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Eine exzentrische Detektivin und ihr leidgeprüfter Assistent entwirren ein Netz aus Magie, Betrug und Mord in dieser funkelnden Fantasy-Neuinterpretation des klassischen Kriminalromans. Ein eigenartiges Verbrechen. Eine brillante Ermittlerin. Ein Mysterium von epischen Ausmaßen. In einer opulenten Villa an der Grenze des Imperiums wird ein hoher Offizier tot aufgefunden – getötet durch einen Baum, der spontan seinem Körper entwuchs. Selbst hier, wo es viele Ansteckungen gibt und das Blut der Leviathane seltsame magische Veränderungen bewirkt, ist es ein Tod, der gleichzeitig schrecklich und eigentlich unmöglich ist. Zur Aufklärung des Verbrechens wird Ana Dolabra hinzugezogen, eine Ermittlerin, deren brillanter Ruf nur durch ihre Exzentrik übertroffen wird. An ihrer Seite steht ihr neuer Assistent Dinios Kol, ein Graveur, der auf magische Weise so verändert wurde, dass er ein perfektes Gedächtnis besitzt. Bald führt der Mord zu einem Plan, der die Sicherheit des Imperiums selbst bedroht. Für Ana ergibt all dies ein wunderbar stacheliges Puzzle - endlich etwas, das ihre Aufmerksamkeit wirklich fesselt. Und Din? Er muss einfach durchhalten.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
The Tainted Cup ist ein fiktionales Werk.
Namen, Charaktere, Orte und Ereignisse sind Produkte der Fantasie der Autors oder werden fiktiv verwendet.
Jede Ähnlichkeit mit realen Ereignissen, Orten oder Personen, lebend oder verstorben, ist rein zufällig.
ISBN: 978-3985852987 | 1. Auflage 2025
Die Originalausgabe ist 2024 unter dem Titel
THE TAINTED CUP
bei Del Rey, an imprint of Random House, a division of Penguin Random House LLC, New York erschienen. Del Rey and the Circle colophon are registered trademarks of Penguin Random House LLC.
Copyright © 2024 by Robert Jackson Bennett
Map and ranking list chart copyright © 2024 by David Lindroth Inc.
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No part of thisbook may be used or reproduced in any manner for the purpose of training artificial intelligencetechnologies or systems. This work is reserved from text and data mining (Article 4(3) Directive(EU) 2019/790).
This edition published by arrangement with Del Rey, an imprint of Random House, a division ofPenguin Random House LLC
Übersetzung © Adrian & Wimmelbuchverlag GmbH,
Friedrichstraße 126, 10117 Berlin
Übersetzung: Jakob und Karla Schmidt
Lektorat & Korrektorat: Annerose Sieck, Rena Ziehnert
Umschlagillustration: Tom Roberts
Umschlaggestaltung: Lydia Blagden © Hodder & Stoughton 2024
Buchsatz deutsche Ausgabe & Farbschnittgestaltung: Enrico Frehse / Phantasmal Image
Bilder: Shutterstock
Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.
Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an [email protected]
Alle Rechte vorbehalten
Printed 2025 in Germany
www.adrian-verlag.de
Für meine Ma und für Oma,
die mir das Tor zu geheimnisvollen Mordfällen aufstießen.
Die Mauern des Anwesens traten vor mir aus dem morgendlichen Nebel, lang und düster und gerundet wie der Leib eines gestrandeten Seeungeheuers. Ich schritt an ihnen entlang und versuchte, nicht auf das Pochen meines Herzens zu achten oder auf den Schweiß, der mir am Hals hinabrann. Vor mir im Nebel schimmerte ein schwaches blaues Licht. Als ich näherkam, erwies es sich als Maii-Laterne über dem Dienstboteneingang des Anwesens. Und dort, neben dem Tor, lehnte ein uniformierter Mann mit glänzendem Eisenhelm an der Mauer und erwartete mich.
Der Princeps sah mir entgegen. Je näher ich kam, desto höher hob er eine Braue. Als ich schließlich vor ihm stehen blieb, berührte sie fast seinen Haaransatz.
Ich räusperte mich und hoffte, Autorität auszustrahlen. »Signum Dinios Kol, Ermittlungsgehilfe«, sagte ich. »Ich bin wegen der Leiche hier.«
Der Princeps blinzelte und musterte mich von oben bis unten. Da ich fast einen Kopf größer war als er, brauchte er dafür ein Weilchen. »Ich verstehe, Sir«, sagte er dann. Er verbeugte sich knapp vor mir – eine Viertel-, vielleicht eine Drittelverbeugung – rührte sich dann aber nicht mehr von der Stelle.
»Sie haben hier doch eine Leiche, oder?«, fragte ich.
»Ja, die haben wir, Sir«, sagte er bedächtig. Über meine Schulter spähte er in die nebeldurchwogte Gasse hinter mir.
»Wo liegt dann das Problem?«
»Nun, ähm …« Ein weiterer Blick in die Gasse. »Entschuldigen Sie, Sir, aber … wo ist die andere?«
»Wie bitte?«, fragte ich. »Welche andere?«
»Die Ermittlerin? Wann trifft sie ein?«
Ich unterdrückte einen Anflug von Sorge. Diese Frage kannte ich bereits von anderen Aufträgen, die ich für meine Meisterin erledigt hatte. Aber da es hier um eine Leiche ging, lagen die Dinge etwas anders. »Die Ermittlerin ist unabkömmlich«, erwiderte ich. »Ich bin hier, um den Tatort zu sichten, die Bediensteten und etwaige Zeugen zu befragen und ihr dann zu berichten.«
»Also führt die Ermittlerin ihre Ermittlungen durch … ohne anwesend zu sein?«, sagte er. »Dürfte ich fragen, warum Sir?«
Ich nahm ihn genauer in Augenschein. An jedem Glied seines kurzen Kettenhemds schimmerten winzige Tropfen Kondenswasser im schwachen Licht. Sehr elegant. Grau melierter Bart, verzierter Gürtel um die Hüften, der weichliche Bauch eines Mannes in den mittleren Jahren hing über die Schnalle. Die schwarzen Stiefel waren auf Hochglanz poliert, mit einem gewebten Besatz aus Seetang-gegerbtem Leder. Das Einzige an seiner Ausstattung, was dem Standard entsprach, waren das Langschwert mit Scheide und sein dunkelroter Umhang, der ihn als Apothetikalen auswies; als Offizier der Abteilung für organische Anpassungen, wie sie im Imperium auf vielerlei Arten praktiziert wurden. Für den Rest hatte er sicher aus eigener Tasche ein fürstliches Sümmchen bezahlt.
All das verriet mir, dass ich als Signum zwar offiziell einen höheren Rang bekleidete als dieser Mann, aber dass er nicht nur älter und wohlhabender war als ich, sondern während seiner Laufbahn wahrscheinlich auch Dinge gesehen hatte, von denen ich mir keine Vorstellung machte. Ich konnte ihm nicht vorwerfen, dass er sich fragte, warum die Ermittlerin einen zwanzig Jahre alten Jungen in zerlumpten Stiefeln ganz allein zu einem Tatort schickte.
»Die Ermittlerin ist bei den Ermittlungen so gut wie nie anwesend, Princeps«, sagte ich. »Sie schickt mich, um die Lage vor Ort zu begutachten, und zieht ihre zutreffenden Schlussfolgerungen dann anhand meines Berichts.«
»Ihre zutreffenden Schlussfolgerungen«, wiederholte der Princeps.
»So ist es.«
Ich wartete darauf, dass er mich einließ. Er rührte sich nicht vom Fleck. Musste ich ihm befehlen, mich durchzulassen? Ich hatte noch nie einem Offizier einer anderen Imperiumsbehörde einen direkten Befehl gegeben und war mir nicht sicher, wie ich vorgehen sollte.
Zu meiner Erleichterung sagte er schließlich: »Nun gut, Sir …« Er griff in seine Tasche und holte eine kleine Bronzescheibe hervor, in deren Mitte ein Glasröhrchen eingelassen war. In dem Röhrchen schwappte eine schwarze Flüssigkeit. »Sie müssen dicht hinter mir bleiben, Sir. Dieses Tor ist ein bisschen alt. Es kann launisch sein.«
Er drehte sich zum Dienstboteneingang um; einer gerundeten Öffnung in der glatten schwarzen Mauer des Anwesens. Auf der anderen Seite des Durchgangs hing ein Schleier aus gekräuselten, pelzigen Ranken von grüngelber Farbe. Sie erzitterten, als der Princeps sich näherte – ein verstörendes, zuckendes Beben – und wichen beiseite, um uns einzulassen.
Ich hielt mich dicht hinter dem Princeps, als wir das Tor durchschritten und duckte mich, damit mein Kopf nicht gegen die Decke stieß. Die Ranken kitzelten mich im Nacken und verströmten einen unangenehm süßlichen Geruch. Wahrscheinlich hatte man sie dafür angepasst, Fleisch zu wittern, und hätte der Prinzeps keinen »Schlüssel« dabeigehabt – das Röhrchen mit Reagenzien in seiner Hand – wären wir wohl beide gelähmt worden. Wenn nicht Schlimmeres.
Jenseits des Durchgangs lagen die Höfe des Anwesens. Vor uns funkelten Dutzende von Maii-Laternen im morgendlichen Zwielicht. Sie hingen unter den Giebeln des weitläufigen Hauses, das oben auf einem Hügel lag. Netze mit buntem Ziermoos schützten die Fenster vor der Morgensonne. Die umlaufende Veranda war breit, die Bohlen auf Hochglanz poliert. Am Ostende befand sich ein mit Kissen bestückter Sitzbereich – eine Art Teepavillon, doch anstelle eines Teetisches ruhte dort ein gewaltiger, oben flach geschliffener Tierschädel. Ein eher makaberer Schmuck für ein so vornehmes Haus – und es war ein vornehmes Haus. Mit Abstand das vornehmste, das ich je gesehen hatte.
Ich warf dem Princeps einen Blick zu. Mein Staunen war ihm nicht entgangen und er lächelte selbstgefällig.
Ich rückte meinen Iudex-Mantel an den Schultern zurecht. Es war keiner in meiner Größe aufzutreiben gewesen, und mit einem Mal kam ich mir, eingezwängt in dieses zu enge Stück blauen Stoff, entsetzlich dumm vor. »Wie heißen Sie, Princeps?«, fragte ich.
»Verzeihung, Sir. Ich hätte mich vorstellen sollen – Otirios.«
»Haben wir den Verstorbenen bereits identifiziert, Otirios?«, fragte ich. »Ich höre, es gab dabei gewisse Probleme.«
»Inzwischen ist es uns wohl gelungen, Sir. Wir glauben, dass es sich um Kommandant Taqtasa Blas vom Ingenieurs-Iyalet handelt.«
»Sie glauben?«
Ich erntete einen schiefen Blick. »Sie wurden darüber in Kenntnis gesetzt, dass er durch eine Anpassung zu Tode kam, nicht wahr, Sir?«
»Ja?«
»Nun … so etwas erschwert es manchmal, eine Leiche zu identifizieren.« Er führte mich zu einer kleinen Holzbrücke über ein Rinnsal. »Manchmal sogar, sie als Leiche zu identifizieren, Sir«, fügte er hinzu. »Darum gibt es uns, die Apoths.«
Er deutete in den Nebel voraus. Ich suchte das Grau ab und entdeckte in den Gärten umherstreifende Gestalten, die ebenfalls dunkelrote Mäntel oder Umhänge trugen. Jeder von ihnen hielt etwas in der Hand, was man für einen Vogelkäfig halten konnte; nur enthielten diese Käfige keine Vögel, sondern jeweils ein zartes Farnpflänzchen.
»Wir testen auf Verseuchung«, sagte Otirios. »Bisher haben wir nichts gefunden. Keine der Indikatorpflanzen zeigt verräterische Bräunung oder Absterben, Sir. Keine Anzeichen einer Verseuchung auf dem Grundstück.«
Er führte mich Richtung Haus zu einer dünnen Farnpapiertür. Als wir uns näherten, bemerkte ich einen anhaltenden Laut, der aus dem Haus kam. Ich begriff, dass es ein Schrei war.
»Was ist das?«, fragte ich.
»Wahrscheinlich die Dienstmädchen«, sagte Otirios. »Sie waren, ähm, die Ersten am Ort des Geschehens. Sie sind immer noch ziemlich aufgewühlt, das können Sie sich ja vorstellen.«
»Haben sie die Leiche nicht bereits vor Stunden entdeckt?«
»Ja. Aber es bricht immer mal wieder aus ihnen heraus. Wenn Sie die Leiche sehen, werden Sie verstehen, warum Sir.«
Ich lauschte den wilden, hysterischen Schreien und bemühte mich, nach außen hin keine Gefühle zu zeigen.
Gleichmut und Kontrolle, sagte ich mir. Ich war ein Offizier des Iudex, jener Imperiumsbehörde, der die hohen Gerichte unterstanden und die überall im Imperium für Gerechtigkeit sorgte. Ich hatte jede Befugnis, mich hier in diesem vornehmen Haus aufzuhalten, mochte es auch von Schreien erfüllt sein.
Otirios öffnete die Tür. Die Schreie wurden um etliches lauter.
Es erschien mir zwar wichtig, dass meine Pisse in meiner Blase verblieb, aber wenn dieses Geschrei noch lange so weiterging, ließ sich das vielleicht nicht gewährleisten.
Er führte mich nach drinnen.
Als Erstes fiel mir auf, wie sauber es war. Das war nicht nur die Abwesenheit von Schmutz –, obwohl tatsächlich kein Körnchen Staub, kein Fleck und kein Schmutz zu sehen waren –, sondern eine umfassende Sterilität. Bei aller Eleganz: Die Esszimmerliegen waren zu glatt und unangetastet, und die gewebten Seidenmatten, die in Quadraten auf dem Boden ausgelegt waren, wirkten, als hätte noch nie ein Mensch einen Fuß daraufgesetzt. Das ganze Haus fühlte sich so anheimelnd und gemütlich an wie das Messer eines Chirurgen.
Seiner Opulenz tat das allerdings keinen Abbruch. Miniatur-Maii-Bäume, so angepasst, dass sie von der Decke aus nach unten wuchsen, dienten – das hatte ich noch nie gesehen – als Kronleuchter. Ihre Früchte waren zum Bersten voll mit glühenden Maii-Würmchen, die ihr flackerndes blaues Licht auf uns warfen. Ich fragte mich, ob selbst die Luft hier drin teuer war, und sah, dass das zutraf: In jede Zimmerecke war ein hoher, schwarzer Kirpis-Pilz in die Wand eingelassen, der dazu diente, Luft aufzunehmen, sie zu reinigen und sie kühler wieder auszudünsten.
Irgendwo im Anwesen ging das Kreischen endlos weiter, und mir war bewusst, dass mein leichtes Frösteln nichts mit der Lufttemperatur zu tun hatte.
»Wir haben alle Bediensteten und Zeugen hier im Haus behalten, wie von der Ermittlerin angeordnet«, sagte Otirios. »Ich nehme an, dass Sie sie befragen wollen, Sir.«
»Danke, Princeps. Wie viele sind es?«
»Insgesamt sieben. Vier Dienstmädchen, die Köchin, der Gärtner und die Haushälterin.«
»Wem gehört dieses Anwesen? Vermutlich nicht Kommandant Blas?«
»Nein, Sir. Dieses Haus gehört der Haza-Familie. Haben Sie die Insignien nicht gesehen?« Er deutete auf eine kleine Markierung über der Eingangstür: Eine einzelne Feder, die hoch aufgerichtet zwischen zwei Bäumen stand.
Das gab mir zu denken. Die Hazas waren eine der reichsten Familien des Imperiums und verfügten über riesige Ländereien in den Inneren Ringen. So ergab der atemberaubende Luxus hier natürlich Sinn. Dafür wurde alles andere umso verwirrender.
»Warum besitzen die Hazas ein Haus in Daretana?«, fragte ich aufrichtig verblüfft.
Er zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, Sir. Vielleicht gab es woanders keine mehr für sie zu kaufen.«
»Hält sich derzeit ein Mitglied der Haza-Familie hier auf?«
»Falls ja, Sir, dann verdammt gut versteckt. Die Haushälterin weiß wahrscheinlich genauer Bescheid.«
Wir folgten einem langen Korridor, der an einer schwarzen Steinholztür endete.
Vor der Tür hing ein schwacher Geruch in der Luft: Moschusartig und süß, aber mit einer ranzigen Note.
Ich spürte ein Flattern im Magen. Ich ermahnte mich, den Kopf hoch erhoben zu halten und eine finstere, stoische Miene zu wahren, als wäre ich ein echter Ermittlungsgehilfe. Dann machte ich mir klar, dass ich ein echter Ermittlungsgehilfe war, verdammt noch mal.
»Haben Sie schon an vielen Todesfällen gearbeitet, Sir?«, fragte Otirios.
»Warum?«
»Reine Neugier angesichts der Umstände bei diesem.«
»Nein, habe ich nicht. Bisher haben die Ermittlerin und ich uns vor allem um Zahlungsbetrug bei den Offizieren hier in Daretana gekümmert.«
»In dem Mordfall letztes Jahr haben Sie also nicht ermittelt? Dieser volltrunkene Wachmann, der den Kerl an der Kontrollstelle angegriffen hat?«
Ich spürte, wie mein Kiefer sich versteifte. »Das Amt des Iudex-Ermittlers wurde hier erst vor vier Monaten ins Leben gerufen.«
»Ah, ich verstehe, Sir. Aber bei Ihrer vorherigen Stelle haben Sie da nicht zusammen mit Ihrer Ermittlerin Todesfälle untersucht?«
Meine Kiefermuskeln verkrampften sich zunehmend. »Als die Ermittlerin hier eintraf«, sagte ich, »wurde ich aus den Reihen der hiesigen Vollendeten ausgewählt, um ihr als Gehilfe zu dienen. Also nein.«
Otirios zögerte für einen winzigen Moment. »Dann … arbeiten sie erst seit vier Monaten für eine Iudex-Ermittlerin, Sir?«
»Worauf wollen Sie hinaus, Princeps?«, fragte ich verärgert.
Wieder sah ich ein selbstgefälliges Lächeln Otirios’ Lippen umspielen. »Nun, Sir«, sagte er. »Von allen Todesfällen, die Ihr erster sein könnten, würde ich mir wirklich nicht diesen aussuchen.«
Er öffnete die Tür.
Bei dem Raum dahinter handelte es sich um ein Schlafzimmer, so prunkvoll wie der Rest des Hauses mit einem breiten, weichen Moosbett in einer Ecke und einer Farnpapierwand und -tür, hinter der wahrscheinlich die Badenische lag. Ich hatte zwar noch nie eine Badenische in einem Haus gesehen, wusste aber, dass es so etwas gab. In der einen Ecke hing eine Maii-Laterne, und in der diagonal gegenüberliegenden wuchs ein weiterer Kirpis-Pilz. Daneben befanden sich zwei Truhen und eine Umhängetasche aus Leder. Das waren wohl die Habseligkeiten von Kommandant Blas.
Am bemerkenswertesten jedoch war das kleine Laubwäldchen, das in der Mitte des Raums stand – denn es wuchs aus einem Menschen hervor.
Oder vielmehr durch einen Menschen.
Die Leiche hing in der Mitte des Schlafzimmers in der Luft, aufgespießt von den zahlreichen schlanken Bäumen, aber wie Otirios gesagt hatte, war sie auf den ersten Blick überhaupt nur schwer als Leiche zu identifizieren. In dem Dickicht war ein Stück Rumpf zu erkennen, und ein Teil eines linken Beins. Was ich sah, deutete auf einen Mann in mittleren Jahren hin, der das Purpur des Ingenieurs-Iyalet trug. Der rechte Arm war vollständig verlorengegangen, und das rechte Bein war von Wurzelbündeln umschlungen, die aus den Stämmen der kleinen Bäume sprossen und sich in den Steinholzboden gegraben hatten.
Ich starrte in das Wurzelwerk. Zwischen seinen Windungen meinte ich, das rosige Ende eines Oberschenkelknochens auszumachen.
Ich senkte den Blick. Eine gewaltige Blutpfütze hatte sich auf dem Boden ausgebreitet, glatt und spiegelnd wie schwarzes Glas.
Etwas zuckte in meinem Magen, wie ein Aal, der hinauswollte.
Ich ermahnte mich, konzentriert zu bleiben, weiter zu atmen. Die Kontrolle zu bewahren, an mich zu halten. Das hier war jetzt mein täglich Brot.
»Sie können ruhig näher herangehen, Sir«, sagte Otirios ein bisschen zu heiter. »Wir haben das ganze Zimmer untersucht. Sorgen Sie sich nicht.«
Ich trat dichter an das Grünzeug heran. Eigentlich handelte es sich nicht um richtige Bäume, sondern um eine Art lange, biegsame Gräser – ein bisschen wie Schießhalm, jenes hohle, holzige Gras, das für Rohrleitungen und Baugerüste benutzt wurde. Das Dickicht war anscheinend zwischen Blas’ Schulter und Hals entsprossen – ich erhaschte einen Blick auf ein Stück Wirbelsäule, das sich darin verfangen hatte, und unterdrückte ein weiteres Aufwallen von Übelkeit.
Am auffälligsten war Blas’ Gesicht. Anscheinend hatten die Triebe, die aus seinem Rumpf gewachsen waren, zahlreiche Äste ausgebildet, von denen einer von der Seite durch Blas’ Schädel geschossen war und seinen Kopf dabei in einem abscheulichen Winkel zurückgebogen hatte. Irgendwie hatte der Ast seinen Kopf dann vom Oberkiefer an aufwärts umschlungen, sodass sein Gesicht, seine Nase und seine Ohren vollständig bedeckt waren. Geblieben war von Blas’ Kopf nur sein zu einem stummen Schrei geöffneter Unterkiefer; und darüber im Holz ein Halbrund aus Zähnen und ein Gaumen, die mit der geriffelten Borke verschmolzen.
Ich starrte auf sein Kinn. Ein Anflug von drahtigen Bartstoppeln; eine blasse Narbe an einer Seite, als Andenken an einen Unfall oder einen Kampf. Ich ging weiter, nahm den Rest von ihm in Augenschein. Linker Arm, hellbraun behaart, die Finger schwielig und rissig von Jahren der Arbeit. Der linke Beinling war dunkel von Blut, so viel Blut, dass es ihm in den Stiefel gelaufen war, randvoll wie eine Kanne Suffwein.
Ich spürte einen Tropfen auf der Kopfhaut und blickte hoch. Die Triebe hatten Löcher ins Hausdach gebohrt, durch die nun grau und tröpfelnd der Morgennebel drang.
»Die reichen etwa zehn Spann über das Hausdach hinaus, falls Sie es wissen wollen, Sir«, erklärte Otirios. »Sind durch vier Spann Dach gesaust wie durch Fischfett. Also – ein ganz schönes Gewächs. Ich habe noch nie zuvor etwas Derartiges gesehen.«
»Wie lange hat es dafür gebraucht?«, fragte ich krächzend.
»Weniger als fünf Minuten, Sir. Laut Aussagen der Dienstboten jedenfalls. Sie haben es zuerst für ein Erdbeben gehalten, so wie das Haus gewackelt hat.«
»Haben die Apoths irgendetwas, das dazu in der Lage ist?«
»Nein, Sir. Das Apothetikale Iyalet hat alle möglichen Arten von Plantaten und Beizen, um das Wachstum von Pflanzen zu steuern – Succus-Weizen, der nur eine Vierteljahreszeit zum Reifen braucht, zum Beispiel, oder Früchte, die drei- oder viermal so groß werden wie normalerweise. Aber wir haben nie etwas entwickelt, das innerhalb von Minuten ganze Bäume wachsen lassen kann … und natürlich auch nichts, was Bäume aus einem Menschen herauswachsen lässt.«
»Haben wir Grund zu der Annahme, dass ihm das hier absichtlich verabreicht wurde?«
»Das ist unklar, Sir«, sagte Otirios. »Er ist Ingenieur und deshalb ziemlich viel unterwegs. Kann sein, dass er auf Reisen versehentlich etwas zu sich genommen oder sich kontaminiert hat. Das lässt sich bisher nicht sagen.«
»Hat er sonst noch jemanden in der Stadt besucht? Oder sich mit einem anderen infizierten Offizier oder Reichspersonal getroffen?«
»Anscheinend nicht, Sir«, sagte Otirios. »So, wie es aussieht, ist er im Nachbarkanton abgereist und direkt hierhergekommen, ohne unterwegs mit jemandem zu tun gehabt zu haben.«
»Gibt es irgendwelche Aufzeichnungen über eine vergleichbare Verseuchung?«
Otirios kräuselte verächtlich die Lippen. »Nun ja. Verseuchungen gibt es im ganzen Imperium, Sir. Beizen, Plantate, Anpassungen, die in freier Wildbahn wachsen … und jede ist anders. Das müsste ich erst überprüfen.«
»Wenn es eine Verseuchung ist, müsste sie sich ausbreiten, korrekt?«
»Das liegt in der … Natur von Verseuchungen, nicht wahr, Sir?«, sagte Otirios.
»Wie kann diese dann nur diesen einen Mann betreffen und nichts und niemanden sonst?«
»Das ist zu diesem Zeitpunkt schwer zu sagen, Sir. Wir verfolgen gerade Blas’ Bewegungen zurück. Er hat eine Reise durch die äußeren Kantone unternommen, einschließlich der Seemauer, um die dortigen Anlagen zu begutachten. Die, äh …« Er zögerte. »Die Regenzeit beginnt schließlich bald.«
Ich nickte mit ausdrucksloser Miene. Die drohende Regenzeit lastete so schwer auf den äußeren Kantonen des Imperiums, dass man sie ebenso schlecht vergessen konnte wie die Existenz der Sonne.
»Niemand war vor Blas’ Ankunft in diesem Zimmer?«, fragte ich. »Niemand hat etwas berührt?«
»Die Bediensteten natürlich. Von denen haben wir nur ihre Aussagen.«
»Und keine Spuren eines Einbruchsversuchs?«
»Nein, Sir. Dieser Ort hier hat mehr Schutzpflanzen als das Sanctum des Imperators. Man braucht Reagenzschlüssel, um auch nur in seine Nähe zu kommen.«
Darüber dachte ich schweigend nach angesichts der Menge von Fenstern und Türen in diesem Haus.
»Wenn Sie eine Erklärung für all das finden, wäre das wirklich nicht übel, Sir«, sagte Otirios.
»Wie bitte?«
»Für Ihre Karriere, meine ich.« Diesmal hatte sein Lächeln etwas Grausames. »Darum geht es Ihnen doch, nicht wahr, Sir? Um Ihr Fortkommen? Das wünschen sich doch alle Offiziere, nehme ich an.«
»Ich«, erwiderte ich, »will meine Pflicht tun.«
»Aber natürlich, Sir.«
Ich sah ihn etwas länger als nötig an. »Bitte geben Sie mir einen Moment, Princeps. Ich muss mir dieses Zimmer eingravieren.«
Otirios ließ mich alleine mit der baumverstümmelten Leiche zurück und schloss die Tür. Ich öffnete das Gravierer-Etui an meiner Seite und griff hinein. Darin befanden sich mehrere Reihen winziger, mit Korken verschlossener Glasröhrchen, von denen jedes einige wenige Tropfen Flüssigkeit enthielt. Manche dieser Flüssigkeiten waren blassorangefarben, andere schwach grünlich. Ich holte ein Röhrchen hervor, entfernte den Korken, hielt es mir unter die Nase und atmete ein.
Ein durchdringender Laugengeruch erfüllte meine Nase und trieb mir Tränen in die Augen. Ich schnupperte so lange, bis der Duft schwer in meinem Kopf lastete. Dann schloss ich die Augen und holte Luft.
Ich spürte eine Art Kitzeln oder Flattern hinter den Augen, als wäre mein Schädel ein Aquarium voller umherflitzender Fische. Dann beschwor ich eine Erinnerung herauf.
Die Stimme meiner Meisterin, der Ermittlerin, flüsterte mir ins Ohr: Wenn du am Tatort eintriffst, Din, sieh dir den Raum genau an. Überprüfe alle erdenklichen Wege herein und hinaus. Sieh dir alles an, was der Tote möglicherweise berührt hat. Denk auch an übersehene Stellen, vergessene Stellen. Stellen, an denen die Bediensteten vielleicht zu putzen versäumen.
Ich öffnete die Augen, blickte mich im Zimmer um und konzentrierte mich, solange der Laugengeruch noch in meinem Kopf haftete. Ich betrachtete die Wände, den Boden, die Platzierung aller Gegenstände und Möbelstücke, die Wölbung jedes Kissens und jeder Decke – und während ich mich konzentrierte, wurden all diese Einzelheiten in mein Gedächtnis eingraviert.
Das große und himmlische Imperium von Khanum hatte schon vor langer Zeit die Kunst perfektioniert, das Leben zu formen, Wurzel und Ast und Fleisch und Knochen. Und so, wie der Kirpis-Pilz in der Ecke so verändert worden war, dass er die Luft kühlte und reinigte, war ich als ein Gravierer des Imperiums so verändert worden, dass ich mich an alles erinnerte, was ich erlebte, auf immer und ewig.
Ich ließ den Blick weiter schweifen und schnupperte dabei gelegentlich an dem Röhrchen in meiner Hand. Gravierer erinnerten sich an alles, aber sich später rasch jede Erinnerung ins Gedächtnis zu rufen, war nicht einfach. Darum verwendeten wir Gerüche als Auslöser: Genau wie normale Menschen assoziierten Gravierer bestimmte Erinnerungen mit bestimmten Düften. Wenn ich also später meiner Meisterin Bericht erstattete, würde ich dasselbe Röhrchen öffnen, meinen Kopf mit den gleichen Dämpfen füllen und ihren Geruch als Tor zu meiner Erinnerung verwenden. Deshalb wurden Gravierer von manchen auch als »Glasschnüffler« bezeichnet.
Als ich mit dem Zimmer fertig war, trat ich vor und betrachtete mit zusammengekniffenen Augen das Gewirr von Trieben, schritt einmal im Kreis um sie herum. Mir fiel auf, dass einer der Triebe blühte, wenn es auch nur eine einsame, weiße, zerbrechliche Blüte war.
Vorsichtig stieg ich über das Blut am Boden hinweg und betrachtete die Blüte aus der Nähe. Sie verströmte einen unguten Geruch, der an Suffwein-Kotze erinnerte. Die inneren Blütenblätter waren purpurfarben mit gelben Sprenkeln, das Staubblatt gekrümmt und dunkel. Wirklich eine scheußliche kleine Blume.
Als Nächstes holte ich Blas’ Habseligkeiten hervor und breitete sie Stück für Stück vor mir auf dem Boden aus. Ein Beutel Talint-Münzen; ein kleines Messer; ein Satz Hemden, Wämser, Beinlinge und ein Gürtel; sein Standard-Langschwert mit der den Offizieren des Imperiums vorbehaltenen verzierten Parierstange samt zugehöriger Scheide; ein leichtes Kettenhemd, wahrscheinlich für Notfälle, da sich echte Kriegsrüstung nur schwer herumtragen ließ; und schließlich ein kleiner Behälter mit Öl.
Ich schnupperte daran. Es roch aromatisch, selbst an diesem übelriechenden Ort. Oranje-Blätter, Gewürzwein, vielleicht eine Spur Weihrauch. Meine Lider zitterten, als ich meine Erinnerungen nach einem solchen Geruch absuchte – und fündig wurde.
Es war gut ein Jahr her: Leonie, eine Freundin von mir, hatte mir einen kleinen Tiegel unter die Nase gehalten und gesagt: Therapeutische Öle. Für Massagen und andere … Dinge. Nicht billig!
Dieser Tiegel war allerdings weit schmuckvoller als der von Leonie es gewesen war. Ich drehte ihn in der Hand hin und her, bevor ich ihn wieder zu den übrigen Sachen zurücklegte. Dabei fiel mir etwas auf, das ich vorher übersehen hatte: ein kleines Buch.
Das Herz sackte mir in die Hose. Ich zog das dünne Bändchen hervor und blätterte es durch. Die Seiten waren von winzigen Schriftzeichen bedeckt, die wohl für die meisten Menschen schwer lesbar gewesen wären – aber vor meinen Augen tanzten die Buchstaben auf dem Papier, und ich wusste, dass ich sie wohl kaum würde entziffern können.
Ich warf einen Blick über die Schulter zur geschlossenen Tür. Im Korridor konnte ich Otirios sprechen hören. Ich verzog das Gesicht und steckte das Buch ein. Beweismittel vom Schauplatz eines Todesfalls zu entwenden, war ein ernsthafter Bruch des Protokolls. Aber ich hatte meine eigene Lesemethode, und hier konnte ich sie nicht anwenden.
Später, sagte ich mir. Und danach bringen wir es zurück.
Als Nächstes überprüfte ich die Badenische. Es handelte sich um ein winziges Zimmer mit einem winzigen Fenster über der Badewanne aus Steinholz. Das Fenster sah zu klein aus, um sich hindurchzuzwängen, aber ich nahm mir trotzdem vor, später im Gras davor nach Abdrücken zu suchen.
Ich blickte in den polierten Bronzespiegel, tippte dagegen und vergewisserte mich, dass er an der Wand befestigt war. Ich begutachtete die Schießhalmrohrleitungen, trat zurück, um Wand und Decke zu begutachten und fragte mich, wie das heiße Wasser von einem vermutlich weit entfernten Boiler hierher in das Steinholzbecken transportiert wurde. Das waren die Wunder unseres Zeitalters, nahm ich an.
Mir fiel etwas Seltsames auf, und ich sah genauer hin. Schimmel blühte auf den Farnpapierwänden, hauptsächlich oben – kleine schwarze Flecken hier und dort.
Ich hatte noch nie zuvor schimmelnde Farnpapierwände gesehen. Vor allem hätte ich nicht damit gerechnet, an diesen sauberen, weißen, hochverarbeiteten Wänden Schimmel zu entdecken. Hier in den Randgebieten des Imperiums wurde das Farnpapier allerorten verwendet, unter anderem wegen seiner Resistenz gegen Schimmel und Pilzbefall – und auch, weil hier draußen gelegentlich der Boden bebte, und dann war es besser, wenn die einstürzenden Wände aus Farnpapier bestanden und nicht aus Stein.
Ich begutachtete die Schimmelflecken und schnupperte erneut an dem Laugenröhrchen, um sicherzugehen, dass ich später in der Lage sein würde, den Anblick wieder abzurufen. Dann betrachtete ich einmal mehr die Leiche, diesen halben, im Todesschrei erstarrten Menschen. Ein Wassertropfen fiel durch das Loch in der Decke, landete auf seiner Stiefellasche und ließ einen kleinen Fächer aus Blut am Leder hinabrinnen. Die grausige Pfütze auf dem Holzboden vergrößerte sich um den Bruchteil einer Fingerbreite.
Mein Magen zog sich zusammen. Ich erhob mich und blickte in den Bronzespiegel. Dann erstarrte ich, als ich das Gesicht sah, das meinen Blick erwiderte.
Es war das Gesicht eines sehr jungen Mannes mit dichtem, schwarzem Haar, dunklen, besorgt dreinschauenden Augen und der leicht gräulichen Haut eines Menschen, den man beträchtlichen Beizungen und Anpassungen unterzogen hatte. Ich musterte das zerbrechliche Kinn und die lange Nase. Hübsche Gesichtszüge – weder maskulin noch markant, auch nicht gut aussehend, aber hübsch – und peinlich bei einem so großen Menschen.
Nicht das Gesicht eines Iudex-Ermittlungsgehilfen. Nicht das Gesicht von jemandem, der hier auch nur das Geringste verloren hatte. Bestenfalls war er ein Junge, der sich als Vertreter einer Behörde ausgab, deren Autorität ihm ganz und gar abging.
Und was würde aus diesem jungen Mann werden, falls jemand herausfand, wie er wirklich an diesen Posten gelangt war?
Mein Magen krümmte sich und machte Sätze. Ich stürzte zum Badezimmerfenster, stieß es auf und ließ einen Sprühregen von Erbrochenem ins Gras pladdern.
Eine Stimme rief: »Was ist denn das?!«
Mit aufgerissenem Mund starrte ich nach unten. Zwei Apoth-Offiziere starrten mit entsetzten Mienen aus dem Garten zu mir empor.
»Ähm …«, sagte einer.
»Scheiße«, zischte ich. Dann taumelte ich zurück und schloss das Fenster.
Da ich kein Taschentuch hatte, wischte ich mir den Mund an der Innenseite meines Mantels ab. Ich zog den Rotz hoch und schluckte drei-, vier-, fünfmal in dem Versuch, den beißenden Geschmack wieder herunter zu bekommen und in mir einzukapseln.
Dann machte ich einen sorgfältigen Bogen um den Blutsee, ging zur Schlafzimmertür, öffnete sie – und hielt inne.
Otirios Stimme drang durch den Korridor zu mir. Er sprach mit einem anderen Apoth-Wachmann.
»… pedantisches kleines Arschloch, das gerade erst aus der Pubertät ist«, sagte er gerade. »Ich glaube, ich habe schon mal gehört, wie andere Vollendete von ihm erzählt haben. Gilt als der Dümmste von dem Haufen, ist fast hundertmal durchgefallen. Es wundert mich, dass er jetzt für die Ermitt- …«
Rasch ging ich auf die beiden zu. »Princeps.«
Otirios nahm hektisch Haltung an, als ich um die Ecke kam. »Äh … j-ja, Sir?«
»Ich sehe mir noch Haus und Gelände an, bevor ich die Zeugen befrage«, sagte ich. »Derweil bringen Sie die Zeugen bitte in getrennten Räumen unter und überwachen sie, um sicherzustellen, dass sie nicht miteinander sprechen. Außerdem möchte ich, dass Ihre übrigen Wachen alle Aus- und Eingänge sichern – nur für den Fall, dass vielleicht ein Reagenzschlüssel fehlt und jemand versucht, sich rein- oder rauszustehlen.«
Otirios wurde blass. Offenbar gefiel ihm die Vorstellung, derart lange so viele Leute beaufsichtigen zu müssen, ganz und gar nicht. Er öffnete den Mund, um zu widersprechen, schloss ihn dann jedoch missmutig wieder.
»Und Princeps …« Ich sah ihn lächelnd an. »Ich weiß Ihre Unterstützung durchaus zu schätzen.«
Auf dem Weg nach draußen lächelte ich noch immer. Ich hatte noch nie zuvor einen solchen Befehl gegeben, aber ich hatte es definitiv genossen. Ich konnte Otirios zwar nicht maßregeln – er gehörte zu einem anderen Iyalet, einer anderen Behörde –, aber ich konnte ihm eine Drecksarbeit verpassen, die ihn eine ganze Weile beschäftigen würde.
Ich schritt durch das Anwesen und schnupperte gelegentlich an meinem Glasröhrchen, während ich jeden Flur und jedes Zimmer in Augenschein nahm. Immer prangte das Zeichen der Haza-Familie oben neben den Türen – die Feder zwischen den beiden Bäumen.
Die Hazas konnten sich anscheinend in jedem größeren Zimmer einen Kirpis-Pilz leisten, aber der im Westteil des Anwesens, im Küchenbereich, war verschrumpelt und halb tot. Seltsam. Ich merkte mir das für später und ging weiter, wobei ich alle Fenster und Türen überprüfte – größtenteils aus Farnpapier, wie ich feststellte. Alle waren leuchtend weiß gewalzt. Ein einziges Fenster kostete wahrscheinlich mehr als mein Monatsgehalt.
Als ich die Küche durchquerte, fiel mir etwas unter dem Herd auf: ein winziger Blutfleck. Ich berührte ihn mit dem Finger. Noch nass, noch dunkel. Es konnte natürlich viele harmlose Gründe für Blut in einer Küche geben, aber ich gravierte mir den Fund trotzdem ein. Dann ging ich nach draußen.
Die Gärten waren wunderhübsch und kunstvoll gestaltet; angelegte Bäche verliefen kreuz und quer durch das malerische Gelände, überspannt von pittoresken Brücken. Es hätte ein Anblick aus einer Naturgeistergeschichte für Kinder sein können; allerdings fand ich nichts von Interesse, während ich umherwanderte und dabei gelegentlich Apoths auf der Suche nach Verseuchungen zunickte.
Ich kam an die Stelle, an der ich aus dem Fenster gekotzt hatte, und suchte das Gras nach Abdrücken oder Spuren oder einer Leiter oder Ähnlichem ab. Auch hier nichts.
Zuletzt sah ich mir die Hütte des Gärtners an. Sie war recht hübsch, bestand aus dünnen Farnpapierwänden, und im Innern befanden sich Regale voller winziger Pflanzen, die der Gärtner anscheinend hier zog. Reihen heiterer kleiner Blüten, manche noch frisch, andere welkend. Es gab auch einen ziemlich großen Lehmofen. Ich warf einen Blick hinein und fand Asche am Boden. Als ich die Ziegel berührte, stellte ich fest, dass sie noch ein bisschen warm waren, als hätten hier über Nacht Kohlen geglüht.
Ich schritt das Gelände noch einmal ab, um mich zu vergewissern, dass ich alles von Interesse gesehen hatte. Dann blickte ich mich um, und als ich keine Beobachter entdeckte, zog ich das Buch des Kommandanten aus der Tasche.
Ich schlug es auf, kniff die Augen zusammen und begann, laut die wabernden, tanzenden Worte auf dem Papier zu lesen.
»Mauerseg-, Segment … 3C« murmelte ich. »D-datum vierter Egin überprüfen … zwei T-tonnen Sand, zwei Tonnen Lehm …«
Ich las weiter, arbeitete mich stotternd durch die kleingeschriebenen Zeichen und lauschte beim Lesen meiner eigenen Stimme. Es bereitete mir große Mühe, Texte zu lesen und sie mir einzuprägen, aber wenn ich laut las und mir dabei selbst zuhörte, konnte ich mich genauso gut erinnern wie an alles andere, was ich hörte.
Ich las alles so schnell, wie ich konnte. Es handelte sich größtenteils um eine Aufzeichnung der Reisen des Kommandanten bei seinen Inspektionen, mit Einträgen wie Paytasız-Brücken im Norden von Kanton Tala gepr. – 6er bis 8er Egin – alle bestanden, und so weiter. Anscheinend war er vor gut vier Wochen während des Monats Egin sehr beschäftigt gewesen. Ich hatte keine Ahnung, ob irgendetwas davon mit dem Fall zu tun hatte oder nicht, aber als Gravierer war es meine Aufgabe, mir alles ins Gedächtnis zu gravieren.
Als ich mit dem Buch fertig war, überquerte ich die vielen Brücken zurück zum Haus. Ich hatte bisher noch nie Zeugen eines Todesfalls befragt, insbesondere nicht das Dienstpersonal im Haus einer Familie aus dem Adel. Ich fragte mich, wo ich beginnen sollte.
Ich erhaschte einen Blick auf mein Spiegelbild im Wasser zu meinen Füßen, sonnenbeschienen und wellig, und hielt inne. »Lass uns das nicht vermasseln, okay?«, sagte ich zu meinem Wassergesicht.
Ich überquerte die letzte kleine Brücke und betrat das Haus.
Zuerst quetschte ich die Dienstmädchen aus, da sie Zugang zu Blas’ Gemächern gehabt hatten. Ich begann mit dem Mädchen, dass so hysterisch geweint hatte – ein kleines Ding mit schmalen Schultern und dünnen Handgelenken. Sie war so klein, dass man sich fragte, wie sie es mit all den Tellern über den Flur schaffte. Sie war es gewesen, die um acht Uhr, kurz vor dem Frühstück, auf Blas’ Hilferufe reagiert hatte, berichtete sie mir.
»Er hat um Hilfe gerufen?«, fragte ich.
Sie nickte. Eine Träne rann ihr über die Wange und blieb zitternd in der Falte an ihrem Nasenflügel hängen. »Er sagte, er …, dass er Schmerzen in der Brust hätte. Dass er Schwierigkeiten hätte zu atmen. Er war schon auf dem Weg runter zum Frühstück, und dann blieb er stehen und ging zurück in sein Zimmer. Ich bin zu ihm gegangen und wollte ihn davon überzeugen, sich wieder hinzulegen, bevor er … bevor er …«
Sie senkte den Kopf; die Träne löste sich und tropfte ihr auf die Lippen. Dann begann sie wieder zu heulen. »Es tut mir leid«, schluchzte sie, während sie versuchte, sich wieder zu fassen. »Ich hätte fragen s-sollen … M-möchte der Herr vielleicht einen Tee?«
»Ähm … nein, danke«, antwortete ich.
Aus irgendeinem Grund veranlasste sie das zu noch heftigerem Schluchzen. Ich wartete, dass sie fertig wurde. Als sie nicht aufhörte, ließ ich sie gehen.
Ich machte mit der Nächsten weiter, einer älteren Dienerin namens Ephinas. Sie setzte sich langsam, mit vorsichtigen, kon-trollierten Bewegungen. Wahrscheinlich war sie daran gewöhnt, beobachtet zu werden. Sie bestätigte die Geschichte der ersten Dienerin: Blas war spät am Abend angekommen, hatte gebadet und war anschließend ins Bett gegangen. Alles war ihr ganz normal vorgekommen, bis er morgens um Hilfe geschrien hatte. Sie war nicht zu ihm gegangen, deshalb wusste sie nicht mehr –, aber sie wurde lebhafter, als ich sie fragte, ob Blas sich zuvor schon hier aufgehalten hatte.
»Ja«, sagte sie. »Meine Herren lassen ihn oft hier wohnen. Er steht ihnen sehr nahe.«
»Wie hat sich dieser Aufenthalt von den vorigen unterschieden?«, fragte ich. »Oder gab es Unterschiede?«
Sie zögerte. »Ja«, sagte sie dann.
»Inwiefern?«
Wieder zögerte sie. »Er hat uns diesmal in Ruhe gelassen«, sagte sie leise. »Wahrscheinlich, weil er nicht mehr die Gelegenheit hatte, was zu versuchen.«
Ich hustete, schnupperte an meinem Röhrchen, und hoffte, dass sie mich nicht erröten sah. »Erzählen Sie mir bitte mehr davon.«
Das tat sie. Anscheinend war Blas ein Riesenscheißkerl gewesen, der die Dienstmädchen betatscht hatte, sobald er auch nur eine Sekunde mit ihnen allein gewesen war. Sie sagte, sie wüsste nicht, ob welche von den anderen Mädchen seine Annäherungsversuche erwidert hätten, sie glaubte es aber nicht, obwohl er sie alle gleich behandelte.
»Welcher Natur war sein Besuch?«, fragte ich.
Sie senkte den Blick. »Er war ein Freund der Haza-Familie«, sagte sie.
»Ein Freund? Nur deshalb hat er sich hier aufgehalten?«
»Ja.«
»Ist es nicht seltsam, bei jemandem zu Besuch zu sein, der gar nicht zu Hause ist?«
Die Frage entlockte ihr einen verächtlichen Blick, der für einen Moment bei meinen billigen Stiefeln und dem schlecht sitzenden Mantel verharrte. »Bei Leuten von Stand ist das nichts Ungewöhnliches.«
Anscheinend hielten sich selbst die Bediensteten für weltgewandter, als ich es war. Aber wahrscheinlich hatten sie sogar recht damit.
Ich stellte ihr noch mehr Fragen, aber sie gab mir immer weniger Auskünfte, zog sich immer weiter in sich zurück. Ich merkte mir ihre Reaktion und machte weiter.
Die nächsten Mädchen fragte ich nach Blas’ Annäherungsversuchen. Sie bestätigten zwar die Geschichte, behaupteten aber, dass sie über diese unangenehmen Vorfälle hinaus keinerlei Beziehung mit ihm gehabt hätten, und ansonsten hatte keine von ihnen viel zu berichten.
»Ich habe vor seinem Tod nichts gehört oder gesehen«, sagte das letzte Mädchen nüchtern. Sie war kühner, lauter und wütender als die anderen. Vielleicht neigte sie weniger zu still leidender Dienstbeflissenheit. »Die ganze Nacht nicht. Da bin ich mir sicher.«
»Sie sind sich sicher?«, fragte ich.
»Allerdings«, erwiderte sie. »Weil ich nicht viel geschlafen hab, bevor der Gast angekommen ist.«
»Und aus welchem Grund?«
»Weil mir heiß war. Sehr heiß.«
Ich überlegte. »Schlafen Sie in der Nähe der Küche?«
»Ja. Warum?«
»Weil der Kirpis-Pilz dort fast tot ist. War Ihnen vielleicht deshalb heiß?«
Sie wirkte überrascht. »Es ist noch einer gestorben?«
»Sind schon vorher welche gestorben?«
»Sie sind sehr anfällig für Feuchtigkeit. Zu viel Wasser, dann verschrumpeln sie und sterben.«
»Was für eine Art von Feuchtigkeit?«
»Jede Art. Regen. Luftfeuchtigkeit. Wenn man in der Nähe ein Fenster oder eine Tür offenlässt – besonders jetzt, zu Beginn der Regenzeit –, werden sie sofort krank. Sie sind verdammt launisch.«
Ich lehnte mich zurück und konzentrierte mich. Ein Flattern hinter meinen Augen veranlasste mich, mir meine Durchsuchung des Hauses ins Gedächtnis zu rufen, und die Bilder jedes einzelnen Zimmers blitzten detailgenau in meinem Kopf auf wie in Honigtropfen eingeschlossene Fliegen. Keine der Türen oder Fenster, die ich gesehen hatte, waren geöffnet gewesen. Warum also war der Kirpis gestorben?
»Haben Sie oder hat jemand sonst hier im Haus vielleicht eine offene Tür oder ein Fenster geschlossen, bevor Blas gestorben ist?«, fragte ich.
Sie starrte mich an. »Nachdem, was wir gesehen haben, konnten wir uns kaum auf den Beinen halten, Sir«, erwiderte sie. »Geschweige denn unsere Arbeit tun.«
Ich fasste das als ein Nein auf – niemand hatte irgendwelche Türen oder Fenster geschlossen. Also fuhr ich in meiner Befragung fort.
Die Dienstmädchen waren mir ausgegangen, also nahm ich die Köchin in die Zange und fragte sie nach dem Blut in der Küche. Sie zeigte sich nicht besonders beeindruckt.
»Was glauben Sie denn, warum in der Küche Blut sein könnte?«, fragte sie frech.
»Haben Sie sich geschnitten?«
»Nein. Natürlich nicht. Dafür bin ich zu alt und zu gut. Wenn Sie Blut gefunden haben, wird es mit Sicherheit von dem Larfisch sein, den ich Blas zum Frühstück gemacht habe – nicht, dass er ihn jemals gegessen hätte.«
»Larfisch?« Ich verzog das Gesicht. »Zum Frühstück?«
»Den isst er eben gerne«, sagte sie. »Weiter draußen bei der Mauer, wo er arbeitet, ist der schwer zu bekommen.« Sie beugte sich zu mir vor. »Wenn Sie mich fragen, dann hat er sich dort draußen an der Seemauer was eingefangen. Einen Parasiten oder so. Ich meine – überlegen Sie doch mal, was die Seemauern draußen halten. Sanctum weiß, was für seltsame Sachen die da mit reinholen!«
»Sie kommen nicht rein, meine Dame«, sagte ich. »Darum geht es ja bei der Seemauer.«
»Vor ein paar Jahren gab es aber einen Vorfall«, sagte sie. Sie schien begeistert über die Gelegenheit, sich über solche Schauergeschichten auszulassen. »Etwas ist reingekommen und hat eine Stadt weiter im Süden zerstört, bevor die Legion es zur Strecke gebracht hat. Heutzutage blühen dort die Bäume. Vorher haben sie das nicht getan. Vorher waren es Bäume, die überhaupt nicht blühen konnten.«
»Wenn wir auf die Umstände der letzten Nacht zurückkommen könnten, meine Dame …«
»Umstände!«, erwiderte sie höhnisch. »Der Mann hat sich eine Verseuchung eingefangen. So einfach ist das.«
Ich machte noch etwas Druck, erfuhr aber nichts Interessantes mehr von ihr, also ließ ich sie gehen.
Als Nächstes war der Gärtner dran. Der Mann hieß Uxos und war anscheinend nicht nur der Gärtner, sondern erledigte auch dies und das im Haushalt, reparierte Wände und Farnpapier-Türen. Ein höchst furchtsamer Mann, der mir schon etwas zu alt für seine Arbeit vorkam. Der Gedanke daran, den Schaden beheben zu müssen, den die Bäume am Haus angerichtet hatten, machte ihm offenbar schreckliche Angst.
»Ich weiß nicht mal, was für eine Art von Baum das ist«, sagte er. »So etwas habe ich mein Lebtag noch nicht gesehen.«
»Er hatte übrigens eine Blüte«, sagte ich. »Eine kleine weiße.« Ich beschrieb sie ihm – das Purpur und Gelb der inneren Blätter, ihren süßlich-üblen Duft. Er schüttelte bloß den Kopf.
»Nein, nein. Das ist keine Blume, die ich kenne. Kein Baum, den ich kenne. Ich weiß nicht.«
Ich fragte ihn nach dem Kirpis-Pilz, worauf er mir das Gleiche sagte wie das Dienstmädchen: Zu viel Wasser war tödlich für die Dinger. Aber woran dieses Exemplar gestorben war, wusste er nicht.
»Wahrscheinlich hat ihm jemand zu viel Wasser gegeben«, sagte er. »Hat einen Drink in ihn geleert. Ein teurer Spaß, aber es kommt vor. Sie sind schwer zu pflegen. Die Luft zu kühlen, ist ein komplexer Vorgang. Zwischen ihren Wurzeln wachsen schwarze Fruchtkörper, die man entfernen muss …«
Schließlich fragte ich ihn nach seinem Ofen und der Asche draußen in seiner Hütte.
»Mit dem Feuer säubere ich meine Werkzeuge«, erklärte Uxos. »Manche Pflanzen sind sehr empfindlich. Ich darf keinen Pilzbefall von der einen auf die andere übertragen. Deshalb reinige ich sie im Feuer.«
»Gibt es dafür nicht Reinigungsmittel?«, fragte ich. »Seifen und so für Ihre Werkzeuge?«
»Die sind teuer. Feuer ist billiger.«
»Die Hazas kommen mir nicht wie Leute vor, die sich um Kosten scheren.«
»Doch, das tun sie. Wenn Menschen teuer werden. Dann gehen die Menschen nämlich. Ich gebe mir große Mühe, nicht teuer zu sein. Ich will nicht gehen.«
Ein Anflug von Sorge in seinem Blick. Mehr als ein bisschen zu alt, um als Gärtner zu arbeiten, mutmaßte ich, und das wusste er. Ich versuchte, noch mehr aus ihm herauszubekommen, aber er hatte nichts weiter zu berichten, und so ließ ich ihn in Ruhe.
Als Letzte kam die Haushälterin – eine Madame Gennadios, die hier anscheinend das Sagen hatte, wenn die Hazas nicht selbst da waren. Sie war schon älter, mit faltigem, stark geschminktem Gesicht. Ihre offenkundig teuren Gewänder waren weich und schimmerten grün – Sazi-Seide, aus dem Inneren Ring des Imperiums. Als sie das Zimmer betrat, verharrte sie für einen Moment, betrachtete mich mit einem kühlen, verschlagenen Blick, setzte sich in einwandfreier Haltung – die Beine leicht angewinkelt, Knie zusammen, die Hände im Schoß, die Schultern aufrecht und straff – und starrte stur in die Ecke.
»Stimmt etwas nicht, meine Dame?«, fragte ich.
»Ein Junge.« Ihre Stimme klang zugleich spröde und gespannt wie eine Bogensehne. »Sie haben uns einen Jungen geschickt.«
»Wie bitte?«
Erneut musterte sie mich aus dem Augenwinkel. »Der also hält uns in unserem Haus, dem Haus meiner Herren, fest und gestattet uns nicht, diese verdammte Leiche zu beseitigen – ein zu groß geratener kleiner Junge.«
Ein Moment verstrich in eisigem Schweigen.
»Bei Ihnen im Haus ist jemand gestorben, meine Dame«, sagte ich. »Wahrscheinlich an einer Verseuchung. Auch Sie alle hätten daran sterben können. Wollen Sie nicht, dass in der Sache ermittelt wird?«
»Und wo ist die Ermittlerin?«
»Die Ermittlerin kann nicht persönlich erscheinen«, erklärte ich. »Ich bin hier, um den Ort des Geschehens zu begutachten und ihr Bericht zu erstatten.«
Der Blick, mit dem sie mich bedachte, ließ mich an einen Aal denken, der geduldig einen vor seiner Höhle umherflitzenden Fisch beobachtete. »Stellen Sie mir Ihre Fragen«, sagte sie. »Ich habe zu tun, ich muss die verdammte Decke reparieren lassen. Na los.«
Ich nahm einen tiefen Atemzug aus meinem Röhrchen und fragte nach dem Grund für Blas’ Aufenthalt. Mit dem kleinsten, unaufrichtigsten Schulterzucken, das ich je gesehen hatte, antwortete sie: »Er ist ein Freund der Familie Haza.«
»Eines Ihrer Dienstmädchen hat das auch gesagt.«
»Weil es stimmt.«
»Sie hat genau das gesagt.«
»Weil es stimmt.«
»Und Ihre Herren lassen ihre Freunde oft in ihren Häusern wohnen?«
»Meine Herren haben viele Häuser und viele Freunde. Manchmal verbringen ihre Freunde etwas Zeit hier bei uns.«
»Und niemand aus der Haza-Familie hatte vor, sich hier mit ihm zu treffen?«
»Meine Herren«, sagte sie, »bevorzugen zivilisiertere Gegenden als diesen Kanton.«
Ich fuhr fort und fragte sie, wo die Reagenzschlüssel des Dienstpersonals aufbewahrt wurden.
»Über Nacht werden alle Reagenzschlüssel weggesperrt«, sagte sie. »Nur ich und Uxos tragen in den Abendstunden welche bei uns, für Notfälle.«
Ich erkundigte mich, ob und wie Schlüssel ersetzt wurden, ob sie sich vervielfältigen ließen und so weiter, aber sie tat meine Fragen ab. Das erschien ihr ganz und gar unmöglich.
»Was ist mit Anpassungen?«, fragte ich. »Sind Ihre Bediensteten hier mit irgendwelchen imperialen Plantaten ausgestattet?«
»Natürlich«, sagte sie. »Zur Immunisierung und gegen Parasiten. Wir befinden uns immerhin in den Randbereichen des Imperiums.«
»Nichts Höherentwickeltes?«
Sie schüttelte den Kopf. Mir wurde heiß unter dem Mantelkragen. Ihre Art, sich nicht zu bewegen, gefiel mir nicht, wie stocksteif sie dasaß, wie sie den Kopf nur bewegte, um mich aus dem Augenwinkel zu beobachten, wie ein verdammter Vogel.
»Können Sie mir zumindest sagen, welcher Art die Beziehung des Kommandanten zu den Hazas war?«, fragte ich.
Ein vernichtender Blick. »Sie waren Freunde.«
»Wie lange schon?«
»Ich bin nicht im Bilde über die Art aller Freundschaften meiner Herren, und sie gehen mich auch nichts an.«
»Haben sie viele Freunde in Daretana?«
»Ja. Und auch in vielen Iyalets, übrigens.« Ein Funkeln trat in ihre Augen. »Von denen einige über Ihnen stehen.«
Ich bedachte sie mit einem höflichen Lächeln, aber ihre Drohung kam mir durchaus real vor. Ich stellte ein paar weitere Fragen, bekam jedoch keine Antworten von ihr. So ließ ich auch sie gehen.
Dann war es geschafft. Alle Zeuginnen und Zeugen waren befragt, das gesamte Personal war vor mir erschienen, und ich wusste, wer wann das Haus betreten oder verlassen hatte. Die einzige Person, die am vergangenen Tag eingetroffen war, war Kommandant Taqtasa Blas gewesen. Am Abend des neunundzwanzigsten Skalasi um kurz nach elf Uhr hatte er das Anwesen betreten. Er hatte sofort gebadet und war anschließend ins Bett gegangen, war am dreißigsten erwacht, um kurz vor dem Frühstück in sein Zimmer zurückzukehren und einen denkbar grausigen Tod zu sterben. Obwohl ich dachte, dass ich ziemlich gute Arbeit geleistet hatte – vielleicht abgesehen von dem Gespräch mit der Haushälterin – konnte ich mir keinen Reim auf das Geschehene machen. Ich hatte keine Ahnung, ob Blas einem Mord zum Opfer gefallen war oder ob überhaupt etwas Verdächtiges an seinem Ableben war.
Schließlich kam es durchaus gelegentlich zu Verseuchungen. Insbesondere bei denen, die an der Seemauer arbeiteten.
Auf dem Weg nach draußen machte ich noch einmal beim Schlafzimmer Halt, um mir ein letztes Mal die Leiche anzusehen, und ja, auch, um Blas’ Buch zu seinen Sachen zurückzulegen. Ein seltsames Gefühl, das Tagebuch zurück in seine Tasche zu stecken, mit seinem erstarrten Schrei im Rücken. Trotz der Verstümmelungen war der Schmerz in seinem Gesicht noch deutlich zu erkennen, als spürte er noch immer, wie die Triebe sich durch sein Fleisch bohrten und wanden.
Ich ging nach draußen und bedankte mich bei Otirios, der mich durch die Gärten zurück zum Dienstboteneingang führte.
»Dürfen wir die Leiche jetzt entfernen, um sie zu untersuchen, Sir?«, fragte er.
»Ich denke schon, aber behalten Sie bitte alle Zeugen hier«, sagte ich. »Ich werde der Ermittlerin Bericht erstatten, und wahrscheinlich wird sie einige von Ihnen noch einmal vorladen, um sie selbst zu befragen.«
»Das war gute Arbeit«, sagte er.
»Was?«
»Gute Arbeit. Wenn ich das sagen darf. Alles gut geregelt.« Er bedachte mich mit einem strahlenden Grinsen wie von einem großen Bruder. Solch ein Lächeln sah ich normalerweise nur über dem vierten Becher Suffwein. »Aber nächstes Mal, Sir – wäre es vielleicht gut, ein bisschen freundlicher zu sein. Ich habe schon Bestatter getroffen, die herzlicher waren als Sie.«
Ich blieb stehen und sah ihn an. Dann drehte ich mich um und ging weiter, durch den pittoresken Garten und zum Rankentor hinaus.
»Aber ich muss mich auch fragen, Sir …«, sinnierte Otirios, während wir zwischen den Ranken hindurchtraten.
»Ja, Princeps? Welchen Rat haben Sie jetzt noch für mich?«
»Wäre all das nicht vielleicht einfacher gewesen, wenn die Ermittlerin persönlich gekommen wäre?«
Ich blieb erneut stehen und bedachte ihn mit einem düsteren Blick.
»Nein«, sagte ich. »Ich kann Ihnen absolut aufrichtig sagen, Princeps, dass es nicht einfacher gewesen wäre, wenn die Ermittlerin selbst gekommen wäre.« Während ich meinen Weg fortsetzte, fügte ich leise hinzu: »Das können Sie mir glauben.«
Im Kanton Daretana gab es nichts, was man wirklich als Stadt hätte bezeichnen können, sondern nur Ansammlungen von Gebäuden der imperialen Iyalets entlang der wichtigsten Straßenkreuzungen, neben zahllosen Warenhöfen und Lagerhallen und Scheunen für all die Materialien und das Vieh, das unablässig Richtung Seemauer getrieben wurde. An diesem Nachmittag zeigte der Weg dorthin sich wie meistens als ein Morast aus Schlamm und Menschen und aneinandergedrängten Pferdeleibern. Ich tänzelte an den Hauswänden entlang durch die Stadt Richtung Süden, hielt für Karren und Wagen inne und betrachtete all die vertrauten Dinge: Pferde, die Beine mit rotbraunem Schlamm verkrustet bis hinauf zu den Bäuchen, Schwärme wimmelnder, brummender Fliegen; schweißüberströmte Offiziere der Legion, die Ingenieure und Angehörigen anderer Iyalets, die Namen und Befehle bellten und sich anscheinend nicht darum scherten, ob man sie hörte oder ihnen gehorchte. Ich verbeugte mich und nickte und verbeugte mich und nickte, bis ich aus dem Gedränge heraus war und den Dschungel erreichte.
Der Wald war dunkel und flimmernd heiß. Die Sonne senkte sich bereits und sandte Speere lohfarbenen Lichts durch das Blätterdach. Ich fand den schmalen Dschungelpfad zum Haus meiner Meisterin, wo ich vom vertrauten Konzert der Frösche und Käfer begrüßt wurde. Bald teilten sich die vom Dunst schweren Blätter, und ich erhaschte einen Blick auf ihre kleine Hastranken-Behausung in den Schatten.
Ich suchte mir einen Weg zwischen den Baumstümpfen hindurch. Die Ingenieure hatten alle diese Bäume gefällt, als man meine Meisterin zur Iudex-Ermittlerin dieses Kantons ernannt hatte, was inzwischen etwa vier Monate her war, und dann hatten sie ihr ein Haus aus Hastranken errichtet – jener angepassten Kletterpflanze, die die Apothetikalen dazu veranlassen konnten, in jeder beliebigen Form zu wachsen. Während ich diesen Pfad so oft beschritten hatte, dass ich praktisch in meinen eigenen Fußstapfen ging, hatte sie das Haus seit ihrem Einzug nicht einmal verlassen. Nicht ein einziges Mal.
Ich stieg die Eingangstreppe hoch und sah einen verschnürten Bücherstapel neben der Tür. Eine Lieferung von der Daretanischen Post, nahm ich an. Ich hockte mich hin und schlug ein paar davon auf, um die Titel zu lesen. Wie immer zitterten und bebten die Buchstaben vor meinen Augen, sodass ich sie nur mit Mühe zu Worten zusammensetzen konnte. Das trügerische Dschungellicht war auch nicht besonders hilfreich, aber schließlich konnte ich Zusammenfassung der Übertragungen von Grundeigentum, Kanton Qabirga, 1100-1200 und Theorien hinsichtlich der Zunahme des Flitzkrabben-Bestands seit 800 entziffern.
»Was zum …?«, murmelte ich.
Dann hielt ich inne und lauschte. Ich hörte das Quaken eines Schmeißfrosches, den tiefen Ruf einer Mika-Lerche. Doch dann wurde mir klar, dass da noch etwas war: eine brummende Männerstimme im Haus.
Ich drückte das Ohr an die Eingangstür und hörte erst eine Stimme – die meiner Meisterin – und dann eindeutig eine zweite, die eines Mannes. Die eindeutig besorgt klang, nervös sogar.
»Ach verdammt«, sagte ich. »Sie hat schon wieder einen erwischt …«
Ich stieß die Tür auf und eilte ins Haus.
Das Bemerkenswerte an dem kleinen Hastranken-Haus war die schiere Anzahl von Büchern in seinem Innern: Bücherwände, Bücherstapel und wahrhafte Bücherschluchten zu allerlei obskuren Themen. Meine Meisterin lebte ziemlich buchstäblich in ihren Büchern und verwendete sie oft als Schreibpult oder Nachttisch. Für ihr Bett musste sie sogar eine Grotte aus Büchern formen.
Ich schaute die Täler zwischen den Folianten entlang, näherte mich dem Besprechungszimmer am hinteren Ende des kleinen Hauses, erspähte dort die Füße einer Person in einem Sessel – schwarze, glänzende Offiziersstiefel – und verzog das Gesicht. Ich strich mir das Haar glatt und betrat das Zimmer.
Seit gestern hatte sich die Situation im Besprechungszimmer verschlechtert: Dort herrschte jetzt ein dichtes Gewirr von Topfpflanzen, viele davon exotisch und halbtot, und von mehr oder weniger zerstörten Saiteninstrumenten. Links im Zimmer stand ein kleiner Polstersessel, in dem heute ein Caput des Ingenieurs-Iyalets saß, ein dünner Mann in den mittleren Jahren, der zutiefst eingeschüchtert wirkte.
Der Grund für sein Unbehagen war offenkundig. Die meisten Leute waren starr vor Angst, wenn sie sich im selben Raum mit meiner Meisterin aufhielten: Immunis Anagosa Dolabra, Iudex-Ermittlerin des Kantons Daretana, die, dem Caput den Rücken zugewandt, auf dem Boden saß und an einem ihrer Projekte arbeitete. Es handelte sich um irgendeinen Apparat aus Drähten und Schnur, auf den ich mir keinen Reim machen konnte. Vermutlich hatte sie eine ihrer zahlreichen Situr-Harfen auseinandergenommen – sie war eine begeisterte, wenn auch unkonzentrierte Musikerin – und bastelte nun eine Art Webrahmen aus den Saiten.
»Din, ich habe dir doch gesagt, dass du klopfen sollst«, sagte Ana. »Immer.«
Ich nahm Haltung an, Hände hinter dem Rücken, Hacken schulterbreit auseinander, Knie durchgestreckt. »Dachte, ich hätte Stimmen gehört, Ma‘am«, sagte ich. »Wollte das überprüfen.«
»Oh, kein Grund zur Sorge.« Sie grinste mich über die Schulter hinweg an. Eine Strähne ihres schneeweißen Haares bog sich über ihre Wange wie die Kammfeder eines exotischen Vogels. Ich rührte mich nicht, obwohl sie mich nicht sehen konnte. Ihre Augen waren mit einem breiten, dunkelroten Tuch verbunden. »Der Caput und ich«, sagte sie, »haben uns gerade ganz wunderbar unterhalten.«
Der Caput starrte mich in nacktem Grauen an.
»Ist das so, Ma‘am?«, fragte ich.
»Allerdings.« Sie wandte sich wieder ihrem Projekt zu. »Der Caput ist für das Bewässerungsnetz rund um Daretana verantwortlich. Bei der Wartungsarbeit wurden Ruinen entdeckt, Hunderte von Jahren alt, errichtet von den Menschen, die hier vor der Ankunft des Imperiums gelebt haben. Richtig, Caput Tischte?«
Der Caput sah mich an und formte einen stummen Hilferuf mit den Lippen.
»Hochinteressant ist«, fuhr Ana fort, »dass einige der Bauwerke offenbar in einer komplexen Fischgräten-Ziegelstruktur errichtet wurden, die sehr wenig Mörtel benötigt. Ist das nicht faszinierend?«
Der Caput gestikulierte jetzt verzweifelt Richtung Tür.
»Außerordentlich faszinierend, Ma‘am«, sagte ich.
»Vor allem«, fuhr sie fort, »weil ich schon seit langem die Theorie hege, dass die Kurmini im Dritten Ring des Imperiums ursprünglich, also vor der Gründung des Imperiums, von hier dorthin gewandert sind. Diese Entdeckung würde das bestätigen, weil das Fischgräten-Ziegelmuster im Kanton Kurmin extrem verbreitet ist! Offensichtlich sind die Menschen landeinwärts gezogen, weil …« – sie deutete Richtung Osten – »nun ja, ganz offensichtlich, weil sie überleben wollten.«
Der Caput hörte plötzlich auf zu gestikulieren. Ihm war wohl das weiße Tuch auf dem Tablett neben ihm aufgefallen. Bevor ich ihn daran hindern konnte, hob er es an und starrte entsetzt auf das, was darunter lag: Vor einigen Wochen hatte Ana einen kleinen Jipti-Sperber gefangen. Sie hatte ihn getötet, seziert und in einem Glas konserviert. Der Caput ließ das Tuch mit zitternder Hand wieder sinken.
Eilig dachte ich mir eine Geschichte aus. »Genau genommen, Ma‘am«, sagte ich und räusperte mich, »bin ich auf dem Weg hierher einigen Ingenieurs-Offizieren begegnet.«
»Tatsächlich?«
»Ja, Ma‘am. Sie haben erwähnt, dass sie auf der Stelle die Hilfe von Caput Tischte benötigen.«
Über ihre Apparatur gebeugt, hielt Ana inne und neigte den Kopf zur Seite. »Hm. Nein. Das ist gelogen, Din. Du bist ein sehr schlechter Lügner, ich höre es deiner Stimme an. Aber! Ich gebe zu, dass Caput Tischte abgesehen von unserer Fischgräten-Diskussion nichts Interessantes zu erzählen hatte und er mich mittlerweile ziemlich langweilt.« Nach wie vor mit verbundenen Augen grinsend drehte sie sich zu ihm um. »Sie können gehen, Caput. Danke für Ihre Zeit.«
Mit empörter Miene sprang Caput Tischte auf. Er verbeugte sich, presste ein heiseres »M-Ma‘am« hervor und floh Richtung Tür.
Ich begleitete ihn hinaus in die feuchte Nachmittagshitze und überlegte, wie ich den angerichteten Schaden diesmal wiedergutmachen sollte.
»Ich bitte um Verzeihung«, sagte ich. »Es gibt wirklich keine Entschuldigung für …«
»Entschuldigung!«, quakte er, als wir draußen waren. »Entschuldigung! Sie schreibt mir einen Brief, damit ich ihr ein paar Landkarten bringe, und dann setzt sie mich für drei Stunden dort drin fest und fragt mich über mein ganzes Leben aus! Sie wollte sogar wissen, welche Form meine Füße haben!«
»Es tut mir leid.« Ich verbeugte mich, hob kurz den Blick, sah sein wutentbranntes Gesicht und verneigte mich sofort noch tiefer, bis ich mit der Nasenspitze beinahe meine zerlumpten Stiefel berührte. »Ich hätte der Sache einen Riegel vorgeschoben, wenn ich hier gewesen wäre, Sir. Ich hätte wirklich …«
»Und dann … dann besitzt sie auch noch die Dreistigkeit, mich langweilig zu nennen! Wenn ich mir vorstelle, dass diese Irre unsere Iudex-Ermittlerin ist …« Er wandte sich ab und stürmte über den Pfad durch den Dschungel davon, zurück Richtung Stadt.
Ich sah ihm nach, murmelte »Scheiße« und kehrte ins Haus zurück.
Im Besprechungszimmer kauerte Ana immer noch gespannt wie eine Feder über ihrer Apparatur und ließ die Finger nachdenklich über die Saiten tanzen.
»Sie wissen aber …«, setzte ich an und hielt inne, um meine Worte noch mal zu überdenken.
»Fahre fort, Din.« Sie nahm die Augenbinde ab. »Ich dachte mir schon fast, dass du mich tadeln wirst. Was einen beträchtlichen Unterhaltungswert hätte.«
»Tja, Ma‘am, Sie wissen schon«, sagte ich also, »dass … dass Sie so nicht weitermachen können?«
»Normalerweise kann ich das nicht«, sagte sie. »Was daran liegt, dass du normalerweise hier bist, um mich daran zu hindern.«
»Das tue ich, Ma‘am«, erwiderte ich ungehalten, »weil es nicht geht, dass Sie die Leute hier einfach festhalten und auspressen wie eine Aplilose!«
»Ich bemühe mich lediglich nach besten Kräften darum, diesen elenden Kanton ein bisschen interessanter für mich zu machen«, erwiderte sie fröhlich und zog eine Saite an ihrer Apparatur straff. »Was nicht so einfach ist.«
»Ma‘am …«
»Wusstest du zum Beispiel, Din, dass der südöstlichste Brunnen Daretanas mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von Irida befallen ist?«
»Wie faszinierend, Ma‘am.«
»In der Tat. Das war nämlich niemandem klar. Ich jedoch konnte diese Information aus den Gesprächen mit den zweiundsechzig Personen ziehen, die ich im Laufe der letzten Monate gesprochen habe. Zwölf von denen, die regelmäßig aus diesem Brunnen trinken, haben mir unwissentlich die Symptome der entsprechenden Infektion beschrieben ‒ leichte Schmerzen, Schlaflosigkeit und einen unnatürlichen Geruch des Urins. Ich habe den Caput darüber in Kenntnis gesetzt und ihm empfohlen, den Brunnen reinigen zu lassen.« Erneut zupfte sie an den Drähten ihrer Apparatur. »Das bringen mir all diese Unterhaltungen, Din. Ich brauche nur genug Informationen, um ein Muster auszumachen.«
»Haben Sie diesen einen Legionskommandanten deshalb nach dem Geruch seiner Pisse gefragt, Ma‘am?«
»Oh nein, ganz und gar nicht. Zu dem Zeitpunkt war das reine Neugier.«
Ich gestattete mir, sie kurz zu betrachten. Sie war eine hochgewachsene, dünne Frau Ende vierzig oder fünfzig – bei manchen Angepassten war das schwer zu sagen –, und obwohl ihre Haut genau wie meine einen Grauschimmer aufwies, wirkte sie deutlich blasser als ich. Das lag hauptsächlich daran, dass sie nie rausging, aber wahrscheinlich auch an ihrer Sazi-Abstammung: Sie gehörte zu einem hellhäutigen Volk aus den Inneren Ringen des Imperiums, das kantigere und schmalere Gesichtszüge hatte als Talas wie ich. Ihr knochenweißes Haar, ihr breites Lächeln und ihre gelben Augen verliehen ihr etwas entfernt Katzenhaftes: eine verrückte Hauskatze vielleicht, die auf der Suche nach einem Sonnenfleck durch die Wohnung streift, dabei aber jederzeit gerne eine Pause einlegt, um die eine oder andere Maus zu foltern.
Heute trug sie ein langes schwarzes Kleid und darüber einen verschmutzten, dunkelblauen Mantel des Iudex-Iyalets, dessen Abzeichen, entgegen dem imperialen Regelwerk, in perfekt symmetrischen Gruppen angeordnet waren. Das heutige Muster unterschied sich vom gestrigen: Diesmal waren sie nach Farbe geordnet und nicht nach Größe.
»Ach!«, sagte sie. »Bücher!«
»Verzeihung, Ma‘am?«
»Sind meine Bücher angekommen, Din?«
»Oh. Ja, Ma‘am. Sie liegen auf der Veranda. Ich hätte sie mit reingeholt, aber ich wurde durch die Folterqualen des Caput abgelenkt.«
»Und jetzt folterst du dich mit deinem Versuch, geistreich zu sein«, sagte sie. »Aber wenn du so freundlich wärst …«
Ich verbeugte mich, ging zur Tür und hielt mit der Hand am Knauf inne, um einen Blick zurückzuwerfen.
»Ich schaue weg!«, sagte sie. Ihr Blick war in die Ecke des Besprechungszimmers gerichtet. »Ich schaue weg!«
