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Wyatt Brooks hat alles verloren: seine Verlobte, seinen Glauben an die Liebe und fast auch sich selbst. Als sein verhasster Cousin droht, das geliebte Familienhaus an sich zu reißen, bleibt Wyatt nur ein Ausweg: er muss heiraten. Seine einzige Chance liegt ausgerechnet in Almond Bay – und bei einer Frau, die ebenso wenig an Märchen glaubt wie er ...
Aubree Rowley kämpft um den Erhalt der Familienfarm und hat weder Zeit noch Nerven für Romantik. Doch als Wyatt ihr ein unmoralisches, aber verlockendes Angebot macht, steht sie vor einer Entscheidung, die alles verändern könnte. Auch wenn ihr Herz längst beschlossen hat, sich nie wieder zu öffnen.
Was als Vernunftlösung beginnt, wird schnell zur größten Herausforderung ihres Lebens, denn zwischen Pflichtgefühl, unausgesprochenen Gefühlen und Familienchaos lernen Wyatt und Aubree vor allem eines: Liebe lässt sich nicht planen.
Eine humorvolle und gefühlvolle Fake-Marriage-Romance von Spiegel-Bestsellerautorin Meghan Quinn.
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Seitenzahl: 826
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Wyatt Brooks hat alles verloren: seine Verlobte, seinen Glauben an die Liebe und fast auch sich selbst. Als sein verhasster Cousin droht, das geliebte Familienhaus an sich zu reißen, bleibt Wyatt nur ein Ausweg: er muss heiraten. Seine einzige Chance liegt ausgerechnet in Almond Bay – und bei einer Frau, die ebenso wenig an Märchen glaubt wie er ...
Aubree Rowley kämpft um den Erhalt der Familienfarm und hat weder Zeit noch Nerven für Romantik. Doch als Wyatt ihr ein unmoralisches, aber verlockendes Angebot macht, steht sie vor einer Entscheidung, die alles verändern könnte. Auch wenn ihr Herz längst beschlossen hat, sich nie wieder zu öffnen.
Was als Vernunftlösung beginnt, wird schnell zur größten Herausforderung ihres Lebens, denn zwischen Pflichtgefühl, unausgesprochenen Gefühlen und Familienchaos lernen Wyatt und Aubree vor allem eines: Liebe lässt sich nicht planen.
Eine humorvolle und gefühlvolle Fake-Marriage-Romance von Spiegel-Bestsellerautorin Meghan Quinn.
Meghan Quinns Leidenschaft für Bücher begann als sie einen e-Reader geschenkt bekam und die große Welt der Romance-Bücher entdeckte. Heute ist sie selbst erfolgreiche Bestseller Autorin und wird von ihren Leser:innen weltweit für ihre mitreißenden, emotionalen und spicy Geschichten gefeiert. Sie lebt mit ihrer Ehefrau, ihrem Adoptivsohn, zwei Hunden, vier Katzen und ganz vielen Book Boyfriends in Colorado.
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Meghan Quinn
The Reason I Married Him
Aus dem Amerikanischen von Ute Brookes
Cover
Titel
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Titelinformationen
Grußwort
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PROLOG — WYATT
1 — AUBREE
2 — WYATT
3 — AUBREE
4 — WYATT
5 — AUBREE
6 — DIE GESCHWISTER
7 — WYATT
8 — AUBREE
9 — WYATT
10 — AUBREE
11 — DIE GESCHWISTER
12 — WYATT
13 — AUBREE
14 — WYATT
15 — AUBREE
16 — WYATT
17 — AUBREE
18 — WYATT
19 — AUBREE
20 — WYATT
21 — AUBREE
22 — DIE GESCHWISTER
23 — WYATT
24 — AUBREE
EPILOG — WYATT
Impressum
Lust auf more?
WYATT
»Du miefst.«
Ich schaue vom Sofa hoch, auf dem ich einen permanenten Abdruck hinterlassen habe, weil ich nun schon seit drei Wochen bei meiner besten Freundin einen auf Hausbesetzer mache. Jep, drei Wochen. Schamlos.
»Nein, tue ich nicht.«
»Doch.« Laurel zieht sich ihr Shirt über die Nase. »Richtig schlimm.«
»So ein Quatsch. An meinem Geruch ist nichts auszusetzen.«
»Ach ja?«, fragt sie. »Du bist nasenblind und riechst deinen eigenen Gestank einfach nicht mehr.«
»Nasenblind, so was gibt’s doch gar nicht.«
»Doch, das gibt es.« Sie streckt mir ihr Handy entgegen, auf dessen Display eine Google-Suche zu sehen ist. »Dass man sich an den eigenen Körpergeruch gewöhnt, ist auch als olfaktorische Ermüdung bekannt. Man nimmt die Düfte um sich selbst nicht mehr richtig wahr, was dazu führt, dass man sich in seinem eigenen Mief wunderbar wohlfühlt, während die Menschen, die einem erlauben, auf ihrem Sofa zu schlafen, den Erstickungstod erleiden.«
Ich stemme mich auf einen Ellbogen und starre meine allerbeste Freundin an, die ich schon seit der Grundschule kenne. »Ich habe schrecklichen Kummer und du bist auch noch unverschämt.«
»Okay wow«, sagt sie und hebt resigniert die Arme. »Wyatt, du weißt, dass ich mit dir mitleide. Dass Cadance dich am Vorabend eurer Hochzeit verlassen hat, wird eine bleibende Narbe in deinem Herzen zurücklassen, und du kannst so lange hierbleiben, wie du willst. Aber du musst verdammt noch mal duschen. Schrubb dir die Achselhöhlen.« Sie stellt pantomimisch dar, wie sie sich unter den Armen wäscht. »Und sämtliche wichtigen Körperspalten, in denen sich besonders gerne Bakterien tummeln.«
»Diese Körperpartien sind momentan nicht in Gebrauch«, sage ich.
»Ganz genau. Und das bedeutet, dass sie vor sich hin modern.«
Angewidert zucke ich zusammen. »Sag gefälligst nicht, dass meine Körperspalten verfaulen. Das ist Unsinn.«
»Du hast dich seit einer Woche nicht gewaschen. Die Fäulnis hat ein völlig neues Moderstadium erreicht. Schimmelbildung, und wenn der Schimmel nicht mehr vor sich hin faulen kann, entwickelt sich die Fäulnis zu neuem Schimmelwuchs, der dann wiederum zu faulen beginnt. Es ist ein Teufelskreis.« Sie deutet auf meinen Körper. »Die Fäulnis hat sich schon so weit ausgebreitet, dass ich mir ernsthaft Sorgen mache, Getier von der Straße könnte deine Spalten für Löcher halten, in die es sich zum Überwintern eingraben kann.«
Ich verenge die Augen zu Schlitzen. »Das ist ein klein wenig übertrieben, findest du nicht?«
»Kein bisschen, nicht wenn ich hier neulich einen Waschbären habe herumschnüffeln sehen. Was du für übertrieben hältst, wird sehr bald Realität sein. Jetzt steh auf, damit ich dein Bettzeug entfernen, verbrennen und das Sofa frisch beziehen kann, während du unter der Dusche stehst. Und du musst dich einseifen, abwaschen und das Ganze mindestens dreimal wiederholen, damit du nicht mehr wie ein Stinktier riechst.«
»Ich rieche nicht wie ein verfluchtes Stinktier!« Ich stehe auf und fühle mich dabei dank des Mangels an Nährstoffen und frischer Luft ein wenig schwach. Hm, vielleicht hat Laurel nicht unrecht. Das werde ich ihr aber ganz sicher nicht auf die Nase binden.
»Himmelherrgott noch mal, auf dem Sofa ist ein Abdruck von dir«, sagt sie, während sie sich eine Maske aufsetzt und Gummihandschuhe überstreift.
»Ist das wirklich nötig?«, frage ich.
Sie nickt. »Ich würde ja einen Schutzanzug anziehen, aber ich muss mit dem arbeiten, was ich habe.« Sie scheucht mich in Richtung Dusche. »Im Badezimmer liegt alles für dich bereit, sogar frische Anziehsachen und ein warmes Handtuch. Jetzt mach schon.«
Murrend schlurfe ich durch ihren Bungalow, der für eine Bewohnerin gemacht ist – und nicht auch noch für ihren besten Freund mit seinem nervigen Liebeskummer –, ins Badezimmer im Retrolook mit lachsfarbenen und taubenblauen Fliesen. Sie behauptet, die Fliesen hätten historischen Wert. Ich hingegen meine, man sollte sie entfernen und durch ein moderneres Design ersetzen, damit Laurel nicht wie eine alte Oma wirkt, die sich verzweifelt an ihre Jugend klammert.
Ich schiebe den weißen Rüschenvorhang an der Dusche zurück und lasse das Wasser schon mal laufen, da es mindestens zwei Minuten braucht, um warm zu werden. Dann drehe ich mich um und betrachte mich im Spiegel.
Puh. Hilfe!
Zerzauster Bart. Dunkle Ringe unter den Augen. Und ist das …
Ich beuge mich näher heran, um es besser sehen zu können.
Jep.
Da ist ein geschmolzener Schokoladenchip in meinem Gesicht. Ich reibe mit dem Zeigefinger über den Fleck und halte ihn mir unter die Nase, um daran zu schnuppern. Ja. Schokolade. Nach dem ganzen Gerede über Fäulnis und Schimmel hatte ich kurz Sorge, es wäre irgendeine Pilzwucherung.
Ich greife hinter meinen Kopf, ziehe mir das Hemd aus und lasse es einfach auf den Boden mit den winzigen, quadratischen Fliesen fallen. Beim Anblick meiner Brust im Spiegel winde ich mich. Ich bin zwar erst seit drei Wochen hier, aber davor bin ich schon weitere drei allein in meinem Apartment versumpft, wo ich nichts außer dem Allernotwendigsten für meinen Job getan habe: E-Mails beantworten und mich nebenbei mit der Redaktion eines Manuskripts beschäftigen, das nächstes Jahr herauskommen soll. Wie sehr die hart erkämpften Ergebnisse meiner Work-outs schwinden, ist ein Hinweis darauf, dass Laurel vielleicht doch recht haben könnte …
Ich hebe den Arm und schnuppere vorsichtig. Aus meiner Achsel schlägt mir der Gestank einer Tüte schimmeliger Zwiebeln entgegen. »Fuck!«, entfährt es mir, während ich Luft durch die Nase ausatme und versuche, den Geruch, den ich gerade inhaliert habe, wieder loszuwerden.
Okay, ja, Laurel hat recht. Wahrscheinlich hätte man mich schon viel früher vom Sofa schmeißen sollen. Gott sei Dank hatte sie den Mut, es heute zu tun. Wer weiß, was zwei weitere Tage auf dem Sofa mit mir gemacht hätten …
Ich ziehe mich vollständig aus und stelle mich unter den immer noch etwas kühlen Wasserstrahl. Mein Körper braucht Seife, und zwar sofort.
Während ich mich gründlich wasche und vom Mief befreie, geht mir durch den Kopf, wie ich überhaupt erst in diese Lage gekommen bin.
Es gibt nur einen einzigen Grund.
Cadance Clearwater.
Die Erbin von Clearwater Coffee – die Marke, von der noch niemand was gehört hat, von der Cadance jedoch schwört, es sei der beste Kaffee auf dem Markt. Spoiler: Ist er nicht.
Wir haben uns an einem windigen Tag im Silicon Valley kennengelernt, ausgerechnet in einem Coffeeshop, wo sie versuchte, dem Filialmanager Clearwater Coffee zu verkaufen. Ich arbeitete gerade an meinem neuesten Thriller über einen Arzt, der einem Ehepaar bei seinem Kinderwunsch hilft, um mit dem Nabelschnurblut des Babys das Leben ihres anderen, schwerkranken Kindes zu retten – übrigens ein Bestseller. Ich wurde aus meiner Konzentration gerissen, als ich mitbekam, wie sie unbeholfen ihre Tüte Kaffee herauskramte. Die Tüte fiel ihr aus den Händen und die Kaffeebohnen verteilten sich überall auf dem Boden. Es war eine furchtbar peinliche Situation für alle Anwesenden.
Der Manager hatte kein Interesse, und als er sie fortschickte, deutete sie mit ihrem zitternden Finger auf ihn und erklärte ihm, er mache gerade einen Riesenfehler.
Mir gefiel ihre Beharrlichkeit. Ich fand sie irgendwie liebenswert und half ihr schließlich, die verschütteten Kaffeebohnen aufzulesen.
Sie sagte später, für sie sei es Liebe auf den ersten Blick gewesen. An so etwas dachte ich nicht im Entferntesten. Ganz und gar nicht. Aber weil ich sie heiß fand, verabredete ich mich mit ihr. Aus einem Date wurden zwei Dates, dann drei … dann vier. Und bei der vierten Verabredung lud sie mich in ihr Apartment ein und verführte mich. Jep. Sie konnte die Finger nicht von mir lassen. Sie zog mir die Klamotten aus und fiel auf dem Küchenboden über mich her. Ich war völlig überrumpelt und angenehm überrascht – und hatte verständlicherweise nicht das Geringste gegen diese Entwicklung einzuwenden.
Am nächsten Morgen machte sie mir eine Tasse Clearwater Coffee und ließ sich dann nackt auf meinem Schoß nieder. Es war alles wie in einem feuchten Traum … na ja, nicht alles. Da saß sie nun, ihre Brüste wippten direkt vor meinem Gesicht, und sie schaukelte auf meinem steifen Schwanz herum, während ich den Kaffee an meinen Mund führte. Der Geruch war abscheulich. Manchmal riecht Kaffee halt säuerlich, deshalb trank ich einen Schluck … und wäre am liebsten auf der Stelle tot umgefallen. Meine Gesichtshaut schien sich abzuschälen. Meine Zähne schoben sich vor, aus meinem Mund heraus, wie bei einem Pferd, das nach einer Karotte schnappt. Und meine Achselhaare rollten sich spiralförmig ein, ein sicheres Anzeichen, dass Gevatter Tod auf dem Weg war und einen Grabstein mit meinem sorgfältig eingemeißelten Namen in den Skeletthänden trug.
Es war offiziell. Schon nach einem Schluck war klar, dass Clearwater Coffee mit Abstand der widerlichste Kaffee war, den ich je probiert hatte. Manch einer hätte ihn vielleicht als Brühe abgetan. Ich verbuchte ihn als Hausmittel, um die eigenen Feinde zu vergiften, sich in weniger als dreißig Minuten einen Schnurrbart wachsen zu lassen und eine Nasennebenhöhlenentzündung mit einmal Schnuppern zu kurieren. Ein gefährliches und gewagtes Produkt für die Öffentlichkeit.
Vielleicht stellt sich jetzt die Frage, wer mich zum Geschmacksrichter über Kaffee ernannt hat. Aber ich kann allen Zweiflern versichern, dass ich als passionierter Kaffeetrinker und häufiger Gast in kleinen Coffeeshops sehr bewandert bin, was die unzähligen Geschmacksrichtungen von Kaffee betrifft. Clearwater Coffee ist wie Mundfäule in flüssiger Form.
Für meine Einschätzung brauchte ich nicht mehr als einen Schluck. Ich hatte nicht vor, dieses Gesöff je wieder zu mir zu nehmen. Das zeigte sich auch in der Art, wie ich Cadance würgend von meinem Schoß schubste und zur Spüle lief, wo ich den Mund unter den Wasserhahn hielt und ihn auswusch, bis ich mich beinahe selbst ertränkt hätte. Und nach diesen Rettungsmaßnahmen dauerte es noch genau zweiunddreißig Stunden und elf Minuten, bis meine Zunge mir vergab und es mir ermöglichte, wieder andere Dinge zu schmecken.
Ihr werdet euch denken können, wie diese Reaktion bei Cadance ankam. Sie redete einen Monat nicht mit mir.
Was soll ich sagen? Clearwater Coffee wird offensichtlich aus Teer hergestellt und ich bin einfach kein guter Schauspieler.
Dass ich nichts mehr von ihr hörte, schien mir kein großer Verlust zu sein. Allzu verletzt war ich nicht, denn schließlich war Sex für mich dabei herausgesprungen.
Ich ging wieder meinem Alltag nach, indem ich schrieb, recherchierte und Gruseliges im Internet nachlas, das mich mit etwas Pech ins Gefängnis hätte bringen können. Bis ich Cadance eines Tages in demselben Coffeeshop wiederbegegnete, in dem ich sie kennengelernt hatte. Als sie auf einmal vor mir stand, trank ich zum Glück gerade eine Tasse Tee und entschuldigte mich für mein Kaffeegewürge. Ich erklärte ihr, ich wäre kein großer Kaffeetrinker und deshalb nicht an ein derart intensives Aroma gewöhnt. Lügen, nichts als Lügen, aber wie schon gesagt, sie war heiß. Und abgesehen vom Kaffee hatte ich eine gute Nacht mit ihr verbracht.
Zu meiner Überraschung kicherte sie, warf sich das Haar über die Schultern und sagte, die Sache sei erledigt. Ich bot ihr einen Platz an meinem Tisch an und von da an waren wir zusammen.
Verliebten uns.
Ich machte ihr einen Heiratsantrag.
Sie sagte Ja.
Wir planten unsere Hochzeit.
Bestimmt fragt ihr euch jetzt: Hat sie mich eines Tages beim Kaffeetrinken erwischt und zutiefst gekränkt die Hochzeit abgeblasen? Wenn es doch bloß so wäre. Vielleicht wäre es dann leichter, diese Zurückweisung hinzunehmen.
Aber stattdessen kam sie in ihrem Brautschleier auf mich zu, das Gesicht tränenüberströmt, und unterdrückte mit bebender Lippe das Schluchzen. Zuerst glaubte ich, es wäre etwas wirklich Schlimmes passiert, etwa ein Krankheitsfall in der Familie. Oder vielleicht war der Kaffee für die Hochzeitsgäste nicht geliefert worden – die Ärmsten hatten ja keine Ahnung, was sie da Schreckliches erwartete.
Doch das war es nicht.
Sie grämte sich, weil sie unsere Beziehung so lange hatte laufen lassen – bis knapp vor dem Traualtar –, denn sie liebte mich nicht so, wie sie mich eigentlich lieben sollte.
Jep.
Sie liebte mich nicht.
Das war es. Schlicht und einfach. Mein Tank war voller Liebe für sie, aber ihr war der Sprit ausgegangen.
Wünschte ich, sie hätte es mir früher gesagt? Na, klar.
Frage ich mich, was ich falsch gemacht habe? Jede verdammte Minute eines jeden Tages, seitdem sie die Hochzeit hat platzen lassen.
Eine Erklärung oder eine Begründung, warum sie mich nicht mehr liebt, ist sie mir schuldig geblieben. Sie hat sich einfach entliebt, und damit Schluss. Die Hochzeit wurde abgeblasen, das Essen an Tafeln gespendet, die Hochzeitsgeschenke wurden zurückgegeben und die Blumen landeten in Bestattungsunternehmen. Das schien passend, da meine Beziehung genauso tot ist wie die Menschen in der Leichenhalle.
Bei Laurel unter der Dusche verspüre ich immer noch den Stich von jenem Abend, an dem sie mir das Herz gebrochen hat. Warum hat sie so lange gewartet, bis sie damit herausgerückt ist? Warum konnte sie nicht Nein sagen, als ich ihr einen Antrag gemacht habe? Wenn sie mir zu dem Zeitpunkt einen Korb gegeben hätte, hätten sich wenigstens keine Hoffnungen in mir geregt, eine Familie zu gründen.
Aber sie musste unbedingt bis zum Vorabend der Hochzeit damit warten.
Gott sei Dank hatten wir keine Flitterwochen geplant, weil sie an einer wichtigen Kaffeekonferenz teilnehmen musste. Wir hatten uns anschließend für ein Reiseziel entscheiden wollen.
Viel Glück auf deiner Konferenz, Cadance. Dein Kaffee schmeckt wie verbrannte Reifen, die durch einen Dunghaufen gefahren sind.
Ich drehe die Dusche ab und reiße den Vorhang zur Seite. Dann trockne ich mich schnell mit dem altrosa Handtuch ab, bevor ich an den Spiegel trete und mich wieder anstarre.
Traurig.
Erbärmlich.
Ein Loser.
Das ist alles, was ich sehe.
Sogar mein Penis ist traurig. Hängt völlig deprimiert herunter. Ich kann mich kaum noch an das letzte Mal erinnern, als er in Hochstimmung war.
In Wahrheit erinnere ich mich noch sehr gut daran. Es war anderthalb Wochen vor der Hochzeit. Ja. Mich hat sie nicht geliebt, aber meinen Schwanz sehr wohl. Hurra.
Ich fahre mir mit der Hand übers Gesicht. Das einzig Gute an der Sache? Jetzt ist erst mal kein Buch fällig. Ich habe mir ein paar Monate freigenommen, um das Eheleben zu genießen. Jetzt werde ich diese Monate auf dem Sofa meiner besten Freundin verbringen und mich in meinem Liebeskummer suhlen.
Ich ziehe mich an und putze mir die Zähne, mache mir aber nicht die Mühe, meine Haare zu stylen, dann trete ich – viel besser riechend – aus dem Badezimmer.
»Wow, du siehst aus, als hättest du eine ganze Schicht Selbstekel abgeschrubbt!« Laurel beugt sich vor und schnuppert vorsichtig an mir. »Oh, wunderbar, meine Seife. Viel besser.«
»Fast hätte ich auch dein Deo benutzt, aber dann habe ich doch meins genommen.«
»Es sind die kleinen Wunder, die diesen Tag zu etwas ganz Besonderem machen«, erwidert sie, während ich mich wieder aufs Sofa fallen lasse. »Tja …« Sie wippt auf den Fersen. »Du willst einfach wieder da rumsitzen?«
»Soll ich was anderes machen?« Ich blicke zu ihr hoch. »Möchtest du, dass ich verschwinde?«
Sie schüttelt den Kopf. Die Box Braids, die sie sich gerade erst hat flechten lassen, stehen ihr fantastisch, und das dunkle Lila vervollkommnet den Look. »Nein, aber ich habe ein paar Dinge mit dir zu besprechen und dachte, ein Ortswechsel wäre vielleicht schön, beispielsweise die Terrasse hinterm Haus.«
»Willst du damit sagen, dass ich frische Luft brauche?«
»Ja, das will ich.«
Ich stoße einen tiefen Seufzer aus, folge meiner Freundin aber nach draußen auf die Terrasse, wo sie zwei Gläser mit Limonade und einen Teller mit Schokokeksen hingestellt hat.
»Du verwöhnst mich«, sage ich und schiebe mir ein ganzes Cookie in den Mund, noch während ich mich setze.
Sie betrachtet meine Pausbacken und setzt sich ebenfalls. »Nächstes Mal vielleicht abbeißen.«
»Wo bleibt da der Spaß?«, frage ich durch einen Mund voll Keksbrei.
»Der Spaß besteht darin, nicht zu ersticken.« Sie nimmt einen Schluck Limonade. »Wie schon gesagt, möchte ich ein paar wichtige Dinge mit dir besprechen.«
»Okay«, sage ich gedehnt. »Warum habe ich das Gefühl, dass es sich um schlechte Neuigkeiten handelt?«
»Hör es dir einfach an.«
O Mann, das wird übel.
Ich nehme mir noch ein Cookie, beiße aber wie gewünscht davon ab.
»Das Wichtigste zuerst. Heute Abend habe ich ein Date.«
»Echt?«, frage ich überrascht. Laut eigener Aussage hat Laurel derzeit kein Interesse an Dates. Andererseits hat sie mir das vor ungefähr sechs Wochen gesagt, als ich mich erkundigte, warum sie ohne Begleitung auf die Hochzeit kommen wollte. Möglicherweise hat die Situation sich seitdem geändert.
»Ja, ich habe sie in der Buchhandlung kennengelernt, als ich mich nach deinen Büchern erkundigt und nachgefragt habe, warum deine Romane nicht im Regal stehen.«
So ist Laurel eben. Sie ist mein allergrößter Fan und bringt es fertig, den Pacific Coast Highway rauf und runter zu fahren und dafür zu sorgen, dass jeder Buchladen meine Romane im Sortiment hat.
»Hat sie dir den Grund genannt?«
Laurel grinst. »Weil du viel zu beliebt bist, um lange in den Regalen stehen zu bleiben.« Diese Bemerkung zaubert ein selbstgefälliges Lächeln in mein Gesicht. »Wir sind über Baby für ein Baby ins Gespräch gekommen, und als sie sich zu mir gebeugt und mir gesagt hat, dass sie mein Tattoo mag, wusste ich, dass es safe ist, sie nach einem Date zu fragen.«
»Das Tattoo am Handgelenk?«, erkundige ich mich. Sie hat es sich vor Jahren stechen lassen, nachdem sie ihrer Familie gesagt hatte, dass sie lesbisch ist. Es zeigt ein paar Vögel an der Stelle, wo sie sich während ihrer dunkelsten depressiven Phasen geritzt hat. So hat sie die Narben mit Freiheit überdeckt.
Sie nickt. »Ja. Ich habe ihr gesagt, dass ich mir das Tattoo nach meinem Coming-out habe machen lassen, und da hat sie gelächelt und ist mit dem Finger drübergefahren. Jedenfalls ist sie echt hübsch und total schlau. Ich freue mich, aber ich will nicht, dass du das Gefühl hast, ich würde dich in deiner Not im Stich lassen.«
Ich schüttele den Kopf. »Leb dein Leben, Laurel. Und wenn ich gehen soll, dann gehe ich.«
»Das ist nicht nötig. Ich habe nicht vor, sie nach Hause mitzunehmen oder so. Es geht mir nur darum, sie kennenzulernen, aber ich weiß schon, dass das jetzt irgendwie blödes Timing ist.«
»Quatsch, ich freu mich für dich.« Ich beiße noch einmal von meinem Cookie ab. »Lass dir nicht dein Liebesleben von mir vermiesen.«
»Cool.« Sie stellt ihr Glas ab. »Wo wir den leichten Teil hinter uns gebracht haben, gibt es da noch eine ernstere Angelegenheit, die ich mit dir besprechen möchte.«
»Was?«, frage ich.
»Als ich vorhin Besorgungen gemacht habe, habe ich auch deine Post abgeholt, und das hier ist gekommen.« Sie zieht einen Briefumschlag aus dem Nichts hervor und reicht ihn mir.
»Was ist das?« Ich starre auf das große Kuvert.
»Ich glaube, es ist die Besitzurkunde von der Farm, die dein Bruder dir hinterlassen hat.«
»Oh.« Ich runzele die Stirn. »Ja, das habe ich ganz vergessen. Cassidy ist schon vor Monaten gestorben. Ich frage mich, warum das Schreiben jetzt kommt. Auch wenn es mir eigentlich egal sein kann.«
»Wahrscheinlich hat es ein bisschen gedauert, bis die Anwaltskanzlei der Familie alles unter Dach und Fach hatte.«
Ich kratze mich am Hals und betrachte weiter den Briefumschlag. »Ich weiß immer noch nicht, warum Clarke mich zum Erben gemacht hat für den Fall, dass seine Frau verstirbt. Was zum Teufel soll ich mit einer halben Farm anfangen? Kann ich sie nicht einfach Cassidys Familie geben?«
Laurel, die Anwältin ist – eine äußerst praktische Freundin –, sagt: »Du könntest sie ihnen übertragen. Du könntest sie dir auch von ihnen abkaufen lassen. Was immer du willst.«
»Sie haben bestimmt nicht das nötige Kapital, um mir die Farm abzukaufen. Ich brauche ihr Geld nicht und die Farm auch nicht. Das Ganze ist einfach nur nervig.«
»Weißt du, wem die andere Hälfte gehört?«, fragt Laurel.
»Ryland, Aubree und Hattie – Cassidys Geschwistern. Ich habe sie bei der Hochzeit von Clarke und Cassidy kennengelernt. Wahrscheinlich hat einer von ihnen die Farm übernommen. Ryland kümmert sich wohl um MacKenzie, meine Nichte, jedenfalls haben meine Eltern so was erwähnt. Bleiben also Aubree und Hattie.« Leider habe ich nicht viel Zeit mit MacKenzie verbracht, deshalb ist sie mir, obwohl sie meine Nichte ist, ziemlich fremd. Genau wie Cassidys Geschwister. Ich bin nicht besonders stolz auf diesen Umstand, aber unsere Leben haben sich nie auf natürliche Weise gekreuzt, und nach Clarkes Tod fiel es mir noch schwerer, den Kontakt aufrechtzuerhalten. Je mehr Zeit verstrich, ohne dass ich mich bei Cassidy meldete, desto größer wurde mein schlechtes Gewissen.
Laurel verzieht nachdenklich den Mund.
»Warum der grüblerische Ausdruck?«
Sie seufzt tief und sieht mich an. »Weil ich, als ich deine Post abgeholt habe, jemandem über den Weg gelaufen bin, den du nicht ausstehen kannst.«
»Cadance?« Mein Herz verkrampft sich. »War ihr Ansatz rausgewachsen?«, formuliere ich meine bescheidene Hoffnung.
Laurel schüttelt den Kopf. »Nein … schlimmer. Es war Wallace.«
Mich durchläuft ein eiskalter Schauder. Nicht Wallace, dieses Arschloch. Er ist mein Cousin und der Fluch meines Lebens. Ein verdammter Scheißkerl, der keinen Sinn für Loyalität und Familie hat.
Andererseits: Ließe sich das Gleiche nicht auch über mich sagen? Mein Bruder ist gestorben und ich habe nicht viel getan, um seiner Witwe Cassidy unter die Arme zu greifen – aber das Thema verdränge ich lieber schnell wieder.
Hier geht es um Wallace, den Typen mit dem gierigen Blick einer halb verhungerten Hyäne.
Er ist niederträchtig.
Er ist berechnend.
Seit unserer Pubertät, als ich in der Middle School dreißig Zentimeter gewachsen bin und er nicht, hegt er einen tiefen Groll gegen mich.
»Was wollte der Arsch?«, frage ich.
»Nichts, aber er hat eine Bemerkung fallen lassen, die mir eine Gänsehaut verursacht hat.«
»Was denn?«, will ich wissen. »Hat er was Ekliges über Lesbensex gesagt? Ich habe kein Problem damit, ihm eine reinzuhauen, wenn ich ihn das nächste Mal sehe. Er kann sich sowieso nicht wehren.«
Sie legt eine Hand auf den Tisch und sieht mir eindringlich in die Augen. »Er hat erwähnt, dass nicht mehr viel fehlt, bis die Hütte in seinen Besitz fällt.«
Fuck.
Nicht die Hütte.
Alarmiert setze ich mich auf. »Das hat er gesagt?«
»Allerdings.«
Damit ist er zu weit gegangen.
»Das geht niemanden außerhalb der Familie etwas an. Klar, ich habe dir alles erzählt, weil ich wollte, dass du einen Blick auf das Testament meines Großvaters wirfst, aber warum sollte er verdammt noch mal mit dir darüber reden?«
»Weil er sich wahrscheinlich gedacht hat, dass ich dir davon erzählen würde.«
Ich presse die Lippen zusammen, denn in meinem Innern regt sich bei der Vorstellung, Wallace könnte die Blockhütte der Familie in die Finger bekommen, grenzenlose Wut. Die heilige, wunderschöne Finnhütte, das ganze Glück meiner Kindheit. Er würde sie bis zur völligen Unkenntlichkeit renovieren und sämtliche Erinnerungen auslöschen, die wir dort erschaffen haben. Das weiß ich, weil er es gesagt hat. Er hat sich nie mit unserem Großvater verstanden, außerdem wusste Wallace weder die freie Natur noch die Gemeinde zu schätzen, wo die Hütte sich befindet. Seine Eltern brachten ihn nur selten dorthin, und doch hat Wallace sich in einem fort über die Gelbkiefern beklagt, die dem Haus die Sonne nehmen, und das kitschige Städtchen, in dem es angeblich kein gutes Essen gibt.
Leider legte unser Großvater, der letztes Jahr verstorben ist, in seinem Testament fest, dass die Hütte dem ersten Enkelkind, das heiratet, zufallen wird. Aufgrund meiner Verlobung war klar, dass ich das sein würde. Aber ohne Cadance ist nun Wallace der einzige Enkel in einer Beziehung … denn wenn er bereits an die Hütte denkt, habe ich nicht den leisesten Zweifel, dass er seiner Partnerin aus reiner Gehässigkeit demnächst einen Antrag machen will.
»Fuck«, sage ich und fahre mir mit der Hand über den Nacken. »Er wird sie sich unter den Nagel reißen.«
»Sieht so aus«, sagt Laurel. »Es sei denn …«
»Es sei denn was?«, frage ich.
»Du heiratest.«
Ich lache bitter. »Der Zug dürfte abgefahren sein.«
»Ich habe da mehr an eine geschäftliche Transaktion gedacht.«
Ich ziehe die Augenbrauen hoch. »Schlägst du etwa vor, dass ich dich heiraten soll? Das würde ich auf der Stelle tun, das weißt du. Es gibt da nur dieses Problem, dass du nicht auf Schwänze stehst und alle das wissen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Wallace uns Hochstapelei vorwerfen und Anspruch auf die Hütte erheben würde.«
»Ich rede nicht von mir. Ich denke da eher … an eine von Cassidys Schwestern.«
Ich blinzele.
Ich starre sie an.
Dann breche ich in Gelächter aus. »Das kann nicht dein Ernst sein.«
»Mein voller Ernst«, sagt sie. »Es würde wunderbar funktionieren. Ein Tauschgeschäft: dein Anteil an der Farm für die Hand von einer von ihnen.«
»Laurel.« Ich greife über den Tisch und nehme ihre Hand in meine. »Du bist mein absoluter Lieblingsmensch auf der ganzen Welt und wir haben versprochen, immer ehrlich zueinander zu sein, besonders, wenn einer von uns erkennen lässt, dass er den Verstand verliert. Dies ist einer dieser Momente. Du bist verrückt.«
»Bin ich das denn wirklich?«, will sie wissen. »Ich bin das Testament durchgegangen und streng genommen musst du bloß ein Jahr lang verheiratet sein. Du triffst mit einer der Schwestern eine Vereinbarung – vorausgesetzt eine von ihnen ist noch Single – und bietest ihr die halbe Farm kostenlos an. Als Gegenleistung bekommst du ein Jahr Ehe, damit du die Blockhütte in deinen Besitz bringen und dir sicher sein kannst, dass der ganze Papierkram erledigt ist, dann lasst ihr euch wieder scheiden. Was ist schon ein Jahr im Leben eines Menschen?«
»Ähm, ein verdammtes Jahr eben. Zwölf Monate. Dreihundert–«
»Mir ist bewusst, wie viele Tage ein Jahr hat«, erwidert Laurel. »Denk doch mal drüber nach, Wyatt. Dir liegt nichts an diesem Land, aber etwas sagt mir, dass das bei ihnen anders aussieht. Und ich würde mal drauf tippen, dass es ihnen noch viel wichtiger erscheinen wird, wenn du dort aufkreuzt und Ansprüche stellst.«
»Wow.« Ich verschränke die Arme vor der Brust. »Das Jurastudium hat wirklich einen kleinen Teufel aus dir gemacht.«
Sie lacht glucksend. »Es gehört zu meinem Job, alle Eventualitäten im Blick zu behalten, und das ist deine größte Chance. Du willst diese Hütte unbedingt. Einmal hast du sogar gesagt, du seist dir nicht sicher, ob du Cadance oder die Hütte mehr liebst. Willst du sie wirklich Wallace überlassen?« Sie beugt sich zu mir und fügt hinzu: »Er hat an seinem Schwänzchen herumgespielt.«
Meine Nasenflügel beben. »Seine Frisur ist einfach widerlich.«
»Am liebsten hätte ich ihn abgeschnitten.«
»Ich habe schon oft nachts wachgelegen und mir ausgemalt, wie sich das anfühlen würde.«
»Wirst du also was dagegen tun, dass er sich die Hütte unter den Nagel reißt und das zerstört, was dir am meisten am Herzen liegt? Oder willst du weiter auf meinem Sofa rumhängen und in Selbstmitleid zerfließen?«
»Wenn du es so formulierst …«
»Soll ich dir packen helfen? Vielleicht die Hochzeit planen? Einen Ehevertrag aufsetzen? Bei einer Scheidung bekommt sie das Land und du kriegst die Hütte? Ich stehe ganz zu deiner Verfügung. Sag mir einfach, was du brauchst.« Sie führt ihr Limonadenglas an die Lippen.
»Das ist einfach verrückt«, sage ich. »Ich muss erst in Ruhe darüber nachdenken.«
»Lass dir bloß nicht zu lange Zeit. Wallace muss nur noch einen Ring kaufen gehen, um dir die Blockhütte vor der Nase wegzuschnappen.«
AUBREE
»Nein, nicht! Hör auf, ihn zu schlagen. Bitte, Dad. Bitte hör auf«, rufe ich und bemerke Rylands dankbaren Gesichtsausdruck, als Dad innehält und dann langsam den Kopf in meine Richtung dreht.
»Soll ich stattdessen dich verprügeln?« Das Böse in seinen Augen sollte mir Angst einjagen, aber so ist es nicht. Es erinnert mich nur daran, wie tot ich innerlich bin.
»Fass sie nicht an!«, schreit Ryland und stürzt auf Dad zu, aber bevor er auch nur das Geringste ausrichten kann, trifft ihn ein Schlag.
Ryland liegt auf dem Boden. Ist er bewusstlos? Während Dad auf mich zukommt, weiche ich mit zitternden Beinen in die Zimmerecke zurück. Bei jedem seiner Schritte dreht sich mein Magen um.
Wo ist Cassidy?
Sie würde das hier beenden. Das tut sie immer.
Ich sitze mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt, kneife die Augen zusammen und mache mich auf den Schlag gefasst. Als er nicht kommt, blicke ich nach oben und sehe sein wahnsinniges Grinsen.
»Du bist ein wertloses Etwas. Du hast dieser Familie nichts zu bieten. Nur noch ein Balg mehr, das durchgefüttert werden muss.« Er schüttelt den Kopf. »Vielleicht sollte ich einfach kurzen Prozess mit dir machen. Dich wird nie einer wollen.« Die gemurmelte Bemerkung »Hässliches Luder« beendet seine Schimpftirade. Sein Standardspruch.
Und damit wendet er sich wieder Ryland zu, hebt die Faust und Rylands gellender Schrei hallt durchs ganze Haus …
Ich fahre mit dem Kopf vom Schreibtisch hoch und sehe mich in meinem kleinen Büro auf der Farm um.
Mein Nacken ist schweißbedeckt.
Mein Herz hämmert wild in der Brust.
Und ich bin den Tränen nahe, während sich bei der Erinnerung, die in meinem Innern nachklingt, ein Kloß in meinem Hals bildet. Es fühlt sich so real an.
Als wäre es erst gestern gewesen.
Ich wische mir übers Gesicht und atme mehrmals tief durch, um mich nach dem schrecklichen Albtraum wieder zu beruhigen.
Wie bin ich überhaupt eingeschlafen?
Oh, ich weiß. Während ich mir Sorgen um die Zukunft der Farm gemacht habe. Cassidys Farm.
Ich räuspere mich, setze mich auf und aktiviere den Rechner. Der Bildschirm leuchtet auf und schon sitze ich wieder vor der schrecklichen Excel-Tabelle.
»Was ist nur los?«, murmele ich vor mich hin, während ich auf den Monitor starre und einfach nicht kapiere, warum die Einnahmen sinken, obwohl wir die bisher beste Touristensaison hinter uns haben.
Nachdem ich noch über eine Stunde vergeblich darüber nachgegrübelt habe, lehne ich mich zurück und massiere mir die Stirn. Ich bin die Produktion durchgegangen – wir haben beinahe doppelt so viele Flaschen Mandelwodka und Mandelextrakt hergestellt wie sonst. Wir haben das Erntevolumen gesteigert. Auf der Farm gibt es jetzt auch Honigbienen, damit wir anfangen können, Mandeln mit Honigaroma herzustellen. Und trotzdem nehmen wir nicht so viel ein wie im letzten Jahr.
Nichts hat sich geändert … abgesehen davon, dass ich jetzt die Verantwortliche bin.
Ich muss an die frische Luft. Aber als ich den Computer herunterfahre, kommt Parson, der Vorsteher meines Erntetrupps, herein. Er zieht den dreckigen, schweißdurchtränkten Hut ab und lächelt mich an. »Hey, Aubree, wie geht es dir?«
Clarke hat Parson eingestellt. Die beiden kannten sich von ihrer Freiwilligentätigkeit während des Studiums. Mit seinem Abschluss in Gartenbauwirtschaft leistet Parson der Farm gute Dienste. Ein fleißiger Arbeiter mit einem Faible für Modelleisenbahnen, der gern für sich bleibt und immer nur solo in Erscheinung tritt.
»Okay«, sage ich, denn ich möchte meine Sorgen nicht auf ihn abwälzen, geschweige denn über meinen Albtraum sprechen. »Machst du für heute Feierabend?«
»Ja, ich wollte dir bloß Bescheid geben, dass alles gut aussieht, und habe mich gefragt, ob ich mir Freitag freinehmen kann. In San Francisco findet eine Messe statt, zu der ich sehr gern fahren würde. Da die restliche Woche nicht allzu viel zu tun ist, wäre es eine gute Gelegenheit.«
»Natürlich«, sage ich. »Mach ein langes Wochenende. Amüsier dich. Und gib den Damen auch Bescheid.«
Mit den Damen sind Aggie und Esther gemeint, Schwestern mit einer unglaublich stark ausgeprägten Arbeitsmoral. Aggie kümmert sich um die Wodkaproduktion und Esther ist für den Extrakt verantwortlich. Sie sind ein Geschenk des Himmels, ohne sie hätte ich niemals die Farm und den Almond Store gleichzeitig übernehmen können.
Der Almond Store ist unser Laden im Stadtzentrum, wo wir unsere Erzeugnisse und alle möglichen anderen Produkte, einschließlich Cassidys berühmter Mandel-Kirsch-Cookies, verkaufen. Nach Cassidys Tod war ich für das Geschäft und die Farm verantwortlich. Während ich im Laden beschäftigt war, schufteten Aggie und Esther auf der Farm. Zum Glück hat Hattie den Almond Store übernommen und ich kann mich jetzt voll und ganz auf die Farm konzentrieren.
»Super, vielen Dank. Ich bezweifle aber, dass sie sich freinehmen werden.«
»Richte ihnen aus, dass es sich um eine Anweisung handelt.« Ich zwinkere ihm zu. »Viel Spaß auf der Messe, Parson.« Mit einem Grinsen erkundige ich mich: »Hat sie irgendwas mit Modelleisenbahnen zu tun?«
Er erwidert mein Lächeln. »Vielleicht.«
»Nimmst du Rodney mit?« Rodney gehört das Modelleisenbahnmuseum in der Stadt.
»Hab mit dem Gedanken gespielt«, sagt er. »Allerdings redet Rodney viel und manchmal genieße ich einfach die Ruhe und den Frieden ohne die Damen.« Er steckt die Hände in die Hosentaschen. »Erzähl ihnen bloß nicht, dass ich das gesagt habe.«
Ich lache. »Natürlich nicht. Also dann, viel Spaß!«
Doch er rührt sich nicht vom Fleck, sondern mustert mich eingehend. Die Falten um seine Augen vertiefen sich, während sein Lächeln verblasst. »Weißt du, in den letzten Tagen hast du dich seltsam verhalten. Du bist nicht wie sonst draußen auf den Feldern gewesen. Ist alles in Ordnung?«
»Aber ja.« Ich gebe mir Mühe, noch strahlender zu lächeln, obwohl es sich unglaublich künstlich anfühlt.
»Bist du dir sicher? Denn wenn was nicht stimmt, können wir dir helfen.«
»Das weiß ich, Parson, aber es ist alles bestens. Genieß dein langes Wochenende. Und fahr auf dem Weg beim Almond Store vorbei. Richte Hattie von mir aus, du sollst dir Cookies als Reiseproviant mitnehmen.«
»Das ist lieb von dir, Aubree. Danke. Vielleicht lässt Rodney sich damit zeitweise ruhigstellen, falls ich ihn doch mitnehme.«
Ich hebe die Augenbrauen. »Genau das ist der Plan.« Ich winke Parson zum Abschied und er verlässt mein Büro, das eher einem kleinen Schuppen ähnelt.
Vor Kurzem habe ich es gemütlicher eingerichtet, indem ich es weiß gestrichen und den unschönen Boden mit einem waschbaren Läufer bedeckt habe – schließlich befinden wir uns immer noch auf einer staubigen Farm. Außerdem habe ich ein paar Schwarz-Weiß-Aufnahmen von der Farm aufgehängt, einschließlich eines Familienfotos von Cassidy, Clarke und MacKenzie, und ein paar Zimmerpflanzen besorgt. Und es gibt zwei Stühle für Angestellte, die eine Pause von der harten Arbeit auf dem Feld brauchen. Dank der Klimaanlage ist es hier drinnen ziemlich kühl – eine gute Zuflucht vor der gnadenlosen Hitze draußen.
Seit ich die Farm übernommen habe, habe ich vieles verbessert. Sobald ich begriffen hatte, dass ich mich jetzt voll und ganz der Farm widmen kann, habe ich mich mit der Belegschaft zusammengesetzt und mich erkundigt, welche Veränderungen die Leute sich wünschen. Parson wollte einen klimatisierten Ort fürs Mittagessen, damit er nicht mehr in seinem Auto sitzen muss. Seine Nichte hatte ihn wohl zur Schnecke gemacht wegen seiner unnötigen Abgasemissionen, weil er den Truck leerlaufen ließ. Ich musste lachen, denn es könnte gut sein, dass Mac das Gleiche sagt, wenn sie älter ist. Sie ist ein echt schlauer Dickkopf.
Esther und Aggie haben sich neue Geräte gewünscht. Es waren keine enormen Investitionen, bloß ein paar Anschaffungen wie iPads, die nicht völlig veraltet sind. Auch das ließ sich leicht machen.
Außerdem haben wir besprochen, wie sich der Umsatz steigern ließe, und so kam es zu der Entscheidung, die Sache mit den Honigbienen groß aufzuziehen, was natürlich eine neue Arbeitskraft voraussetzte. Dafür haben wir Echo Alaska eingestellt. Sie kommt aus einer Kleinstadt in Texas und hat ihr ganzes Leben in einer Imkerei verbracht. Vor Kurzem hat sie den Entschluss gefasst, in die große weite Welt zu ziehen und zu entdecken, was es jenseits ihrer Kleinstadt sonst noch gibt, und fand … eine andere Kleinstadt. Sie ist unsere Imkerin, und wenn sie sich nicht auf der Farm aufhält, ist sie mit dem Auto im ganzen Staat unterwegs, um Leuten mit Bienennestern zu helfen. Sie sammelt die Bienen ein und bringt sie auf die Farm, um unsere Honigproduktion zu steigern. Es ist ein schlauer Geschäftsplan, und ich sehe die Bienenzucht als enorme Bereicherung. Und hoffentlich auch in finanzieller Hinsicht.
Ich kapiere es einfach nicht. Wir haben einen höheren Umsatz, aber geringere Einnahmen. Wie kann das sein?
Bebend atme ich aus. Schon bei dem bloßen Gedanken an unsere prekäre Situation wird mir schlecht, was bedeutet, dass ich jetzt wirklich hier raus muss, bevor ich noch den Verstand verliere. Bevor ich in eine gefährliche Spirale aus Hass und Lügen gerate. Lügen, die mein Vater mir in meiner Jugend eingetrichtert hat.
Nicht clever genug.
Ohne Zukunftsaussichten.
Nutzlos.
Hässliches Luder.
Nicht schön wie meine Schwestern …
Nein, in die Richtung darf ich gar nicht erst denken.
Ich packe meine Sachen zusammen, hänge mir die Tasche über die Schulter und verlasse das Büro. Nachdem ich abgeschlossen habe, gehe ich zu dem Elektro-Geländewagen, den ich günstig geschossen habe, und lasse mich in dem Moment auf den Fahrersitz gleiten, als ich Echo auf mich zukommen sehe. Wie immer trägt sie ihre kurze Latzhose mit einem Tanktop und einem Strohhut. Sie sieht richtig süß aus.
»Du bist auf dem Sprung?«, fragt sie.
»Ich wollte nach Hause. Wieso? Brauchst du was?«
»Ähm, ich habe nur gedacht, wir unterhalten uns mal, aber wenn du auf dem Heimweg bist, will ich dich nicht stören.«
»Du störst nie.« Ich klopfe auf den Beifahrersitz. »Steig ein, dann fahr ich dich zu deinem Wagen, oder wo auch immer du hinmusst.«
»Ja, das wäre super. Mein Wagen steht hinter der Scheune.« Sie setzt sich neben mich und nimmt ihren Rucksack auf den Schoß.
»Was ist denn los?«
»Na ja, das ist jetzt irgendwie peinlich und hat auch gar nichts mit der Arbeit zu tun, aber gestern Abend habe ich mit meiner Mutter telefoniert und sie hat gesagt, dass ich unbedingt nach Texas zurückkommen soll.«
»Oh«, entfährt es mir. Inwiefern hat das nichts mit der Arbeit zu tun? Es macht mir einen dicken Strich durch meinen zukünftigen Geschäftsplan. »Ist alles in Ordnung?«
»Ja. Sie ist nur ein bisschen ein … ähm … Kontrollfreak.« Echo räuspert sich nervös. »Ich will nicht nach Hause zurück. Es gefällt mir hier.«
»Das freut mich. Wir haben dich sehr gern bei uns, Echo.«
Sie nickt. »Danke. Ein Argument meiner Mutter lautet, dass ich hier verkümmere. Sie hat gesagt, ich hätte keine Freunde und würde nur mit meinen Bienen kommunizieren.«
»Woher will sie das wissen?«
»Ähm … ich habe es ihr erzählt«, sagt Echo, während ich um die Kurve biege und vom Gas gehe, sobald die Scheune in Sicht kommt. »Wie dem auch sei, jetzt habe ich ihr gesagt, dass ich sehr wohl Freunde habe, und dass ich, obwohl die Bienen auch meine Freunde sind, nicht meine ganze Zeit mit ihnen verbringe. Genauer gesagt habe ich behauptet, ich würde ab und zu mit dir und Hattie abhängen. Tja, und nun kommt sie mich besuchen, und ich habe gehofft, du könntest vielleicht … keine Ahnung … so tun, als wären wir befreundet oder so, damit sie endlich von Texas aufhört. Ich will wirklich nicht zurück, Aubree. In meiner Vergangenheit ist einiges schiefgelaufen und hier in Almond Bay gefällt es mir. Es ist ein Neuanfang, es weht ein frischer Wind und die Leute sind nett. Mir ist klar, dass ich viel von dir verlange, aber meinst du, du könntest so tun, wenn sie hier ist?«
Ich parke neben ihrem hellblauen Jeep Wrangler, bevor ich mich zu ihr drehe. »Ich habe einen Vorschlag: Wir verbringen tatsächlich Zeit miteinander, dann müssen wir vor deiner Mutter keine Show abziehen.«
Sie runzelt die Stirn. »Das würdest du tun? Du bist meine Chefin.«
Ich lache glucksend. »Es spricht nichts dagegen, dass wir befreundet sind, Echo, solange wir das Private und das Geschäftliche trennen.«
»Okay.« Sie nickt. »Dann, ja, das fände ich schön.«
»Hattie kann ich auch einladen. Bestimmt hätte sie gern mehr Leute in der Stadt als nur ihren Freund und mich.«
Jetzt strahlt Echo. »Hattie ist so lieb. Ich würde sie wahnsinnig gern besser kennenlernen.«
»Super. Ich mache was mit ihr aus.«
»Das ist toll! Vielen Dank.« Sie steigt aus und lächelt mich an. »Noch einen schönen Abend, Aubree.«
»Dir auch, Echo.«
Sie geht zu ihrem Jeep und ich fahre weiter zu mir nach Hause. Heute ist ein Familienessen mit Ryland, Hattie, Hayes und Mac geplant. Hattie ist mit dem Kochen dran, was bedeutet, dass Hayes in der Küche stehen wird, weil Hattie bekanntermaßen keine Spitzenköchin ist.
Auf der Fahrt über die unbefestigte Straße betrachte ich den wunderschönen Sonnenuntergang in leuchtendem Orange und stoße einen tiefen Seufzer aus. Cassidy hat Sonnenuntergänge geliebt, besonders hier draußen auf der Farm. Wie oft hat sie in einem Schaukelstuhl hinter dem Haus gesessen und das Naturschauspiel genossen. Inzwischen verbinde ich Sonnenuntergänge immer mit ihr – es kommt mir vor, als wären sie ein Zeichen von ihr, um mich wissen zu lassen, dass sie immer noch da ist. Ich vermisse sie schrecklich. Jeden einzelnen Tag.
Ich parke hinter meinem Häuschen, schnappe mir meinen Rucksack und gehe direkt zum Haupthaus der Farm.
Cassidy ist vor ein paar Monaten an Brustkrebs gestorben. Sie hat unseren Bruder Ryland gebeten, die Vormundschaft von MacKenzie – Mac –, ihrer vierjährigen Tochter, zu übernehmen. Er wohnt mit ihr in dem bescheidenen Farmhaus mit seinen zwei Schlafzimmern und einem Bad. Um Ryland unterstützen zu können, bin ich ins Gästehaus gezogen, das sich gleich neben dem Haupthaus befindet. Cassidy hat gefragt, ob ich für ihn da sein könnte, und ich habe es ihr versprochen. Obwohl meine Wohnsituation nicht ideal ist, würde ich mich deshalb nie beschweren, denn es geht hier um ein vierjähriges Mädchen, das seine Mutter und seinen Vater verloren hat und alle Liebe braucht, die es bekommen kann.
Und dann gibt es da noch Hattie, die Jüngste. Als Cassidy im Sterben lag, war sie gerade mit ihrem Collegeabschluss beschäftigt, aber inzwischen ist sie nach Almond Bay zurückgekehrt und hat den Almond Store übernommen, und seitdem verbringen wir mehr Zeit miteinander – was nötig ist, weil unsere Beziehung während Cassidys Erkrankung gelitten hat.
Aber da sich die Situation mit meinen Geschwistern mittlerweile entspannt hat, konzentriere ich mich aktuell voll und ganz aufs Geschäft. Das nicht so gut läuft, wie es sollte. Aber es wird schon werden. Mir fällt bestimmt was ein.
Hayes’ Rivian steht in der Einfahrt, wahrscheinlich kochen sie schon. Schnell laufe ich die Stufen zur Veranda hoch und öffne die quietschende Fliegengittertür.
»Tante Aubree!«, ruft Mac und stürmt auf mich zu, als hätte sie mich nicht erst am Morgen gesehen und mir meinen halben Donut abgeschwatzt.
»Hey, Süße«, begrüße ich sie und schließe sie in die Arme. »Hattest du einen schönen Tag?«
Sie wiehert und tut so, als würde ihr Kuschelpferd Chewy Charles, ihr absolutes Lieblingsspielzeug, meine Beine ablecken. »Er schleckt dich ab. Ist das nicht komisch?«
Ich lächele auf Mac hinunter. Die wuscheligen Locken und das runde Gesicht – sie ähnelt Cassidy so sehr, dass es mir manchmal schwerfällt, ihr in die Augen zu sehen. »Das ist komisch. Hält er mich für einen Salzleckstein oder so was?«
»Warum sollte Chewy Charles einen Salzleckstein brauchen, Tante Aubree?«, fragt sie und stemmt die Hände in die Hüften. »Er ist ja kein Pferd.«
»Nicht?«, frage ich. »Und was ist mit dem langen Hals, dem Pferdeschwanz und der Mähne?«
»Das ist seine Verkleidung. Eigentlich ist er ein Stinktier, das sich als Pferd verkleidet hat, also mach ihn nicht wütend, sonst stinkt er dich voll.«
Kapitulierend hebe ich die Hände. »Es tut mir leid. Ich will nicht vollgestunken werden. Leck ruhig weiter, Chewy Charles.«
»Nein, du schmeckst ihm nicht.« Sie springt davon und wirft sich mit voller Wucht aufs Sofa. Sie springt gern in die Luft und landet auf den Knien, als wären da keine Knochen in ihren Beinen. Ryland wird jedes Mal ganz schlecht, wenn sie das macht. Mich bringt das zum Lachen. Ich liebe Ryland, aber als mittleres Kind ist es auch mal schön zu sehen, wie der große Bruder sich windet.
Ich gehe in die Küche, wo Hattie auf der Arbeitsfläche sitzt. Von Hayes keine Spur, stattdessen lehnt Ryland mit einem Bier in der Hand am Kühlschrank. Alkohol trinkt er nur, wenn andere Erwachsene dabei sind. Er hat einen stark ausgeprägten Beschützerinstinkt und tut alles dafür, dass Mac immer gut versorgt ist. Dementsprechend trinkt er nicht, wenn er mit ihr allein ist, falls er aus irgendeinem Grund noch Autofahren muss.
»Hey«, begrüße ich die beiden und hole mir ein Glas aus dem Schrank, um es mit Wasser zu füllen. »Wie geht’s?«
»Gut«, sagt Hattie.
»Wo ist Hayes?«, erkundige ich mich.
»Er grillt hinter dem Haus Schaschlikspieße.«
Dem Himmel sei Dank für Hayes.
Vor ein paar Monaten hätte ich das niemals gesagt. Hayes Farrow, weltbekannter Musiker und Amerikas größter Mädchenschwarm, ist – zusammen mit Abel – Rylands bester Freund aus Jugendjahren. Sie waren unzertrennlich, bis ihre Beziehung eines Tages in die Brüche ging. Sie redeten jahrelang kein Wort miteinander … wirklich jahrelang. Erst vor ein paar Monaten ist Hayes wieder in unser Leben getreten, als er ungefähr zum selben Zeitpunkt wie Hattie nach Almond Bay zurückkehrte. Langer Rede, kurzer Sinn: Die beiden haben sich ineinander verliebt und Wut und Groll sich in Luft aufgelöst. Jetzt sind wir eine große, glückliche Familie. Hayes bringt sich voll ein und nimmt seine Rolle in der Familie ausgesprochen ernst. Er tut Hattie wahnsinnig gut, ist immer für Ryland da, wenn der ihn braucht, und ist außerdem ein ausgezeichneter Koch. Er ergänzt unsere Familie wirklich perfekt.
»Mit Ananas?«, will ich wissen.
Hattie nickt. »Ja. Steaks, Ananas und grüne Paprika.«
Bei dem Gedanken knurrt mir der Magen.
»Außerdem grillt er Maiskolben, und geschnittene Wassermelone hat er auch mitgebracht«, fügt Ryland hinzu, bevor er sein Bier an die Lippen hebt.
»Womit haben wir dieses Glück verdient?«, frage ich.
Hattie hebt eine Hand. »Durch mich. Und gern geschehen. Du darfst mir deine Dankbarkeit gern in Form eines Geschenks zeigen.«
»Ich bin mir ziemlich sicher, dass Hayes Geschenk genug ist. Sei glücklich darüber«, sage ich.
»Das bin ich.« Hattie errötet leicht.
Ob ich neidisch bin, weil meine kleine Schwester die wahre Liebe gefunden hat und vor Glück strahlt?
Die Antwort lautet nein … und ja.
Vielleicht ein bisschen mehr ja als nein.
Genauer gesagt … zu achtzig Prozent ja, zu zwanzig Prozent nein.
Vor ein paar Jahren war ich in einer festen Beziehung. Er hieß Matt. Und nein, nicht derselbe Matt, mit dem Hattie zusammen war und der sich als Riesenarsch entpuppt hat. Nun, dieser Matt – nennen wir ihn Original-Matt – war zwar auch ein Arsch, aber in anderer Hinsicht. Hatties Matt hat ihr gesagt, sie wäre langweilig, und mit ihr Schluss gemacht. Der Original-Matt, na ja, der wollte nicht in Almond Bay leben und hat mir erklärt, ich würde was im Leben verpassen, wenn ich an einem einzigen Ort bleibe. Wir haben uns getrennt, weil ich Cassidy helfen, er aber nicht mit einer Frau zusammen sein wollte, die Kartoffeln anbaut. So einfach. Ich war ihm nicht wichtig genug, als dass er für mich in einer Kleinstadt geblieben wäre. Er hatte größere Träume als ich.
Ich könnte mich niemals an einem Ort mit so geringen Möglichkeiten wohlfühlen, Aubree. Herrgott noch mal, du baust Kartoffeln an. Das Kleinstadtleben ist einfach nichts für mich.
Normalerweise versuche ich, keinen Gedanken daran zu verschwenden – ich komme so schon kaum klar. Seit die Beziehung den Bach runtergegangen ist, ist es hier ziemlich … trocken gewesen. Sehr trocken. Und das nun schon seit Jahren. Daher auch die achtzigprozentige Eifersucht. Ich finde es beneidenswert, wie Hattie schon die Röte in die Wangen steigt, wenn Hayes bloß das Zimmer betritt. Diese Röte spricht Bände.
Und die zwanzig Prozent von mir, die nicht neidisch sind? Die kommen daher, dass ich gar keine Kapazitäten für irgendetwas oder jemanden außer mir und den Pflichten hätte, die im Moment in meiner Verantwortung liegen.
»Wird er dir bald einen Heiratsantrag machen?«, fragt Ryland. »Denn er hat mich noch gar nicht um deine Hand gebeten.«
Hatties Wangen verfärben sich noch stärker. »Ich glaube, wir sind einfach glücklich so, wie jetzt alles ist, weißt du?«
Warum nehme ich ihr das nicht ab?
Viellicht liegt es daran, dass ich meine Schwester schon früher in einer Beziehung erlebt habe, und sie war noch nie auch nur annähernd so verknallt. Hatties momentaner Zustand ist die Definition von »bis über beide Ohren verliebt«. Von den großen Augen über die Zerstreutheit bis hin zum glückstrunkenen Verhalten.
Ich setze mich an den Tisch. »Möchtest du heiraten?«
»Ja«, antwortet sie. »Ich liebe ihn und mein Herz gehört ganz allein ihm, das wird kein anderer mehr erobern, aber ich will ihm auch keine Angst machen.«
»Warum sollte ihn der Gedanke an eine Heirat verschrecken?«, frage ich.
Kein Außenstehender käme auf den Gedanken, dass man Hayes in der Hinsicht Angst einjagen könnte. Er ist beständig und alles andere als sprunghaft. Und er sieht Hattie an, als könnte er sich seine Zukunft nicht ohne sie vorstellen.
»Ich weiß es nicht.« Hattie zuckt mit den Schultern. »Manchmal wirkt es zu schön, um wahr zu sein, ich will es nicht … ich weiß ja auch nicht … vermurksen.«
Das kann ich nachvollziehen. Meine Beziehung mit Original-Matt war gut … bis sie es nicht mehr war.
»Er wird sich schon nicht verschrecken lassen«, sagt Ryland. »Er ist total verliebt. Und wenn er Muffensausen kriegt, bekommt er es mit mir zu tun.«
Und da ist er wieder, unser überfürsorglicher Bruder. So ist er immer schon gewesen, seit ich mich erinnern kann.
Unsere Mutter verstarb an Brustkrebs, als wir noch ganz klein waren, sodass unser Vater mit vier Kindern zurückblieb, und … na ja, er war alles andere als glücklich darüber. Verbrachte fast jeden Abend saufend vor dem Fernseher, während Ryland und Cassidy versuchten, den Laden am Laufen zu halten. Der Großteil der Verantwortung lag bei Cassidy, weil Ryland die meiste Zeit über Baseball gespielt hat. Doch wenn er das nicht gerade machte, hat er seine drei jüngeren Schwestern beschützt.
»Ich glaube nicht, dass du einen auf großer Bruder machen musst«, sagt Hattie in dem Moment, als Hayes mit zwei Tellern ins Haus kommt. Auf einem türmen sich Maiskolben und auf dem anderen Schaschlikspieße.
Als wir in Schweigen verfallen, lässt er den Blick durch die Runde schweifen und fragt: »Habt ihr über mich gesprochen?«
»Nein«, sagt Hattie, während Ryland und ich beide »Ja« sagen.
Er stellt die Teller auf den Tisch und mir läuft beim Anblick der gebräunten Schaschliks das Wasser im Mund zusammen.
Woher bekomme ich einen Hayes Farrow? Nicht dass ich auf der Suche wäre, aber wenn einer vom Himmel fallen würde, hätte ich nichts dagegen.
»Freut mich zu sehen, dass meine Freundin diejenige ist, die mich belügt.«
»Moment mal, woher willst du wissen, dass ich lüge? Warum nicht sie?« Hattie deutet auf Ryland und mich.
»Lügen sie denn?« Hayes zieht eine Augenbraue in die Höhe und Hattie senkt den Blick.
»Nein, aber ich wollte deine Gefühle schonen.«
»Und worüber habt ihr gesprochen?«
»Nichts«, sagt Hattie schnell, während sie uns möglichst verstohlen böse Blick zuwirft.
»Übers Heiraten«, sagt Mac, die in die Küche gehüpft kommt. »Heiratest du Tante Hattie?«
Kindermund tut Wahrheit kund.
Ich schaue Hattie an, die jetzt tiefrot angelaufen ist.
Hayes hebt Mac hoch und sagt: »Wahrscheinlich schon.«
»Wahrscheinlich? Warum bloß wahrscheinlich?«, will Mac wissen.
»Ach, weißt du, sie hat so eine Angewohnheit, die ich ziemlich komisch finde, und ich muss erst noch überlegen, ob ich mein restliches Leben lang mit dieser Angewohnheit klarkomme.«
»Was macht sie denn?«, fragt Mac beinahe im Flüsterton.
Ich beuge mich vor, genau wie Hattie und Ryland, weil ich die Antwort hören möchte.
»Das sollte ich dir vielleicht besser nicht erzählen. Es ist richtig eklig.«
»Was mache ich Ekliges?«, will Hattie gekränkt wissen.
Bei seiner Antwort verziehen sich Hayes’ Lippen zu einem süffisanten Grinsen. »Sie trinkt das Essiggurkenwasser aus dem Einmachglas.«
»Igitt!« Macs Blick wandert zu Hattie. »Warum nimmst du keine Tasse?«
Wir lachen alle los. Mac hat ebenfalls eine Vorliebe für Gewürzgurken, sie würde die Lake bestimmt auch trinken.
»Geh ins Bad und wasch deine Hände, Mac«, sagt Ryland, als er sich wieder beruhigt hat. »Das Abendessen steht auf dem Tisch.«
»Okay«, sagt Mac.
Sie läuft in Richtung Badezimmer, als Hayes sie wieder runtergelassen hat, und er mustert uns der Reihe nach. »Heirat? Darüber unterhaltet ihr euch?«
Hattie deutet auf Ryland und mich. »Sie schon, ich nicht. Ich habe nur hier gesessen und ihnen gesagt, dass ich dich liebe.«
Mit einem Grinsen geht Hayes zu Hattie. Er legt eine Hand auf ihren Oberschenkel und gibt ihr einen flüchtigen Kuss. »Es wird nichts passieren, bevor ich nicht mit deinem Bruder geredet habe.«
»Man könnte argumentieren, dass so eine Unterhaltung eine frauenfeindliche, überkommene Tradition ist, die die Frau entmündigt. Warum braucht sie die Erlaubnis ihres Bruders, um zu heiraten?«, frage ich und verschränke die Arme vor der Brust.
»Wie schön, dass du so mies drauf bist wie immer, Aubree«, sagt Hayes und holt eine Wassermelone aus dem Kühlschrank.
»Ich bin nicht mies drauf, sondern setze mich für die Rechte aller Frauen ein. Wir können durchaus unsere eigenen Entscheidungen treffen.«
»Allerdings«, entgegnet Hayes. »Nur weil ihr Bruder einwilligt, heißt das ja noch nicht, dass Hattie Ja sagt.«
Hattie hält einen Zeigefinger in die Luft. »Ähm, nur damit das klar ist, ich würde Ja sagen.«
Hayes wirft einen Blick über die Schulter. »Das ist gut zu wissen.«
»Findest du nicht, dass du sowohl mit Ryland als auch mit mir reden solltest?«, frage ich. »Er mag ja ihr großer Bruder sein, aber ich bin ihre Schwester, die schrullige Hexe, die dir das Leben zur Hölle machen kann, wenn sie dich nicht als Schwager gutheißt.«
Hayes lacht leise. »Ich werd mir merken, dass ich auch mit dir rede … falls es jemals zu diesem Gespräch kommen sollte.«
Da kommt Mac in die Küche gelaufen und schreit: »Onkel Ry Ry, schau mal!« Sie springt in die Luft und landet auf den Knien, bevor sie einen Purzelbaum macht und mit einem der Esszimmerstühle kollidiert.
»Herrgott«, sagt Ryland und geht zu ihr. »Alles in Ordnung?«
»War das nicht cool?«, fragt Mac um ein Stuhlbein herum.
»Ja, total cool«, antwortet Ryland sarkastisch. »Jetzt setz dich aber an den Tisch, dann gibt es Essen.«
Wir setzen uns ebenfalls und beginnen zu essen.
»Bereitest du dich schon aufs neue Schuljahr vor?«, fragt Hayes Ryland. Ryland ist Mathelehrer an der örtlichen Highschool und außerdem der Baseballtrainer der Schulmannschaft. In der letzten Saison hat sein Team »nur« den zweiten Platz in der Liga belegt, was ihn sehr geärgert hat. Er hat sich selbst die Schuld daran gegeben, weil er es immer noch schwierig findet, seine verschiedenen Aufgaben unter einen Hut zu bringen: Mathelehrer zu sein, das Baseballteam zu coachen und sich um Mac zu kümmern. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass es ihm gelingen wird, das richtige Gleichgewicht zu finden. Noch geht Mac in den Kindergarten, aber im neuen Schuljahr kommt sie in eine Vorschulklasse, was Ryland bestimmt eine große Hilfe sein wird.
»Da gibt es eigentlich nicht viel vorzubereiten«, sagt er.
»Soll das etwa heißen, dass du dein Klassenzimmer nicht herrichtest?«, fragt Hayes.
Ryland zieht eine Augenbraue hoch. »Sehe ich etwa wie der Typ Mensch aus, der ein Klassenzimmer dekoriert? Ich habe monatelang auf dem Sofa geschlafen. Da hänge ich ganz bestimmt keine Pinnwände in meinem Klassenzimmer auf.«
Ich hatte ein schlechtes Gewissen, als er auf der Couch kampiert hat, aber er wollte partout nicht in Cassidys Zimmer schlafen. Jedenfalls nicht, bis Hattie es ausgeräumt und für ihn renoviert hat.
»Vielleicht solltest du das Klassenzimmer aber ein bisschen aufhübschen«, sagt Hattie. »Möglicherweise macht Mathe dann mehr Spaß.«
»Ich bin nicht auf Dekokram im Klassenzimmer angewiesen. Mathematik ist für sich unterhaltsam.«
»Für wen?«, fragt Hattie mit gespieltem Ekel im Gesicht.
»Für alle«, erwidert Ryland, der weiß, dass keinem hier am Tisch Mathe Spaß macht.
»Wenn du doch was fürs Klassenzimmer brauchen solltest, gib mir Bescheid«, sagt Hayes. »Ich kann dir alles Nötige besorgen.«
»Oooh«, sage ich, während ich Cotija-Käse auf meinen Maiskolben streue. »Vielleicht sollten wir uns alle gemeinsam um sein Klassenzimmer kümmern.«
»Nein«, sagt Ryland. »Meine Schülerinnen und Schüler werden glauben, ich hätte den Verstand verloren. Sie mögen die Gefängnisatmosphäre.«
»Das bezweifle ich«, sagt Hattie, während Mac ihre Finger über den Tisch tanzen lässt und so tut, als wären es Spinnen.
»Schaut mal, die Spinnen fressen den Teller.« Mac lacht in sich hinein.
»Keine Spinnen bei Tisch, Mac«, sagt Ryland. »Das haben wir doch besprochen.«
Mit hängenden Schultern lässt sie die Hände in ihren Schoß sinken. Das arme Mädchen … die Spinnen wollten doch bloß ihren Teller auffressen.
»Ähm, ich hab seltsame Neuigkeiten. Stellt euch mal vor, wer heute in den Almond Store gekommen ist«, meldet Hattie sich zu Wort. In ihrer Stimme schwingt ein widerwilliger Unterton mit.
»Wer?«, fragt Ryland.
»Amanda.«
Statt in meinen Maiskolben zu beißen, hebe ich den Kopf. »Die Amanda?«
Hattie nickt. »Amanda Berteaux.«
»Was macht die denn hier?« Schon die Erwähnung ihres Namens jagt mir einen Schauder über den Rücken.
In meiner Kindheit war Amanda meine engste Freundin. Wir haben eine tolle Zeit miteinander verbracht, bis sie weggezogen ist und wir uns aus den Augen verloren haben. Ich bin davon ausgegangen, dass so etwas eben passiert, wenn man erwachsen wird. Doch dann ist mir zu Ohren gekommen, dass sie hinter meinem Rücken schlecht über mich geredet hat, und zwar ganz ähnlich wie Matt: Ich würde in einer Kleinstadt feststecken und nicht weiterkommen. Als Cassidy im Sterben lag, habe ich keine Silbe von ihr gehört, und auch als ich mich auf einmal sowohl um eine Farm und einen Laden kümmern als auch meinem Bruder mit seiner Vierjährigen unter die Arme greifen musste, ist keine Nachricht, kein Mucks von ihr gekommen. Das hat mich darin bestärkt, dass sie offensichtlich nicht die Freundin gewesen ist, für die ich sie gehalten habe. Aber wieso ist sie jetzt hier?
»Sie ist tatsächlich zurück in die Stadt gezogen«, sagt Hattie.
»Was?« Ich lasse den Maiskolben auf den Teller fallen und greife nach meiner Serviette. »Warum sollte sie? Sie hasst Kleinstädte.«
Hattie windet sich. »Ich sage dir das jetzt nur aus einem einzigen Grund, denn ich möchte nicht, dass du völlig ahnungslos bist, wenn du ihnen über den Weg läufst.«
»Ihnen?«, frage ich. »Wen meinst du mit ihnen?«
»Amanda … und Matt«, antwortet Hattie.
