The Sirens' Call - Chris Hayes - E-Book

The Sirens' Call E-Book

Chris Hayes

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Beschreibung

»Eine nützliche Einführung darüber, wie soziale Medien und die Aufmerksamkeitsökonomie unsere Demokratie verformt und unser Leben verändert haben.« — Barack Obama Aufmerksamkeit ist zu einer kommerziellen Ressource geworden. Einst waren die Sirenen mythische Wesen, die umherfahrende Seeleute in den Tod lockten. Heute ertönen sie rund um die Uhr in unseren Küchen und Schlafzimmern, beauftragt von den wertvollsten Unternehmen der Weltgeschichte, deren Ziel es ist, unsere gesamte Aufmerksamkeit auf sich zu bündeln. Das Ergebnis: Ständig starren wir auf unsere Handys und verlieren die Welt um uns herum aus den Augen.  The Sirens' Call hilft uns zu verstehen, warum wir uns in der heutigen Welt so leicht ablenken lassen und warum es uns immer schwerer fällt, uns zu konzentrieren. Es ist die Vision des großen Ganzen, die wir dringend benötigen, um wieder zu Orientierung und Klarheit zu finden und die Kontrolle über unsere Aufmerksamkeit zurückzuerlangen.

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Seitenzahl: 473

Veröffentlichungsjahr: 2025

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The Sirens’Call

Das Ende der Aufmerksamkeit und wie wir sie zurückerlangen können

Chris Hayes

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

Für Fragen und [email protected]

Wichtiger Hinweis

Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.

1. Auflage 2025

© 2025 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Türkenstraße 89

80799 München

Tel.: 089 651285-0

Die englische Originalausgabe erschien 2025 bei Penguin Press, einem Imprint von Penguin Random House LLC, unter dem Titel The Sirens’ Call. How Attention Became the World’s Most Endangered Resource. © 2025 by Christopher Hayes. All rights reserved.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

Übersetzung: Jan Großöhmigen

Redaktion: Susanne Meinrenken

Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer in Anlehnung an das Original von Keith Hayes

Satz: Daniel Förster

eBook: ePUBoo.com

ISBN Print 978-3-7423-2932-5

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-2688-8

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.rivaverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

Für Ryan, David und Anya: Euch gehört all meine Aufmerksamkeit

INHALT

1Der Ruf der Sirenen

2Der Spielautomat und Uncle Sam

3Die Wurzel des Übels

4Soziale Aufmerksamkeit

5Entfremdung

6Der Anbruch des Aufmerksamkeitszeitalters

7Öffentliche Aufmerksamkeit

8Die Rückeroberung unseres freien Geistes

Danksagung

Anmerkungen

KAPITEL 1 Der Ruf der Sirenen

Beginnen wir mit einer Episode aus Odysseus’ Reise. Im zwölften Buch der Odyssee steht unser Held kurz davor, die Insel der Göttin Kirke zu verlassen, als sie ihm einen entscheidenden Rat gibt, wie er die Gefahren der nächsten Etappe seiner Reise überstehen kann.1

»Pass auf«, warnt sie ihn eindringlich:

»Zuerst wirst du den Sirenen begegnen, die jeden verzaubern, der sich ihnen nähert. Wenn jemand unvorsichtig zu nah kommt und den Gesang der Sirenen hört, werden ihn seine Frau und seine Kinder nie wieder willkommen heißen, denn sie sitzen auf einer grünen Wiese und trällern ihn mit ihrem süßen Gesang in den Tod. Ringsum liegt ein großer Haufen von Knochen toter Männer, an denen das Fleisch noch verwest.«

Odysseus hört zu, während Kirke ihm einen Plan erläutert: »Stopf deiner Mannschaft Wachs in die Ohren«, sagt sie, »damit sie die Sirenen nicht hören können, und lass dich selbst an den Mast des Schiffes binden, bis ihr sicher an ihnen vorbeigefahren seid.«

Odysseus befolgt den Plan genau. Und tatsächlich: Als der Gesang der Sirenen an sein Ohr dringt, signalisiert er seinen Männern, ihn loszubinden, damit er ihm folgen kann. Doch wie befohlen, ignoriert ihn seine Mannschaft, bis das Schiff außer Hörweite ist.

Dieses Bild gehört zu den eindringlichsten im westlichen Kanon: Odysseus, an den Mast gebunden, kämpft gegen die Fesseln, die er sich selbst auferlegt hat ‒ wohl wissend, was ihn erwartet. Es wurde über Jahrhunderte hinweg als Metapher für vieles überliefert. Sünde und Tugend. Die Versuchungen des Fleisches und die Willenskraft, ihnen zu widerstehen. Der Süchtige, der seine Pillen in die Toilette wirft, um sich auf das kommende Verlangen vorzubereiten, und dann um mehr Drogen bettelt. Es ist ein Bild, das den Freud’schen Konflikt zwischen Ich und Es veranschaulicht: zwischen dem, was wir begehren, und dem, von dem wir wissen, dass wir es nicht haben sollten oder nicht haben können.

Wann immer ich Darstellungen der Sirenen gesehen habe, waren sie ‒ in Ermangelung eines besseren Wortes ‒ immerzu heiß. Verführerisch. Von Shakespeare bis Ralph Ellison und durch die gesamte Literatur hindurch stehen die Sirenen meist für weibliche sexuelle Anziehungskraft.2 In James Joyces Ulysses beschreibt Bloom den Mann, der sich mit Blooms Frau einlässt, als jemanden, der »ihrem Sirenenzauber zum Opfer fiel und die häuslichen Bindungen vergaß«.3

Vor diesem Hintergrund mag es etwas seltsam erscheinen, die ursprüngliche Bedeutung des Wortes mit seiner heutigen Verwendung in Einklang zu bringen: dem aufdringlichen Heulen des Martinshorns ‒ also der Sirene ‒ auf dem Dach von Krankenwagen und Polizeiautos. Aber da besteht ein Zusammenhang, ein tiefgreifender, und genau dieser ist die leitende Erkenntnis dieses Buches und zentral für das Verständnis des Lebens im 21. Jahrhundert.

Steht man lange genug an einer Straßenecke in irgendeiner Stadt der Welt, wird man ein Einsatzfahrzeug vorbeirauschen hören. Wenn man in ein fremdes Land reist, fällt dieses Geräusch besonders auf ‒ als Teil der sinnlichen Textur des Fremden, das man erlebt. Denn egal, wo man ist, es hört sich zugleich vertraut und fremd an. Die Fremdheit entsteht daraus, dass Sirenen in verschiedenen Ländern leicht unterschiedlich klingen ‒ mal lang gezogen, mal mehrstimmig, mal in wechselnden Tonhöhen. Doch selbst wenn man sie nie zuvor gehört hat, weiß man sofort, wofür sie da ist. Inmitten fremder Sprachen und unbekannter Gerüche ist die Sirene universell. Ihr Zweck ist es, unsere Aufmerksamkeit zu erregen ‒ und das gelingt ihr.

Die moderne Sirene wurde 1799 vom schottischen Universalgelehrten John Robison erfunden.4 Er war einer jener Aufklärer, die sich mit allem Möglichen beschäftigten ‒ von Philosophie bis Ingenieurwesen ‒, und ursprünglich hatte er das Gerät als eine Art Musikinstrument konzipiert, das jedoch nicht wie gewünscht funktionierte.5 Ihre heutige Form und Funktion erhielt sie erst im späten 19. Jahrhundert. In den 1880er-Jahren setzte ein französischer Ingenieur und Erfinder, der elektrische (und dadurch nahezu geräuschlose) Boote konstruiert hatte, erstmals elektrisch betriebene Sirenen ein, um Bootsunfälle zu verhindern.6 (Eines seiner Boote hieß sogar La Sirène.) Relativ schnell hielt die Technologie Einzug in Landfahrzeuge wie Feuerwehrautos und ersetzte die lauten Glocken, die früher den Weg freimachten.7

Die Sirenen der Mythologie und die Sirenen unserer Städte fesseln beide unsere Aufmerksamkeit gegen unseren Willen. Und diese Erfahrung, vom schrillen Ruf festgehalten zu werden, ist mittlerweile unser Dauerzustand, unser Schicksal. Wir sind nie frei vom Ruf der Sirenen.

Aufmerksamkeit ist die Substanz des Lebens. In jedem wachen Moment schenken wir irgendetwas unsere Aufmerksamkeit, sei es freiwillig oder weil etwas oder jemand uns dazu zwingt. Am Ende fließen diese Momente der Aufmerksamkeit in ein Leben ein. »Meine Erfahrung«, schrieb William James im Jahr 1890 in The Principles of Psychology, »ist das, worauf ich zustimme, meine Aufmerksamkeit zu richten.«8 Immer häufiger fühlt es sich an, als sei unsere Erfahrung etwas, dem wir nicht mehr voll zustimmen. Dieses Gefühl einer ständigen inneren Entfremdung markiert einen Bruch. Unsere Herrschaft über den eigenen Geist ist erschüttert. Unser Innenleben hat sich auf beispiellose Weise verändert. Das gilt für nahezu jedes Land und jede Kultur der Erde.

Morgens sitze ich mit meiner geliebten kleinen Tochter auf dem Sofa. Sie ist sechs Jahre alt, und ihr süßer, sanfter Atem streichelt meine Wange, während sie sich mit einem Buch an mich kuschelt und mich bittet, ihr etwas vorzulesen, bevor wir zur Schule gehen. Ihre Aufmerksamkeit ist unverfälscht und rein. Es gibt nichts Besseres im Leben. Und doch spüre ich den beinahe körperlichen Impuls, einen Blick in die kleine Aufmerksamkeitskiste in meiner Hosentasche zu werfen. Mit etwas Mühe widerstehe ich ihm. Aber sie pulsiert dort wie Gollums Ring.

Meine Fähigkeit, diesem kleinen Drang zu widerstehen, bedeutet, dass ich noch lebe, dass ich ein ganzer Mensch bin. In den schambesetzten Momenten, in denen ich nachgebe, frage ich mich hingegen, was ich eigentlich bin oder geworden bin. Ich komme immer wieder auf James’ Formulierung ‒ »worauf ich zustimme, meine Aufmerksamkeit zu richten« ‒ zurück, weil das Wort »zustimmen« darin so viel Gewicht trägt. Selbst wenn der Anspruch auf unsere Aufmerksamkeit von außen an uns herangetragen wird, glaubte James doch, dass wir letztlich selbst darüber bestimmen, wohin wir unsere Aufmerksamkeit richten, dass wir mit unserer »Zustimmung« unsere Einwilligung geben. James war geradezu besessen von der Frage nach dem freien Willen: ob es ihn gibt und wie er funktioniert. Für ihn war der »Aufmerksamkeitsaufwand« ‒ also die Entscheidung, wohin wir unsere Gedanken lenken ‒ »das wesentliche Phänomen des Willens«.9 Beides war für ihn identisch. Kein Wunder also, dass ich mich von mir selbst entfremdet fühle, wenn die Aufmerksamkeitskiste in meiner Hosentasche mich scheinbar gegen meinen Willen zu etwas verleitet.

Die Sirene eines Krankenwagens mag im lauten, überfüllten Stadtverkehr stören, aber sie fesselt unsere Aufmerksamkeit zumindest für einen gesellschaftlich sinnvollen Zweck. Die Sirenen der griechischen Mythologie hingegen fesseln unsere Aufmerksamkeit, um uns schneller in den Tod zu führen. Was Odysseus mit dem Wachs und dem Mast tat, war der Versuch, seine Aufmerksamkeit aktiv zu kontrollieren. So dramatisch diese homerische Szene auch ist, für uns Menschen im Aufmerksamkeitszeitalter ist sie fast alltäglich. Denn in der heutigen Welt zu leben, online wie offline, bedeutet, sich ständig an dem Mast zu winden und um die Kontrolle über unser Sein zu kämpfen ‒ gegen den unablässigen Sirenenruf von Menschen, Geräten, Unternehmen und böswilligen Akteuren, die versuchen, es einzufangen.

Das ist im Grunde die Welt, die wir für unseren Geist geschaffen haben. Nun ja, vielleicht nicht »wir« im eigentlichen Sinne. Unser Einfluss auf die Gestaltung der Unternehmen und Institutionen des Aufmerksamkeitszeitalters ist Gegenstand heftiger Debatten. Die Kombination aus unseren tiefsten biologischen Instinkten und der iterativen Genialität des globalen Kapitalismus bedeutet: Wir sind einem endlosen Experimentierprozess unterworfen, in dem einige der mächtigsten Konzerne der Menschheitsgeschichte Milliarden dafür ausgeben, um herauszufinden, wonach wir uns sehnen ‒ und wie viel sie uns davon verkaufen können. Aus der Innenperspektive ist Aufmerksamkeit das, was unser wahres Ich ausmacht, doch aus der Außenperspektive gleicht sie Gold in einem Bach oder Öl im Gestein.

In meinem Berufsleben beschäftige ich mich besonders intensiv mit diesen Fragen, aber ich glaube, wir alle kennen das Gefühl in irgendeiner Form, nicht wahr? Die entfremdende Erfahrung, zerrissen und abgelenkt zu sein ‒ hier zu sein, aber nicht anwesend. Ich wette, man könnte in jeder Stadt oder Gemeinde tagelang fremde Menschen befragen, ohne auch nur einen zu finden, der sagt, seine Aufmerksamkeitsspanne sei zu lang, er sei zu konzentriert, er wünsche sich mehr Ablenkung oder er wolle mehr Zeit vor Bildschirmen verbringen. Wie der Verkehr sind unsere Smartphones heute der Ausgangspunkt universeller Beschwerden und ein Weg, beim Friseur oder im Supermarkt ein Gespräch anzufangen. Was einst leise Stimmen am Rand waren, die uns warnten, die Tech-Titanen würden uns einen faustischen Pakt anbieten, ist inzwischen zu einem breiten Konsens geworden. Etwas läuft gewaltig schief ‒ und die Technologien, die wir täglich nutzen, sind die Ursache davon. Die Smartphones trällern uns in den Tod.

Doch bevor wir das einfach für bare Münze nehmen und unsere Analyse fortsetzen, lohnt es sich, diese sich rasch verfestigende allgemeine Meinung etwas genauer zu betrachten: Erleben wir solche Zyklen nicht immer wieder? Haben die Menschen nicht schon immer geglaubt, dass etwas gründlich falsch läuft und dass die Jugend von heute daran schuld ist? Oder dass die neue Technologie (Druckpresse, Dampfmaschine und so weiter) uns zugrunde richten werde?

In Platons Phaidros ergeht sich Sokrates in einer langen, halb überzeugenden, halb lächerlichen Schimpftirade über die Gefahren, die die neue Technik der Schrift mit sich bringt: »Wenn die Menschen [die Kunst der Schrift] erlernen«, warnt Sokrates, »wird es ihnen Vergesslichkeit in ihre Seelen pflanzen: Sie werden aufhören, ihr Gedächtnis zu schulen, weil sie sich auf das Geschriebene verlassen und sich die Dinge nicht mehr von innen heraus, sondern durch äußere Zeichen ins Gedächtnis rufen. Was du entdeckt hast, ist kein Mittel für das Gedächtnis, sondern für die Erinnerung.«10

Rückblickend kann man wohl mit einiger Sicherheit sagen, dass die Schrift insgesamt einen sehr positiven Einfluss auf die menschliche Entwicklung hatte, auch wenn sich einer der größten Denker aller Zeiten darüber die gleichen Sorgen machte, die man sich heutzutage wegen Videospielen macht. Tatsächlich hat man oft den Eindruck, dass hinter vielen düsteren Warnungen ‒ trotz all der berechtigten Kritik an sozialen Medien, der allgegenwärtigen Präsenz von Bildschirmen und der ständigen Vernetzung ‒ auch ein vertrauter, leicht neurotischer Alarmismus steckt. Mittlerweile gibt es ein ganzes Subgenre an Erziehungsratgebern und Softwarelösungen, die sich der Kontrolle von »Bildschirmzeit« und dem Schutz vor den vermeintlich katastrophalen Auswirkungen digitaler Geräte auf die Gehirne von Kindern widmen. Die breitere kulturelle Debatte hat die überdeterminierte Heftigkeit einer moralischen Panik angenommen. 2009 warnte die Daily Mail ihre Leserschaft: »Wie die Nutzung von Facebook das Krebsrisiko erhöhen kann.«11 Die New York Post sprach von Bildschirmen als »digitalem Heroin«, das Kinder zu »psychotischen Junkies« mache.12 »Jugendliche in sozialen Medien werden von dumm zu gefährlich«, meldete CBS.13 Und The Atlantic war nur eine von vielen Publikationen, die fragten: »Haben Smartphones eine Generation zerstört?«14 Im Jahr 2024 veröffentlichte der Sozialpsychologe Jonathan Haidt sein Buch Generation Angst. Darin argumentiert er, dass der allgegenwärtige Zugang zu Smartphones eine ganze Generation von Kindern und Jugendlichen einem noch nie da gewesenen Ausmaß an Depressionen, Angstzuständen und Selbstverletzungen ausgesetzt habe. Während einige Forschende, die sich mit dem Thema befassten, Haidts Argumentation als überzogen kritisierten, wurde das Buch ein Bestseller, und überall im Land organisierten Eltern und Schulen Initiativen, um Smartphones aus dem Schulalltag zu verbannen ‒ wie er es im Buch fordert.15

Einige der schwerwiegendsten und erschreckendsten Beschreibungen der Auswirkungen des Aufmerksamkeitszeitalters stammen von jenen, die es miterschaffen haben. Die erfolgreiche Netflix-Dokumentation Das Dilemma mit den sozialen Medien beruft sich stark auf ehemalige Persönlichkeiten aus dem Silicon Valley, wie den Whistleblower und ehemaligen Google-Mitarbeiter Tristan Harris, um vor der heimtückischen Natur der Apps zu warnen, die unsere Aufmerksamkeit ausbeuten. Sean Parker, der Erfinder von Napster und einer der ersten Investoren bei Facebook, bezeichnet sich selbst in Bezug auf soziale Medien als »Kriegsdienstverweigerer«: »Gott allein weiß, was das mit den Gehirnen unserer Kinder macht«, sagte er.16 Und er ist beileibe nicht allein. Ein 2018 im New York Times Magazine erschienener Artikel beschreibt, was die Autorin den »dunklen Konsens über Bildschirme und Kinder« unter den Menschen im Silicon Valley nennt, die selbst an der Entwicklung genau jener Produkte beteiligt waren, deren Nutzung sie ihren eigenen Kindern inzwischen verbieten. »Ich bin überzeugt«, sagte eine ehemalige Facebook-Mitarbeiterin der New York Times im Jahr 2018, »dass der Teufel in unseren Smartphones lebt und unseren Kindern Schaden zufügt.«17

Ich neige dazu, dem zuzustimmen ‒ und schrecke gleichzeitig davor zurück, wenn ich sehe, wie sehr die Diskussion über die Übel unserer Smartphones nach klassischer moralischer Panik klingt. Der Soziologe Stanley Cohen prägte den Begriff »moralische Panik« erstmals in seinem 1972 erschienenen Buch Folk Devils and Moral Panics, einer Studie über die Hysterie rund um verschiedene Formen der Jugendkultur, insbesondere die Mods und Rocker im Großbritannien der 1960er- Jahre. »Gesellschaften durchleben offenbar von Zeit zu Zeit Phasen moralischer Panik«, schreibt Cohen. Eine Gruppe oder kulturelle Strömung »wird als Bedrohung gesellschaftlicher Werte und Interessen definiert; ihr Wesen wird von den Massenmedien stilisiert und stereotyp dargestellt; die moralischen Barrikaden werden von Redakteuren, Bischöfen, Politikern und anderen rechtschaffenen Menschen besetzt; gesellschaftlich anerkannte Experten verkünden ihre Diagnosen und Lösungen«.18

Dieses bekannte Muster lässt sich nicht nur bei kulturellen Strömungen oder sozialen Gruppen beobachten, sondern auch bei neuen Technologien: Anfängliche Faszination und Begeisterung schlagen schnell in Furcht und Panik um. Die günstige Drucktechnologie des späten 19. Jahrhunderts, die Taschenbücher und Groschenromane hervorbrachte, veranlasste einen Kritiker zu der Anschuldigung, der Genreverleger »vergiftet die Gesellschaft … mit seinen schlüpfrigen Geschichten und seinem unreinen Beispiel … ein moralisches Geschwür, ein Pestfleck, ein Aussätziger, der behandelt werden sollte wie die Aussätzigen von einst, die aus der Gesellschaft verbannt und aufgefordert wurden, ›Unrein‹ zu rufen, um andere vor der Pest zu bewahren.«19 Im Jahr 1929, als das Radio zum vorherrschenden Medium im Land wurde, fragte die New York Times: »Verursachen Radiogeräusche Krankheiten?«, und informierte ihre Leserschaft, es herrsche »allgemeine Übereinstimmung unter Ärzten und Wissenschaftlern, dass das Aufkommen des Radios sehr viele Krankheiten ausgelöst hat, insbesondere Nervenleiden. Der menschliche Körper braucht Ruhe und kann nicht ewig im Takt des Jazz weitermachen«.20

Der brillante Illustrator Randall Munroe, Schöpfer des Webcomics xkcd, hat vieles davon in einer Zeitleiste mit dem Titel »Das Tempo des modernen Lebens« humorvoll eingefangen. Darin dokumentiert er die anhaltenden Sorgen von zeitgenössischen Kritikern über die Entwicklung der industriellen Moderne, insbesondere über die Geschwindigkeit der Kommunikation und die Verbreitung leicht zugänglicher Informationen und deren Auswirkungen auf unser Gehirn. Er beginnt mit dem Sunday Magazine von 1871, das beklagt, dass die »Kunst des Briefeschreibens schnell ausstirbt. … Wir verschicken eine Vielzahl schneller und kurzer Notizen, anstatt uns hinzusetzen und ein gutes Gespräch über einem richtigen Blatt Papier zu führen«.21 Dann zitiert er einen Politiker von 1894, der die sinkende Aufmerksamkeitsspanne anprangerte: Anstatt zu lesen, begnügten sich die Menschen mit einer »Zusammenfassung der Zusammenfassung« und »vertieften sich in … viele Themen und sammelten Informationen in einer … oberflächlichen Form« und verloren so »die Gewohnheit, sich mit großen Werken zu beschäftigen«. Mein persönlicher Favorit ist eine Notiz aus dem Journal of Education von 1907, in der das neue »moderne Familientreffen« beklagt wird, bei dem sich alle »schweigend um das Feuer versammeln und jeder Einzelne seinen Kopf in seine Lieblingszeitschrift vertieft hat«.22

All das erscheint heute übertrieben oder komisch. Doch über diese ständigen Warnungen und Trauerbekundungen angesichts dessen, was uns die Moderne genommen hat, kann man auf zwei verschiedene Arten nachdenken. Die eine ist, das Ganze als etwas Kurioses zu betrachten: Es wird immer Menschen geben, die angesichts der Auswirkungen neuer Technologien und Medien ausflippen, und mit der Zeit werden diese Menschen feststellen, dass alles in Ordnung ist, dass der Aufstieg von, sagen wir, Zeitschriften, weder die Gehirne von Kindern verdirbt noch das Gefüge des Familienlebens zerstört.

Ich halte diese Sichtweise jedoch für falsch. Tatsächlich glaube ich, dass viele dieser Beschwerden und Sorgen über die schnelle Entwicklung von Technologie und Medien im Wesentlichen richtig waren. Als die Schrift aufkam, bedrohte sie tatsächlich ältere Formen des Denkens und der Kommunikation, die man liebgewonnen hatte. Dasselbe gilt für den Buchdruck und die Massenalphabetisierung sowie für Radio und Fernsehen. Und gerade wenn eine Technologie neu ist, wenn sie sozusagen am heißesten ist, brennt sie am heftigsten.

Was wir Moderne nennen, ist im Kern die Erfahrung einer Welt, in der das Lebenstempo, die Informationsfülle und die Reizquellen, die unsere Aufmerksamkeit beanspruchen, stetig zunehmen. Jeder Punkt auf dieser Kurve erzeugt Schwindelgefühle. Der Schriftsteller Henry David Thoreau ging im Sommer 1845 an den Walden Pond, weil er einen Zufluchtsort vor genau dieser Erfahrung suchte ‒ der invasiven Allgegenwart der Moderne und der Art, wie sie die geistigen Fähigkeiten eines Menschen trüben kann. Über unsere sogenannten modernen Verbesserungen schrieb er: »Sie sind trügerisch; sie stellen nicht immer einen positiven Fortschritt dar … Unsere Erfindungen sind oft nur hübsche Spielzeuge, die unsere Aufmerksamkeit von ernsten Dingen ablenken.«23

Um Klarheit darüber zu gewinnen, was es heißt, in dieser spezifischen Ära Mensch zu sein, muss man sich stets fragen, was wirklich neu ist und was nicht, was durch neue Technologien oder Innovationen vorangetrieben wird und was unserer menschlichen Natur oder Gesellschaft immanent ist. Es ist beispielsweise kein neues Phänomen, dass Massen von Menschen Dinge glauben, die nicht wahr sind. Die Menschen brauchten für Hexenverfolgung und Pogrome keine Facebook-»Desinformation«, aber es steht außer Frage, dass reibungslose, sofortige globale Kommunikation wie ein Brandbeschleuniger wirkt. Ebenso wenig neu ist der Wunsch, den eigenen Geist zu beschäftigen. Betrachtet man Fotos von Straßenbahnpendlern aus dem frühen 20. Jahrhundert, sieht man Waggons voller Männer in Anzügen und Hüten ‒ jeder einzelne vertieft in eine Zeitung, die Nase genauso tief darin vergraben wie heutige Pendler in ihren Smartphones. Es steht aber auch außer Frage, dass unsere Beziehung zu unseren Smartphones eine andere Qualität hat als die jener Straßenbahnpendler zu ihren Zeitungen.

In seinem Buch über die Aufmerksamkeitsökonomie, Abgelenkt, geht der Autor Johann Hari mit Nir Eyal (Autor von Hooked: Wie Sie Produkte erschaffen, die süchtig machen) auf diese Debatte ein. Eyal argumentiert, die Panikmache aufgrund sozialer Medien sei die heutige Version der moralischen Panik um Comics aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, die so hitzig wurde, dass es zu einer Reihe öffentlichkeitswirksamer Anhörungen im Senat kam, die sich mit den Auswirkungen von Comics auf die amerikanische Jugend befassten. Laut Hari stammen viele der heutigen Warnungen vor Smartphones und sozialen Medien »geradezu wortwörtlich aus der Comic-Debatte der 1950er-Jahre«, als Menschen »zum Senat gingen und den Senatoren erzählten, Comics würden Kinder zu süchtigen, gekaperten [Zombies] machen ‒ es ist buchstäblich dasselbe. … Heute betrachten wir Comics als ganz harmlos«.24

Am Ende stellte sich heraus, dass Comics die ganze Aufregung nicht wert waren, weshalb die Panik im Nachhinein albern erscheint. Doch genau das ist ein zentraler Punkt, nicht wahr? Neben der Frage, was wirklich neu ist und was nicht, stellt sich auch die entscheidende Frage, was wirklich schädlich ist und was nicht. Es ist leicht, beides zu verwechseln. Als der Tabakkonsum in Europa sprunghaft anstieg, gab es Menschen, die Alarm schlugen. Schon 1604 verurteilte der englische König James die neue Gewohnheit als »widerlich für die Augen, abscheulich für die Nase, schädlich für das Gehirn, gefährlich für die Lunge und in ihrem schwarzen, stinkenden Qualm am ehesten ähnlich dem schrecklichen stygischen Rauch des bodenlosen Abgrunds«.25 So hysterisch und prüde das damals geklungen haben muss, es war hundertprozentig richtig. Als ich kürzlich die eindrucksvolle Peter-Jackson-Dokumentation über die Beatles-Sessions zu Let It Be anschaute, empfand ich die schiere Menge an Zigaretten, die bei jeder Aufnahmesession inhaliert wurde, gleichermaßen störend wie beunruhigend. 1969, als die Beatles ihr letztes Album einspielten, lagen bereits umfangreiche Studien vor, die die Gefährlichkeit von Zigaretten belegten.26 Es sollte noch 30 Jahre dauern, bis sich Kultur, Gesetze und Vorschriften entschieden gegen das Rauchen wandten und die Gewohnheit allmählich abnahm und aus den meisten öffentlichen Räumen verschwand.27

Man fragt sich manchmal, ob sich die Menschen in 50 Jahren Filmmaterial aus unserer Zeit, in der alle pausenlos auf ihre Smartphones starren, genauso ansehen werden, wie ich Ringo Starr beim Kettenrauchen ansah. Hör auf damit! Das wird dich umbringen! Tatsächlich forderte der US-Gesundheitsminister, dass soziale Medien mit einem obligatorischen Warnhinweis zur geistigen Gesundheit versehen werden sollten ‒ ähnlich dem auf Zigarettenschachteln. Forschende, die sich mit der geistigen Gesundheit von Jugendlichen befassen, protestierten daraufhin mit der Begründung, die Datenlage rechtfertige einen solch drastischen Schritt nicht.28 Die Debatte über unser digitales Leben läuft im Grunde genau darauf hinaus: Ist die Entwicklung einer globalen, allgegenwärtigen, chronisch vernetzten Social-Media-Welt eher wie Comics ‒ oder wie Zigaretten?

Ich möchte hier die These aufstellen, dass das Ausmaß des Wandels, den wir erleben, weitaus größer und tiefgreifender ist, als selbst die panischsten Kritiker bisher verstanden haben. Anders ausgedrückt: Das Problem der gegenwärtigen Kritik an der Aufmerksamkeitsökonomie und der Plage der sozialen Medien ist, dass sie (mit einigen bemerkenswerten Ausnahmen) nicht weit genug geht. Die moralisch aufgeladene Rhetorik unterschätzt bei ihrer Verurteilung das Ausmaß des Wandels, den wir erleben. So naheliegend es auch sein mag, Smartphones als das Problem zu bezeichnen, sind sie doch ebenso Symptom wie Ursache, das logische Resultat einer Reihe tiefwirkender Kräfte, die unser Leben umgestalten. Die Aufmerksamkeitsökonomie ist nicht einfach nur eine neue gefährliche Droge, die der Bevölkerung aufgedrängt wird, nicht nur ein süchtig machendes Rauschmittel mit massiven negativen Folgen und auch nicht nur eine weitere disruptive Medienform mit weitreichenden gesellschaftlichen Auswirkungen. Sie ist etwas grundlegend anderes, etwas Tiefergehendes. Ich behaupte, das bestimmende Merkmal unserer Zeit ist, dass die wertvollste Ressource ‒ unsere Aufmerksamkeit ‒ zugleich genau das ist, was uns zutiefst menschlich macht. Im Gegensatz zu Land, Kohle oder Kapital, die außerhalb von uns existieren, ist die wichtigste Ressource unserer Zeit in unserer Psyche verankert. Um sie zu extrahieren, muss man in unser Gehirn eindringen.

Wir alle verstehen intuitiv den Wert von Aufmerksamkeit, zumindest innerlich, denn das, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, prägt unser Innenleben. Wenn sie uns entzogen wird, empfinden wir das als Verlust. Doch auch in der äußeren Welt ist Aufmerksamkeit von großem Wert. Sie ist die Grundlage für fast alles, was wir tun ‒ von den Beziehungen, die wir aufbauen, bis hin zu unserem Handeln als Arbeitnehmer, Verbraucher und Bürger.

Zur Veranschaulichung ein kleines Gedankenexperiment: Nehmen wir an, Sie beschließen morgen, für ein politisches Amt zu kandidieren. Nachdem Sie recherchiert haben, welche Unterlagen Sie einreichen müssen, wie viele Unterschriften Sie benötigen und welche Fristen gelten, bleiben zwei zentrale Fragen: Wie beschaffen Sie Geld und wie machen Sie die Wählerschaft auf sich aufmerksam? Für beides werden Sie vermutlich Ihr soziales Netzwerk nutzen: Nachbarn, Freunde und Verwandte. Sie könnten Veranstaltungen organisieren, an einer Straßenecke auffallen oder örtliche Bauernmärkte, Sportturniere und Bahnsteige besuchen, um Hände zu schütteln und sich vorzustellen. Sie brauchen Mitarbeitende, eine Botschaft, Wahlplakate, Positionen zu wichtigen Themen und so weiter. Aber in jedem Fall müssen Sie die Aufmerksamkeit anderer erregen. Sie ist eine Notwendigkeit für alles andere, was in einem erfolgreichen Wahlkampf passiert.

Oder nehmen wir an, Sie möchten ein Unternehmen gründen. Während der Pandemie haben Sie ein besonderes Rezept für Schokoladenkekse mit einer Prise Habanero-Chilis für die Schärfe entwickelt, und jeder, der es probiert, ist begeistert. Es stehen Ihnen zahlreiche logistische Herausforderungen bevor, die Sie stark beschäftigen werden ‒ wie Sie Ihr Unternehmen gründen, die richtige Ausrüstung beschaffen und sich vielleicht einen Geschäftskredit sichern. Doch am Ende landen Sie wieder bei derselben Frage wie im politischen Wahlkampf: Wie machen Sie die Menschen darauf aufmerksam, dass Sie Kekse verkaufen? Wie erregen Sie die Aufmerksamkeit der Menschen? Die Antwort auf diese Frage ist die Grundlage für eine erschreckend große Bandbreite moderner menschlicher Bemühungen ‒ von der Jobsuche bis zur Partnersuche.

Aufmerksamkeit ist eine Ressource: Sie hat einen Wert, und wer sie sich zunutze macht, schöpft diesen Wert ab. Das gilt schon seit langer Zeit. Charismatische Führer und Demagogen, Schausteller, Prediger, erfolgreiche Verkäufer, Vermarkter, Werbetreibende, heilige Männer und Frauen, die Jünger um sich scharten ‒ sie alle nutzten die Macht der Aufmerksamkeit, um Reichtum und Einfluss zu erlangen. Was sich jedoch geändert hat, ist die relative Bedeutung der Aufmerksamkeit. Wer erfolgreich Aufmerksamkeit auf sich zieht, erlangt Vermögen, gewinnt Wahlen und kann sogar Regimes stürzen. Der Kampf um die Kontrolle darüber, worauf wir in jedem Augenblick unsere Aufmerksamkeit richten, prägt alles ‒ von unserem Innenleben (wem und was wir zuhören, wie und wann wir für unsere Lieben da sind) bis hin zu unserem kollektiven öffentlichen Leben (welche dringenden gesellschaftlichen Fragen diskutiert und gesetzlich geregelt werden, welche vernachlässigt werden; welche Todesfälle lautstark betrauert und welche stillschweigend vergessen werden). Jeder einzelne Aspekt des menschlichen Lebens, quer durch alle Gesellschaftsschichten, wird zunehmend auf das Streben nach Aufmerksamkeit ausgerichtet.

Wie kam es dazu? Gegen Ende des 20. Jahrhunderts begannen viele wohlhabende Nationen mit dem Übergang von einer industriellen, produzierenden Wirtschaft hin zu einer digitalen. Im Jahr 1961 gehörten sechs der zehn vermögensstärksten US-Unternehmen zur Ölbranche.29 Die Vermögenswerte dieser Konzerne ‒ fossile Brennstoffe ‒ waren die wertvollste Ressource der Nachkriegsordnung. Neben ihnen standen Automobilhersteller wie Ford Motor und Industriegiganten wie DuPont.

Heute dominieren Banken und Technologiefirmen die Forbes-Liste der größten US-Unternehmen: Microsoft, Apple, Googles Muttergesellschaft Alphabet, Meta und Amazon.30 Der wirtschaftliche Schwerpunkt hat sich verschoben ‒ weg von Firmen, die Atome manipulieren, hin zu solchen, die Bits manipulieren. Wir neigen dazu, den Aufstieg dieser neuen Wirtschaftsform als abhängig von Informationen und Daten zu betrachten. »Daten sind das neue Öl« ist zu einer Art Mantra unserer Zeit geworden; wer große Informationsmengen kontrolliert, gilt heutzutage als mächtiger Strippenzieher.

Diese Sichtweise ist nicht völlig falsch; Informationen sind zweifellos lebenswichtig. Doch sie verkennt grundlegend, was die heutige Zeit so besonders und zugleich so befremdlich macht. Informationen sind das Gegenteil einer knappen Ressource: Sie sind allgegenwärtig und werden ständig mehr. Sie sind produktiv. Sie sind kopierbar. Mehrere Entitäten können über dieselben Informationen verfügen. Denken Sie einen Moment an Ihre persönlichen Daten ‒ Informationen darüber, wer Sie sind und was Sie mögen. Vielleicht nutzen Sie ein halbes Dutzend Firmen, vielleicht hundert, vielleicht tausend. Und obwohl das einen gewissen Einfluss darauf haben könnte, welche Werbung Sie sehen, merken Sie es kaum, und funktional spielt es oft keine Rolle. Aber wenn jemand Ihre Aufmerksamkeit erregt, merken Sie es sofort. Aufmerksamkeit kann, anders als Informationen, nicht an mehreren Orten gleichzeitig sein.

Wenn ich einen Picknicktisch in meinem Garten aufstelle und mein Nachbar die Idee übernimmt, indem er einen Picknicktisch in seinem Garten aufstellt, ändert das wenig an meinem Erlebnis. Aber wenn mein Nachbar meinen Picknicktisch stiehlt, dann hat er mein Leben deutlich verschlechtert. Der brillante Rechtswissenschaftler Lawrence Lessig nutzt dieses Beispiel, um den Unterschied zwischen geistigem und physischem Eigentum zu verdeutlichen. Es eignet sich aber auch gut, um den Unterschied zwischen Informationen und Aufmerksamkeit zu erläutern.31 Informationen sind die Idee eines Picknicktisches; Aufmerksamkeit ist der tatsächliche Picknicktisch.

Im weiteren Verlauf dieses Buches werde ich noch ausführlicher auf die Beziehung zwischen Informationen und Aufmerksamkeit eingehen. Für den Moment genügt folgende Feststellung: Informationen sind unbegrenzt, Aufmerksamkeit ist begrenzt. Und Wert entsteht aus Knappheit ‒ deshalb ist Aufmerksamkeit so wertvoll.

Wenn wir also zu den größten Konzernen unserer Zeit zurückkehren, sehen wir, dass es sich nicht bloß um Informationsunternehmen handelt ‒ genauer gesagt dominieren Finanz- und Aufmerksamkeitsunternehmen. Apple war mit der Einführung des iPhones im Jahr 2007 ein entscheidender Wegbereiter des Aufmerksamkeitszeitalters. Microsoft stellt das Betriebssystem bereit, dem hunderte Millionen Menschen den ganzen Tag lang ihre Aufmerksamkeit widmen, ebenso einen weiteren Aufmerksamkeitsmagneten: die Xbox-Spielekonsole. Alphabet betreibt YouTube sowie das größte Werbenetzwerk des Internets, das von unserer Aufmerksamkeit profitiert. Meta und das chinesische Social-Media-Unternehmen Tencent (mit seiner Plattform WeChat, dem größten sozialen Netzwerk Chinas) verwandeln Aufmerksamkeit in vergleichbarer Weise in Geld.

Amazon steht ebenfalls auf der Liste der größten Unternehmen weltweit und ist außerhalb Chinas der führende Online-Händler. Doch Amazon bloß als »Händler« zu bezeichnen, verkennt den Ursprung seiner Marktmacht. In Wahrheit ist Amazon ein Aufmerksamkeits- und Logistikunternehmen, und die Produkte, die es verkauft, spielen eine untergeordnete Rolle. Das merkt man immer dann, wenn man bei Amazon nach einem Produkt sucht und mit Dutzenden nahezu identischen Versionen konfrontiert wird, die alle von Firmen hergestellt werden, von denen man oft noch nie gehört hat, an Orten, die man nicht benennen kann, und die in erster Linie um den Aufmerksamkeitsraum oben an der Spitze der Suchergebnisse konkurrieren. Und diesen Aufmerksamkeitsraum besitzt Amazon. In vielen Fällen hat Amazon erkannt, welche Produkte diesen Aufmerksamkeitsraum dominieren, und dann begonnen, sie selbst herzustellen ‒ ohne Zwischenhändler.

Amazon ist das deutlichste Beispiel dafür, dass es im Aufmerksamkeitszeitalter beim Verkauf von Konsumgütern an Verbraucher weniger um die Herstellung der Produkte selbst geht, sondern vor allem um die Fähigkeit, Aufmerksamkeit zu erlangen. Im Industriezeitalter sah das klassische Werbemodell so aus: Ein Unternehmen entwickelt ein Produkt oder eine Dienstleistung, dann bewirbt und vermarktet es das Produkt, um die Aufmerksamkeit der Menschen zu erregen und auf seine Produkte zu lenken. Doch es gibt ein zweites Modell, das ebenfalls aus dieser Zeit stammt: das Quacksalber-Modell. In diesem Modell sind Aufmerksamkeit und Marketing der wichtigste Teil des Unternehmens ‒ der Einfluss auf die Vorstellungskraft der Konsumenten ‒ und das eigentliche Produkt ist zweitrangig und oft sogar regelrechter Betrug.

Mit dem weltweiten Anstieg der Einkommen und der damit wachsenden Vielfalt an Konsumangeboten wird der Wettbewerb um Aufmerksamkeit immer erbitterter. Wir beobachten, wie sich das Verhältnis zwischen zwei grundlegenden Modellen rasant verschiebt: In immer mehr Fällen ist die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit der Konsumenten zu erregen, wichtiger als das eigentliche Produkt oder die angebotene Dienstleistung.

Zu Beginn dieser Ära der Globalisierung ‒ also nach dem Kalten Krieg, als das globale Kapital expandierte und Handelsschranken rapide abgebaut wurden ‒, veröffentlichte Naomi Klein ihren Klassiker No Logo. Darin argumentiert sie, dass der neue Kapitalismus, der die Produktion zunehmend nach China und in den Globalen Süden auslagerte, die Beziehung zwischen Produkt und Marke geschwächt habe. Die Marke wurde zum dominierenden Merkmal eines Produkts: nicht der Schuh, sondern der kleine, darauf gestickte Swoosh. »Da viele der bekanntesten Hersteller heute keine Produkte mehr herstellen und sie bewerben«, schreibt sie, »sondern Produkte kaufen und sie mit ihren Markennamen versehen, sind diese Unternehmen ständig auf der Suche nach kreativen neuen Wegen, ihr Markenimage aufzubauen und zu stärken … Diese Unternehmen stellen nicht mehr vorrangig Dinge her … sondern Markenimages. Ihre eigentliche Arbeit besteht nicht in der Produktion, sondern im Marketing.«32

Im modernen Kapitalismus ist das so allgegenwärtig geworden, dass es uns kaum noch auffällt. Und im Aufmerksamkeitszeitalter treibt dieser Trend auf seinen logischen Höhepunkt zu. Wir alle haben unsere Gewohnheiten, die bemerkenswert beständig sind ‒ das Spülmittel, das wir mögen, das Toilettenpapier, das Hundefutter, die Zahnpasta und so weiter bis hin zur Automarke, die wir kaufen. Und wir reden uns ein, soweit wir uns selbst überhaupt etwas vormachen können, dass diese Loyalität dem Produkt gilt. Doch gelegentlich erinnert uns eine Krise oder Störung daran, wie undifferenziert die eigentlichen »Produkte« hinter den Marken sind.

Im Jahr 2007 musste der kanadische Tierfutterhersteller Menu Foods eine Rückrufaktion starten, nachdem ein Teil seines Futters mit der Chemikalie Melamin verunreinigt worden war; das Futter verursachte bei Katzen und Hunden, die es fraßen, Krankheiten und führte sogar zum Tod.33 Das war schon schlimm genug. Schlimmer noch: Menu Foods hatte in seiner kontaminierten chinesischen Fabrik Tierfutter für praktisch jede einzelne Tierfuttermarke in den USA hergestellt. Fast alle großen bekannten Lebensmittelkonzerne ‒ von Colgate-Palmolive bis Procter & Gamble ‒ nutzten Menu Foods als Zulieferer, ganz zu schweigen von fast dem gesamten »No-Name«-Tierfutter, das bei Safeway, Kroger und anderen Geschäften erhältlich war.34

Anders ausgedrückt: Egal, welches Tierfutter man kaufte, man erhielt ein ziemlich ähnliches Produkt. »Insgesamt betraf der Rückruf von Menu Foods Produkte, die unter sage und schreibe 150 verschiedenen Namen verkauft wurden«, schreibt Barry Lynn in seinem Buch über den modernen Monopolkapitalismus. »Noch beunruhigender war vielleicht, insbesondere für Tierbesitzer, die ihr Geld für ein Premiumprodukt ausgegeben hatten, dass der Rückruf ergab, dass hochwertige, teure Marken wie Iams und Hill’s Pet Nutrition Science Diet von genau denselben Verpackungslinien von Menu Foods liefen wie die Dosen, die mit Etiketten wie Supervalu und Price Chopper versehen waren.«35

Was ist also eine Marke? Auf der grundlegendsten, wahrnehmungsbezogenen Ebene ist sie nichts weiter als eine Reihe von Erkennungsmerkmalen, wie der Swoosh oder die drei Streifen, die der Verbraucher wahrnimmt. Sie erregt Aufmerksamkeit. Das ist alles. Eine Marke ist eine Art Sirene. Wenn ihr Ruf im Hintergrundlärm hörbar wird und ihre Lichter im Supermarktregal blinken, hat sie ihren Zweck erfüllt.

Auch wenn sie es nicht exakt so formulierte, beschrieb Klein letztlich den Prozess, durch den die Aufmerksamkeitsökonomie die Realwirtschaft verschlingt. Der Großteil des Wertes eines Unternehmens wie Nike liegt in seinem zentralen Aufmerksamkeitsfaktor ‒ dem sofort erkennbaren Swoosh ‒ und nicht im technischen Know-how oder den Produktionsfaktoren (Lieferketten, Fabriken, Zugang zu Arbeitskräften), die Industrieunternehmen früherer Zeiten als ihre zentrale Wertquelle betrachteten.

Nicht nur das Wirtschaftsleben wird von dem Streben nach Aufmerksamkeit bestimmt. Auch das gesellschaftliche, öffentliche und politische Leben wird zunehmend davon dominiert. Im 19. und 20. Jahrhundert veränderten Lohnarbeit und Urbanisierung den Kampf um Aufmerksamkeit in der Politik grundlegend. Mit der Ausbreitung der Demokratie im rasch industrialisierenden Europa entstand eine moderne Massenöffentlichkeit. Die öffentliche Meinung war wichtiger denn je, und »was die Öffentlichkeit dachte«, hing maßgeblich davon ab, welchen Themen die Menschen Aufmerksamkeit schenkten und welchen nicht, welche Kandidaten sie wiedererkannten und welche ihnen fremd blieben.

Hinzu kam, dass mit der zunehmenden Komplexität der Gesellschaft auch die Zahl der Themen rapide zunahm, die um die Aufmerksamkeit der Bürger konkurrierten. Im Jahr 1925 wies der Kritiker Walter Lippmann darauf hin, dass die Pflichten des Bürgers im 20. Jahrhundert selbst für die gebildetsten und am besten informierten Menschen, wie ihn selbst, überwältigend seien. »Mein Mitgefühl gilt [dem Bürger]«, schrieb Lippmann, »denn ich glaube, man hat ihm eine unmögliche Aufgabe auferlegt und verlangt von ihm, ein unerreichbares Ideal zu verwirklichen. Ich selbst empfinde das so, denn obwohl mein Hauptinteresse den öffentlichen Angelegenheiten gilt und ich den Großteil meiner Zeit mit ihrer Beobachtung verbringe, finde ich keine Zeit für das, was die demokratische Theorie von mir erwartet: zu wissen, was vor sich geht, und zu jeder Frage, mit der eine selbstverwaltete Gemeinschaft konfrontiert ist, eine Meinung zu haben, die es wert ist, geäußert zu werden.«36

Im selben Jahr, in dem Lippmann diese Worte in seinem Buch The Phantom Public veröffentlichte, erlebte Europa den Aufstieg des charismatischen faschistischen Diktators Benito Mussolini, der die italienische Bevölkerung von der mühsamen politischen Mitverantwortung entband, indem er ihr stattdessen einen Personenkult anbot. »Unter ... dem Faschismus erscheint in Europa zum ersten Mal ein Menschentyp, der weder Gründe angeben noch recht haben will, sondern sich einfach entschlossen zeigt, seine Meinung durchzusetzen«, schrieb der spanische Intellektuelle José Ortega y Gasset in Der Aufstand der Massen. »Hier sehe ich die deutlichste Manifestation der neuen Mentalität der Massen, die sich daraus ergibt, dass sie beschlossen haben, die Gesellschaft zu regieren, ohne dazu in der Lage zu sein.«37

Die Erfahrungen mit charismatischen Demagogen und dem völkermörderischen Weltkrieg im 20. Jahrhundert führten dazu, dass eine ganze Generation von Intellektuellen darüber nachdachte, wie vereinbar Massenmedien und Massendemokratie tatsächlich sind. Auch wenn sie es nicht immer so ausdrückten, beschäftigten sie sich mit der Frage, ob die Massenmedien ‒ mitunter in den Händen von Tyrannen ‒ die Aufmerksamkeit und damit die Kontrolle über ganze Nationen erfolgreich monopolisieren konnten: Hat die Präsenz der Massenmedien womöglich das individuelle Gewissen verdrängt, das menschliche Anständigkeit ermöglicht? »Es ist keine Übertreibung, zu sagen«, schrieb Papst Pius XII. im Jahr 1950, »dass die Zukunft der modernen Gesellschaft und die Stabilität ihres Innenlebens in hohem Maße von einem Gleichgewicht zwischen der Macht der Kommunikationstechniken und der Reaktionsfähigkeit des Einzelnen abhängen.«38

Das Fernsehzeitalter brachte düstere Warnungen hervor, von Marshall McLuhan bis Neil Postman, dass die weitverbreitete narkotische Wirkung des neuen Mediums die Öffentlichkeit dümmer, stumpfsinniger und weniger selbstbestimmt mache. »Die Amerikaner sprechen nicht mehr miteinander, sie unterhalten einander«, schrieb Postman. »Sie tauschen keine Gedanken aus; sie tauschen Bilder aus. Sie argumentieren nicht mit Sätzen; sie argumentieren mit gutem Aussehen, Berühmtheiten und Werbebotschaften.«39

Doch all das war nur ein Vorspiel zum eigentlichen Aufmerksamkeitszeitalter. Noch nie war Aufmerksamkeit so gefragt, so umkämpft und so bedeutsam wie heute.

Anders als beispielsweise Öl, eine chemische Substanz, die tief in der Erde lagert, lässt sich Aufmerksamkeit nicht davon trennen, wer wir sind und was es bedeutet, am Leben zu sein. Tatsächlich ist Aufmerksamkeit das grundlegendste menschliche Bedürfnis. Jedes Neugeborene unserer Spezies ist vollkommen hilflos. Es kann nur durch Aufmerksamkeit überleben ‒ das heißt, wenn sich ein anderer Mensch um es kümmert. Diese Aufmerksamkeit allein reicht nicht aus, um ein Kind am Leben zu halten, aber sie ist die notwendige Voraussetzung aller Fürsorge. Wird ein Kind vernachlässigt, geht es zugrunde. Wir werden durch Aufmerksamkeit geformt und aufgebaut ‒ durch Vernachlässigung zerstört. Das ist unser gemeinsames und unausweichliches menschliches Schicksal. Unsere tiefsten neurologischen Strukturen, unser evolutionäres Erbe und unsere sozialen Impulse existieren in einem Lebensraum, der darauf ausgelegt ist, das, was uns zutiefst menschlich macht, auszubeuten, zu kultivieren, zu verzerren oder zu zerstören.

Welche Leben wir wie schützen, hängt letztlich davon ab, welchen Todesfällen wir Aufmerksamkeit schenken: Würden beispielsweise morgen zehn Passagierflugzeuge abstürzen, würden alle Fluggesellschaften am Boden bleiben. Doch während der Coronajahre haben wir uns daran gewöhnt, eine vergleichbare Zahl an Todesopfern an einem beliebigen Wintermittwoch hinzunehmen. Hätte Al-Qaida umherziehende Killerkommandos in Pflegeheime geschickt und die Ermordung älterer Menschen live übertragen, wäre unsere gesellschaftliche Reaktion zweifellos deutlich entschlossener, animierter und fokussierter gewesen als auf die reale Zahl an Todesopfern durch ein unsichtbares Virus, das sich hinter verschlossenen Türen und fernab von Smartphonekameras verbreitete.

Tatsächlich ist die größte zivilisatorische Herausforderung, vor der die Menschheit steht oder je stand ‒ die menschengemachte Erwärmung des Planeten ‒, vor allem deshalb so schwer zu lösen, weil sie sich unserer Aufmerksamkeit entzieht. »Es war schon immer ein Problem«, erzählte mir der legendäre Schriftsteller und Klimaaktivist Bill McKibben einmal, »dass das Gefährlichste auf dem Planeten [CO2] unsichtbar, geruchlos, geschmacklos und ohne unmittelbare Auswirkungen ist.«40 Jedenfalls nicht, bevor es zu spät ist.

Ich weiß, wie unbeständig öffentliche Aufmerksamkeit sein kann. Seit über zehn Jahren moderiere ich eine einstündige Fernsehsendung auf dem US-Fernsehsender MSNBC. Ursprünglich komme ich aus dem Printjournalismus, aber als Fernsehmoderator besteht meine Hauptaufgabe darin, die Aufmerksamkeit des Publikums über eine Mindestgrenze hinweg zu halten, damit die Sendung weiterhin ausgestrahlt wird. Das ist meine oberste berufliche Verpflichtung, wichtiger als jede übergeordnete inhaltliche Überlegung.

Aus dieser prekären Position, die sich anfühlt, als könne sie jederzeit zusammenbrechen, entwickelt man ein fast körperliches Gespür für die Schwankungen der Aufmerksamkeit des Publikums ‒ so wie ein Surfer lernt, den Moment zu erkennen, in dem eine Welle anschwillt oder bricht.

Als Russland, um ein aktuelles Beispiel zu nennen, in die Ukraine einfiel, begannen wir mit Eilmeldungen und verzichteten zunächst ganz auf Werbepausen. Nach ein paar Tagen führten wir die Werbepausen wieder ein. Nach einigen Wochen begannen wir, andere Beiträge mit dem Krieg in der Ukraine zu kombinieren, brachten die Ukraine-Story aber weiterhin am Anfang. Etwa einen Monat später ließen wir gelegentlich andere Beiträge am Anfang laufen. 45 Tage nach Beginn der Invasion kam es vereinzelt vor, dass wir eine Sendung ausstrahlten, in der der Krieg überhaupt nicht vorkam. Ein Jahr später berichteten wir wochen- oder monatelang nicht über den Krieg. Die Aufmerksamkeit war völlig erschöpft.

Was ich hier beschreibe, betrifft nicht nur den Krieg in der Ukraine. Es ist der natürliche Verlauf jeder größeren Nachricht. Je nach Ereignis kann dieser Zyklus nur wenige Stunden oder mehrere Monate dauern, aber der Mechanismus ist immer derselbe.

Fragen nach der Dynamik solcher Zyklen ‒ wie umfangreich sie sind, wie lange sie dauern, welche Art von Ereignis sie auslöst ‒ sind äußerst schwierig zu beantworten, sodass ich ihnen ausführlich nachgehen werde. Aber eines habe ich in meinem letzten Jahrzehnt im Fernsehen zweifellos gelernt: dass sie grundsätzlich von der Aufmerksamkeit der Massen getrieben werden und darauf reagieren.

Das mag offensichtlich erscheinen, ist aber tatsächlich eine etwas umstrittene These. Viele Menschen haben den Eindruck ‒ und damit werde ich regelmäßig konfrontiert ‒, dass Nachrichtenzyklen und die Aufmerksamkeit der Massen im Wesentlichen von oben gesteuert werden. Die Massenmedien, so die Vorstellung, entscheiden, worauf die Menschen ihre Aufmerksamkeit richten sollen, und lenken dann ‒ mithilfe ihrer Tricks, zum Beispiel EILMELDUNG-Einblendungen ‒ die Aufmerksamkeit gezielt auf diese Themen.

Obwohl diese Kritik eng mit dem Linguisten und Gesellschaftskritiker Noam Chomsky verbunden ist, handelt es sich dabei nicht nur um eine Kritik aus dem linken Spektrum. Oder zumindest nicht mehr. Diejenigen in Amerika, die der ukrainischen Regierung und der NATO misstrauten oder die russische Invasion offen unterstützten, sahen in der plötzlichen Aufmerksamkeit für die verzweifelte Lage der Ukraine eine große und ruchlose Verschwörung. Moderatoren von Fox News bezeichneten die US-Warnungen vor einer bevorstehenden russischen Invasion als »List« und fragten, ob es sich dabei um einen Versuch handele, »die Aufmerksamkeit aller von dem abzulenken, was Hillary Clinton getan hat und was, wie wir wissen, im Zusammenhang mit diesen Russland-Untersuchungen ein kompletter Schwindel ist.«41 Tucker Carlson erklärte seinem Publikum: »An dem Morgen, als Russland in die Ukraine einfiel, haben Sie womöglich über viele verschiedene Dinge gesprochen. Corona, Kriminalität oder die Grenze im Süden. Jetzt nicht mehr. Zur großen Erleichterung des Weißen Hauses sind all diese Themen vergessen, vielleicht für immer.«42

Ich kann aus eigener, hart erarbeiteter Erfahrung sagen: Bei der Berichterstattung über Nachrichten ‒ insbesondere bei großen Kabelfernsehsendern ‒ geht es viel mehr darum, der Aufmerksamkeit des Publikums hinterherzujagen, als darum, sie zu steuern. Die meisten Menschen, die in der Aufmerksamkeitsindustrie arbeiten, leben in ständiger Angst, dass die Menschen aufhören, uns Aufmerksamkeit zu schenken, dass unsere Tricks nicht mehr funktionieren, dass wir ignoriert werden. Diese Angst führt zu allerhand problematischen Konsequenzen und Verhaltensweisen, nicht zuletzt zu einer Art Herdentrieb. Die wichtigste, aus Versuch und Irrtum gewonnene Erkenntnis lautet: Aufmerksamkeit ist schwer zu lenken, schwer auf sich zu ziehen und schwer zu kontrollieren. Menschen, deren Job davon abhängt, Aufmerksamkeit zu fesseln, wissen das besser als alles andere.

Als ich meine eigene Fernsehsendung bekam, stellte ich mir das zunächst so ähnlich vor wie das erste eigene Auto. Ich dachte, ich könnte hinfahren, wohin ich wollte, und obwohl ich mich an die Verkehrsregeln halten musste, brauchte ich nur ein Ziel zu bestimmen und auf das Gaspedal zu treten. Ich dachte, ich könnte über das berichten, was aus meiner Sicht am wichtigsten ist ‒ wann und wie lange ich wollte.

Doch ich lernte schnell, dass das so nicht funktioniert.

Eine Nachrichtensendung im Kabelfernsehen lebt von Aufmerksamkeit. Sie hat keinen Verbrennungsmotor, der sie antreibt. Ja, man kann Abend für Abend berichten, was man will, aber wenn niemand zuschaut, wird die Sendung abgesetzt. Genau das wäre mir beinahe passiert.

Nach vielen Versuchen und Irrtümern betrachte ich die Aufmerksamkeit des Publikums inzwischen als etwas, das dem Wind gleicht, der ein Segelboot antreibt. Sie ist ein reales Phänomen, unabhängig vom Boot, und man kann nur dann erfolgreich segeln, wenn man sie richtig zu nutzen weiß. Man segelt nicht direkt gegen den Wind, aber man überlässt ihm auch nicht die Richtung. Man überlegt sich, wohin man will (in meinem Fall: welche Themen ich für so wichtig halte, dass die Menschen sie erfahren sollten), man erkennt, aus welcher Richtung der Wind weht, und dann kreuzt man ‒ mithilfe der eigenen Fähigkeiten und der Werkzeuge an Bord ‒ so lange gegen den Wind auf, bis man durch dessen Kraft am gewünschten Ziel ankommt.

Ich glaube, diese Erfahrung hat mir eine neue Perspektive auf die Funktionsweise von Aufmerksamkeit verliehen. Jeder wache Moment meines Arbeitslebens dreht sich um die Frage, wie man Aufmerksamkeit erregt. Und es ist nun einmal so, dass das ständige Streben nach der Aufmerksamkeit anderer nicht mehr nur Menschen wie mir vorbehalten ist, die beruflich damit zu tun haben. Tatsächlich ist es demokratisiert worden und betrifft heute jeden Jugendlichen mit einem Smartphone.

Diese Neuordnung der sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen rund um das Streben nach Aufmerksamkeit ist ‒ so lautet mein zentrales Argument ‒ ein ebenso tiefgreifender Wandel wie der Beginn des Industriekapitalismus und die Entwicklung der Lohnarbeit als vorherrschende Form menschlicher Tätigkeit. Aufmerksamkeit existiert heute als Ware, ähnlich wie die menschliche Arbeitskraft in der Frühzeit des Industriekapitalismus. Was zuvor als menschliche Fähigkeit galt, wurde zu einer Ware mit einem Preis. Menschen hatten schon immer auf die eine oder andere Weise »gearbeitet«, doch diese Arbeit wurde nun in ein kompliziertes System eingebettet, das sie in eine marktfähige Ware verwandelte. Dieser Übergang von »Arbeit« zu »Lohnarbeit« war für viele gleichermaßen belastend und entfremdend. Der Arbeiter, schrieb Karl Marx in seinen Ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahre 1844, fühlt sich in seiner Arbeit »nicht wohl, sondern unglücklich, [er entwickelt] keine freie physische und geistige Energie […], sondern [kasteit] seine Physis [und ruiniert] seinen Geist […]. Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich.«43

Das war die grundlegende Erkenntnis von Marx’ Theorie zur entfremdeten Arbeit: dass ein soziales System errichtet wurde, das den Menschen zwangsweise etwas entzieht, das ihnen zuvor in einem tiefen Sinn gehörte. Diese Worte klingen auch heute noch aktuell. Das Gefühl der Entwurzelung und der inneren Leere. Die Unfähigkeit, inmitten scheinbar unbegrenzter Wahlmöglichkeiten und Freiheit ‒ Was willst du heute Abend im Fernsehen gucken, Schatz? ‒ unsere geistige Energie »frei zu entfalten«. Die Erfahrung des modernen Arbeiters als Gefangener in einem System, das er nicht geschaffen hat und aus dem er sich nicht befreien kann.

Der epochale Übergang zum Industriekapitalismus erforderte das, was Marx als Kommodifizierung der Arbeit bezeichnete. Arbeit ‒ also das, was wir mit Körper und Geist leisten, das Ergebnis unserer Anstrengung und unseres Einsatzes ‒ in eine marktfähige Ware zu verwandeln, ist ein zutiefst entfremdender Vorgang. Die Umwandlung dessen, was zuvor schlicht »Arbeit« war ‒ oder »Dinge, die Menschen aus bestimmten Gründen taten« ‒, in »Lohnarbeit« als eigenständige, mit einem Preis versehene Tätigkeitskategorie, setzte eine umfassende Umgestaltung der gesellschaftlichen Struktur und der alltäglichen menschlichen Erfahrung voraus.

Um einer Person Arbeit zu entziehen, muss man sie entweder durch einen Lohn dafür entschädigen, sie unter Zwang setzen oder Gewalt anwenden, etwa durch die Peitsche des Aufsehers. All diese Methoden sind bereits zum Einsatz gekommen. Doch der Entzug unserer Aufmerksamkeit geschieht auf andere Weise. Man kann Menschen auf grausame und unterdrückende Weise zur Arbeit zwingen, aber nicht allein durch die Manipulation ihrer vorbewussten Fähigkeiten. Wenn Ihnen jemand eine Pistole an den Kopf hält und Sie auffordert, einen Graben auszuheben, wissen Sie, dass Sie gezwungen werden. Wenn jemand in die Luft schießt, richtet sich Ihre Aufmerksamkeit sofort auf das Geräusch, noch bevor Sie vollständig begreifen, was gerade passiert. Aufmerksamkeit kann uns auf rein sensorischer Ebene entzogen werden, noch bevor unser bewusster Wille überhaupt eingreifen kann. Genau so funktioniert eine Sirene.

Aufmerksamkeit als Ressource zu begreifen, mitsamt ihrer existenziellen Bedeutung und ihrer wachsenden sozialen, politischen und ökonomischen Rolle, ist der Schlüssel zum Verständnis vieler unterschiedlicher Phänomene des 21. Jahrhunderts. Aufmerksamkeit steht über anderen sprachlichen und kommunikativen Mitteln der Machtausübung ‒ Überzeugung, Argumentation, Information. Bevor man jemanden überzeugen kann, muss man seine Aufmerksamkeit gewinnen: »Freunde, Römer, Landsleute, leiht mir eure Ohren!«44 Bevor man informieren, beleidigen, verführen oder sonst etwas tun kann, muss man sicherstellen, dass die eigene Stimme nicht im gedämpften Hintergrundrauschen untergeht, das 99,9 Prozent aller sprachlichen Äußerungen um uns herum ausmacht. Der öffentliche Diskurs ist heute ein Krieg aller gegen alle um Aufmerksamkeit. Der Handel ist ein Krieg um Aufmerksamkeit. Das gesellschaftliche Leben ist ein Krieg um Aufmerksamkeit. Kindererziehung ist ein Krieg um Aufmerksamkeit. Und wir alle sind kampfesmüde.

Dieses Buch ist ein Versuch, Frieden zu finden.

KAPITEL 2 Der Spielautomat und Uncle Sam

Aufmerksamkeit existiert, um ein Problem zu lösen, und das Problem heißt Information. Die Menge an Sinneseindrücken, die ein Mensch in jedem Moment erlebt, ist überwältigend. Man könnte sich theoretisch auf jedes Blatt an jedem Baum konzentrieren, an dem man vorbeigeht, auf den eigenen Herzschlag, die Empfindungen in jedem Finger und das Geräusch des eigenen Atems in der Nase. Wären alle Reize, die wir in jedem Moment erleben, für uns gleich wichtig, könnten wir nicht funktionieren.

In einfacheren Zeiten benötigten wir bestimmte Informationen zum Überleben: den Standort von Nahrung, die Farbe einer Beere, um festzustellen, ob sie essbar ist, das Geräusch eines plätschernden Baches, der uns zu frischem Wasser führt. Doch damals wie heute laufen wichtige Informationen ständig Gefahr, von anderen Informationen, die durch unsere Wahrnehmung fließen, überlagert zu werden. Wenn wir das Rascheln der Blätter nicht ignorieren können, um uns auf das Rauschen des Bachs zu konzentrieren, werden wir das Wasser nicht finden. Der Ökonom Herbert Simon, dessen 1971 erschienener Essay über die Aufmerksamkeitsökonomie eine der aufschlussreichsten Betrachtungen über Aufmerksamkeit ist, die jemals veröffentlicht wurden, stellte lange vor dem Zeitalter ständiger Smartphone-Push-Benachrichtigungen fest, dass »ein Überfluss an Informationen einen Mangel an etwas anderem bedeutet: eine Knappheit dessen, was auch immer Informationen verbrauchen. Was Informationen verbrauchen, ist ziemlich offensichtlich: Sie verbrauchen die Aufmerksamkeit ihrer Empfänger«.1 Informationen sind im Überfluss vorhanden; Aufmerksamkeit ist knapp. Informationen sind theoretisch unendlich, während Aufmerksamkeit begrenzt ist. Deshalb sind Informationen billig und Aufmerksamkeit ist teuer.

Informationen auszusortieren, sie in kohärente, verarbeitbare Einheiten zu ordnen, die meisten von ihnen zu einem gegebenen Zeitpunkt auszublenden ‒ das ist für unsere Welterfahrung so elementar, dass es nahezu unmöglich ist, sich vorzustellen, wie es wäre, diese Fähigkeit zu verlieren. Ein Psychologe, der an einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung leidet, beschreibt eine solche Welt ohne mentale Filter: »Beim Mittagessen stört ein Gespräch in der Nähe unsere Fähigkeit, dem Gesprächspartner gegenüber zuzuhören, so interessant er auch sein mag; in der Stille einer Bibliothek kann das Geräusch eines Stuhls, der zurechtgerückt wird, einen Gedankengang unterbrechen. Unaufhörlich dringen ungeordnete, unerwünschte Informationen ein.«2

»Jeder weiß, was Aufmerksamkeit ist«, verlautbarte William James im Jahr 1890 in seinen Principles of Psychology.3 In gewisser Weise hatte er damals wie heute recht. Aufmerksamkeit ist so allgegenwärtig, dass wir kaum erklären müssen, was sie bedeutet. Wenn Sie jemandem sagen, er solle aufmerksam sein, weiß er, was Sie meinen. Wenn er Ihnen eine Frage stellt und Sie nicht antworten und »Tut mir leid, ich war abgelenkt« sagen, weiß er ebenfalls, was Sie meinen. Dennoch hielt James es für sinnvoll, eine eigene Definition vorzulegen, die bis heute vermutlich unübertroffen ist: Aufmerksamkeit ist »die Inbesitznahme des Geistes durch einen von scheinbar mehreren gleichzeitig möglichen Gegenständen oder Gedankengängen, und zwar in eindeutiger und lebhafter Weise. Fokussierung und Konzentrierung des Bewusstseins sind ihr Wesenskern. Sie impliziert die Vernachlässigung einiger Dinge, um andere besser verarbeiten zu können.«4

Gerade weil uns Aufmerksamkeit so vertraut ist, übersehen wir leicht ihre erstaunliche Komplexität. Sobald wir versuchen, sie genauer zu erfassen, entzieht sie sich uns. Bereits 1886, als William James noch an seinen Principles of Psychology arbeitete, veröffentlichte der Philosoph F. H. Bradley einen Essay, in dem er die Frage aufwarf, ob Aufmerksamkeit überhaupt ein in sich stimmiges Konzept sei: »Gibt es überhaupt eine besondere Aktivität namens Aufmerksamkeit?«5 Vor einigen Jahren verfasste eine Gruppe von Forschenden aus verschiedenen kognitionswissenschaftlichen Bereichen gemeinsam einen Artikel mit dem provokanten Titel »Niemand weiß, was Aufmerksamkeit ist«. Darin argumentierten sie, gestützt auf aktuelle empirische Befunde und modernste Erkenntnisse zur visuellen Aufmerksamkeit, dass das Konzept an sich zugleich inkohärent und theoretisch wertlos sei: »einer der am meisten irreführenden und missbrauchten Begriffe innerhalb der Kognitionswissenschaften«.6

So weit würde ich nicht gehen, aber eines ist unbestreitbar wahr: Je intensiver man sich mit der Frage beschäftigt, was Aufmerksamkeit eigentlich ist, desto komplexer wird sie. Nehmen wir zur Veranschaulichung ein ausführliches Beispiel aus der Literatur zur Aufmerksamkeit. Stellen Sie sich vor, Sie sind auf einer Cocktailparty mit Dutzenden Gästen. Sie haben ein paar Drinks intus und kommen mit einer kleinen Gruppe von Menschen ins Gespräch, die in die typische Cocktailparty-Kategorie fallen: weder enge Freunde noch Fremde. Smalltalk auf dieser Ebene sozialer Distanz ist immer etwas anstrengend, daher sind Sie ziemlich konzentriert, lehnen sich leicht nach vorne, um sich vom Lärm um Sie herum abzuschirmen, und achten darauf, dass Sie deutlich hören können, was Ihre Gesprächspartner sagen.

In diesem Moment sind Sie genau auf die intuitive Weise aufmerksam, die James beschrieben hat. Psychologen vergleichen diese Art aktiver Aufmerksamkeit oft mit einem Bühnenscheinwerfer, den man schwenken und gezielt auf diese oder jene Person richten kann. Vielleicht ähnelt sie in diesem Zusammenhang auch eher einem Stabmikrofon, das ein Reporter Zeugen vor die Nase hält, um so die Aufmerksamkeit der Zuschauenden auf einen bestimmten Sprecher zu lenken, anstatt auf einen anderen.

In dieser Situation zeigt sich das zentrale Element, das James betont: Aufmerksamkeit ist ein Nullsummenspiel. Wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit auf das Gespräch vor Ihnen richten, achten Sie nicht darauf, welcher Kellner mit einem Tablett voller Frühlingsrollen mit Ente gerade näher kommt. Sie können sich entweder dem Gespräch widmen oder kurz aussteigen und nach den herannahenden Vorspeisen Ausschau halten. Sie befinden sich in genau dem Zustand, den James beschrieb, der »Vernachlässigung einiger Dinge, um andere besser verarbeiten zu können«.7

Das ist die Form der Aufmerksamkeit, die James in seiner berühmten Passage beschreibt, und sie ist der erste von drei zentralen Aspekten der Aufmerksamkeit. Psychologen nennen diesen ersten Aspekt der Aufmerksamkeit willkürliche Aufmerksamkeit. Willkürliche Aufmerksamkeit entsteht, wenn Sie sich hinsetzen, um einen Roman zu lesen, eine Prüfung zu schreiben oder nach Feierabend ein tiefgründiges Gespräch mit Ihrem Partner zu führen. Sie konzentrieren sich, Sie hören zu, Sie richten Ihre geistige Energie gezielt auf etwas oder jemanden. In unserem Cocktailparty-Beispiel üben Sie willkürliche Aufmerksamkeit aus, wenn Sie sich vorbeugen, um das Gesagte besser verstehen zu können.

Diese Form der Aufmerksamkeit funktioniert nicht durch Verstärkung, sondern durch Negierung. Tatsächlich unterdrückt unser Gehirn alles, das anders ist als das, worauf wir uns konzentrieren. Genau das ist die »Vernachlässigung«, von der James spricht, und es ist ein notwendiger Mechanismus, der willkürliche Aufmerksamkeit überhaupt erst ermöglicht.

Diese Fähigkeit ist eine Art Superkraft. Unsere Kapazität, unwichtige Reize auszublenden und gleichzeitig unsere Aufmerksamkeit zu fokussieren, ist so ausgeprägt, dass Menschen in den unterschiedlichsten Versuchssituationen völlig bizarre und oft geradezu merkwürdige Dinge, die sich direkt vor ihnen abspielen, buchstäblich nicht sehen oder hören. Das berühmteste Beispiel dafür ist das Experiment mit dem unsichtbaren Gorilla.8 Probanden sehen sich ein Video von drei Personen in weißen und drei Personen in schwarzen T-Shirts an, die herumlaufen und sich einen Basketball zuspielen. Die Personen in den weißen T-Shirts werfen sich gegenseitig den Ball zu, während sie zwischen den Personen in den schwarzen T-Shirts herumlaufen, die sich ebenfalls einen Ball zuwerfen. Es ist eine chaotische Szene. Die Probanden werden angewiesen, denjenigen in den weißen T-Shirts ihre Aufmerksamkeit zu schenken und zu zählen, wie oft sie sich den Ball zuwerfen. Dazu muss man sich ausschließlich auf die Personen in den weißen T-Shirts konzentrieren und die Aktivitäten derjenigen in den schwarzen T-Shirts ignorieren.

Nach 30 Sekunden kann etwa die Hälfte der Teilnehmenden die Anzahl der Pässe korrekt angeben. Woran sie sich jedoch nicht erinnern können ‒ weil sie es buchstäblich nicht gesehen haben ‒, ist die Tatsache, dass mitten in der Übung eine Person in einem Gorillakostüm in das Bild läuft, sich auf die Brust schlägt, die Muskeln anspannt und die Szene wieder verlässt. Die wichtigste, immer wieder bestätigte Erkenntnis ist, dass höhere Wahrnehmungsbelastungen uns anfälliger machen für eine Art Tunnelblick.9 Der Grund, warum die Probanden den Mann im Gorillakostüm nicht sehen, liegt in der Schwierigkeit der Aufgabe und der Menge der visuellen Reize, die es zu verarbeiten gilt. Die Wissenschaft nennt dieses Phänomen Unaufmerksamkeitsblindheit.10

Das ist also willkürliche Aufmerksamkeit ‒ eine fast übernatürliche Fähigkeit, Reize um uns herum zu unterdrücken und uns zu fokussieren. Kehren wir nun zu unserem Cocktailparty-Beispiel zurück. Sie nutzen Ihre Fähigkeit zur willkürlichen Aufmerksamkeit, um der Frau gegenüber zuzuhören, die erzählt, wie sie lange Zeit skeptisch gegenüber Chiropraktikern war, aber seit Kurzem einen aufsucht und nun von chronischen Rückenschmerzen befreit ist. Plötzlich hören Sie das KRACHEN eines großen Tabletts, das zu Boden fällt, und Dutzende Gläser zerspringen. Sie und alle anderen im Raum drehen sich sofort in die Richtung des Lärms und sehen einen erröteten Kellner, der sich bückt, um das Tablett mit Champagnergläsern aufzuheben, das er gerade fallen gelassen hat.