind wir in der Lage von Leuten, die zu spät ins Theater kommen – in einem Zwischenakt wird die Tür noch einmal geöffnet, wir zwängen uns atemlos in den Raum und suchen im Dunkeln nach dem eigenen Platz. Den Anfang der Handlung haben wir verpasst, und für den Augenblick kann nicht mehr geschehen, als dass wir nun an ihrem Gang so aufmerksam wie möglich folgen.“

<Zitat/Ende>

[Peter Sloterdijk in „Zur Welt kommen – zur Sprache kommen“]

Leben ist einfach unvermeidlich.

*Unsubscriben* (im RL heißt das dramatisch, den „Freitod“ wählen) kann man natürlich immer – ob mit oder ohne Mausklick.

Ciao

Günther

PS: das kleine Büchlein von P. Sl., aus dem das Zitat stammt, kann ich nur jedem empfehlen. Es ist m.E. eines seiner besten.

Mail gesendet: Sonntag, 14.11.1999 23:13 Betreff: Selbstähnlichkeiten

Claudia Klinger schrieb:

> wunderschön, deine Analogie! Allerdings:

>

>> „Unsubscriben“ (im RL heißt das

>> dramatisch, den „Freitod“ wählen) kann

>> man natürlich immer – ob mit oder ohne

>> Mausklick.

>

> ist die Ähnlichkeit im Ende nicht die des

> Anfangs: oder hast du das Real Life

> freiwillig subscribiert????

Wie soll die Antwort sein?

zynisch ;-]

pragmatisch :-|

wissenschaftlich :-|

philosophisch 8-)

religiös :-(

künstlerisch :-)

(netz)literarisch :-))

ironisch ;)

satirisch ;o)

...

trivial/banal:

den Anfang meines RL kenne ich nur aus Erzählungen. Ich bin mir nicht sicher, wie das SUBSCRIBE wirklich funktioniert hat ;)

Ciao

Günther

Mail gesendet: Mittwoch, 17.11.1999 21:35 Betreff: Plastizität des Bewusstseins

Goedart Palm schrieb:

> Überleben im Netz und anderswo (Warnung:

> kursorischer Kurztext) [...]

Es ist ein seltsames Gefühl für mich als *Neuer*, in einer Mailingliste, wo es um Netzliteratur gehen sollte, plötzlich mit Fragen konfrontiert zu sein, die so in die Tiefe gehen.

Es gibt m.E. so etwas wie eine „Antarktis im Kopf“: weit, kalt, klar. Faszinierend, nur erfriert man, wenn man sich länger dort aufhält. Zumindest geht’s mir immer so, wenn ich die virtuelle Gratwanderung zwischen Tiefsinn und Leichtsinn nicht schaffe. Im Zweifel oder bevor es „gefährlich“ wird, entscheide ich mich immer für den Leichtsinn – reiner Überlebensinstinkt ;)

Über Mozart hat irgendwer einmal gesagt: „So viele Noten!“. Umgelegt auf dich fällt mir ein: „So viele Gedanken in Worte gefasst!“ (... und das auf der Höhe der Zeit! Live!).

Ich bin erst beim Abspeichern deiner *Textbaustelle* auf meiner Festplatte. Zum Lesen komme ich nur zwischendurch. Aber das, was ich gelesen habe, finde ich erstaunlich (ob mit oder ohne Fremdwörter), faszinierend bis gefährlich (für das Bewusstsein). Ich würde gerne darüber hier in der Liste diskutieren – nur gibt’s ein Problem dabei:

wie schaffen wir den Dreh, um das ganze *ontopic* zu machen, wie Jan Ulrich Hasecke bemerkte. Es wird ja seit zwei Tagen so still in der Liste. Dass man über das Schweigen soll, worüber man nicht reden kann, ist ja ein alter Hut, der zum Verhaltenskostüm früherer Zeitgenossen gepasst hat. Woran liegt es dann?

Vielleicht geht es jetzt um den *Content*, den die Netzliteratur – wie auch immer – in eine neue *Form* bringen soll/kann/muss.

Ciao

Günther

Mail gesendet: Donnerstag, 18.11.1999 09:18 Betreff: Plastizität des Bewusstseins

Claudia Klinger schrieb:

> Fang einfach an, darüber zu sprechen, was

> dich angeht, was dich beeindruckt, was du

> denkst...

> Also los: lass uns auf dem Grat wandern...

... tue ich ja schon die ganze Zeit ;)

> Argumentativ kann man immer begründen, das

> „Plastizität des Bewusstseins“ ganz

> zweifellos ein geradezu unverzichtbar

> literatur-relevantes Thema ist.

O.K. dann lass uns das „Projekt“ kurz skizzieren und konzipieren: Budget? Ziel? Markt? Zielgruppe? Zeitplan?

(Abgabetermin/Deadline?) *grins* Spaß beiseite: es geht m.E. bei solchen Diskussionen an die existentielle Substanz, wenn sie wirklich ernst geführt werden. Wie soll man „selbstbewusst“ mit „sicherem Auftreten“ über Dinge reden, die ins „Bodenlose“ und „Grenzenlose“ führen?

Sloterdijk hin oder Flusser her, die kochen ja auch nur mit Wasser (naja, Flusser kocht ja nicht mehr).

Ich beobachte schon lange etwas, was mich oft erstaunt, erheitert, aber manchmal auch verunsichert: man kann sich über ALLES lustig machen! Wir leben nicht nur oberflächlich in einer lustigen *Klickibunti*-Welt, sondern auch philosophisch in einer *Infotainment*-Welt, in der meistens nur der Lacherfolg zählt.

Der Mensch will in einer unerträglichen und maßlosen Welt unterhalten werden! Ob das jetzt im besten Fall die *Ironie der Leichtigkeit des Seins* ist oder der Zynismus von Leuten, die (scheinbar) wissen, wo es (scheinbar) lang geht.