Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Pilgern auf dem Jakobsweg... nichts Neues. Schon oft da gewesen. Schon oft beschrieben. Auch nichts Neues, wenn ein stinknormaler, atheistischer Thüringer das macht. Oder doch? Nach einer persönlichen Krise begab ich mich im Spätsommer 2019 auf den Camino de Santiago. Den Weg, den ich schon seit einiger Zeit gehen wollte. Mit sehr wenig Vorbereitung, ganz grober Planung und ein wenig Mut der Verzweiflung brach ich auf. Was ich mitnahm? Meine alte Ukulele, künstliche Blumen, bunten Krimskrams... und Durst. Durst auf Neues, auf Menschen und auf Bier. Was ich fand? Alles. Und mehr. Schaut mal rein. Ein Buch für alle, die mich kennen. Für alle, denen ich begegnen durfte. Für alle, die schon einmal darüber nachdachten, diesen Weg zu gehen. Für alle, die ein wenig Humor mögen. Traut euch. Lesen ist gar nicht so schwer. Ultreia.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 615
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Der Camino de Santiago.
Künstliche Blumen.
Und ich.
Ein Reisebericht.
Oder so ähnlich.
Für meine Familie.
Für meinen Opa.
Für Hartmut.
Und für mich.
Impressum
Texte: © 2021 Copyright by Philipp Döhrer Cover:© 2021 Copyright by Philipp Döhrer
Verlag: Philipp Döhrer Dorfstrasse 51 CH-3622 Homberg bei Thun [email protected]
Vertrieb: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Die Tradition besagt, dass der Pilger, der sich entschlossen hat, nach Santiago de Compostela zu gehen, einen Stein aus der Heimat mitnimmt. Einen symbolischen Ballast. Am Cruz de Ferro, dem Eisenkreuz, am höchsten Punkt des Jakobsweges, spricht man ein kleines Gebet und legt den Stein dort ab. Man legt damit schlechte Erinnerungen, schlechte Erfahrungen und alte Sünden ab. Man legt alle Dinge des vorherigen Lebens ab, die man mit sich trug und die man niemals wieder mit sich tragen möchte. Der Berg aus seelischem Ballast am Cruz de Ferro wuchs und wuchs im Laufe der Jahrhunderte.
Um sofort Missverständnissen vorzubeugen, möchte in an dieser Stelle gleich betonen, dass ich nicht gläubig bin. In keiner Weise. Nie gewesen. Die Vorstellung einer höheren Macht oder gar eines höheren Wesens ist für mich dermaßen abwegig, dass es mir schwerfällt, für diese Abwegigkeit überhaupt Worte zu finden. Ich kann damit einfach nichts anfangen. Vielleicht bin ich zu rational. Auch ein Konzept wieSchicksalhalte ich für abstrus. Meiner Meinung nach war dieser Begriff immer nur eine Ausrede für Menschen, die es nicht schaffen, ihre eigenen Entscheidungen zu hinterfragen oder damit zu leben.
Ich respektiere, nein, ich bewundere jeden Menschen, der glaubt. Wahrhaft glaubt. Woran auch immer. Das ist eine Leistung, zu der ich leider nie imstande war. Ich respektiere Traditionen, ich kenne die Geschichte und die Auswirkungen des Glaubens. Ich weiß, was manch ein Glaube angerichtet hat. Ich weiß aber auch, dass der Glaube vielen Menschen geholfen hat und noch helfen wird. Aber für mich? Ich fand die Macht des Zufalls immer reizvoll. Vielleicht glaube ich schlicht und einfach an den Zufall. Zufall und daraus resultierende Entwicklungen oder eben einfach nur weitere Zufälle. Dieses Konzept gefällt mir.
An eine Sache wollte ich allerdings immer gerne glauben: An Menschen. Hat oft funktioniert, aber eben leider nicht immer. Wenn ich es mal nicht tat, dann zwang ich mich dazu, trotzdem irgendwie weiter an die Menschen zu glauben. Hat es was gebracht? Mittlerweile glaube ich, dass Menschen grundsätzlich immer Gutes wollen. Letztendlich bauen sie dann dennoch immer Scheiße. Das ist doch mal ein Konzept. Dafür sollte man mal einen Kult einrichten. Das Gebet könnte dann allerdings etwas merkwürdig ausfallen.
Bleiben wir also lieber bei der alten Tradition, beim alten Gebet am Cruz de Ferro, während man den Stein ablegt:
Herr, möge dieser Stein, Symbol für mein Bemühen auf meiner Pilgerschaft, den ich zu Füßen des Kreuzes des Erlösers niederlege, dereinst, wenn über die Taten meines Lebens gerichtet wird, die Waagschale zugunsten meiner guten Taten senken. Amen.
Letzteres wahlweise zu ersetzen durch: So möge es sein. So is‘. So machmer’s.
Die Tradition besagt, dass der Pilger, der sich entschlossen hat, nach Santiago de Compostela zu gehen, einen Stein aus der Heimat mitnimmt. Einen symbolischen Ballast.
Ich nehme zwei Steine mit. Und monströse, künstliche Blumen.
23.07.2019 00:20 Uhr
Ich sitze in meiner Bude. Ja, in meiner Bude. In meinem Stitz. Einen hochwertigeren Begriff gibt es dafür nicht. Ich bin dankbar, dass ich ihn habe, aber es ist eben einfach nur ein Stitz. Ich sitze in meinem unfassbar bequemen und gleichzeitig vollkommen durchgesessenen DDR-Rollsessel, bei dem ich nach jeder Bewegung die linke Rolle an der Unterseite nachziehen muss, um nicht halb auf dem Boden zu sitzen. Das hat was. Aber nicht viel.
Vor mir auf dem Bildschirm flimmert irgendein Film, irgendeine Serie, vor sich hin. Grundsätzlich flimmert bei mir immer irgendetwas vor sich hin. In diesem Moment aber hauptsächlich ich selbst. Ich bekomme absolut nichts von dem Treiben auf dem Bildschirm mit. Es könnte ein surreales Werk aus der Feder von Darren Aronofsky sein. In den Hauptrollen David Hasselhoff und Annegret Kramp-Karrenbauer. Unter der Regie von Hieronymus Bosch, Klaus Kinski und einem sprechenden Schimpansen. Auch sowas kann man mögen. Muss man aber nicht.
Nichts davon interessiert mich gerade. Es flimmert einfach. Ich sitze also einfach da. Ich lasse mich von diesem cineastischen Meisterwerk unterbewusst einlullen und denke. Nur denken. Das kann ich und tue ich leider oftmals viel zu gut. Ich kriege dieses hässliche, fast haarlose Ding, welches aus meinem Hals hervorragt, einfach nicht ausgestellt. Ich habe keinen Schalter dafür. Lieferfehler. Hat Hermes vor knapp 33 Jahren einfach verkackt. Jegliche Bemühung um Nachlieferung fehlgeschlagen.
Ich schlafe nun seit fast drei Wochen so gut wie gar nicht. Mit „so gut wie“ meine ich absolut. Und mit „gar nicht“ meine ich GAR NICHT. Ich esse seit fast drei Wochen sehr, sehr wenig. Nur Kleinkram. Ich habe seit fast drei Wochen eine Nervenstörung am Hauptnerv des Hinterkopfes. Ich fühle mich taub und unkonzentriert. Ich habe seit fast drei Wochen ein riesiges Loch in meinem Leben. Größer als je zuvor. Es ist eher wie eine riesige, zerklüftete Schlucht. Als hätte eine gewaltige, hässliche, fette, warzenbewachsene Kröte ihren gigantischen Schlund geöffnet und… Lassen wir das. Dieser Vergleich hinkt. Auf beiden Beinen. Sogar auf allen dreien. Lieber in Form eines Gleichnisses, so wie unser guter, alter Freund J.C. vor einigen Jährchen schon immer gerne redete:
Es ist, als hätte ich einen fantastischen Baumeister kennengelernt und angeheuert. Dieser Baumeister begann ein Gebäude zu errichten. Er maß dem Werk eine riesige, bedeutungsvolle Zukunft bei. Vor meinen Augen stellte er es Schritt für Schritt fertig. Ich konnte währenddessen noch nicht so ganz daran glauben, da meine Erfahrungen mit vorherigen Baumeistern nicht die besten waren. Mit jedem Stein, den er setzte, begann ich, immer mehr zu glauben, immer mehr zu wissen, dass dieses Werk wirklich standhaft sein wird. Standhaft bis zu dem Tag, an dem die Hölle einfriert und Roberto Blanco weiß wird. Als der Schlussstein des Bauwerks gesetzt werden sollte, als ich alle Zweifel abgelegt hatte, riss der Baumeister sein Werk vollständig ein. Einfach so. Dann schnappte er sich ein Klatschblättchen, eine Rolle Klopapier und setzte einen gewaltigen Haufen darauf. Und lachte dabei. Dieser Vergleich ist zwar irgendwie widerlich, aber er trifft’s.
Genau SO fühle ich mich in diesem Moment. In der wohligen Umarmung dieses sesselförmigen Meisterwerks. Diese bedeutungsvolle Zukunft, an die mich der Baumeister glauben ließ, als ich es selbst noch bezweifelte. Das Gebilde, das er mit mir seit mehr als zwei Jahren aufgebaut und mir versprochen hat. Er hat es nun eingerissen. Unwiderruflich. Und hat danach genüsslich schmatzend ein gewaltiges Exkrement darauf hinterlassen. Während ich in diesem dampfenden Chaos noch nach der Ursache für all das suche, ist der Baumeister längst dabei, das nächste Gebilde für den nächsten Klienten zu errichten. Ich suche derweil noch in diesem Berg aus Scheiße und stelle mir die ganze Zeit die hochwissenschaftliche und philosophische Frage: Hä?
Nun dürfte jedem Einzelnen klar sein, was ich damit meine. Nun dürfte jedem Einzelnen klar sein, dass das irgendwie ein merkwürdiges Gleichnis ist. Nun dürfte sich jeder Einzelne fragen: „Was hat der Typ genommen? Was hat er vergessen zu nehmen?“ Nun dürfte jedem Einzelnen klar sein, dassder Baumeisterkein Mann war. Ja, manchmal kann ich schon sehr emotional und melancholisch sein. Gedanklich und beim Schreiben. Gefühlschaos der krassesten Sorte. In diesen Ausmaßen allerdings auch für mich völlig neu. Ich möchte das nicht noch genauer vertiefen. Nicht an dieser Stelle. Man kommt momentan sowieso nicht auf den Grund der Entstehung dieses aufgerissenen Loches. Höchstwahrscheinlich wird man das auch nie.
Halten wir also in diesem Moment fest:
1. Ich sitze.
2. Dieser Sessel ist auf eine geniale Weise bequem und totalbeschissen zugleich.
3. Ich habe einen mittleren Nervenschaden am Kopf, der mich taub und unkonzentriert macht.
4. MeineBaumeisterinhat mich entsorgt.
5. Das ganze versprochene Gebäude gleich mit.
6. Holzklotz reimt sich nicht auf Bitterorange.
7. Nein.
8. Punkt 7 bedarf einer genaueren Untersuchung.
9. Ich muss jetzt irgendetwas tun, um wieder einen freieren Kopf zu bekommen.
10. Listen mit mehr als zehn Punkten sollte man keineBedeutung beimessen.
11. Was zur Hölle mache ich jetzt?
Seit dem mythenumrankten Jahr 2010 habe ich einen Gedanken. Damals, als das Gras noch grün war und Schlumpf-Eis wirklich noch nach echten, handgejagten Schlümpfen schmeckte, prägte mich ein ganz besonderes Erlebnis. Wir unternahmen eine Reise. Wir waren zu dritt, mein Opa, mein Onkel und ich. Eine Reise durch Südfrankreich und Nordspanien mit dem sehr speziell ausgerichteten Reiseveranstalter Rotel-Tours.
Auf den Spuren des Jakobsweges nannte es sich. Im Nachhinein würde ich es gerne etwas anders taufen:
Unterwegs in einem rollenden Hühnerkäfig namens ‚Rotel-Tours-Bus‘, in dem jegliche Privatsphäre schlicht nicht vorhanden ist, du allerdings sehr viel siehst, während du nachts von den urwaldartigen Geräuschen der zwei schwäbischen Lesben, die in den Kabinen über dir schlafen, unterhalten wirst, die dir wahlweise ein Lächeln oder die blanke Wut ins Gesicht zaubern, du dich danach frisch ‚gestärkt‘ in einen neuen Tag voller Sightseeing begibst und halt so allgemein, na ja….auf den Spuren des Jakobsweges halt.
Guter Titel der Reise. Macht sich aber nur bedingt gut in einem Reisekatalog. Wohl eher gar nicht.
Ich fand es genial. Ich habe Fernweh. Immer gehabt. Ich will alles sehen, alles erleben. Ich möchte am liebsten überall hin. In jedes Land, zu jedem Ort. Muss wohl ein Erbfehler sein. Herzlichen Dank, Familie. Es war jedenfalls ein bis dato einmaliges Erlebnis. Nicht falsch verstehen, es war bei weitem nicht die erste große Reise meines Lebens, im Gegenteil. Ohne jetzt angeben zu wollen, möchte ich einfach mal von mir behaupten, ich kenne mich in der Welt schon ganz gut aus. Aber diese Reise, diese Tour mit diesem Veranstalter, die Art und Weise des Trips, das war eine ganz andere Hausnummer als alles zuvor Erlebte. 20 Tage mit anfänglich wildfremden Menschen auf engstem Raum unterwegs zu sein, in relativ kurzer Zeit extrem viele Orte zu besuchen, gemeinsam Essen zuzubereiten, zu verspeisen und wieder hinaus zu befördern, eine Gegend nicht nur zu sehen, sondern einfach zu erleben, unbeschreiblich. Keine meiner anderen Reisen kommt diesem Erlebnis nahe. Entschuldigung mein verehrtes Rom. Ich liebe dich trotzdem noch.
Diese Tour hatte einige der schönsten und merkwürdigsten Begebenheiten und einige der besten menschlichen Begegnungen meines bisherigen Lebens inklusive. Danke an den Rotel-Gott, falls es ihn gibt. Die Route der fahrenden Schlafkabinen führte entlang der Strecke des französischen Jakobsweges, über Toulouse und Lourdes und natürlich entlang des eigentlichen Jakobsweges, des Camino Francés, durch Spanien. Zu allen wichtigen Orten, die in Zusammenhang mit diesem altehrwürdigen Weg stehen. Selbstverständlich gehörten zum Reiseprogramm auch einige Etappen des Camino. Jeweils nur ein paar putzige, kleine Kilometerchen. Man bekam zumindest einen klitzekleinen Eindruck des Pilgerns und der verschiedenen Landschaften entlang der hunderte Kilometer langen Strecke. So kurz und knapp die jeweiligen Etappen waren, ich lief meistens allein, ganz für mich. Es war der Wahnsinn.
Die Menschen, die auf diesem Weg unterwegs waren. Die Geschichten, die ich nur auf diesen wenigen Ausschnitten des jahrhundertealten Weges gesehen und gehört habe. Unfassbar. Man kann es nicht alles in Worten zusammenfassen. Ein Pilger, der seinen Rucksack nicht trug, sondern in einem Bollerwagen, hinten an seinem Gürtel befestigt, hinter sich herzog. Zwei junge Typen, die sich als Thüringer aus Suhl entpuppten, die einfach mal Bock darauf hatten. Mal sehen was hier so passiert. Ein Mann, der absolut nichts bei sich hatte, außer einem Wanderstock und den zerlumpten Klamotten am Leib. Ein zerfressener Kartoffelsack war gegen ihn ein luxuriöses Gut. Von Prada. Marktlücke.
Was bewegt einen Menschen dazu, sein normales Leben für viele Wochen zurückzulassen und je nach genauem Ausgangs- und Bestimmungsort circa 800 Kilometer in großer Entbehrung durch Spanien zu laufen? Zum vermeintlichen Grab eines Apostels Jesu? Oder danach weiter bis nach Finisterre, ans Meer, bis ans Ende der Welt? Wer macht sowas? Warum macht man sowas? Sind die alle einfach irre?
Oder sind es gerade diese Menschen nicht?
Ich habe mich damals sofort in den Gedanken verliebt, diesen Weg auch zu gehen. Einfach den Weg zu gehen. So interessant auf vielerlei Weise. Landschaftlich, kulturell, geschichtlich, menschlich. Einfach den Weg und die Umgebung aufsaugen. Dass der Weg auch mich gehen muss, das war mir noch nicht klar. So vergingen weitere Jahre. Der Gedanke verging nie. „Ein Gedanke ist wie ein resistentes Bakterium.“ Verdammte Filmzitate. Dieser resistente, standhafte Gedanke. Immer begleitet von den üblichen Ängsten eines zumindest halbwegs normal denkenden Menschen. Ich kann doch nicht einfach wochenlang weg sein. Ich kann doch nicht einfach wochenlang alle Verpflichtungen bei Seite schieben. Ich kann mir das doch finanziell gar nicht leisten. Schwachsinn.
Verrückterweise kam irgendwann das Jahr 2014. Das Gras war nicht mehr so grün wie einst, Schlümpfe für Schlumpf-Eis wurden nicht mehr professionell, sondern nur noch von der ukrainischen Schlumpf-Mafia geschreddert und Gurken durften nur noch einen bestimmten Neigungsgrad aufweisen, um als Gurken zu gelten. Welch abgefahrene Zeit. In diesem Jahr, am 25. August, begab sich mein Opa mit seinem alten Studienfreund Manfred auf den Jakobsweg. Denn auch Opa hatte sich auf unserer Reise in den Gedanken Camino verliebt. Insgeheim war ich neidisch. So richtig neidisch. Ich färbte mich gelb.
Ich befand mich zu dieser Zeit in der Endphase eines letztendlich sinnlosen Studiums. Ich wollte es und ich habe es versucht. Danke europäisches Bachelor-System. Du hast alles richtig gemacht. Prima. Drecksack. Es hat nicht sollen sein. Nur wusste ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht so ganz. Vielleicht wollte ich es auch einfach noch nicht wahrhaben. Der Anblick der beiden glücklichen Pilger am Ende ihrer Reise, bei der Abholung am Bahnhof, brachte diesen kleinen, versteckten, aber unausweichlich existierenden Gedanken wieder ans Tageslicht. Na du Saftnase, wärste mal lieber mitgegangen, wa? Danke Hirn. Ich habe dich auch lieb.
Opa schrieb einen Reisebericht. Ich konnte ihn bis heute nicht lesen. Ich brachte es nicht übers Herz. Ich konnte mich wahrscheinlich mit dem Gedanken nicht anfreunden, nicht auch den Weg gegangen zu sein. Irgendwie ging es einfach nicht.
Dann wurde ich krank. An Weihnachten 2014 war ich plötzlich komplett ausgeschaltet. Mein ganz persönlicher „Nightmare before Christmas“. Bis heute weiß ich nicht genau, was zum Teufel da los war. Aufgewacht, Füße rot und geschwollen, kurz: Ich konnte nicht mehr laufen. Aber nicht nur die Füße, sondern beide Beine waren tot. Gefühlt. Wundrose nannte man es. Penicillin und Krücken waren die Kur. Aber durch was war es bedingt? Ich durchlief alle Tests, die man überhaupt an einem Menschen durchführen kann. Lag auch einige Tage im Krankenhaus.
Alles wurde untersucht. Kleines Blutbild. Großes Blutbild. Urin- und andere lustige Proben. Röntgen. Alles vom schütteren Haupthaar bis zur Hornhaut an der Ferse. CT. MRT. ARD. ZDF. Sonographie. Wenigstens Schwangerschaft war ausgeschlossen. Alles in allem kam bei den Tests heraus: Mir ging es total prima. Aber ich konnte halt nicht laufen, weil beide Beine geschwollen waren und schmerzten. Lief bei mir. Oder eben nicht.
Nach Monaten ging es dann wieder. Irgendwann ging auch ich wieder. Weiß der Geier, was da los war. Vielleicht hat mein Unterbewusstsein meinem Körper gesagt: Alter, wenn du nicht langsam mal was machst, nicht endlich irgendwas in deinem Leben änderst, dann hau ich dich halt einfach um und du läufst nie wieder.
Das tat ich dann auch. Ich hörte hin. Ich brach das Studium ab und machte einen klaren Schnitt. Ich bewarb mich in der heimatlichen Umgebung. Tschüss Mainz, tschüss Studentenleben. Zeit für Neues. Zeit für eine Lehre. Zeit für eine abgeschlossene Ausbildung. Mit 28 Jahren. Ist doch kein Problem. Irgendwas, wo ich mit Menschen in Kontakt komme. Einer, der fast Lehrer wurde, muss halt einfach reden. Reden. Reden. Hotelfachmann? Na, das klingt doch gut. Und los.
Und es ging los. Mein verkorkster Lebenslauf war wohl kein Hindernis. Ich bekam die erwünschte Stelle und fühlte mich sofort sehr wohl in diesem neuen Leben. Es lief. Irgendwann in diesem neuen Lebensabschnitt wurde es noch schöner. Ich traf auf eine neue Kollegin. Eine unfassbar tolle Frau. Eine, wie ich sie mir nicht mal hätte vorstellen können, wenn ich jede einzelne Hirnzelle benutzt hätte. Da war sie. Einfach so. Es war der Hammer. Sie war der Hammer. Niemals hätte ich so etwas erwartet. Geschweige denn geglaubt, dass mir ein solcher Zufall einfach über den Weg läuft. An so etwas wie ein sofortiges Verständnis untereinander und eine sofortige Verbundenheit im Geiste, hatte ich nie geglaubt, das hatte ich mir nie zu erträumen gewagt. Und plötzlich war all das da. Ich neige nicht zu übertriebenem Kitsch, aber meine Fresse, das passte vom ersten Moment an, wie die Locken auf den Frosch, wo auch immer der die hat. Betonung auf passte. Etwas über zwei Jahre lief es besser, als ich es je kannte. Ein gemeinsames Denken und Fühlen, gemeinsame Reisen und Unternehmungen, gemeinsame Zukunftsplanung. Es war alles da und es war schlicht und einfach perfekt. Es war nicht die längste Beziehung meines Lebens, aber es war einfach die beste. Genau das war es. So hatte ich mir das immer vorgestellt und mir gewünscht. Bis die Realität kam.
Und nun, ihr bemitleidenswerten Leser dieser verschwurbelten Zeilen, wisst ihr zwei Dinge:
Erstens: Ich neige zu Ausschweifungen, wenn ich schreibe.
Zweitens: Ja, genau das meinte ich. Genau diese Frau, diese Baumeisterin, hat nun das Gebilde zerstört. Und ich weiß nicht, warum. Erklärungen ihrerseits hin oder her. Ich verstehe es nicht. Ich verstehe sie nicht.
Nun sitze ich hier. Mit einem Nervenschaden durch zu viel Nachdenken. Mit einem riesigen Loch im Leben. Mit Wiederholungen ein und derselben Sache am laufenden Band. Was mache ich jetzt, um das alles irgendwie zu verarbeiten? Eventuell sogar, um das alles zu vergessen? Das Bad im Selbstmitleid muss langsam enden. Es duftet nicht gerade gut. Irgendwas muss ich tun.
Hallo Hirn. Da ist er wieder. Der Gedanke. Das resistente Bakterium. Du hast Recht. Ich mache es.
JA, VERDAMMT. JETZT. Genau jetzt werde ich endlich diesen Weg gehen, den ich seit Jahren gehen will.
Der Jakobsweg ruft. Genau jetzt muss es einfach sein.
Noch immer der 23.07.2019 00:21 Uhr
Der Entschluss ist gefallen. Ich muss es jetzt einfach tun. Ich muss jetzt, noch in diesem Jahr, so schnell wie möglich den Jakobsweg laufen. Bis ans Ende der Welt. Darüber hinaus zu gehen, lass ich lieber.
Ich nehme mein Handy in die Hand. In meine zitternde Hand. Ich schreibe in diesem Moment zuerst Opa. Irgendwie denke ich, dass er es als Erster wissen sollte. Dann schreibe ich meiner Kollegin, die für die Dienstpläne der Arbeit verantwortlich ist. Direkt morgen in aller Früh werde ich meinem Chef schreiben. Die Spritzen, die ich wegen den verdammten Nerven in meinen Nacken gejagt bekommen habe, machen eine direkte mündliche Kommunikation sowieso grad ziemlich unmöglich. Beziehungsweise belustigend für diejenigen am anderen Ende der Leitung. Noch zusätzlich ist es ja im Moment mitten in der Nacht. Für die meisten Menschen. Aber sie sollen es ja wenigstens schon mal wissen.
Denn ich werde es definitiv tun, komme was wolle. Einige angespannte Tage werden folgen. Mit Sicherheit. Irgendwie krieg ich das hin. Mal sehen, was passiert.
31.07.2019 20:05 Uhr
So. Nun sitze ich wieder. Draußen im Hof. Frische Luft. Soll angeblich ganz gut sein. Eine gute Woche ist es her, dass ich entschieden habe, dann mal weg zu sein.
Was soll ich sagen? Die Welle des Zuspruchs, die ich von Anfang an bekam, war der Wahnsinn. Erst waren es nur Wenige, die meinen Entschluss kannten, die mich aber sofort unterstützten. Als ich dann alles geregelt und einem größeren Kreis anvertraut hatte, hörte ich nicht ein einziges schlechtes Wort darüber. Niemand sagte: „Spinnst du?“ Mit negativen Reaktionen hatte ich nicht wirklich gerechnet, aber diese Zustimmungswelle hat mich dann doch ein wenig umgehauen.
Zuerst ist natürlich Opa zu nennen. Noch am Tag der ersten Info meinerseits begann er, seine Schränke zu durchforsten. Wahrscheinlich schon direkt nachts. In Rekordzeit hatte er seine noch vorhandene Ausrüstung von 2014 aus jeder Ecke gekramt und alles für mich zur Ansicht bereitgelegt. Den wichtigen Rucksack, Mikrofaser-Kleidung, Taschenmesser, Wäscheklammern, eine umfassende Formel für die Zeit, seine alten Aufzeichnungen, Reiseführer, die Bundeslade, Bauchtasche, Brusttasche, ein Stück Wäscheleine, Stift und Block zum Schreiben für unterwegs, das Bernsteinzimmer, ein Sonnenkäppi und Weisheit. Letzteres war wohl das wichtigste Utensil, welches er bereitlegte. Ein wenig Ausrüstung habe ich noch bestellt, wie einen ultraleichten Schlafsack zum Beispiel. Der Großteil war aber da und zum Abmarsch bereit.
Was meine Arbeitsstelle für die nächsten Monate angeht: Es ist alles geregelt. Ich bekomme eine Auszeit. Eine Freistellung. Zwei Monate Zeit bekomme ich geschenkt. Ich bin so dankbar, dass mir die Worte dafür wirklich fehlen. Ich danke all meinen Vorgesetzten und Kollegen für diese einmalige Möglichkeit.
Ich möchte so wenig wie möglich planen, aber ganz ohne geht es wohl doch nicht. Ich halte mich daher an Opas damaligen Reisebeginn, seine Vorschläge für die ersten Tage machen mehr als Sinn. Deswegen sind meine Anreise mit dem Zug, die Zwischenübernachtung auf der Anreise, die erste Übernachtung auf dem Camino, der Rückflug und die Bahnfahrt nachhause gebucht und bezahlt.
Am 26.08.2019, um 4:32 Uhr fährt mein Zug von Eisenach ab. Zwischenstopp in Paris. Weiterfahrt bis Bayonne, an den Rand der Pyrenäen. Dort habe ich gebucht und übernachte in einem kleinen Hotel, direkt bei der Kathedrale. Am nächsten Morgen fahre ich mit dem Zug noch eine knappe Stunde bis nach Saint-Jean-Pied-de-Port, hole meinen Pilgerausweis ab und laufe los. Am ersten Tag nur acht Kilometer bis zur Herberge Refuge Orisson, wo ich auch die Übernachtung schon gebucht habe. Schließlich will ich es am ersten Tag nicht gleich übertreiben und immerhin müssen die Pyrenäen geknackt werden. Außerdem ist das Orisson ein einmaliger Ort. Aber ab da… Tja, einfach laufen. Bis ans „Ende der Welt“, ans Kap Finisterre. Was zwischen den Pyrenäen und Finisterre, auf knapp 900 Kilometern, passiert: Keine Ahnung. Wir werden sehen. Ich sollte zumindest am 15.10.2019 vom Meer zurück am Flughafen in Santiago de Compostela sein und meinen gebuchten Rückflug erwischen. Ansonsten laufe ich eben einfach weiter. Und weiter. Irgendwann bin ich eventuell wieder zuhause. Oder ertrinke. Kommt auf die Richtung an.
Es steht unwiderruflich fest: Ich gehe den Jakobsweg. Ich habe alles zusammen.
Ich könnte eigentlich direkt los…
Noch 25 Tage.
02.08.2019 17:34 Uhr
Es wird Zeit.
Ich muss langsam die eine Sache erledigen, die noch fehlt. Die eine Kleinigkeit. Der Rucksack steht schon fertig gepackt in der Küche. Jeden Tag grinst er mich an und wartet ungeduldig darauf, dass es endlich losgeht. Eventuell werden noch Kleinigkeiten umgepackt, aber theoretisch könnte ich ihn aufsetzen und sofort aufbrechen. Aber die eine Sache, die so wichtig ist für den Camino, fehlt eben noch. Ich brauche endlich einen Stein. Den erwähnten Stein, den ich symbolisch am Cruz de Ferro ablege.
Ein paar Treppenstufen geht es hinauf und dort suche ich im Garten. Ein Stein ist schnell gefunden. Kurz vom Dreck befreit, abgewaschen, getrocknet und vorsichtig beschriftet. Womit? Geduld. Und erheblicher, emotionaler Anstrengung. Als der Stein vor mir liegt, wird mir irgendwie klar: Der reicht nicht. Dieser Stein steht für meine Vergangenheit. Ich brauche noch einen. Für die Zukunft. Denn auch die muss ich loswerden. Zumindest die eine Möglichkeit der Zukunft, die es nun nicht mehr geben wird. Gut, dass es im Garten noch ein paar Steine gibt. Der zweite kann auch ruhig richtig deformiert und hässlich sein. Würde passen. Auch dieser ist schnell gefunden. Maulwürfe fördern echt heftiges Zeug zutage.
Sehr gut. Erledigt und verpackt. Fühlt sich gleich besser an. Auch der Rucksack grinst noch mehr als vorher. Ich sollte ihm demnächst einen Namen geben. Dieser Begleiter für viele kommende Wochen hat das verdient.
Da fällt mir direkt noch etwas ein. Ich habe eine riesige künstliche Blume in meiner Bude stehen. Es ist eher ein Konglomerat aus künstlichen Blumen. Ein exquisites Bouquet aus wunderschönen, künstlichen Blumen. Sauhässlich. Aber irgendwie auch wunderschön. Mit diesem schönen Strauß hängt eine Geschichte zusammen. Eine Geschichte, die nur zwei Menschen kennen. Eine Geschichte, die entsorgt werden muss. Eine Geschichte, die ich zurücklassen muss. Diese Blumen müssen auch mit. Sie müssen mit, um sie zurückzulassen. Entweder am Cruz de Ferro oder am Meer, vollkommen egal. Dafür ist noch Platz am Rucksack. Sie passen perfekt in die Seitentasche und verleihen mir mit Sicherheit ein Aussehen, das mich unübersehbar macht. Oder zum absoluten Vollidioten. Läuft.
Jetzt ist eigentlich alles perfekt und komplett, aber ein weiterer Gedanke kommt auf und lässt mich nicht los. Schon seit einigen Jahren will ich mir eine neue Ukulele kaufen. Mein geliebtes, uraltes Saiteninstrument namens Stefan hat seine besten Jahre schon lange hinter sich. Diese Ukulele wurde schon mehrfach geflickt und hat so manch unvergessliche Party erlebt. Dementsprechend schief klingt sie auch. Stimmen ist nutzlos geworden. Sie ist spielbar und mag dem ein oder anderen unmusikalischen Gehör oder alkoholvernebeltem Ohr ein wohliges Gefühl in der Magengegend vermitteln, aber es wird Zeit für ein neues Instrument. Tut mir leid Stefan. Warum nehme ich dich nicht einfach mit und bette dich am Ende der Welt zur wohlverdienten Ruhe?
Mit ein paar Schnüren an Ukulele und Rucksackschnallen ist die Befestigung erledigt. Den letzten Schliff bekommt mein Rucksack durch das Anbringen eines quietschenden Kopfes meiner Lieblings-Comicfigur Joker und durch etliche, kleine Anhänger von Familie, Freunden und Kollegen. Somit sieht mein Gepäckstück und damit auch ich nun endgültig aus wie der närrischste Pilger aller Zeiten.
Also ich finde das klasse.
Noch 23 Tage.
07.08.2019 18:37 Uhr
Das war ein richtig guter Tag.
Um meinen fertig gepackten Rucksack und die Wanderschuhe zu testen, hatte ich heute eine Art Testwanderung mit einer lieben Arbeitskollegin und Freundin. Wir liefen in einem gemütlichen Schritt 11,2 Kilometer durch den Thüringer Wald. Inklusive langen Steigungen, langen Abstiegen und jeder sonst auch nur irgendwie erdenklichen Form von Straßen- und Wegeprofil. Inklusive absoluter Schwüle und sogar Regen. Es war wirklich alles dabei und es war der perfekte Test. Okay, Wüste hat gefehlt. Die Tour war sogar inklusive der Sichtung eines putzigen Feuersalamanders. Ob der mir für mein Vorhaben irgendwie weiterhilft, bleibt fraglich. Aber krass intensive Farben hatte der Kollege.
Ohne jetzt sonderlich in Überschwang zu verfallen, aber das sitzt. Die Schuhe sind mehr als passend und eingelaufen. Wäre auch komisch, wenn nicht. Nach all den unzähligen Kilometern auf dem Rennsteig in den Jahren zuvor. Opas noch namenloser Rucksack, einmal richtig aufgesetzt und geschnürt, liegt perfekt an, drückt nicht, zwickt nicht und reibt nicht. Der Regenschutz funktioniert auch. Und mal ganz ohne Scheiß, Feuersalamander sehen echt krass aus.
Vor ein paar Tagen bestellte ich mir ein Hemd für den Camino und freue mich nun, bei meiner Rückkehr nachhause, über dessen Ankunft. Ich weiß nicht genau, wie ich auf die Idee kam, aber irgendwie musste ich es einfach bestellen. Es ist ein kleiner Tribut an mich selbst und meine Liebe zu Filmen und Filmgeschichte. Es könnte sowas wie mein Feierabendhemd nach einem harten Wandertag werden. Egal wie, es spiegelt einen großen Teil meiner Hobbys wider, also muss es mit. Einfach so. Immerhin wiegt es auch fast nichts.
Nun sitze ich schon wieder draußen, öffne für mich und meinen besten Kumpel ein hopfenhaltiges Kaltgetränk und schmunzle still vor mich hin. Das erste Mal seit Wochen. Das war ein richtig guter Tag.
Noch 18 Tage.
09.08.2019 23:25 Uhr
Johnny Cash wusste definitiv, wovon er redet. Wovon er singt.
Ich sitze nach wohlverdientem Feierabend wieder draußen und höre Musik. „Solitary Man“. Welch geniales Lied. Welch unfassbar wahres Lied. Für mich. Jetzt im Moment. Für andere Hörer mag es nur irgendein Lied von irgendeinem Typ sein. Einem Typ, der immer nur Schwarz trug. Kommt mir irgendwie bekannt vor.
Ein bisschen merkwürdig ist das schon. Meine Arbeit, meinen Dienst an der Hotelrezeption zu bestreiten, während ich selbst und auch alle Kollegen wissen, dass da zuhause ein fertig gepackter Rucksack steht. Vor mir liegen laut Plan noch neun Arbeitstage und insgesamt sieben freie Tage, bis ich endlich abreise. Ich wollte ja nicht direkt nach einem Arbeitstag mitten in der Nacht gleich aufbrechen und habe mir so einen Puffer von ein paar Tagen eingeplant, bevor der Tag des Aufbruchs kommt. Aber die restlichen Arbeitstage sind äußerst komisch. Ich mag meinen Job. Sehr. Wirklich. Klar, es geht immer hoch und runter, wie bei jedem einzelnen Menschen dieser Welt. Aber im Moment fühlt er sich eben merkwürdiger an als je zuvor. Der Kontrast hat sich gesteigert. Der eine Tag geht schnell vorbei, der nächste Tag zieht sich wie ein zähes Stück zerlatschte Schuhsohle. Und an der Schuhsohle kleben Kaugummis. Viele Kaugummis. Vollkommen geschmacklose Kaugummis, die derjenige, der sie ausgespuckt hat, nur kaute, weil sie halt einfach da waren.
Und nach wie vor, ich kann es einfach nicht abstellen, egal was ich tue, geht mir diese Frau im Kopf rum. Ich kotze mich an. Wenigstens nur im metaphorischen Sinn. Ich möchte einfach nur abschalten können. Es wäre der Wahnsinn, das hinzukriegen. Ich hoffe, ich lerne das noch irgendwann. Einfach ausblenden. Vielleicht lerne ich wenigstens, damit umzugehen, genau das nicht zu können.
Johnny Cash wusste definitiv, wovon er redet. Wovon er singt. „Cry Cry Cry“. Welch geniales Lied. Welch unfassbar wahres Lied. Für mich. Jetzt im Moment.
Noch 16 Tage.
12.08.2019 00:07 Uhr
Das war ein skurriler Tag. Also gestern. Immerhin hat heute eben erst begonnen.
Meine Nerven sind echt ziemlich am Ende. Mein Unterbewusstsein arbeitet ununterbrochen, vollkommen egal, was ich tue. Mein Bewusstsein dummerweise auch. Beste Freunde. Diese beiden Arschgeigen.
Es ist genau wie damals bei der Erkrankung meiner Beine. Alles wurde untersucht und durchgecheckt. Ich bin körperlich vollkommen gesund. In jeder Hinsicht. Selbst der Leber geht es prima. Wenn da nur nicht der Kopf und die Nerven wären. Die können einem Menschen aber auch alles vermiesen. Immerhin weiß ich wenigstens, dass mein Körper in jeder Hinsicht fit für den Jakobsweg ist.
Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so dermaßen aus der Bahn geworfen werde. Niemals. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so dringend raus muss. Weg muss. Die kleinste Erwähnung der Thematik, die kleinste Erwähnung meiner Baumeisterin lässt sofort meine Hände zittern und mich in Schweiß ausbrechen. Halleluja. Das kenne ich von mir nicht. So kenne ich mich nicht. Also das mit dem Zittern. Schwitzen… na ja. Das schon.
Die nächsten zwei Wochen müssen so schnell wie möglich vergehen. Ich sollte nicht mal ihren Namen hören. Das wäre das Beste.
Eine meiner Kolleginnen und liebe Freundin der Rezeption hatte heute das letzte Mal mit mir zusammen Dienst und Schicht-Übergabe. Das letzte Mal, bevor sie in ihren Urlaub geht und bevor ich weg bin. Die Verabschiedung war sehr, sehr heftig für sie und mich. Die Tränen kamen auf beiden Seiten. Keine andere Chance. Das Gleiche passierte schon mit einer weiteren Kollegin, in gleicher Situation vor wenigen Tagen. Nur musste ich an diesem Tag und auch heute danach noch weiter meinen Spätdienst absolvieren. Macht nichts. Wenn ich bei einer neuen Anreise mit feuchten Augen sage:
„Es ist so schön, sie als unsere Gäste begrüßen zu dürfen“… Kommt das vielleicht gut.
Noch 12 Tage. Oder 13. Immerhin hat heute eben erst begonnen.
15.08.2019 23:34 Uhr
Heute vor einem Jahr waren wir in Rom. Sie und ich. Da war die Scheiße noch nicht so finster. Da war ich noch glücklich und na ja, eben in meinem geliebten Rom. Nein, nein, nein, hör sofort auf zu denken. Hör auf mit dem Mist. Vielleicht sollte ich meinen Kopf austauschen oder meine Nerven medizinisch ausschalten lassen. Eine gepflegte, altmodische Lobotomie. Weg mit den Nervenbahnen. Super Idee. Das wird mein Plan B.
Es ist schon erstaunlich, wie viele Freunde und Bekannte ein letztes Bier mit mir trinken wollen, bevor ich weg bin. Gleichzeitig ist es schade, dass keine Zeit für sie alle ist. Als kleine, zu vernachlässigende Randerscheinung würde ich wahrscheinlich Alkoholiker werden, wenn ich diese ganzen letzten Biere trinken würde. Vielleicht, nur vielleicht, wäre es das aber wert.
Es war mir schon immer, aber wird mir jetzt nochmal richtig klar: Ich habe definitiv die besten Freunde, die sich ein Mensch nur wünschen kann. Nochmal dramatischer: Die BESTEN Freunde, die sich ein Mensch nur wünschen kann! Leute, ihr seid einfach klasse. Ob ihr mir zugehört und mich verstanden habt oder einfach nur da wart. Ich habe eine lange Zeit so gut wie nichts von euch gehabt. Bedingt durch die Arbeitszeiten, die räumliche Entfernung und die Zeit mit ihr. Nichts davon war oder ist negativ gemeint. Absolut nicht. Ich wollte dieses Leben und ich war und bin sehr zufrieden damit. Aber vollkommen egal, wie viel Zeit manchmal zwischen unseren Kontakten war, egal wie lange wir uns manchmal nicht gesehen haben, ihr wart immer da und war ich bei euch, war es, als ob es nie anders gewesen wäre.
Danke, dass es euch alle gibt. Vielen, vielen Dank.
Ohne jetzt Namen zu nennen, aber es gibt zwei Menschen, die mir in meinem Freundeskreis die größte Unterstützung gegeben haben. Durch ihr offenes Ohr und die Geduld mit mir, während ihnen wegen mir wahrscheinlich schon die Hörmuscheln bluteten. Wenn ihr das lest, wisst ihr hoffentlich, dass ich euch meine. Danke, dass ich euch immer vollsülzen durfte. Sei es zu komischen Tageszeiten gewesen oder eine gefühlte Ewigkeit lang.
Vielen Dank Bernd und Fred. Okay, damit könnte absolut JEDER aus meinem Freundeskreis gemeint sein.
Und genau so soll es sein.
Noch 11 Tage.
19.08.2019 23:54 Uhr
„Können die absolut merkwürdigsten Wochen deines Lebens noch merkwürdiger werden?“ Dies fragte das Universum und kraulte sich danach genüsslich die Wampe. Und klein ist die wahrlich nicht.
Mein innerer Zwang, immer verstehen zu wollen, immer verstehen zu müssen, was einen Menschen dazu bewegt, zu tun, was er eben tut, brachte mich vor ein paar Tagen dazu, wieder Kontakt zu dem Menschen aufzunehmen, mit dem ich keinen Kontakt mehr haben wollte. Ja, genau die. Sie war eben genau das, genau die, die ich mir für mein Leben erhofft hatte. Ich wollte und will sie eben einfach nur verstehen. Nicht mehr, nicht weniger. Meine Baumeisterin. Mal kurz und knapp zusammengefasst: Es ist schon eine extrem bewundernswerte Leistung, die sie in den letzten Tagen vollbracht hat. Zuerst eine Drehung um 180 Grad zurück in meine Richtung. Das war ja schon echt heftig. Aber innerhalb weniger Tage, weniger Stunden die vollen 360 Grad hinzukriegen… Respekt. Der alte Assurbanipal im noch älteren Babylon hatte bei der Grad-Einteilung des Kreises bestimmt etwas anderes im Sinn. Ich hoffe es. Sonst zerstört das mein Verständnis von Geschichte und Wissenschaft.
Welche Synapsen werden stimuliert, wenn man so dermaßen hin und her schwankt? Wie finde ich die? Echt jetzt, ich will die auch. Das ist bestimmt lustig.
Noch 6 Tage.
(Memo an mich selbst: Neue Synapsen besorgen. Angebot im Discounter: 17 Gramm Hirnverknüpfungen; 13,17- €; JETZT ZUSCHLAGEN!)
21.08.2019 23:25 Uhr
Fertig. Das war mein letzter Arbeitstag für die nächsten zwei Monate. Skurril. Bizarr. Merkwürdig. Strange. Abstrus. Diffizil. Abgefahren. Närrisch. Baum. Alle Synonyme, die es für diese Worte noch gibt. Mehr davon fallen mir gerade nicht ein. Es gibt noch viele mehr. Denke ich. Sprache ist schon eine abgefahrene und verschwurbelte Sache.
Mit Verabschiedungen verhält es sich ähnlich. Es kommt mir vor, als würde ich mein bisheriges Leben komplett abschließen und nie wiederkommen. Niemals wieder. So werde ich zumindest von 90 Prozent meiner Mitmenschen behandelt. Das ist gleichzeitig absolut putzig und vollkommen… äähhhh…
Genau.
Mensch Leute, ich will doch nur ein paar Kilometer laufen. Nur ein paar hundert Kilometer.
Es kommt des Öfteren vor, dass zu Geburtstagen oder anderen besonderen Anlässen Kuchen zur Arbeit mitgebracht wird. Ich wollte für meinen vorläufigen Abschied etwas Ähnliches tun. Zwei aufeinander aufbauende Probleme stellten sich allerdings dabei: Ich war nie ein Freund von Süßkram oder Gebäck in jeder Form. Folglich kann ich auch nicht backen. Null. Ich habe daher für meine Vorgesetzten und Kollegen etwas anderes hinterlassen. Es ist sehr ölig. Man kann es aber essen. Hoffentlich. Schinken ist drin und irgendwo verstecken sich auch ein paar Oliven. Den Rest habe ich vergessen. Aber es riecht sehr nach Knoblauch. Wahrscheinlich, weil viel davon drin ist. Nur eine Vermutung. Vampire unter euch: Seid gewarnt. Obacht. Innerhalb des Gerichts sind auch einige Kreuze aus Zwiebeln verarbeitet. Immer denken: Schmeckt doch. Irgendwie. Scheiß drauf, ich werde es schon überleben. Ich liebe euch alle. Könnte man nur einen lachenden Smiley mit Zeichen auf einer Tastatur produzieren. Ich weiß, irgendwie geht das.
Aber ich und Technik. Wir mochten uns noch nie so richtig.
Noch 4 Tage.
25.08.2019 20:07 Uhr
Der Abend vor der Abreise ist gekommen. An Schlaf ist nicht mal ansatzweise zu denken. Schlafen kann ich ja unterwegs genug. Während ich mich selbst für diesen gelungenen Witz lobe, arbeitet der Kopf. Jetzt kommen die Fragen.
Echt jetzt?
Musste ich erst so tief am Boden sein, um endlich den Entschluss zu diesem Weg zu fassen?
Mach ich das jetzt wirklich?
Was genau erhoffe ich zu finden?
Was zum Teufel suche ich eigentlich?
Suche ich überhaupt irgendwas oder ist es einfach eine Art Flucht?
Mach ich das, um diese gewisse Frau zu vergessen?
Diesen Verlust und die Art und Weise dessen zu verarbeiten?
Um den Kopf frei zu kriegen?
Die Nerven wieder in die Spur?
Mein momentan extrem geringes Selbstwertgefühl wieder zu steigern?
Mich selbst zu finden?
Endlich zu lernen, mich kürzer zu fassen?
Keine Ahnung. All das. Und nichts davon.
Sowohl Opa und Manfred als auch jeder Einzelne, mit dem ich damals gesprochen habe, jeder Bericht, jeder Artikel, sagen mir eine Sache: Jeder, wirklich absolut jeder, lernt auf dem Jakobsweg etwas über sich selbst. Jeder kommt anders wieder, als er vorher war. Jeder nimmt irgendetwas aus dieser Erfahrung mit.
Sei die Lektion auch noch so klein.
Mal ganz ehrlich…
Komme ich wieder und habe gemerkt: Eigentlich bin ich doch gar nicht so verkehrt…
…. würde mir das schon reichen.
Ultreïa und buen camino!
Ein bisschen Schiss habe ich schon.
Fuck. Ich mach das ja wirklich.
Schlaf war letzte Nacht nicht nur Mangelware, sondern komplett ausverkauft. Jegliche Nachlieferung ausgeschlossen. Niemals wieder. Lieferant unbekannt verzogen. Oder verstorben. Oder verschlafen.
Unaufhaltsam rollt dieses merkwürdige Gefährt namens Zug weiter und weiter weg. Erstmal nach Frankfurt. Vertrautes Gebiet. Im Rhein-Main-Gebiet habe ich schließlich lange genug gelebt. Den ersten heroinspritzenden Junkie im Frankfurter Bahnhofsviertel habe ich schon im zarten Alter von 14 Jahren gesehen. Also alles cool. Danach geht es nach Paris. Ebenfalls vertrautes Gebiet. Bereits 2003 war ich dort, damals mit Opas Auto. Es ist auf jeden Fall eine der schönsten Städte, die ich bisher kenne. Ich freue mich drauf. Danach geht es immer weiter gen Süden.
Ungefähr eine Stunde ist es nun her, dass mein Zug in Eisenach abfuhr. Es war emotional, merkwürdig und irgendwie surreal. Oma und Mama waren auf jeden Fall aufgeregter und nervöser als ich. Opa riss seine üblichen Sprüche und hatte extra sein Jakobsweg-Shirt angezogen. Mit den Bildern, die Oma nur am Bahnhof machte, könnte man schon ein Fotoalbum füllen.
Ich mit Rucksack. Opa und ich mit Rucksack. Opa und Mama und ich mit Rucksack. Rucksack und ich gehen die Treppe zum Bahnsteig hoch. Rucksack und ich stehen am Bahnsteig. Rucksack und ich verabschieden sich. Rucksack fällt aufs Bahngleis und wird von einem anrauschenden ICE zertrümmert. Alle freuen sich, weil ich nun doch nicht so lange weg bin. Friede, Freude, Eiersalat.
Tagtraum. Ich sitze im Zug. Alles prima. Der noch immer namenlose Rucksack liegt über mir in der Gepäckablage und lässt sein Gehänge baumeln. Seine Schnallen und Riemen. Die hängen und baumeln. Schön.
Eine kleine Ungewissheit hat sich nun doch noch aufgetan. Aufgrund des unfassbar wichtigen G7-Gipfels, und da dieser in der Nachbarstadt Biarritz stattfindet, kann es sein, dass mein Zug nicht in Bayonne hält. Dort, wo ich meine Zwischenübernachtung gebucht und schon bezahlt habe. Toll. Das erfährt man dann kurz vorher per Mail. Klasse. Das Bahnticket wurde am 30.07. von mir gebucht. Die sieben größten Wirtschaftsmächte der Welt haben mit Sicherheit am 31.07. eine Telefonkonferenz abgehalten, die wie folgt ausfiel: „Wisst ihr, was tierisch cool wäre? Ende August so’n geschmeidiger Gipfel in Biarritz. Das Essen soll dort so gut sein.“
„Ja Mann, geile Idee. Aber bis kurz vorher verraten wir es keinem einzigen Menschen. Muhaha!“ Genau so muss es gewesen sein. Blöde Wirtschaftsmächte. Mal gucken, was passiert.
07:24 Uhr
Zug fahren. Ich hasse es. Ich bin nicht sicher warum, aber ich hasse es. Menschen, die das gerne machen, müssen irgendeine falsche Verkabelung im Kopf haben. Oder sie sind die Nachkommen von Schaffnern und Lokführern. Oder gibt es einen Zug-Fetisch? Furchtbar. Wenigstens habe ich einen Sitzplatz. Um eine meiner Lieblingsserien zu zitieren: „Es ist ein grotesker Karneval menschlichen Elends.“
Mittlerweile bin ich im Zug von Frankfurt nach Paris-Ost und hier ist alles vertreten, was man sich nur vorstellen kann. Geschäftsreisende, Handy-Suchtis, Touristen, Paradiesvögel, Laptop-Suchtis, Normalos, Gaffer und ein sehr großer Teil der Menschen, die meist die angenehmsten sind: Die Schlafenden. Wäre mal interessant zu wissen, was die alle über mich denken. Ich sehe total zerfleddert aus und habe einen großen Rucksack mit allerlei buntem Krimskrams sowie einer Ukulele daran. Sagt ihr es mir. Ich geselle mich derweil erstmal zu den Schlafenden und freue mich, dass ich auf der Heimreise größtenteils fliege. Denn das ist viel schneller vorbei.
Meine Sitznachbarin scheint noch einer der Menschen zu sein, die man in diesem Gefährt überhaupt noch als einen solchen bezeichnen kann. Junge Frau, vielleicht minimal älter als ich. Keine Schönheit, aber Sinn für Humor. Bei jedem Halt amüsieren wir uns über das blanke Chaos der ein- und aussteigenden Fahrgäste. Was für ein Gewimmel. Sie hat Ahnung, fährt seit sechs Wochen jeden Montag mit dem Zug von Aschaffenburg nach Paris und weiter nach Poitiers. Es gibt dort ein Partnerwerk ihrer Firma. Freitags geht es wieder zurück. Noch vier Wochen soll sie das durchziehen. Danach reicht es ihr, länger will sie das nicht mitmachen. Na ja, ich drücke ihr die Daumen.
Noch drei Stunden bis Paris und zu meinem geplanten Stopp an der verkohlten Notre-Dame. Ich muss dort umsteigen, denn Fernzüge durchqueren Paris nicht. Im Ostbahnhof muss ich raus und mit der U-Bahn zum Südbahnhof fahren, um dort meine Reise fortzusetzen. Die Zeit dazwischen müsste reichen, um den erwähnten Zwischenstopp durchzuziehen und die Metro zum Umsteige-Bahnhof zu erwischen. Ich nehme kurz vor dem Halt von der unbekannten Sitznachbarin noch ein paar Tipps über das Verhalten in französischen TGVs und der Pariser Metro mit. Dann verabschieden wir uns kurz und knackig und gehen ab Paris unserer Wege. Eine gute erste kleine Bekanntschaft auf dieser Reise. So kann es weitergehen.
13:44 Uhr
Es geht weiter gen Süden. Paris war kurz, schwül, heiß und… heiß.
Meine Fresse. Erster Eindruck von einem der Hauptbahnhöfe von Paris nach dem Aussteigen: Wie in einem Ameisenhügel. Auf LSD. Ich kenne Paris als Stadt, aber das war schon echt eine ganz andere Hausnummer. Als ich mir ein Ticket für die Metrolinie 4 holen wollte, die zwischen meinen beiden Umsteige-Bahnhöfen verkehrt, gab es dafür zwei Automaten. Zwei. An einem Hauptbahnhof. In einer Hauptstadt. Reicht ja. Dementsprechend natürlich extrem lange Warteschlangen. Als ich mich schon gedanklich von meiner Pause an Notre-Dame verabschiedet hatte, sah ich ein paar putzige, kleine, dunkelhäutige Männlein, die einfach mitten in der Menge aus der Hand Metrotickets verkauften. Da fackelt man nicht lange. Wenn man dann noch auf die Frage: „Für welchen Bereich oder welche Strecke gilt das?“ die Antwort: „All Paris“ bekommt und der eine verbliebene Zahn im Mund des Verkäufers dabei so verführerisch funkelt, ja Leute…
Zwei Tickets bitte, macht drei Euro, hier haste vier, Schüss. Es hat funktioniert. Die Drehkreuze gingen auf. Ein-Zahn-Jean hat mir meinen Stopp in Paris gerettet.
Sechs Metro-Stationen und einen hitzegeschwängerten Schlag in die Fresse später stand ich vor Notre-Dame. Fast. Denn seit dem Brand im April ist sie natürlich abgesperrt. An die weltberühmte Fassade kommt man nicht ran. Aber für ein Foto reichte es. Gut, dass ich die Dame schon von 2003 kenne. Dann bemerkte ich zwei Dinge. Erstens: Scheiße, es ist echt verflucht heiß hier. Zweitens: Die Zeit reicht, ich schaffe eine Runde um die Kathedrale, um mir das Ausmaß voll klar zu machen. Und los. Zusammengefasst lässt sich sagen: Die alte Dame von Paris ist vorne herum top in Schuss. Aber hintenrum…Hui, da liegt einiges im Argen. Das wird noch ein Weilchen dauern.
Ich musste dann aber doch recht schnell wieder zur Metro. Im Gehen rief ich Notre-Dame ein wenig ironisch noch laut zu: „Ich find dich noch immer heiß, du Stück“, grüßte die altehrwürdigen Wasserspeier und ließ mich auf Quasimodos Buckel zur Metro tragen. Merci. Warum er allerdings immer: „Du bist nicht Esmeralda“ rief, wird mir wohl auf ewig ein Rätsel bleiben.
Nun rauscht der TGV unaufhörlich weiter. Anscheinend wird es mir wohl doch vergönnt sein, in Bayonne auszusteigen. Mit Verspätung, aber immerhin. So jedenfalls interpretiere ich die Ansagen in der Bahn. Nichtsdestotrotz durchforste ich das Internet nach möglichen Alternativen abseits von Bayonne. Man will ja gewappnet sein. Manchmal. Neben mir döst mein Sitznachbar Thomas aus Rostock, den mir die Online-Sitzplatzreservierungsgötter beigesetzt haben. Auch er ist auf dem Weg nach Saint-Jean-Pied-de-Port, um den Jakobsweg zu beginnen. Allerdings fährt er noch heute bis dahin durch und startet direkt morgen in aller Früh. In 30 Tagen will er am Meer sein. Ich wünsche ihm nur das Beste. Ich bleibe bei meinem geschmeidigen Anfang. Ich hoffe nun auf eine nicht allzu späte, überhaupt mögliche Ankunft in Bayonne, eine Dusche, ein Bier, eine Knackwurst aus der Heimat und ein Bett. Ein schönes.
20:54 Uhr
Mit circa 40 Minuten Verspätung kam ich gegen 18:00 Uhr in Bayonne an. Gepriesen sei der G7-Gipfel. Irgendwelche Vandalen hatten wohl auf der Bahnstrecke randaliert. Wenigstens nur ein bisschen. Thomas musste umsteigen, also kurze Verabschiedung. Buen camino und vielleicht bis später. Wenn er seinen Plan durchziehen will, muss er im Prinzip rennen. Vielleicht find ich ihn zusammengebrochen irgendwo unterwegs und schleife ihn dann hinter mir her. Das kleine bisschen Gepäck krieg ich auch noch gewuppt.
Ich kaufte mir direkt das Ticket nach Saint-Jean für den morgigen Tag und machte mich auf den Weg in die Innenstadt. Immer dem Turm der Kathedrale nach. Nach 20 Minuten in unglaublicher Schwüle kam ich in meinem Hotel an und schwitzte während der Wartezeit schön das Foyer voll. Endlich war ich im Zimmer. Schuhe aus, Socken aus, Hose aus. Ist das herrlich. Ein riesiger Ventilator im Zimmer. Eine monströse Dusche nur für mich. Ein Traum. Wahrscheinlich der letzte Luxus für… keine Ahnung bis wann. Duschen, Knackwurst, Feierabendhemd zum ersten Mal angezogen und raus ins Getümmel.
Bayonne ist ein wirklich sehr schönes, kleines Städtchen mit viel Charakter. Die Kathedrale, die kleinen Gässchen, die teilweise zerfallenen alten Häuserfronten, der Müll auf der Straße, die ganzen kleinen Bars, in denen sich die Basken neben dem Müll lauthals Geschichten erzählen und lachen. Herrlich. Ich mag das. Südländische Gelassenheit. Da können wir stoischen, ordnungsfanatischen Deutschen uns eine ganz große Scheibe von abschneiden. Eine noch größere Scheibe Schinken noch dazu: Fertig ist ein besseres Lebensgefühl. Die ganzen Gassen duften hier danach.
Alle Läden haben, warum auch immer, leider schon zu, also wird aus meinem Plan, mir noch ein Unterwegs-Bier zu holen, nichts. Und wenn ich mich jetzt in eine Bar setze, schlafe ich ein. Egal, gemütlich gehe ich zurück ins Hotel, esse meine Knackwurst auf, gehe früh ins Bett und stimme mich auf den eigentlichen Weg ein. Die nächsten Wochen könnten ja eventuell anstrengend werden. Vielleicht. Unter Umständen.
Gute Nacht.
27.08.2019 06:30 Uhr
Noch zweifle ich daran, wie sich mein Biorhythmus der regelmäßigen Spätschichten auf diese frühen Aufstehzeiten einstellen soll. Wenn der Wecker klingelt, spring ich im Normalfall sofort auf, egal zu welcher Uhrzeit das ist. Kommt eben nur drauf an, wie verquollen ich danach aussehe. Na ja, muss ja. Ein gutes Aussehen am Morgen ist am Camino sowieso vollkommen irrelevant. Genau wie zu allen anderen Tageszeiten. Aufstehen, kurz frisch machen und auf zum Bahnhof. Adieu Luxus und Bett für mich allein. Ich weiß noch nicht, ob ich euch vermissen werde.
Bayonne schläft noch, es herrscht kaum Verkehr und auch kaum Fußgänger sind in der Stadt unterwegs. Wenigstens ist die Temperatur im Moment noch erträglich. Am Bahnhof herrscht schon rege Betriebsamkeit. Viele Familien, Touristengruppen und natürlich, am Rucksack erkennbar: Pilger. Während ich noch vor dem Bahnhof sitze und alles beobachte, kommt mir in den Sinn: Reicht der Zug überhaupt für alle, die hier sind? Umso mehr wundere ich mich dann, wie klein der Zug ist und dass nur vier Menschen im gesamten Waggon sitzen. Es gibt nur den einen. Alle vier Mitfahrer mit Rucksack, bepackt mit ihrem gesamten Hausrat für die nächsten Wochen. Einer davon bin ich. Niemand sonst außer uns und dem Lokführer. Na mal sehen. Die Aussicht aus dem Zug lässt nicht viele Schlüsse zu, es sieht eben aus nach Bergen und Wald. Die Pyrenäen, da war ja was.
Mein Zug, mein Rucksack und sogar ich selbst kommen nach einer guten Dreiviertelstunde gegen 08:45 Uhr in Saint-Jean-Pied-de-Port an. Welch legendäres Städtchen. Das Ortsschild am Bahnhof zu lesen, verschafft mir den ersten Moment einer wohligen Gänsehaut. Nur weil der Hauptweg hier startet und dann einige Kilometer durch Frankreich verläuft, nennt man ihn den Camino Francés, den französischen Weg. Auch wenn man auf 99 Prozent der Strecke durch Spanien läuft.
Vier Menschen steigen aus dem Zug, gefühlte 100 steigen ein. Was geht hier ab? Keiner davon sieht aus, als wäre er auf dem Heimweg und den Weg schon gelaufen. Bin ich hier falsch? Die meisten Einsteigenden sehen eher aus wie: Och nö, das ist mir zu anstrengend, ich fahr zurück und flieg lieber eine Woche nach Malle! Komm, hol das Lasso raus! Klasse. Dieses Gefühl macht Mut.
Ringsherum breitet sich die beeindruckend bedrohliche Kulisse der Pyrenäen aus. Teilweise im Morgennebel erheben sich die Berge. Ein toller Anblick. Mit dem Hintergedanken im Kopf: Geil, da muss ich drüber. Trotz des Nebels und der relativ frühen Stunde ist es jetzt bereits unheimlich schwül. Ich bin froh, ab morgen nur noch die leichten Mikrofaser-Wanderklamotten zu tragen und meine vergleichsweise dicke Anreisekleidung heute Abend entsorgen zu können.
Es wirkt noch ein wenig merkwürdig, als ich auf dem Weg in den Ort den ersten Wegweiser sehe. Die stilisierte gelbe Jakobsmuschel und der gelbe Pfeil. Diese Beiden werden mir die nächsten Wochen den Weg weisen. Hoffentlich zuverlässig.
Da ich manchmal ein kleines Cleverlein bin, habe ich natürlich vorher schon nachgesehen, wie ich auf dem besten Weg vom Bahnhof zum Pilgerbüro komme. Es ist ein kurzer Fußweg durch Saint-Jean. Der Ort und die kleinen Häuser mit ihren Balkonen gefallen mir sehr. Erinnert mich ein wenig an Österreich. Was mich verwundert, sind die wenigen Menschen. Ähnlich wie im Zug. Ich habe mehr Andrang erwartet, viele Pilger sehe ich nicht. Ich habe auch langsam eine Ahnung, warum. Die wenigen Wanderer, die ich sehe, sind allerdings alle plan- und orientierungslos. Als ich in der Rue de la Citadelle ankomme, der Hauptstraße des Pilgerlebens, habe ich bereits Hank und Larry aus den USA, Nelly aus Ungarn, einen Italiener und zwei weitere Pilgerinnen ohne Orientierung eingesammelt. Ich bin der Pilgerfänger von Saint-Jean. Ich sollte mir eine Flöte besorgen.
Eine riesige Muschel weist uns den Weg und gemeinsam betreten wir alle das Pilgerbüro. Drei Damen sitzen an einem langen Anmeldetisch, jede jeweils zuständig für verschiedene Sprachen. Ich lasse den anderen Pilgern den Vortritt und warte. Wenn ich eine Sache habe, dann ist es Zeit. Erstmal umschauen. Die Wände quillen über vor lauter Karten- und Infomaterial, Werbung für Herbergen und für Rucksacktransport. Gekritzel von Pilgern vergangener Zeiten schmückt Pinnwände und Tafeln. Das Warten endet schneller als gedacht. Ehe ich mich richtig umsehen kann, sitze ich schon vor einer der drei Damen und höre mir ihre kurzen Erklärungen in englischer Sprache an. Für zwei Euro bekomme ich einen Plan, auf dem angeblich alle Herbergen des Weges bis nach Santiago verzeichnet sind und Etappenvorschläge mit jeweiligen Höhenprofilen. Geduldig höre ich zu, aber denke nebenbei: So viel Planung will ich gar nicht. Aber wie meine Oma immer sagt: Es ist gut gemeint. Im Preis der zwei Euro inklusive und gleichzeitig das Wichtigste: Mein Pilgerpass mit dem ersten Stempel. Aus Opas Berichten weiß ich, dass einer davon für die Menge an Stempeln nicht ausreichen wird, aber ich bekomme von der Dame zu verstehen, dass es nicht möglich ist, gleich einen zweiten Pass zu erwerben. Warum auch immer. Na ja, er ist doppelseitig bedruckbar und wird eine Weile reichen. Irgendwo unterwegs werde ich mir einen Reservepass besorgen. Dieses Dokument ist ab nun ein Heiligtum. Für jeden einzelnen Pilger. Es ist nicht nur ein Ausweis im traditionellen Sinne, sondern berechtigt auch zu kostengünstigen Übernachtungen, preiswerten Pilgermenüs und natürlich zum Erhalt der Urkunde am Ende des Weges. Mehr als den Pass braucht man eigentlich nicht. Also vielen Dank Anmelde-Fräulein, buen camino und au revoir. Kurz und knackig.
So. Nun bin ich also offizieller, staatlich anerkannter und von Papa Franzi im Vatikan lizensierter Pilger. Man fühlt sich direkt eine Spur gepriesener. Darauf gönne ich mir erstmal eine Zigarette und einen kräftigen Schluck. Wasser.
Meine eingesammelten Schäflein verabschieden sich zügig, da sie alle gleich heute die Hauruck-Tour machen wollen. Die Pyrenäen hoch und wieder runter in einem Ritt, bis nach Roncesvalles. Genau das hatte ich geahnt, als ich sah, wie wenig um die Uhrzeit in Saint-Jean los ist. Der Großteil ist eben einfach schon unterwegs. Ich erkläre Larry und Hank, den beiden älteren US-Herren, dass ich ruhig anfange und nur circa acht Kilometer bis zum Refuge Orisson laufe, wo mein Bett für heute schon reserviert ist. „Only eight kilometers? That’s a shame," sagt Larry. Wie nett. Kurz nach dieser Aussage erklärt mir dann sein Begleiter Hank, dass sie gerade den Transport ihrer Rucksäcke organisiert haben, da ihnen das Tragen zu anstrengend ist. Aha. Ein Jeder streichle seine eigene Nase. Oder wie das heißt. Buen camino und See you later.
Die Rue de la Citadelle ist mit Girlanden und Blumen geschmückt und beherbergt etliche Läden für allen möglichen Pilgerbedarf. Ohne den Andrang, den ich aus Filmen und Dokus kenne, kann man sich sogar in Ruhe umsehen. Ich brauche nur ein paar Postkarten. In einem Laden für Wanderstöcke, Hüte, Wasserflaschen und allerlei andere Utensilien werde ich fündig. Das muss sein. Ein letzter Gruß in die Heimat. Das Motiv der Karten fetzt. Vier Pilger überqueren hintereinander einen Fußgängerüberweg. Im Stil des Covers von Abbey Road der Beatles. Abgeändert in Santiago Road. Gefällt mir. Zehn Stück davon, bitte. Wie erwartet, gestaltet sich der Erwerb von Briefmarken etwas schwieriger. Das kenne ich schon. Frankreich, Spanien und auch Italien haben noch nicht bemerkt, dass es sinnvoll sein kann, die Marken und Karten im selben Geschäft zu verkaufen. Daher durchquere ich auf der Suche nach dem mir beschriebenen Tabakladen jede Straße der Stadt mindestens zwei Mal. Dumm nur, dass es zwei Tabakläden in Saint-Jean gibt, aber nur einer davon Briefmarken verkauft. Die ersten Meter stecken mir also schon in den Knochen. Aber dadurch kenne ich Saint-Jean jetzt sehr ausführlich.
Nun sitze ich in einem Café. Ich schreibe meine Postkarten, trinke Kaffee und sammle alle Kräfte, die ich auftreiben kann. Gleich geht es endgültig los.
Gegen 10:30 Uhr werfe ich meine fertigen Postkarten in einen Briefkasten. Bis ich den gefunden hatte, ging auch Zeit ins Land. Warum muss das denn nur so schwierig sein?
Am Stadttor an der Brücke, am Anfang des Weges mache ich von mir ein Ich-lauf-dann-mal-los-Bild, stelle es in meinen Status und schalte mein Handy in den Flugmodus. Kein Empfang, nur Kamera. Dann, tja, dann laufe ich tatsächlich los.
Endlich. Ich bin endlich unterwegs auf dem Weg, den ich seit so vielen Jahren gehen wollte. Unterwegs, um einfach unterwegs zu sein.
Die Pyrenäen sind schön. Die Pyrenäen sind sehr, sehr schön. Das muss man sich nur immer wieder sagen.
Es ist sauschwül. Ich triefe unheimlich sehr. Die ersten Meter verlangen meinem Körper schon alles ab. Es geht hinaus aus Saint-Jean und direkt steil nach oben. Aber ertragbar. Schön ist es aber wirklich hier. Die Landschaft der Pyrenäen öffnet sich vor mir, während es weiter und weiter bergauf geht. Das Laufen macht den Füßen selbst auf den steilsten Abschnitten keine Probleme, aber die Schwüle setzt diesen ersten Kilometern ein verschwitztes Sahnehäubchen auf.
Eines der ersten Schilder am Wegesrand gehört zum Refuge Orisson. Beruhigend. Ich passiere einige einsame Höfe und Herbergen vor atemberaubender Bergkulisse, aber ich sehe keinen einzigen anderen Menschen. Es wird wohl wirklich so sein, wie ich es ahnte. Alle anderen Pilger sind schon früh los und machen die Hauruck-Tour. Ich bin eben ein Spätpilger. Genug Zeit macht‘s möglich. Mein erster und einziger sozialer Kontakt auf dem Camino ist vorerst ein Esel, der mich beim Fotografieren dermaßen anbrüllt, dass mir fast das Handy runterfällt. Netter Typ eigentlich. Müffelt nur ein wenig streng.
Ungefähr nach der Hälfte meiner heutigen, kurzen Etappe und einem sehr steilen Anstieg entlang einer Kuhweide mache ich die erste Pause und genieße das Panorama. Auf einer kleinen Wiese am Abhang sitze ich so vor mich hin. Es ist einfach nur geil. Die Sicht ist klar, die Berge sind kilometerweit gut einsehbar. Ich versuche zu begreifen, dass ich wirklich hier bin. Ich versuche zu begreifen, was noch vor mir liegt. Ich versuche zu begreifen, was ich mir aufgebürdet habe. Vielleicht begreife ich es bald.
Während ich sitze, sehe ich die ersten beiden Menschen, die mir heute direkt auf dem Weg begegnen, den Hügel erklimmen. Die kenn ich doch, das sind doch die beiden Damen, die sich heute Morgen auch an meine Fersen geheftet haben, um das Pilgerbüro zu finden. Schnaufend stoppen sie bei mir. Wir kommen schnell ins Gespräch. Die beiden Frauen sind Marion und Sara aus Irland. Mutter und Tochter. Auf Anhieb sind wir uns sehr sympathisch. Als wir feststellen, dass wir alle heute das Ziel Refuge Orisson haben, freuen wir uns umso mehr. Der Camino verbindet. Schon jetzt. Marion und Sara gehen voraus, aber nur wenige Meter weiter treffe ich sie wieder. Marion gibt mich als Saras Freund aus, da sie einen nervigen Franzosen abschütteln will, der sich sehr viel darauf einbildet, dass er acht Kilometer den Berg hinaufgejoggt ist und sich nun schon wieder auf dem Rückweg befindet. Posierend präsentiert er sich vor Sara. Arroganter Fatzke. Da helfe ich gerne.
Es kann nicht mehr weit bis zum Ziel sein, also passen wir unser Tempo aneinander an. Eile ist nicht nötig. Marion hat Probleme mit der Hüfte, also laufen Sara und ich in ruhigem Schritt vor ihr her. Ganz gemütlich und langsam geht es weiter steil nach oben. Wir bekritzeln ein paar Zaunpfähle mit unseren Namen, während sich der Camino immer weiter in die Höhe schraubt und immer felsiger wird. Die Aussicht wird mit jedem Höhenmeter schöner und als ich auf einem ersten, kleinen Plateau ankomme, muss ich kurz sitzen und genießen. Marion und Sara gehen weiter. Ich bin begeistert über die Sicht, aber verwundert über den weiteren Wegeverlauf. Alles was ich sehe, ist der sich am Hang über das Plateau windende Camino, der kurz nach einer Kurve in einigen hundert Metern wieder steil ansteigt. Hä? Nach meinem Kilometerstand müsste hier eigentlich meine Herberge kommen. Der Weg ist wieder asphaltiert, was auch auf ein Fitzelchen Zivilisation hindeutet. Aber wo ist das Orisson? Okay, erstmal weiter.
Direkt nach der erwähnten Kurve stehe ich unvermittelt ganz plötzlich vor einem kleinen Steingebäude. Ja, das ist es. Der Camino hat mich veräppelt. Genau in der Biegung, nicht einzusehen vom Rand des Plateaus, versteckte sich das Refuge Orisson. Diese legendäre Herberge. Das kleine Hauptgebäude beherbergt Schlafsäle und Restaurant und eine riesige Aussichtsterrasse gegenüber, unter der sich weitere Schlafsäle befinden, lädt zum Staunen ein. Und sonst: Nichts. Weit und breit nur Berge und der Himmel. Ich bin jetzt schon froh über die Entscheidung, hier zu übernachten. Es ist 14:30 Uhr. Ich bin da. Die erste, kleine Etappe ist geschafft.
Rucksack runter und einchecken. Ein netter Franzose erklärt mir alles in erstaunlich gutem Englisch. Für einen Franzosen. Ich verabrede mich mit Sara und Marion für später zum Bier auf der Terrasse und der nette Franzose zeigt uns nacheinander die Zimmer. Beziehungsweise unsere Betten. Sara und Marion sind im unteren Teil untergebracht, in einem Zimmer unterhalb der Aussichtsterrasse. Ich werde in den oberen Teil geführt, mein Zimmer befindet sich über dem Restaurantbereich. Zuerst: Schuhe aus. Ab ins Regal vor dem Schlafbereich damit. Keine Wanderschuhe im Inneren erlaubt. Gut, dass ich zuhause gerade noch so an Badelatschen gedacht hab. Sehr laut und deutlich sagt der Eincheck-Franzose zu mir: „Get off your shoes. NOW!“ Ich habe kurz Angst. Seine Augen zeigten kurz einen rötlichen Schimmer. Nun grinst er wieder freundlich. Muss wohl die dünne Bergluft sein. Ich bekomme ein Zimmer mit drei Doppelstockbetten zugewiesen. Die drei oberen Betten sind jeweils noch frei. Es ist zwar kein weiterer Pilger momentan im Raum, aber ein paar Mallorca-Touristen haben die drei unteren Betten bereits mit Handtüchern markiert. So läuft das hier wohl auch. Ich werde es noch lernen. Aber ich bin erstaunt, dass es schon auf der kurzen, ersten Etappe bis ins Orisson einige Frühpilger gab. Na ja, dann schlaf ich halt im oberen Bett. Mit meiner schwachen Blase. Läuft. Hoffentlich läuft es nicht aus.
Ich lege kurz meine Sachen für morgen zurecht und verstaue meinen Rucksack. Es gibt sogar einen Schrank dafür. Waschen muss ich nichts, alles, was ich heute trage, fliegt sowieso weg. Bis auf meine Blümchenhose. Wichtiges Ding. Ansonsten ab jetzt nur noch das, was im Rucksack ist. Ich mache eine kurze Katzenwäsche, ziehe mein Feierabendhemd an und mache mich auf den Weg raus zur Terrasse. Das Bergpanorama ist der Hammer. Respekt an denjenigen, der auf die Idee kam, hier eine Herberge und vor allem, diese Terrasse zu errichten. Fast alle Plätze sind schon besetzt, aber Marion und Sara haben mir einen Stuhl an ihrem Tisch freigehalten. Direkt am Geländer neben mir fällt der Berg steil ab und öffnet die Sicht über eine weite, weite Pyrenäenschlucht. Kühe grasen an den Hängen und man hört ab und zu das Klingen ihrer Glocken. Der Ort ist irgendwie magisch. Leute, solltet ihr jemals den Camino Francés laufen, übernachtet im Orisson. Aber vorher buchen. Ganz wichtig.
Bier bestellen, anstoßen, Panorama genießen. So dümpelt der Nachmittag vor sich hin, während wir über Gott und die Welt, über Irland und Deutschland, über den Camino und den Rennsteig reden. Sara und ich sind ein Jahrgang und wir verstehen uns prächtig. Einzig der irische Akzent macht mir das Verstehen mancher Worte schwer. Schade, dass die beiden Damen nur knapp eine Woche Zeit haben und daher nur bis kurz hinter Pamplona laufen. Sehr schade. Machen wir das Beste draus.
Im Laufe des Nachmittags stoßen David, Kelly und Heidi aus Florida zu unserer Runde. Interessante Truppe. David ist ein stämmiger Kerl und möchte auf dem Camino lernen, nicht mehr so viel zu quatschen und nicht überall seinen Senf dazu zu geben. Trotzdem quasselt er in der Zeit des Kennenlernens ununterbrochen. Seine Freundin Heidi ist ein zierliches Ding und sagt meistens einfach gar nichts. Aber wenn, dann fällt sie David ins Wort und beide beginnen ein gleichzeitiges Gespräch mit dem gleichen Gesprächspartner. In dem Fall also mir. Verwirrend. Kelly, ein zerbrechliches Wesen, ist sehr sentimental und von jeder persönlichen Geschichte, die man erzählt, sofort ergriffen und hat Tränen in den Augen. Als ich erzähle, dass Opa vor exakt fünf Jahren auch hier war, fließt das Wasser in Strömen über ihr Gesicht. Ohne in Klischees verfallen zu wollen, aber meiner Meinung nach spiegeln die drei die typischen US-Amerikaner wieder. Aber ich mag sie. Klischees müssen nicht zwingend etwas Schlechtes sein.
Langsam müssen wir aufpassen, dass der Bierkonsum nicht überhandnimmt. Noch ungefähr zwei Stunden bis zum Abendessen und Sara hat schon mächtig einen sitzen. Das wird noch lustig.
Kurz vor dem Essen sind wir noch immer draußen. Die Stimmung und die Gespräche werden ausgelassener, die Kuhherde am Hang auch. Das intensive Konzert ihrer Glocken deutet auf einen ähnlich hohen Alkoholkonsum hin. Sara verfällt in einen angeheiterten irischen Dialektrausch, der es für mich immer schwieriger macht, sie noch zu verstehen. Aber klingt interessant. Unsere irisch-amerikanisch-deutsche Kombo möchte am liebsten draußen essen, aber ein leichter, abendlicher Nieselregen setzt ein. Dann eben doch rein in den Saal.
Im Orisson bekommt man immer das Gesamtpaket. Geht nicht anders. Ein Bett, Abendessen und Frühstück. Und Gemeinschaft. An drei langen Tafeln sitzen wir gemeinsam mit allen Gästen, die heute hier übernachten. Nun harren wir der Dinge, die da kommen mögen. Für David und mich kommen zuerst die nächsten zwei Bier und dann startet das Pilgermenü mit einer leckeren Suppe. Ab dem Hauptgang, der aus Huhn und Gemüse besteht, folgt eine Flasche Rotwein nach der anderen. Auch das ist hier inklusive. Ist eine Flasche leer, steht schon die nächste da. Gut, dass ich keinen Wein trinke. Normalerweise. Schon gar nicht zum Bier. Normalerweise. Heute ist aber kaum etwas normal. Dieser Tag ist mehr als normal.
Draußen nieselt es still und leise vor sich hin. Während einer Raucherpause genieße ich die Sicht. Der ganz schwache Regen beschert dem ohnehin schon genialen Ausblick einen mystischen Anstrich. Die Berge werden in einen transparenten Nebel eingehüllt. Unmöglich, das in einem Bild einzufangen.
Nach dem Essen folgt die Tradition des Orisson
