The Whispering Dead - Gravekeeper Band 1 - Darcy Coates - E-Book

The Whispering Dead - Gravekeeper Band 1 E-Book

Darcy Coates

0,0
5,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Sie besitzt die seltene Fähigkeit, mit den Toten zu kommunizieren. Keira kommt mit einer Kopfverletzung im Wald zu sich. Alles, was sie noch weiß, ist ihr Name und dass jemand sie verfolgt. Am Rande eines Friedhofs findet Keira in einer verlassenen Hütte Zuflucht. Dort im Nebel, inmitten der vielen Grabsteine, sieht sie Gestalten. Gespenstische Erscheinungen. Unter ihnen eine junge Frau, die darum fleht, ihr zu helfen. Doch je tiefer Keira in die Vergangenheit der Toten eintaucht, umso mehr wächst die Gefahr für ihr eigenes Leben ... Ein neuer atemberaubender Geisterroman der australischen Bestsellerautorin . Ein düsteres Lesevergnügen. Die Fans von Darcy Coates lieben es, wenn beim Lesen die kalten Finger der Angst die Wirbelsäule hinaufkrabbeln.    

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 373

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Aus dem australischen Englisch von Claudia Rapp

Impressum

Die australische Originalausgabe The Whispering Dead – Gravekeeper #1

erschien 2021 im Verlag Poisoned Pen Press.

Copyright © 2021 by Darcy Coates

Copyright © dieser Ausgabe 2026 by

Festa Verlag GmbH

Justus-von-Liebig-Straße 10

04451 Borsdorf

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:

[email protected]

Titelbild: Iguads / 99designs

Alle Rechte vorbehalten

eISBN 978-3-98676-264-3

www.Festa-Verlag.de

1

Keira öffnete mühsam die Augen. Regen fiel durch Äste herab, traf auf ihre gerötete Haut und wusch ihr die Spuren von Blut von der Wange.

Irgendwo hinter ihr knirschten Schritte durch Blätterhaufen und verklangen dann im Chor der Hintergrundgeräusche. Keira stemmte sich hoch, setzte sich auf und schluckte ein Stöhnen herunter, als ihr der Schmerz durch den Arm fuhr. Sie berührte ihre Schulter und suchte nach der Quelle der Verletzung, aber ihre Jacke bedeckte die Stelle.

Okay. Ich befinde mich in einem Wald und ich bin verletzt. Was ist passiert?

Sie versuchte, sich zu erinnern, fand aber nichts. Ihr Name war Keira. Sie war in einem Wald zu sich gekommen, wie es aussah; es war früher Abend, sie war voller Schlamm, ihr tat alles weh und sie war völlig durchnässt. Das war alles, was sie wusste.

Keira hob die Hände. Sie erschienen ihr vage bekannt, fast so wie ein älteres Foto von jemandem, den sie kannte, aber das half ihr ebenso wenig, den Nebel zu durchdringen.

Ein Schuss ertönte irgendwo zu ihrer Rechten. Darauf folgte kurz Stille, dann rief eine Stimme ein Kommando in einer Sprache, die sie nicht verstand.

Keira erstarrte. Die Stimme kam ihr nicht bekannt vor, aber der Tonfall ließ ihren Puls hämmern und sorgte dafür, dass sich die bittere Schärfe der Angst in ihrem Mund breitmachte. Lauf, drängte ihr Unterbewusstsein sie. Lauf weit weg, schnell und leise. Du wirst gejagt.

Sie stand auf den Füßen, bevor die nächste Sekunde verstrichen war. In ihrem Kopf pochte es, und ihre Glieder zitterten, als sie auf einen Baum zustolperte und sich daran festhalten musste.

Ich kann nicht lange bewusstlos gewesen sein. Höchstens ein paar Sekunden. Fühlt sich an, als wäre ich gerade einen Marathon gelaufen, und mein Preis dafür war, von einem Zug überfahren zu werden.

Sie blinzelte Regentropfen aus den Augen, während sie versuchte, sich zu orientieren. Sie war in einer kleinen Mulde zwischen zwei Bäumen zu sich gekommen. Eine schlammige Spur führte auf einer Seite den Abhang hinunter und deutete wohl auf die Stelle hin, an der sie gestürzt war.

Der Schuss war von rechts gekommen. Der Regen hatte den Knall gedämpft, woraus sie schloss, dass er in mindestens 50 Metern Entfernung abgefeuert worden sein musste. Das schien ganz schön weit weg zu sein und gleichzeitig viel zu nahe.

Keira rannte in die entgegengesetzte Richtung los. Ihre Lunge brannte und auf ihrer Zunge schmeckte sie Kupfer, aber ihre Beine schienen zu wissen, was sie zu tun hatten. Sie bewegten sich schnell und mit Leichtigkeit, trugen sie über herabgefallene Äste hinweg und um Löcher im Boden herum. Den Oberkörper hielt sie so niedrig wie möglich, um kein allzu großes Ziel abzugeben. Offenbar war ihr das Ausweichen vor Fremden bereits in Fleisch und Blut übergegangen.

Vor ihr lichtete sich der Wald, und Keira rannte jetzt mit größeren Schritten. Ungeachtet ihrer Erschöpfung trugen ihre Beine sie mit animalischer Gewandtheit aus dem Gewirr der Stämme heraus und den mit Unkraut überwucherten Abhang hinunter. Es wäre geradezu beglückend gewesen, hätte sie sich nicht so bodenlos desorientiert gefühlt.

Der Regen fiel immer dichter herab. Ein Gewittersturm und ein richtiger, gründlicher Sturzregen, wie er nur wenige Male im Jahr herunterprasselte. So heftig, dass ihr das Wasser den Mund füllte, wenn sie den Kopf zurücklegte. Gut, wisperte es in ihrem Kopf. Das verbirgt deine Fährte und zerstreut deinen Geruch. Sie können ihre Hunde nicht einsetzen, um dich zu wittern.

Sie versuchte, sich an diesem Gedanken festzuhalten, denn sie spürte, dass das Rätsel um ihre Identität gelüftet würde, wenn sie dieser Spur bloß folgen könnte, aber dann glitt er wie ein Phantom-Aal wieder hinab in ihr Unterbewusstsein.

Eine nebelschwere Lichtung erstreckte sich vor ihren Augen. Dahinter war eine Ortschaft zu erahnen; vom Regen verwischte Lichter versprachen Zuflucht.

Wieder krachte ein Schuss. Keira duckte sich automatisch noch tiefer, bewegte sich beinahe parallel zum Boden und änderte die Laufrichtung geradewegs auf das nächstgelegene Gebäude zu. Es schien sich um eine Art Bauernhof zu handeln, der ein wenig abseits des Städtchens lag, und aus den Fenstern ergoss sich goldenes Licht.

Der Untergrund wurde flacher, sodass Keira sich für jeden Schritt ein wenig mehr anstrengen musste, und das Gras um ihre Stiefel reckte sich hoch hinauf. Feiner, kalter Dunst waberte durch den Regen.

Eine dunkle Silhouette tauchte aus dem Nebel auf, und Keira rannte schlitternd seitwärts weiter, um nicht dagegenzulaufen. Es ragte hoch auf, beinahe so hoch wie sie, und schien aus Stein zu sein. Sie wollte stehen bleiben und sich das Ding näher ansehen, aber es schien nicht angebracht, ausgerechnet jetzt die Umgebung zu erkunden.

Ein Blitz knisterte am Himmel und tauchte die Welt für einen Moment in weißes Licht. Eine weitere Form erhob sich rechts von ihr. Sie kniff die Augen zusammen, als sie daran vorbeisprintete, und dann lief ihr ein Schauer den Rücken hinunter. Es war ein Grabstein. Sie war auf einen Friedhof gestolpert.

Immer mehr Steine tauchten ringsherum aus dem Nebel auf, materialisierten sich wie Schiffe, die durch flüchtige Gewässer segelten.

Das Gebäude, das sie fälschlicherweise für eine Farm gehalten hatte, erwies sich als kleiner Pfarrhof. Ein Kreuz ragte vom Türmchen auf, Wasser tropfte daran herab auf das dunkle Dach.

Das Steinhaus sah aus, als wäre es mindestens ein Jahrhundert alt, aber der dazugehörige Garten war voller wilder Sträucher. Als sie sich von der Seite näherte, erhaschte Keira einige Noten einer Melodie, die von drinnen kam.

Sie drückte sich gegen die seitliche Mauer, wo der Schatten sie verbergen würde, und blickte sich endlich um. Der Rand des Waldes war durch den Dunst kaum zu erkennen. Dunkle Gestalten lösten sich aus der Baumreihe. Ein Dutzend oder mehr.

Keira presste ihre Hand gegen die Brust und spürte den hämmernden Herzschlag darunter. Sie hatte keine Minuten gebraucht, um den Pfarrhof zu erreichen; sie rechnete nicht damit, dass die Männer, die sie verfolgten, viel langsamer waren.

»Bitte lassen Sie mich rein.« Sie flüsterte die Worte, während sie mit der Faust gegen die hölzerne Tür schlug. »Bitte, bitte, bitte.«

Die Musik verklang. Keira drückte sich eng an den Stein und versuchte, sich im Windfang zu verstecken, während sie auf die Schritte lauschte, die sich drinnen näherten. Dann hörte sie das gedämpfte Klicken, als die Klinke hinuntergedrückt wurde; die Tür schwang auf und enthüllte einen weißhaarigen Mann mit Brille.

Er hielt ein besticktes Küchenhandtuch in der Hand; ein abgewetzter, rotbrauner Pullover bedeckte seine sacht abfallenden Schultern. Er hob die buschigen Brauen, der Gesichtsausdruck eine Mischung aus Neugier und Bestürzung.

»Bitte lassen Sie mich rein.« Sie warf einen raschen Blick über die Schulter. Sie konnten nicht weit sein; wahrscheinlich blieben ihr nur Sekunden. »Jemand verfolgt mich. Lassen Sie mich einfach nur kurz hierbleiben, bis die wieder weg sind, dann verschwinde ich. Ich verspreche es.«

»Oh.« Das Wort kam ganz langsam über seine Lippen, während sein Blick von ihrer durchnässten Gestalt zu dem Rinnsal aus Blut sprang, das ihr übers Gesicht lief. Er blinzelte und nickte dann, als würde er ihren Vorschlag ganz vernünftig finden, und trat beiseite.

»Wenn das so ist, kommen Sie wohl besser herein.«

Sie huschte durch die Tür und drückte sich auch drinnen nahe an die Wand. Ihr Herz schlug so heftig, dass sie es in den Ohren klingeln hörte. Sie konnte nur hoffen, dass sie schnell genug gewesen war und die Fremden sie nicht erspäht hatten.

Die Diele war warm und roch nach Gewürzen, und das Durcheinander aus unterschiedlichen Möbeln, die an den Wänden aufgereiht waren, machte einen heimeligen Eindruck. Der Pastor schloss die Tür, lehnte sich mit dem Rücken dagegen und betrachtete Keira mit leicht verwirrtem Blick. »Was ist passiert, mein Kind? Wurdest du angegriffen?«

Keira leckte sich die Regentropfen von den Lippen. Ein Teil von ihr wollte nichts sagen, stumm bleiben. Sie musste sich nur kurz im Haus des Geistlichen verstecken, bis die Fremden ihre Spur verloren hatten, und die Vorsicht gebot, so wenig wie möglich über sich preiszugeben.

Auf der anderen Seite schuldete sie dem Pastor etwas für seine Gastfreundlichkeit. Das Mindeste, was sie tun konnte, war, seine Frage zu beantworten. Und vielleicht konnte sie dabei ja die Last, die sie in ihrem Kopf herumtrug, ein wenig leichter machen.

»Ich heiße Keira. Ich werde gejagt. An mehr kann ich mich nicht erinnern.« Sie warf einen Blick den Korridor entlang. Lampen an Wänden und Decke beschienen die alten, zerkratzten Tische, sodass ihre Birnen ein Netzwerk aus widerstreitenden Lichtquellen bildeten. Draußen krachte entfernt der Donner. »Entschuldigen Sie, darf ich fragen … wo ich hier bin?«

»In der Pfarrei Blighty, zwei Kilometer vom gleichnamigen Ort entfernt.« Er wollte ihren Arm nehmen, aber Keira wich der Berührung aus.

Der Pastor sagte nichts und streckte taktvoll die Hand aus, um stattdessen auf eine offene Tür zu ihrer Rechten zu zeigen. »Komm rein und setz dich ans Feuer. Du musst doch frieren.«

Sie erhielt nie die Gelegenheit, zu antworten. Die Tür dröhnte und bebte, als eine schwere Faust von außen dagegenhämmerte. Keira fühlte sich, als würde ein Stromschlag durch sie hindurchfahren, der ihr Hirn zum Summen brachte und ihre Fingerspitzen taub werden ließ.

Versteck dich, flüsterte ihr Verstand. Versteck dich, oder du bist nicht die Einzige, die leiden wird.

Der Pastor blickte zur Tür und senkte die Stimme. »Sind sie das?«

Keira konnte lediglich nicken.

Der Pastor schürzte die Lippen. Er ging zu einem großen, schweren Holzschrank hinüber und öffnete die Schranktür. Hier hinein, wies er sie stumm an und winkte sie herüber.

Keira schlüpfte dankbar zwischen die Ansammlung geflickter Mäntel, Schirme und Gummistiefel. Die Faust hämmerte erneut gegen die Haustür, lauter diesmal, und der Pastor machte die Schranktür hinter ihr zu.

»Ich komme ja schon, keine Sorge.« Seine Stimme war fest gewesen, als er mit ihr gesprochen hatte, aber nun ließ er sie zwitschernd und ältlich klingen, als er den neuen Besuchern zurief: »Diese alten Knochen sind nicht mehr so schnell wie früher, meine Güte.«

Sie lauschte darauf, wie er zur Tür ging, jeden Schritt übertrieben schlurfend setzte. Die Tür ächzte, als er sie aufzog, und der Klang des trommelnden Regens wurde stärker. Dazu kam ein neues, unangenehm raues Geräusch. Schweres Atmen, dachte Keira. Sie sind gerannt und versuchen, das zu verbergen.

»Guten Abend.«

Die Stimme sorgte dafür, dass sich Keiras Magen in Abwehr verkrampfte. Der Sprecher versuchte, respektvoll zu klingen, aber sie konnte die Frustration, die sich darin verbarg, beinahe körperlich spüren. »Ich suche meine Freundin. Eine junge Frau, ganz dünn. Sie hat hellbraune Haare und trägt dunkle Kleidung. Haben Sie sie gesehen?«

»Nun …« Der Pastor zögerte, und Keira schmeckte die Angst auf ihrer Zunge. »Ich habe eine junge Frau, auf die diese Beschreibung passt, gesehen. Anfang der Woche hier im Ort. Nageln Sie mich nicht darauf fest, mein Gedächtnis, na ja, aber ich glaube, es war …«

»Nein, heute Abend.« Die Stimme wurde aggressiver, als sie den Monolog des Pastors unterbrach. Der Fremde räusperte sich und fuhr in ruhigerem Tonfall fort. »Wir haben uns erst vor weniger als einer Stunde getrennt.« Eine Pause entstand, dann sprach er weiter: »Wir hatten einen kleinen Streit. Vielleicht hat sie Sie gebeten, ihr Auftauchen hier geheim zu halten? Aber je schneller wir wieder vereint sind, desto schneller kann ich ihr auch helfen.«

»Ah, verzeihen Sie mir. Ich habe niemanden gesehen, seit ich heute Nachmittag nach Hause gekommen bin – bis ich gerade eben meine Tür geöffnet habe.«

Danke. Keira ballte die Fäuste, damit ihre Finger nicht zitterten.

»Sind Sie ganz sicher?« Ein warnender Unterton gesellte sich zu den Worten. »Es ist sehr wichtig, dass ich sie finde.«

»Bei Gott, aber ja! Lügen ist eine Sünde. Sie glauben doch nicht, dass ich meine unsterbliche Seele wegen etwas so Trivialem gefährden würde.«

Ein Schweigen entstand, das Keira nicht wirklich zu interpretieren vermochte. Sie hielt die Schultern gegen die Rückwand des Schranks gepresst, kämpfte darum, ganz still zu stehen und auf keinen Fall auf sich aufmerksam zu machen. Der Regen war ohrenbetäubend laut. Keira hatte das schreckliche Gefühl, dass sich der Fremde nicht so leicht abwimmeln lassen würde.

»Und was das angeht«, nahm der Pastor den Faden wieder auf, seine Stimme nun geradezu beseelt. »Ich kann nicht leugnen, dass ich glaube, dass eine höhere Macht Ihre Schritte in dieser schwarzen Nacht hierher zu meinem Pfarrhof gelenkt hat. Möchten Sie nicht für ein paar Minuten eintreten? Wir könnten bei einer schönen Tasse Tee über Ihr Seelenheil sprechen. Jeder braucht ein wenig Licht auf seinem Weg.«

Der Fremde gab sich gar keine Mühe, sein angewidertes Knurren zu unterdrücken. Schwere Schritte knirschten auf dem Kies vor der Tür, als er sich rückwärts entfernte. »Vielleicht ein anderes Mal. Ich muss weiter nach meiner Freundin suchen.«

»Möge dein Weg sicher sein, Kind Gottes«, rief der Pastor. Einen Augenblick später wurde die Haustür mit einem Ächzen geschlossen, und Keira wagte es, wieder zu atmen.

»Nun. Was für ein Spaß.« Der vergreiste Ton war aus der Stimme des Pastors verschwunden, als er die Schranktür öffnete und Keira in das plötzliche Licht blinzelte. »Ob Vertreter, Steuereintreiber oder neugierige Verwandte, dieser Spruch hat mich noch nie enttäuscht. Komm schon raus da, Keira, du machst meine ganzen Schuhe nass.«

2

»Ja, setz dich bitte dahin«, wies der Pastor sie an. »Den mag ich nicht besonders, also stört es mich auch nicht, wenn er Wasserflecke hat.«

Keira sank gehorsam in den Sessel mit Paisleymuster. Die gemütliche Wohnstube des Pfarrhofs war mit einer seltsamen Möbelkollektion ausgestattet, sowohl Modernes als auch Antikes war dabei. Ein üppiges Feuer knisterte im Kamin und strahlte großzügig Wärme ab, die durch ihre durchnässten Jeans und das T-Shirt drang und ihr ständiges Erschauern ein wenig milderte.

Der Pastor nahm Keiras Jacke, hängte sie neben die Feuerstelle zum Trocknen und wandte sich dann einer Tür auf der anderen Seite des Zimmers zu. »Ich heiße John Adage, aber für gewöhnlich nennen mich alle nur Adage. Ich glaube, ich habe irgendwo Verbandszeug. Bleib mal einen Moment ruhig hier sitzen.«

»Danke«, rief Keira seinem Rücken nach. Sie hatte sich bereits bedankt, als er sie aus dem Schrank geholt hatte, aber ein Mal schien ihr nicht genug zu sein. »Und, ähm, tut mir leid, dass Sie für mich lügen mussten.«

»Oh, mach dir deswegen keinen Kopf.« Das Klappern von Tellern sagte Keira, dass ihr Retter sich in die Küche begeben hatte. »Selbst wenn wir beiseitelassen, dass Verrat eine weit größere Sünde gewesen wäre, habe ich ja gar nichts Unwahres gesagt. Nur dass ich niemanden gesehen habe, seit ich nach Hause gekommen bin und bis ich die Tür aufgemacht habe.«

Adage erschien wieder im Türrahmen, in der einen Hand eine weiße Schüssel, aus der Dampf aufstieg, in der anderen einen kleinen weißen Kasten.

Er gab Keira die Schüssel in die Hand, und sie entdeckte endlich die Ursache für den wunderbar würzigen Geruch, der das Haus durchzog: Es war ein Eintopf, und Keira merkte, dass sie völlig ausgehungert war. Sie löffelte sich den ersten Schluck in den Mund, schluckte so schnell, wie es die heiße, sämige Flüssigkeit zuließ, und tauchte den Löffel erneut ein.

»Du hast Glück, dass du heute Abend gekommen bist.« Adage zog sich einen Holzstuhl heran, setzte sich neben sie und klappte den weißen Kasten auf. »Ich mache normalerweise nur einmal die Woche Eintopf. Wärst du gestern gekommen, hätte ich dir nur ein Mikrowellenessen servieren können.«

Keira erstarrte, den Löffel auf halbem Weg zum Mund. »Ich wollte Ihnen aber nichts wegessen …«

»Mach dich nicht lächerlich.« Er schob sich die Brille höher, während er mit zusammengekniffenen Augen die Anwendungshinweise auf der Flasche mit dem Antiseptikum las. »Zu meinen Aufgaben gehört auch die Armenspeisung, aber es gibt ja kaum jemanden im Ort, der arm genug wäre, um gespeist zu werden. Da kommst du mir gerade recht.«

Keira konnte sich ihr Lachen nicht verkneifen. Alles fühlte sich so aberwitzig an. Sie begriff nicht, wie der Pastor so fröhlich und zufrieden sein konnte.

»Los geht’s.« Er schüttelte einen Wattebausch aus der Verpackung und goss etwas von der durchsichtigen Flüssigkeit darauf. »Das wird sicher wehtun. Medizinischer Kram tut das immer, meiner Erfahrung nach. Dieser Mann hat nicht die Wahrheit gesagt, oder?«

Keira versuchte, nicht zusammenzuzucken, als er den Wattebausch am Haaransatz gegen ihre Haut drückte. »Nein. Glaube ich jedenfalls nicht. Ich kann mich an nichts erinnern.«

»Amnesie?«

»Schätze, schon.«

»Hmm.« Er tupfte noch ein paarmal, dann warf er den Bausch ins Feuer und suchte im Kasten nach Verbandsmull. »Nun, ich bin dir noch nie zuvor begegnet, und das bedeutet, dass du nicht aus Blighty bist. Ist ein winziges Städtchen, zu klein, um nicht jeden Einzelnen hier zu kennen, was bisweilen ebenso Fluch wie Segen sein kann. Du könntest aus Broadmeadow sein. Das ist 20 Minuten weit weg, mit dem Wagen.«

Keira zuckte die Schultern. »Bei dem Namen klingelt nichts bei mir.«

Adage zog die Brauen zusammen, als er eine Rolle Mull auseinanderzog. »Ich fürchte, ich habe keinen Schimmer, was ich hier tue. Vielleicht sollte ich den Arzt anrufen.«

»Nein, Sie machen das ganz toll.« Die Worte sprudelten ungefragt heraus. Der impulsive, reflexhafte Teil von ihr war offenbar sicher, dass sie Krankenhäuser und alles, was damit zu tun hatte, meiden wollte. »Es tut nicht mal mehr weh. Machen Sie einfach einen Verband drum herum, dann wird das schon.«

»Mhm.« Adage klang nicht überzeugt, aber er beugte sich vor, um den Mull um ihren Kopf zu wickeln. »Ich kann nicht einmal sagen, dass ich enttäuscht wäre. Dr. Kelsey ist sozusagen … Nun, es heißt ja, dass wir unsere Feinde lieben sollen, und in diesem Fall kann ich wahrheitsgemäß sagen, dass ich niemanden mehr liebe als Dr. Kelsey.« Er hatte ihr den Verband wie ein Bandana umgebunden. »Wie fühlt sich das an?«

»Ganz toll.« Die Feuchtigkeit aus ihrem nassen Haar drang bereits durch den Mull und der Verband fühlte sich zu locker an, aber Keira würde sich nicht beklagen.

»Dann schätze ich, wir sehen jetzt mal zu, dass wir rausfinden, was wir mit dir anfangen sollen.« Adage klappte den Verbandskasten zu und tippte die Schüssel in Keiras Händen an, um sie daran zu erinnern, weiterzuessen. »Hast du überhaupt irgendwelche Erinnerungen? Einen Nachnamen oder den Namen einer Freundin, eines Freundes vielleicht?«

Keira suchte in ihren Gedanken danach. Sie kam nur bis zu dem Moment, als sie in der Mulde zu sich gekommen war, aber davor war alles leer. Komm schon, Hirn. Du hast doch nur eine einzige Aufgabe. »Nein, tut mir leid.«

Er zuckte die Schultern, als wäre die Situation auch nicht schwieriger als die Entscheidung, was man im Restaurant aus der Karte bestellen sollte. »In dem Fall kannst du die Nacht über hierbleiben, wenn du versprichst, nichts zu stehlen und mich im Schlaf nicht zu ermorden. Wir machen dir auf einem der Sofas das Bett. Und wenn du dich morgen immer noch an nichts erinnerst, frage ich im Ort herum.«

Keira blickte von der Suppenschale zum wärmenden Feuer und dann zum Pastor. Ein einfaches ›Danke‹ schien völlig unzulänglich, um die bedingungslose Großzügigkeit zu würdigen, die er an den Tag legte, aber es war alles, was sie zu bieten hatte. »Danke. Ich danke Ihnen so sehr.«

Er winkte ab und stand auf, wollte keine Dankbarkeit. »Ehrlich, der heutige Abend ist richtig aufregend gewesen. Eine nette Abwechslung vom üblichen Trott. Lass mich mal sehen, wo ich ein paar Decken auftreibe.«

Draußen krachte wieder der Donner. Die Nacht war dunkel, aber die entfernten Lichter des Städtchens erschufen ein Mosaik auf der nassen Fensterscheibe. Angst und Unruhe ballten sich in ihrer Brust.

Sie hatte keine wirklichen Erinnerungen an ihr Leben, aber ihr Unterbewusstsein lieferte immer wieder kleine Hinweise. Der Regen ist gut, flüsterte es. Er wird deine Fußspuren wegwaschen. Gefunden zu werden, ist schlecht; du willst gar nicht wissen, wozu diese Männer fähig sind.

Sie drehte sich zum Pastor um, der in einem Schrank suchte und wühlte und vor sich hin murmelte, als ein paar tote Motten zwischen den Decken herausfielen. Wenn sie mich hier finden, werden sie ihn umbringen.

Ihr Appetit schwand und sie ließ den Löffel in die Schüssel fallen. Adage hatte ihr so viel mehr Fürsorge gezeigt, als sie sich hätte erhoffen können; sie würde es sich niemals verzeihen, wenn ihm deswegen etwas zustieß.

»Äh, gibt es nicht vielleicht einen anderen Platz, an dem ich schlafen kann? Eine Scheune oder so was, ein Stück weiter weg?«

Er blickte über seine Schulter und hob fragend die Brauen.

»Diese Männer kommen vielleicht noch mal zurück. Ich würde mich sicherer fühlen, wenn ich ein besseres Versteck hätte.« Das war nahe genug an der Wahrheit, aber sie wollte vermeiden, dass er erriet, in welch düstere Richtung sich ihre Gedanken bewegten. Er schien ihre Version jedenfalls zu schlucken und schürzte nachdenklich die Lippen.

»Die Kirche ist furchtbar schlecht gedämmt. Dadrin erfrierst du, wenn ich dich da unterbringe … Oh, ich weiß: Wir haben hinter dem Friedhof eine Gärtnerkate. Sie steht leer, seit Peterson vergangenes Jahr verstorben ist, Gott segne ihn. Aber es gibt dort ein Bett und einen Kamin, und es sollte nicht übermäßig viele Ratten geben. Würde das gehen?«

Keira wollte zu gern wissen, ab wie vielen Ratten der Pastor von übermäßig vielen gesprochen hätte, aber sie war nicht in der Position, wählerisch zu sein. »Klingt doch perfekt!«

»Dann iss deine Schüssel leer und ich bringe dich hin.«

Keira löffelte sich den immer noch warmen Eintopf in den Mund, während Adage in die Küche zurückging. Sie hörte ihn dort in den Schubladen kramen, und dann kehrte er mit einem großen, rostigen Schlüsselring zurück, an dem ein einzelner Schlüssel hing.

»Fertig.« Keira stellte die Schale zur Seite und zerrte die immer noch nasse Jacke vom Stuhl neben dem Feuer. Der Gedanke, dass ihre Gegenwart den älteren Mann in Gefahr brachte, hatte sich in ihrem Kopf festgesetzt. Ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass die fremden Männer die Umgebung absuchen und nicht so schnell aufgeben würden.

Adage ging voraus bis zum großen Schrank im Flur und zog zwei schwere Mäntel und zwei Regenschirme hervor. »Die Leute vergessen die in der Kirche«, erklärte er, als er Keira mit jeweils einem davon ausstattete. »Ich verwahre sie normalerweise, bis jemand danach fragt, aber die hier warten nun schon fast ein Jahr auf ihre Besitzer, also denke ich, dass wir sie getrost ausleihen können. Bereit?«

Keira kam es etwas albern vor, einen Regenmantel über ihre sowieso schon nassen Sachen anzuziehen, aber sie tat es trotzdem. »Bereit.«

Die dicken Mauern des Pfarrhofs hatten den Lärm nicht hereingelassen, aber sobald die Tür offen war, attackierte sie die Intensität des Sturms gleich wieder mit voller Wucht. Ein schwerer Regenguss schlug ihnen entgegen, wurde bis über die Schwelle getrieben und zeigte den angeblich wasserdichten Mänteln augenblicklich, was eine Harke war. Keira suchte die Umgebung mit ihren Blicken ab, während sie darauf wartete, dass ihr Begleiter die Tür zuzog und abschloss. Sie hielt Ausschau nach lauernden Gestalten, nach Bewegungen, aber die Sintflut hier draußen machte es unmöglich, mehr als ein Dutzend Meter weit zu sehen.

»Hier entlang.« Adage musste brüllen, um durch den Sturm gehört zu werden.

Keira folgte seinem Schatten und achtete nervös darauf, den Abstand nicht zu groß werden zu lassen, weil sie Angst hatte, ihn aus den Augen zu verlieren. Der schwammige Untergrund saugte an ihren Stiefeln, und der Wind ließ sie beide straucheln, als sie durch die Wiese stapften und den Friedhof betraten, den sie vor weniger als einer Stunde durchquert hatte.

Die Grabsteine waren dunkel vom Regen und ragten aus dem gespenstischen Dunst hervor. Ihre Anordnung schien unorganisiert, eine Ansammlung traditioneller, schlichter Steine, die mit aufwendigen Skulpturen von Engeln und hoch aufragenden Kapuzenträgern in Kutten um den spärlich bemessenen Platz kämpften. Keira konnte nicht umhin, jedes Gesicht anzustarren, an dem sie vorbeiging, immer auf der Hut, ein Bewusstsein hinter den steinernen Augen zu erkennen oder ein Zucken der starren Finger wahrzunehmen. Der Nebel vollführte Drehungen, wirbelte um die Grabsteine und tanzte im Ansturm des Regens. Schauer durchliefen Keira, als Zweige wie Finger über ihre Wangen strichen.

»Gleich dort vorn«, rief der Pastor, und Keira erblickte ein kleines Häuschen ganz nahe am Rand des Waldes. Sie musste daran vorbeigekommen sein, als sie zum Pfarrhof geeilt war.

Die Kate schien gerade groß genug für zwei, maximal drei Zimmerchen. Dunkle, unregelmäßige Holzschindeln deckten ein steil aufragendes Dach, und wilder Wein wuchs auf der einen Seite die Wand hinauf. Die Fenster wirkten kalt und leer und der gesamte Eindruck war der von Vernachlässigung. Für Keira fühlte sich das Haus einsam an, so gut wie nur möglich vor der Zivilisation versteckt, den Wald auf der einen Seite und einen Garten voller Gräber auf der anderen.

Adage blieb geduckt direkt vor der Tür stehen, steckte den Schlüssel ins Schloss und kämpfte damit, bis er ihn endlich umgedreht bekam. Die Tür schleifte in den Angeln, als sie aufging, und beide huschten rasch in das relativ angenehme – weil zumindest trockene – Innere.

»Wie gesagt, ein aufregender Abend.« Adage schloss die Tür und legte den Mantel ab. Keira kam nicht umhin, beeindruckt anzuerkennen, dass er seinen Tonfall, der Wärme und Optimismus ausstrahlte, immer noch beibehielt. »Mal sehen … Strom sollte es immer noch … Aha.«

Er hatte den Schalter gefunden, und nun füllte goldfarbenes Licht den Raum. Keira entledigte sich mit einem Schulterheben des Mantels und sah sich mit großen Augen um. Statt das kleine Gebäude in noch kleinere Zimmer zu unterteilen, hatte man Schlafraum, Küche, Ess- und Wohnbereich einfach in einem Raum kombiniert. Eine Tür am hinteren Ende führte höchstwahrscheinlich ins Bad, aber abgesehen davon bestand das Häuschen nur aus einem einzigen Zimmer.

Sie hätte nur zehn Schritte von einem Ende zum anderen gebraucht, aber die Atmosphäre war gemütlich und einladend. Das schmale Bett, das links an der Wand stand, trug einen bunten Patchwork-Quilt, und die kleine Küchenzeile bot die Annehmlichkeiten eines Wasserkessels und zweier Herdplatten.

»Wir machen gleich ein Feuer, damit du nicht erfrierst«, verkündete Adage und umrundete den dick gepolsterten Sessel, um die dunkle Feuerstelle zu erreichen. »Ich fürchte, eine zusätzliche Heizung gibt es nicht, aber in dem Schrank da drüben sollten noch ein paar zusätzliche Decken liegen, wenn du die brauchst.«

»Ich komme dann ab hier klar.« Keira folgte dem Pastor zum Kamin und nahm ihm sanft den Eimer mit dem Kleinholz aus der Hand. Aus ihren Kleidern tropfte es auf den großen Teppich, der die Mitte des Zimmers ausfüllte, also trat sie zwei Schritte zurück, um wieder auf den Holzdielen zu stehen. »Ganz lieben Dank. Für alles.«

»Ich helfe dir gern noch, es gemütlich zu machen«, widersprach er fröhlich. »Das macht mir wirklich nichts aus.«

Keira brachte ein knappes Lachen zustande. »Eigentlich habe ich gehofft, jetzt möglichst schnell aus den nassen Klamotten zu kommen …«

Es war nur die halbe Wahrheit. Sie zitterte zwar, aber ihre dringlichste Sorge war die, dass die fremden Männer auf keinen Fall entdecken durften, dass der Pastor sie belogen hatte.

Wenn Adage jetzt schnell zum Pfarrhof zurückging, wäre der Sturm immer noch heftig genug, auch seine Fußspuren wegzuspülen, aber sie wusste ja nicht, wie lange diese Sintflut noch anhalten würde.

»Oh! O natürlich. Dann lasse ich dich jetzt allein.« Adage nahm seinen Mantel vom Haken neben der Tür und schüttelte ihn etwas aus. »Du weißt ja, wo du mich findest, wenn du irgendwas brauchst. Und morgen werde ich schauen, ob ich im Ort irgendwelche Hinweise auftun kann. Dann schlaf gut, Keira.«

»Danke, Pater. Sie auch.«

»Falsche Konfession«, gab er amüsiert zurück und verließ dann die Kate. Ein Sturzbach aus Regen ergoss sich von draußen und schien den Pastor zu umfangen, als er die Tür hinter sich zuzog.

Keira trat ans Fenster und drückte sich gegen die Scheibe, während sie zusah, wie ihr neuer, unerwarteter Freund auf den Friedhof marschierte. Nebelfetzen hingen an seiner geduckt gehenden Gestalt, sodass es beinahe aussah, als griffen Gespenster nach seinem Mantel. Nach fünf Schritten war er in der Nacht verschwunden.

Zumindest ist er jetzt in Sicherheit … hoffe ich.

Nun, da sie allein war, konnte Keira nicht mehr ignorieren, wie still es war. Der Regen schlug immer noch aufs Dach, und das hölzerne Gebälk ächzte unter dem Ansturm, aber hier drinnen fühlte sie sich auf seltsame Weise vom Wetter abgeschnitten.

Keira trat vom Fenster zurück und betrachtete ihre Hände. Genau wie zuvor im Wald erschienen sie ihr gleichzeitig sehr vertraut und doch völlig unbekannt. Sie atmete tief ein und ballte die Fäuste. »Okay. Zeit, herauszufinden, wer zur Hölle du bist, Keira.«

3

Keira fror, die nassen Kleider klebten an ihrem Körper, aber sie ignorierte die Feuerstelle und suchte lieber nach einem Spiegel. Geschätzt hatte sie noch mindestens eine Stunde, bevor die Unterkühlung sich bemerkbar machen würde, und ihre ungeklärte Identität störte sie wie eine juckende Stelle, die man nicht kratzen kann.

Wie sie vermutet hatte, führte die Tür am hinteren Ende des Zimmers in einen Raum, der als Bad und Waschküche diente. Sie schaltete das Licht ein, und aus dem Spiegel über dem Waschbecken starrte sie eine Fremde mit weit aufgerissenen Augen an, tropfnass und schmuddelig.

So sehe ich also aus. Sie trat näher an ihr Spiegelbild heran und zog die durchweichte Krone aus Mull aus ihrem Haar. Das ist nicht wirklich das, was ich erwartet habe.

Nachdem sie so gewandt und schnell durch den Wald gerannt war, hatte sie sich vorgestellt, einen durchtrainierten Körper zu besitzen. Eine Fitness, die man bekam, wenn man Weizengras-Smoothies zum Frühstück trank und in drei unterschiedlichen Studios Mitglied war. Anstelle eines Sixpacks und einer Tätowierung der Marines auf dem Bizeps sah sie eine klapperdürre Gestalt mit blassem Gesicht und viel zu großen Augen vor sich.

Keira hob den Saum ihres T-Shirts. Darunter verbargen sich keine Bauchmuskeln, aber ebenso wenig auch nur ein Gramm Fett. Ihre Rippen zeichneten sich deutlich unter der blutleeren Haut ab. Sie sah aus, als hätte sie entweder gehungert oder …

Sie zeigte warnend mit ihrem Finger auf ihr Spiegelbild. »Gott steh mir bei, Keira, sei bitte nicht von irgendwas Illegalem abhängig. Ich kenne nämlich keinen einzigen Drogendealer, und ich will nicht auch noch auf Entzug sein, ich habe genug Sorgen.«

Ihr Gesicht, das sie zunächst als zaghaft und verhuscht wahrgenommen hatte, gewann etwas an Charakter, wenn sie sprach. Das war gut: Vielleicht hatte sie ja doch eine Chance, ernst genommen zu werden.

»Kein Wunder, dass Adage dir so bereitwillig geholfen hat«, grummelte sie, während sie sich die nasse Kleidung vom Körper streifte. »Du siehst aus wie ein verwaistes Straßenkind aus einem Hollywoodfilm. Bitte, Sir, könnte ich noch ein bisschen mehr Haferbrei bekommen? Olivia Twist.«

Es war schwer, sich aus den Jeans zu schälen, und sie stolperte, als sie versuchte, die Hosenbeine von den Füßen zu ziehen. Sie stieß gegen die Wand und stieß zischend den Atem aus, als der Schmerz durch ihren Arm fuhr.

Ich hab vergessen, dass ich da auch eine Verletzung habe. Sie drehte den Arm und entdeckte einen langen, geraden Schnitt knapp unter der Schulter. Keira, du bist echt ein Desaster. Wie viele bescheuerte Entscheidungen hast du getroffen, dass du so enden musstest?

Die Haut um die Wunde herum war gerötet, aber es blutete nicht, also beschloss sie, dass die Versorgung warten konnte.

Der Gedanke, nackt im Haus eines Fremden herumzulaufen, behagte ihr nicht, also ließ sie ihre Unterhose an. Im Schrank in der Ecke des Badezimmers lagen ein paar Decken, von denen sie sich eine nahm und wie einen Mantel um sich schlang, bevor sie in der nassen Kleidung zurück in das große Zimmer ging.

Der Sturm prasselte mit einem stetigen Dröhnen auf das Schindeldach, während Keira Holz für das Feuer schichtete. Auf dieselbe Weise, wie ihre Beine gewusst hatten, dass sie rennen mussten, schienen auch ihre Hände sicher in der Erinnerung, wie sie das Kleinholz entzünden mussten, und schon bald darauf breitete die Lohe ihre Hitze im Raum aus.

Keira blieb eine Minute davor knien, die Hände ausgestreckt, um etwas von dieser Wärme aufzunehmen. Als das Zittern endlich nachließ, hob sie den Haufen nasser Klamotten auf und schüttelte die Teile aus.

Das T-Shirt schien billig und abgetragen; es war wohl einmal petrolfarben gewesen, aber nun zu einem wässrigen Grau ausgewaschen. Die Jeans hatten einen Riss an der Seite, und es war nicht der absichtliche, modisch-zerfetzte Look. Aber Stiefel und Jacke schienen von guter Qualität zu sein, wenngleich alt. Das schien Sinn zu ergeben; es handelte sich um die beiden wertvollsten Kleidungsstücke für jemanden, der sich mühselig durchschlägt, vielleicht kein Zuhause hat: robuste Schuhe, um die Füße zu schützen, und eine dicke Jacke, um sich warm zu halten. Sie hoffte, dass sie die Sachen nicht geklaut hatte.

Nachdem sie das T-Shirt über die Lehne eines Holzstuhls drapiert hatte, stellte sie die Stiefel zum Trocknen vor den Kamin. Dann tastete sie die Hosentaschen ab. In den Jeans war nichts, also wanderten ihre Hände zum T-Shirt, aber die Jacke besaß zwei Reißverschlusstaschen, die mit Schätzen gefüllt waren. Aus der linken Tasche beförderte sie einen zerknüllten 20-Dollar-Schein, und in der rechten fand sie ein kleines Schwarz-Weiß-Foto.

Keira klappte das gefaltete Foto vorsichtig auf und betrachtete die körnig sichtbaren Gestalten mit zusammengekniffenen Augen. Es waren drei Personen, zwei Männer und eine Frau, die in die Kamera blickten. Neutraler Gesichtsausdruck und seltsame, steife Anzüge. Die Kleidung sah aus, als wäre es eine Art Uniform, aber Keira konnte nicht erraten, welchem Sektor diese Menschen angehören mochten.

Der erste Mann – groß und mit einem außergewöhnlich schmalen Gesicht – und die Frau mittleren Alters mit dem etwas verkniffenen Mund und der eckigen Brille lösten keinerlei emotionale Reaktion aus. Die dritte Gestalt jedoch ließ die Galle in Keiras Rachen hochsteigen. Sie kannte ihn. Sie hasste ihn.

Wieso? Nun komm schon, Hirn, gib mir irgendeinen Hinweis. Was hat er dir angetan? Ist er ein Verwandter? Nein, du kennst ihn nicht besonders gut … Der Vater einer Freundin? Ein Boss? Oder schlicht ein Arsch, der dir mal den Wagen zerkratzt hat?

Sie musterte das Gesicht eingehend. Falten hatten sich tief eingegraben, obwohl er auf dem Bild kaum älter als 40 sein konnte. Die dichten, schwer wirkenden Brauen passten zum breiten Kinn und zu dem dunklen Haar. In seinen Augen erkannte sie eine verstörende Intensität, selbst durch den Filter der Kamera. Ein silberner Streifen oben am Revers seines Anzugs sah ein bisschen wie ein Namensschild aus, aber war zu klein, um Genaueres zu erkennen. Sie hatte das Gefühl, dass es sich um eine Art Rangabzeichen handelte, einen Orden oder militärische Insignien, etwas, das ihn über seine Gefährten erhob.

Sie drehte das Foto um. Jemand hatte einige Worte mit Bleistift auf die Rückseite geschrieben. Keira verzog den Mund, während sie sie entzifferte.

Trau den Männern mit der schuppigen Haut nicht.

»Okay.« Sie legte den Kopf schief, als könnte das die Botschaft irgendwie verständlicher machen. »Soll ich mich also besser von Leuten mit Schuppen fernhalten, oder was?«

Die Nachricht gab ihr keine Antwort, was kaum überraschend war. Keira legte das Foto vorsichtig auf den Kaminsims, wo es trocknen konnte, und dann zerrte sie die Couch näher an die Feuerstelle und kuschelte sich darauf in ihre Decke.

Das Durchsuchen ihrer Kleidung hatte dem Feuer Zeit gegeben, sie etwas aufzuwärmen. Sie zog die Knie an und wickelte die Decke noch enger um sich, während sie in die flackernden Flammen starrte.

Ich habe Glück gehabt, dachte sie, als über ihr erneut der Donner krachte. Klar, diese ganze Sache mit der fehlenden Erinnerung macht mir ziemlich schwer zu schaffen, aber von einer anderen Warte betrachtet hätte ich es kaum besser treffen können. Ich hätte die Nacht auch damit verbringen können, mich in irgendeiner Gasse zu verstecken oder im Wald hinter einem Baum zu kauern. Stattdessen habe ich Nahrung, ein Dach über dem Kopf und das Versprechen bekommen, dass man mir helfen will. Für das alles kann ich dankbar sein.

Und hey … Vielleicht ist es ja sogar für etwas gut, dass ich nicht weiß, wer ich vorher war. Irgendwas in meinem Leben muss schrecklich schiefgelaufen sein, dass ich mich in dieser Situation wiederfinde. Vielleicht ist das hier ja die Methode, mit der das Universum mir eine zweite Chance gibt.

Sie drehte sich ein wenig, um dem Regen zuzusehen, der an der Fensterscheibe herabfloss. Nebel ballte sich gleich hinter dem Glas und schien über den Rahmen zu streichen, als er vorbeizog.

Keira zog die Brauen zusammen. Sie hätte schwören können, dass sie etwas gehört hatte. Ein tiefes, heulendes Geräusch, verzerrt und gedämpft durch den Nebel, bis es kaum noch hörbar war. Sie wartete mit angehaltenem Atem. Der Nebel vor dem Fenster schien sich zu verdichten. Er war jetzt wie eine Suppe, verschluckte die Hütte und schnitt sie vom Rest der Welt ab.

Dann erklang das Geräusch erneut. Eine Frau, die in tiefsten, verzweifelten Tönen heulte.

Keira erhob sich und zog die nackten Zehen an, als sie über den staubigen Holzfußboden schlich. Sie ging zum Fenster hinüber: Die Scheibe war in sechs Quadrate unterteilt, der Blick ging zum toten Vorgarten hinaus; dahinter lag der Friedhof.

Die Töne hatten geklungen, als wären sie recht nahe, als kämen sie vielleicht vom Friedhof selbst, aber gleichzeitig waren sie auch sehr gedämpft gewesen, so als würde Keira Ohrstöpsel tragen. Nur ganz schwach drangen die Klänge zu ihr durch.

Ihr Atem war eine kleine Wolke, die an der Scheibe kondensierte. Die Nacht war zu dunkel und zu nass, als dass es denkbar wäre, dass irgendjemand auf die Idee gekommen war, an einem der Gräber zu trauern, aber Keira suchte unwillkürlich die düsteren Monumente mit ihren Blicken ab. Die Aussicht war verstörend; manche der Grabsteine ragten so hoch auf wie ein Mensch, viele waren umgekippt oder windschief und andere von Flechten überwuchert und in Roben aus Moos gehüllt. Im alles bedeckenden Nebel muteten ihre Umrisse beinahe wie Wächter an, die Keira umringten, reglos dastanden und sie anstarrten.

Einer rührte sich. Keira schlug das Herz sofort bis zum Hals. Ihre Augen brannten, als sie angestrengt auf die Stelle starrte, an der Sekunden zuvor noch ein Grabstein gestanden hatte. Sie hätte schwören können … Aber jetzt war da nur noch Leere, durch die der Nebel in wabernden Fäden zog.

Das sind nicht die Männer. Nein. Das ist etwas anderes.

Der heulende Klang drang beinahe spielerisch an ihre Ohren, als wollte er sie verhöhnen. Es war ein tiefes, sehr leises Geräusch, und obwohl es noch leiser wurde, kam es Keira so vor, als würde es näher kommen.

Plötzlich erfasste sie das dringende Bedürfnis, die Fenster zu verbarrikadieren und die Tür zu verriegeln. Sie griff nach den Vorhängen und packte den modrigen Stoff zu beiden Seiten der Scheibe, zögerte aber immer noch. Der vorbeischwebende Nebel und die Grabsteinwächter gaukelten ihr etwas vor. Sie meinte, das Rascheln von Schritten auf welken Blättern irgendwo von links zu hören, aber das konnte ebenso ein Effekt des schweren Regens sein.

Die heulende Melodie hatte sich völlig in den Rhythmus des Regens eingefügt, sodass Keira aufs Neue erschrak, als sie abbrach. Das Geräusch erstickte mitten in einer lang gezogenen Klage, so als ob jemand dem Opfer mit einer schweren Hand den Mund verschlossen hätte.

Keira wartete, lauschte, ihr Atem ging flach, die Hände hatte sie immer noch in die Vorhänge gekrallt. Sie fürchtete sich, aber wollte sich auch nicht die Sicht auf die nähere Umgebung versperren.

Eine Frauenhand streckte sich aus dem Dunkel heraus vor das Fenster. Sie kam von links, der dazugehörige Mensch von der Steinmauer vor ihrem Blick verborgen. Zuckende Finger tasteten an den metallenen Streben entlang, die die einzelnen Glasquadrate zusammenhielten. Brüchige Fingernägel tippten gegen die Scheibe.

Keira unterdrückte ein Keuchen und sprang mit einem Satz zurück. Die Vorhangstäbe klapperten, als sie den Stoff erst danach losließ, und die Vorhänge schwangen vor dem Ausblick nach draußen hin und her. Die Hand wurde zurückgezogen und war nicht mehr zu sehen.

Mit dieser Hand hatte etwas ganz und gar nicht gestimmt. Der Schreck sorgte dafür, dass Keira wie angewurzelt stehen blieb, und sie brauchte ein paar Sekunden, bis ihr klar wurde, was sie da gerade gesehen hatte.

Sie hatte durch die Haut hindurchblicken können. Selbst als die Hand das Glas berührt hatte und über die Scheiben gefahren war, hatte sie den wabernden Nebel und die schwarzen Grabsteine dahinter sehen können.

Nein. Unmöglich.

Sie schluckte und rückte geräuschlos zur Seite, versuchte, um die Außenmauer herumzuschauen, die ihr die Sicht auf den unwillkommenen Gast verstellte. Etwas flatterte am Rand ihres Blickfelds. Etwas Durchscheinendes: eine Schicht blasses Weiß, das mehr Dunst als Gestalt war, kaum zu sehen im Licht, das aus dem Fenster der Kate nach draußen drang. Keira trat noch einen Schritt näher heran und reckte den Hals, um die Gestalt besser zu erkennen.

Zwei tote Augen starrten sie durch die Fransen eines wallenden Haarvorhangs an. Der Schemen bewegte sich, kam auf sie zu, und Keira fuhr erneut hastig zurück. Die beinahe ätherische Gestalt löste sich in den fallenden Regen hinein auf, ebenso flüchtig wie ein warmer Atemzug in einer kalten Nacht.

Keira stieß mit dem Rücken gegen den Sessel, der im Weg stand. Sie hielt sich daran fest und grub die Finger in das weiche Polster, während ihr Verstand verwirrt raste. Die Gestalt war fort, aber allein war sie deshalb noch lange nicht. Am Rand ihrer Wahrnehmung hörte sie wieder das verzerrte Heulen.

Was war das?

Die Antwort drängte sich ganz rasch auf. Ein Gespenst.

Keira spürte klebrige Angst auf der Zunge. Die Antwort war aus ihrem Unterbewusstsein gekommen – und zwar wie aus der Pistole geschossen. Wer sie auch gewesen sein mochte, bevor ihre Erinnerungen ausgelöscht wurden, sie hatte nicht nur an Geister geglaubt, sondern sich gut mit diesen Phänomenen ausgekannt.

»Normale Menschen sehen keine Gespenster. Normale Menschen glauben nicht mal daran.« Keira blieb reglos stehen und drückte sich an den Sessel, während ihr Herz hämmerte. Ihre Augen huschten zwischen den Fenstern hin und her und warteten darauf, dass die Frau erneut vor einem davon erschien. Das Feuer fühlte sich nicht länger warm auf ihrer Haut an.

Kann sie hier hereinkommen? Der Gedanke verursachte Keira Übelkeit. Und direkt danach stellte sich eine noch unliebsamere Frage: Kann sie mir ein Leid antun?

Ihr Unterbewusstsein blieb stumm, aber sie hatte das unangenehme Gefühl, dass die Antwort auf beide Fragen Ja wäre. Draußen waberte weiterhin Nebel vorbei, aber von der Frau war nichts zu sehen. Langsam und zögernd näherte Keira sich aufs Neue dem Fenster. Instinktiv rollte sie die nackten Füße bei jedem Schritt ab, um so wenig Lärm wie möglich auf den Holzdielen zu machen.

Der Sturm schwächte langsam ab, weil das Gewicht der Wolken nachgelassen hatte, aber der Nieselregen fiel immer noch dicht genug, um den Großteil der Außenwelt vor ihren Blicken zu verbergen. Sie konnte entfernt die Lichter des Pfarrhofs erkennen und noch weiter entfernt, kaum noch auszumachen, die Lichter des Städtchens. Die regennassen Grabsteine ragten aus dem Boden wie abgebrochene, verfaulte Zähne.

Das Gespenst erschien aus dem Nichts, drückte ganz plötzlich die langen Finger gegen das Fenster. Keira zuckte zurück. Wären die Glasscheiben nicht zwischen ihnen gewesen, hätte sie den gefrorenen Atem der Erscheinung auf ihrer Haut spüren können, da war sie sicher.

Keira hielt inne, eine Armeslänge vom Fenster entfernt. Sie und das Gespenst starrten einander an, keine von ihnen gewillt, den Blickkontakt zu unterbrechen, keine von ihnen rührte sich. Die Frau setzte sich fast gar nicht von ihrer Umgebung ab, verschmolz eher damit. Wenn Keira den Fokus wegnahm, zerrann sie und wurde Teil des Regenschleiers. Aber wenn sie die Augen anstrengte, konnte sie eine Menge Einzelheiten ausmachen.

Die Frau trug ein altmodisches Sommerkleid mit geradem Halsausschnitt. Auch wenn der Geist völlig farblos war, suggerierte das Sonnenblumenmuster Keira, dass das Kleid im Leben vielleicht gelb gewesen war. Es wirkte wie aus den 70er- oder 80er-Jahren. Ihr langes Haar hing ihr schlaff um die Schultern, aber es war trocken, ungeachtet des Regens. Dessen Tropfen scherten sich offenbar nicht um die Existenz des Gespensts und rannen einfach hindurch.

Die Augen der Frau wiesen keine Pupillen auf, keine Iris, kein Weiß – sie waren vollkommen schwarz. Tote Augen, dachte Keira erneut, bevor sie langsam einen vorsichtigen Schritt vorwärts machte. Die Frau ahmte die Bewegung nach, lehnte sich näher zum Glas heran. Keira wusste nicht, ob die Erscheinung durch Wände gehen konnte, aber die Hand, die auf der Fensterscheibe lag, unterbrach den Fluss der Wassertropfen nicht, die an der Oberfläche hinabliefen.

Eine dunkle Substanz schwärzte die linke Hälfte des Gesichts der Gestalt und hatte auch große Flecke auf dem Sommerkleid hinterlassen, ein deutlicher Kontrast zu dem fröhlichen Blumenmuster. Sie kam von einem Loch an ihrer Schläfe. Als sie noch genauer hinsah, konnte Keira winzige Knochensplitter erkennen, die aus dieser Wunde ragten.

Sie wurde ermordet. Ist das der Grund, warum sie noch umherspukt?

Die Lippen des Geists bewegten sich. Sie sagte etwas, aber Keira konnte nichts hören. Gegen jede Vernunft trat sie direkt ans Fenster und lehnte ihr Ohr ganz nahe heran.

Sie hörte den dumpfen Widerhall des herabfallenden Wassers und erhaschte hier und da sogar vereinzeltes Plätschern, wenn dickere Tropfen gegen das Fenster schlugen, aber das Gespenst war entweder unhörbar oder schlicht zu leise, um die Worte inmitten des Sturms zu hören.