Therapie - Shadie Onis - E-Book

Therapie E-Book

Shadie Onis

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Beschreibung

Mein Name ist Dieter, ich bin Alkoholiker!!! Mit diesen Zeilen möchte ich der breiten Masse unserer Gesellschaft das Problem "Sucht" etwas näher bringen. Diese Krankheit ist nicht heilbar, aber man kann lernen als "trockener Alkoholiker" zufrieden mit ihr zu leben. Alkoholismus ist eine Krankheit die sich schleichend entwickelt. Sie äußert sich nicht gleich als schmerzhaft. Da es nicht gerade "schick" ist Alkoholiker zu sein ist auch nur die "Spitze des Eisberges" unserer Gesellschaft dazu bereit, aus dem Schatten zu treten und sich dazu zu bekennen, Krank zu sein! Viele Mitmenschen wenden eine enorme Energie auf um als Alkoholiker, unerkannt leben zu können. Die Scham spielt eine große Rolle! Alkoholismus ist eine Krankheit die vor keiner gesellschaftlichen Schicht halt macht. Sie erreicht jeden Menschen! Während der Zeit einer achtwöchigen Rehabilitationsmaßnahme habe ich mein Bild von "dem Alkoholiker" klar definiert! Im Rahmen von Gruppentherapien und "Themenzentriertem Arbeiten" ohne therapeutische Begleitung habe ich eine Vielzahl von Menschen kennengelernt, die alkoholabhängig sind. Sehr viele dieser Menschen sind aber auch Therapiemotiviert, bereit, sich zu ändern, bereit, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten, viele sind hochintelligent, gebildet, beruflich erfolgreich, reflektiert, kreativ, sportlich, handwerklich begabt. Um das Image des Alkoholabhängigen ist es in der Öffentlichkeit nicht zum Besten bestellt, was u.a. auf mangelndes Wissen über die "Prozesserkrankung Alkoholismus" zurückzuführen ist. Um dazu beizutragen, mehr Verständnis für die Krankheit zu schaffen, ist die Idee entstanden, das Erlebte und Erfahrene aufzuschreiben.

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Seitenzahl: 244

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Shadie Onis

Therapie

Deine Chance, heraus aus dem Suff

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Einleitung

Das Konzept der Klinik

Anreise

Eine Woche „Krabbelgruppe“

Vorphase

Anfangsphase

Kritische Phase

Chronische Phase

Mein fünfter Tag

Der sechste Tag

Der siebte Tag

Der Instinktive Weg

Der Paradoxe Weg

Der achte Tag

Meine Stammgruppe

Mein Erstgespräch

Mein Lebenslauf

Mein „Nasser Tag“

Mein Angehörigen-Seminar

Mein Bilanzgespräch

Gewinn durch Verlust

Meine Funktion

Ich habe einen Rückfall!!!

Selbsteinschätzung

Was nehme ich mir für eine zufriedene Abstinenz vor?

„Nasser Brief von Ute“

Abschied nach acht Wochen

Impressum neobooks

Kapitel 1

THERAPIE

Deine Chance, heraus aus dem Suff

Ein Baustein für ein zufriedenes, abstinentes Leben als Alkoholiker !

Einleitung

Mein Name ist Dieter und ich bin Alkoholiker!!!

Ich schildere Ängste, Hoffnungen, Gefühle sowie Verläufe während einer achtwöchigen Therapie. Meine Geschichte und auch die von Mitpatienten die mich in meinen Gruppen begleitet haben!

Es gibt jede Menge schlimme Krankheiten gegen die man kaum etwas tun kann. Ich denke da nur an Krebs, Aids oder an die Alzheimerkrankheit usw. Eine schlimme Krankheit habe auch ich, ich bin Alkoholiker. Diese Krankheit ist nicht heilbar, aber man kann lernen als „trockener Alkoholiker“ zufrieden mit Ihr zu leben. Alkoholismus ist eine Krankheit die sich schleichend entwickelt. Sie äußert sich nicht gleich als schmerzhaft. In unserer Gesellschaft ist es nicht gerade „schick“ wenn man sich als Alkoholiker outet. Sehr oft wird geäußert dass nur derjenige ein Alkoholiker ist, der in seinem Leben nichts mehr auf die „Kette“ bekommt. Das ist ein großer Irrtum. Alkoholismus ist eine Krankheit die vor keiner gesellschaftlichen Schicht halt macht. Sie erreicht jeden Menschen.

Wer ist ein Alkoholiker?

Stellt man diese Frage so bekommt man fast immer die Aussagen das es die unteren Schichten betrifft. Die Harz IV- Empfänger, die Kiosk-Trinker, die Bettler oder noch abwegiger die Penner .Wie schon gesagt die Krankheit erreicht jede noch so „feine Schicht“. Es ist recht einfach auf den Punkt zu bringen, wer ein Alkoholiker ist. Ein Alkoholiker ist jemand der sich selbst oder anderen Schaden zu fügt!!! Über diese Krankheit ist in der Breite der Bevölkerung recht wenig Wissen vorhanden. Warum soll man sich auch mit diesem Thema beschäftigen!? Es betrifft ja doch nur die anderen, niemals einen selbst. Für sein eigenes Trinkverhalten hat man immer eine Erklärung und Rechtfertigung parat.

Ich bin Alkoholiker und möchte dazu stehen!

Trotz, oder vielleicht gerade weil ich dadurch viele Schwierigkeiten in meinem Leben habe möchte ich mit diesen Zeilen etwas aufrütteln. Auch wenn ich nur ein paar wenige mit meinen Zeilen ermutigen kann etwas gegen diese Krankheit zu tun, wäre es für mich ein Gefühl etwas Gutes erreicht zu haben. Es lohnt sich diesen Weg zu gehen!!!

Das Schwierigste ist die Selbstakzeptanz, das sich eingestehen.............. Alkoholiker zu sein. Hilfen der unterschiedlichsten Arten werden angeboten, nur man muss Sie freiwillig annehmen wollen. Nicht jeder kommt rechtzeitig an den Punkt sein Leben verändern zu wollen, wieder selbst zu bestimmen!

Ich sitze nun hier in unserer Küche, es ist schön warm und ich habe endlich die Ruhe um zu schreiben. Draußen ist es bitter kalt. Es ist Februar und wir haben seid Wochen eine Kältewelle.

Vor knapp sieben Monaten habe ich beschlossen mich vom Alkohol zu verabschieden. Ab sofort wollte nur noch Ich mein Leben bestimmen. Bis hierhin hat der Alkohol mein Leben bestimmt, da ich krank bin. Der Auslöser diese Entscheidung zu treffen war, dass mir fristlos gekündigt wurde. Ich arbeitete als Logistik-Leiter in einem mittel ständigen Unternehmen. Es war absolutes Alkoholverbot, an welches ich mich auch hielt. Erst nach Feierabend trank ich, außerhalb der Firma.

In der letzten Zeit trank ich mit einem Kollegen ab und zu ein „Feierabendbier“ und wir besprachen den Arbeitstag. Es blieb immer bei einem Bier denn ich hatte ja noch eine längere Heimfahrt vor mir. An einem Tag wurde ich, nach dem Genuss des Bieres

von unserem neuen Geschäftsführer in ein Gespräch verwickelt. Er bemerkte dass ich Alkohol getrunken hatte. Ich bekam nach dem nächsten Arbeitstag, zum Feierabend die „fristlose Kündigung“ ohne ein klärendes Gespräch. Das war für mich ein wachrüttelnder Schock.

Heute sehe ich mich bestätigt mit den Worten: Gewinn durch Verlust!!!

Das Konzept der Klinik

Anreise

Mit Ute und unserer Labrador-Hündin „Shana“ ging es am 29.11.2011 zur S-Bahn.

Ich mag keine Verabschiedungen, Sie fallen mir immer schwer. Wir haben uns noch einmal fest gedrückt, ich habe „Shana“ noch einmal gestreichelt und war froh als sich die Zug Türe schloss. Jetzt gab es kein zurück mehr, der Anfang in mein hoffentlich andauernd „trockenes Leben“ konnte beginnen. Ich vermutete das ich mich auf die Deutsche Bahn verlassen kann und irgendwo meinen Anschlusszug nicht bekommen würde. So kam es dann auch. Als wir Mainz erreichten kam eine Durchsage das wir schon zehn Minuten Verspätung haben. Da war mir klar dass ich in Bonn „unerwarteten Aufenthalt“ haben würde. Es war recht kalt und ich hatte viel Gepäck dabei. Für die nächsten acht Wochen war ich gut gerüstet. In Bonn war viel Gedränge in der Bahnhofshalle und so war es nicht leicht für mich, mit meinem Gepäck, einen Platz zum Rauchen zu finden! Nachdem ich mich durch die Menschenmassen gekämpft hatte genoss ich vor dem Bahnhof zwei Zigaretten. Es war ungemütlich und kalt, die Zigaretten wollten auch nicht recht schmecken. Bis mein Anschlusszug kam hatte ich noch reichlich Zeit, also kaufte ich mir einen Kaffee. Er war heiß und schmeckte auch recht gut. Für mich war der richtige Genuss nur möglich in Verbindung mit einer Zigarette. Also wiederum durchkämpfen durch die Menschen, hin zum Bahnhofsausgang. Im Anschluss überkam mich das Gefühl den Kaffee sicherheitshalber noch wegbringen zu müssen, da in der Regionalbahn keine Toiletten sind. Um zu der Toilette zu gelangen musste ich durch eine Glastür. Mein Gepäck musste ich unbeaufsichtigt auf einem Absatz stehen lassen. Es ging eine lange Treppe hinunter. Schnell 80 Cent in den Automaten, endlich konnte ich durch das Drehkreuz. Geschafft. Im Hinterkopf aber das Gefühl, hoffentlich steht dein Gepäck noch da...! Beeil Dich. Es war noch da. Nun schnell zu Gleis vier, der Zug stand schon da. Ich fragte eine ältere Frau ob es der richtige Zug nach Bad-Neuenahr sei, was Sie bejahte. Mit dem Wissen nun in der Klinik anzukommen, ich hatte telefoniert und mitgeteilt eine Stunde später einzutreffen, stieg meine Nervosität! Am Bahnhof wurde ich von einem Mitarbeiter der Klinik abgeholt, und sehr nett begrüßt.

Der erste Tag.

In der Klinik angekommen stellte ich als erstes mein viel zu reichliches Gepäck erleichtert vor dem Empfang ab. Die Frau vom Empfang begrüßte mich sehr freundlich und bat mich in einen Nebenraum, wo sich bereits andere „Neulinge“ aufhielten. Hier konnte man einen Kaffee oder Saft zu sich nehmen. Da meine Nervosität anstieg nahm ich mir einen Kaffee, leider war er nur noch lauwarm. Nach einiger Zeit kam ein junger Mann auf mich zu und er führte mit mir, in einem separaten Raum ein Aufnahmegespräch. Auch er hieß mich herzlichst Willkommen! Nachdem ich 30 Euro bezahlt hatte bekam ich meinen Zimmer-/Safe-Schlüssel und konnte mein Gepäck im Zimmer abstellen. Endlich angekommen!!!

Dieses Zimmer, welches sauber und schön eingerichtet ist, sollte nun für eine Woche mein zuhause sein. (Aufnahmestation) Ein Tisch auf dem eine Schale mit Obst stand, sowie zwei Flaschen Mineralwasser war wiederum eine nette Art der Begrüßung. Ein Bett welches für mich auch groß genug ist, zwei Sessel, ein Schreibtisch sowie ein Schrank rundeten das Inventar ab. Vollkommen ausreichend. Das Badezimmer mit Dusche war sauber und einladend. Hier konnte ich mich wohlfühlen! Man gab mir den Tipp nicht alles auszupacken da der Aufenthalt hier auf der Aufnahmestation nur eine Woche dauert. Ich musste in mich hineingrinsen als ich das hörte. Meine Freundin sagte mir zu Hause noch: “Du wirst doch hoffentlich nicht aus dem Koffer leben“!! Darüber flachste ich noch mit Ihr, wie praktisch das doch wäre........und nun ist es soweit. Ich lebe eine Woche aus dem Koffer. Hier in der Klinik ist ein straffer Tagesplan. Bei mir stand sogleich, noch vor dem Mittagessen der Besuch beim Arzt an. Eingangsuntersuchung – ohne Besonderheiten! Ein nettes Gespräch und ich konnte zum Mittagessen gehen. Ein recht großer Speisesaal, gemütlich und praktisch eingerichtet. Etwas Nervosität ist am ersten Tag vorhanden da man ja die Abläufe hier im Haus nicht kennt. Man begegnet vielen fremden Menschen, von denen die meisten ja schon länger hier im Haus sind. Etwa 160 Patienten können in dieser Klinik aufgenommen werden. Es gibt zwei Speisesäle auf die sich die Patienten verteilen. Es gibt einen „roten“ und einen „blauen Speisesaal“. Für die erste Woche war der „blaue“ meine Anlaufstelle. Ich stellte mich an einer Schlange an und nahm mir wie alle anderen das Besteck und eine Serviette und bediente mich am Suppen und Salatbuffet. Eine Servicekraft fragte ich nach meinem Sitzplatz und wurde von Ihr hingeführt. Hier traf ich nun auf meine „Mitankömmlinge“ Mit mir sind heute zwei Frauen und vier Männer neu angekommen. Ich wünschte einen guten Appetit und ließ mir die Gulaschsuppe schmecken. Als Hauptgang gab es Putenschnitzel mit Reis und buntem Gemüse, Es schmeckte alles sehr lecker. Alle am Tisch schauten fast nur auf Ihren Teller, und so kam kein Gespräch zustande. Die allgemeine Nervosität und Unsicherheit war spürbar!!! In der Kantine ist morgens und abends Selbstbedienung am Buffet, mittags wird das essen serviert. Es ist sehr reichhaltig aufgedeckt, alles lecker und frisch. Jeder hat auf seinem Platzset einen farblichen Punkt. Ich habe einen grünen Punkt, was heißt ich bekomme Vollkost. Ein roter Punkt bedeutet Schonkost, der gelbe ist für Vegetarier.

Eine Woche „Krabbelgruppe“

Nach dem Essen kamen sich die Neuankömmlinge auf der Raucherplattform langsam näher. Eine offene Holzhütte ist ein beliebter Treffpunkt. Der einzige Platz wo das Rauchen gestattet ist. Nachmittags hatten wir um 14 Uhr eine Begrüßungs-Einführungsrunde in unserem Therapieraum mit unserer zuständigen Therapeutin. Zuerst stellte Sie sich kurz vor, und anschließend machten wir eine ausgiebige Vorstellungsrunde. Jeder stellte sich mit seinem Namen vor, warum er hier ist, welche Erwartungen jeder von der Zeit hier in der Klinik hat. Die erste Anspannung löste sich. Nach dem Abendessen schnell eine „Verdauungszigarette“ schon hatten wir den letzten Termin für unseren ersten Tag.

Die STATIONSORDNUNG wurde uns in einem 20 minütigem Gespräch mitgeteilt. Sowie der weitere Verlauf des nächsten Tages. Für alle stand am nächsten morgen eine Urin und Blutabgabe, Blutdruckmessen auf dem Programm. Am schlimmsten empfand ich, im ersten Moment das wir alle für eine Woche unsere Handys abgeben müssen. Schnell habe ich noch einmal zu Hause angerufen und meinem Schatz dies mitgeteilt. Es ist schwer eine ganze Woche nichts von seinen Liebsten zu hören. Fernsehen gab es in dieser Zeit auch nicht. Den Hintergrund habe ich aber verstanden und ich habe mich auch mit einem gutem Gefühl darauf eingelassen. Der Patient soll sich voll und ganz auf sich konzentrieren. Ganz ohne Telefon, Fernseher, kein Sport usw. ist schon recht schwer auszuhalten. Samstags keine Sportschau... sondern TZ (Themenzentriertes Arbeiten) Ich habe um 19.30 Uhr noch eine Zigarette geraucht, anschließend heiß geduscht und mich in das Bett eingekuschelt. Obwohl es ein sehr anstrengender Tag war, ich die nötige Bettschwere hatte, habe ich doch noch das Heft „Erste Information zur Therapie“ gelesen! Ich habe wunderbar geschlafen.

Mein zweiter Tag.

Um 6.11 Uhr stand eine Stationsschwester vor meinem Bett. Blutdruck messen, Puls fühlen. Es war alles okay. Raus aus dem Bett. Normalerweise rauche ich jetzt immer meine erste Zigarette, Hier geht das ja nun nicht. Also ab ins Badezimmer, duschen, rasieren, die Morgentoilette........ Die Klinik hat fünf Etagen, ich bin momentan in der dritten untergebracht. Langsam schlendere ich nach unten um eine zu rauchen. Ich bin zu früh dran, bis sieben Uhr ist die Tür verschlossen. Eine leichte Unruhe befällt mich, Suchtdruck!!! Endlich öffnet sich die Tür und ich rauche hastig zwei Zigaretten bevor ich zum Frühstück gehe! Hier habe ich nicht viel Zeit, da ich zum EKG bestellt bin. Anschließend hatten wir den „allmorgendlichen therapeutischen Vortrag“ an dem immer jeder teilnehmen muss. Heute war der Vortrag von einem Pfarrer, dessen Namen ich mir nicht merken konnte. Es stürzen sehr viele Namen auf uns ein, ich kann sie mir noch nicht alle merken! Um 9.30 Uhr hatten wir Therapie bis 12.00 Uhr Wir hatten ein blaues Heft bekommen in dem das „Jellinek – Schema“ genau wie diverse Texte zum Thema SUCHT aufgeführt sind. Daraus hatten wir den Text: „ICH BIN ALKOHOLIKER“ zu lesen bekommen. Nach einer kurzen Erklärung der Therapeutin bekamen wir die Aufgabe, den Text zu lesen und in der Gruppe aufzuarbeiten. Zu diesem Zeitpunkt waren wir sieben Patienten in der Gruppe. Ich machte den Vorschlag, dass jeder für sich den Text lesen sollte, dass wir anschließend den Inhalt mit eigenen Erfahrungen und möglichen Wiedererkennungspunkten besprechen können. Da sich jeder mehr oder weniger in dem Text wieder fand wurde es eine klasse Aufarbeitung. Am Ende wurde uns fast die Zeit knapp. Da jeder offen spricht hat es für die Gruppe sehr viel Positives gebracht.

Nach dem Mittagessen war um 14.00 Uhr die Begrüßung und Einführungsrunde der heute neu angekommenen Gruppenmitglieder. Es waren wieder fünf Männer und zwei Frauen. Die Frauenquote ist recht niedrig! Der Ablauf war wie am Vortag schon von uns durchlebt. Zuerst stellte sich wieder die Therapeutin vor, dann waren wir „alten“ an der Reihe uns mit ein paar kurzen Worten vorzustellen. Die Nervosität der Neuankömmlinge war zu spüren. Denselben Ablauf haben wir morgen noch einmal vor uns. Erst dann ist die Gruppe mit etwa 20 Patienten, vollzählig! Diese Gruppe die jede Woche neu zusammengestellt wird nennt man hier, „KRABBELGRUPPE“.

Am Vormittag habe ich mir ein Glas löslichen Kaffee am hiesigen Kiosk gekauft. So kann ich mir ab und zu einen Kaffee in unserem Aufenthaltsraum zubereiten. Beim Abendessen habe ich einen Schreck bekommen als ich mich zu Paul an den Tisch setzte. Ich hatte einen roten Punkt auf meinem Set!!! DIAET KOST!!! Ja ich wusste ja dass meine Cholesterinwerte nicht besonders gut sind. Mein Hausarzt sagte mir schon öfter dass ich meine Ernährung umstellen solle. Jetzt ist es soweit, ab sofort Kalorienarme Kost. Ich nutze die Zeit die ich für mich zur Verfügung habe zum schreiben, und lesen. Es ist nun gleich 22.00 Uhr und ich sitze und schreibe..... Mit Sicherheit wird es für mich später einmal interessant sein diese Zeilen zu lesen und die verschiedenen Phasen in Gedanken noch einmal zu erleben. Ich rauche hier schon wesentlich weniger. Aber noch versuche ich nicht ganz mit dem rauchen zu brechen .Es ist eine stinkige, ungesunde dumme Angewohnheit. Hier muss jeder Patient an einem Nichtraucher Kurs teilnehmen. Ich habe mich heute schon gleich für den zweiten, freiwilligen Kurs angemeldet. Kurs EINS der Raucherentwöhnung, sind drei Sitzungen an denen jeder teilnehmen Muss .Meine Hoffnung ist, es zu schaffen auch als Nichtraucher die Klinik zu verlassen. Diejenigen Patienten die auch das rauchen an den Nagel hängen haben größere Chancen, ein abstinentes Leben führen zu können. Zum ende des Tages kamen sich die Gruppenmitglieder durch Gespräche in der Raucherecke sowie in unserem Aufenthaltsraum langsam näher. Es lockert sich langsam auf!

In Gedanken an meine lieben zu Hause werde ich jetzt den heutigen Tag ausklingen lassen. Es wäre schön, wenigstens kurz einmal meinen Schatz am Telefon zu hören. Die Stimmen der Kinder, Janina und Sarah.......fragen was unsere „Shana“ macht.... Ich weiß ja, dass es ihnen allen gut geht, aber dennoch fehlt es einem das man nicht die Möglichkeit hat ihre Stimmen zu hören. Das Wissen das es eine zeitliche Begrenzung ist hilft diesen Zeitrahmen auszuhalten. Ich weiß ja wofür es ist! So um 22.00 Uhr beende ich meinen zweiten Tag und igele mich mit dem Buch, die „Suchtfibel“ in mein Bett ein. Es geht schritt für schritt vorwärts. Gute Nacht!

Mein dritter Tag.

Um 6.15 Uhr wurde ich von meinem Wecker aus dem Schlaf gerissen. Ich habe sehr gut geschlafen. Der morgendliche Druck nach einer Zigarette war unverkennbar sofort da. Als Ersatz habe ich mir ein Stück Schokolade gegönnt und ging anschließend ins Bad. Rasieren, duschen.........der übliche Ablauf. Als ich fertig war fühlte ich mich hochmotiviert den Tag anzugehen. Es war noch etwas Zeit bis die Ausgangstür geöffnet würde, ich verspürte eine gewisse Nervosität. Meine geliebte „Morgenzigarette“ fehlte. Hastig rauchte ich zwei Zigaretten und ging dann zum Frühstück. Richtig schmecken die Zigaretten nicht mehr .Ich freue mich auf die Zeit wenn ich es angehe auch in Bezug auf den Zigarettenkonsum abstinent zu leben. Zufrieden – Leben ! Nicht mehr der Sucht nach dem Nikotin nachgeben, bei jedem Wetter rauchen zu müssen. Heute habe ich ausgiebig und zum ersten Mal in Ruhe, gefrühstückt. Ein nettes Gespräch mit Paul geführt. Sogar den Kaffee genossen, ohne Zigarette. Anschließend hatten wir den allmorgendlichen Therapeutischen Vortrag! Heute ist alles sehr eng gesteckt vom Zeitablauf her. Nach einer Zigarettenlänge Pause hatten wir den ganzen Vormittag Gruppentherapie mit unserer Therapeutin.

„Jellinek – Schema“ Suchterkrankung wurde an und durchgesprochen. Hier wird in 45 Punkten die Suchterkrankung mit ihren einzelnen Stationen erklärt. Der Suchtverlauf . Dazu später mehr. Alle 14 Patienten konnten heute schon offen und frei heraus mitarbeiten, reden, Beispiele anbringen. Schade dass die Gruppe über drei Tage zusammenwächst, aber nach einer Woche wieder in die Stammgruppen aufgeteilt wird. Gleich steht die Visite an und ich befürchte dass der Arzt mir mitteilen wird das meine Cholesterinwerte zu hoch sind. Der Arzt war gerade da und mein Wert liegt bei 308!!! Ups...... Hier bekomme ich ja nun „Diät Kost“ .Den Anfang habe ich heute Morgen beim Frühstück schon selbst gemacht. Bei Frühstück und Abendessen ist jeder für sich selbst verantwortlich die Diätkost zu sich zu nehmen. Anstelle von Butter habe ich mir die Diät-Margarine zu meinen Vollkornbrötchen genommen. Mageren Käse dazu...... (etwas Schokoaufstrich musste aber doch sein!) Das Mittagessen ist genauso lecker wie die Vollkost. Heute gab es Tafelspitz mit Meerrettichsoße und Kartoffeln, Pudding mit Pflaumen als Nachspeise. Die Portionen dürften etwas größer ausfallen!! Schon beim Frühstück und Abendessen gehe ich nun bewusster mit meiner Ernährung um. Anstatt Butter nehme ich die Halbfettmargarine.....magere Geflügelwurst..... den Tee/Kaffee trinke ich ohne Zucker. In vierzehn Tagen werden die Werte wieder überprüft, und dann möchte ich gern eine Verbesserung sehen. Na ja, ich bemühe mich!!!

Nachmittags hatten wir ab 14.00 Uhr wieder (zum dritten Mal ) die Einführung- Begrüßungsrunde! Es kamen noch einmal fünf männliche und eine weibliche Patientin zur Gruppe. Endlich sind wir vollzählig und können einem normalem Ablauf entgegen sehen. Die Aufnahmegruppe hat nun fünfzehn männliche und fünf weibliche Mitglieder. Am Abend hatten wir noch ein zusammentreffen mit sogenannten „Sponsoren“ Dies sind Patienten aus den Stammgruppen die den Neulingen den späteren Ablauf erklären. Sie stehen uns für alle Fragen zur Verfügung. Da wir Mitglieder der „Krabbelgruppe“ noch keinen Ausgang haben gehen die „Sponsoren“ für uns einkaufen. Es gibt immer einige Patienten die irgendwelche Kleinigkeiten vergessen haben. Meist sind es Zigaretten, Kaffee oder Obst! Es ist toll zu sehen wie schnell so eine Gruppe zusammen wachsen kann. Man flachst schon einmal untereinander, führt aber auch ernste Gespräche. Der große Treffpunkt ist ja immer noch die Raucherecke. Auch unser Aufenthaltsraum wird nun vermehrt genutzt. Wo sich vorher vereinzelt mal jemand einen Tee oder Kaffee machte wird sich nun rege unterhalten. Es entsteht eine Gemeinschaft, wenn auch nur für eine kurze Zeit. Am Mittwoch wird unsere Gruppe auf die zehn Stammgruppen aufgeteilt! Heute Morgen hatten wir ein lustiges Erlebnis. Wie jeden morgen war der Therapeutische Vortrag Pflichtprogramm!! „Unsere Rosi“ eine etwas ältere Dame, klein und zierlich dafür aber Redegewand, saß in dieser Zeit irrtümlich in unserem Gruppenraum. Sie wunderte sich das niemand weiter anwesend ist. Als es Ihr „spanisch“ vorkam setzte Sie sich schnell an den Kaffeeautomaten, vor dem Vortragsraum. Sie wollte nicht stören. Als Sie mir das anschließend mit einem spitzbübischem grinsen erzählte musste ich ordentlich Lachen. „Oma Rosi“ kam die erste Zeit immer wieder mal irgendwo zu spät. Ich sagte Ihr das Sie ein Glöckchen an das Bein bekommt, dass die Gruppe weiß wo Sie sich aufhält. Es ist allgemein eine gute und angenehme Atmosphäre in der Gruppe vorhanden. Alle wurden freundlich aufgenommen, jeder hilft jedem, denn gerade am Anfang sind doch einige Fragen offen. Ich habe nun meinen dritten Tag hier in der Klinik erlebt und fühle mich hier schon recht wohl. Es war für mich ein Glücksfall durch meine Selbsthilfegruppe im Vorfeld soviel positives über diese Klinik erfahren zu haben. Der Eindruck bestätigt sich hier für mich Tag für Tag, und ich freue mich auf die noch kommenden Wochen. Voller Neugierde!

Es ist wieder 22.00 Uhr und still im Haus, die Zeit genieße ich immer um zu schreiben. So kann ich mich mit mir selbst, meinem erlebten an diesem Tag, noch einmal intensiv auseinander setzen. Es hilft mir auch ein bisschen über die Sehnsucht, etwas von meinen Lieben hören zu wollen. Tagsüber ist man hier durch das straffe Programm voll eingespannt, aber am Abend wandern die Gedanken dann doch nach Haus! Auf den Mittwochabend freue ich mich schon sehr, da kann ich zum ersten mal wieder mit meinen Lieben ausgiebig Telefonieren. Hier habe ich immer einen ordentlichen Hunger. Gott sei Dank habe ich noch Obst und etwas Schokolade. Ich esse eine Banane...... In meinem Zimmer ist es angenehm warm, an schlafen ist noch nicht so recht zu denken. Die Erklärungen über die weiteren Abläufe, später in den Stammgruppen beschäftigten mich noch ein wenig. Es kam mir in dem Gespräch alles sehr viel und verwirrend vor, was man alles beachten sollte! Was man unbedingt vermeiden soll...usw.! Ich denke mal das wird sich alles nach und nach einspielen, und ich werde auch in die Stammgruppe hinein wachsen. So, meinen dritten Abend hier werde ich nun beschließen und mich mit meinem Buch einigeln. Noch etwas in der „Suchtfibel“ lesen. Eben fällt mir auf das wir heute ja den ersten Dezember haben. Die Zeitempfindung ist hier vollkommen in den Hintergrund geraten.

Mein vierter Tag.

Interessant ist die Zusammensetzung in unserer Gruppe, aus allen gesellschaftlichen Schichten und aus allen Regionen Deutschlands! Bob ein Biologe im Ruhestand stammt aus Jamaika. Er sieht zwar, dass er ein Alkoholproblem hat, kann es aber noch nicht aussprechen. “Ich bin Alkoholiker“ Er hat noch den inneren Kampf, ich muss für den Rest meines Lebens auf Alkohol verzichten. Den Gewinn sieht er noch nicht! Gewinn durch Verlust!!! Ich hoffe sehr, dass er das während seiner Therapie erkennen und für sich umsetzen kann. Eine Mitpatientin ist vom Fernsehen, ein anderer Abteilungsleiter einer großen Firma, sowie Rentner, Hausfrauen,.......alle haben ein Ziel. Durch eine erfolgreiche Therapie ein erfülltes Leben als „trockener Alkoholiker“ führen zu können. Ich wünsche diesen Erfolg jedem einzelnen Patienten, inklusive mir. Meine Gedanken vor dem Frühstück. Jetzt gehe ich noch eine rauchen! Meine guten Vorsätze setze ich in die Tat um. Halbfettmargarine, ein Brötchen mit Käse und magerer Wurst sind mein Frühstück. Den Zucker im Kaffee brauche ich aber. Nach und nach werde ich wohl bewusster Leben und auch die Ernährung auf fettarme Kost umstellen. Nach dem Frühstück hatten wir unseren morgendlichen Vortrag mit dem Thema: „Sport ist Mord“.

Es ist sehr interessant den soeben gehörten Vortrag sich wieder in das Bewusstsein zu rufen. Den Inhalt dieses Vortrages kannte ich aus früher Zeit als ich noch selbst sehr viel Leistungssport betrieben habe. Durch die unterschiedlichsten Anlässe und fadenscheinigen Erklärungen ist der Sport bei mir immer mehr in den Hintergrund geraten. Bis der aktive Teil schließlich ganz aus meinem Leben verschwand. Ich wurde immer bequemer. Zuerst habe ich es auf meine Arbeitssituation geschoben, ich bin ja kaputt zum Feierabend.....dann hatte ich ja kaum Zeit....... Auch das alter war eine tolle Ausrede meinen Sport nicht weiter zu betreiben. Alles Vorwände und Ausreden um faul und bequem zu werden! Die Zeit die einem da blieb konnte man ja angenehmer gestalten. Ich hatte Zeit für meinen Freund, den Alkohol. Wir verstanden uns auch eine ganze Zeit lang hervorragend. Er tat mir sehr gut, wärmte mich, gab mir das Gefühl der Vertrautheit und Geborgenheit. Ich musste mit Ihm nicht diskutieren. Er liebte mich so wie ich war, ein toller „Freund“!!! Ein zwiespältiges Leben begann für mich. Ich hatte zwei kleine Teufelchen in meinen Ohrmuscheln sitzen. Einer sagte zu mir: “Hör auf zu trinken, es schadet Dir nur“! Der andere sagte:“ Es ist doch nicht schlimm, trink nur“! Du kennst doch das Gefühl der Entspannung welches der Alkohol dir bietet. Belohne Dich ruhig einmal....... was hattest Du heute für einen stressigen Tag! Ich habe all meine Interessen und Freizeitgestaltungen auf ein Minimum zurückgefahren. Eine immer größer werdende Lustlosigkeit hat sich ausgebreitet und meine Lebensqualität ging immer mehr verloren. Ich habe nun die Hoffnung mein Leben wieder selbst bestimmen zu können, mir ohne den Alkohol eine neue Basis zu schaffen. Meine Freizeit möchte ich in Zukunft mit meiner Familie bewusster erleben und sinnvoll gestalten. Dies war lange Zeit nicht mehr möglich. Sportliche Aktivitäten werden zukünftig mit Sicherheit wieder zu meinem Leben dazu gehören!

1. Zwang (starker Drang zum Konsum)

2. Kontrollverlust

3. Toleranzentwicklung

4. Entzugserscheinungen

5. Vernachlässigung anderer Interessen

6. Weiterer Konsum trotz nachweislich schädlicher Folgen

Erfüllt man nur drei dieser Kriterien so hat man ein klares Suchtpotential!!!

Es gibt nach dem „Jellinek – Schema“ vier Phasen der Sucht.

Vor-Phase / Anfangs–Phase / Kritische-Phase / Chronische-Phase

Verdeutlichen kann man es sich, wenn man sich vorstellt auf einer Einbahnstraße unterwegs zu sein. Der kleine Unterschied ist, auf einer Einbahnstraße hätte ich eventuell die Möglichkeit umzukehren .Auch wenn ich mich strafbar machen würde.......

In der Sucht ist dies nicht möglich!!!

Einmal auf der Fahrbahn geht es immer nur nach vorn.

Eine Umkehr ist nicht möglich!

Vorphase