The Light in you - Nora Theresa Saller - E-Book

The Light in you E-Book

Nora Theresa Saller

3,0

Beschreibung

Sein Leben reicht Brandon nicht mehr! Als er seine Familie und die Hotels seines Vaters mit all den furchtbaren Erinnerungen hinter sich lässt, stellt sich über die Jahre eine nicht mehr zu ignorierende Unzufriedenheit in ihm ein. Eine kurze Auszeit in Aspen soll Brandon dabei helfen, einen neuen Weg für sich zu finden. Doch scheint sein Plan nicht aufzugehen. Anstatt zur Ruhe zu kommen, konfrontiert ihn eine junge, schöne Frau mit der schmerzvollen Vergangenheit in einer Version, die er bislang noch nicht kannte. Aber auch die Gefühle, die sie in ihm weckt, passen ihm gar nicht - anfangs.

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Sein Leben reicht Brandon nicht mehr! Als er seine Familie und die Hotels seines Vaters mit all den furchtbaren Erinnerungen hinter sich lässt, stellt sich über die Jahre eine nicht mehr zu ignorierende Unzufriedenheit in ihm ein. Eine kurze Auszeit in Aspen soll Brandon dabei helfen, einen neuen Weg für sich zu finden. Doch scheint sein Plan nicht aufzugehen. Anstatt zur Ruhe zu kommen, konfrontiert ihn eine junge, schöne Frau mit der schmerzvollen Vergangenheit in einer Version, die er bislang noch nicht kannte. Aber auch die Gefühle, die sie in ihm weckt, passen ihm gar nicht - anfangs.

Über die Geschichte:

Bis auf die Hotels und den Pub gibt es die wunderschönen Orte in Colorado wirklich. Die Protagonisten hingegen sowie ihre Namen sind ausnahmslos frei erfunden und etwaige Parallelen zur realen Welt rein zufällig. Dieser Roman ist für jene Leser, die gefühlvolle Liebesromane lieben, denen es darüber hinaus weder an Spannung noch Erotik fehlt.

Nora Theresa Saller lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Hannover und arbeitet freiberuflich als Schriftstellerin. Seit früher Kindheit ist sie fasziniert von Texten und deren Wirkungsweisen. Die Lust am Schreiben und Lesen weckte ihre Großmutter, die sich in der Nachkriegszeit den Traum einer eigenen Buchhandlung erfüllte. Ihre Romane und Kurzgeschichten veröffentlicht sie unter Pseudonym.

Inhaltsverzeichnis

Back to the Roots

Ein gefährliches Spiel

Allen Dämonen zum Trotz

Den Abgrund vor Augen

Upgrade für Fortgeschrittene

Schatten der Vergangenheit

Back to the Roots

Die Sonnenstrahlen machten den Staub, den ich beim Lüften aufwirbelte, sichtbar. Milliarden kleiner Schwebeteilchen glitzerten im Licht. Eine halbe Ewigkeit war ich nicht mehr hier oben in der alten Hütte meiner Familie gewesen. Ein Relikt aus der Zeit des Silbererzabbaus in Aspen. Das Hinauswandern hatte gutgetan, doch war ich nach Flug und Aufstieg erschöpfter als gedacht. Eine Woche Besinnung und Erholung lagen vor mir, um diesen unsäglichen Piepton in meinem Ohr loszuwerden. Außerdem musste ich mir Gedanken machen, ob der berufliche Weg, den ich vor vier Jahren eingeschlagen hatte, noch der richtige für mich war. Als Verkaufsleiter einer Tool Company verdiente ich gutes Geld, doch war der Preis, dass ich mein Privatleben dafür opferte, auf Dauer zu hoch. Ich war Anfang dreißig und sehnte mich nach einem warmen zu Hause, nach jemandem, der auf mich wartete und möglichst kein Hund war. Stattdessen bewohnte ich immer noch Mrs Morrisons kleines Gästezimmer und ließ mir von ihr die Hemden bügeln. Die Pension hatte sich als praktisch erwiesen. Zu praktisch für einen einsamen Workaholic. Es war ihre Idee gewesen, eine Auszeit zu nehmen. Und nun, da ich hier stand und mir die vergilbten Familienfotos an der Holzwand ansah, war ich froh, ihrem Rat gefolgt zu sein. Die kalte Frühlingssonne ging langsam unter und verwandelte die Berge in die Goldberge, die sie einst waren, als sie meine Vorfahren zu wohlhabenden Leuten machten. Es wurde Zeit, das Feuer im Kamin zu entfachen, wenn ich nicht erfrieren wollte. In gut 2.500 Meter Höhe konnte es im April hier in den Rocky Mountains empfindlich kalt werden. Die Lebensmittel aus meinem Rucksack stellte ich in die Truhe vor der Hütte und platzierte den Schlafsack vor dem Kamin. Mit Bier und ein paar Würstchen, die ich am Stock über dem Feuer grillte, machte ich es mir in dem kleinen Raum gemütlich. Der modrige Geruch, den die Hütte anfangs verströmte, wich angenehmem Bratenduft und dem von brennendem Holz. Das unrhythmische Knacken explodierender Harzblasen geleitete mich schließlich in den Schlaf.

Nach ein paar Eiern mit Speck und einem Becher Kaffee trieb es mich am nächsten Morgen hinaus in den Wald. Die harzige Luft war kalt und feucht. An Spinnenweben hatten sich Tautropfen gebildet. Meine Augen saugten das frische Grün um mich herum auf. Mit aller Macht trieben die Bäume ihr neues Blattwerk aus. Mein Blick folgte den weißen Stämmen der Zitterpappeln, die diesem berühmten Ort den Namen gaben, hinauf zu ihren Wipfeln. Ich ließ mich auf den Waldboden sinken, genoss das Rauschen der Baumkronen und verfolgte die sanften Bewegungen, die sie vollzogen. Wie weit weg schienen da das stickige Büro und das nervende Klingeln des grauen Telefons auf meinem Schreibtisch? Ganz abgesehen von dem Gebrüll meines cholerischen Chefs, Bill Walsh. Mein Gott, ich war hier, um das alles hinter mir zu lassen und nicht an diesen kleinen untersetzten Giftzwerg zu denken. Das Knacken eines Astes lenkte meine Aufmerksamkeit hangabwärts Richtung Hütte. Die Bäume und Büsche versperrten mir die Sicht, ließen jedoch schemenhaft erkennen, dass jemand oder etwas zur Hütte lief. Vater hatte mich oft genug gewarnt, hier oben nicht ohne Gewehr hinaus zu gehen. Jetzt, wo mir etwas zu meiner Verteidigung gegen Schwarzbären und vielleicht sogar einen Elch fehlte, ärgerte ich mich über meine Nachlässigkeit. Leider musste ich mir eingestehen, dass ich weit entfernt davon war, nur einen Tag in der Wildnis überleben zu können. In Chicago bestellte ich mein Essen telefonisch oder fuhr zu einem Drive-in. War Städter durch und durch. Bislang fand ich daran nichts Verwerfliches. Doch inmitten der Natur merkte ich umso mehr, dass ich an meinem derzeitigen Lebensstil etwas ändern wollte.

Als ich das Quietschen der Hüttentür hörte, beschleunigte sich mein Puls. Langsam und möglichst geräuscharm überwand ich den kurzen Weg zurück zur Hütte und blickte durch das schmutzige Fenster. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit sah ich die Silhouette eines Menschen, da ich annahm, dass Bären keine Rucksäcke trugen. Verärgert über die Störung ging ich zur Vordertür, die noch immer offenstand.

»Das ist Privatbesitz! Was wollen Sie hier?«

Die Schroffheit in meiner Stimme tat mir augenblicklich leid, als ich die vermeintliche Begrüßung aussprach und sich der Eindringling erschrocken zu mir umdrehte.

»Du liebe Güte, hast du mich erschreckt!«

Die Frau verfiel in ein erleichtertes Lachen und kam mit ausgestreckter Hand auf mich zu.

»Hallo Brandon, dein Vater erzählte bereits, dass du auch hier bist. Schön, dich wiederzusehen.«

Meine Hand griff zögerlich nach ihrer und in meinem Kopf begannen sich die Rädchen zu drehen. Doch auch nach einer kurzen Ewigkeit konnte ich diese junge Frau keineswegs einordnen und auch nicht, warum Vater mit ihr über meine Nachricht sprechen sollte, die ich ihm kurz vor Abreise aus Chicago geschickt hatte. Sie war jünger als ich und bildschön. Die langen roten Haare waren zu einem Zopf geflochten und ihr schlanker Körper steckte in sportlicher Bekleidung. Ihr Lächeln erstarb, als ich stumm blieb.

»Oh, … du erkennst mich nicht?«

»Ich muss dich leider enttäuschen. Nein. Du musst mir wohl auf die Sprünge helfen.«

»Betty Harper.«

Ihr Gesichtsausdruck verriet die Spannung, doch außer, dass sie ebenfalls, wie ich, Harper hieß, war sie mir völlig unbekannt. Entschuldigend zog ich die Schultern nach oben.

»Es tut mir wirklich leid, Betty, aber sind wir vielleicht entfernte Verwandte?«

»Scheinbar entfernter, als gedacht. Ich muss zugeben, dass es lange her ist, dennoch habe ich angenommen, dass ich dir in Erinnerung geblieben wäre. Schließlich waren unsere Eltern verheiratet und wir lebten zusammen in Lakewood. Eine Zeitlang zumindest.«

Wie bitte? Diese Frau vor mir war die hässliche kleine Tochter von Dads Exfrau Carmen? Es fiel mir schwer, meine Verblüffung zurückzuhalten. Auch wenn sie und Carmen nach der Hochzeit bei uns eingezogen waren, mied ich ihre Gegenwart damals.

»Elisabeth! Darauf wäre ich wirklich nie gekommen. Meine Güte, hast du dich verändert.«

»Ich verstehe das als Kompliment.«

»Das muss doch jetzt 10 Jahre her sein, oder?«

»Beinahe 13! Ich trug meine erste Zahnspange und wog mehr als jetzt, als du nach Chicago gegangen bist.«

Damals war ich froh, dass ich diese kleine Nervensäge nicht mehr sehen musste.

»Ja, mag sein … Ich muss gestehen, ich erinnere mich kaum noch an diese Zeit.«

Das war nur die halbe Wahrheit. Ich wollte mich nicht an diese Zeit erinnern. Nach der Hochzeit von Vater und ihrer schrecklichen Mutter, habe ich oft bei meinem besten Freund Matt übernachtet. Schließlich bin ich weit weg von Denver nach Chicago auf das Calumet College gegangen, um meinen Abschluss in Betriebswirtschaft zu machen. Vater wollte, dass ich in Denver bleibe, doch ich ertrug es nicht, dass er bereits ein Jahr nach Mutters Tod wieder heiratete - zu allem Überfluss auch noch seine Empfangsdame. Er hoffte sicher immer noch, dass ich ins Hotelgewerbe einsteigen und eines seiner Hotels übernehmen würde. Ich hingegen wollte nichts mehr mit alledem zu tun haben. Die Hotels erinnerten mich schmerzhaft an den Verlust meiner Mutter, an ihren Tod und daran, dass er sich Ersatz innerhalb der Belegschaft gesucht hatte. Später erfuhr ich von Granny, dass mein Dad zwei Hotels verkaufen musste, um Carmen auszubezahlen. Geblieben waren nur das kleine Harpers Inn meines Großvaters hier in Aspen und das gleichnamige Flaggschiff im Zentrum von Denver.

Elisabeth ließ ihren Rucksack auf den Holzboden hinabsinken und zog ihre Jacke aus.

»Könnte ich wohl einen Tee bekommen?«

»Sicher. Ich setze Wasser auf.«

Sie war enttäuscht. Wahrscheinlich hatte sie sich meinerseits etwas mehr Freude über ihren Besuch erhofft. Ich hingegen hoffte inständig, dass sie nach dem Tee das Weite suchte, bevor es kompliziert wurde. Alte Familiendramen wollte ich weiß Gott nicht aufleben lassen.

»Verrätst du mir, was dich herführt?«

»Ich schätze mal, dasselbe wie dich. Die Natur genießen. Warum kommt man sonst an einen Ort wie diesen?«

»Na ja, um seine Ruhe zu haben.«

Der Satz ging mir schneller über die Lippen, als mir im Nachhinein lieb war. Ohne es auch nur ansatzweise vor mir verbergen zu wollen, rollte sie ihre großen grünen Augen.

»Brandon, ich habe nichts dagegen, dass du hier übernachtest. Nach all den Jahren habe ich zwar gehofft, dass der Graben zwischen uns etwas schmaler geworden ist. Ich bin aber nicht gerade überrascht, dass es nicht so ist. Bitte tue mir nur den Gefallen und räume auf, bevor du wieder gehst. Nach der Wintersaison brauche ich die Hütte wieder und habe weder Zeit noch Lust dir hinterher zu räumen.«

Was dachte dieses Frauenzimmer, mit wem sie hier sprach?

»Sag mal, wie redest du eigentlich mit mir? Ich wüsste nicht, was es dich angeht, wie es hier aussieht.«

Es forderte mich einige Überwindung, nach ihrem skurrilen Monolog meine Fassung nicht zu verlieren. Blöde Kuh!

»Wenn du dich auch nur einmal mit deinem Vater unterhalten hättest, wüsstest du, dass er mir die Hütte überlassen hat.«

»Wie bitte? Was soll Dad gemacht haben?«

»Sei bitte nicht kindisch. Du warst das letzte Mal mit zwölf Jahren hier oben.«

»Ich glaube dir kein Wort! Das ist doch nichts weiter, als das übliche intrigante Spiel von deiner Mutter und dir. Ihr habt damals das halbe Vermögen bekommen, was meinen Vater zwei seiner Hotels gekostet hat. War das nicht genug? Müsst ihr auch noch unsere Familiengeschichte an euch reißen. Wie kann man so gierig sein?«

Ich musste dringend mit Vater sprechen, um dieses Weibsbild aus meiner Hütte schmeißen zu können. Wie konnte man nur so widerlich sein? Ich weiß gar nicht, ob ich Gegenwehr erwartete, aber sie blieb aus. Als ich nach meiner Jacke griff, fiel mein Blick auf ihre tränenverschleierten Augen. Sie hatte wohl selbst gemerkt, dass sie zu weit gegangen war. Mir reichte es jedenfalls für den Moment und ich stürmte aus der Hütte.

Das lausige Funknetz hier in den Bergen zwang mich, bis fast hinunter in den Ort zu laufen. An einer Informationstafel für Wanderwege machte ich halt und wählte aufgewühlt die Nummer meines Vaters.

»Harper.«

Er klang heiser und angestrengt. Älter als bei unserem letzten Telefonat vor … vor … Monaten vermutlich.

»Hi Dad, ich bin’s?«

»Brandon?«

»Ja, natürlich bin ich es oder gibt es noch einen Mann, der dich Dad nennt?«

»Nicht, dass ich wüsste. Leider ist mein Sohn niemand, der mit seinem Vater regelmäßig telefoniert, geschweige denn, sich treffen mag. Weißt du eigentlich, wann ich zuletzt von dir gehört habe?«

»Nein Dad, das weiß ich nicht. Aber du wirst es mir sicher gleich verraten.«

Ich hasste diese Gespräche. In meinem Alter sollte ich mir wirklich keine Predigten mehr anhören müssen. Doch mein alter Herr überraschte mich mit Nachsichtigkeit.

»Ach mein Junge, ist ja auch egal. Was ist der Grund deines Anrufes?«

»Ich bin seit gestern in Aspen … in unserer Hütte. Ausgerechnet heute bekomme ich Besuch von Elisabeth Sloan. Sie behauptet, dass du ihr unsere Hütte gegeben hast.«

»Sie heißt Harper, nicht Sloan und sie hat mir letzte Woche gesagt, dass sie nach Aspen fährt.«

»Letzte Woche? Warum sprichst du mit ihr? Sie hat schließlich dein halbes Vermögen geklaut.«

»Ich spreche mit ihr, weil ich sie sehr gern habe, und um deine ungestellte Frage zu beantworten: Ja, es ist nun ihre Hütte. Ich hätte dich gern gefragt, ob etwas dagegenspricht, aber habe mich dann dafür entschieden, ihr die Hütte zu geben. Deine Missachtung meiner Anrufe habe ich als Desinteresse gewertet. Nun ist es so und ich bitte dich, es zu akzeptieren.«

»Das kann doch nicht dein Ernst sein? Ist dir eigentlich bewusst, wie viel ich im letzten Jahr gearbeitet habe? Ich habe kein Privatleben mehr. Sitze nur noch am Schreibtisch und arbeite wie ein Verrückter. Dann komme ich nach Aspen, um endlich einmal Urlaub zu machen, um Luft zu holen, und nach nicht einmal vierundzwanzig Stunden in der Hütte meiner Vorfahren muss ich erfahren, dass du unser Familienerbe an diese gierige Schlange verhökert hast? Ich fasse es nicht!«

»Das ist wirklich sehr bedauerlich, dass du es so siehst. Bevor ich auflege, möchte ich dir noch sagen, wann du mich das letzte Mal angerufen hast: Es war zu meinem Geburtstag. Vor zwei Jahren.«

Irritiert vom unerwarteten Ende unseres Gesprächs starrte ich auf das Display. Normalerweise würgte ich ihn sonst ab. Aber das es bereits zwei Jahre her sein sollte, dass wir zuletzt telefoniert hatten, schockierte mich zutiefst. Das bedeutete, dass ich wenigstens einen Geburtstag vergessen hatte. Ein erneuter Blitz durchströmte meinen Körper. Ich wischte über das Display, um mich zu vergewissern, dass heute nicht sein Geburtstag war. Nein, erst in fünf Tagen. Dennoch, dass er ihr die Hütte ohne meine Kenntnis gegeben hatte, konnte ich nicht begreifen. Niemals hätte ich dem zugestimmt.

Völlig ahnungslos, was ich jetzt machen sollte, blickte ich um mich. Vor mir lag Aspen, hinter mir der Pfad zur Hütte. Kurzerhand entschied ich mich dafür, in den Ort zu gehen.

Die Skisaison war so gut wie vorbei und die Tage wurden ruhiger. Aspen ist eine wunderschöne kleine Stadt. Einst am Reißbrett entworfen, reihen sich die Häuser an den geraden Straßen aneinander. Niedliche Holzhäuser neben rotgemauerten Kastenhäusern, die Mom immer Schuhschachteln nannte. Ich mochte das Stadtbild. Hier waren die Bäume in den Straßen noch höher als die Gebäude, und im Sommer dominierten das viele Grün und unzählige bunte Blumen. Seit meinem letzten Besuch hatte sich das Zentrum verändert. Viele neue Restaurants, Galerien und Hotels fielen mir auf. Teure Designerläden zierten die rotgepflasterte Fußgängerzone, auf der die Touristen wandelten. Stolz trugen sie die Papiertüten von Gucci und Prada zur Schau oder saßen in Wolldecken gehüllt unter den Heizpilzen vor den Bars und stießen gutgelaunt mit Champagnerflöten an. Ich blieb vor dem Wheeler Opernhaus stehen und betrachtete die rötliche Sandsteinfassade mit den kleinen dunkelblauen Markisen an den unteren Fenstern. Mit meinen Eltern war ich als kleiner Junge oft in diesem Haus. Ich konnte mich noch gut an die weichen, roten Samtsitze und die taubenblau gestrichene Decke im Saal erinnern. Aspens kulturelles Angebot suchte seinesgleichen. Die Kleinstadt war nicht nur die offensichtliche Ski-Hochburg neureicher Amerikaner, die sich unter Champagnerregen feierten, es war vor allem in den Sommermonaten ein Ort musikalischer Inspiration, wenn das jährliche Musikfestival Einzug hielt und wochenlang mit Konzerten aufwartete.

Ich ließ mich weiter von den Straßen führen, entlang des Paepcke Parks, bis sich in der East Main Street vor mir das dreistöckige Harpers Inn erhob. Es war viel schöner als in meiner Erinnerung. Die graublau gestrichenen Holzelemente der Fensterrahmen und des großen Balkons, der zur Hälfte über den Gehweg ragte, harmonierte perfekt zum Rotton des Sandsteins. Wie das Wheeler Opernhaus wurde auch dieses Gebäude Ende des 19. Jahrhunderts erbaut. Auf den zweiten Blick sah man dem Mauerwerk die Zeit an, doch wirkte es mit seinen kleinen Makeln nur noch einladender.

Plötzlich fand ich mich in der kleinen Empfangshalle wieder, sog die Eindrücke und das leise Pianospiel in mich ein. Ein warmes Gefühl durchströmte mich und ließ mein Herz fast platzen. Als Mutter noch lebte, waren wir oft hier. Sie wünschte sich, dass ich dieses Hotel irgendwann führte. Ich sah mich als Kind über den dunkelroten Teppich flitzen und meine Mutter beim Tee mit ihrer Freundin im Salon lachen. Mit ihrem Tod waren all diese schönen Erinnerungen gegangen. Ich nahm auf dem verschlissenen, braunen Ledersofa gegenüber des Empfangstresens Platz und genoss die Atmosphäre. Der goldene Kronleuchter über mir tauchte den Salon in warmes Licht, welches mir das Gefühl gab, dass sich nichts verändert zu haben schien. Die buntgemusterte Tapete oberhalb der dunklen Holztäfelung an den Wänden schluckte einen Großteil der Beleuchtung und machte den Raum kleiner, als er vermutlich war. Dieses Interieur war typisch für diese Gegend. Überladen und bunt. Muster auf Muster. Ich liebte das viele Holz, das in den Räumen verarbeitet worden war, doch dem restlichen Firlefanz konnte ich nichts abgewinnen. Helle Räume und klare Linien waren mir lieber.

Neben mir tauchte eine Gestalt auf.

»Guten Tag, Sir. Haben Sie einen Wunsch?«

Ein Mann ungefähr meines Alters in Livree lächelte mich freundlich an.

»Würden Sie bitte die Zeit für mich zurückdrehen?«

»Sir?«

»Entschuldigen Sie bitte. Ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen. Wissen Sie, ich habe als Kind viel Zeit hier verbracht und schwelge gerade in Erinnerungen.«

»Verstehe, Sir. Dann freut es mich sehr, sie erneut hier begrüßen zu können. Darf ich Ihnen etwas empfehlen?«

Der Mann war eindeutig Engländer. Vielleicht hatte er sogar eine Ausbildung zum Butler durchlaufen.

»Sehr gern … wie war gleich Ihr Name?«

»Montgomery, Sir. Dürfte ich Ihnen vielleicht eine heiße Schokolade bringen?«

Verwirrt lächelte ich ihn an, musste aber zugeben, dass es genau das war, was mir in diesem Moment fehlte. Wahrscheinlich hätte mir ein Amerikaner eher einen Whiskey empfohlen, den ich vor zwei Stunden sicher vorgezogen hätte.

»Ja, Mr. Montgomery. Warum nicht? Bringen Sie mir bitte eine heiße Schokolade.«

»Sehr wohl, Sir.«

Er verbeugte sich und verschwand genau so unauffällig, wie er gekommen war.

Auf dem niedrigen Tisch vor mir lag eine Mappe mit Ausflugzielen und Aktionsangeboten für die Gäste. Ich zog diese auf meinen Schoß. Vielleicht fand ich ein Angebot für mich, was mich den ganzen Mist, der von Arbeit bis Familie reichte, einen Moment vergessen ließ. Und tatsächlich sprang mir eine geführte Wandertour ins Auge:

Back to the Roots

Erleben Sie drei Tage in der Wildnis der Rocky Mountains.

Übernachten Sie in freier Wildbahn, fischen Sie mit selbstgebauten

Angeln und lernen Sie, Feuer ohne moderne

Anzünder zu entfachen.

Genau das, was ich jetzt brauchte. Montgomerys Schatten tauchte neben mir auf und ließ mich aufblicken. Er stellte das Service vor mir ab und reichte dazu ein paar Sandwiches.

»Ein Gruß aus der Küche, Sir.«

»Wie aufmerksam. Ich danke Ihnen. Dürfte ich Ihnen noch eine Frage zu einem Angebot aus dieser Mappe stellen?«

»Selbstverständlich, Sir.«

»Kann ich bei Ihnen die Tour Back to the Roots buchen? Oder an wen wende ich mich da am besten?«

»Dafür ist unsere neue Managerin zuständig. Ich werde ihr Bescheid geben lassen. Einen kleinen Moment bitte.«

Ich nickte und Montgomery entfernte sich. Wie stilvoll hier noch alles war. Selbst die zwei Pagen, die einen Gepäckwagen zum Lift fuhren, trugen eine ansprechende dunkelrote Uniform mit goldenen Zierknöpfen und ein Schiffchen auf dem gestriegelten Haarschopf. Als wäre die Zeit stehen geblieben.

Und diese heiße Schokolade war ein kulinarischer Traum. Das war gewiss keines der billigen Pulver, die man in fettarme Milch rührte.

»Entschuldigen Sie bitte, Sir. Sie interessieren sich für eines unserer Aktionsangebote?«

Eine ältere Dame, die laut Namensschild Eva Baxter hieß und Hausdame war, lächelte erwartungsvoll. Ich nahm an, dass Montgomery nicht sie im Sinn gehabt hat, als er mir die neue Managerin schicken wollte.

»Ja, richtig. Ich würde gern diese Tour hier buchen. Leider bin ich nur noch fünf Tage in Aspen und hoffe, dass es kurzfristig möglich ist.«

Ihre Augen folgten meinem Finger auf dem bunten Blatt.

»Das werde ich gern für Sie in Erfahrung bringen. Würden Sie mir bitte noch Ihre Zimmernummer verraten, damit ich weiß, wo ich Sie erreichen kann?«

»Oh, ich wohne gar nicht hier, Mrs Baxter. Ich kann Ihnen aber meine Mobilnummer nennen. Obwohl … Sie werden mich oben in der Hütte nicht erreichen. Wissen Sie was, ich checke einfach ein.«

»Das freut mich, Sie als Gast begrüßen zu dürfen. Melden Sie sich doch bei Mr. Brown an der Rezeption an. Ich werde mich später bei Ihnen wegen der Tour melden.«

Du liebe Güte, so spontan war ich zuletzt bei McDonalds, als ich meinen geliebten McRib gegen einen Aktionsburger tauschte und es anschließend bitter bereute. Hoffentlich entpuppte sich das hier nicht auch als Fehlentscheidung. Nach meinem großartigen Imbiss suchte ich Mr. Brown am Empfang auf. Er war der erste Mitarbeiter, den mein Vater eingestellt hatte. Umso gespannter war ich, ob er mich noch erkannte.

»Hallo Mr. Brown, es ist wirklich schön, Sie wiederzusehen.«

Er war älter als Dad und sein Haar war schütter und grau geworden. Bis zum Ruhestand dauerte es sicher nicht mehr lang. Freundliche, trübe Augen sahen über die goldene Nickelbrille und betrachteten mich eingehend.

»Verzeihen Sie mir Sir, mein Gedächtnis ist nicht das Verlässlichste. Ich nehme an, Sie haben uns bereits beehrt?«

»Das ist auch sehr unfair von mir, Sie nach all den Jahren einfach zu überfallen. Ich bin’s, Brandon Harper.«

Die Überraschung in seinem Gesicht wich einem freudigen Lächeln.

»Aber ja! Mister Harper. Wie schön, dass Sie uns besuchen. Bleiben Sie länger in Aspen?«

»Ich freue mich auch. Der Besuch war längst überfällig. Haben Sie vielleicht noch ein Zimmer für mich frei? Nur für ein paar Tage.«

»Ganz gewiss, Mister Harper. Für die Familie haben wir immer ein Zimmer frei. Die Familiensuite ist derzeit leider belegt. Sie wissen sicher, dass ihr Vater morgen anreist. Aber die Hochzeitssuite wäre bis zum Wochenende frei.«

Die Info, dass mein Vater herkommen wollte, schockierte mich mehr, als dass es mich freute. Nach unserem Gespräch vor wenigen Stunden fühlte ich mich wie der letzte Trottel. Wie sollte ich ihm jetzt gegenübertreten? Natürlich war ich sauer wegen der Hütte. Dennoch nagte das schlechte Gewissen an mir, weil ich Dad so lange gemieden hatte. Vielleicht war es ganz gut, dass ich mich dieses Mal nicht drücken konnte.

»Geben Sie mir bitte ein ganz normales Einzelzimmer.«

»Wie Sie wünschen. Die 22 ist noch frei. Das Zimmer hat einen schönen Blick auf die Berge.«

Das wäre keine gute Idee. Dann würde ich jedes Mal beim Blick aus dem Fenster daran erinnert werden, dass unsere Hütte nun nicht mehr unsere Hütte war.

»Hätten Sie ein Zimmer zur Straße hinaus?«

»Gewiss, aber der Pub gegenüber hat jeden Abend von zehn bis elf Uhr Happy Hour. Dort tummelt sich der halbe Ort. Falls Sie etwas ruhiger schlafen wollen, kann ich die Zimmer zur Straße nicht unbedingt empfehlen.«

»Danke Mr. Brown, aber ich wohne in Chicago und bin einiges gewohnt. Das geht in Ordnung.«

»Wie Sie wünschen. Sollten Sie dennoch umziehen wollen, geben Sie mir bitte Bescheid.«

Er legte mir den Schlüssel mit der Nr. 11 auf den Tresen und ich unterschrieb ein Formular.

»Dürfen wir ihr Gepäck nach oben bringen?«

»Heute nicht. Ich habe alles oben in der Hütte gelassen und schaffe es nicht, bei Tageslicht wieder hier zu sein, wenn ich die Sachen jetzt noch hole. Werde mich morgen darum kümmern. Heute könnten Sie mir mit einer Zahnbürste aushelfen.«

»Verstehe. Wir werden Ihnen alles, was Sie benötigen, zur Verfügung stellen.«

»Ich danke Ihnen.«

»Sehr wohl. Haben Sie einen angenehmen Aufenthalt und Sir …«

»Ja, Mr. Brown?«

»Schön, Sie zu sehen. Ich hoffe, wir haben zukünftig häufiger das Vergnügen.«

»Das hoffe ich auch. Mir war gar nicht mehr bewusst, wie schön es hier ist.«

Obwohl ich mich bei einem guten Film in mein Bett zurückziehen sollte, zog es mich am Abend hinüber in den Pub. Die Stimmen auf der gegenüberliegenden Straßenseite waren nicht zu ignorieren. Als dann auch noch eine Fidel einsetzte und lebendige, irische Folklore erklang, packte mich die Neugier.

Der Laden war brechend voll. Voll mit Leuten, die sich amüsierten. Es wurde gelacht und getanzt und das Bier floss in Strömen. So dauerte es eine Weile bis ich endlich die hölzerne Theke erreichte und nach nochmal so langer Zeit vom irischen Bier kosten durfte. Neben ein paar Softdrinks und Whiskeys, war es das Einzige, was zur Auswahl stand. Verblüfft über das kleine Angebot drehte ich mich um und ließ meinen Blick über die Menge schweifen. Was es wohl war, was diese Menschen an diesen Ort zog? Das Bier war sehr gut, keine Frage, aber sonst gab es hier doch gar nichts Besonderes. Der Pub sah mit seiner alten urigen Einrichtung aus wie viele seiner Art. Dunkle Holzbalken, schummriges Licht, geschmückt mit grünen Girlanden vom letzten St. Patricks Day vor ein paar Wochen. Doch, nachdem ich die vielen teuren Läden und Restaurants heute gesehen hatte, war es wohl das, was die Menschen an diesem Ort suchten. Vermutlich waren die meisten hier irgendwo angestellt und fanden im Pub etwas Normalität.

Ein neues Lied erklang und die Menge begann erneut zu feiern. Sie sangen mit und hatten richtig Spaß. Eifersucht stieg in mir auf. Genau danach suchte ich. Ausgelassenheit. Freude am Leben. Allein, sie zu beobachten, malte mir ein breites Grinsen ins Gesicht. Obwohl ich niemanden kannte, fühlte ich mich ausgesprochen wohl. Bis ich feststellen musste, dass ich doch jemanden kannte. Als das Spiel des Geigers nach vielen Zugaben zu Ende ging, trat eine Frau auf die kleine Bühne. Gemeinsam mit dem Geigenspieler und einem Gitarristen begann sie ein Lied zu singen, dass mir ein wohliger Schauer über den Körper fuhr. Die Menge wurde still und hörte ihr ehrfürchtig zu. Diese Art von Musik hörte ich an diesem Abend das erste Mal. Eine Mischung aus irischer Volksmusik und amerikanischem Country. Doch das Bezauberndste an dem Ensemble war die Stimme der Sängerin. Erst als sich unsere Blicke zufällig fanden, erkannte ich, wer sie war.

Elisabeth.

Erschrocken blicke ich weg und trank vor Verlegenheit viel zu schnell mein Bier aus. Sie hätte ich hier wirklich nicht erwartet. Wut stieg in mir auf. Erst machte sie mir meine Hütte madig und jetzt tauchte sie auch noch hier auf, wo ich mich gerade begann zu entspannen. Offenbar war sie noch genauso eine Nervensäge wie damals. Ich knallte das Glas auf den Tresen und kämpfte mich durch die Menge nach draußen. Anstatt ins Hotel zurückzugehen, lief ich die Straße hinauf. Irgendwann stand ich inmitten des Paepcke Parks vor dem kleinen runden Holzpavillon und verspürte einen Mordshunger.

Ich steuerte auf ein kleines Sushi-Restaurant zu, das sich in einem unscheinbar blaugestrichenen Holzhaus versteckte. Nachdem ich meinen Körper in den letzten Jahren mit Fastfood schikaniert hatte, war es nicht verkehrt, ihm etwas Gesundes zu gönnen.

Die nette Kellnerin setzte mich an die Bar, deren Tresen aus einem einzigen langen Baumstamm gefertigt worden war.

Der Blick in die Karte verriet, dass das Essen viel teurer war als erwartet, doch bereits der erste Bissen rechtfertige den Preis. Der Fisch war frisch und zerfiel auf der Zunge.

Ich nahm einen anderen Weg zurück und entdeckte weitere Restaurants, die auch am späten Abend noch gut gefüllt waren. Als ich wieder in die East Main Street einbog, waren die Stimmen im Pub unverändert fröhlich. Das ärgerte mich maßlos. Aber wie konnten die Leute dort drin auch wissen, was in mir vorging oder was für ein intrigantes Miststück ihnen vermutlich allabendlich vorsang – von der großen Liebe und solch einem Quatsch.

Die Empfangshalle des Harpers Inns war leergefegt und vor der Restauranttür stand auf einem goldenen Schild: geschlossen. Mr. Brown stand hinter dem Empfangstresen und nickte mir zu, bevor er mir den Zimmerschlüssel auf den Tresen legte.

»Guten Abend Mr. Brown, darf ich Ihnen eine Frage stellen?«

»Guten Abend, Mr. Harper. Gewiss dürfen Sie das.«

»Warum hat unser Restaurant heute geschlossen?«

»Nun Sir, es hat sich nicht mehr gelohnt, den Betrieb am Abend aufzunehmen.«

»Das verstehe ich nicht. In der Stadt ist fast jedes Restaurant um diese Zeit gut besucht. Es scheint also keinen Mangel an williger Kundschaft zu geben.«

»Nein, Sir. Das stimmt wohl.«

»Ich habe das Gefühl, dass Sie mir etwas vorenthalten?«

»Es steht mir nicht zu, Ihnen darüber Auskunft zu erteilen.«

»Ach nein? Na, Sie machen es ja spannend!«

»Ich gehe davon aus, dass ihr Vater Ihnen morgen während des Meetings alles Entscheidende mitteilen wird.«

Oh, es wurde immer interessanter. Meine Unwissenheit darüber, dass ich überhaupt nicht wusste, dass es ein Meeting geben sollte, ließ ich mir jedoch nicht anmerken.

»Ach ja, wann wird das Meeting gleich noch einmal sein?«

»Direkt nach dem Frühstück um zehn Uhr im Büro Ihres Vaters.«

Ich nickte bestätigend, als wäre es mir wieder eingefallen. »Danke, Mr. Brown und gute Nacht.«

»Gute Nacht, Sir.«

Es fiel mir nach dem turbulenten Tag schwer, zur Ruhe zu kommen. Als ich damals nach Chicago ging, hatte ich es unter anderem mit der Absicht getan, Elisabeth und ihre Mutter nie wieder zu sehen. Aber auch ohne mein Zutun dauerte es nicht mehr lang, bis es zur Scheidung kam. Ich hegte keinerlei Interesse an diesem Rosenkrieg. Granny rief mich damals oft an und bat mich, nach Hause zu kommen und Dad zu unterstützen. Doch nichts hätte mich jemals zurück in dieses Haus bringen können. Meine Mutter war noch gar nicht lang unter der Erde, da riss Dads neue Frau bereits die Tapeten von der Wand und ließ Moms Kleidung von irgendwelchen Leuten in Säcken forttragen. Ich hasste sie. Ich hasste das Gefühl, was sie noch heute in mir auslöste, wenn ich mich an diese Zeit erinnerte. Dass Elisabeth mir heute diese Hiobsbotschaft um die Ohren schlug, machte den Eindruck, dass ihr Wesen dem ihrer Mutter stark ähnelte. Ich musste das morgen mit Dad besprechen. Die Hütte wollte ich zurück!

Das Frühstücksangebot war bescheidener und damit enttäuschender als erwartet. Neben Bohnen und Eiern warteten Würstchen und etwas trockener Kuchen auf drei weitere Gäste und mich. Ein Anflug von Scham überkam mich. Natürlich wusste niemand, dass ich der Sohn des Hotelinhabers war. Dennoch ließ ich den Blick gesenkt und hoffte, dass das Personal mich nicht ansprach. Auch der Kaffee, der mir serviert wurde, schmeckte genauso scheußlich, wie die Brühe an jeder x-beliebigen Tankstelle. Ich bestellte daraufhin einen Cappuccino, den ich jedoch nie bekam. Die Lieblosigkeit ärgerte mich zunehmend. Mit Sicherheit ein weiteres Thema, das ich mit Vater diskutieren würde.

Mr. Brown informierte mich auf dem Rückweg zum Zimmer, dass er mein Gepäck aufs Zimmer hatte bringen lassen, was mich sehr freute. So konnte ich mir den Weg zur Hütte sparen. Bis zum Meeting blieb jedenfalls noch etwas Zeit, mir frische Sachen anzuziehen. Meine alte Jeans tauschte ich gegen die dunkelblaue Stoffhose und zog mein kariertes Lieblingshemd dazu an. Zufrieden betrachtete ich mein Spiegelbild. Der Drei-Tage-Bart stand mir ausgesprochen gut und das dunkle Deckhaar, was ich neuerdings länger trug, fiel mir in Strähnen ins Gesicht. Die sportliche Figur hatte ich von Dad geerbt, die Gesichtszüge und die dunklen Augen von meiner Mutter. Mrs Morrison sagte immer, ich sei ein attraktiver Mann und in diesem Moment musste ich ihr tatsächlich recht geben.

Schon auf dem Gang zum Büro war ihre Diskussion zu hören und ließ vermuten, dass sie nicht einer Meinung waren. Die Tür zum Büro stand zwar offen, doch ich klopfte, bevor ich den großen Büroraum betrat, in dessen Mitte ein viel zu großer ovaler Holztisch stand, an dessen Ende mein Vater saß. Elisabeth stand am Fenster neben seinem Stuhl und funkelte mich böse an, als ich den Raum betrat.

»Brandon? Du bist tatsächlich hier?«

Mein Vater stand auf und kam mir entgegen. Seine Tonlage verriet mir, dass er wirklich erstaunt darüber war, mich zu sehen.

»Hi Dad, natürlich bin ich gekommen. Eine eher spontane Angelegenheit, aber du hast recht! Wir haben uns schon viel zu lange nicht mehr gesehen.«

»Komm her mein Junge.«

Er zog mich an sich und klopfte mir auf die Schultern. Elisabeth hingegen verdrehte die Augen und sah verärgert aus dem Fenster.

»Sind wir eigentlich komplett oder kommt noch jemand?«

»Wir? Seit wann gehörst du zum Management?«, fauchte mir Elisabeth entgegen.

»Betty, lass das! Vielleicht ist es ganz gut, dass du dich nicht allein mit der Entscheidung herumschlagen musst. Zumindest, was das Verkaufen angeht, ist uns Brandon um einiges voraus.«

»Verkaufen? Was willst du denn verkaufen?«

Interessiert sah ich zu Elisabeth, die nervös mit ihren Fingern zu spielen begann. Doch bevor sie antworten konnte, übernahm Vater das Wort.

»Es geht um das Hotel hier in Aspen. Eigentlich wollten wir heute über die Renovierungspläne abschließend entscheiden. Aber ich überlege, ob es nicht besser ist, das Hotel zu veräußern. Ich will dir das erklären, Brandon. Vor einem Jahr musste ich unserem Manager Fred Miller kündigen. Er hatte über all die Jahre in die eigene Tasche gewirtschaftet, was Betty herausfand, als sie ihr Praktikum hier absolvierte. Alle Bemühungen, einen neuen Kopf zu finden, waren leider vergebens. Betty hat die letzten Monate versucht, das Haus über Wasser zu halten, doch als der Küchenchef kündigte, habe wir auch die Einnahmequelle des Restaurants verloren. Seit einem halben Jahr schreiben wir rote Zahlen und Denver kann Aspen nicht länger auffangen. Heute geht es also darum, zu besprechen, ob noch etwas zu retten ist oder wie wir das Haus schnellstmöglich auf den Markt bringen können.«

Geschockt ließ ich mich auf den Stuhl neben Dad fallen. Zwar rechnete ich damit, dass Änderungen besprochen würden, nachdem ich das Desaster am Frühstücksbuffet miterleben musste. Doch dass ein Verkauf in Erwägung gezogen wurde, war erschütternd. Es war das erste Hotel der Familie und der Gedanke, es zu verlieren, schmerzte.

Betty gab Dad eine Mappe.

»Ich habe gestern das Angebot des dritten Maklers erhalten. Das Wertgutachten und der letzte Geschäftsbericht liegen bei.«

»Moment mal Leute. Darf ich dazu vielleicht auch noch etwas sagen? Bevor hier irgendetwas auf den Markt gebracht wird, möchte ich bitte schön einen Blick darauf werfen. Es sei denn, du legst keinen Wert mehr auf die Meinung deines Sohnes, Dad. Ich weiß gar nicht, was ich davon halten soll, dass ihr, ohne mit mir zu sprechen, solch eine Entscheidung treffen wolltet. Und Dad, seit wann lässt du dich von einem Mädchen in Geschäftsangelegenheiten beraten?«

Elisabeth machte einen Schritt auf mich zu.

»Mädchen? Spinnst du? …«