The Passengers - John Marrs - E-Book
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The Passengers E-Book

John Marrs

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Beschreibung

»Guten Morgen, Claire. Sie dürften bemerkt haben, dass sich Ihr Fahrzeug nicht mehr unter Ihrer Kontrolle befindet. Ab sofort bestimme ich, wohin Ihre Fahrt geht. Im Augenblick gibt es nur eines, das Sie wissen sollten: In zwei Stunden und dreißig Minuten sind Sie höchstwahrscheinlich tot.« Als die hochschwangere Claire Arden diese Worte aus dem Lautsprecher ihres nagelneuen selbstfahrenden Autos vernimmt, hält sie es zunächst für einen schlechten Scherz. Schnell stellt sich jedoch heraus, dass sie tatsächlich in ihrem Wagen gefangen ist. Und sie ist nicht die Einzige – noch sieben weitere Passagiere sind in derselben Situation: Die Systeme ihrer Autos wurden geknackt, und nun befinden sie sich auf einem fatalen Kollisionskurs. Doch damit nicht genug: Der Hacker streamt das ganze live im Internet, und die Zuschauer entscheiden über Leben und Tod der acht Passagiere …

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Seitenzahl: 532

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Das Buch

»Guten Morgen, Claire. Sie dürften bemerkt haben, dass sich Ihr Fahrzeug nicht mehr unter Ihrer Kontrolle befindet. Ab sofort bestimme ich, wohin es geht. Im Augenblick gibt es nur eines, das Sie wissen sollten: In zwei Stunden und dreißig Minuten sind Sie höchstwahrscheinlich tot.«

Als die hochschwangere Lehrerin Claire Arden diese Worte aus den Lautsprechern ihres nagelneuen selbstfahrenden Autos vernimmt, glaubt sie zunächst, ihr Wagen sei defekt. Schnell stellt sich jedoch heraus, dass sie tatsächlich in ihrem Auto gefangen ist. Und sie ist nicht die Einzige: das alternde Starlet Sofia Bradbury, der suizidgefährdete Jude Harrison, das Ehepaar Sam und Heidi Cole, die gedemütigte Ehefrau Shabana Khartri, Kriegsveteran Victor Patterson und die Asyl suchende Bilquis Hamila sitzen ebenfalls in autonomen Fahrzeugen, deren Systeme gehackt wurden. Sie alle befinden sich nun auf einem fatalen Kollisionskurs. Gelingt es Verkehrsminister Jack Larsson und den Behörden nicht, den Täter binnen drei Stunden zu fassen und die Autos zum Anhalten zu bringen, kommt es zur Katastrophe. Doch damit nicht genug: Der Täter streamt das ganze live im Internet, und die Zuschauer können über Leben und Tod der acht Passagiere abstimmen. Es ist der Beginn einer höllischen Fahrt, im Laufe derer zahlreiche Lügen, Intrigen und Geheimnisse ans Tageslicht kommen …

Der Autor

John Marrs arbeitete über zwanzig Jahre als freischaffender Journalist für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, unter anderem für Guardian online, The Independent und den Daily Star. Mit seinem Roman The One gelang ihm in England der Durchbruch, eine Verfilmung durch Netflix ist bereits in Vorbereitung. Der Autor lebt und arbeitet in London.

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JOHN MARRS

THEPASSENGERS

Du entscheidest über Leben und Tod

Roman

Aus dem Englischen übersetztvon Felix Mayer

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

Titel der Originalausgabe

THEPASSENGERS

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Deutsche Erstausgabe 07/2020

Redaktion: Joern Rauser

Copyright © 2019 by John Marrs

Copyright © 2020 der deutschsprachigen Ausgabeund der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: DASILLUSTRAT, München,unter Verwendung eines Motivs von Shutterstock

Satz: Schaber Datentechnik, Austria

ISBN 978-3-641-25517-6V001

www.diezukunft.de

Für Bridget Driscoll,1851–1896

Prolog

Erster Teil

1

Claire Arden

Als die Haustür zufiel, stand das Auto vor Claire Ardens Haus und wartete auf sie.

Sie blieb kurz auf der Veranda stehen, las noch einmal die Notizen, die sie sich in ihrem Handy gemacht hatte, und wartete, bis ein leises Piepen anzeigte, dass das Haus die Alarmanlage eingeschaltet hatte. Dann warf sie einen flüchtigen Blick auf die Siedlung, einen typischen Vorort von Peterborough. Von den Nachbarn war nur Sundraj von Nummer siebenundzwanzig zu sehen, der gerade seine Frau und seine beiden lärmenden Kinder in einen Minivan scheuchte, wie ein Bauer, der seine Schafherde von einer Weide auf die nächste treibt. Als er Claire entdeckte, lächelte er halbherzig und winkte ihr ebenso halbherzig zu. Sie grüßte auf dieselbe Weise zurück.

Ihr kam wieder die Party in den Sinn, die Sundraj und seine Frau Siobhan letztes Frühjahr zu ihrem Fünfzehnjährigen ausgerichtet hatten. Sie hatten ein Barbecue veranstaltet, und fast die ganze Straße war gekommen. Als Sundraj schon betrunken gewesen war, hatte er Claire im Badezimmer im Erdgeschoss abgepasst und ihr eröffnet, dass er, falls Claire und ihr Mann Ben einmal Lust hätten, jemand Dritten in ihr Schlafzimmer einzuladen, durchaus interessiert wäre. Claire hatte ihn höflich abgewiesen, woraufhin er in Panik verfallen war und sie bedrängt hatte, Siobhan nichts zu erzählen. Sie hatte es ihm versprochen und sich daran gehalten. Nicht einmal Ben hatte sie davon erzählt. Sie hätte wetten können, dass jeder der Nachbarn in der Straße mindestens ein Geheimnis hatte, das er dem Rest der Welt verschwieg. Auch sie selbst hatte eines. Wenn überhaupt jemand eines hatte, dann sie.

Während Sundrajs Auto langsam aus der Stichstraße hinausfuhr, atmete Claire ein paar Mal tief durch, um sich zu beruhigen, und warf dann mit einem gewissen Unbehagen einen Blick auf ihr eigenes Auto. Vor drei Wochen hatte Ben den Leasingvertrag unterschrieben, und noch immer hatte Claire Schwierigkeiten, sich an die zahlreichen neuen Funktionen zu gewöhnen. Der größte Unterschied zu ihrem alten Auto lag darin, dass es weder Lenkrad noch Pedale besaß und sich in keiner Weise manuell steuern ließ. Es war ein völlig autonomes Fahrzeug. Das machte ihr Angst.

Fasziniert hatten sie zugesehen, wie das Auto sich selbst geliefert hatte, vor ihrem Haus vorgefahren war und in der Einfahrt geparkt hatte. Ben hatte Claires Befremden und ihre Abneigung gespürt, und während sie mit einer App ihre persönlichen Einstellungen konfiguriert hatten, hatte er ihr versichert, dass jedermann ein solches Auto bedienen könne, sogar Claire. Es sei sozusagen »idiotensicher«. Als sie ihn verärgert angesehen und ihn in den Arm geknufft hatte, hatte Ben beteuert, das solle nicht heißen, sie sei eine Idiotin.

»Ich mag es nicht, wenn ich die Dinge nicht unter Kontrolle habe«, hatte sie während ihrer ersten Fahrt mit dem neuen Auto auf dem Weg zum Arzt gesagt. Als das Auto selbstständig den Blinker gesetzt und ein anderes Fahrzeug überholt hatte, hatte Claire sich an ihrem Sitz festgeklammert.

»Du bist einfach ein Kontrollfreak«, hatte Ben entgegnet. »Allmählich solltest du lernen, Dingen zu vertrauen, die du nicht in der Hand hast. Außerdem kostet die Versicherung für ein solches Auto so gut wie nichts – und wir sollten doch langsam mal ein bisschen Geld zurücklegen, oder?«

Claire hatte widerstrebend genickt. Ben war ein detailverliebter Mensch und hatte eine Menge Zeit und Mühe aufgewandt, um ein Auto zu finden, das für ihre künftige Lebenssituation genau das richtige war. Das hatte einige Monate gedauert, und Claire war froh gewesen, als Ben nach dieser furchtbaren Phase wieder ganz der Alte geworden war. Er hatte versucht, sie in die Entscheidung miteinzubinden, und vorgeschlagen, sie könne die Farbe und die Stoffe für die Bezüge aussuchen. Doch sie hatte sich geweigert und ihn als frauenfeindlich bezeichnet, weil er damit suggeriere, der Kauf eines Autos sei »Männersache« und sie verstehe nur etwas von Schmuck und Dekoration. Auch in den letzten Tagen hatte sie ihn regelmäßig angeschnauzt. Er hatte ihr nie einen Grund dazu gegeben, und sie hatte es stets sofort bereut. Und doch hatte sie es immer wieder getan und dabei befürchtet, ihre stille Abneigung gegen ihn zunehmend schlechter verbergen zu können.

Claire ließ den Blick über das Heck des Autos wandern, als ein leichter Tritt gegen die Nieren sie aus ihren Gedanken riss. »Guten Morgen«, sagte sie leise und strich sich über den runden Bauch. Das war das erste Lebenszeichen ihres Babys Tate an diesem Morgen. Sie hatten ihm diesen Kosenamen gegeben, als die Hebamme ihnen gesagt hatte, dass er etwa ein Pfund wog und so groß wie eine Packung Zucker von Tate & Lyle war. Anfangs war es nur ein Scherz gewesen, doch mittlerweile überlegten sie ernsthaft, den Kleinen so zu nennen.

Wenn alles gut ging, würde Claire in zwei Monaten ihr erstes Kind zur Welt bringen. Dr. Barraclough hatte ihr eingeschärft, dass sie wegen ihres hohen Blutdrucks unter allen Umständen Stress vermeiden sollte. Das war leichter gesagt als getan. Und in den zurückliegenden Stunden war es geradezu unmöglich geworden.

»Du schaffst das«, sagte sie laut und öffnete die Tür des Autos. Sie stellte ihre Handtasche auf den rechten Vordersitz und schob sich dann rückwärts in den Wagen. Ihr Bauch war in der Schwangerschaft sehr viel früher dick geworden als bei ihren Freundinnen, und manchmal hatte sie das Gefühl, ein Elefantenbaby auszutragen. Ihr Körper gab ein widersprüchliches Bild ab: Manche Teile hingen schlaff herab, während andere zu bersten schienen.

Per Knopfdruck schloss sie die Tür und blickte anschließend in die Kamera, die ihre Iris scannte. Dann sah sie kurz in den Spiegel. Das hellrosa Make-up konnte die dunklen Ringe um ihre blauen Augen nicht gänzlich verdecken. Ihren Pony hatte sie heute Morgen nicht glatt gebürstet, sodass ihr die blonden Haare wirr in die Stirn hingen und bis auf die Augenbrauen fielen.

Nachdem sie sich durch den Scan als berechtigte Passagierin ausgewiesen hatte, sprang der Elektromotor leise an, und die Mittelkonsole sowie die Anzeige des Bordcomputers im Armaturenbrett leuchteten blau und weiß auf. »Bens Firma«, sagte Claire, und auf dem Bildschirm erschien ein dreidimensionaler Stadtplan, auf dem die Strecke von ihrem Haus zu Bens Firma angezeigt wurde, die ein paar Meilen außerhalb lag.

Kaum fuhr das Auto los, schreckte Claire hoch, als plötzlich ein Rocksong der 1990er-Jahre aus den Lautsprechern dröhnte, der erste einer ganzen Playlist. Sie konnte Bens entsetzlichen Musikgeschmack nicht ausstehen, ebenso wenig wie die Lautstärke, in der er diese Musik hörte. Aber sie wusste noch nicht, wie sie seine Einstellungen in dem Streaming-Programm löschen und eigene Playlists erstellen konnte. Als dann die ersten Takte eines alten Songs von den Arctic Monkeys ertönten, auf den Ben besonders stand, konnte sie die Tränen nicht mehr zurückhalten. Er kannte ihn auswendig, Wort für Wort.

»Warum hast du uns das angetan?«, schluchzte sie. »Warum gerade jetzt?«

Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und von den Wangen, stellte die Musik ab und verfiel in banges Schweigen, während das Auto weiter seinem Ziel entgegensteuerte. In Gedanken ging sie noch einmal ihre To-do-Liste durch. Wenn alles klappen sollte, musste sie bis zum Nachmittag noch ziemlich viel erledigen. Immer wieder sagte sie sich, dass sie das alles aus einem guten Grund tat: für Tate. Zwar sehnte sie sich danach, ihn endlich im Arm zu halten, doch ein Teil von ihr wünschte sich auch, er würde auf immer und ewig behütet in ihrem Bauch bleiben, wo sie ihn vor der Grausamkeit der Welt beschützen könnte.

Als sie durch die Frontscheibe geradeaus sah, bog das Auto auf einmal nach rechts ab, obwohl der Weg zu Bens Firma nach links führte. Ungläubig blickte Claire auf den Stadtplan des Navis. Sie war sicher, dass sie es richtig programmiert hatte. Dann fiel ihr wieder ein, wie Ben gesagt hatte, dass autonom fahrende Autos manchmal Ausweichrouten nahmen, wenn sich auf der regulären Strecke ein Stau gebildet hatte. Claire hoffte, dass sich die Fahrt dadurch nicht allzu sehr verlängerte. Je schneller sie wieder aus diesem Auto herauskam, desto besser.

Plötzlich erloschen sämtliche Anzeigen. Irritiert blickte Claire auf die Mittelkonsole und drückte dann wahllos darauf herum, um den Bordcomputer neu zu starten. Doch nichts geschah.

»Verdammt«, murmelte sie. Heute war der denkbar schlechteste Tag, um in einem defekten Fahrzeug zu sitzen. Wieder schlug das Auto eine neue Richtung ein. Es fuhr über eine Auffahrt auf eine Schnellstraße, auf der sie sich noch weiter von ihrem Ziel entfernen würde.

Ihr wurde mulmig. »Was ist hier los?«, sagte sie laut und ärgerte sich, dass Ben sie zu einem Auto überredet hatte, das keine manuelle Bedienung erlaubte. Sie drückte weiter auf der Konsole herum und hoffte, die Kontrolle über das Auto zurückzugewinnen und es zum Stehen zu bringen.

»Eingabe neues Ziel«, sagte leise eine Frauenstimme, in der Claire die Stimme des Bordcomputers erkannte. »Ihre Route wird neu berechnet. Zwei Stunden und dreißig Minuten bis zum Erreichen des Ziels.«

»Was?«, sagte Claire. »Halt! Wo bringen Sie mich hin?«

Als das Auto an einer Ampel stehen blieb, witterte sie eine Möglichkeit zu entkommen. Eilig löste sie den Gurt und drückte den Knopf, der die Tür öffnete. Sobald sie draußen wäre, würde sie sich sammeln und ihren Plan überdenken können. Wie auch immer sie dann weitermachte, sie durfte das Auto auf keinen Fall aus den Augen lassen. Doch die Tür öffnete sich nicht. Immer wieder drückte Claire dagegen, fester und fester, aber die Tür gab nicht nach. In ihrem Bauch spürte sie die Tritte ihres Babys.

»Keine Sorge, alles wird gut«, sagte sie immer wieder, als wollte sie sich und ihr Kind davon überzeugen, dass sie eine Lösung finden werde.

Durch das Türfenster fiel ihr Blick auf das Auto neben ihr, und sie fing an zu gestikulieren, um den Fahrer auf sich aufmerksam zu machen. Der war jedoch ganz in den Film vertieft, der auf dem Smart Screen in seiner Frontscheibe lief. Claire fuchtelte immer verzweifelter herum, bis er sie schließlich bemerkte. Er sah zu ihr herüber, doch einen Sekundenbruchteil später schalteten die Fenster von durchsichtig auf opak. Der Sichtschutz war aktiviert worden, und jetzt konnte kein Außenstehender mehr erkennen, wie verzweifelt sie war.

Panik überkam sie, als ihr klar wurde, was passiert war: Jemand anderes hatte die Kontrolle über ihr Auto übernommen.

»Guten Morgen, Claire«, kam eine männliche Stimme aus den Lautsprechern.

Unwillkürlich schrie Claire auf. Die Stimme klang ruhig und entspannt, fast freundlich, wirkte aber bedrohlich. »Sie dürften bemerkt haben, dass sich Ihr Fahrzeug nicht mehr unter Ihrer Kontrolle befindet«, sprach die Stimme weiter. »Ab sofort bestimme ich, wohin Ihre Fahrt geht.«

»Wer sind Sie?«, fragte Claire. »Was wollen Sie von mir?«

»Das spielt jetzt alles keine Rolle«, erwiderte die Stimme. »Im Augenblick gibt es nur eines, das Sie wissen sollten: In zwei Stunden und dreißig Minuten sind Sie höchstwahrscheinlich tot.«

2

Jude Harrison

Jude Harrison starrte auf das Ladekabel, das aus der Wand hing und im Kühlergrill seines Autos verschwand.

Er wusste nicht mehr, wie lange er schon in seinem Fahrzeug saß und auf die Ladestation schaute oder warum sein Blick überhaupt darauf gefallen war. Als ihm klar wurde, dass er jedes Zeitgefühl verloren hatte, warf er einen Blick auf die Uhr im Armaturenbrett. Wenn er seinen Zeitplan einhalten wollte, musste er sich bald auf den Weg machen. Er sah kurz auf die Anzeige: noch zehn Minuten, dann war die Batterie wieder voll. Für die Strecke, die er zurücklegen wollte, musste sie nicht vollständig aufgeladen sein, aber Jude wurde immer nervös, wenn er losfuhr und weniger als drei Viertel Strom hatte.

Die meisten anderen Fahrzeuge auf dem Parkplatz des Supermarktes waren weniger umständlich aufzuladen. Sie füllten ihre Batterien während der Fahrt, durch Ladepunkte, die an Ampeln, in Kreisverkehren, auf Parkplätzen oder an den Drive-in-Schaltern von Fast-Food-Lokalen in den Asphalt eingelassen waren. Jude hatte sein autonomes Fahrzeug gekauft, kurz nachdem die Regierung mit großem Bohei ihre »Autonome Verkehrswende« ausgerufen hatte. Über Nacht war er vom Fahrer zum Passagier geworden – zu jemandem, dessen Auto sich nicht mehr manuell steuern ließ und alle Entscheidungen selbstständig traf. Im Vergleich zu den meisten anderen Fahrzeugen war Judes Modell veraltet und würde schon bald keine automatischen Updates für sein Betriebssystem mehr herunterladen, weshalb er sich eigentlich ein neues hätte kaufen müssen. Man hatte ihm finanzielle Anreize für den Kauf eines topaktuellen Fahrzeugs mit den neuesten technologischen Standards geboten, doch er hatte abgelehnt. Es war sinnlos, Geld für etwas auszugeben, das er schon bald nicht mehr brauchen würde.

Mit einem tiefen, rollenden Grummeln erinnerte ihn sein Magen daran, dass er gefüllt werden wollte. Jude war bewusst, dass er etwas essen musste, um bei Kräften zu bleiben und den Vormittag zu überstehen. Aber er hatte kaum Appetit, auch nicht auf die Schokosnacks in den Seitentaschen seines Rucksacks, der auf der Rückbank lag. Er stieg aus und betrat den Supermarkt, ging jedoch nicht in die Lebensmittelabteilung, sondern zu den Toiletten. Dort entleerte er sich, wusch sich Gesicht und Hände und trocknete sie unter dem Apparat, der an der Wand montiert war. Dann zog er aus der Hosentasche eine Einmalzahnbürste samt Zahnpasta, die aufschäumte, als sie in Berührung mit seinem Speichel kam, und putzte sich die Zähne.

Das grelle Licht der Lampe über dem Spiegel glänzte auf seiner Kopfhaut und ließ erkennen, wie schütter das Haar um seine Schläfen geworden war. Seit einer Weile trug er es kurz und versuchte nicht mehr, es in Form zu bringen und so den Schwund zu vertuschen. Sein Vater hatte ihn und seinen Bruder vorgewarnt und ihnen erzählt, dass er an seinem dreißigsten Geburtstag das erste Haar verloren hatte, und Jude stand ihm in nichts nach. Seine Freunde nahmen alle möglichen Mittel gegen Haarausfall, aber wie jede andere Form der kosmetischen Verschönerung lehnte Jude auch diese ab. Ebenso wenig hatte er die beiden schräg stehenden Zähne im Unterkiefer korrigieren lassen, weshalb er beim Lächeln den Mund immer geschlossen hielt.

Seit fast einer Woche hatte er keinen Rasierapparat mehr in die Hand genommen, wodurch sein olivfarbener Teint dunkler wirkte als sonst. Trotz der Erschöpfung leuchtete das Weiß seiner Augen noch hell, und das Grün erinnerte an die Farbe reifer Äpfel. Jude legte die Hände flach auf den Bauch und ließ die Fingerspitzen über die Magengegend und die Rippen gleiten. In den letzten Wochen hatte er spürbar abgenommen. Er schob das auf die Anstrengung, die es ihn gekostet hatte, alles so zu organisieren, damit der heutige Tag von Erfolg gekrönt wurde.

Als er auf sein Handgelenk blickte, um auf die Uhr zu sehen, fiel ihm wieder ein, dass er seine Armbanduhr schon lange ausrangiert hatte. Sie hatte seinen Puls und seine Körpertemperatur aufgezeichnet, und noch alle möglichen anderen Daten, die Rückschlüsse auf seinen Stoffwechsel, seinen Blutdruck und viele weitere Körperfunktionen zuließen, über die er gar nicht Bescheid wissen wollte. Er brauchte keine Zahlen auf einem Display, um zu wissen, dass er zunehmend unter Stress stand.

Er ging zu seinem Auto zurück, versicherte sich, dass die Batterie voll war, zog den Stecker des Ladekabels heraus und atmete ein paar Mal tief durch. Dann stieg er ein und nannte dem sprachgesteuerten Bordcomputer sein Ziel.

Während das Auto mit höchstens fünfundzwanzig Meilen pro Stunde durch die Vorortstraßen fuhr, dachte er daran zurück, wie viel Spaß es ihm gemacht hatte, ein Auto selbst zu steuern. Die Führerscheinprüfung hatte er an seinem siebzehnten Geburtstag abgelegt, und damals war das für ihn das Großartigste überhaupt gewesen. Es verschaffte ihm die Freiheit, nach der er sich immer gesehnt hatte. Jetzt konnte er, wann immer er wollte, den Ort hinter sich lassen, an dem er zur Welt gekommen und aufgewachsen war. Er war nicht mehr auf unregelmäßig fahrende Busse, auf seine Eltern oder seinen älteren Bruder angewiesen, wenn er die Welt außerhalb des Dorfes erkunden wollte. Dass heutzutage schon Vierzehnjährige als Passagiere in selbstfahrenden Autos saßen, war ihm ein Dorn im Auge. Es erschien ihm wie Betrug.

Er konnte sich auch noch an Zeiten erinnern, in denen man Straßen wie die, auf denen er jetzt fuhr, zu dieser morgendlichen Stunde am besten mied. Dann hatte der Berufsverkehr alles verstopft, die Autos standen dicht an dicht. Jetzt floss der Verkehr reibungslos, die Autos waren vernetzt und kommunizierten miteinander, wodurch es keine Staus und überfüllten Straßen mehr gab. Sosehr ihn diese Autos auch anwiderten – sie brachten doch jede Menge Vorteile.

Den Großteil des Armaturenbretts in Judes Wagen machten eine Soundbar und ein großer interaktiver OLED-Bildschirm aus, mittels dessen er auf alles zugreifen konnte: Fernsehkanäle, E-Mail-Programme, soziale Medien und Bücher. Er scrollte nach unten bis zu einem blauen Ordner mit dem Titel »Familienurlaub« und öffnete dort den Unterordner »Griechenland«, woraufhin einige Videos angezeigt wurden. Er wählte eines mit dem Titel »Restaurant« aus und startete es.

Das Bild in Super-HD war so kristallklar, dass es Jude vorkam, als befände er sich tatsächlich auf der Terrasse des Restaurants, als säße er dort, in einen warmen Pullover gehüllt, bequem auf einem Liegestuhl neben Stephenie, und als würden sie gemeinsam die Aussicht und den Sonnenuntergang genießen. Die Kamera schwenkte langsam von links nach rechts und holte die sichelförmige Bucht und die davor liegenden unbewohnten Inseln ganz nah heran. Die wenigen Wolken am Himmel schimmerten blau und orange und warfen vereinzelt Schatten auf die Inseln.

»Siehst du das Boot dort?«, war Stephenies Stimme zu hören. »Da drüben, hinter der Insel. Das Heck kuckt ein bisschen hervor.«

»Ja, jetzt sehe ich es«, sagte Jude laut, zusammen mit seiner Stimme in der Aufnahme. Er kannte den Dialog auswendig und sprach auch Stephenies Worte lautlos mit. »Irgendwann müssen wir mal eine Kreuzfahrt um die ganze Welt machen«, sagte sie. »Wir verbringen unseren Ruhestand, indem wir auf jedem Ozean und jedem Kontinent den Sonnenuntergang anschauen. Wie wäre das?«

»Perfekt«, antwortete Jude. »Einfach perfekt.« Erst in den letzten Jahren hatte er erkannt, dass nichts auf der Welt perfekt war.

Er schloss den Ordner mit den Videos und stellte am Bildschirm die Temperatur im Wageninneren etwas niedriger. Der Frühlingsmorgen war wärmer als vorhergesagt. Das Display zeigte jedoch weiterhin siebenundzwanzig Grad an.

»Auto«, sagte Jude. Anders als die meisten Autobesitzer hatte er seinem Bordcomputer keinen Namen gegeben. »Klimaanlage einschalten.«

Nichts geschah. Normalerweise reagierte das Auto auf jeden Befehl, und Judes Stimme war die einzige, auf die es programmiert war. »Auto«, wiederholte er, diesmal etwas bestimmter. »Anweisung ausführen.« Wieder tat sich nichts.

Er fluchte wegen des Softwarefehlers, holte aus dem Seitenfach in der Fahrertür eine kabellose Tastatur, loggte sich ein und fing an, eine E-Mail zu schreiben. Er bevorzugte die altmodischen Methoden und tippte seine Mails lieber, als sie zu diktieren oder per Videogramm zu schicken.

»Liebe alle«, schrieb er, »bitte entschuldigt diese unpersönliche Anrede, aber …«

»Guten Morgen, Jude.«

»Mann!«, stieß er hervor, und die Tastatur fiel ihm aus der Hand und in den Fußraum. Er sah sich im Wageninneren um, wie auf der Suche nach einem versteckten zweiten Passagier.

»Wie geht es Ihnen heute?«, fragte die Stimme.

»Gut … danke«, antwortete Jude. »Wer sind Sie, und woher haben Sie meine Nummer?« Er warf einen Blick auf das Telefon-Icon auf dem Bildschirm. Es war nicht erleuchtet.

»Sie müssen mir jetzt gut zuhören, Jude«, sprach die Stimme ruhig weiter. »In etwa zweieinhalb Stunden werden Sie tot sein.«

Jude blinzelte irritiert. »Was sagen Sie da?«

»Der Zielort, den Sie in Ihr Navi eingegeben haben, wird jetzt gleich durch einen anderen ersetzt. Einen, den ich bestimmt habe.«

Hastig sah Jude auf das Armaturenbrett, wo auf dem Bildschirm neue Koordinaten angezeigt wurden. »Jetzt mal im Ernst: Was ist hier los?«, fragte er. »Wer sind Sie?«

»Demnächst werden Sie Näheres erfahren. Aber jetzt lehnen Sie sich erst einmal zurück und genießen Sie diesen wundervollen Frühlingsmorgen, denn es wird vermutlich Ihr letzter sein.«

Im nächsten Moment wurde der Sichtschutz aktiviert und die Fenster schalteten von durchsichtig auf opak, sodass niemand von außen erkennen konnte, dass Jude in seinem Fahrzeug gefangen war.

3

Sofia Bradbury

»Sag mir noch mal, wo ich hinfahre. Ich kann mir das einfach nicht merken«, blaffte Sofia Bradbury.

»Immer noch nicht?«, entgegnete Rupert genervt.

Auf einen so herablassenden Ton hatte Sofia überhaupt keine Lust. Die Schmerzmittel und die entzündungshemmenden Tabletten, die sie nach dem Frühstück mit einem Glas Brandy hinuntergespült hatte, richteten nur wenig gegen die Beschwerden aus, die ihr die Arthrose in der unteren Wirbelsäule verursachte. Dass ihr Hörgerät nicht richtig funktionierte und sie nicht alles verstand, machte es nicht besser.

»Du fährst in das Krankenhaus. Schon vergessen?«, fragte Rupert mit leichtem Überdruss in der Stimme. »Sag mir wenigstens, dass du schon im Auto sitzt.«

»Nein, ich sitze in einem Raumschiff. Verdammt, wo soll ich denn sonst sein?«

»In Ordnung. Dann schicke ich die Adresse an dein Navi.«

»An mein was?«

»Mein Gott, Sofia. Die Karte auf deinem Bildschirm.«

Kurz darauf erschienen auf der Mittelkonsole Koordinaten, und die Route, die das Auto von Sofias Haus im Londoner Stadtteil Richmond aus nehmen sollte, wurde berechnet. Dann schlossen sich die Flügeltüren, und das Auto fuhr los. Zu hören war nur das Knirschen der Reifen auf dem Kies der lang gestreckten Auffahrt.

»Und warum muss ich da noch mal hin?«, fragte Sofia.

»Das hab ich ihr heute Morgen schon mal gesagt«, war Ruperts Stimme zu hören. Wahrscheinlich sprach er jetzt mit dem Jungen mit dem weibischen Gehabe, der ein Praktikum bei ihm machte. Sofia fand, dass Rupert seine Assistenten auffallend häufig wechselte, und sie sahen auch alle gleich aus: spindeldürre Bürschchen mit hautengen T-Shirts und hautengen Jeans.

»Rupert, du bist mein Agent und mein PR-Manager. Wenn ich dich etwas frage, erwarte ich eine Antwort.«

»Du fährst zu einem Treffen mit krebskranken Kindern.«

»Ach ja, richtig.« Sofia runzelte leicht besorgt die Stirn. Ihre Gesichtsmuskeln dagegen waren nach dem Besuch bei dem Dermatologen in der Woche zuvor noch so gelähmt, dass sich oberhalb ihres Mundes kaum etwas bewegte. »Aber das ist nicht wieder so eine Veranstaltung, bei der kein Mensch weiß, wer ich bin, oder?«

»Nein, natürlich nicht.«

»›Natürlich nicht.‹ Tu doch nicht so. Als wäre das noch nie passiert. Weißt du noch, wie ich in dieser Schule in Coventry war, wo alle so jung waren, dass mich kein Mensch kannte? Das war demütigend. Die dachten, ich wäre die Frau vom Weihnachtsmann.«

»Das habe ich dir doch vorhin schon erklärt. Es sind junge Teenager, und man hat mir versichert, dass sie alle große Fans von Space & Time sind.«

»Das ist doch jetzt schon zehn Jahre her«, entgegnete Sofia.

»Nein, so lange doch nicht.«

»Ich bin zwar schon achtundsiebzig, aber ich bin noch nicht senil. Ich weiß das noch, als wäre es gestern gewesen. Das war nämlich das letzte Mal, dass du mir eine Fernsehrolle zur Primetime besorgt hast. Glaubst du, ich habe das vergessen?«

Obwohl Sofia das Drehbuch ein Dutzend Mal gelesen hatte, sogar noch während der Dreharbeiten, hatte sie keine Ahnung gehabt, worum es bei dieser populären Science-Fiction-Serie überhaupt gegangen war. Sie hatte vor einem Bluescreen ihren Part gespielt und dabei vor einem Assistenten davonlaufen müssen, der mit einem Stock herumfuchtelte, auf dem ein Tennisball steckte, und nur verstanden, dass in der Nachbearbeitung der Kopf eines Aliens in die Aufnahmen eingefügt werden würde. Die fertige Folge hatte sie nie gesehen. Sie sah ihre eigenen Arbeiten überhaupt nur selten an, und mit fortschreitendem Alter immer weniger. Sie sah sich nicht gern beim Älterwerden zu.

In letzter Zeit hatte sie nur noch wenige Engagements gehabt, und die Rollen, die man ihr anbot, waren häufig nichtssagend. Sie hatte versucht, sich im Gespräch zu halten, indem sie ohne Gage bei einigen Projekten von Filmstudenten mitgemacht hatte, und hatte mit Produktionen von Regionalbühnen von Macbeth und Der Sturm erfolgreiche Tourneen durch das ganze Land absolviert. Man hatte ihr auch viel Geld für die Mitwirkung in zwei lang laufenden Vorabendserien geboten, aber weil sie keine Großmütter spielen wollte, die in Secondhand-Klamotten herumliefen und so gut wie kein Make-up trugen, hatte sie beide Rollen ohne Zögern abgelehnt.

Während all dessen hielt sie sich bei Laune, indem sie sich in der Harley Street regelmäßig unter das Messer eines Schönheitschirurgen legte und sich Kinn und Brüste liften ließ. Lediglich die Runzeln und Fältchen auf ihren Handrücken verrieten noch ihr wahres Alter.

»Was hast du denn heute wieder gefressen, Oscar?«, schimpfte sie den Zwergspitz, der schlafend neben ihr lag, und versuchte, den widerwärtigen Geruch wegzufächeln, den er von sich gab. Er öffnete kurz seine braunen Augen, kuschelte sich etwas näher an sie heran und schloss die Augen wieder.

Sofia öffnete ihre Vintage-Chanel-Handtasche und holte einen kleinen Spiegel hervor. Sie zog sich mit dem für sie typischen Karmesinrot die Lippen nach und sah verärgert zu, wie sich die Farbe in vertikalen Linien unterhalb ihrer Nase ausbreitete. Das Grau ihrer Augen war fahl geworden, und sie nahm sich vor, Ruperts Assistenten zu sagen, er solle nach Behandlungen recherchieren, die den milchigen Schleier zum Verschwinden brachten. Für einen Augenblick fragte sie sich, ob unter all den Keramikblenden auf den Zähnen, den betonten Wangenknochen, den Haarteilen und den vergrößerten Brüsten ihr Geltungsdrang das Einzige war, was von der eigentlichen Sofia Bradbury noch übrig geblieben war.

»Hast du irgendwelche neuen Drehbücher für mich zum Lesen?«, fragte sie Rupert.

»Es sind ein paar reingekommen, aber da ist nichts dabei, was zu dir passt.«

»Das entscheide ich ja wohl immer noch selbst!«

»Na gut. Da wäre einmal die Rolle einer alternden Prostituierten, die Krebs im Endstadium hat. In einer Krankenhausserie, etwas Langfristiges. Und dann noch ein Musikvideo einer Girlie-Band. Da würdest du … einen Geist spielen.«

»Grundgütiger«, seufzte Sofia. »Ich soll also entweder auf dem Totenbett die Beine breit machen oder aus dem Jenseits wiederkehren. Manchmal frage ich mich wirklich, was die sich alle vorstellen.«

»Ich schicke dir die Treatments in dein Auto, dann kannst du sie während der Fahrt lesen.«

Sofia verdrehte die Augen. Kurz darauf erschienen auf der Frontscheibe, die sich durch einen Schalter in einen großformatigen Monitor und Fernsehbildschirm verwandeln ließ, die Beschreibungen der Figuren. Sofia brauchte jeweils nur wenige Zeilen zu lesen, um zu wissen, dass das alles nichts für sie war.

Ihr ging es nicht um die Gage – sie wollte Anerkennung und Wertschätzung. Einmal pro Jahr bei einem Science-Fiction-Festival oder in einer Fernsehtalkshow aufzutreten, reichte ihr nicht. Und sie war sauer, dass die British Academy of Film and Television Arts ihr noch immer keine Mitgliedschaft auf Lebenszeit angeboten hatte, obwohl sie schon mit sieben Jahren zum ersten Mal auf der Bühne gestanden hatte.

Wissen sie etwa davon?, fragte sie sich plötzlich. Sind vielleicht Gerüchte im Umlauf? Weiß die BAFTA, was ich getan habe, und bestraft mich deswegen? Sie hasste diese Stimme in ihrem Inneren. Seit fast vierzig Jahren quälte sie sie nun schon. Doch so rasch, wie sie aufgetaucht war, konnte sie sie wieder aus ihrem Kopf vertreiben.

Sofia lehnte sich in ihrem Sitz zurück und schaltete die Massagefunktion ein, woraufhin ein wummerndes, durchdringendes Vibrieren durch ihren schmerzenden Rücken fuhr. Dann holte sie den Brandy aus dem Kühlfach in der Armstütze und schenkte sich ein Glas ein. Das Beste an autonomen Autos war, so fand sie, dass man ganz legal am Steuer trinken konnte. Mit ihren manikürten Fingern strich sie über das exquisite Kalbsleder, klopfte auf die Verkleidung aus Makassar-Ebenholz und tauchte dann die nackten Füße in den Teppich aus dicker peruanischer Vikunjawolle. Seitdem sie keinen Fahrer mehr brauchte, konnte sie sich einen Imperial GX70 leisten, ein Wagen der Oberklasse und das teuerste selbstfahrende Auto auf dem Markt. Sie hatte keine Ahnung, wie so ein Auto funktionierte, und es interessierte sie auch nicht, solange Rupert aus der Ferne dafür sorgte, dass sie rechtzeitig von A nach B kam.

»Rupert?«, fragte sie zögerlich. »Bist du noch da?«

»Selbstverständlich. Was kann ich für dich tun?«

»Ist mein … ist Patrick heute auch dabei?«

»Ja. Sein Account ist noch immer mit deinem Terminkalender verknüpft. Er hat gesagt, dass er gern dabei wäre, also habe ich ein Auto gebucht, das ihn am Golfplatz abholt. Ihr trefft euch dann im Krankenhaus.«

Sofia ließ diese Ankündigung unkommentiert. Wenn ihr Ehemann auftauchte, war mit Problemen zu rechnen. »Wir hören uns später«, sagte sie ruhig und legte auf, bevor Rupert noch etwas erwidern konnte. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie die Fingernägel so tief in die Handflächen gegraben hatte, dass sie fast blutete.

»Guten Morgen, Sofia«, sagte eine männliche Stimme, die ihr unbekannt war.

Verwundert blickte sie auf die Konsole. Wahrscheinlich hatte sie versehentlich irgendetwas berührt und einen eingehenden Anruf angenommen. »Rupert? Warum verstellst du denn deine Stimme?«

»Hier spricht nicht Rupert«, antwortete die Stimme. »Und möglicherweise interessiert es Sie, dass Ihr Fahrzeug nicht mehr unter Ihrer Kontrolle ist.«

Sofia musste lachen. »Mein Auto ist nie unter meiner Kontrolle, Schätzchen. Für so etwas habe ich meine Leute. Die kontrollieren die Dinge für mich.«

»Leider gehöre ich nicht zu diesen Leuten. Dennoch bestimme ich, wohin Ihre Fahrt geht.«

»Schön für Sie. Aber könnten Sie jetzt bitte mit diesem Unfug aufhören und mir Rupert wieder geben?«

»Rupert hat mit dem hier nichts zu tun, Sofia. Ich habe Ihr Auto so umprogrammiert, dass es eine andere Strecke nimmt als geplant. Und in zwei Stunden und dreißig Minuten werden Sie sehr wahrscheinlich tot sein.«

Sofia seufzte. »Ich habe das Drehbuch gelesen, Schätzchen, und ich werde ganz sicher nicht in einer Samstagabend-Krankenhausserie eine sterbende Nutte spielen. Ich bin Sofia Bradbury, und eine Sofia Bradbury hat Besseres verdient.«

»Sie werden bald wieder von mir hören.«

Nach diesen Worten wurde es wieder still im Auto.

»Hallo? Hallo?«

Sofia sah auf die Landkarte auf der Frontscheibe, und als sie die Symbole für die Autobahnen M25 und M1 erkannte, wurde ihr klar, dass sie London in Richtung Norden verließ und nicht zu einem Krankenhaus in Essex fuhr.

»Rupert«, sagte sie. »Rupert! Was ist hier los, verdammt noch mal?«

Dann hielt sie inne, neigte den Kopf zur Seite, und ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als sei der Groschen gefallen. »Rupert, du hinterlistiger kleiner Gauner. Du warst das, oder? Du hast mich in diese Sendung eingeschleust.«

Als sie auf dem Sitz nach vorn rückte, um sich im Auto umzusehen, spürte sie ein Ziepen im Rücken und verzog das Gesicht. »Wo die Kameras wohl versteckt sind? Oder nehmen sie die im Armaturenbrett?«

Nur bei drei Realityshows hatte Sofia je mit dem Gedanken gespielt, daran teilzunehmen. Rupert hatte sich um Treffen mit den Produzenten bemüht, war aber immer wieder abgeblitzt. Man hielt Sofia nicht für ausreichend trainiert, um zu tanzen, und auch für zu alt, um einen ganzen Monat im peruanischen Urwald durchzustehen. Promis auf dem Prüfstand dagegen war eine Show, über die das ganze Land sprach und bei der jeder Unterhaltungskünstler, dessen Karriere ins Stocken geraten war, unbedingt dabei sein wollte.

In der ersten Folge jeder Staffel wurden zehn Prominente ohne Vorwarnung aus ihrem Alltag gerissen und an einen geheimen Ort gebracht, wo sie eine Reihe von Aufgaben zu bewältigen hatten, die sie körperlich und geistig auf die Probe stellten. Eine Woche lang folgten ihnen die Kameras auf Schritt und Tritt. Ein Jahr zuvor hatte Sofia voller Neid zugesehen, wie Tracy Fenton, ihre Rivalin seit über vierzig Jahren, eine der Glücklichen gewesen war. Auch sie war in ihrem Auto überrascht worden, und nach der Sendung war ihre Beliebtheit dermaßen in die Höhe geschnellt, dass sie Rollen in zwei weithin beachteten Fernsehfilmen bekommen hatte. Und jetzt hatten es die Macher von Promis auf dem Prüfstand offenbar auf Sofia abgesehen.

Um ihre Aufregung im Zaum zu halten, ballte sie die Fäuste. Sie spürte ganz deutlich, dass ihr Comeback kurz bevorstand. Und zwar nicht, weil sie in einer Soap eine alternde Großmutter spielte, sondern weil sie als sie selbst auftrat und Bilder von ihr eine Woche lang jeden Abend in Wohnzimmern und Autos, auf Handys und Tablets zu sehen wären.

Sie holte noch einmal den Spiegel aus ihrer Handtasche und inspizierte ihr Make-up aus jedem Winkel, tupfte, glättete und besserte aus, wo es nötig war. Dann schluckte sie noch eine Schmerztablette und spülte sie mit einem kräftigen Schluck Brandy hinunter.

»Jetzt geht’s los, Oscar«, sagte sie stolz und strich ihrem Hund über den Kopf. »Frauchen ist wieder auf dem Weg nach oben. Wart’s nur ab.«

Sie setzte ihr strahlendstes Lächeln auf und sah direkt in die Kamera. Als ihr Gesicht auf dem Bildschirm erschien, wandte sie zum ersten Mal seit Jahren den Blick nicht ab.

4

Sam und Heidi Cole

»Bist du sicher, dass sich deine Eltern den Tag frei gehalten haben?«, fragte Sam. »Das wäre nicht das erste Mal, dass deine Mutter ihre Zusage vergisst, auf die Kinder aufzupassen.«

»Ja, ich bin mir ganz sicher«, entgegnete Heidi. »Ich habe es in den Familienkalender eingetragen, dann bekommt sie davor automatisch jeden Tag eine Erinnerung. Und du? Bist du dann wieder zurück in Luton?«

»Ja. Das ist jedenfalls der Plan.«

»Und wann erfahre ich, was du dir ausgedacht hast?«

»Gar nicht. Wie gesagt, es soll eine Überraschung sein.«

»Du weißt genau, dass ich Überraschungen nicht leiden kann.«

»Die meisten Frauen mögen Überraschungen.«

»Die meisten Frauen sind auch keine Polizistinnen. In meinem Job bedeuten Überraschungen meist nichts Gutes.«

»Dann soll es diesmal anders sein. Vertrau deinem Ehemann. Wenigstens dieses eine Mal.«

Heidi hätte am liebsten laut gelacht, hielt sich jedoch zurück. Sie feilte sich weiter die Fingernägel und dachte an Sams Bemühungen vom Vorjahr: ein Fischessen im örtlichen Pub. Sie waren knapp bei Kasse gewesen, also hatte Heidi ihre Enttäuschung für sich behalten. Einige Monate später hatte sie dann den wahren Grund entdeckt, warum sie so herumknapsen mussten. Aber sie hatte beschlossen, Sam nicht darauf anzusprechen.

Sie sah auf dem Armaturenbrett nach der voraussichtlichen Ankunftszeit. In etwa zwanzig Minuten würde sie ihr Ziel erreichen. Sie brauchte etwas, um sich abzulenken und nicht andauernd mit Bangen an das zu denken, was ihr bevorstand. Also beschloss sie, sich die Fingernägel zu lackieren, und holte aus ihrer Handtasche drei Fläschchen Nagellack in verschiedenen Tönen von Weiß.

»Welchen soll ich nehmen?«, fragte sie und hielt die Fläschchen vor die Kamera des Armaturenbretts.

Auf dem Bildschirm sah sie Sam in seinem Auto, wie er die drei Fläschchen mit prüfendem Blick betrachtete. »Den weißen«, sagte er schließlich und nahm aus einer Tupperbox einen weiteren Löffel warmen Porridge. Heidi fand es entsetzlich, wenn sie morgens mit seinem Auto fahren musste. Es stank dort entweder nach in Milch eingeweichten Haferflocken oder nach kräftig angebratenem Bacon.

»Welchen von den weißen?«, fragte sie. Sam zögerte, als ahne er instinktiv, dass er gerade auf die Probe gestellt wurde.

»Den linken.«

»Gutes Gedächtnis. Den habe ich nämlich auch bei unserer Hochzeit getragen.«

»Das weiß ich noch, als wäre es gestern gewesen.«

Heidi wusste, dass ihr Mann genauso wenig die Wahrheit sagte wie sie selbst. Sie hatte damals einen blassrosa Lack getragen. In letzter Zeit hatte sie Sam immer häufiger auf die Probe gestellt, indem sie unbedeutende und nebensächliche Details erwähnte, um herauszufinden, wie erfinderisch er war.

»Bei dieser Farbe muss ich immer daran denken, wie ich mit Kim und Lisa in dem Nagelstudio saß«, fuhr sie fort und dachte sich die Geschichte erst aus, während sie sie erzählte. »Wir haben den Besitzer in den Wahnsinn getrieben, weil wir uns nicht einigen konnten. Kim wollte unbedingt, dass ich Elfenbein nehme, weil das angeblich zu meinem Kleid passte. Aber ich wollte etwas mit mehr Glanz.«

»Und deine Entscheidung war absolut richtig. Du sahst umwerfend aus.«

Heidi versuchte, sein Lächeln zu deuten, und hoffte insgeheim, dass es aufrichtig war. Sie wusste noch genau, wie er vor dem Altar auf sie gewartet und sich zu ihr umgedreht hatte, als die Orgel die ersten Takte von Wagners Hochzeitsmarsch gespielt hatte, und wie er sich die Augen trocken getupft hatte, als er sie gesehen hatte. Selbst jetzt, nach allem, was geschehen war, hätte sie alles dafür gegeben, diese frühen märchenhaften Momente ihrer Beziehung noch einmal zu erleben, und sei es nur für den Bruchteil einer Sekunde.

»Weißt du noch, wo wir unser erstes Date hatten?«, fragte sie.

»Natürlich. In dem Fischlokal in der High Street in Aldeburgh.«

»Nein, das war am zweiten Abend.«

»Der erste zählt nicht. Da haben wir uns nur kennengelernt.«

»Ja, stimmt. Da warst du auf diesem entsetzlichen Junggesellenabschied.«

»Genau. Das war auf dem Campingplatz, wo Bobs Trauzeuge zwei Bungalows gemietet hatte. Um uns herum nur Rentner, und die einzige Kneipe im Ort hat um elf Uhr dichtgemacht. Du bist mit deinen Freundinnen zurück auf den Campingplatz gekommen, und dann haben wir die ganze Nacht mit einer Flasche Prosecco am Strand gesessen, bis irgendwann die Sonne aufgegangen ist.«

Heidi spürte, wie sich eine Wärme um ihren Körper legte, so wie in dem Moment, als Sam sie zum ersten Mal geküsst hatte. Damals war gerade die Ehe ihrer Eltern in die Brüche gegangen, und sie hatte den Glauben an jede glückliche Zweisamkeit verloren. Nie hätte sie es für möglich gehalten, dass sie sich Knall auf Fall so heftig verlieben könnte. Die wohlige Wärme verflog wieder, genauso schnell, wie sie gekommen war. Heidi pustete sanft über die Fingernägel der einen Hand und wandte sich dann der anderen zu.

»Wer hätte damals gedacht, dass wir irgendwann unseren zehnten Hochzeitstag feiern würden?«, sagte sie.

»Ich wusste das sofort. Ich war vorher noch nie jemandem begegnet, der so sehr auf derselben Wellenlänge ist wie ich. Mir war klar, dass ich dich nie wieder hergeben wollte. Apropos: Abgesehen von einer Säge, um die Ketten zu sprengen – muss ich dir zu diesem Anlass etwas Bestimmtes schenken?«

»Zehn rote Rosen.«

»Und die würden dich glücklich machen – trotz der Dornen?«

»Probier’s aus. Warum nicht mal ein bisschen kratzen und beißen?«

»Was stand da noch mal auf dieser Liste, die du im Internet gefunden hast – mit modernen Jubiläumsgeschenken?«

»Diamanten. Die sind offenbar nach wie vor a girl’s best friend.«

»Ich dachte immer, ich wäre dein bester Freund.«

Das warst du mal, dachte Heidi. Früher hast du mir alles auf der Welt bedeutet.

Sie sah Sam dabei zu, wie er sich mit der Krawatte die Brille putzte. Als sie sich kennengelernt hatten, hatte er noch keine Brille getragen, aber damals waren seine Haare und sein Bart auch noch nicht grau gesprenkelt gewesen, und wenn er lächelte, hatten sich in seinen Augenwinkeln noch keine Fältchen gebildet. Sie fragte sich, ob sie in seinen Augen genauso gealtert war wie er in ihren. Vielleicht war das der Grund gewesen. Vielleicht waren ihre Gene schuld. Er fand sie körperlich nicht mehr so anziehend wie damals, als sie im ersten Liebesrausch geschwelgt hatten. Aber ging es in der Ehe nicht genau darum? Nicht um die Zeremonie der Eheschließung, die symbolträchtigen Gesten oder die Jahrestage, sondern darum, zueinanderzustehen, komme, was wolle. Gemeinsam alt zu werden und den anderen zu lieben, trotz all seiner Fehler. Bis dass der Tod uns scheidet, dachte Heidi.

Sie fragte sich, wie wohl die anderen sie wahrnahmen. Sie selbst fühlte sich noch immer wie ein zwanzigjähriges Mädchen, das sein ganzes Leben noch vor sich hat. In Wirklichkeit war sie eine vierzigjährige Mutter von zwei Kindern, deren einst dichter blonder Haarschopf allmählich seinen Glanz einbüßte. Sie musste ihre Zähne regelmäßig weißen, und ihre Kinnpartie verlor rapide an Spannkraft. Je weiter sie herabhing, desto unansehnlicher wirkten auch die Sommersprossen. Aus den niedlichen braunen Punkten waren fette Tintenkleckse geworden. Aber nicht nur Heidis Äußeres war im Lauf der Jahre rauer geworden, sondern auch ihre Persönlichkeit. Durch ihren Beruf fiel es ihr zunehmend schwer, das Gute in den Menschen zu sehen. Und schon lange hatte sie nicht mehr geweint, weder aus Schmerz noch aus Freude. Manchmal hatte sie das Gefühl, aus Stein zu sein. Wenn man die harte Schale aufbrach, war der Kern genauso fest.

»Vermisst du diese Zeiten manchmal?«, fragte sie plötzlich.

»Welche Zeiten?«

»Als wir nach Lust und Laune trinken und rauchen und um die Häuser ziehen oder Städtetrips quer durch Europa machen konnten, ohne uns um die Kinder Gedanken machen zu müssen?«

»Manchmal schon, wie damals, als sie sich kurz vor Weihnachten diese Darmgrippe eingefangen haben und das ganze Haus gestunken hat wie ein römisches Vomitorium. Aber im Großen und Ganzen nicht. Unsere gemeinsame Reise ist viel aufregender, seitdem die beiden mit an Bord sind.«

»Wenn wir irgendwo noch ein günstiges Last-Minute-Angebot finden, könnten wir alle zusammen im August ein paar Tage nach Südfrankreich fahren. Wir packen nur das Nötigste ein, programmieren das Auto, fahren am Abend los und schlafen unterwegs. Dann sind wir am nächsten Morgen in Lyon.«

Heidi kannte Sams Antwort, noch bevor er den Mund aufmachte. »Mal schauen«, sagte er. Seit sie verheiratet waren, wollte er so gut wie jedes Mal, wenn sie eine Reise ins Ausland vorschlug, erst »mal schauen«. Weihnachten verbrachte er jedes Jahr zum Teil bei seiner Mutter, die an der Algarve lebte. Allerdings fuhr er immer allein.

»Jetzt hab ich’s vergessen – wohin gehen wir noch mal zur Feier des Tages?«, fragte sie.

»Na gut, wenn du es wirklich wissen willst, verrate ich es dir. Aber dann beschwer dich nachher nicht, dass ich dir die Überraschung vermasselt habe.«

»Komm schon, raus damit.«

»Also gut. Ich habe für das Wochenende einen Bungalow in Aldeburgh gemietet, und für den ersten Morgen hatte ich zum Frühstück ein Picknick geplant. Dann können wir den Tag so anfangen, wie alles begonnen hat: im Licht der aufgehenden Sonne.«

»Das ist ja lieb von dir«, sagte Heidi, ohne es im Geringsten so zu meinen. Sam dagegen hielt sein Vorhaben bestimmt für eine angemessene und romantische Geste. »Wirklich eine schöne Idee.«

»Ja, das fand ich auch«, sagte Sam. »Aber dann ist mir wieder eingefallen, wie meine Frau ihre Enttäuschung nicht verbergen konnte, als ich sie letztes Jahr in den Pub ausgeführt habe. Also habe ich stattdessen Tickets für ein Musical im Londoner West End besorgt, mit anschließendem Abendessen in einem todschicken Restaurant sowie Übernachtung in einem Hotel in Covent Garden.«

Heidi wusste, dass sie einen solchen Abend nie erleben würde, spielte jedoch mit. »Echt jetzt? Können wir uns das denn leisten? Nächstes Jahr fährt James doch mit der Schule ins Skilager …«

»Ja, das geht schon«, antwortete Sam. Er klang, als irritiere ihn Heidis Nachfrage. »Ich habe in letzter Zeit ein bisschen was zurücklegen können.«

Heidi wollte noch etwas anderes einwenden, verzichtete aber darauf und hielt stattdessen ihre frisch lackierten weißen Fingernägel in die Kamera. »Wie findest du sie?«, fragte sie, doch bevor Sam antworten konnte, erlosch der Bildschirm. »Sam? Sind wir unterbrochen worden?«

Im selben Moment schlug Sam einige Meilen hinter ihr in seinem Auto auf das Armaturenbrett, um seinen Bildschirm wieder zum Leben zu erwecken. Jetzt bekam er die Rechnung dafür, dass er die automatischen Nachrichten ignorierte, die ihn an die halbjährliche Untersuchung, die Softwareupdates und die App zur Fehlerdiagnose erinnerten. Auch für Heidis Auto hatte er noch keinen Termin vereinbart, aber das brauchte sie nicht zu wissen. So wie sie auch vieles andere nicht zu wissen brauchte.

»Zumindest kann ich dich noch hören«, antwortete er.

»Was ist denn da los?«

»Wahrscheinlich sind wir in einem Funkloch.«

»Aber warum programmiert sich mein Navi dann gerade neu – mit einer anderen Route?«

Sam stellte die leere Porridgeschale auf den Beifahrersitz. »Das kommt doch immer wieder mal vor. Wenn es irgendwo einen Unfall gegeben hat oder so.« Er sah auf seinen Bildschirm. »Komisch, meins macht das jetzt auch. Was … was nimmt es denn da für …«

Er konnte den Satz nicht mehr beenden. Aus den Lautsprechern der beiden Autos kam eine Stimme. Es war weder seine noch Heidis.

5

Shabana Khartri

»Ich schaffe das, ich schaffe das, ich schaffe das …«

Immer wieder flüsterte Shabana ihr Mantra, während das Auto Meter um Meter zurücklegte und sie von dem Ort wegbrachte, den sie zwanzig Jahre lang nicht verlassen hatte. Jetzt ist es so weit, dachte sie. Das Unvorstellbare wurde Wirklichkeit.

Es war erst eine halbe Stunde her, dass ihr Sohn Reyansh vor der Tür ihres Hauses gestanden hatte und dringend mit ihr hatte reden wollen. Sie war außer sich gewesen vor Freude, ihn zu sehen, hatte jedoch auch Angst um ihn gehabt.

»Warum bist du gekommen?«, hatte sie ihren Erstgeborenen gefragt, sein Gesicht in beide Hände genommen und immer wieder auf die Nachbarhäuser geblickt, um zu überprüfen, ob ihn jemand bemerkt hatte. Er war ganz außer Atem gewesen. »Du weißt doch, dass du nicht hierherkommen sollst«, hatte sie gesagt. »Du bist hier nicht sicher.«

»Das ist jetzt egal«, hatte er entgegnet. »Bitte, Mum, du musst mir jetzt gut zuhören. Du hast endlich die Gelegenheit, auf die du so lange gewartet hast. Du kannst von hier weg.«

»Was soll das heißen? Was ist passiert?«

»Dad ist verhaftet worden.«

Shabana war einen Schritt zurückgetreten und hatte ungläubig den Kopf geschüttelt. »Was soll das heißen, er ist verhaftet worden? Warum denn?«

»Was genau los ist, weiß ich auch nicht. Aber sein Anwalt hat angerufen und gesagt, dass du für ihn eine Kaution hinterlegen sollst. Weil du kein Englisch sprichst, hat er mich angerufen. Ansonsten hat er nur gesagt, dass es bei der Verhaftung um Menschenhandel geht.«

Shabana kannte diesen Ausdruck, hatte aber nie nachgefragt, was damit gemeint war.

»Das heißt, dass Menschen illegal über die Grenze gebracht werden«, hatte Reyansh erklärt. »Anschließend werden die Männer häufig verkauft und müssen unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten, und die Frauen werden zur Prostitution gezwungen.«

Shabana hatte die Hand vor den Mund gehalten. »Und dein Vater soll so etwas getan haben?«

»Ja, das wird ihm vorgeworfen. Er wurde gestern Abend zusammen mit Rohit und Sanjay im Restaurant verhaftet, und außer ihnen noch andere Männer an anderen Orten. Die Polizei behauptet, sie gehören zu einer Bande, die Kinder und Bettler aus Slums in Assam hierherschmuggelt und dann verkauft.«

Shabana kannte die beiden Namen, hatte die Männer aber noch nie gesehen. Wenn ihr Mann Vihaan Freunde mit nach Hause brachte, schickte er Shabana nach oben, wo sie bleiben musste, bis der Besuch wieder weg war. Oft saßen sie bis in die frühen Morgenstunden im Wohnzimmer und betranken sich mit Reiswein. Manchmal blieb Vihaan auch tagelang weg. Daher hatte Shabana ihn nicht vermisst, als er letzte Nacht nicht nach Hause gekommen war.

»Mum, das ist die Gelegenheit für dich, ihn zu verlassen«, hatte Reyansh sie bedrängt. »So eine Chance kriegst du nie wieder.«

Wenn stimmte, was Reyansh erzählt hatte, konnte alles wahr werden, wovon sie je geträumt hatte, so viel hatte Shabana geahnt. Dennoch hatte sie gezögert. »Das kommt so plötzlich«, hatte sie leise und mit klopfendem Herzen geantwortet. »Ich müsste noch Kleidung einpacken und die Mädchen zurechtmachen … Was soll ich ihnen denn sagen? Außerdem habe ich kein Geld. Wovon sollen wir leben? Und wo sollen wir wohnen? Wo sollen wir denn hin?«

»Ich habe zwei Taxis organisiert«, hatte Reyansh geantwortet und auf die Straße gezeigt, wo zwei Autos gewartet hatten. »Eins bringt dich zu einer Anwältin, das andere bringt die Mädchen in eine Unterkunft. Dad hat seinem Anwalt gesagt, dass er im Schuppen Geld versteckt hat, mehrere Tausend Pfund. Die sollen wir für die Kaution nehmen. Du kannst sie dir holen.«

»Aber das ist Diebstahl.«

»Dad hat dir zwanzig Jahre deines Lebens gestohlen.«

»Was ist das für eine Unterkunft?«

»Ein Heim für Familien wie unsere und Frauen wie dich. Für indische Frauen, die ihr ganzes Leben unter der Fuchtel ihrer Männer verbracht haben und sich nicht länger schlagen und schikanieren und wie Hunde herumkommandieren lassen wollen, und die Hilfe beim Neuanfang brauchen.«

»Aber … aber …« Shabana hatte nicht gewusst, was sie darauf sagen sollte. Seit Jahren träumte sie davon, Vihaan zu entkommen. Ihr letzter ernsthafter Versuch lag neun Jahre zurück. Damals hatte sie geplant, nach Newcastle zu einer entfernten Verwandten zu fahren. Mrs. Patel, die in der Nähe einen Supermarkt betrieb, hatte ihr geholfen. Doch als Mr. Patel die Bustickets für Shabana und ihre Kinder entdeckt hatte, die seine Frau in Verwahrung genommen hatte, hatte er sich verpflichtet gefühlt, Vihaan zu informieren. Zur Strafe hatte Vihaan Shabana so brutal verprügelt, dass sie ihren rechten Fuß noch heute nicht wieder voll belasten konnte.

Seit diesem Tag bestand ihre einzige Hoffnung darin, dass Vihaan durch einen frühen Tod aus dieser Welt verschwand. Er rauchte täglich eine Packung starke Zigaretten, und weil er gern fettreich aß, hatte er mindestens zwanzig Kilo Übergewicht. Daher war es nur eine Frage der Zeit, wann sein Herz den Dienst versagen würde. Manchmal malte Shabana sich aus, wie er in der Küche zu Boden sank, sich panisch an die Brust griff und sie anflehte, Hilfe zu holen. »Das kann ich nicht«, würde sie dann sagen. »Ich spreche nur Bengali. Du hast mir nicht erlaubt, Englisch zu lernen, das weißt du doch.«

»Mum«, hatte Reyansh gesagt, sie damit aus ihren Gedanken geholt und ihre Hand ergriffen. »Darauf hast du doch die ganze Zeit gewartet. Dass du endlich von ihm wegkommst. Und genau dazu hast du jetzt die Gelegenheit.«

»Wenn er wieder da ist, wird er uns suchen. Und er wird uns finden und uns umbringen. Ich weiß, wie rachsüchtig dein Vater sein kann, wenn er sich provoziert fühlt.«

»Das wird ihm nicht gelingen. Ich habe mit den Frauen gesprochen, die die Unterkunft leiten, und ihnen deine Lage erklärt. Sie haben mir gesagt, dass du jederzeit kommen kannst. Das läuft alles vollkommen anonym. Niemand wird je erfahren, wo du bist. Gerade eben war ich noch mal dort. Sie haben gesagt, dass ihr kommen könnt, du und die Mädchen. Sie halten Plätze für euch frei. Und sie haben mich mit einer Anwältin bekannt gemacht, die eng mit ihnen zusammenarbeitet. Sie wird sich darum kümmern, dass Dad ein Kontaktverbot auferlegt wird. Alles ist vorbereitet. Ihr müsst einfach nur hinfahren.«

»Und du? Was wird aus dir?«

»Ich kann bei Freunden unterkommen, und in ein paar Monaten fängt sowieso die Uni an. Ich kann von Glück sagen – mir hätte nichts Besseres passieren können, als dass mein Vater mich rausschmeißt, weil es für ihn das Schlimmste auf der Welt ist, schwul zu sein. Mum, das Leben da draußen ist herrlich. Du musst dich nur trauen.«

»Diese Anwältin, weiß sie, dass ich kein Englisch spreche?«

»Ja, und sie hat gesagt, du sollst dir deswegen keine Gedanken machen. Du bist da nicht die Erste. Sie will dir wirklich helfen.«

»Und du versprichst mir, dass du dich um die Mädchen kümmerst, solange ich bei ihr bin?«

»Natürlich.«

Unvermittelt hatte sich in Shabana eine Wärme ausgebreitet, die jeden Winkel ihres Körpers erfasste. Sie hatte kaum merklich genickt und sich vorgestellt, was für eine Zukunft sie erwartete, wenn sie ihrem Sohn und den Leuten, die er zu Hilfe geholt hatte, vertraute. Dass es Menschen gab, die sie unterstützen wollten, obwohl sie sie gar nicht kannten, hatte ein Gefühl der Demut in ihr ausgelöst. Sie hatte Reyansh in die Augen gesehen. »Hilf mir, deine Schwestern zurechtzumachen«, hatte sie gesagt, und mit jedem Augenblick war ihre Zuversicht gewachsen.

Shabana hatte für die Kinder das Nötigste für ein paar Tage – Kleidung, Unterwäsche, Waschzeug – in zwei Einkaufstaschen gepackt. Vom Schlafzimmer aus hatte sie gehört, wie Reyansh nebenan seinen vier Schwestern Anweisungen gab. Sie war unbeschreiblich stolz auf ihren einzigen Sohn. Er hatte erkannt, dass die Männerrolle, die sein Vater ihm vorlebte, kein gutes Vorbild war, und sich seine freundliche, sanftmütige und besonnene Art bewahrt. Sein Name bedeutete »der erste Strahl des Sonnenlichts«, und genau das schenkte er ihr jetzt: die Möglichkeit, einen neuen Tag in neuem Licht zu erleben. Jetzt war für sie der Zeitpunkt gekommen, aus dem Schatten zu treten und Teil einer farbenfrohen Welt zu werden, an die sie sich kaum noch erinnern konnte.

Als sie gehört hatte, wie die Mädchen die Treppe herabkamen, hatte sie ein kurzes Gebet für sie gesprochen. Sie hatte ihren Kindern stets nur das Beste mitgeben und sie lehren wollen, selbstständig zu sein und niemals zuzulassen, dass jemand anderes über sie bestimmte. Die Älteste war jetzt vierzehn, und sie hatten ihre Mutter nur als eine unterwürfige, verängstigte Frau kennengelernt. Shabana hoffte, dass es trotz der Erfahrungen in diesem Haus für sie noch nicht zu spät war und sich das Bild, das sie von der Ehe hatten, noch würde ändern können. Ansonsten wäre es, wenn sie dieselben Fehler machten wie ihre Mutter, nicht ihre Schuld, sondern Shabanas. Und das würde sie sich niemals verzeihen.

Nachdem sie ihre eigene Tasche gepackt hatte, war sie in die Küche gehastet und hatte den Schlüssel für das Vorhängeschloss am Schuppen geholt. Dort, in dem Raum, den sie nie hatte betreten dürfen, hatte sie Kisten aus Regalen gezerrt und Schachteln und Taschen durchwühlt und schließlich bündelweise Geldscheine hervorgeholt. Es war eine erstaunliche Summe. Während sie mit einem dürftigen Haushaltsgeld eine immer größer werdende Familie hatte ernähren und kleiden müssen, hatte Vihaan hier Tausende Pfund angehäuft. Diese Entdeckung hatte ihren Hass auf ihn noch weiter wachsen lassen.

Sie hatte sich das Geld in die Taschen gestopft und war zurück zu ihren Kindern gegangen, die im Wohnzimmer warteten, das Vihaan als sein Reich betrachtete und in dem er niemanden aus seiner Familie duldete. Als sie die Mädchen dort vor sich gesehen hatte, mit umgehängten Schultaschen, die vor Kleidung, Büchern und Spielzeug nur so überquollen, hatte sie eine Kraft verspürt, von der sie gar nicht mehr gewusst hatte, dass sie sie besaß. Reyansh hatte vor den dicken Gardinen gestanden, nervös hinausgespäht und überprüft, ob der Weg für ihre Flucht frei war. So viele Jahre hatten diese Gardinen Shabana und ihr Schicksal vor der Welt verborgen. Doch damit war nun Schluss. Sie hatte an dem Stoff gezerrt, bis er aus der Schiene geglitten und zu Boden gefallen war. Endlich hatte sie einen ungetrübten Blick nach draußen. »Sie sollen mich ruhig sehen«, hatte sie trotzig gesagt.

Als sie ihre Kinder zum Abschied auf die Wangen küsste, hatten die beiden jüngsten, Aditya und Krish, zu weinen angefangen. Shabana hatte sie daraufhin, so fest sie konnte, an sich gedrückt. »Ich werde euch zeigen, was es heißt, glücklich zu sein«, hatte sie ihnen zugeflüstert, bevor sie das Haus verlassen hatten und Reyansh sie zu einem der fahrerlosen Taxis begleitet hatte, die draußen gewartet hatten. Dann hatte er Shabana geholfen, die Taschen in dem anderen Auto zu verstauen, und die Adresse der Anwältin in das Navi eingegeben.

»Wir sehen uns dann heute Nachmittag«, hatte er gesagt. Als er ihr ein Handy gegeben hatte, war ihm eingefallen, dass sie noch nie eines benutzt hatte. »Ich rufe dich auf diesem Telefon an. Zum Abnehmen musst du die grüne Taste drücken. Dann sage ich dem Auto, wohin es dich bringen soll.«

Shabana hatte ihren Sohn lange umarmt. »Danke«, hatte sie leise gesagt, bevor sie ihn gehen ließ.

Sie fuhr zum ersten Mal in einem autonomen Auto. Aber sie vertraute Reyansh, der ihr versichert hatte, es würde sie völlig selbstständig ans Ziel bringen. Ihr einziger Sohn war noch keine achtzehn, doch er war der einzige Mann, dem sie vertraute, anders als ihrem Vater, der für sie eine Ehe mit einem Mann arrangiert hatte, von dem er wusste, dass er gewalttätig war, und anders als ihren Brüdern, die den Freund, den sie als Teenager in Indien gehabt hatte, fast zu Tode geprügelt hatten, weil er einer niederen Kaste entstammte.

Shabana stellte sich vor, wo sie leben würde, jetzt, da sie frei war. Eine kleine Sozialwohnung würde ihr genügen, mit einem Radio und einem Fernseher, sodass sie sich Filme ansehen könnte, wenn die Mädchen im Bett waren. Mit der Zeit waren Filme das Einzige geworden, was sie die Wirklichkeit vergessen ließ. Manchmal, wenn Vihaan ausgegangen war und nicht daran gedacht hatte, die Fernbedienung zu verstecken, schaltete sie einen indischen Sender ein und fieberte bei den stürmischen Liebesgeschichten aus Bollywood mit. Sie war fasziniert von den schönen jungen Frauen mit den makellosen Frisuren und den farbenfrohen Kleidern, die sich dem Tanz mit einer Freude hingaben, die sie selbst nie gekannt hatte. Sie wirkten, als stünden sie unter dem Schutz eines Gottes, der ein anderer war als der, den sie selbst verehrte.

Sie sah auf den Stadtplan, der auf dem Armaturenbrett angezeigt wurde, während das Auto durch Straßen fuhr, die sie bis jetzt nur zu Fuß entlanggegangen war. Tag für Tag hatten ihre Armmuskeln geschmerzt, wenn sie die schwer bepackten Einkaufstaschen nach Hause geschleppt hatte.

Damit war es nun vorbei. Schon bald könnte sie mit dem Bus oder dem Taxi fahren, oder sie würde eine Freundin finden und mit ihr gemeinsam einkaufen gehen. Weil Reyansh so hartnäckig geblieben war, standen ihr und ihrer Familie jetzt unendlich viele Möglichkeiten offen. Die drei Worte, die Vihaan ihr gründlich ausgetrieben hatte, schlichen sich allmählich wieder in ihren Wortschatz zurück.

Ich schaffe das, sagte sie sich. Ich schaffe das.

Während ihre innere Stimme noch in ihren Gedanken nachklang, waren aus den Lautsprechern plötzlich englische Wörter zu hören. Shabana schreckte hoch. »Was ist das?«, sagte sie laut in ihrer Muttersprache. Hastig sah sie sich im Auto um. Die Stimme sprach weiter, doch Shabana verstand nur hin und wieder ein paar Worte. Eines davon klang wie »tot«.

Dann ging plötzlich der Bildschirm an. Er war in mehrere kleine Felder aufgeteilt, die Aufnahmen von Menschen in Autos zeigten. Keiner von ihnen lächelte, vielmehr wirkten sie alle verängstigt. Shabana beugte sich vor und versuchte, unter den Gesichtern ihren Sohn zu entdecken. Doch außer sich selbst erkannte sie niemanden.

Panik ergriff sie, so wie bei dem Geräusch, wenn Vihaan nachts nach Hause kam und die Haustür zuschlug. Wenn er betrunken war, war er wütend. Und wenn er wütend war, ließ er seine Wut an seiner Frau aus, indem er mit ihr machte, was er wollte, während sie nur regungslos dalag, mit geschlossenen Augen und geballten Fäusten, und von einem besseren Leben träumte.

Jetzt waren noch weitere Stimmen zu hören, immer mehr Wörter in immer mehr Sprachen, die Shabana nicht verstand, dazwischen Rufe und durchdringende Schreie von verzweifelten Menschen.

»Was ist das?«, fragte sie laut. »Ich will das nicht. Das Auto soll anhalten, bitte. Ich will aussteigen.«

Sie drückte auf einen Knopf in der Tür und hoffte, sie würde sich öffnen, aber nichts geschah. Sie nahm das Handy, das Reyansh ihr gegeben hatte, drückte auf die grüne Taste und hielt es sich ans Ohr. »Reyansh?«, sagte sie. »Reyansh, kannst du mich hören? Bist du da? Hallo?«