This ain't love - Rosha Reads - E-Book

This ain't love E-Book

Rosha Reads

5,0

Beschreibung

Finn wünscht sich einen festen Partner. Sex ohne Liebe ist nicht sein Ding. Ganz anders sein neuer Nachbar Kyle. Der sieht nicht nur verdammt gut aus, er hat auch noch ein ausgefallenes Hobby: Er arbeitet als Luxus-Callboy. Die beiden haben wirklich nichts gemeinsam, doch durch ein kurioses Missgeschick lernen sie sich näher kennen. Und wider Erwarten mögen sie sich. Doch Liebe ist das auf keinen Fall! This ain't love ist ein weiterer Titel unserer Cock-Lit Reihe.

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Seitenzahl: 279

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Rosha Reads

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2016

http://www.deadsoft.de

© the author

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com/

Bildrechte:

© kiuikson – fotolia.com

1. Auflage

ISBN 978-3-945934-84-5

ISBN 978-3-945934-85-2 (epub)

Inhalt:

Finn wünscht sich einen festen Partner. Sex ohne Liebe ist nicht sein Ding. Ganz anders sein neuer Nachbar Kyle. Der sieht nicht nur verdammt gut aus, er hat auch noch ein ausgefallenes Hobby: Er arbeitet als Luxus-Callboy. Die beiden haben wirklich nichts gemeinsam, doch durch ein kurioses Missgeschick lernen sie sich näher kennen. Und wider Erwarten mögen sie sich. Doch Liebe ist das auf keinen Fall!

Kapitel 1 – Finn

Finn bohrte seinen Kopf tiefer in das Kissen. Doch das half nichts. Motorenbrummen, das Schrillen einer Hupe und aufgeregte Stimmen drangen durch das gekippte Fenster, hatten sich in seinen Traum geschlichen und ihn nun endgültig geweckt. Finn stöhnte genervt auf. Ein Augenlid auf Halbmast, linste er zum Wecker. Acht Uhr! Für einen Samstag war das mitten in der Nacht. Er drehte sich auf den Bauch und zog die Decke über den Kopf. Zwecklos. An ein Weiterschlafen war nicht zu denken. Jetzt meldete sich auch noch seine Blase.

„Verflucht!“ Finn strampelte sich frei. „Ist heute Idiotentag?“ Er setzte sich auf und rieb sich übers Gesicht. Ein herzhaftes Gähnen folgte. Die Nacht war eindeutig zu kurz gewesen. Leider auch noch völlig unergiebig. Mit geschlossenen Augen schlurfte er ins Badezimmer und stieß sich dabei prompt den Fuß. Die Sporttasche vom Donnerstag stand immer noch im Flur herum.

Nach der Begegnung mit kaltem Wasser aus dem Hahn und einem unfallfreien Besuch der Toilette waren Finns Lebensgeister so weit geweckt, dass er nun wissen wollte, was draußen los war. Die Fliesen auf seinem Balkon waren bereits angenehm warm. Ein weiterer Sommertag mit verschwenderischen Temperaturen kündigte sich an. Auf die Brüstung gestützt, lugte Finn nach unten. Ein Umzugslastwagen verstopfte die Straße. Anscheinend hatte jemand die Sperrung der Parkplätze vor dem Nachbarhaus nicht ernst genommen und dort seinen PKW abgestellt. Der Laster konnte nicht parken, hinter ihm warteten bereits zwei Autos, die sich nicht am LKW vorbeiquetschen konnten. Mehrere Menschen liefen aufgeregt hin und her, debattierten. Wie reizend. Finn war froh, dass ihn das alles nichts anging. Allerdings interessierte er sich durchaus für die neuen Mieter. Die Wohnung im Haus gegenüber, die wie seine, ganz oben im vierten Stock lag, war in den letzten Wochen renoviert worden. Zuvor hatte sie monatelang leer gestanden. Vermutlich hatte der Eigentümer eine zu hohe Mietvorstellung, an der er stur festhielt. Sie befanden sich hier zwar nicht in der nobelsten Wohngegend – die hätte sich Finn auch gar nicht leisten können – aber diese spezielle Wohnung war anders. Wie ein Loft, völlig ungeeignet für eine Familie mit Kindern. Finn rechnete damit, dass ein gutverdienendes Ehepaar einziehen würde.

Der Anflug von schlechter Laune war vorüber. Pfeifend schlenderte Finn in seine Küche und schaltete die Kaffeemaschine ein. Er würde sich jetzt um die Ecke Brötchen und eine Zeitung holen und dann das Wochenende mit einem gemütlichen Frühstück auf dem Balkon einläuten.

Anderen Leuten bei der Arbeit zuzusehen machte keinen Spaß. Finn fühlte sich dadurch nur daran erinnert, dass er selbst aktiv werden sollte. Mal wieder saugen wäre nicht schlecht, das Bett neu beziehen und vielleicht, eventuell, den Kühlschrank putzen. Lebende Organismen sollten, wenn überhaupt, nur im Joghurt vorkommen und nicht außerhalb. Finn seufzte und stemmte sich aus dem Liegestuhl hoch. Der neue Mieter scheuchte die Leute vom Umzugsunternehmen ganz schön hin und her. Wie ein Feldwebel stand er vor der geöffneten Ladeklappe des Lasters und gab Anweisungen, wohin und in welcher Reihenfolge die Möbel und Kisten hochgeschleppt werden sollten. Selbst machte er keinen Finger krumm. Ekelhafter Lackaffe! Der nächste Minuspunkt auf der Liste, auf der schon dick und fett ‚nächtliches Randalieren‘ stand. Um acht Uhr früh zum Aufstehen gezwungen zu werden, war definitiv unverzeihlich. Von einem Kerl, der beim Umzug ein weißes Hemd trug. Unfassbar. Die werte Frau Gattin hatte Finn noch nicht ausmachen können. Vermutlich saß sie gerade im Nagelstudio und ließ sich tunen. War wahrscheinlich viel zu sensibel für den Umzugsstress, die Tussi. Leute mit Geld konnten sich so einiges erlauben.

Die Aussicht auf Hausarbeit ließ ihn immer muffig werden, stellte er wieder einmal fest, denn eigentlich war es ihm egal, was die neuen Nachbarn taten oder nicht. Ging ihn nichts an.

Finn kämpfte gerade mit dem Bettlaken, als sein Handy klingelte. Ein Blick aufs Display verriet ihm, dass Ivo anrief. Das Bett musste warten. Telefonate mit seinem besten Freund waren nie kurz.

„Hey, Ivo“, nahm Finn das Gespräch entgegen. Er ging in die Küche und begann den Kühlschrank auszuräumen.

„Uuuuh, Finni-Baby, wie geht’s dir heute? Ist das nicht ein wunderbarer Tag und das nach so einer herrlichen Nacht? Hast du gesehen, mit was für einer Sahneschnitte ich nach Hause gegangen bin? Der war so hot und keine Mogelpackung! Ich sag dir! Der hatte einen Schwanz, so prächtig anzuschauen wie die Niagarafälle bei Vollmond. Ich kann heute kaum sitzen, so geil hat der mich geknallt …“

„Stopp, Ivo! Das will ich alles gar nicht wissen“, grummelte Finn.

„Das sagst du jedes Mal, Schatz. Und genau wie sonst nützt das auch heute nichts. Das weißt du doch. Ich MUSS dir das einfach erzählen. Aber meine nächste Frage hat sich schon erledigt. So mies, wie du drauf bist, hast du die Nacht wieder alleine verbracht. So geht das einfach nicht weiter! Wir haben das doch besprochen. Du wolltest dir Mühe geben, Finn!“

„Ja, Mama.“

„Spar dir deinen Sarkasmus. Ich muss schließlich deine miese Laune ertragen! Du führst ein Leben wie ein Mönch, das ist doch nicht normal! Du bist 28 und nicht 88!“

„Ach …“

„Nix ach! Was war denn los? Der große Blonde hat dich im Club schon förmlich mit den Augen vernascht. Wie hast du es nur geschafft, das wieder zu vergeigen? Echt, Finn. Das wird schon langsam zur Gewohnheit bei dir.“ Ivo hörte sich tatsächlich ärgerlich an.

Finn knallte das Glas mit den Essiggurken auf die Arbeitsfläche seiner Küche. Ein Wunder, dass es nicht zersprang. Ivo war schon seit Urzeiten sein bester Kumpel, sein Kindergartenfreund. Geheimnisse gab es nicht zwischen ihnen. Trotzdem brauchte sich Ivo nicht immer und überall einzumischen.

„Es hat einfach nicht gepasst. Aus.“ Finn taxierte die zerdrückte Senftube in seiner Hand und warf sie in den Müll.

„Du solltest den Kerl nicht hei-ra-ten, sondern flachlegen. Oder dich mal wieder ordentlich durchnudeln lassen. Ich versteh dich nicht, Finn. Du bist jung, dir muss doch auch das Feuer durch die Adern jagen!“

Damit traf Ivo ziemlich genau ins Schwarze. Niemand fühlte das mehr, als Finn selbst. Er war geradezu ausgehungert nach Zärtlichkeiten und Sex. Aber One-Night-Stands waren nicht sein Ding. Sich auf einen völlig Fremden intim einzulassen brachte Finn nicht fertig. Er hatte nicht vor, sich deshalb auf die Couch eines Hirnklempners zu legen, nur weil Ivo das nicht normal fand. Für Sex brauchte er ein Mindestmaß an Vertrauen und wie sollte er das bei einem Fremden aufbringen?

Kapitel 2 – Kyle

Was für ein Tag! Trotz sorgfältiger Planung war genug schief gelaufen. Damit musste man immer rechnen, das wusste Kyle, aber er war trotzdem genervt. Der Badezimmerschrank hatte einen tiefen Kratzer abbekommen, an der Wand im Eingangsbereich war ein Loch im Putz und in einer der Kisten mit Geschirr hatte es verdächtig geklirrt, als er sie vorhin zur Seite geschoben hatte. Aber alle Möbel standen an ihren vorgesehenen Plätzen. Sogar ein Teil der Kisten war bereits ausgepackt. Das Wichtigste: Fernseh- und Internetanschluss waren geregelt. Seine Börsengeschäfte verlangten es, dass er jeden Tag die Lage verfolgte. Auch jetzt flimmerten die Aktienkurse auf CNN über den Bildschirm. Den Ton hatte er leise gestellt. Kyle streckte sich und gähnte dabei herzhaft. Zeit, sich um eine kleine Ablenkung zu kümmern. Die hatte er sich redlich verdient. Ein Bereich seines Körpers war heute eindeutig noch zu kurz gekommen. Ein Grinsen schlich sich auf sein Gesicht, als er mit der Hand über seinen Schritt fuhr. In seinem Handy scrollte er durch die spezielle Kundenkartei. Georg wäre perfekt. Unkompliziert, schnell und meistens hatte er Zeit. Er schickte ihm eine SMS: Heute, 21.30 Uhr? Die Antwort kam umgehend: Ja. Perfekt.

Die letzten Sonnenstrahlen des Tages lugten durch die Panoramascheiben seines neuen Domizils. Die Luftigkeit aufgrund der großen Glasflächen und die üppige Dachterrasse hatten großen Anteil daran, dass er sich für diese Wohnung entschieden hatte. So kurz die Sommer in Deutschland auch waren, er hatte vor, sie ausgiebig zu nutzen und ebenso in den kälteren Jahreszeiten jedes Fitzelchen Licht ins Innere zu lassen.

Die Glastür gab ein Flüstern von sich, als er sie aufschob. Die Holzbohlen des Dachgartens waren warm. Die geriffelte Oberfläche fühlte sich angenehm an seinen nackten Fußsohlen an. Kyle trat an die Brüstung und legte die Hände auf das Geländer. Automatisch schaute er zuerst auf den Balkon gegenüber. Während der Renovierungsarbeiten in seiner neuen Bleibe hatte er bisweilen einen Blick auf den Mieter gegenüber werfen können. Alleinstehend, vermutete er. Jedenfalls hatte er nie eine weitere Person drüben gesehen. Besonders groß dürfte die Wohnung nicht sein, schätzte Kyle, der Dachform nach zu urteilen. Wie auch immer, das war der einzige Pferdefuß gewesen: Die Einsehbarkeit seiner Wohnung und des Außenbereichs durch den Bewohner gegenüber. Nun ja, nichts im Leben war perfekt. Kyle hatte seine Innenarchitektin längst damit beauftragt, die Gestaltung der Terrasse inklusiv Sichtschutz vorzunehmen. In zwei Wochen waren diese Arbeiten angesetzt.

Eine Bewegung gegenüber ließ Kyle genauer hinsehen. Sein Nachbar lag schlafend auf der Liege. Er trug Shorts und ein Tanktop, das ihm bis zum Nabel hochgerutscht war. Dieses Stück freie Haut zog Kyles Blick auf sich. Doch er war zu weit weg, um Einzelheiten erkennen zu können. Stark behaart war der Bauch jedenfalls nicht, das zumindest konnte er sehen.

Unten in der Straße hupte ein Auto. Das Geräusch weckte den Schlafenden. Kyle beobachtete ihn, wie er träge einen Arm hob und sich mit den Fingern die Augen rieb. Langsam, als würde er sich unter Wasser bewegen, setzte der Mann sich auf. Seine halblangen Haare standen wirr vom Kopf ab. Sie hatten die Farbe von Vollmilchschokolade und passten zu seiner hellen Haut. Kyle, der es gewohnt war, andere Menschen blitzschnell zu taxieren, nahm diese Informationen automatisch auf und speicherte sie ab. Etwa zehn Meter trennten die beiden Balkone voneinander. So nah hatte er seinen Nachbarn noch nicht gesehen. Erst jetzt fielen Kyle dessen ausgeprägte Wangenknochen auf. Sie verliehen seinem Aussehen etwas Exotisches. Anscheinend hatte der Mann die Müdigkeit nun abgeschüttelt, denn er erhob sich. Er schaute auf seine Armbanduhr und Kyle musterte seine Statur, die weder besonders schlank, noch extrem durchtrainiert schien. Normal eben.

Alles andere als normal war jedoch der Blick, der ihn nun traf. Aufmerksam und durchdringend empfand ihn Kyle und er war versucht, wegzuschauen. Das passierte ihm sonst nicht leicht. Noch ehe er sich entschlossen hatte, ob er etwas sagen, winken oder sich schlicht umdrehen sollte, nickte der Mann ihm ernst zu und verschwand in seiner Wohnung. Kyle runzelte die Stirn. Er hatte das Gefühl, diese Situation nicht in der Hand gehabt zu haben und das gefiel ihm gar nicht.

Kapitel 3 – Finn

Er war tatsächlich eingeschlafen auf der Liege! Die kurze Nacht und die Wärme des Sommertages hatten das Ihre dazu beigetragen. Trotzdem war es Finn peinlich. Erst recht, dass ihn der Schnösel von nebenan beobachtet hatte. Wie lange mochte der dort schon gestanden haben? Hatte er etwa geschnarcht? Nun ja, gelacht hatte der Typ nicht. Ganz im Gegenteil. Er hatte eine Miene aufgesetzt wie aus Beton gegossen. Nein, nicht aus Beton. Wie eine Marmorskulptur hatte das Gesicht ausgesehen. Unbewegt und makellos. Vielleicht sollte er darüber nachdenken, eine Bastmatte an das Balkongeländer zu binden. Sonst konnte er sein lauschiges Plätzchen vergessen. Er war schließlich kein Zootier!

Auf der Suche nach seinem Handy stellte Finn fest, dass er sein Bett noch nicht fertig bezogen hatte. Nach dem Telefongespräch mit Ivo hatte er es einfach vergessen. Finn knüllte das Kissen in einen neuen Bezug und grübelte. Ivo. So unrecht hatte er nicht mit seinen Vorhaltungen. Er lebte schon viel zu lange allein. Seine letzte Beziehung lag beinahe zwei Jahre zurück. Seither hatte sich nichts Nennenswertes getan in Sachen Liebe und Sex. Irgendwo in dieser großen Stadt musste es doch einen Mann geben, der zu ihm passte! Er würde heute noch ausgehen, ohne Ivo oder sonstigen Anhang. Entspannt und ohne Druck jemanden kennenlernen, ein bisschen quatschen, ein Bier miteinander trinken und vielleicht Telefonnummern tauschen. Immer nur auf der Suche nach schnellem Sex, so konnten doch nicht alle ticken. Es musste auch Männer geben wie ihn, die sich eine echte Partnerschaft wünschten. Finn sprang in die Dusche, zog anschließend eine helle Stoffhose und ein dunkelgraues, enges Shirt an und war zufrieden mit dem, was er sah. Klar, einen geilen Sportbody hatte er nicht, aber was er zu bieten hatte, war ehrlich. In jeder Hinsicht. Mit ein wenig Gel brachte er seine Haare in Form, zog eine Ponysträhne ins Gesicht. Das sah lässig aus, fand er. Beschwingt lief er die Treppen hinab. Geld und der Wohnungsschlüssel klimperten in seinen Hosentaschen.

Finns Zuversicht und gute Laune gingen irgendwo zwischen einem Monolog über Sojamilchprodukte und dem Cocktail, der versehentlich auf seiner Hose landete, verloren. Dabei hatte der Typ zunächst so einen vielversprechenden Eindruck gemacht! Kurze, gepflegte Haare, ein freundliches Lächeln, kein Mundgeruch und saubere Klamotten. Dass er dann zum kompletten Volllangweiler mutierte, war nicht abzusehen gewesen. Auch nicht, dass er beim Reden seine Flossen nicht still halten konnte. Die tausendfachen Entschuldigungen, begleitet von dem aufdringlichen Versuch, die Flecken auf seiner Hose mit einer Serviette wegzutupfen, insbesondere im Schritt, machten nichts besser. Der lüsterne Blick, den Mister-ich-liebe-Tofu dabei aufgesetzt hatte, erstickte bei Finn alle Ambitionen im Keim. Gereizt hatte er seine Getränke bezahlt und war nach Hause gefahren. Die unangenehm feuchte Hose war eine bequeme Entschuldigung gewesen sich rasch loszueisen. Gegen seinen Willen war er immer viel zu nett und nahm auch noch auf die Gefühle des letzten Idioten Rücksicht.

Jetzt saß er auf seinem Balkon, hatte ein Bier in der Hand und starrte in den Himmel. Wenn er sich anstrengte, konnte er ein paar Sterne ausmachen. In der Wohnung gegenüber ging plötzlich das Licht an. Finn schloss geblendet die Augen. Er blinzelte und als er sich an die Helligkeit gewöhnt hatte, lag die Wohnung wie eine perfekt ausgeleuchtete Theaterbühne vor ihm. Mit dem Schönling als Hauptdarsteller. Er trug einen dunklen Anzug. Das Hemd war nicht bis oben hin zugeknöpft, sodass der Kontrast des weißen Stoffes zur gebräunten Haut besonders deutlich hervortrat. Die Bewegungen des Mannes strotzten vor Selbstbewusstsein, gerade so, als wäre er sich der Blicke bewusst, die auf ihm lagen. Ob er Schauspieler war? Das wäre eine Erklärung für sein Auftreten. Finn merkte, wie er verächtlich den Mund verzog. Mit solchen Schicki-Micki-Typen konnte er nichts anfangen.

Ob er wohl doch nicht verheiratet war? Von einer Frau fehlte bisher jede Spur. Links neben dem Wohnraum lag abgetrennt das Schlafzimmer. Licht flammte auf, als der Mann es betrat und dabei sein Jackett auszog. Die gigantische Glasfront zog sich über die ganze Breite und bot Finn genaue Einblicke. Das Schauspiel, das sich ihm jetzt bot, ließ seinen Puls in die Höhe schnellen. Der Typ knöpfte das Hemd auf, streifte es von seinen Schultern und zog es aus dem Hosenbund. Er warf es auf das Kingsize-Bett. Während er die Gürtelschnalle öffnete, trat er sich die Schuhe von den Füßen. In einer fließenden Bewegung entledigte er sich der Hose und hängte sie über einen Bügel. Ebenso das Jackett. Trotz der ungefähr zehn Meter, die sie voneinander trennte, konnte Finn die gut ausgearbeitete Muskulatur des Mannes erkennen. Breite Schultern, eine kräftige Brust, klassischer Sixpack, schmale Hüften. Er sah aus, wie einem Hochglanzmagazin entstiegen. Nein, besser. Was er sah, war definitiv echt, nicht mit dem Computer nachbearbeitet.

Als der Kerl sich bückte, um seine Socken auszuziehen, ließ er Finn einen ausgiebigen Blick auf seine Kehrseite werfen. Der perfekte Hintern steckte in engen Pants. Ein Anblick, der ihn nicht gleichgültig ließ. Wie hypnotisiert schaute er auf den fremden Mann. Dieser drehte sich um und starrte durch die Scheiben. Finn zuckte zurück, sein Herz klopfte schneller. Hatte er ihn beim Spannen erwischt? Denn nichts anders war es, was er gerade tat. Doch Finn beruhigte sich gleich wieder. Nein, der Kerl konnte ihn gar nicht sehen. Er saß im Dunkeln. Das Licht in der Wohnung musste die Scheiben wie schwarze Spiegel aussehen lassen. Genau, der Typ schaute sich selbst an. Bewunderte er gerade die Früchte seiner harten Arbeit im Fitnesscenter? Finn hätte es nicht überrascht. Mit Sicherheit war das ein selbstverliebter Egomane. Trotzdem konnte Finn nicht vermeiden, dass ihm gefiel, was er sah.

Kapitel 4 – Kyle

Die erste Woche in seiner neuen Wohnung war im Dauergalopp an ihm vorbeigerauscht. Dafür hatte er nun tatsächlich bereits alle Kisten ausgeräumt, die Lampenschirme montiert und die Regale an die Wand gedübelt. Nun gut, er hatte die Arbeiten beaufsichtigt. Die Zeiten, in denen er sich selbst mit diesen mühseligen Alltagsplagen beschäftigen musste, waren gottlob vorbei. Er verdiente mit seiner Arbeit, die er gut und gerne machte, weitaus mehr, als er mit Do-it-yourself einsparen könnte. So war gleich mehreren Leuten geholfen.

Es war Samstagvormittag und Kyle räkelte sich zufrieden in seinen Laken. Gestern Abend war es spät geworden. Aber das hatte er bereits zuvor gewusst. John war ein Genießer und zelebrierte den Sex stets ausgiebig. Nicht zu seinem eigenen Schaden, dachte Kyle, als er die vergangenen Stunden Revue passieren ließ. Er lächelte.

Nun knurrte ihm aber der Magen, er verlangte ebenfalls seinen Teil an Zuwendung. Kyle erhob sich. Nach einer kurzen Runde im Bad schlüpfte er in Anzughose und Hemd. Er liebte schöne Kleidung und sah nicht ein, warum er zum Brötchenholen eine ausgebeulte Jogginghose tragen sollte, wenn er auch gut aussehen konnte. Pfeifend trabte er die Treppenstufen hinunter. Nur in Ausnahmefällen benutzte er den Fahrstuhl. Das minimierte die Zeit, die er zusätzlich für seine Fitness einplanen musste.

Die Bäckerei war ziemlich voll, aber das machte Kyle nichts aus. So konnte er den herrlichen Duft nach Frischgebackenem länger genießen und Menschen beobachten. Etwas, das er gerne tat. Deshalb fiel ihm auch auf, dass sich ein griesgrämig dreinblickender Mann vordrängte.

„Moment“, mischte Kyle sich ein. „Die kleine Lady ist noch vor Ihnen dran. Das haben Sie vermutlich übersehen.“ Erst sah es aus, als wollte der Mann pampig werden, doch gegen Kyles strahlendes Lächeln kam er nicht an. Ohnehin hatte sich die Verkäuferin längst nach den Wünschen des Mädchens erkundigt. Zufrieden verschränkte Kyle die Arme vor der Brust. Er hasste rücksichtslose Menschen, die ohne Skrupel die Rechte Schwächerer mit Füßen traten.

Als das Mädchen bezahlt hatte, lächelte sie ihm schüchtern zu. „Danke schön“, sagte sie leise und ihre Zöpfe wippten, als sie aus dem Laden tänzelte.

Kyle schaute hinterher. Als die Tür zufiel, streifte sein Blick schokoladenfarbenes Haar. Er sah genauer hin und erkannte seinen Balkonnachbarn. Jener kramte umständlich in seiner Hosentasche – Jogginghose! – und schaute nicht hoch. Kyle wollte ihn ansprechen, aber gerade in diesem Moment kam er selbst an die Reihe.

Als er mit seinem Einkauf fertig war, konnte er seinen Nachbarn nicht mehr entdecken. Komisch, er hatte doch nach ihm die Bäckerei betreten. Hatte er sein Geld vergessen? Schade, das wäre ein gute Gelegenheit gewesen, sich endlich offiziell einander vorzustellen.

Gesehen hatten sie sich während dieser Woche mehrmals. Das schöne Wetter hatte seinen Nachbarn häufig auf den Balkon getrieben. Und abends, wenn die Lampen brannten, konnte Kyle problemlos in dessen Wohnung hineinsehen. Entweder besaß sein Nachbar keine Vorhänge oder Jalousien oder er benutzte sie nicht. Er hatte sich ein paar Mal dabei ertappt, dass sein Blick unweigerlich zu seinem Gegenüber wanderte, wenn er am Schreibtisch saß und arbeitete.

Der Mann schien geregelte Arbeitszeiten zu haben. Zumindest ging er früh aus dem Haus und kam gegen 18 Uhr zurück. Was er wohl beruflich machte? Aber eigentlich interessierte Kyle das nicht wirklich. Wurde nur langsam Zeit, dass seine Innenarchitektin aktiv wurde. Der Sichtschutz wurde unumgänglich.

Kapitel 5 – Finn

Finn wusste nicht so genau, warum er die Bäckerei fluchtartig verlassen hatte. Es hatte ihn erstaunt, wie sich sein Schnösel-Nachbar für das Mädchen eingesetzt hatte. Trotzdem wollte er nicht mit ihm reden. Der Mann ging ihn nichts an. Dass er die vergangene Woche immer wieder wie automatisch auf die Terrasse und in die Wohnung hinübergeblickt hatte, ärgerte ihn. Er wollte das gar nicht. Heute würde er endlich Bastmatten für den Balkon und Jalousien kaufen.

Der Typ war bestimmt ein Idiot. Wer so gut aussah, konnte nur ein Arschloch sein. Hatte Finn noch nie anders erlebt. Schöne Menschen bildeten sich ein, der Nabel der Welt zu sein und alles und jeder hätte sich ihren Wünschen zu beugen. Darauf konnte er gerne verzichten.

Als er in Gedanken die Haustür aufstieß, lief er geradewegs in jemanden hinein. Reflexartig packte er die Person bei den Oberarmen, sonst wäre sie gestürzt. Erst jetzt merkte er, dass es seine eigene Schwester war.

„Svenja, entschuldige! Ich habe dich nicht gesehen.“

„Na, das wäre mir jetzt fast nicht aufgefallen, du Spinner!“ Sie rieb sich die Schulter, an der er sie anscheinend angerempelt hatte. Da sie lächelte, war der Schmerz wohl nicht zu schlimm.

„Allerdings hast du nun meinen diabolischen Plan durchkreuzt: dich aus dem Bett zu klingeln. Wo warst du denn um diese nachtschlafende Zeit?“ Ihr Blick glitt an ihm herab.

Da Finn seine Flip Flops trug, konnte er schwer behaupten, er hätte gejoggt.

„Ich wollte Brötchen kaufen, hab aber das Geld vergessen“, behauptete er schnell. Auf eine Diskussion, warum er aus der Bäckerei geflohen war, wollte er sich bestimmt nicht einlassen. Seine Schwester hatte einen Röntgenblick und unglaubliche Fähigkeiten, psychologische Details herauszukristallisieren. Er wollte gar nicht hören, was sie über sein kindisches Verhalten dachte.

„Warum bist du überhaupt da?“, lenkte er ihre Aufmerksamkeit in andere Bahnen. „Habe ich eine Verabredung vergessen?“ Finn wusste genau, dass das nicht der Fall war. Er mochte vielleicht nicht der ordentlichste Mensch sein, aber ein Treffen mit seiner Schwester hatte er noch nie verschwitzt. Dafür war sie ihm viel zu wichtig. Sie waren Zwillinge. Svenja war sechs Minuten älter als er. Optische Ähnlichkeiten waren kaum vorhanden, aber die emotionale Verbundenheit war enorm. Auch jetzt noch, als Erwachsene. Es gab keinen Menschen auf der Welt, dem Finn so sehr vertraute wie seiner Schwester. Obwohl zugegebenermaßen Ivo mehr pikante Details über ihn wusste. Aber das war nicht zu vergleichen.

„Ich muss mit dir reden, Finn“, sagte Svenja ernst. Aus ihrem Gesicht war jede Lockerheit gewichen.

Finn krampfte sich der Magen zusammen. Das klang nicht gut! „Gehen wir in meine Wohnung.“ Er drückte auf einen Knopf an der Wand. Der Fahrstuhl befand sich noch im Erdgeschoss und die Türen öffneten sich sofort.

Erst als er Gläser aus dem Schrank geholt und sie gemeinsam mit einer Flasche Wasser auf den Tisch gestellt hatte, forderte Finn seine Schwester auf zu sprechen.

„Es geht um Rainer. Ich glaube, er betrügt mich“, kam Svenja ohne Umstände zur Sache.

Finn riss die Augen auf. Er hatte mit vielem gerechnet, aber garantiert nicht damit. Das konnte einfach nicht sein! Rainer liebte Svenja abgöttisch. Manchmal war Finn regelrecht eifersüchtig auf das Glück der beiden gewesen. Das ständige Geturtel auf Familienfeiern konnte er kaum ertragen.

„Wie … ich meine, hast du was gesehen oder …“, stotterte er.

„Ich kann es nicht beweisen. Es ist nur so ein Gefühl. Rainer distanziert sich von mir. Er küsst mich nicht mehr so oft wie früher, ist abwesend, hat keine Lust mehr auf spontane Aktionen. Wenn ich mit ihm sprechen will, weicht er aus. Da stimmt was nicht, Finn! Ich weiß es einfach.“ Svenja knibbelte an dem Etikett der Flasche herum. „Ich komme mir so schäbig vor, weil ich ihm nicht vertraue“, gab sie mit leiser Stimme zu.

„Ach, mein Herz, das ist Quatsch!“ Finn war aufgestanden und umarmte nun seine Schwester von hinten. Sein Kinn stütze er auf ihrer Schulter ab, hielt seine Wange an ihre.

Svenja seufzte. „Was ist Quatsch?“, hakte sie nach.

„Na, dass du dir Schuldgefühle einredest! Wir müssen das klären, herausfinden, ob an deinem Verdacht etwas dran ist. Was der Grund für Rainers Veränderung ist. Ich kenn dich doch! Wenn jemand merkt, dass etwas im Busch ist, dann du.“

Svenja streichelte seinen Unterarm. „Ich bin froh, dass ich dich habe.“

Finn löste die Umarmung, küsste sie auf den Scheitel. „Und ich erst, Schwesterherz“, beteuerte er. „Trotzdem habe ich einen Mörderhunger. Lass uns zusammen frühstücken und dabei einen Plan aushecken. Du holst Brötchen und ich richte alles Übrige her. Deal?“

„Deal“, antwortete Svenja. Sie brachte sogar schon wieder ein Lächeln zustande.

Kapitel 6 – Kyle

Interessant! Der Nachbar hatte Damenbesuch. Heute bedauerte Kyle es, dass er noch keine Terrassenmöbel besaß. Zu gerne hätte er ebenfalls im Freien gefrühstückt, wie die zwei Menschen auf dem Balkon gegenüber. Zumindest hatte Kyle die Glastüren so weit geöffnet wie möglich. Der Duft der blühenden Bäume, die die Straße säumten, strich ihm um die Nase. Sein Nachbar und die Frau unterhielten sich angeregt. Er konnte die Stimmen, manchmal einzelne Wörter verstehen, erriet aber nicht, über was sie sprachen. So wie sie sich verhielten, kannten sie sich schon länger. Ein Paar waren sie wohl trotzdem nicht. Sonst würden sie zusammen wohnen, vermutete Kyle. Bisher hatte er die Frau jedoch noch nie gesehen. Sie war hübsch. Sehr sogar. Wenn er auf Frauen stünde, hätte er sich um sie bemüht. Allein wegen ihrer Art sich zu bewegen. Anmutig, in sich ruhend, gezielt und doch agil. Anders als der Nachbar, dessen Bewegungen eckig wirkten, manchmal regelrecht unbeholfen oder tapsig. Vermutlich stieß er sich häufig irgendwo das Bein. Kyle schmunzelte. Er fand Chaoten amüsant. Heute in der Bäckerei hatte er einen genaueren Blick auf das Gesicht des Mannes werfen können. Die feingeschnittenen Züge hatten nicht so recht zu den strubbeligen Haaren und den grobmotorischen Bewegungen gepasst. Ein reizvoller Gegensatz. Insbesondere die feine, helle Haut hatte Kyle gefallen. Ob sie weich war?

Kyle ertappte sich dabei, wie er schon seit einigen Minuten auf den Mann gegenüber starrte. Was war nur los mit ihm? Der war doch überhaupt nicht seine Kragenweite. Er bevorzugte Männer mit Stil. Ohnehin, ein Nachbar! Keine Chance. Das roch geradezu nach Komplikationen. In diese Überlegungen hinein klingelte das Telefon. Jasper Stern stand im Display. Kyle war versucht, nicht dranzugehen. Eigentlich hatte er heute keine Lust auf eine dominante Nummer. Aber er hatte Jasper nun schon mehrmals vertröstet. Außerdem zahlte er immer einen üppigen Tarif. Und er hatte helle Haut … Kyle schüttelte den Kopf über sich selbst. Was war denn das für ein Gedanke?

„Hallo Jasper, schön, dass du anrufst.“ Kyle hörte ihm zu. Eigentlich war der Grund des Anrufs klar. Jasper wollte Sex. Aber er brachte es nie fertig, das gleich anzusprechen. Als müsste er erst den notwendigen Mut finden, betrieb er Small Talk.

Einmal hatte Kyle versucht diese Prozedur abzukürzen, mit dem Effekt, dass Jasper – völlig aus dem Konzept – zu stottern anfing und ganz auf ein Treffen verzichtet hatte. Also ließ Kyle ihn reden. Mit dem Handy am Ohr schaute er weiterhin auf den Nachbarbalkon. Der Mann war aufgestanden, zog sein T-Shirt über den Kopf. Die Frau erhob sich ebenfalls und schaute auf eine Stelle am Rücken, auf die der Mann mühsam versuchte mit dem Finger zu zeigen. Der nackte Oberkörper seines Nachbarn wirkte elektrisierend auf Kyle. Breite Schultern, leichte Brustbehaarung kombiniert mit solider, aber keinesfalls übertriebener Muskulatur. Griffig, so sah er aus. Fest und weich zugleich.

„Hörst du mir noch zu, Kyle?“, drang Jaspers quengelnde Stimme in sein Bewusstsein.

„Äh, ja, natürlich.“ Schuldbewusst drehte Kyle sich weg vom Fenster. In der Tat war er sehr abgelenkt gewesen. Schnell machte er Uhrzeit und Treffpunkt mit Jasper aus und erteilte ihm einen Auftrag. Er sollte sich im Genitalbereich rasieren. Damit war er beschäftigt und ausreichend vorgeheizt, bis Kyle zu ihm kam. Jasper liebte solche Spielchen. Als Manager einer großen Firma, mit Hunderten von Mitarbeitern, hatte Jasper in seiner Freizeit ein geradezu flehendes Verlangen sich unterzuordnen.

Soweit Kyle wusste, lebte er in einer Beziehung, aber dort bekam er nicht das, was er wollte. Davon lebten die Arrangements mit Kyle. Früher, als er noch darauf angewiesen war, stellte Jasper eine hervorragende Einnahmequelle dar. Kyle hatte ihm einiges zu verdanken.

Kapitel 7 – Finn

Was für ein Scheißtag! Termindruck bis zum Äußersten und ausgerechnet dann ging der CNC-Fräser kaputt. Fieberhaft hatte Finn mit seinem Kollegen Daniel daran gearbeitet, die Produktion wieder aufnehmen zu können. Sie hatten es geschafft. Was ihnen drei weitere Überstunden auf dem ohnehin schon gut gefüllten Zeitkonto einbrachte.

„Mann, was für eine Ochsentour!“, sagte Daniel, als sie in der Umkleide standen. Er zog sich gerade seinen Pullover über den Kopf, seine Stimme klang dumpf darunter hervor.

„Da hast du recht. So schnell brauchen wir das nicht mehr.“ Er band sich die Schuhe zu. „Zum Glück hat der Supermarkt bis 22 Uhr offen, sonst müsste ich mich jetzt noch hetzen oder – schlimmer – verhungern. Das einzig Essbare zu Hause ist das Mäusefutter und das kann ich mir gerade noch verkneifen.“

„Na, da würde ich dich schon retten. Wenn du willst, kannst du mit zu mir kommen. Ich koch’ uns was. Und ich kann das wirklich gut, ehrlich.“ Hoffnungsvoll blickte Daniel ihn an.

Es war nicht das erste Mal, dass sein Kollege ihm ein derartiges Angebot machte. Bisher hatte er immer abgelehnt, denn dass Daniel mehr wollte, ließ dieser immer wieder durchblitzen.

Im Gegensatz zu ihm selbst, transportierte Daniel völlig offen nach außen, dass er schwul war. Die Kollegen hatten das leidlich akzeptiert, was ihn eigentlich verwunderte, aber trotzdem hatte er bislang seine eigene sexuelle Orientierung nicht zum Thema gemacht. Und dabei sollte es auch bleiben. Es war schon irritierend genug, dass Daniel ihn durchschaut hatte. Aber nachdem dieser ihn direkt gefragt hatte, ob er schwul sei, hatte er ihn nicht anlügen wollen. Zum Glück kam er seiner Bitte nach und hängte das nicht an die große Glocke. Hier auf der Arbeit wollte er einfach nur seine Ruhe haben, keine Frotzeleien und dummen Witze hören, wie Daniel sie durchaus kassierte. Was er privat machte, war seine Sache. Er fand Daniel ganz nett, aber eine Beziehung mit ihm, einem Arbeitskollegen, kam nicht infrage.

„Danke, ist nett gemeint vor dir, Daniel, aber mir ist nur noch nach ’ner Pizza und Abhängen auf der Couch. Ich wäre ’ne ziemlich miese Gesellschaft heute. Vielleicht irgendwann mal. Danke, wirklich.“

Daniel seufzte. „Hab ich mir fast schon gedacht. Aber irgendwann krieg ich dich noch rum“, scherzte er und zwinkerte ihm zu.

Finn zwang sich zu einem Lächeln.

Brot, Käse, eine Salatgurke, Tomaten, Salami, eine Packung Bier und natürlich die Tiefkühlpizza landeten im Einkaufskorb. Bei den Süßigkeiten zögerte er kurz, legte dann aber doch schokolierte Erdnüsse zu den anderen Sachen. Die hatte er sich heute verdient!

So unglaublich es ihm auch erschien, erwischte er tatsächlich die Kasse, an der nicht der Idiot mit kaputter Bankkarte, die überforderte Mutter mit einem quengelnden Kleinkind oder der schwerhörige Opa mit Bewegungen in Zeitlupe anstanden. Schnell wurde Finn bedient, er bezahlte und marschierte in Richtung Auto. Vom weichen Licht des Supermarkts tauchte er in das diesige Grau eines Regenschauers. Schnell verstaute er seine Tüten und war froh, ins trockene Auto flüchten zu können. Zum Regen hatte sich ein unangenehmer Wind gesellt, der sich unter die Kleidung schob und Finn frösteln ließ.

Er pfiff und räumte die Einkäufe weg, als ein Knall ihn zusammenfahren ließ. Sein Herz klopfte wie wild, so sehr hatte er sich erschrocken. Irgendetwas war gegen seine Balkontür gedonnert. Misstrauisch näherte er sich und schaute durch das Glas. Für einen Vogel war das Geräusch viel zu laut gewesen. Was war passiert? Automatisch blickte er auf den Boden des Balkons und erkannte erst nicht, was dort lag. Nach einem kurzen Moment der Besinnung funktionierte das Zusammenspiel seiner Augen mit den Synapsen und der formlose Klumpen entpuppte sich als Schuh.

„Was zum Henker …“, murmelte er. Aus den Augenwinkeln heraus nahm er eine Bewegung wahr. Er hob den Blick und schaute auf den Balkon gegenüber. Dort stand sein Nachbar und winkte wie verrückt und rief ihm etwas zu. Finn öffnete die Balkontür.

„Endlich! Ich dachte schon, ich muss hier erfrieren. Sie müssen mir helfen! Meine Balkontür geht nicht auf. Ich komme nicht mehr in die Wohnung. Sie müssen den Schlüsseldienst verständigen. Bitte schnell, mir ist so ka-kalt.“ Und tatsächlich, der Mann zitterte wie Espenlaub. Seine Kleidung klebte klitschnass an ihm.

„Ich komme!“, rief Finn und wandte sich um. Mit Schwung schloss er seine Balkontür und ging in den Flur. Dort kramte er kurz im Schrank und holte einen kleinen Koffer heraus. Sein Vater betrieb einen florierenden Schlüsseldienst und war der Ansicht, dass eine Standardausrüstung in jeden Haushalt gehörte. Zumindest was seine Kinder betraf. Finn hatte oft genug mitgeholfen, sodass er wusste, wie die Werkzeuge zu bedienen waren. Er hatte bloß nicht gedacht, diese Fähigkeiten bei einem Fremden zum Einsatz bringen zu müssen. Er wägte kurz ab, dass es vielleicht doch besser wäre, eine Firma kommen zu lassen. Nicht dass er noch Schwierigkeiten bekam. Bei diesen reichen Stinkern wusste man ja nie so genau. Allerdings hatte der Nachbar erbärmlich ausgesehen und wer weiß, wie lange es dauern würde, bis ein offizieller Schlüsseldienst vor Ort aufschlagen würde. An der Entstehung einer massiven Lungenentzündung wollte Finn sich nicht beteiligen.

Er schlüpfte in seine Jacke und trabte die Treppe hinunter. Neugier und Hilfsbereitschaft hielten sich die Waage und verdrängten mühelos jeden Zweifel.

Kapitel 8 – Kyle