Thomas Sankara - Gerd Schumann - E-Book

Thomas Sankara E-Book

Gerd Schumann

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Beschreibung

»Wer in Afrika progressiv denkt, zitiert Sankara«, so ›Der Spiegel‹ 2018. Auch deshalb wird der 1987 ermordete Revolutionär im nachkolonialen Europa oft übergangen. Schließlich hatte sich der ›Che Afrikas‹ aufgemacht, »die Zukunft zu erfinden«, ein »Wagnis«, wie er selbst meinte. Unter seiner Präsidentschaft wurde Obervolta in Burkina Faso (›Land der Gerechten‹) umbenannt, der Name war Programm: Sankara schaffte die Regierungslimousinen ab, verbot Genitalverstümmelung, Polygamie, Brautpreise. Emanzipation und Klimapolitik wurden zu Tagesaufgaben. Zehn Millionen Bäume gepflanzt, um die Wüstenausdehnung zurückzudrängen, zweieinhalb Millionen Kinder gegen Meningitis, Gelbfieber, Masern geimpft, eine Bildungsoffensive gestartet, Nahrungsmittelsouveränität hergestellt: Es galt, neokoloniale Abhängigkeiten zu beenden. Doch Sankaras wegweisende Forderung, Kreditrückzahlungen an IWF und Co. zu verweigern, blieb unerfüllt, bis heute wird die Herrschaft des Nordens reproduziert. Gerd Schumann geht dem dramatischen Leben des Thomas Sankara nach, von der Kindheit bis zum Tod infolge eines inszenierten Putsches. Und er zeigt die Renaissance der Sankara-Ideen auf dem afrikanischen Kontinent auf.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Politik / Geschichte / Ökonomie

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ISBN 978-3-89438-847-8 (Print)

ISBN 978-3-89438-918-5 (Epub)

1. Auflage 2025

© 2025 by PapyRossa Verlags GmbH & Co. KG, Köln

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Gerd Schumann

Thomas Sankara

Inhalt

Der Sound der Geschichtetibr Vorwort

I. Land und Leute

II. Kindheit und Jugend

III. Bewusstwerdung

IV. Augustrevolution

V. Emanzipation der Frau und Umweltschutz

VI. Die Schuldenfalle als »organisierte Rekolonisierung Afrikas« Sankara auf internationaler Bühne

VII. Verschwörung

VIII. Sankaras Erbe

Anmerkungen

Quellen

»Es gibt kaum eine historische Figur in Afrika, die so verehrt wird wie Thomas Sankara. Sankara war Revolutionär, Panafrikanist und während vier Jahren Präsident von Burkina Faso. Er war jung und fotogen, er trug schmale Uniformen und hatte ein breites Lachen. Er stieß zahllose Reformen an und machte ein unbekanntes Land zum Ideal vieler Afrikaner. Dann wurde er ermordet.«

Neue Zürcher Zeitung, 11.12.2022

»Es ehrt Thomas Sankara als wirklichen Revolutionär, dass er es gewagt hat. Viel mehr als Mut, Begeisterung und sich selbst als vorangehendes Beispiel konnte er dabei nicht einbringen. Ein Wahnsinn? ›Gewiss‹, sagt Sankara, ›man führt nicht grundlegende Veränderungen durch ohne ein Minimum an Wahnsinn. In diesem Fall wird dies zu Nonkonformismus, zum Mut, den bekannten Formeln den Rücken zu kehren, die Zukunft zu erfinden. Vor allem brauchte es die Verrückten von gestern, damit wir uns heute so außerordentlich klarsichtig verhalten können. Ich möchte zu dieser Sorte von Verrückten gehören.‹«

Wiener Zeitung, 11.10.2000

Der Sound der GeschichtetibrVorwort

Ein Foto, entstanden Mitte November 1986, kurz vor Sommeranfang, die beste Reisezeit im subsaharischen Afrika. Es war ein denkwürdiger Besuch am 17. und am 18. November 1986 in Burkina Faso. Erstmals seit 14 Jahren lässt sich mit François Mitterrand wieder ein Staatspräsident der ehemaligen Kolonialmacht in Ouagadougou sehen. Weitere Stationen sind Guinea, Togo, Mali, drei damals immer noch mit Frankreich eng liierte, in neokolonialer Abhängigkeit gehaltene Länder von »Françafrique«, dem französischen Hinterhof auf dem afrikanischen Kontinent.

Dort ist diesmal alles anders. Gut drei Jahre zuvor hat eine Revolution begonnen und das Land verwandelt, und das nicht nur vom Namen her. Das koloniale »Obervolta« wurde abgelegt, der Begriff »Land der Gerechten« (auch: »Land der Aufrechten«), wie Burkina Faso übersetzt heißt, etablierte sich schnell, der Staatspräsident persönlich, ein leidenschaftlicher Musiker und Motorradfahrer, komponierte die Hymne, neue Fahne und Wappen wurden kreiert – roter Stern auf gelbem Grund, aufgeschlagenes Buch, mit einer Kalaschnikow gekreuzte Feldhacke. Sie stehen symbolisch für einen außerordentlichen, dem Zeitgeist widersprechenden Aufbruch einer ganzen Gesellschaft. Dem französischen Präsidenten jedenfalls kann es nicht gefallen, allein: Man sieht es ihm nicht an.

Dunkle Sonnenbrille, luftiger Sommeranzug, Schlips und Kragen natürlich, ein ungewohnt wirkender heller Hut mit Krempe nach Westernart – der sonst so hölzerne Mitterrand gab sich betont lässig, und beim abendlichen Festbankett würde er seinen burkinischen Amtskollegen Thomas Sankara gar um die Schulter fassen, als sei er ein väterlicher Freund des Revolutionärs. Jedenfalls zeigte er sich jovial, ließ sein Redemanuskript beiseite und antwortete auf Sankaras Ansprache, als habe er durchaus Verständnis für dessen offene Kritik an der ehemaligen Kolonialmacht. »Ich finde, dass er bei manchen Urteilen die Impulsivität der Jugend und das Verdienst eines Staatschefs hat, der sich für sein Volk ganz und gar aufopfert. Ich bewundere seine großen Qualitäten, aber er urteilt zu streng; meiner Meinung nach geht er weiter, als er sollte.«1

So Mitterrand, und man fragt sich im Nachhinein, ob die in seiner Formulierung durchschimmernde Nachsicht mit Sankaras klaren Worten bei Tisch mehr mit dem Respekt vor der Aufrichtigkeit seines Kollegen zu tun hatte und ihn möglicherweise an seine eigene Zeit als junger Mann erinnerte, der in der Résistance gegen die deutschen Okkupanten kämpfte. Oder ob es ihm einfach immer noch schwerfiel, seine Rolle einzunehmen als Vertreter einer neokolonialen Politik, die auf dem afrikanischen Kontinent laviert, um die Interessen der »Grande Nation« zu wahren – eine Haltung, die sich jedoch letztlich nicht mit den Zielen der burkinischen Revolution vereinbaren lassen würde, wie ihm wohl bewusst gewesen sein dürfte. Darüber hinaus ist der Sozialist Mitterrand auch im eigenen Land unter Druck, und mittlerweile gezwungen, sich mit der bürgerlichen Regierung von Premier Jacques Chirac zu arrangieren. Beides lässt nicht zu, Schwäche zu zeigen, und passt nicht so recht zur Lage.

Zudem hatte Jacques Chirac höchstpersönlich, als er ein halbes Jahr zuvor Premierminister wurde, Jacques Foccart (1913-1997) als seinen Berater für Afrika in den Élysée-Palast zurückgeholt – »Monsieur Africa«, wie dieser genannt wurde, höchstpersönlich. Thomas Sankara war dessen Intimfeind. Foccart hatte bereits seit dem »Afrikanischen Jahr« 1960, als 17 Kolonien, darunter 14 französische, formal unabhängig wurden, unter den Präsidenten Charles de Gaulle und bis 1974 Georges Pompidou als deren »Graue Eminenz« in Sachen des frankophonen Teils Afrikas gearbeitet.

Seine Hauptanliegen waren es, nicht nur diesbezügliche »Ambitionen des Ostblocks«2 zu bekämpfen, sondern französische Interessen in Politik und Ökonomie zu sichern und vor den absehbar bevorstehenden Umbrüchen zu schützen – egal auf welchen Wegen und mit welchen Methoden, notfalls auch mittels militärischer Interventionen. Foccart, der neokoloniale Fädenzieher: Präsident Pompidou wurde beispielsweise während eines Staatsbesuchs in Gabun 1972 von einem Reporter gefragt, ob es wahr sei, dass Frankreich hinter all diesen Staatsstreichen steckte. Dessen Antwort lautete knapp: »Fragen Sie Foccart«.3

Und Mitterrand selbst hatte bereits Jahre zuvor gegenüber Sankara und anderen afrikanischen Staatschefs demonstriert, dass mit ihm nicht gut Kirschen essen ist, wenn es um jene prinzipiellen Interessen geht, denen er unterliegt. Oder hat er bei seinem jetzigen Auftritt in Ouagadougou verdrängt, dass er im Mai 1983 seinen afrikapolitischen Berater Guy Penne hierher entsandt hatte, besorgt wegen Sankaras Aufstieg zum Premierminister damals? Der hatte »Bösewicht« Gaddafi eingeladen und sich auch sonst mit manchem antikolonial oder gar antiimperialistisch eingestellten Politiker ausgetauscht: dem Mosambikaner Samora Machel, Fidel Castro, Maurice Bishop aus Grenada, Daniel Ortega aus Nicaragua, dem Präsidenten der Volksrepublik Benin Mathieu Kérékou; der Ghanaer Jerry Rawlings war sein Freund – und allesamt waren sie in den Augen Frankreichs mindestens unsichere Kantonisten oder gar Parteigänger der anderen Seite. Auch seine offen gezeigten Sympathien für die Palästinenser, Südafrikaner, Namibier und deren Befreiungsbewegungen gaben Paris zu denken.

Penne führte seinerzeit in Ouagadougou Gespräche – und kurz darauf wurden Sankara und seine als links bekannten Gefährten Henri Zongo und Jean-Baptiste Boukary Lingani verhaftet. Ein fürwahr merkwürdiger Zufall. Für Sankara stand bereits damals fest, dass beides, Pennes Mission und die Festnahmen, zusammenhing. Er hat das Mitterrand auch, noch im selben Jahr nach seiner Befreiung und der folgenden Augustrevolution (Révolution d’août), auf der Afrika-Konferenz in Vittel Anfang Oktober 1983 gezeigt: Keine 24 Stunden nachdem er in der Nacht vom 2. zum 3. Oktober in Ouagadougou das Umgestaltungsprogramm des Revolutionsrates vorgestellt hatte, verweigerte er in Vittel demonstrativ seine Teilnahme am Bankett mit François Mitterrand und Guy Penne.

Jetzt, als Gastgeber ihrer Begegnung drei Jahre später, hat er in durchaus freundlichem Ton und keinesfalls mit aggressivem Gestus seine Kritik an Frankreich und Konsequenzen daraus vorgetragen. Sankara, ein begnadeter Redner, der auch »Afrikas Che Guevara« genannt wurde, zeigte Rückgrat und legte eine diplomatische Glanzleistung hin. Freundlich und doch klar nuanciert, von seinen eigenen Erfahrungen mit dem vormaligen »Mutterland« geprägt und doch unaufgeregt, forderte er von der immer noch größten ausländischen Macht in Afrika offen Solidarität mit den Befreiungsbewegungen in Südafrika und Angola ein.

»In diesem Zusammenhang verstehen wir nicht, Herr François Mitterrand, wie es sein kann, dass Banditen wie Jonas Savimbi (Chef der angolanischen Rebellentruppe UNITA, die mit Unterstützung der CIA und des südafrikanischen Apartheidregimes gegen die MPLA-Regierung Angolas kämpfte) und Mörder wie Pieter Botha (zunächst Premier, ab 1984 Staatspräsident des südafrikanischen Apartheidregimes) durch das schöne, saubere Frankreich reisen durften. Ihre Hände sind befleckt, an ihren Füßen klebt Blut. Und alle, die diese Taten zugelassen haben, tragen die volle Verantwortung, hier und anderswo, heute und für immer.«4

Während einer Pressekonferenz mit Mitterrand tags darauf versuchte dann eine Reporterin der katholischen Tageszeitung La Croix, Sankara wegen dessen Kontakten zu realsozialistischen Staaten unter Druck zu setzen. Diese würden doch »Fragen aufwerfen«. Sankara blieb sachlich: »Ich war in Moskau, Kuba und auch anderswo. Ich war nicht nur in diesen Ländern. Wir pflegen nämlich hervorragende Beziehungen mit diesen Ländern und ihren politischen Führern.«5

Der neben Sankara sitzende Präsident Frankreichs blickte seinen Nachbarn von der Seite an, zornig wie es schien, wandte sich dann ab. Sankara fuhr fort: »Wir planen Projekte, die für unsere Entwicklung wichtig sind. Wir suchen dafür Partner. Wenn uns ein näher gelegenes Land die weite Reise nach Moskau ersparen will, sehen wir darin kein Hindernis. Mir hat noch niemand Hilfe angeboten, die ich abgelehnt hätte. Was mir fehlt, ist eine Concorde, für die andere offenbar Geld haben.« Nun musste Mitterrand tatsächlich etwas schmunzeln, was er zu verbergen versuchte, indem er eine Hand vor den Mund schob.

Oder trog der Schein, und Frankreichs Präsident verbarg seinen Ärger über die Aussage Sankaras, die er als neuerliche Provokation auffassen müsste? Unterstützung aus dem Ostblock war ein No-Go für ihn, das war Sankara spätestens seit Vittel 1983 bekannt. Dort hatte Mitterrand schließlich mehr oder weniger offen gedroht und die versammelten afrikanischen Staatschefs ermahnt. »Was ich Ihnen aus meiner persönlichen Einschätzung heraus sagen möchte: Ich halte es nicht für klug, wenn jeder Konflikt und jedes Problem auf diesem Planeten die Ost-West-Krise noch weiter schürt.«

In dem empfehlenswerten, aufschlussreichen Dokumentarfilm »Thomas Sankara, l’homme intègre« von Robin Shuffield6 sind zwei Redeausschnitte von dem Treffen ausgewählt, die den Eindruck erwecken könnten, es sei in Ouagadougou zu einer ultimativen Zuspitzung gekommen, und in der Konsequenz habe Frankreich Sankara abgehakt, dessen Beseitigung beschlossen und nunmehr voll und ganz auf dessen vermeintlichen – und früher auch tatsächlichen – Freund Blaise Compaoré gesetzt. So stellt sich zumindest eine Variante für den Zeitpunkt der Entscheidung über Leben und Sterben von Thomas Sankara und der burkinischen Revolution dar, und sie könnte durchaus zutreffen. Allerdings lässt sich diese Vermutung bis heute nicht beweisen. Lediglich Indizien sprechen dafür – und natürlich die grundsätzlich bestehende Gefahr für Persönlichkeiten, die sich der Herrschaft und deren Kurs widersetzen, ihren eigenen Kopf benutzen und auch noch große Teile der Bevölkerung für ihre Ideen zu gewinnen wissen.

Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler, Anfang der 1960er Jahre UN-Vertreter in Afrika, befreundet einst mit Che Guevara, lange Jahre UN-Sonderbevollmächtigter für Ernährung, gut bekannt ab Ende 1983 auch mit Thomas Sankara, bemerkte seinerzeit trefflich zur geostrategischen Lage und insbesondere auch der wachsenden Ausstrahlung Sankaras auf Länder des globalen Südens und speziell des afrikanischen Kontinents: »Das französische neokoloniale System in Afrika ist total intakt. Sankara hat den Bruch versucht. (…) sich mit dem neokolonialen System, dem staatlichen, dem militärischen, aber vor allem den riesigen Finanzinteressen anzulegen, das ist lebensgefährlich.«7

Auch Sankara selbst trieben dunkle Gedanken kurz vor seiner Ermordung um, ohne etwa zu ahnen, auf welchen Wegen und von welchen Personen ihm Gefahr drohte. Ziegler erinnert sich an seine letzte Begegnung mit dem Präsidenten Anfang Oktober 1987, berichtet von einem langen Gespräch über Ernesto Che Guevara. »Ich sagte, am 8. Oktober jährt sich die Ermordung von Che Guevara zum zwanzigsten Mal (…) Plötzlich – ich weiß es noch wie gestern – sah er mich an und sagte: Er starb mit 39 Jahren. Werde ich es, wie Che, bis 39 schaffen?«

Es sei eine Art »Todesahnung« gewesen, meint Ziegler. Der 1949 in Yako/Obervolta geborene Sankara wurde, anders als Che Guevara und Maurice Bishop, keine 39, und die Annahme drängte sich förmlich auf, dass mit Sankaras Beseitigung eine Zeitenwende auf dem Trikont, so die selbstbewusste Bezeichnung für die drei Kontinente des Südens, vorbereitet wurde.

Zu Beginn des Jahrzehnts hatte noch manches auch in Afrika nach Aufbruch ausgesehen. In deutschen Landen wurde gar ein Rocksong zum kulturpolitischen Gassenhauer: »Keine Atempause / Geschichte wird gemacht / es geht voran!«8 Jetzt stand offenbar das Scheitern der Hoffnungen unmittelbar bevor. Der Sound der Geschichte verklang, der Wind drehte sich.

Der Gerichtsprozess zum Putsch gegen Sankara fand dann erst nach Jahrzehnten in Ouagadougou statt. Paris hielt sich bedeckt und seine Akten weiter unter Verschluss, doch wurde die ungeheure Verschwörung vor Ort weitgehend aufgedeckt und insbesondere, damit verbunden, die Dimension des Verrats durch die Mörder Sankaras zumindest teilweise enthüllt. Diese hatten die Revolution im »Land der Gerechten« beendet und mit direkter Unterstützung Côte d’Ivoires (Elfenbeinküste) die neokoloniale Politik Frankreichs reetabliert. Der Name Burkina Faso blieb zwar, doch liegt das Land inzwischen wieder am Ende der weltweiten Armutsskala.

Allerdings gibt es inzwischen Bewegungen und Anzeichen dafür, dass die Erinnerungen an die vier Jahre des Ausbruchs aus einer Pseudounabhängigkeit lebendig geblieben sind. Man weiß um die bis zur Augustrevolution ungebrochene Kontinuität der Ausplünderung – an einen Zustand, der von seiner Wirkung her fatal war, und der nach Sankaras Tod wiederhergestellt wurde. Genannt seien insbesondere die totale Abhängigkeit von Nahrungsmittelimporten, eine ökologische Katastrophe in Form einer rasanten Versteppung und Verwüstung, Wasserknappheit, Analphabetismus, Epidemien, traditionelle Stammesstrukturen, Frauendiskriminierung inklusive Genitalverstümmelung, Zwangsheirat, Aussteuerzwang.

Man erinnert sich zudem an die Veränderungen, die vonstattengingen, nachdem Sankara am 4. August 1983 befreit worden war und die Revolution verkündete. An eine lange Liste von Erfolgen: hohe Einschulungsraten, Zurückdrängen der Verwüstung, Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln, Erschließung von Wasserreservoirs, ein »grüner Plan« mit zehn Millionen gepflanzter Bäume, Wohnungsbauboom, zweieinhalb Millionen Impfungen von Kindern gegen Gelbfieber, Meningitis und Masern, Gleichberechtigung von Mann und Frau, Bekämpfung von Korruption, Vetternwirtschaft und feudaler Strukturen, ein panafrikanisches Selbstbewusstsein.

Der Blick auf das Gestern, aus aufgeklärter Distanz zu einer zeitgenössischen Wahrheit, offenbart Geschichte ohne die Scheuklappen verordneter, tagesaktueller Sichtweisen. Ob sie dem Betrachtenden sympathisch erscheint oder nicht, er wird sie anerkennen und sich den Fragen stellen müssen, die dem Erkennen entspringen. Tut er es nicht, bleiben ihm Schlussfolgerungen verwehrt. Burkina Fasos Geschichte von 1983 bis 1987 jedenfalls eröffnet den Zugang zu einer Gedankenwelt, die für die Zukunft erhellend sein könnte. Sie ist eng geknüpft an die Person von Thomas Sankara und dessen Traum von einer selbstbestimmten, emanzipierten, freien und gerechten Gesellschaft.

Heute ist Thomas Sankara besonderes unter der Jugend in ganz Afrika ein Vorbild – und der Anteil der Menschen an der Bevölkerung, die jünger als 24 Jahre alt sind, beträgt 60 Prozent. Es mag sein, dass global derzeit nur wenige echte Hoffnungsträgerinnen und Hoffnungsträger in Sicht sind – die Menschheit tut sich schwer, fortschrittliche gesellschaftliche Alternativen zu denken. Schon allein deswegen lohnt es, sich mit der Biografie des Vordenkers Thomas Sankara zu beschäftigen, und vielleicht drängen sich dabei Gedanken an Beispiele aus der Geschichte auf, die darauf hinweisen, dass bessere Zeiten möglich sind, Erinnerungen, die darauf hinweisen, dass nichts gottgewollt oder sonst wie vorbestimmt ist.

I.Land und Leute

Burkina Faso, ein Land ohne Meereszugang, karg, rau, ruppig, häufig von Dürren betroffen, aber auch: fruchtbar, aufregend und natürlich schön. Indes ist jegliches menschliches Leben eng verknüpft mit den Bedingungen, unter denen es geführt wird, und diese werden zwar sekundär von der Natur bestimmt, hängen aber doch entscheidend davon ab, wie auf diese Einfluss genommen wird. An diesem Punkt beginnt die Verantwortung des Menschen dafür, was er aus den gegebenen Verhältnissen macht, mag sich Thomas Sankara gedacht haben. Was folgte, ist Geschichte.

Die Geschichte Burkina Fasos (bis 4. August 1984: Obervolta) lässt sich in fünf Etappen fassen: eine vorkoloniale, dann die Kolonialzeit bis zur Unabhängigkeit 1960, eine folgende neokolonial geprägte Phase, die mit der Augustrevolution 1983 endete. Sie dauerte vier Jahre bis zur Ermordung des Staatspräsidenten Thomas Sankara am 15. Oktober 1987 und war die erfolgreichste. Ihr folgte schließlich die Wiedererrichtung der alten, an den Interessen des französischen Mutterlands und einer einheimischen Bourgeoisie orientierten Strukturen.

In den vorkolonialen Jahrhunderten war das Land häufig ohne feste staatliche Konturen und zersplittert. Es werden etwa 60 einheimische Sprachen gesprochen, und die ethnischen Gruppen, überwiegend Mossi (Anteil: 40 Prozent), lebten »lange Zeit ohne jede zentrale Institution in einer Mischform aus Nomadentum und ursprünglicher Dorfgemeinschaft«.9

Die Forschung geht davon aus, dass zeitweise verschiedene Herrschergruppen in Allianz oder in kriegerischen Konflikten mit den zahlreichen ethnisch-basierten Dorfgemeinschaften ökonomischen Einfluss ausübten. Auf relativ einheitlichen Territorien entstanden seit dem 11. Jahrhundert lediglich halbfeudale Reiche im Norden, Wagadugu, Yatenga und Gurmantsche, und im Süden die Fulbe-Reiche von Liptako und Dioula vom 17. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, »die bis zur Kolonialeroberung die stabilsten Staaten Obervoltas darstellten. Sie zeichneten sich durch eine stark hierarchische Struktur mit einem erblichen Herrscher (Mogho Naba in Wagadugu) an der Spitze aus.«10 Außer dem Fulbe-Reich erlangten noch die Dioula-Gebiete von Guriko, Wahabu und Kenedugu »lokale Bedeutung«.11

Danach befand sich das westafrikanische Binnenland, gelegen am südlichen Rand der Sahelzone und von einem Prozess der Verwüstung ständig bedroht, unter französischer Kontrolle. Erobert wurde es von Paris, im Wettlauf mit London und Berlin, nach der Berliner Kongo-Konferenz 1884/85. »In vielen Fällen brauchen die Franzosen nicht zu kämpfen«, berichtet der Journalist Gert von Paczensky.12 »Es genügt, wenn sie ihre Stärke zeigen, und dann bekommen sie ihren Protektorats- oder gar Abtretungsvertrag.«

In Obervolta sei das anders gelaufen. Dort antwortete das Oberhaupt der Mossi, Mogho Naba, dem französischen Abgesandten: »Ich weiß, die Franzosen wollen mich umbringen, damit sie mein Land nehmen können. Du behauptest, sie wollen mir helfen, mein Land zu organisieren. Aber ich finde mein Land so, wie es ist, sehr gut. Ich brauche sie nicht.«13 Diese Antwort hätten die Franzosen »unverschämt« gefunden und Militär geschickt. Mit der Eroberung Ouagadougous durch französische Truppen 1896 wurde das Land nach und nach unter französische Kontrolle gebracht. 1904 wurde es Teil der Kolonien Obersenegal und Niger, 1919 dann zur territorial eigenen Kolonie namens La Haute-Volta (Obervolta), benannt nach dem Fluss Volta.

Sie gehörte zu Französisch-Westafrika, wurde von einem Gouverneur regiert und 1932 schließlich wegen mangelnder wirtschaftlicher Rentabilität wiederum aufgeteilt und den Nachbarkolonien Französisch-Sudan (heute: Mali), Niger und Côte d’Ivoire angeschlossen. 1947 schließlich wurde Obervolta in den Grenzen von 1932 wiederhergestellt und Teil des französischen Überseeterritoriums »Territoire d’outre-mer« (TOM). In der Folge entwickelte sich ein politisches Leben, eine kleine, ethnisch und von Einzelpersonen und deren Interessen geprägte Parteienszene bildete sich heraus, Obervoltaer waren im französischen Parlament vertreten.

Die Diskussion um Unabhängigkeit entwickelte sich auch in Obervolta in den 1950er Jahren. Bereits nach dem Zweiten Weltkrieg sei »als wichtigste antikoloniale Bewegung die von O. Coulibaly geführte Sektion der Demokratischen Vereinigung Afrikas (frz.: Rassemblement Démocratique Africain, RDA)«14 entstanden. Sie hatte ihr Haupteinflussgebiet im sozialökonomisch entwickelteren Westen des Landes und vereinigte sich 1956 mit der zehn Jahre zuvor formierten Voltaischen Union zur »Vereinigten Demokratischen Partei« (später Demokratische Voltaische Union). Am 5. August 1960 wurde das Land formal unabhängig.

Mit knapp 270.000 Quadratkilometern ist seine Fläche größer als die von Großbritannien, aber weniger als halb so groß wie Frankreich. Es verfügt über Bodenschätze wie Mangan, Kupfer, Gold, Bauxit, Eisen, Titan, Chrom, Diamanten und über Agrarland, geeignet zur Viehzucht, der Hauptbedeutung zukommt, zum Anbau von Erdnüssen und Baumwolle, die auch exportiert werden. Meist subsistent werden Hirse, Sorghum, Mais, Reis, Yams, Bataten, Maniok erzeugt. Tropische Temperaturen mit kurzer Regenzeit und länger werdenden Trockenperioden herrschen auf der 200 bis 300 Meter über dem Meeresspiegel gelegenen Hochfläche. Sie wird von den drei Quellflüssen des Volta nach Süden entwässert. Die Feuchtsavanne wandelt sich nach Süden hin zur grasüberwachsenen Trockensavanne.

Insgesamt zählt Burkina Faso heute fast 24 Millionen Menschen, Burkinabe genannt. Etwa 3.200 Franzosen leben dauerhaft im Land. Hinzu kommen 20.000 sich temporär dort aufhaltende.