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Die erste Biographie von Thea Sternheim, einer unkonventionellen und herausragenden Frau des Kunst- und Kulturlebens des 20. Jahrhunderts - literarisch erzählt. Thea Sternheim stand meist im Schatten ihres Ehemanns, des umjubelten und skandalumwitterten Dramatikers Carl Sternheim. Dabei hat sie aktiv am Aufbruch der Moderne teilgenommen: als Mitarbeiterin, Muse und Mäzenin, als Sammlerin avantgardistischer Kunst von van Gogh bis Picasso, als intellektuelle Freundin zahlreicher Künstler, als Amateurfotografin berühmter Zeitgenossen, aber vor allem als hellwache Chronistin ihrer Epoche. Im Spiegel ihres Jahrhundert-Tagebuchs entfaltet sich nicht nur ein eigenständiges und unkonventionelles Frauenleben, sondern ein umfassendes Panorama der ersten zwei Drittel des 20. Jahrhunderts, das die kulturelle Blüte dieser Zeit ebenso umfasst wie die politischen Katastrophen. Vor diesem zeitgeschichtlichen Horizont erzählt Dorothea Zwirner den dramatischen Lebensweg Thea Sternheims, die in ausführlichen Zitaten zu Wort kommt. Die Biographie verläuft exzeptionell in ihrer moralischen Gradlinigkeit, ästhetischen Geschmackssicherheit und politischen Hellsichtigkeit. Zugleich ist Thea Sternheims Leben exemplarisch in ihrem weiblichen Selbstverständnis, das von Anpassung und Aufbegehren, Selbstzweifeln und Sinnsuche, Disziplin und Demut bestimmt war. Thea Sternheim (1883-1971) war von 1907 bis 1927 mit dem Schriftsteller Carl Sternheim verheiratet. Außer ihrem Jahrhundert-Tagebuch schrieb sie den Roman "Sackgassen" sowie die Erzählung "Anna", die unter dem Namen ihres Mannes erschien.
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Seitenzahl: 583
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Dorothea Zwirner
Thea Sternheim – Chronistin der Moderne
Biographie
Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Heinrich Enrique Beck-Stiftung, Basel
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte
bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© Wallstein Verlag, Göttingen 2021
www.wallstein-verlag.de
Umschlaggestaltung: Marion Wiebel, Wallstein Verlag,
unter Verwendung einer Fotografie von Thea Sternheim
(Fotograf unbekannt), Uttwil 1926 (© DLA Marbach),
und einer Fotografie aus den sechziger Jahren (© Thomas Ehrsam)
ISBN (Print) 978-3-8353-5060-1
ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-4770-0
ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-4771-7
Einleitung
I. Kindheit, Jugend und erste Ehe (1883–1906)
Großbürgerliche Kindheit im Rheinland (1883–1896)
Jugend in Pensionaten (1896–1901)
Erste Ehejahre mit Arthur Löwenstein (1901–1903)
Unheilvolle Dreisamkeit (1904–1906)
II. Zweite Ehe mit Carl Sternheim (1907–1927) und die Berliner Jahre (1927–1932)
»Bellemaison« bei München (1908–1912)
Wahlheimat Belgien (1912–1914/1916–1918)
Uttwil am Bodensee (1919–1922)
Waldhof bei Dresden (1922–1924)
Zwischen Uttwil und Berlin (1924–1927)
Umzug nach Berlin (1928–1932)
III. Die Pariser Jahre (1932–1963)
Emigration nach Paris (1932–1939)
Besatzung und Befreiung (1939–1945)
Nachkriegszeit in Paris: Sackgassen (1945–1954)
Rückbesinnung und Wiedergutmachung (1954–1963)
IV. Letzte Lebensjahre in Basel (1963–1971)
Lebensabend in Basel
Anmerkungen
Benutzte Quellen mit Abkürzungen
Bildnachweis
Register
Dank
Die im wohlhabenden Fabrikantenmilieu ihres rheinisch-katholischen Elternhauses aufgewachsene Thea Sternheim, geborene Bauer, ist für die Außenwelt lange vor allem eines gewesen: die Ehefrau des skandalumwitterten Dramatikers Carl Sternheim. Dabei entfaltet sich im Spiegel ihres Tagebuchs nicht nur ein eigenständiges und unkonventionelles Frauenleben, sondern ein umfassendes Panorama der ersten zwei Drittel des 20. Jahrhunderts, das die kulturelle Blüte dieser Zeit ebenso umfasst wie die politischen Katastrophen. Die Schauplätze dieses bewegten Lebens wechselten so rasch und radikal wie die Regierungen und Staatsformen: zwischen den rheinischen Heimatstädten Köln und Düsseldorf, den Theatermetropolen München und Berlin, den ländlichen Domizilen im belgischen La Hulpe bei Brüssel, im schweizerischen Uttwil am Bodensee und im deutschen Waldhof bei Dresden, bis die zweifach geschiedene Frau und Mutter dreier Kinder Deutschland noch vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten im April 1932 endgültig den Rücken kehrte und nach dreißig Jahren in ihrer Wahlheimat Paris schließlich die letzten Lebensjahre in der Nähe ihrer ältesten Tochter, Agnes, in Basel verbrachte.
»Introvertiert und doch wahrnehmend; glühend von Gefühl u. doch nüchtern; dämmernd von Glauben und Inbrunst und doch wach; contemplativ und doch voller Einfälle; die Substanz feminin und die Methode der Darstellung hart und sicher.« Die dialektische Eloge, die Thea Sternheim als Mensch wie als Schriftstellerin charakterisiert, stammt von keinem Geringeren als Gottfried Benn. Seit 1917 verband Thea Sternheim eine lebenslange Freundschaft und Korrespondenz mit dem Dichterfreund und Arzt ihres Mannes, der ihr 1952 zur Publikation ihres einzigen Buchs Sackgassen verhalf. Doch nicht dieser Lebensroman, an dem sie über dreißig Jahre gearbeitet hat, wurde zu einem veritablen Lebenswerk, sondern das Tagebuch, das sie von 1905 bis kurz vor ihrem Tod 1971 fast täglich führte. Keine drei Monate nachdem sie es dem Literaturarchiv Marbach überlassen hatte, starb Thea Sternheim im Alter von 87 Jahren. Dem Leiter des Literaturarchivs Bernhard Zeller war sehr wohl bewusst, welchen Schatz er erhalten hatte:
»Es ist die Dokumentation Ihres eigenen Lebens als eines Kapitels deutscher und europäischer Geschichte und Geistesgeschichte unseres so unfassbaren Jahrhunderts; es ist Spiegel und Niederschlag eines ganz ungewöhnlichen individuellen Schicksals in seiner Verflechtung mit den Geschicken der Allgemeinheit. Welch eine ungeheure geistige Leistung und geistige Diszipliniertheit repräsentieren die sechs Jahrzehnte hindurch geführten Tagebücher.«[1]
In dieser Würdigung, die Thea Sternheim als eine der letzten Abschriften in ihrem Tagebuch aufbewahrt hat, ist die Aufgabenstellung einer Biographie bereits skizziert: ihren außergewöhnlichen Lebensweg vor dem zeitgeschichtlichen Horizont zu erzählen.
Als Tagebuchschreiberin war Thea Sternheim eine »ebenso leidenschaftliche wie hellsichtige Beobachterin«.[2] Im Unterschied zu den Memoiren und Tagebüchern von Zeitgenossen wie Harry Graf Kessler oder Freunden wie André Gide und Julien Green waren die zehntausend eng beschriebenen Seiten, die sie über sechs Jahrzehnte füllte, jedoch nie zur Veröffentlichung bestimmt. Insofern ist ihr Tagebuch nicht nur ein »einmaliges Zeugnis eines Jahrhunderts, seiner Größe, seines Größenwahns, seiner Niedrigkeiten«[3], sondern es gewährt darüber hinaus intime Einblicke in die Gefühle, Ambitionen und Zweifel einer Frau der ersten Jahrhunderthälfte. Auf der Suche nach Wahrhaftigkeit in Liebe, Kunst und Glauben umfasst es gleichermaßen die Psychogramme einer selbstkritischen Frau und die Chronique scandaleuse ihres dramatischen Schicksals.
Dieses Buch ist der Versuch, Thea Sternheims introspektive mit ihrer intellektuellen Biographie zu verknüpfen. Im Spiegel ihrer nach innen gerichteten Beobachtungen wie ihrer literarischen, künstlerischen, religiösen und politischen Kommentare wird Thea Sternheim zu einer Chronistin der Moderne, die sich genauso intensiv mit sich selbst wie mit den Schlüsselfragen ihrer Epoche auseinandergesetzt hat.
In einer krisenhaften Welt im Wandel fand Thea Sternheim ihre Orientierung in Literatur, Kunst und Religion. Lesen und Schreiben, Bilder und Bücher, Gebet und Glauben gehörten von Anfang an zu ihren Grundbedürfnissen, formten ihr Selbstverständnis, boten Halt und Trost. In der Begegnung und Freundschaft mit zahlreichen Künstlern, im Gedankenaustausch und Briefwechsel, in Übersetzungsarbeiten und Zeitungsartikeln, in tagebuchschreibender Auseinandersetzung und stiller Lektüre suchte Thea Sternheim nach der verwandten Seele, die sie im Leben nur schwer finden konnte. In der geistigen und spirituellen Welt der Kunst und des Glaubens konnte sie sich leichter beheimaten als in der privilegierten Welt ihres großbürgerlichen Lebensstils.
Nur vorübergehend erfüllte sich mit Carl Sternheim der Traum von einem Leben im Zentrum des pulsierenden Kulturbetriebs: Theaterproben und Aufführungen bei Max Reinhardt und Felix Hollaender, Lektüreeindrücke und Vorlieben für die französischen und russischen Dichter, Ausstellungen und Kunstkäufe bei Alfred Flechtheim und Paul Cassirer, Begegnungen und Gespräche mit den bedeutenden Dichtern, Künstlern und Politikern ihrer Zeit. Weit entfernt von schöngeistiger Kulturbeflissenheit nahm Thea Sternheim aktiv teil am Aufbruch der Moderne: als Mitarbeiterin, Muse und Mäzenin von Carl Sternheim, als Sammlerin avantgardistischer Kunst von van Gogh bis Picasso, als Amateurfotografin vieler berühmter Zeitgenossen, aber vor allem als hellwache und scharfzüngige Chronistin ihrer Epoche. Weltgewandt und frankophil war ihr jede Form von Nationalismus suspekt. Aus den Erfahrungen des ersten Weltkriegs erwachte ihr politisches Bewusstsein, das sie zur überzeugten Pazifistin und frühen Gegnerin Hitlers und des Nationalsozialismus werden ließ. Trotz der durch Inflation und Emigration erlittenen Vermögensverluste gehörte Thea Sternheim wie nur wenige Emigranten in der Pariser Kriegs- und Nachkriegszeit zu dem Kreis französischer Intellektueller um André Gide. Doch trotz aller Privilegien, Begabungen und Ambitionen zeigt Thea Sternheims Leben die weichen Umrisse einer weiblichen Biographie auf der Suche nach Selbstbestimmung, die der deutlichen Kontur einer beruflichen oder künstlerischen Karriere entbehrt.
Thea Sternheim veröffentlichte zeitlebens außer einigen Artikeln und Übersetzungsarbeiten nur eine Kurzgeschichte und einen Roman. Dass ihre Tagebücher mittlerweile in einer hervorragend kommentierten fünfbändigen Edition vorliegen, ihre Lebenserinnerungen bis 1930, die Briefwechsel mit Carl Sternheim, ihren jüngeren Kindern Dorothea und Klaus, sowie die Korrespondenz mit Gottfried Benn und André Gide posthum veröffentlicht worden sind, ändert nichts daran, dass Thea Sternheim zu jenen großen Frauenfiguren des 20. Jahrhunderts gehört, deren Name noch weitgehend unbekannt ist und deren Lebensgeschichte es zu erzählen gilt.
Angesichts der Fülle primärer Quellen bestand die Herausforderung dieser Biographie eher in der Auswahl als im Auserzählen – in der Kunst des Weglassens. Dabei stellten sich grundsätzliche Fragen der Bewertung von Selbstzeugnissen, des eigenen Standpunkts und der Gliederung einer solchen Stoffmenge: Wie sind die Selbstaussagen der Person zu bewerten, deren Leben erzählt werden soll? Kann man als Biographin eine ausreichend kritische Distanz zu einem Leben herstellen, von dessen Verlauf eine große Faszination ausgeht? Steht vielleicht sogar die Sympathie für die dargestellte Person einer halbwegs objektiven Darstellung im Weg, noch dazu, wenn sie durch ihre Briefe und besonders durch ihr Tagebuch so eindrucksvolle Selbstzeugnisse hinterlassen hat wie Thea Sternheim? Und schließlich: Wie lässt sich eine solche Stoffmenge sinnvoll gliedern?
Die Intimität, Unmittelbarkeit und Kontinuität von Thea Sternheims Tagebuch über mehr als 60 Jahre hinweg verleihen dieser Hauptquelle eine hohe Glaubwürdigkeit und Aussagekraft, die durch eingefügte Briefe, Fotos, Zeitungsausschnitte und Dokumente noch objektiviert und untermauert werden. Darüber hinaus haben sich viele ihrer politischen, ästhetischen und moralischen Urteile als so weitsichtig, geschmackssicher und unbestechlich erwiesen, dass Thea Sternheim weitgehend selbst die Regie und das Wort überlassen werden soll, während mir die Rolle der diskreten Biographin zufällt.
In dieser Rolle hieß es, sich der Chronologie des Tagebuchs anzuvertrauen und die Biographie gleichsam von innen heraus zu erzählen. Dabei kristallisierten sich thematische Schwerpunkte, Fragestellungen und Hauptpersonen heraus, die eine prägende Rolle für Thea Sternheim gespielt haben, sei es in bestimmten Lebensphasen oder als zentrale Lebensthemen: die Frage weiblicher Bildungschancen und die Rolle der modernen Frau in Familie und Gesellschaft, ihre Konflikte in der Ehe und zwischen den Generationen, ihre Verehrung des Schöpferischen in der bildenden Kunst und Literatur, in Theater und Film und insbesondere in Gestalt von Carl Sternheim, Gottfried Benn und André Gide, ihre daraus erwachsenen Reflexionen über das Verhältnis von Kunst und Moral, Künstler und Werk, ihr Hang zu Mystik und Religion, ihre weltanschaulichen Haltungen zum Pazifismus, Kommunismus und Antifaschismus sowie ihre weltoffene Einstellung zur Emigration und zu Europa als geistiger Heimat. Da eine vertikale Gliederung nach diesen Gesichtspunkten zwangsläufig zu Überschneidungen und Redundanzen geführt hätte, blieb die Entscheidung bei einer horizontalen Gliederung, um durch behutsame Einordnungen, Kommentare und Deutungen die inneren und äußeren Zusammenhänge ihres Lebens zu erschließen. So entfaltet sich eine Lebensgeschichte, die exzeptionell und exemplarisch zugleich erscheint – exzeptionell in der moralischen Gradlinigkeit, ästhetischen Souveränität und politischen Hellsichtigkeit, exemplarisch im weiblichen Selbstverständnis, das zwischen Anpassung und Aufbegehren, Selbstzweifeln und Sinnsuche, Disziplin und Demut bis heute fasziniert.
Als Thea das Licht der Welt erblickt, beginnt es gerade zu dämmern. Das Sonntagskind Olga Maria Theresia Gustava Bauer wird am 25. November 1883 im Haus ihrer Eltern in der Crefelder Straße G 176 in Neuss um halb vier Uhr nachmittags geboren.[1] Es ist der letzte Sonntag im Kirchenjahr, der dem Andenken an die Verstorbenen gilt. Kirchenglocken und Totenklage bilden den Wechselklang aus Gottvertrauen und Schwermut, der ihr schon an der Wiege gesungen wird.
Im Rückblick sieht Thea Sternheim ihren Lebensbeginn im Zeichen dieser unheilvollen Konstellation, der sie sich jedoch schreibend entgegenzusetzen weiß. Es ist der Wille zur Feststellung, der unbedingte Ausdruckswille eines literarischen Naturells, der ihren Lebensweg prägen, gestalten und sublimieren wird. Im Spannungsfeld zwischen Leben und Schreiben entsteht mit ihrem Tagebuch eine minutiöse Chronik, die dem Leben dokumentierend, kommentierend und reflektierend gegenübersteht, ein buchstäbliches Lebenswerk, das sie von ihrem zweiundzwanzigsten Lebensjahr bis kurz vor ihrem Tod fast täglich führen wird. Entsprechend wissen wir über die Zeit ihrer Kindheit und Jugend nur aus den rückblickenden Aufzeichnungen und vor allem aus ihren autobiographischen Erinnerungen, mit denen sie 1936 im Alter von 53 Jahren begonnen hat.[2] Sosehr sich Thea Sternheim zeitlebens um größtmögliche Aufrichtigkeit bemüht hat und ihre Erinnerungen mit den »authentischen« Eintragungen ihres Tagebuchs zu belegen sucht, so sehr bleibt ihre wie jede Erinnerung subjektiv und selektiv und birgt bereits die Perspektive rückblickender Deutung. Im steten Zwiegespräch zwischen Leben und Schreiben gilt es, zwischen der Realität und dem Roman ihres Lebens zu unterscheiden.
Der Schatten, den Thea über ihrer Geburtsstunde liegen sieht, entspricht jedenfalls nicht den wohlhabenden Verhältnissen, in die sie hineingeboren wird. Ihr Vater, Georg Bauer, ist als Mitinhaber der Rheinischen Schrauben- und Mutternfabrik »Bauer und Schaurte« ein erfolgreicher Unternehmer. Mit 24 Jahren hat er 1874 seine Firma im linksrheinischen Neuss gegründet, das durch den Ausbau des Hafens gerade im Begriff ist, sich von einer Agrar- zu einer Industriestadt zu entwickeln.[3] Damit ist der Grundstein zu einer erfolgreichen Firmengeschichte gelegt, die mit der Erfindung von Mutter und Schraube und dem späteren Patent für den Innensechskantschlüssel »Inbus« über hundert Jahre unter demselben Namen weiter betrieben wird. Schon nach wenigen Jahren ist das Unternehmen mit über 400 Arbeitsplätzen einer der größten Arbeitgeber der Stadt.[4] Im Jahr der Firmengründung kann es sich der Jungunternehmer bereits leisten, die 22-jährige Ingenieurstochter Agnes Schwaben zu heiraten. Diese ist wie er katholisch und stammt ebenfalls aus zwar wohlhabenden, aber unglücklichen Familienverhältnissen. Ihre Eltern haben viele Jahre im englischen und russischen Ausland gelebt, bis ihr Vater, Carl Wilhelm Schwaben, seine Frau mit fünf Kindern wegen einer polnischen Sängerin verließ. Verluste in russischen Werten ließen das Vermögen von Großmutter Schwaben, wie Thea ihre Großmutter mütterlicherseits nannte, zusammenschrumpfen. Das Unglück der Großmutter setzte sich in der nächsten Generation fort. Von den fünf Kindern gelang es nur Theas Mutter Agnes sich standesgemäß, wenn auch glücklos, zu verheiraten, während ihre beiden Schwestern Carola und Hedwig sich von ihren Männern trennten.
Ein Jahr nach der Hochzeit von Georg Bauer und Agnes Schwaben wird 1875 der erste Sohn, Richard, geboren, drei Jahre später der zweite Sohn, Theodor. Nach den beiden älteren Brüdern ist Thea das dritte und letzte Kind ihrer Eltern. Als einzige Tochter und jüngstes Kind nimmt sie unter den Geschwistern zwar eine gewisse Vorzugsstellung beim Vater ein, empfindet sich aber als weibliches Wesen ihren Brüdern gegenüber als minderwertig. Insbesondere von dem als Lieblingssohn der Mutter verehrten Theo fühlt sie sich als »Göre« und »Tränendose« zurückgewiesen, so dass keine besonders enge Geschwisterbindung entsteht.[5]
Zum Haushalt der fünfköpfigen Fabrikantenfamilie gehört fast ebenso viel Personal, um den aufwendigen und repräsentativen Lebensstil zu gewährleisten. Für die neugeborene Thea wird ein Kindermädchen engagiert, das mit dem Säugling im selben Zimmer schläft und nacheinander durch das zarte Fräulein Blaßneck als Betreuerin und die klatschsüchtige Hulda Kunze als Erzieherin abgelöst wird. Die Jungfer Helene steht der Hausherrin als Kammerzofe zur Seite, der Diener Heinrich dem Hausherrn, und die Köchin Anna Winter versieht über dreißig Jahre lang die Küche. Befinden sich die Kinder in der Obhut von Kinderfrauen und Hauslehrern, so vergeht für die Eltern kein Tag ohne Gäste. Diners, Pferderennen, Jagden, Theater und Reisen sind an der Tagesordnung. Auch wenn das distanzierte Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern keine Ausnahme im großbürgerlichen Milieu der Zeit bildet, empfindet Thea ihre Kindheit als einsam. In der frühkindlichen Erinnerung erscheint der Vater als furchteinflößende, dominante und maßregelnde Autorität, die Mutter dagegen seltsam blass.
In Theas fünftem Lebensjahr zieht die Familie 1888 von Neuss nach Köln in das eigens von ihrem Onkel Hubert, dem jüngeren Bruder ihres Vaters, errichtete Haus am Hansaring 53. Der seit den 1880er Jahren an der Stelle der alten Stadtmauer errichtete Prachtboulevard gilt als erste Adresse der expandierenden Rheinmetropole. Das vierstöckige herrschaftliche Haus wird mit viel Dekor und historisierenden Stilelementen im Geschmack der Gründerzeit erbaut, über den sich Thea rückblickend als »Plüsch« mokiert. Der repräsentative Zuschnitt der unteren Geschosse gipfelt in einer steilen Marmortreppe, über deren Unbequemlichkeit Theas Mutter ständig zu klagen pflegt. Die Unzufriedenheit der Mutter hat indes tiefere Ursachen, die Thea erst später begreifen wird. Das Haus verfügt zudem über eine ausgedehnte Gartenanlage mit Springbrunnen, einen Pavillon mit Fremdenzimmern und Billarddiele sowie einen Stall mit Remise und Kutscherwohnung. Von Theas zum Garten gelegenem Spiel- und Schlafzimmer kann man die beiden Türme des Doms, einen Teil der römischen Stadtmauer und das städtische Gefängnis, den Klingelpütz, sehen.
Wie in den meisten bürgerlichen Familien des 19. Jahrhunderts sind auch bei den Eheleuten Bauer die Wirkungskreise von Mann und Frau weitgehend getrennt.[6] Während Agnes Bauer für die privaten Bereiche der Haushaltsführung und Familie zuständig ist, steht ihr Unternehmergatte viel stärker im öffentlichen Leben.[7] Täglich außer sonntags fährt er die dreißig Kilometer zur Fabrik nach Neuss und kommt zum Mittagessen um 14 Uhr nach Hause. Die Eisenbahnfahrt vom nahe gelegenen Centralbahnhof am Dom, dessen prachtvoller Neubau mit seinem riesigen Glasgewölbe über der zweigeschossigen Wartehalle gerade Gestalt annimmt, dauert keine halbe Stunde. Nach dem Mittagsschlaf trifft er sich mit Freunden und Kollegen im Weinrestaurant und kehrt erst zum Abendessen gegen 21 Uhr zurück. Die Mutter versieht mit Hilfe des Personals den Haushalt, organisiert die gesellschaftlichen Verpflichtungen und pflegt die familiären Kontakte.
Mindestens einmal wöchentlich fährt Thea mit ihrer Mutter über die Rheinbrücke nach Deutz, um ihre Großmutter Schwaben zu besuchen, die mit ihrer ledigen Schwester und ihrer geschiedenen Tochter Carola samt Enkeltochter Olga in einem reinen Frauenhaushalt zusammenlebt. Thea liebt diese Besuche in der Neuhöfferstraße bei ihrer warmherzigen und weitgereisten Großmutter und ihrer Linchen genannten Lieblingstante, wo es zwei Hunde, einen russisch sprechenden Papagei und köstlichen Kuchen gibt. Die liebevolle Atmosphäre des großmütterlichen Haushalts wird sich Jahre später zu einer tröstlichen Erinnerung verdichten:
»Nie hat mein Elternhaus einen ähnlichen Eindruck auf mich ausgeübt als das bescheidene Haus meiner Grossmutter mit seinen Weinstöcken, seinem Taubenschlag. Da spiegelte jedes Ding, jeder Raum die Würde ihres gütigen Herzens wider. Die beiden Hunde. Der Papagei.
Welch eine Wohltat war’s dem Kind aus den Misshelligkeiten des elterlichen Hauses kommend in diese Wohnung des Friedens zu treten. Pistazientorte und Blancmanger waren nur schwache Symbole für die sentimentalen Genüsse, die das Fühlbarwerden einer grossen Sympathie in mir auslöste.«[8]
Im Gegensatz dazu verabscheut Thea die Besuche bei ihrer erblindeten Großmutter Bauer auf dem Salierring, die ebenfalls mit ihrer geschiedenen Tochter Therese zusammenlebt und offenbar ihre Ablehnung der Schwiegertochter gegenüber auf ihre Enkeltochter übertragen hat. Ob verlassen, verwitwet, geschieden oder ledig, die starke Häufung alleinstehender Frauen prägt Theas unmittelbares familiäres Umfeld.
Mit sechs Jahren wird Thea 1889 in die Kuttenkeulersche Schule am Gereonsdriesch eingeschult zusammen mit ihrer gleichaltrigen Kusine Elisabeth Bauer, der Tochter ihres Architekten-Onkels Hubert, die zu ihrer täglichen Spielgefährtin wird. Die Schulausbildung der drei Geschwister Bauer verläuft dem Alter und Geschlecht entsprechend unterschiedlich. Während ihr ältester Bruder, Richard, beim Umzug nach Köln mit nur elf Jahren zunächst noch in der Obhut seines Privatlehrers in Neuss bleibt, besucht der mittlere Bruder, Theo, ein neusprachliches Kölner Realgymnasium. Im Unterschied zu den bereits weitgehend staatlich regulierten Jungenschulen steht die »private höhere Töchterschule Kuttenkeuler« zwar auch unter behördlicher Aufsicht, wird in ihrer pädagogischen Ausrichtung und Qualität aber von der jeweiligen Schulleitung und Zusammensetzung der Schülerinnen bestimmt.[9] In der Zeit von Theas Einschulung muss sich Johanna Kuttenkeuler immer wieder mit der Schulaufsicht auseinandersetzen, um das allgemeine Durcheinander nicht regulierter Lehrpläne und unterschiedlicher Bildungsvoraussetzungen in den Griff zu bekommen. Dabei mögen die sittlichen Werte wie Demut, Bescheidenheit, Gehorsam und Akzeptanz der gottgegebenen Unterschiede, die in der konfessionellen Standesschule neben den Bildungsinhalten vermittelt werden, bei Thea etwas zu kurz gekommen sein. Ohnehin entsprechen weder die preußischen noch die kirchlichen Tugenden Theas Naturell, die sich mit einem Aufsatz gegen die Kreuzzüge und einem Spottgedicht über einige Klassenkameradinnen schon bald den Ärger der Schulleitung zuzieht, woraufhin einigen Kindern der Umgang mit ihr wegen »ihres anarchischen Einflusses« verboten wird. Im späten Rückblick auf ihre Kölner Schulzeit hat Thea Sternheim als alte Frau ihr kindliches Wesen sehr treffend als eine Mischung aus »Anarchie und Frommsein«[10] charakterisiert.
Den Gegenpol zu ihrem anarchischen Wesen bildet eine bereits frühkindlich ausgeprägte Frömmigkeit, wie sie Thea von beiden Großmüttern vertraut ist, aber deutlich über den konventionellen Rahmen ihres katholischen Elternhauses hinausreicht. Während die Eltern nur gelegentlich zur Kirche gehen, wird Thea zu regelmäßigen Gottesdienstbesuchen angehalten. Auf Anregung von Fräulein Blaßneck errichtet Thea einen kleinen mit einem Marienbild, Kerzen und Blumen geschmückten Hausaltar in ihrem Zimmer. Die Bibel, Heiligenlegenden und Märtyrergeschichten gehören zusammen mit der griechischen Mythologie zu ihrer ersten Lieblingslektüre; die in einem Bastkörbchen verwahrten Heiligenbildchen bilden den Grundstock ihrer späteren Kunstbegeisterung und Sammelleidenschaft.
Die frühkindliche Phase bedingungsloser Frömmigkeit ist längst vorbei, als Thea mit zwölf Jahren zusammen mit ihrer Kusine Elisabeth zum Kommunionsunterricht kommt. Ihre ersten Glaubenszweifel sind mit einer unbedingten Aufrichtigkeit gepaart, die sie bei der Erstkommunion Übelkeit vortäuschen lässt, weil sie nicht an die Gegenwart Jesu im Altarsakrament glauben kann. Denn ihr Glaube gilt nicht dem göttlichen, sondern dem barmherzigen und sanftmütigen Jesus.
Zusätzlich wird ein Hauslehrer zur Beaufsichtigung nach den Schulstunden eingestellt. Thea zieht den Privatunterricht des Schriftstellers Hans Willy Mertens den regulären Schulstunden vor. Ihre Anfälligkeit für Erkältungskrankheiten ist zumindest in den Wintermonaten ein guter Vorwand, um den Unterricht lieber zuhause zu absolvieren.[11] Daneben gehören Klavier-, Tanz- und Gesangsunterricht zum klassischen Repertoire für höhere Töchter. Musikalisch und sportlich eher unbegabt, verbringt Thea ihre Freizeit lieber mit Malen und Lesen.
Das Geschenk ihrer Lieblingstante Linchen, eine Sammlung von Reclam-Heften klassischer Dramen, regt sie zur Deklamation und bald auch zum Schreiben eigener Stücke an. Ein Puppentheater als Weihnachtsgeschenk wird zu ihrem Lieblingsspielzeug, mit dem sie die ersten Theater- und Opernaufführungen, die sie im Kölner Stadttheater gesehen hat, nachspielen kann. Mit dieser Neigung lernt Thea bei den Freundinnen ihrer Kommunionszeit, Isolde und Gudrun Wette, ein anregendes und neuartiges Milieu kennen. Der Vater, Hermann Wette, ist Schriftsteller und Ohrenarzt, die Mutter Adelheid Wette, geborene Humperdinck, die Schwester des bekannten Komponisten. In dem turbulenten Bohème-Haushalt am Hohenzollernring, in dem die Kinder eigene Theaterstücke zur Aufführung bringen, erlebt Thea eine sehr viel bescheidenere, aber auch ungezwungenere und familiärere Atmosphäre als im eigenen Elternhaus. Noch zwanzig Jahre später wird Thea einen Traum in ihr Tagebuch notieren, in dem sich ihre Begeisterung für das unbürgerliche und künstlerische Milieu der Familie Wette mit unbedingter Solidarität und ihrem ersten Aufbegehren gegen den Standesdünkel ihrer eigenen Familie verbindet:
»Die anderen haben vielleicht recht mir diesen Verkehr mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, zu untersagen; aber sie vergessen, dass ich aus einem höheren Beweggrund standhaft bleiben muss: Diese Treue, die in Überschwänglichkeit ausartet, ist mein erster Feldzug gegen das bürgerlich Herkömmliche, der erste Versuch, Fesseln, die mir durch Geburt und Erziehung auferlegt worden, zu sprengen.«[12]
Im Elternhaus am Hansaring verkehrt außer der weitverzweigten Verwandtschaft ein großer Freundeskreis, der vornehmlich aus militärischen und kaufmännischen Kreisen stammt. Die politische Gesinnung ist wenig spezifisch: Man feiert mit Bismarcks Geburtstag die Reichsgründung und teilt einen latenten Antisemitismus, der jedoch die Lektüre von Heinrich Heine und Ludwig Börne keineswegs ausschließt. Zum Freundeskreis gehört auch der Firmen-Mitinhaber Christian Schaurte, dessen junge Frau Hedwig für Thea zum weiblichen Idealbild ihrer schwärmerischen Veranlagung wird. Die jugendliche und lebenslustige Hedwig, altersmäßig zwischen Thea und der Elterngeneration, lässt sich die kindliche Schwärmerei gerne gefallen. Als Tochter des Schriftstellers, Journalisten und Theaterleiters Paul Lindau verkörpert sie einen mondänen Frauentypus, der anders als Theas Mutter die verehrte und verwöhnte Ehefrau repräsentiert. Agnes Bauer muss dagegen die undankbare Rolle der unzufriedenen Ehefrau übernehmen, die der Untreue ihres Ehemanns wenig mehr als Rückzug, Verbitterung und Krankheit entgegenzusetzen hat. Auch wenn es in Deutschland, insbesondere in Preußen schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts, ein relativ liberales Scheidungsrecht und entsprechend bereits vor 1900 eine relativ hohe Scheidungsrate gab,[13] mögen die Erfahrungen, sicherlich aber das gute Zureden ihrer geschiedenen Schwestern, sie von dieser letzten Konsequenz abgehalten haben. Stattdessen wird die treulose Jungfer Helene entlassen, ebenso wie Theas Kinderfräulein Blaßneck, die das außereheliche Verhältnis entdeckt hat, während Agnes’ jüngste Schwester zur Stimmungsaufbesserung mit ins Haus zieht. Nicht ohne Selbstvorwurf wird sich Thea aus eigener leidvoller Erfahrung als junge Frau erinnern:
»Meine Mutter sehe ich wieder vor mir. Wie sie Monate lang von dem Vater getrennt lebte. Sie zerfloss in Tränen und machte ihrem gepressten Herzen durch Schmähungen Luft. Ich war zehn, elf Jahre alt. Ich verstand vag und hatte nicht Mitleid mit ihr, sondern hielt eher (auch die Brüder) zu dem Ehebrecher.«[14]
Der Patriarch und Familienvorstand hat nicht nur die bürgerliche Rechtstradition, sondern auch die Sympathie seiner Kinder auf seiner Seite. Auch wenn die Episode kein Einzelfall bleiben wird, gelingt es, die Fassade der gutbürgerlichen Familie zu wahren.
Dazu trägt eine neue Form von Freizeitkultur bei, die man neben der Pflege kultureller Interessen an Theater, Musik und Lektüre auch mit Bildungsreisen und Kuraufenthalten verbringt, um für Abstand, Zerstreuung und Abwechslung im großbürgerlichen Familienleben zu sorgen. Jeden Sommer begleitet Thea ihre zuckerkranke Mutter zur Kur nach Karlsbad, wo man regelmäßig mit standesgemäßen Bekannten und Verwandten zusammentrifft. Als Thea im Sommer 1894 während des Kuraufenthaltes lebensgefährlich an Typhus erkrankt, muss die Reise jedoch abgebrochen werden. Die langwierige Krankheits- und Genesungszeit zieht sich bis in den Winter und bedeutet einen spürbaren und sichtbaren Einschnitt, da aus dem eher zarten und anfälligen Kind eine pummelige Elfjährige wird. Außer den Kuraufenthalten führen weitere Reisen in die Reichshauptstadt, in das mondäne Seebad Ostende und zu Wanderungen in die Tiroler und die Schweizer Berge.
Die heranreifende Tochter genießt zunehmend die väterliche Bevorzugung in Form von kostbaren und geschmackvollen Geschenken. Bei einem Kuraufenthalt zieht sie erstmals auch die Aufmerksamkeit eines Freundes des Vaters, Franz Wicküler,[15] auf sich, der die Familie nach Karlsbad begleitet hat. Zwar schmeichelt der ungefähr Zwölfjährigen das Interesse des sehr viel älteren Mannes; zum ersten Mal verliebt sich Thea jedoch im selben Alter in Fritz Werner, der als erster Tenor buffo am Kölner Stadttheater engagiert ist und regelmäßig im Hause Bauer verkehrt.[16] Nicht dem vermögenden Brauereibesitzer Wicküler, sondern dem gefeierten Sänger gilt ihre schwärmerische Bewunderung, die von der Mutter geteilt und vom Vater missbilligt wird. Den vorläufigen Höhepunkt von Theas jugendlicher Schwärmerei bildet das Abschiedsdiner zu Ehren von Fritz Werner, aus dessen Anlass sie ein Gedicht verfasst hat. Der Vortrag ergreift sie jedoch dermaßen, dass sie schluchzend aus dem Speisezimmer zu Bett gebracht werden muss. Inwiefern der Überschwang ihrer Gefühle, sei es für die Jungfrau Maria, den Gekreuzigten, die mondäne Hedwig Schaurte oder den bejubelten Tenor, ihrer frühreifen Jugend, ihrem gefühlsarmen Elternhaus, ihrem leidenschaftlichen Naturell oder dem überbordenden Gefühlsdekor der Gründerzeit geschuldet ist, lässt sich schwer entscheiden. Eine Mischung all dieser Aspekte fließt zweifellos zusammen in einem Bedürfnis nach Idealisierung, das sich immer wieder an der alltäglichen Wirklichkeit reiben wird.
Nach sechs Jahren ist es für Thea an der Zeit, eine weiterführende Schule zu besuchen. Denn die »höhere Mädchen- oder Töchterschule« gehört nicht zum höheren Schulwesen, sondern bezeichnet vielmehr einen standesbewussten Anspruch.[17] Die begriffliche Gemengelage zwischen höherer Bildung und höherem Stand wirft indes ein bezeichnendes Licht auf die Vorstellungswelt eines spezifisch weiblichen Bildungswegs,[18] der auch noch für Thea maßgeblich ist. Zwar beginnt bereits 1872 mit der Weimarer Versammlung der deutschen Mädchenschulpädagogen die Normierung und Institutionalisierung des höheren Mädchenschulwesens in Preußen, die jedoch erst 1908 zum Erlass seiner Neuregelung in Anpassung an das Jungenschulwesen führten.[19] Bis dahin herrscht in der bildungspolitischen Auseinandersetzung über die Mädchenbildung ein breiter Konsens über die »Bestimmung der Frau« als Hausfrau, Gattin und Mutter.[20] Noch in der Denkschrift der Weimarer Versammlung bleibt die Erziehung der Mädchen an den Bedürfnissen des Mannes orientiert:
»Es gilt, dem Weibe eine der Geistesbildung des Mannes in der Allgemeinheit der Art und der Interessen ebenbürtige Bildung zu ermöglichen, damit der deutsche Mann nicht durch die geistige Kurzsichtigkeit und Engherzigkeit an dem häuslichen Herd gelangweilt und in seiner Hingabe an höhere Interessen gelähmt werde, daß ihn vielmehr das Weib mit Verständnis dieser Interessen und der Wärme des Gefühls für dieselben zur Seite stehe.«[21]
Obwohl es 1890 in Köln bereits zehn höhere Mädchenschulen gibt,[22] kommt Thea nach Ostern 1896 mit zwölf Jahren in das neu eröffnete katholische Pensionat der Schwestern Josefine und Anna Meurin nach Bonn. Private Mädchenpensionate sind im 19. Jahrhundert vor allem eine Option für höhergestellte Familien, die ihren Töchtern eine standesbewusste Ausbildung unter ihresgleichen zukommen lassen wollen. Empfohlen wird ein Pensionatsaufenthalt von ein bis zwei Jahren im Anschluss an die Schulzeit, also ungefähr ab dem vierzehnten Lebensjahr, um der moralischen und gesellschaftlichen Erziehung den letzten Schliff zu geben.[23] Wie beliebt das Pensionatswesen war, zeigt sich in dem eigenen literarischen Genre von Internatsgeschichten, das mit Emmy von Rhodens zwei Jahre nach Theas Geburt erschienenem Fortsetzungsroman Trotzkopf einen »Klassiker der Backfischliteratur« hervorgebracht hat.[24] Schon im titelgebenden Spitznamen verdichtet sich das Sozialisationsmuster des aufmüpfigen Backfisches, der durch die Pensionatszeit geläutert zu seiner »weiblichen Bestimmung« findet.
Thea erlebt ihre zweijährige Internatszeit in Bonn ohne Heimweh, aber auch ohne jede Begeisterung.[25] Der streng geregelte Schulalltag lässt wenig Spielraum zur individuellen Entfaltung. Die ein- und ausgehende Post wird kontrolliert, was Thea entweder zu umgehen weiß oder wogegen sie offen rebelliert.
In ihrem Bedürfnis nach Idealisierung und Ausdruck bietet ihr vor allem die Literatur neue Nahrung. An die Stelle des Schutzengels über ihrem Bett hängt sie nun das Porträt des jungen Goethe und ergeht sich selbst in dichterischen Versuchen.
Im Schlafsaal ist die zwei Jahre ältere Eugenie Hauth aus Düsseldorf ihre Bettnachbarin, mit der Thea sich bald anfreundet, wenngleich sich der Altersunterschied zwischen den jungen Mädchen deutlich bemerkbar macht. Während bei Eugenie bereits das Interesse am anderen Geschlecht geweckt ist, hält Thea ihre heimliche Schwärmerei für Fritz Werner vor der Freundin verborgen. Trotz aller Diskretion fühlt sich Theas Vater offenbar bemüßigt, die Schwärmerei mit dem Hinweis auf Werners jüdische Abstammung zu unterbinden, worin Thea erneut den antisemitischen Beigeschmack fühlt, der ihren Widerspruchsgeist weckt.
Eine willkommene Abwechslung bieten die Sommerferien, die Thea auf Einladung des Ehepaars Schaurte auf deren Anwesen verbringt. Die bei Neuss gelegene mittelalterliche Lauvenburg mit dem Trabergestüt Schabernack, die Christian Schaurte erworben und in eine heute noch erhaltene Villa umgebaut hatte, wird für Thea zum Ferienparadies. Von hier aus lassen sich Ausflüge zu Theater- und Restaurantbesuchen in das nahe gelegene Düsseldorf unternehmen, aber vor allem gemeinsame Stunden mit der bewunderten Hedwig verbringen, bei deren drittem Kind Thea die Patenschaft übernimmt.
Entsprechend schwer fällt Thea die Rückkehr in das ungeliebte Bonner Pensionat. Durch häufige Erkältungen weiß sie sich jedoch immer wieder dem Unterricht zu entziehen, um sich der Arbeit an einem fünfaktigen Drama über den böhmischen Reformator Jan Hus zu widmen:
»Dieses Machwerk ist der Querschnitt durch meine damalige Weltanschauung. Antiautoritär, antiklerikal, Papst und Kaiser als Roßtäuscher anprangernd, den Ketzer als Märtyrer darstellend. Der verfemten Tochter des Konstanzer Henkers, die selbstverständlich in einen Liebeshandel mit Hieronymus von Prag verstrickt ist, lege ich alle Rechtfertigungsgründe in den Mund, die Fritz Werner der judenfeindlichen Umwelt entgegnen könnte. Hus und Hieronymus sind im Aufmarsch der Personen jedenfalls die einzigen, die die Gebote Jesu befolgen.«[26]
Theas apologetische Eloge auf den Wegbereiter der Gewissensfreiheit verträgt sich schlecht mit der schulischen Missachtung des Briefgeheimnisses. Hat sie bisher ihren heimlichen Briefwechsel mit Gudrun Wette einer Zugehfrau aus der Badeanstalt anvertraut, die für Theas tägliches Vollbad zuständig ist, so sucht sie jetzt die offene Konfrontation mit der Schulleitung, indem sie die Zensur in ihrer offiziellen Korrespondenz zum Thema macht.
Im schöpferischen und gerechtigkeitsliebenden Eifer malt sich Thea bereits eine Zukunft am Theater aus, bei der die bürgerlichen Vorstellungen ihrer »weiblichen Bestimmung« keine Rolle spielen. Sind berufliche Ambitionen für wohlhabende junge Mädchen ohnehin noch eher die Ausnahme, so bedeutet ihr Berufswunsch einer Theaterlaufbahn ein geradezu anstößiges Ansinnen.[27] In erster Linie ist es der Lehrerinnenberuf, der eines der wenigen standesgemäßen Berufsfelder für Mädchen aus bildungsbürgerlichen Schichten eröffnet, allerdings zu dem Preis des Lehrerinnenzölibats.[28]
Ob es Theas eigensinniger »Trotzkopf« ist, der nach zweijähriger Pensionatszeit einen erneuten Schulwechsel geraten sein lässt, oder der elterliche Wunsch nach einer internationalen Ausbildung, ist nicht bekannt. In jedem Fall wird Thea 1897 mit vierzehn Jahren in ein neues, diesmal protestantisches Internat nach Brüssel geschickt.[29]
Anders als in Bonn herrscht dort eine offenere und freiheitlichere Atmosphäre mit Schülerinnen aus aller Welt.[30] Kein frühes Aufstehen, kein verordneter Gottesdienstbesuch, dazu tut die gute belgische Küche das Übrige, um Theas freiheitsliebendes und sinnenfreudiges Temperament zu beflügeln. Hier kann sich ihre Wissbegierde und Begeisterungsfähigkeit erstmals voll entfalten. »Von Natur aus fleißig« werden Literatur und Geschichte zu ihren Lieblingsfächern, ihre französischen Aufsätze können schon bald mit denen der Muttersprachlerinnen konkurrieren, und ihr historischer Horizont weitet sich unter der internationalen Perspektive. Zu dem Goethebild über ihrem Bett gesellte sich Heinrich Heines Porträt, dessen gesammelte Werke sie systematisch durcharbeitet. Reitunterricht gehört ebenso zum extracurricularen Angebot wie die Klavierstunden bei der Musikertochter Louisa Merck, die für Thea zum nächsten Objekt ihrer schwärmerischen Veranlagung wird. Ohnehin bietet das Pensionatsleben reichlich Nahrung für die aufgeladene Gefühlswelt der jungen Mädchen. Über das alterstypische Maß hinaus findet diese überspitzte und aufgewühlte Emotionalität ihren zeitgenössischen Ausdruck in der symbolistischen Strömung der Jahrhundertwende, die Thea bei den belgischen Dichtern Émile Verhaeren und Maurice Maeterlinck für sich entdeckt. In ihrer Begeisterung für die fantasiereiche und märchenhafte Sprache Maeterlincks begnügt sich Thea nicht mit der Lektüre seiner dramatischen Schöpfungen, sondern tut zum ersten Mal das, was sie im späteren Verlauf ihres Lebens immer wieder tun wird. Sie sucht den direkten brieflichen Kontakt zu einem zeitgenössischen Dichter. Maeterlinck erkennt in Thea »une âme, que je sens si jeune, si vivante et en même temps si résolue et si indépendante«,[31] wie er ihr entgegen seiner sonstigen Gewohnheit tatsächlich antwortet. Die Antwort eines der bedeutendsten Vertreter des Symbolismus an die Sechzehnjährige wird für Thea zu einem Schlüsselerlebnis:
»Noch heute entsinne ich mich des inneren Aufruhrs, den ich mit Maeterlincks Antwortschreiben auf meinen an ihn gerichteten Brief empfand. Überhaupt war die in Brüssel verlebte Zeit mit Verlaine, Pascal, Verhaeren und Maeterlinck unbedingt die an musischen Eindrücken reichste meiner Jugend; die, wo ich mein natürliches Ich selbstverständlich leben durfte, die mir gemäße Stellung einnahm, den meinen ähnlichen Interessen vielfach bei anderen begegnete. Das Geschlechtliche war noch ausgeschaltet, keine Enttäuschung hatte meinen Enthusiasmus geknickt.«[32]
Das soll sich bald ändern, als Thea in den Sommerferien 1899 in Köln Arthur Löwenstein kennenlernt. Bei einer Kutschfahrt im Phaeton mit ihrem Bruder Richard begegnet sie ihm das erste Mal, als er gerade aus dem Reitstall kommt. Der angehende Rechtsanwalt verfügt im Unterschied zu ihren bodenständigen und amusischen Brüdern über genau das, was ein feinsinniges Mädchen wie Thea Bauer faszinieren muss: Er sieht gut aus, spielt leidenschaftlich Geige, interessiert sich für Musik und Philosophie und ist galant. Mit dem ersten Kuss ist für Thea jedoch weniger der sinnliche Reiz als der des Verbotenen geweckt. Noch bevor die Sommerferien zu Ende gehen, ist die Fünfzehnjährige mit dem zehn Jahre älteren Löwenstein heimlich verlobt.
Damit bekommt ihre Schreiblust bei der Rückkehr ins Internat eine ganz neue Richtung. Löwenstein ist der willkommene Adressat für einen heimlichen Briefwechsel, der von Theas Vater entdeckt, verboten und von den Verlobten heimlich fortgesetzt wird. Aus dem verbotenen Spiel wird plötzlich Ernst, als Löwenstein beim Weihnachtsbesuch um Theas Hand anhält. Vom Vater schroff zurückgewiesen, muss sich Thea schweren Herzens fügen, mag dabei aber auch eine gewisse Erleichterung empfunden haben. Jedenfalls stürzt sie sich noch einmal in das anregende Internatsleben mit den gleichaltrigen Mitschülerinnen. Neben ihrer literarischen Neigung entdeckt Thea bei den Malern der flämischen Schule ihre Begeisterung für die bildende Kunst. In der Verbindung zwischen individuellem Gefühlsausdruck, religiöser Inbrunst und verborgenem Symbolismus findet sie bei den frühen Niederländern genau die Mischung aus Gefühl, Geist und Intellekt, die sie ein Leben lang begeistern wird.
Theas Bildungshunger verdrängt ihren Liebeskummer und führt zu dem Wunsch, das Abitur machen zu dürfen. Da die Allgemeine Hochschulreife für deutsche Mädchen um 1900 nach wie vor die Ausnahme bildet, lehnt Georg Bauer das Ansinnen seiner Tochter ab. Noch immer steht Preußen Gymnasien für Mädchen ablehnend gegenüber, unterstützt aber ab 1893 die Errichtung aufbauender Oberlehrerinnen- oder Gymnasialkurse.[33] In der zunehmenden Diskussion um die Gleichberechtigung und Verbesserung der Bildungschancen für Mädchen und Frauen hat die bürgerliche Frauenbewegung mit ihren schnell wachsenden Frauenvereinen einen bedeutenden Anteil.[34] Im Jahr 1899, als Thea ihren Abiturwunsch äußert, wird in Köln gerade auf Initiative von Mathilde von Mevissen der »Verein Mädchengymnasium Köln« gegründet.[35] Die 1848 geborene Mathilde von Mevissen stammt wie Thea aus dem industriellen Großbürgertum Kölns und hat bis ins Erwachsenenalter unter ihrer mangelnden Bildung gelitten. Aus diesem Defizit heraus hat sie 1890 die Frauenbewegung für sich entdeckt und die Förderung der Mädchen- und Frauenbildung zu ihrer Lebensaufgabe gemacht. Zwar gehört es in Köln schon bald »zum guten Ton, Mitglied des Vereins Mädchengymnasium zu sein«, jedoch zieht sich das Genehmigungsverfahren so lange hin, dass erst 1903 das erste humanistische Mädchengymnasium in Deutschland, zunächst auf Probe, gegründet wird.[36] Auch wenn diese Gründung für Theas Abiturwunsch zu spät kommt, hätte eine wohlhabende Bürgerstochter wie sie ohne Weiteres einen gymnasialen Aufbaukurs machen oder ihr Abitur auch im benachbarten Belgien, in Frankreich oder der Schweiz machen können, wo den Mädchen bereits seit den 1870er und 1880er Jahren die Allgemeine Hochschulreife und der Zugang zu den Universitäten offenstand.[37]
Für Theas Vater liegt diese Möglichkeit offenbar noch weitgehend außerhalb seines wie des allgemeinen Vorstellungshorizontes. Oder will er seine Tochter, wie diese mutmaßt, bewusst in Abhängigkeit halten? Vermutlich hätte er gut daran getan, Theas offenkundiger Begabung und Wissbegierde Ziel und Richtung zu geben. Stattdessen schürt seine rechthaberische Mitteilung, dass Löwenstein bereits um die Hand einer anderen jungen Dame angehalten habe und ebenfalls abgewiesen worden sei, Theas Widerspruchsgeist. Sie nimmt den heimlichen Briefwechsel mit ihrem Verlobten wieder auf, schwört ihm ewige Treue und wird abermals entdeckt. Diesmal fällt das väterliche Verbot ungleich deutlicher aus. In einem emotionalen Brief zeigt sich der Vater enttäuscht über den Vertrauensbruch und unterstellt dem Heiratskandidaten vor allem pekuniäre Motive, die seine unerfahrene Tochter noch nicht durchschauen könne. Diese Unterstellung trifft Thea an ihrer empfindlichsten Stelle, so dass sie darüber sogar die gleichzeitig eintreffende Nachricht vom Tod ihrer geliebten Großmutter Schwaben kaum zur Kenntnis nimmt. Ausgerechnet in diesem Moment geht für Thea nach knapp drei Jahren im Winter 1900 die Brüsseler Pensionatszeit zu Ende, so dass sie voll inneren Aufruhrs mit gerade siebzehn ins Elternhaus zurückkehren muss. Entsprechend aufgeladen muss man sich wohl die häusliche Stimmung vorstellen, die sich am Dreikönigstag 1901 in einer dramatischen Szene entlädt. Thea hat die sie zum Kirchgang begleitende Jungfer zu einem heimlichen Treffen mit Arthur Löwenstein überredet. Bei ihrer Rückkehr konfrontiert die Mutter sie mit einer Lutherbibel, die sie in Theas Zimmer gefunden hat und für ein Geschenk Löwensteins hält. Der heftige Wortwechsel gipfelt in der ersten Ohrfeige, die Thea je bekommen hat. Außer sich vor Wut stürzt sie sich auf die Mutter und erhält vom herbeieilenden Vater die nächste Ohrfeige. In ihrer Verzweiflung versucht Thea aus dem Fenster zu springen und verfällt, als man sie daran hindert, in einen Weinkrampf.
So marginal der Anlass des Streites gewesen ist, so nachhaltig erschüttert er Theas ohnehin getrübtes Verhältnis zu ihren Eltern. Von nun an herrscht eisiges Schweigen bei Tisch, den Thea gleich nach den Mahlzeiten verlässt, um sich in ihr Zimmer zurückzuziehen.
In dieser prekären Lage ist wieder einmal Hedwig Schaurtes Einladung, mit ihr und ihren vier Kindern die Sommerferien in Holland zu verbringen, die willkommene Rettung. Außer Ablenkung und Zerstreuung hat Thea nun die Mutterfreuden ihrer vergötterten Freundin täglich vor Augen, die ihr als verlockende Zukunftsvision erscheinen. Fern vom Elternhaus lassen sich weitere Briefwechsel und Treffen mit Löwenstein arrangieren, bei denen der Plan zu einer heimlichen Flucht und Heirat heranreift. Die letzten Zweifel hilft Hedwig Schaurte zu überwinden, die sich beim geschickt eingefädelten Kennenlernen von dem heimlichen Verlobten und den romantischen Fluchtplänen begeistern lässt. Kabale und Liebe übernehmen die Regie.
Wie alle großen Lebensentscheidungen ist auch diese für Thea mit einem literarischen Schlüsselerlebnis verbunden. Tolstois gerade in deutscher Übersetzung erschienener letzter Roman, Auferstehung, ist das erste Werk des russischen Dichters, das ihr zufällig in die Hände fällt und den Beginn einer lebenslangen Verehrung markiert.[38] Bei nachmittäglichen Ausflügen in die botanische Gartenanlage »Flora« liest sie ihrer Kusine Olga die Läuterungsgeschichte des adligen Gutsbesitzers Nechljudow vor, der als Geschworener vor Gericht über eine Prostituierte urteilen soll. Als dieser in der Angeklagten die von ihm in jungen Jahren verführte Katjuschka erkennt, fühlt er sich schuldig am Schicksal der zu Unrecht Verurteilten und folgt ihr in die Verbannung nach Sibirien. Das Motiv der selbstlosen Liebe als Wiedergutmachung und Pflicht berührt Thea zutiefst, da es ihr wie eine Bestätigung für ihren Entschluss gegen die väterliche Zurückweisung von Löwenstein als jüdischem Mitgiftjäger erscheint. Ist es nicht ihre heilige Pflicht, den Verlobten gegen die antisemitischen Vorwürfe ihres Vaters bedingungslos zu verteidigen? In diesem Tenor verfasst Thea, unterstützt von Hedwig Schaurte, einen ebenso radikalen wie pathetischen Abschiedsbrief an ihre Eltern:
»Ich bitte Euch um Verzeihung, weil ich Euch Kummer bereiten muß, nicht darum, weil ich fortgehe, denn das ist mein Muß und mein Wille. Ich habe mich nicht überreden lassen. Ich bin aus freien Stücken und mit meiner Liebe gegangen. Es ist gut, daß ich gegangen bin. Das war kein Leben mehr zu Haus, nicht für Euch und nicht für mich. Ich wußte mich jeder Freiheit beraubt, an allen Ecken und Enden beobachtet; das aber sind Dinge die sich nicht ertragen lassen. Auch hätte ich nicht länger unter Menschen leben können, die mir mein Liebstes und Bestes wegnehmen. Und das ist Euer Wille gewesen. Ihr sagtet, daß ihr mein Glück wolltet; mag sein; aber das Glück ist verschieden. […]
Ich fühle mich nicht schuldig, in nichts. Seine, meine Liebe ist rein, warum sollte sie nicht bestehen dürfen? Ihr habt mir Eure Zustimmung aus Gründen verweigert, die ich nicht begreifen kann. Weshalb solch kleinlichen Gründen das Glück zweier Menschen opfern? Man hat auch eine Pflicht gegen sich zu erfüllen, und diese Pflicht wird größer, wenn sich das Glück eines anderen Menschen damit einigt. […] Wenn er auch nur ein Jude ist, dieser Jude ist mir so wert geworden, daß ich alles für ihn ertragen könnte … […] Und noch eins: Ihr habt behauptet, es sei meinem Mann um Euer Geld zu tun. Ich darf nichts von Euch annehmen, auch wenn ich es wollte. Aber ich werde nichts wollen. […]«[39]
Mit diesem Abschiedsbrief, in dem sich die großen Lebensthemen von Freiheit, Glück, Liebe, Pflicht und Opferbereitschaft nicht ohne Pathos aneinanderreihen, beginnt für Thea ein völlig neuer Lebensabschnitt. Darin werden von nun an nicht mehr die elterliche Autorität und bürgerliche Wertvorstellungen, sondern künstlerische und christliche Ideale maßgeblich sein. Welche Rolle der männliche Besitzanspruch darin spielen wird, kann die Siebzehnjährige noch nicht ahnen.
Am Morgen des 9. November 1901 brennt die siebzehnjährige Thea mit einer Ausgabe von Maeterlincks Essaysammlung Le Trésor des Humbles in der Hand durch.[40] Nach einer pathetischen Verabschiedung von Hedwig Schaurte bricht sie von Neuss nach Hoek van Holland auf, wo Arthur Löwenstein sie zur Überfahrt nach England erwartet. Dort hat er alle Vorbereitungen für die standesamtliche Trauung getroffen, die am nächsten Morgen in Gegenwart von zwei unbekannten Zeugen in London stattfindet. Anschließend geht es weiter nach Cambridge, wo das junge Paar von einem Freund Löwensteins und einem Strauß weißer Rosen von Hedwig Schaurte zu einer kleinen Hochzeitsfeier erwartet wird.
Die Ernüchterung lässt nicht lange auf sich warten. Schon am Morgen nach der Hochzeitsnacht erwacht Thea aus ihren romantischen Träumen und wird sich des Unterschiedes zwischen himmlischer und irdischer Liebe schmerzhaft bewusst. Die erste sexuelle Erfahrung ist nicht nur schmerzhaft und schockierend für Thea, sondern lässt Arthur in einem völlig neuen Licht erscheinen. Der galante und kultivierte Schöngeist stellt sich als ein Mann aus Fleisch und Blut heraus, noch dazu als einer, der in Theas leidenschaftlichem Temperament keine Sinnlichkeit zu wecken weiß. In ihrer grenzenlosen Unerfahrenheit, in der junge Bürgerstöchter unter ständiger Aufsicht bewusst gehalten werden, ist die Hochzeitsnacht ein regelrechter Schock für Thea. Statt für die körperliche Liebe ist ihre jugendliche Vorstellungswelt für eine mystische Sicht empfänglich, wie sie in Maeterlincks philosophischen Schriften um die Jahrhundertwende ausgesprochen populär ist.[41]
Die neu-romantische und neu-mystische Geistesströmung eines Maeterlinck, die sich gegen die Philosophie des Naturalismus auf das seelische Empfinden des Menschen richtet, entspricht nicht nur Theas literarischem Geschmack, sondern auch ihrem seit frühester Kindheit ausgeprägten metaphysischen Bedürfnis. Als Vertreter einer literarischen Avantgarde und als moralische Autorität bietet der Modeschriftsteller einer breiten Leserschaft Orientierung und Lebenshilfe in einer sich rasant verändernden Welt. Die ganz persönliche Bedeutung von Maeterlincks Schriften für seine Leser wird auch von Thea bezeugt, die sich noch fünfundzwanzig Jahre nach ihrer Flucht stärker an ihre Maeterlinck-Lektüre als an die Hochzeitsnacht erinnert.[42]
Aus Maeterlincks Ermutigung zur Befreiung von Zwängen und Ängsten, Passivität und Entsagung hin zu einer bewussten und aktiven Lebensgestaltung kann Thea ihr eigenmächtiges Handeln rechtfertigen und ihr »Recht auf Glück« ableiten. Auf ähnliche Weise wird Maeterlinck auch von der frühen Emanzipationsbewegung als »Dichter der neuen Frau« interpretiert, der sich zur Legitimation und Selbstbestätigung der eigenen Ideologie vereinnahmen lässt.[43] Ricarda Huch warnt hingegen vor der »Unklarheit und Verschwommenheit des Buches«, in dem eine »schwüle, etwas betäubende Stimmung wie etwa in einem verhangenen Zimmer mit Blumen, das nie dem Tageslicht und der frischen Luft geöffnet wird«, herrsche.[44]
Hin- und hergerissen zwischen ihrem Anspruch auf Freiheit und dem Zwang zur Anpassung träumt Thea von einer mystischen Welterfahrung jenseits aller etablierten Hierarchien und Reglementierungen, von einem wortlosen Einvernehmen jenseits aller bürgerlichen Konventionen. Umso ernüchternder erlebt sie die Realität der bürgerlichen Ehe an der Seite Arthur Löwensteins, der nach seinem gerade abgelegten Assessor-Examen nun den gemeinsamen Lebensunterhalt als Anwalt verdienen muss und wenig Sinn für Theas literarische Neigungen zeigt.
Unterdessen hat die heimliche Eheschließung einen regelrechten Zeitungsskandal ausgelöst. Unter den sensationsträchtigen Vermischten Nachrichten aus dem Reich weiß das Berliner Tageblatt aus Köln zu berichten: »Stadtgespräch bildet hier die Entführung der achtzehnjährigen Tochter eines hiesigen Millionärs durch einen Assessor jüdischer Konfession, der deshalb nicht hoffen konnte, von den katholischen Eltern seiner heimlichen Braut die Einwilligung zur Ehe zu erlangen. Beide reisten, der ›Frankfurter Zeitung‹ zufolge, nach London und ließen sich dort trauen, nachdem der Assessor zur katholischen Religion übergetreten war. Nun soll der Vater der jungen Frau mit der Heirat sich einverstanden erklärt haben.«[45]
Davon kann freilich nicht die Rede sein. Vielmehr gilt es nach der Rückreise von England, der Realität ins Auge zu sehen und eine gemeinsame Existenz ohne elterlichen Segen und finanzielle Unterstützung aufzubauen. Auf dem Heimweg bietet ein kurzer Besuch in Brüssel bei Louisa Merck noch einen vertrauten Zwischenhalt, wo sich Thea am gemeinsamen Musizieren ihrer ehemaligen Klavierlehrerin mit ihrem Mann freuen kann. Am liebsten würde sich Thea gleich in Brüssel niederlassen, muss aber einsehen, dass es für einen angehenden deutschen Juristen dort keine Existenzgrundlage gibt. Wo die verheißungsvolle Zukunft beginnen und das gemeinsame Heim aufgeschlagen werden soll, ist völlig offen. Vorübergehend führt der Weg wieder nach Köln, wo das junge Paar die Weihnachtszeit bei der Familie von Arthurs Schwester Clara Loewengard verbringt. Zu Gast in dem neuen Milieu der angeheirateten Familie fühlt sich Thea noch nicht heimisch, in der vertrauten Umgebung ihres nahe gelegenen Elternhauses ist sie es nicht mehr. Sosehr sich Clara auch um Thea bemüht, so unwohl fühlt diese sich im Haus ihrer Schwägerin, deren pubertierende Söhne sie genauso abstoßend findet wie Claras Liebhaber mit seinen anzüglichen Reden. Hat sich Arthur immer über die Affären ihres Vaters empört, so scheint ihn die Liaison im Haus seiner Schwester überhaupt nicht zu stören. Hat Thea gehofft, durch die Ehe mit Arthur Löwenstein der Doppelmoral ihres Elternhauses zu entkommen, so sieht sie sich jetzt getäuscht. Nun sitzt sie zwischen allen Stühlen, und ihr Ehemann ahnt nichts von der Kluft der Enttäuschung, die sich für Thea zwischen »nicht mehr« und »noch nicht« aufgetan hat. Unfähig, über Sorgen zu sprechen, die der andere noch nicht einmal ahnt, und ohne private Rückzugsmöglichkeit wächst die Spannung zwischen dem jungen Ehepaar, so dass ein marginaler Anlass am Neujahrstag 1902 zum ersten handfesten Streit führt.
Es ist höchste Zeit, sich aus dem Loewengard’schen Haus zu verabschieden und sich nach einer eigenen Bleibe umzuschauen. Tatsächlich sorgt eine gemeinsame Reise nach Frankfurt, wo Arthur seine beruflichen Möglichkeiten in einer Anwaltskanzlei zu klären hofft, schon bald für die nötige Entspannung. Bei einem Besuch im Goethehaus fühlt sich Thea dem ersten Idol ihrer Jugend so nahe, dass sich der vollzogene Bruch mit dem Elternhaus leichter vergessen lässt. Doch bei einer Besichtigung des Städelschen Kunstinstituts empfindet sie die gemeinsame Kunstbetrachtung mit ihrem Mann schon wieder als eher einengend denn bereichernd. Wie gerne würde sie ihre Eindrücke wie gewohnt schriftlich festhalten, fühlt sich aber Arthur gegenüber zu befangen. Vermutlich würde sie vor dem kleinen Andachtsbild der Lucca-Madonna ihres geliebten Jan van Eyck länger verweilen und sich in den Bildraum hineinziehen lassen, um der intimen Szene der stillenden Muttergottes aus nächster Nähe beizuwohnen. Vielleicht wäre sie sogar der symbolischen Bedeutung des Apfels in der Hand des Jesuskindes nachgegangen. Ist es der Apfel vom Baum der Erkenntnis, den der neue Adam von der neuen Eva empfangen hat oder ist es der Apfel aus dem Hohelied der Liebe, der Maria in ihrer Doppelrolle als Mutter und Braut zeigt? Welches ist die eigentliche Bestimmung der Frau, wenn selbst Marias Rolle so mehrdeutig ist?
Auf der Suche nach ihrem weiblichen Selbstverständnis hat Thea sich kaum aus der Bevormundung des Elternhauses befreit, als sie sich schon in einer neuen Abhängigkeit sieht. Die Notwendigkeit zur Anpassung und der Wunsch nach Selbstbestimmung stellen für die junge Ehefrau eine ebenso komplizierte Gradwanderung dar wie gerade noch für die heranwachsende Tochter. Im Zweifel über den grundsätzlichen oder individuellen Charakter dieses Zweispalts beginnt Thea den radikalen Bruch mit ihren Eltern zu bereuen und schreibt am 26. Februar 1902 einen versöhnlichen Brief an den Vater. Die Antwort erfolgt prompt und fällt ebenso liebevoll wie prinzipiell aus. Georg Bauer findet deutliche Worte, wie sehr er das eigenmächtige Handeln seiner Tochter für einen fatalen Fehler hält und wie sehr er sie dennoch liebt. Thea ist hin- und hergerissen zwischen dem eigenen Zweifel an ihrer Entscheidung und trotzigem Stolz, dafür geradezustehen. Um keinen Preis würde sie ihren Eltern eine Fehlentscheidung eingestehen, findet jedoch mit zwei weiteren Briefen an Vater und Mutter im März den richtigen Ton, um eine Versöhnung anzubahnen.
Nachdem die Anstellungsverhandlungen in Frankfurt gescheitert sind, lassen sich Thea und Arthur Löwenstein im April in Düsseldorf nieder, wo sie in Oberkassel eine Fünfzimmerwohnung beziehen. Erst jetzt kann das eigentliche Eheleben beginnen, das für Thea zum ersten Mal in ihrem Leben mit sämtlichen Haushaltspflichten verbunden ist. Drei Öfen müssen in dem zugigen Neubau ständig geheizt werden, und selbst die einfachsten Grundlagen des Kochens bedürfen der Übung. Zwar steht ihr eine Hilfe für die Wäsche und Putzarbeit zur Seite, aber praktisch wie wirtschaftlich muss sie sich in völlig neuen Lebensverhältnissen zurechtfinden. Das vergleichsweise bescheidene, aber dennoch nicht unbeträchtliche Vermögen von Arthur Löwenstein beträgt 140.000 Mark, wovon 10.000 Mark für die Einrichtung des Hausstandes inklusive eines Ibach-Flügels verwendet werden. Bis auf den eigenen Schreibtisch enthält sich Thea persönlicher Wünsche, so dass die Möblierung nach den Maßstäben der Jahrhundertwende relativ spärlich aussieht. Vom Schreibtisch aus bietet der Blick auf den Rhein die weite Aussicht, die Thea an Arthurs Seite zunehmend vermisst.
Ihr Mann verlässt morgens um 9 Uhr das Haus, kommt zum Mittagessen um 13 Uhr nach Hause und geht dann wieder in die Kanzlei, aus der er erst abends gegen 20 Uhr zurückkehrt. In der Zwischenzeit hat Thea den Haushalt zu versehen, nutzt aber jede freie Minute zum Lesen der durch Tolstoi entdeckten russischen Literatur. Statt sich darüber auszutauschen, darf Thea nach dem Abendessen ihrem Mann beim Geigenspiel zuhören. Bei allem Elan, Stolz und Trotz, mit dem sie ihre Entscheidung verteidigt und sich in ihrem Eheleben einrichtet, kann sie sich nicht über den Mangel an gemeinsamen Interessen hinwegtäuschen. Umso mehr freut sich Thea über den ersten Besuch ihrer Mutter, die ihre Tochter ohne Umschweife nach der kirchlichen Trauung fragt. Da sich Thea und Arthur dem väterlichen Wunsch nach einer katholischen Trauung problemlos fügen, steht einer Aussöhnung nichts mehr im Weg. Erleichtert über dieses Zugeständnis lässt Theas Mutter gleich eine ganze Reihe neuer Möbel und Perserteppiche von Köln nach Düsseldorf liefern, die für mehr Wohnlichkeit und Komfort sorgen sollen.
Auch wenn in großen Teilen des Rheinlandes und speziell in Köln relativ gute katholisch-jüdische Beziehungen herrschen, so richten sich die Vorbehalte von Theas Eltern vermutlich genauso gegen eine interreligiöse wie gegen eine interkonfessionelle Ehe. Ein protestantischer Schwiegersohn wäre wohl nicht viel willkommener gewesen als ein jüdischer, zumal es aus Elternsicht im Zweifelsfall beide gleichermaßen auf die Mitgift ihrer Tochter abgesehen haben. Um 1900 ist das Thema der katholisch-protestantischen Mischehe noch keineswegs erledigt.[46] Zwar hat deren Zahl im Zuge der Urbanisierung des 19. Jahrhunderts beständig zugenommen, jedoch beläuft sich der Anteil in Preußen um 1900 immer noch erst auf 8,5 %.[47] Im Dauerkonflikt zwischen protestantischem Preußen und katholischem Rheinland spielt das Problem der Mischehe eine Schlüsselrolle, die vom sogenannten Mischehen-Streit der 1830er Jahre über den Kulturkampf der 1870er Jahre bis weit ins 20. Jahrhundert reicht. Die Frage der religiösen Kindererziehung bildet den Kern dieses Konflikts, auch für den fortschrittlichen Unternehmer Georg Bauer. Mit der Zustimmung der Brautleute, die gemeinsamen Kinder katholisch zu erziehen, ist das größte Hindernis für eine Aussöhnung beseitigt. So wird am 3. Mai 1902 die kirchliche Trauung in Deutz im Beisein von Theas Mutter, Tante Linchen und Kusine Olga vollzogen. Theas Vater kann sich noch nicht dazu durchringen, an der Hochzeit seiner einzigen Tochter teilzunehmen, doch schon wenig später folgt das rührende Wiedersehen im Elternhaus. Nach der tränenreichen Umarmung des Vaters wird die heimgekehrte Tochter des Hauses vom versammelten Personal in der Küche empfangen. Nun muss das Fräulein Thea von seiner abenteuerlichen Flucht berichten, hat doch ihr Aufbegehren gegen den Haushaltsvorstand ein ungläubiges Staunen verursacht. Noch größer ist allerdings das neugierige Staunen über den eigenen Hausstand, den die Frau Doktor dem Vernehmen nach eingerichtet hat und nun selbstständig führt. Es ist eine filmreife Küchenszene, die Thea Sternheim in ihren Erinnerungen schildert.
Die Versöhnung mit den Eltern zieht nicht nur deren erneute finanzielle Unterstützung nach sich, sondern gibt Thea auch neue Hoffnung für ihre Ehe. Wenn die Differenzen mit den Eltern zu überwinden waren, so sind es auch die atmosphärischen Störungen zwischen Arthur und ihr. Voll neuer Hoffnungen ist Thea bald schwanger. Doch weder die wirtschaftliche Freizügigkeit noch die Schwangerschaft können die Entfremdung zwischen den Eheleuten aufhalten, so dass sich Thea zunehmend in sich zurückzieht. Der besorgte Ehemann reagiert darauf mit dem Geschenk eines Foxterriers, dem Thea vielleicht als Kompensation für ihr eigenes Abhängigkeitsgefühl den Namen »Frei« gibt. In dieser Situation ist Thea nicht unglücklich, dass Arthur im Sommer als Reserveleutnant zu einem Manöver nach Würzburg reisen muss. Während seiner Abwesenheit zieht sie zu ihren Eltern nach Köln, wo sich Tochter und Mutter angesichts der Schwangerschaft einander weiter annähern.
Am 3. Dezember 1902 bringt Thea ihr erstes Kind durch eine schwere Zangengeburt zur Welt, das nach seiner Großmutter Agnes benannt, doch bald schon Nucki gerufen wird. Durch diese einschneidende Erfahrung wächst die Verbundenheit zwischen Thea und ihrer Mutter, die nun täglich zu Besuch kommt und ganz vernarrt in das nach ihr benannte erste Enkelkind ist. Doch zwischen den Eltern vermag selbst das gemeinsame Kind keine Nähe mehr herzustellen. Trotz aller Fürsorge und Freundschaft vermisst Thea in Arthur den Gesprächspartner. Sosehr sie tagsüber in ihrer neuen Mutterrolle aufgeht, so sehr beginnt sie sich abends in seiner Gegenwart zu langweilen. Umso mehr freut sie sich auf den angekündigten Besuch ihrer Bonner Internatsfreundin Eugenie, aber auch auf deren Ehemann, den Schriftsteller Carl Sternheim.
Es ist Frühjahr 1903, als die neunzehnjährige Thea ihre alte Schulfreundin erwartet. Vielleicht sitzt sie wie so oft an ihrem Schreibtisch und lässt den Blick erwartungsvoll über die Uferpromenade oberhalb der Rheinwiesen wandern. Von ihrem Lieblingsplatz am Erkerfenster kann das Auge dem breiten Flusslauf ein gutes Stück weit folgen. Jede freie Minute verbringt sie hier, sobald sich ihr Mann in seine Anwaltskanzlei begeben hat, die Haushaltspflichten erledigt oder delegiert sind und ihre kleine Tochter Agnes im Kinderzimmer nebenan von der Amme gestillt in der Wiege schläft. Ständig sind Briefe zu schreiben an die Eltern in Köln, die Internatsfreundinnen aus Bonn und Brüssel und den wachsenden Bekannten- und Freundeskreis in Düsseldorf. Täglich kommen und gehen die Briefe, deren Besorgung für sie mehr als nur selbstverständliche Pflicht ist. Neben der Korrespondenz versucht sich Thea auch an eigenen Gedichten, die sie in der Schublade ihres verschließbaren Rollladen-Schreibtisches verwahrt. Es ist das einzige Möbelstück, das sie sich für ihren neuen Hausstand ausgesucht hat, kein zierliches Damenmöbel, sondern ein massiver Eichenholzsekretär der Firma Soennecken, mit dem sie ihren Anspruch auf einen eigenen Schreibplatz und privaten Rückzugsort in den Erker des Musikzimmers gestellt hat, das von Arthurs Ibach-Flügel dominiert wird.
Was die junge Ehefrau und Mutter mit ihren dichterischen Ambitionen nur vage in Worte zu fassen weiß, das kann sie beim Blick aus dem Fenster dem Schicksalsfluss der Deutschen anvertrauen. Denn wer als Thea Bauer in Neuss geboren, in Kölns nördlicher Altstadt aufgewachsen und als frisch verheiratete Frau Löwenstein nach Oberkassel gezogen ist, dessen Herz schlägt linksrheinisch. Linksrheinisch für die römisch-katholischen Wurzeln ihrer Herkunft, linksrheinisch für die französische Ausrichtung ihrer Erziehung und linksrheinisch für das sinnenfreudige Temperament ihres Wesens. Aber wie schon für den verehrten Heinrich Heine zieht sich der Rhein wie eine Scheidewand durch das Land und das Herz der Deutschen und lässt auch bei Thea Sternheim römische Rationalität und deutsche Mystik, preußische Disziplin und rheinische Lebensfreude aufeinanderstoßen.
Carl Sternheim ist Mitte zwanzig, als er mit seiner jungen Frau Eugenie über die Oberkasseler Brücke den Kaiser-Wilhelm-Ring mit seinen schmucken Neubauten entlangkommt. Auch wenn der junge Mann mit dem Wilhelminismus wenig gemein hat, ein nach ihm benannter Prachtboulevard wäre schon nach seinem Geschmack. Nach seinem Studium der Philosophie, Psychologie und Rechtswissenschaften in München, Göttingen und Leipzig hat er endlich zu seiner eigentlichen Berufung als freier Schriftsteller gefunden. Es kennt ihn kaum jemand, denn noch hat er bis auf ein Stück kaum etwas publiziert, aber bald soll sein Name in einer Reihe mit den ganz großen Dramatikern erscheinen: Shakespeare, Molière, Goethe, Kleist, Hauptmann – Carl Sternheim.
Mit diesem Ziel vor Augen, aber ohne Studienabschluss und eigenes Einkommen, hat er mit 22 Jahren Eugenie Hauth, die Tochter eines Weingutbesitzers aus Düsseldorf, geheiratet, die ihm schon bald einen Sohn schenkt. Dank ihrer Mitgift und der Unterstützung seines Vaters, der als jüdischer Bankier, Börsenmakler und Zeitungsverleger bereits in zweiter Generation ebenfalls vermögend ist, kann er es sich leisten, einen Brotberuf als Zumutung zu empfinden.
Liegt Vorfrühling in der Luft, sind die Rheinauen von Krokussen übersäht, und vorbeiziehende Schiffer winken den Spaziergängern zu. Würde Carl Sternheim den Gruß erwidernd seinen Hut ziehen, könnte man sehen, dass sich sein Haaransatz schon zu lichten beginnt. Die hohe Stirn und der Schnauzbart lassen den Fünfundzwanzigjährigen in seinem doppelreihigen Straßenanzug mit Vatermörder älter erscheinen, als er ist. Offensichtlich legt er größten Wert auf eine gepflegte Erscheinung, die von seiner relativ kleinen Körpergröße ablenkt. Hinter seiner Akkuratesse verbirgt sich jedoch nicht nur Eitelkeit, sondern auch ein »schönheitstrunkener« und unkonventioneller Geist.
Seit ihrer Kindheit bewundert Thea nichts so sehr wie den kreativen Menschen. Kunst und Literatur sind von Anfang an ihre große Leidenschaft, ihr eigentliches Lebensgefühl und nicht nur gehobene Unterhaltung und kultivierter Gesprächsstoff wie für Arthur. Sie lebt vielmehr in ihren Büchern und Bildern, weil sie darin etwas von der unbegrenzten, schöpferischen Freiheit spürt, die ihr im Leben so unerreichbar erscheint. Sie träumt von einer höheren Lebenskunst und nicht von diesem durchschnittlichen Kunstleben. Dabei ist sie keine Träumerin, sondern ein Willensmensch durch und durch. Jede falsche Autorität, die ihr einen fremden Willen aufzwingen will, ist ihr suspekt. Allein der Schöpfergott ist die einzige Autorität, an die sie bedingungslos, wenn auch nicht ohne Zweifel, glaubt, ist er doch der Schöpfer par excellence. Am liebsten würde sie selber schreiben, so unbefangen und glühend wie in ihrer Jugend, doch mit Goethe, Heine und Tolstoi als Maßstab sinkt der Mut und wächst der Selbstzweifel, noch dazu als Mädchen ohne höhere Bildung.
Aber Theas erster Eindruck vom Dichter fällt zwiespältig aus, zumindest im Rückblick: »Er ist mittelgroß, schlank, excentrisch und überangezogen«.[48] Inwiefern Thea schon bei diesem ersten Besuch Sternheims Aufmerksamkeit weckt, wissen wir nicht. Sie ist keine Schönheit, aber eine brünette und lebensvolle junge Frau mit welligen Haaren, warmen braunen Augen und sinnlichen Lippen. Die dunklen Augenbrauen geben ihrem Gesicht einen markanten, fast männlichen Zug, der auf einen starken Willen und ein leidenschaftliches Temperament hindeutet.
Schon bald besucht Carl Sternheim auch ohne seine Frau das Ehepaar Löwenstein. Auch wenn Theas Eindruck weiterhin höchst ambivalent bleibt, kann sie sich einer gewissen Faszination nicht entziehen:
»Inzwischen gefällt mir Sternheim bereits weniger als beim ersten Besuch. Die Art und Weise, mit der er seine Erfolge bei Frauen herausstreicht, die Verführten bei Namen nennt, berührt mich peinlich. Andererseits scheint er nicht im geringsten beleidigt, mache ich mich über seine Indiskretionen lustig. […] Er stößt mich ab und zieht mich gleichzeitig an. Beim Abschied empfiehlt er mir die Anschaffung seines Judas Ischarioth.«[49]
Die Tragödie vom Verrat, wie Sternheim sein pathetisches Frühwerk über das Leben Jesu im Untertitel nennt, kündigt sich wie ein Menetekel an und zieht Thea in ihren Bann. Hat Judas den Messias freiwillig verraten oder hat er ihn nur dem göttlichen Heilsplan übergeben? Spielt er die selbstgewählte Rolle des Verräters oder die schicksalhafte Rolle des Erfüllungsgehilfen? Die personifizierte Frage, ob menschliches Handeln von göttlicher Vorsehung oder vom freien Willen bestimmt wird, fasziniert Thea ebenso sehr wie den Autor des Judas Ischarioth. Es wird ihr Lebensthema und die Tragödie ihres Lebens, ihre »weibliche« Anpassungsbereitschaft und Schicksalsergebenheit mit ihrem »männlichen« Gestaltungswillen und Geltungsbedürfnis verbinden zu wollen.
Ein Jahr ist vergangen seit der ersten Begegnung, als Carl Sternheim Anfang Februar 1904 zur Kur nach Aachen reisen muss. Was sich über Monate in temperamentvollen Briefen von ihm an Thea vorbereitet hat, bricht sich jetzt Bahn. Ein Wiedersehen im Kölner Dom-Hotel wird verabredet. Die Wiedersehensfreude soll die abwesende Ehefrau in München telefonisch miteinschließen. Ein gemeinsamer Anruf bei Eugenie von der Kabine des Hoteltelefons aus lässt die Herzen auf einmal schneller schlagen. Seine Hand auf ihrem Arm, entsteht aus der Fernverbindung schlagartig eine Nahverbindung, die Thea die Sprache verschlägt.
