Wollt ihr mich oder eure Träume? - Gerd Schumann - E-Book

Wollt ihr mich oder eure Träume? E-Book

Gerd Schumann

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Beschreibung

Gestandene Umbrüchler und revolutionäre Aufrührer von einst sitzen heute auf den Bänken der Regierung. Der von Rudi Dutschke propagierte lange Marsch durch die Institutionen endete im zuvor verachteten Establishment, die Voraussetzung für sein Scheitern war das Gelingen. Wie kein anderer steht Joseph "Joschka" Fischer für die Generation der Achtundsechziger, für die Liquidierung ihrer Ideen durch Integration. Niemand hätte den Job des Totengräbers effektiver ausfüllen können als er, der eine aufstrebende Partei bändigte, um selbst aufzusteigen. Den Wechsel zu NATO-Kriegseinsätzen und der Armutsverordnung Hartz IV hatten diejenigen zu erledigen, die selbst einmal auf der anderen Seite standen. Fischer, vom Sponti zum Realo gewandelt, dann auf der Karriereleiter der Grünen zum Außenminister aufgestiegen, verantwortete die Beteiligung der Bundeswehr am Kosovo-Einsatz und somit den ersten Kriegseinsatz deutscher Truppen nach dem Zweiten Weltkrieg. Grund genug also für eine "Schmähschrift", für einen Nachruf zur Vorbeugung – enttarnend und aufklärend, bisweilen polemisch und prononciert.

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Seitenzahl: 235

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Impressum

Alle Rechte der Verbreitung vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist nicht gestattet, dieses Werk oder Teile daraus auf fotomechanischem Weg zu vervielfältigen oder in Datenbanken aufzunehmen.

Das Neue Berlin –

eine Marke der Eulenspiegel Verlagsgruppe Buchverlage

ISBN E-Book 978-3-360-50182-0

ISBN Print 978-3-360-01374-3

1. Auflage 2021

© Eulenspiegel Verlagsgruppe Buchverlage GmbH, Berlin

Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin, unter Verwendung eines Fotos von picture-alliance/dpa/Wolfgang Kumm

www.eulenspiegel.com

Über den Autor

Gerd Schumann, geboren 1951 in Wilster (Holstein), lebt und arbeitet als Autor in Berlin und in Mecklenburg. Langjährig Redakteur und Korrespondent von Tageszeitungen (u.a. junge Welt). Reportagen und Hintergründe vom afrikanischen Kontinent, aus der Karibik, vom Balkan für Hörfunk und Printmedien. Jüngste Buchpublikationen: »Kolonialismus. Neokolonialismus. Rekolonisierung« (2016), »Das Morgen im Gestern. Erkundungen eines Wessis im Osten« (2019).

Über das Buch

Wie kaum ein anderer steht Joseph (»Joschka«) Martin Fischer für die Generation der Achtundsechziger sowie für die Liquidierung ihrer Ideen durch Integration. Niemand hätte den Job des Totengräbers effektiver ausfüllen können als er, der eine aufstrebende Partei bändigte, um selbst aufzusteigen. Den Wechsel zu NATO-Kriegseinsätzen und der Armutsverordnung Hartz IV konnten gerade jene glaubhaft erledigen, die gestern als Rebellen auf der anderen Seite gestanden hatten. Künftige Bewegungen werden zu lernen haben, Opportunismus in den eigenen Reihen zu erkennen und zu bewältigen.

»Ich sage euch: Ich halte zum jetzigen ­Zeitpunkt eine einseitige Einstellung – ­unbefristete Einstellung der Bomben­angriffe – für das grundfalsche Signal. Milošević würde dadurch gestärkt und nicht geschwächt. Ich werde das nicht umsetzen, wenn ihr das beschließt – damit das klar ist!«1

Außenminister Joseph Martin »Joschka« Fischer auf dem ­Sonderparteitag der Grünen am 13. Mai 1999 in Bielefeld. Er fand während der völkerrechtswidrigen NATO-Angriffe auf Jugoslawien statt, der ersten Kriegsbeteiligung Deutschlands seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, und gegen ein Land, das in eben diesem Weltkrieg 1941 von der Nazi­wehrmacht überfallen, besetzt und zerstückelt worden war.

1 https://wolfgang-naeser-­marburg.lima-city.de/htm/­kos-fisc.htm

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

My Generation. Warum es sich lohnt, einen »Nachruf« auf Joschka Fischer vor der Zeit zu verfassen

DAUERLAUF IN DEN KRIEG

Mit Fischer beim Hamburg-Marathon und auf dem ­Schicksalsparteitag der Grünen. Beobachtungen an den Strecken

DIE ACHTUNDSECHZIGER

Wie der junge Joschka, Jahrgang 1948, und eine ganze Generation flügge wurden mit den nach Veränderung ­dürstenden Zeiten

JOSCHKAS GURKENTRUPPE

Als die Fußballer aus dem Frankfurter Ostpark vom ­»Revolutionären Kampf« zu »Spontis« wurden und ­schließlich bei den Grünen landeten

IM BETRIEB UND ANDERSWO

Der »Marsch durch die Institutionen« bekommt den ­Achtundsechziger-Idealen nicht, also müssen sie ­verschwinden – möglichst ohne dass es jemand bemerkt

DER TURNSCHUHMINISTER

Der resignierte Revoluzzer wird zum grünen Muster-­Realo – von der ersten SPD-Grünen-Koalition auf ­Landesebene zur ersten im Bund

DER UNGELIEBTE OSTEN

Fischers Gesellschaftssystem: Kapitalismus – ja bitte. Petra Kelly auf dem Alexanderplatz. Die »Grundtorheit des Jahrhunderts« als ideologischer Eckpfeiler der Grünen

OBERSPONTI MIT GEHEIMKONZEPT

Keine Verschwörungstheorie: Joschka Fischer und seine Freunde von den Neuen Philosophen weisen der Linken einen Ausweg, der in den Angriffskrieg führt

FISCHERS SÜNDENFALL

Sozialdemokratie und Grüne als Protagonisten von Krieg und Hartz IV. Auch die ehemaligen DDR-»Bürgerrechtler« und nunmehrigen Parlamentarier von »Bündnis 90/Die ­Grünen« stimmen fürs Bomben

DER UNTOTE

Graue Eminenz und Lobbyist. Fischer als weltreisender Unternehmensberater, hochdotierter Referent und Jünger von Madeleine Albright

ANGEKLAGTER IN SPE?

Schröder und Fischer mussten bisher nicht in Den Haag ­erscheinen. Vom Versagen des Internationalen ­Straf­gerichtshofs – wie auch der deutschen Justiz

JOSCHKA UND DAS ENDE DER WELT

Die Epoche, in der wir leben, liegt im Schatten des ­Untergangs. Wie die Apokalypse verhindert werden kann

Dank

Literaturverzeichnis

Vorwort

My Generation. Warum es sich lohnt, einen »Nachruf« auf Joschka Fischer vor der Zeit zu verfassen

Die ganze Sache wäre anders gelaufen, hätten die im Sitten­gemälde »My Generation« Verewigten den Titel wirklich gelebt, hätten das Bekenntnis des The-Who-Gitarristen Pete Townshend, stotternd vorgetragen von Sänger Roger ­Daltrey, so ernst genommen, wie es vielleicht sogar gemeint war: »I hope I die/Before I get old.« Zu sterben vor dem Altwerden – ein eindeutiger, offensiver Anspruch. Neil Young würde ihn später etwas anders formulieren und damit millionenfach unerfüllte Biografien seiner Generation enttarnen, mahnend: besser ausbrennen als verrosten.

Joseph Martin »Joschka« Fischer, um den es geht in diesem »Nachruf«, Jahrgang 1948, lebt immer noch. Wie auch Daltrey und Townshend noch leben – ob eingerostet oder nicht. Mit ihnen und durch sie änderten sich zwar die Verhältnisse, allerdings anders als angenommen. Ihre Geschichte erzählt von einer Generation, die aufbrach und irgendwo ankam, wo sie nicht hatte ankommen wollen. Insofern handelt sie auch von Fischer, dem »erste(n) Superstar der Berliner Republik«2 – was indes niemandem so recht bewusst sein dürfte angesichts der vielen Brüche in dessen Leben. Fischer, das unbekannte öffentliche Wesen, ist mehr Schein denn Sein.

Die Ergebnisse seines Schaffens allerdings sprechen für sich, und kaum jemand von den ehemaligen Umbrüchlern, Aufrührern, Nonkonformisten, Kriegsgegnern, Beatniks, Unsteten, Gammlern, Langhaarigen, Kurzröckigen, Hippies, Denkern, Kiffern, Antifas hätte sich einst vorstellen können, dass einige unter ihnen zwei bis drei Jahrzehnte später verantwortlich zeichnen würden für den großen Epochenbruch – nein, nicht wie geplant zur Revolution, sondern zurück in die Richtung, aus der die Eltern gekommen waren; und dass diese dann gar den schrecklichen »Meister aus Deutschland« (Paul Celan) neu entdecken würden, nunmehr neu eingekleidet in ein grün-rotes Gewand mit aufgedrucktem Anti-Atom-­Signum, Zeige- und Mittelfinger gespreizt, mit einem »Peace, friends« auf den Lippen freundlich grüßend, ja, lächelnd.

Joschka Fischer, einer von ihnen, ein bekennender »Nicht-Pazifist«3 und »katholischer Atheist«4, tat sich dabei besonders hervor. Dafür, dass er sich gegen Milošević des historisch vollends abwegigen Vergleichs mit dem Holocaust bediente, erntete er Kopfschütteln wie Hilflosigkeit – als seitenverkehrender Verdränger deutscher Vergangenheit. Der einstige Achtundsechziger machte sich jenes geschichts­kritische Image zunutze, das seine Generation zu Recht zierte und – sonderbarerweise? – auch ihn selbst. Antifaschismus als Begründung für einen Krieg: ein Denkkonstrukt, das Unwohlsein hervorrief. Es passte nicht nur nicht, es zeugte zudem von einer besonderen Abgebrühtheit seines Erfinders und ließ Rückschlüsse auf dessen Charakter zu.

Was in Fischers Kopf vorgegangen sein mag, ist allerdings weniger von Bedeutung und dient kaum der Wahrheits­findung. So möge es gegebenenfalls Fachleuten der Psycho­analyse überlassen bleiben, sich mit der geistig-­charakterlichen Verfasstheit des Mannes zu beschäftigen, herauszufinden, ob er schon immer ein Krieger war oder, wenn nicht, was ihn später zum Opportunisten machte. Ist er jemand, dem »zeit seines Lebens nur an Aufstieg und Karriere gelegen« war, »ein Mann ohne Skrupel und ohne wirkliche Überzeugungen«, ein Politiker mit »ungeheurer Anpassungsfähigkeit«, »vor dem uns die Spontis immer gewarnt haben«?5 So zumindest fassen die Fischer-Biografen Matthias Geis und Bernd Ulrich ihre »Gegenerzählung« zur Person Fischer zusammen. Oder taugt er doch zum »neuen Helden«, ist er ein »Visionär, Europäer, Egoist, Marathonläufer, Machtmensch, ein deutscher Golem, ein deutscher Revolutionär«?6

Stützen könnten sich »Hobby-Freuds« (Wolf Maahn) und Traumdeuter jedenfalls auf viel Bekanntes aus Fischers ­Werden und Wachsen, auf persönliche Umbrüche, Irrationales oder gar Logisches. Trotzdem dürften angesichts des so irrsinnig wie widersprüchlich erscheinenden Wandels des Protagonisten viele Fragen offenbleiben. Die Entwicklung vom geschulten Straßenkämpfer und Sponti-Agitator zum grünen Superminister und Liebling nicht nur von Teilen sogar des Establishments lässt sich schwer fassen und wird wohl immer dubios bleiben.

Fischer überraschte oft mit neuen Rätseln, indem er unterschiedliche Interpretationen seiner selbst servierte. Sollte er eines Tages seine Autobiografie vorlegen, müsste ihr mit großem Misstrauen begegnet werden – die »Memoiren« zu einigen Stationen seines Lebens gibt es ja bereits, etwas zu seiner Askese-Phase als Dauerläufer und den rot-grünen ­Regierungen. Sie deuten die Richtung an.

Letztlich empfiehlt es sich ohnehin, Tatsachen sprechen zu lassen. Sie ermöglichen zu verstehen, was Joschka Fischer in die Wiege gelegt war und wie er zu dem wurde, was er ist. Eine solche Betrachtung könnte in einem Satz zusammenlaufen, den Helmut Kohl ihm 1998 spöttisch entgegenhielt: »Alles, was Sie mal geschworen haben, haben Sie doch in den Rhein geworfen!«7 Zu befürchten bleibt indes, dass die FAZ richtig liegt: »Er war schon immer der, der er wurde«8, überschrieb die Zeitung einen Artikel zum pensionierten Papst Benedictus alias Joseph Ratzinger und dessen vorgebliches »Scheidejahr« 1968, worin er vom Liberalen zum Konservativen geworden sei. Die Überschrift könnte auch eine Fischer-Biografie schmücken.

Vielleicht hatte in Fischers Überlegungen ja bereits seit längerem ein Masterplan Konturen angenommen, wie er tatsächlich groß herauskommen könne – als Revolutionär zunächst, als gescheiterter Revolutionär dann, der sich das Fell wäscht, ohne nass zu werden, in die Berufspolitik einsteigt und aufsteigt, seine Partei regierungsfähig macht, ­indem er das gestern Verkündete entsorgt. Längst haben »die einstigen Radikalen sich mit dem System und das System sich mit ihnen« versöhnt9, was zu einer Gesellschaft führte, in der Sozial­darwinismus zum Maß aller Dinge geworden ist. Oder: in der Menschheitsideale wie Freiheit von Ausbeutung, Unter­drückung und Hunger, wie Frieden und bedingungslose Solidarität bestenfalls belächelt werden.

Fischer macht weiter sein Ding, tätigt mit Unterstützung seiner Freunde oder durch Madeleine Albright erfolgreich Geschäfte und sendet dann und wann politische Signale. Seit seinem offiziellen Abtritt von der großen Bühne 2005/06 hat er eine Rolle als Dahingeschiedener, dessen äußere Gestalt weiter unter uns weilt, wunderbar ausgefüllt: ein Untoter der deutschen Politik.

Mittlerweile grauhaarig und hutzelig wirkend, übt er anhaltend Einfluss nicht nur auf die Grünen aus: Obwohl – so traurig es für Menschen mit Illusionen sein mag – die auch ohne ihn machen, was er will. Er braucht die Partei nicht mehr, sie ihn ebenso wenig, es sei denn als Elder Statesman mit dem Charisma eines Poltergeistes. Als Aushängeschild wie der Leningrad-Belagerer Helmut »Schmidt Schnauze« oder der »Genosse der Bosse« Gerhard Schröder einst für die Sozialdemokratie.

Trotzdem sollte niemand das Gewicht unterschätzen, das sein Wort noch besitzt und damit Anlass genug ist, einiges hinzurücken für die Zukunft, für kommende Generationen, die für ein neues 68 auf höherem Niveau zuständig sein werden und zwingend die Fehler des alten vermeiden müssen.

Es mutet verwegen an, einen Nachruf auf jemanden zu schreiben, der nicht das Zeitliche gesegnet hat. Der Grund hierfür allerdings dürfte einleuchten. Für den Fall seines tatsächlichen Todes besteht die akute Gefahr, dass ihm, wie zu Bismarcks Zeiten, ein Denkmal gesetzt wird. Das könnte wirklich passieren, obwohl »jeder Vollidiot weiß« (Judith ­Holofernes), dass Lobhudelei und Götzenverehrung doch nur den jeweiligen, folglich vergänglichen Zustand einer Gesellschaft widerspiegeln.

2 Fischer über Fischer (Der ­Spiegel, 21. Mai 2011.)

3 »Ich war nie ein Pazifist« (Schwelien, S. 150).

4 Geis/Ulrich, S. 21.

5 ebd., S. 9.

6 Der Spiegel, 7. Mai 2011.

7 Schwelien, S. 159.

8 FAZ v. 28. Mai 2020.

9 Geis/Ulrich, S. 251.

DAUERLAUF IN DEN KRIEG

Mit Fischer beim Hamburg-Marathon und auf dem Schicksalsparteitag der Grünen. Beobachtungen an den Strecken

Es ist Sonntag, der 19. April 1998. Ein klarer, freundlicher, sonniger Frühlingsvormittag in Hamburg. Die Marathonsaison beginnt. Mit überwältigender Beteiligung, ein neuer Rekord, wie häufig in Zeiten der noch recht jungen Joggingbewegung, durch die die Streetfighter von einst immerhin auf der Straße aktiv bleiben, wenn auch nur als Roadrunner. Ihr neues, nicht mehr ganz junges Idol Joschka Fischer traut sich erstmals in seinem 49-jährigen Leben an die 42,195 Kilometer heran.

Als ihn fast zwei Jahre zuvor seine dritte Ehefrau während des traditionell üppigen, an Speis und Trank nie knappen Toskana-­Urlaubs verlassen hatte, weil sie sich »nach Kindern und einem normalen Familienleben sehnte« und er »ihr das nicht bieten wollte«10, wie Fischer-Biografin Sibylle Krause-Burger berichtet, war der Schock so stark, dass er von einem Tag auf den anderen – er würde sagen: von einer Sekunde auf die nächste – Schluss mit »Fress- und Sauforgien«11, mit »rauschende(n) Abendgelage(n)«12 machte, Fischer selbst nennt das »Völlerei«.13

Und der Dicke läuft und läuft, wie einst der Käfer, und nimmt ab und nimmt ab und rennt beim Bundestag in Bonn am Rhein von Brücke zu Brücke und reist mit Sporttasche im Gepäck durch den 1998er Bundestagswahlkampf, ein mürrisches Energiebündel von inzwischen nur noch 75 Kilo, sein Kampfgewicht von viel früher. Fit wie’n Turnschuh, nennt das der Volksmund, und die Menschen säumen zu Zehntausenden die Rennstrecke der Hansestadt und ahnen nichts von dem, was gut ein Jahr später in Bielefeld geschehen wird.

Wir haben Donnerstag, den 13. Mai 1999. Himmelfahrt in Ostwestfalen, ein Tag zum Gruseln nicht unbedingt ­wegen des miesen Wetters. Ostern ist ein paar Wochen her, das höchste serbisch-orthodoxe Kirchenfest. »Für Christen kann es keine Unterbrechung zu Ostern geben, während das Töten von Muslimen weitergeht«14, hatte Fischer am 30. März gegenüber US-Außenministerin Madeleine Albright in einem Telefongespräch erklärt und einen Waffenstillstand abgelehnt. Zehn Jahre hindurch habe Slobodan Milošević agiert »wie die Nazis in den 1930ern«, so der »Führer der Grünen Partei seines Landes« in der Wiedergabe Albrights. »Ein engagierter Pazifist« und »moderner Deutscher, der die Lehren der Geschichte ernst nimmt«.15

Also liegt Belgrad weiter unter Beschuss wie vor tausend Jahren. Jugoslawien wird kaputtgebombt, Züge und Brücken werden zerstört, und Milošević bekommt die Schuld. Der moderne Deutsche erzählt Albright seine Story von der Geschichte, und sie zitiert ihn freudig erregt ob all der Absolution für den Angriffskrieg gegen einen Schurken aus den Reihen der jugoslawischen Ex-Kommunisten: »Erst sprengte er Jugoslawien. Dann Kroatien. Dann Bosnien, und jetzt Kosovo. Wie viele Leute hat er getötet? Für wie viele Vergewaltigungen und Flüchtlinge ist er verantwortlich?«16 Fast will es scheinen, als sei Albrights unverrückbarer Wille, Milošević militärisch eine Lektion zu erteilen, dem Einflüsterer Fischer geschuldet.

Das Zastava-Automobilwerk in Kragujevac liegt in Trümmern – in der von der deutschen Wehrmacht besetzten heutigen Partnerstadt von Ingolstadt hatte die Waffen-SS-Division »Prinz Eugen« am 21. Oktober 1941 mehr als 2300 Menschen – Kinder, Frauen und Männer – erschossen. Und jetzt hinterlassen die NATO-Geschosse ungezählte Leichen und eine Wüste aus Stahlträgern und Beton. In Niš wird der Markt angegriffen, als »Kollateralschäden« liegen Dutzende Tote und Verletzte auf dem Platz zwischen Universität, osmanischen Festungsanlagen und dem Fluss Nišava. Milošević wird bestraft, elf Wochen lang rollt Angriffswelle auf Angriffswelle, und die pazifistischen Grünen sitzen im Geiste an Bord der Bundeswehr-»Tornados«.

An diesem Maitag wird die Bielefelder Seidenstickerhalle von unzähligen Kriegsgegnern belagert und blockiert. 1500 Bereitschaftspolizisten wurden von der Stadt abgestellt, drinnen brennt die Luft, eine Palisade aus Bodyguards hat sich zwischen Fischer und die Delegierten geschoben. Trotzdem wird er von einem Farbbeutel getroffen und bald darauf mit angerissenem Trommelfell und gewohnt barscher Bärbeißigkeit ein von Drohungen und düsteren Prophezeiungen durchzogenes Plädoyer für die Fortsetzung der »Operation Allied Force« (Operation Bündnisstreitmacht) halten.

»Wollt ihr mich oder eure Träume«17, hatte er schon vorher ultimativ gefragt, spielte sich und sein Image gegen grüne Ideale von Gewaltlosigkeit und Frieden aus, als wäre ausgerechnet er, der außer Rand und Band geratene Außenminister, eine Alternative zu irgendetwas von Substanz. Nun greift er tief in die Trickkiste und zieht blank. Er spiele mit dem ­Gedanken, die Grünen zu verlassen, lanciert sein Vertrauter Daniel Cohn-Bendit am Rande des Kongresses ein Gerücht, mit dem wohl gleichfalls Druck aufgebaut werden soll. ­Manche Delegierte fürchten um die Partei, die ohne Fischer zerfiele, sagen sie und meinen wahrscheinlich eher ihre Jobs im rot-grünen Regierungskontext. Muss ja ein toller Hecht sein, der Fischer, dass er sich selbst zur absoluten Parteiikone erheben kann, denkt derweil der Außenstehende.

Der Marathonmann hält auf Asphalt und Teer wie auch schließlich am Rednerpult aus Holz oder Plastik durch. »Das wirkliche Geheimnis meines Erfolges war das Auswechseln und völlige Neuschreiben meiner persönlichen Programmdiskette«18, berichtet er und meint mit »Erfolg« die Gewichtsreduzierung. Seine äußere Erscheinung hat sich der eines »dünnen Herings« anverwandelt, wie Marius Müller-Westernhagen das Toskana-Wunder genannt haben könnte, woran weniger der Heilige Geist als vielmehr der Wille entscheidende Anteile hat. Und hinter dem wiederum verbirgt sich ein unbedingtes Karrierestreben, aufzusteigen in höchste Höhen des Politbetriebs.

Das zieht der durch, so der Eindruck, koste es, was es wolle. Fischer und seine Mitregierenden lassen die Luftwaffe fliegen. Und wenn ihm dabei die Partei nicht mehr folgen sollte, würde er der Partei nicht folgen. Doch die Mehrheit folgt ihm, und die Grünen haben ihre historische »Schlacht um den Pazifismus«19 verloren, dauerhaft, wie sich herausstellen wird. Ihre Verwandlung in eine erpressbare, autoritäre Partei des Krieges ist vollzogen. Vielleicht kennt Fischer den Song der Disco-Gruppe En Vogue: »Free your mind/And the rest will follow.«

Und wir, die wir am Hamburger Dammtor und an der Elbchaussee und an den Landungsbrücken den Mann vorbeihasten sahen und ein Jahr später auf dem Rathausmarkt in einem Akt der Verzweiflung hilflos protestierend ein letztes naives Mal Friedenstauben aufsteigen ließen? Und Schreikrämpfe bekamen, als irgendein verirrter restgrüner Kund­gebungsredner immer noch von seiner Partei als »Alternative« sprach, inzwischen als »Dissident«, als Dino-Werber für das Trotz-alledem-Gute, als – Trottel?

Es mag schwerfallen, das zuzugeben: Wir waren die Verlierer. Wahrscheinlich schon länger. Fischer hatte das bereits Ende der Siebziger erkannt, und auch wir hätten es merken können. Spätestens aber, seit 1993 der junge Popmusikant Beck Hansen aus der ersten Nach-Achtundsechziger-Generation über sich und für uns und die Millionen anderen, die verloren hatten, verkündete, dass auch er ein »loser« sei, ein vor seinem Tod Altgewordener, und fragte: »so why don’t you kill me?«, da wurde langsam klar, dass »my generation« sich – wir uns – die Niederlage eingestehen sollte.

Wie fast überall, wo Fischer und seine Freunde mitliefen, an der Startbahn 19 West, bei den Hanauer Plutoniumfabriken, beim Protest gegen Atomraketen, in besetzten Häusern, nach Tschernobyl und vor Fukushima, in Sachen Hartz IV und Rentenalter – wir waren am Ende die Dummen. Und als er schließlich zu Jugoslawien seine unsäglichen Auschwitz-Analogien vom Stapel ließ, durch die er die Völkermorde der Vätergeneration relativierte, um mit seinen Turnschuhen in die Abdrücke von deren Knobelbechern zu passen, guckten wir empört, aber hilflos aus der Wäsche. »Der Traum ist aus« (Rio Reiser). »68«, das legendäre, war eine Eintagsfliege und blieb es. »Bis hierhin«, wie Friedrich Küppersbusch früher immer im Fernsehen sagte.

Nur einer kam durch: Fischer will groß herauskommen – frisch, grimmig, launisch, eifersüchtig, ehrgeizzerfressen, aber doch irgendwie cool, oder? Ein Model mit Idealmaßen, angetrieben vom Modetrend einer Yuppie-Ästhetik der Äußerlichkeit, Hedonist der unfreien Entscheidung, der schon immer von sich meinte, er müsse im Mittelpunkt stehen – und sei es bloß wegen seines Aussehens, damals mit Bart, ­langen Haaren, entschlossenem Blick, Fluppe im Mund­winkel wie Jean-Paul Belmondo in »Außer Atem«; in­zwischen als Schlipsträger mit dem siegellosen Herrenring seines Vaters am Finger und am Ziel seiner Wünsche. Er hat es geschafft.

Dafür gibt er 1999 den Irren mit den Bomben – täte er es nicht, wäre alles vorbei, schließlich sitzen ihm Albright mit der allumfassenden Supermachtpower und sein burschikos-dreister Kompagnon Gerhard Schröder im Nacken. Er muss sich entscheiden, und die Drei rufen nun im Chor: Serbien muss sterbien, wie es einst der Habsburger Kaiser tat, konsequent, beinhart, kompromisslos. Fischer ist inzwischen deutlich heraushörbar.

Jetzt rennen die Dauerläufer vorbei am US-Generalkonsulat, weiße Monster-Villa an der Außenalster. An Fischers Seite inmitten eines Pulks von Sportlern und sportlichen Journalisten: Herbert Steffny, Startnummer 51, eines der Marathon-Asse Westdeutschlands. Der wie neugeboren scheinende Fischer hat keine Angst vor großen Sportlernamen. Er ist schon mit Waldemar Cierpinski unterwegs gewesen, Doppel­olympiasieger für die DDR, Montreal 1976, Moskau 1980. »Liebe Väter oder angehende, haben Sie Mut, nennen Sie Ihre Neuankömmlinge des heutigen Tages ruhig Waldemar!«, hatte Reporter Heinz Florian Oertel in seinem Fernsehkommentar euphorisiert deklamiert, Waldemar, eine Legende, der Oertel-Spruch eine Legende. Joschka fragt Waldemar nach dem Wichtigsten beim Marathon und erhält als Antwort: »Disziplin.« Das merkt er sich.

In Hamburg trägt der Politiker neuen Typs ein rosa Höschen und die Nummer 50. Er befindet sich auf dem »langen Lauf zu (sich) selbst«, einer medienträchtig zelebrierten Suche nach einem anderen Outfit, das den Eindruck von bevorstehenden Umwälzungen signalisieren möge. Alle Augen suchen Joschka, den durchgeknallten Neu-Asketen, den Zähen, der zum Entdecker des Körperkults mutierte, ein knapper Fünfziger mit Ehrgeiz, im Privaten wie in der Politik.

In seiner Sportkarriere bringt er es zunächst als Jugendlicher für »Stuttgardia Stuttgart« zum Landesmeister über 50 Kilometer beim Vierer-Mannschaftsradfahren auf der Straße, später im Fußball gibt er den zähen Verteidiger, erst in der Sponti-Elf zu Frankfurt, die berüchtigt war wegen ­ihrer Rustikalmentalität, dann in einem Bundestagsteam, das ob seiner Betulichkeit eher belächelt wird. Doch zuletzt war er nicht mehr »hübsch anzuschauen«, ein »schweratmendes Fass auf zwei Beinen«, wie er schreibt.20 Da »war mein Aktions­radius schließlich auf die Größe eines Bierdeckels geschrumpft, und das war eine bittere Erkenntnis für mich, von der optischen Erscheinung ganz zu schweigen! Das Bild eines balltretenden Fasses, das ich damals abgab, lässt mich heute noch zart erröten«21, flötet er in Otto-Manier.

Als Grund für die Fresserei erkennt er: zu viel Stress. Den aber nicht etwa wegen eines programmatischen Zickzackkurses oder wegen des Zweifels an eigenen Entscheidungen oder denen der Grünen auf dem Weg von der Antiparteipartei zur normalkapitalistischen Systemkraft mit unverbrauchter Frische als spezieller Duftnote. Nein, es geht um die üblichen Ärgernisse eines Politikeralltags.

Bereits als Minister in Hessen, Mitglied der ersten rot-grünen Koalition »weltweit« (1985–1987), wie er häufig anklingen lässt, hatte Fischer (Lieblingsgericht: »Nierchen im Schweinenetz gebacken«) ein oder zwei (oder zu viele?) Gläschen vom edlen Bordeaux »Petrus« im Restaurant »Gargantua« seines einstmaligen Mitstreiters aus dem »Revolutionären Kampf« Klaus Trebes verzehrt und schnell Speck angesetzt. »Und so begann ich zu futtern und zu mampfen und legte mir für ­Körper und Seele im wahrsten Sinne des Wortes einen regelrechten Panzer in Gestalt eines sich immer mächtiger wölbenden Bauches zu.« Er musste also sein »Leben ändern, denn die 112kg – bei 181cm Körpergröße und 48 Jahren Lebensalter – waren nur der sichtbare Ausdruck einer allgemeinen persönlichen Krise«.22 Ab dann hieß sein Favoritenwort »Neuprogrammierung«. Offensichtlich ging ihm seine Fettleibigkeit sehr zu Herzen.

In Hamburg zumindest gab er den muskulösen Stuntman, wenn auch schon nach einigen Kilometern mit schweiß­nassen Haaren und leicht verbissen wirkend, im Sinn wohl: Bloß nicht viel quatschen mit dem Reporter, den Bild geschickt hat – als Chronisten, vielleicht in der schlagzeilen­frohen Hoffnung, Fischer würde schlappmachen wie seinerzeit James »Jimmy« Carter. Der erschöpfte US-Präsident brach 1979 bei einem Sechs-Meilen-Lauf zusammen, ein Jahr später boykottierte er Olympia in Moskau »wegen Afgha­­nistan«. Eigen­artig, haben doch er selbst und seine saudischen Verbündeten die feudalistischen Warlords und den späteren Newcomer-Dschihadisten Osama bin Laden ausgerüstet – und nicht etwa die Sowjets.

Aber Fischer, der Sprössling einer Metzgerdynastie, wird im Gegensatz zum Erdnussfarmer durchhalten, fast zwei Jahrzehnte und eine Zeitenwende danach, 3:41,36 Stunden seine Laufzeit in der Hansestadt, beachtlich für ein schwerknochiges Mittelgewicht. Zehn Monate noch bis Jugoslawien, dem grünen Sündenfall, der Programmatik werden wird und die Achtundsechziger unter sich begräbt, wie es 1982ff ­Helmut Kohls geistig-moralische Wende und selbst der DDR-­Anschluss ans Kapital nicht vermocht hatten.

Kaum fassbar das alles. Die Konturen eines zukünftigen Kriegsverbrechers lassen sich in Hamburg nicht wirklich assoziieren. Obwohl, ein harter Hund, der Joschka. Den Marathon zieht er durch und den Krieg auch und die Agenda 2010, ja, auch was den Sozialabbau betrifft, geben sich die Grünen als Vorreiter. Ingrid Matthäus-Maier, Ex-FDP, 1998 für die SPD Koalitionsverhandlerin, kommentiert süffisant: »Das ist ja sehr schön, dass die Grünen uns rechts überholen wollen.«

Höchstverdienende zahlen statt 53 noch 48,5 Prozent Steuern. Christine Scheel: »Meine Partei hätte den Spitzensteuersatz gern noch mehr gesenkt.«23 Die grüne Finanz­expertin lobt außerdem die Verwässerung des Kündigungsschutzes. Andrea Fischer, nicht verwandt oder verschwägert mit dem Außenminister, erst Trotzkistin, später Gesundheitsministerin, verlangt ein »soziale[s] Jahr für Rentner«.24 Fritz Kuhn, Vorsitzender in spe und später Stuttgarter Oberbürgermeister (2013–2020), steht in einem Grundsatzpapier der Fraktion für eine weitere Senkung auf »47, besser 45« Prozent ein – Rot-Grün geht 2003 auf 47, 2005 auf 45. Heute liegt der Satz bei 42.

Die Grünen fungieren unter Fischer als Avantgarde der Bereicherung einiger weniger auf Kosten der Mehrheit. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich weiter. Derweil die Suppenküchen wie Pilze aus dem Boden schießen, liegen immer mehr Obdachlose auf der Straße, durchwühlen Abfalleimer, sammeln Flaschen und betteln, wenn sie noch dazu in der Lage sind.

Doch irgendwann wird abgerechnet werden. Das muss ja nicht gleich vor der Geschichte sein. Die hat ihr Urteil ohnehin längst gesprochen, wenn auch noch nicht gerichtsnotorisch. Für Joschka Fischer wäre eigentlich der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag zuständig. Doch dazu später mehr.

Eher beunruhigend, weil lapidar, scheint die Frage, ob der Dauerläufer, als er ähnlich seinen Vorgenerationen in den Krieg zog, lediglich wie viele andere zum Opportunismus Neigende seine Meinung gewechselt hatte wie das Hemd. Vielleicht um einen Platz erster Klasse im Luftwaffen-Airbus »Konrad Adenauer« zu ergattern? Er selbst bekannte, als er die für ihn reservierte Schlafkabine betrat: »Ich wollte mein Leben schon immer wie einen Roman leben.«25 Ein bisschen Luxus, ein wenig mehr an Reputation – konnte das, was mit Fischer geschehen war, tatsächlich dermaßen banal begründbar sein?

10 Krause-Burger, S. 13.

11 Schwelien, S. 170.

12 ebd., S. 231.

13 Fischer: Mein langer Lauf zu mir selbst, S. 43.

14 »There can be no pause for Christians at Easter while the ­killings of Muslims continues.« (Albright, S. 410).

15 ebd., S. 409.

16 »For ten years Milosevic has been acting like the Nazis in the 1930s. First he blew up Yugoslavia, then Croatia, then Bosnia, and now Kosovo. How many people has he killed? How many rapes and refugees is he responsible for?« (ebd., S. 410).

17 Der Spiegel 19/1999.

18 Fischer: Mein langer Lauf zu mir selbst, S. 75; siehe auch: Schwelien, S. 281.

19 Der Spiegel 20/1999.

20 Fischer: Mein langer Lauf zu mir selbst, S. 22.

21 ebd., S. 28.

22 ebd., S. 17.

23 FAS v. 18. Oktober 1998.

24 DIE ZEIT 30/1996.

25 Schwelien, S. 20.

DIE ACHTUNDSECHZIGER

Wie der junge Joschka, Jahrgang 1948, und eine ganze Generation flügge wurden mit den nach Veränderung dürstenden Zeiten

»Diese Rezepte (der Achtundsechziger – G.S.) sind unserer Zeit nicht mehr angemessen, ganz einfach, weil die Leute, die in den 60ern protestierten, heute die Leute sind, die ­dieses Land führen. Da wir die neue Mehrheit in diesem Land sind, warum sollten wir denn ­protestieren? Warum sollten wir auf die Straße gehen, wenn wir einen Präsidenten wählen können, der so denkt wie wir, und wir somit über die Zukunft Amerikas entscheiden können.«

Jerry Rubin, Anti-Vietnamkriegs-­Aktivist, 1985 im Interview mit ­Daniel Cohn-Bendit für dessen Buch »Wir haben sie so geliebt, die Revolution«26

Weniger die Zeit, vielmehr der Wechsel auf die andere, die Gewinnerseite der Barrikade heilt Wunden. Doch der Genesungsprozess kann dauern und ist von Rückschlägen nicht frei.

Zunächst war die Aufregung groß, als im Januar 2001 stern und dann auch SPIEGEL in Titelstorys jene Fotos veröffentlichten, die der FAZ-Bildjournalist Lutz Kleinhans 1973 geschossen hatte. Sie zeigen den späteren Außenminister in jungen Jahren als kraftvoll zuschlagenden »Politrocker«, der den Polizisten Rainer Marx in die Mangel nimmt. »Hat der grüne Spitzenpolitiker in seinen wilden Frankfurter Jahren nur agitiert, geprügelt und Steine geworfen – oder war da mehr?«27, fragt DER SPIEGEL besorgt. Wackelt der Stuhl des beliebtesten deutschen Politikers? Die Frage könnte sich stellen, normalerweise, und Fischer wirkt in den folgenden ­Monaten auch reichlich mitgenommen.

Allerdings hat Peter Boenisch, Chefredakteur von Springers Bild, längst Entwarnung gegeben. Zwar sei Fischer dabei gewesen, als die APO (Außerparlamentarische Opposition) 1968 nach der Mordattacke auf Rudi Dutschke an verschiedenen Druckorten die Auslieferung der Bild-Zeitung verhindern wollte. »Fischer war, wie er war«, kommentierte Boenisch diese Vergangenheit. »Und er ist, wie er ist. Heute entscheiden allein seine diplomatischen Ergebnisse und nicht die Bilder aus einer beiderseits gewalttätigen und hasserfüllten Vergangenheit. Und ich weiß, worüber ich rede. Bild und ich standen in jener Zeit auf der anderen Seite der Barrikade«.28 Auf die wechselte Fischer nicht erst mit dem Jugoslawien-Krieg – und traf dann dort auf ­Boenisch, auf stern, SPIEGEL und die ­anderen Großmedien.

Selbst jener zwar helmgeschützte, doch gleichwohl durch, wie es scheint, massive Schläge Fischers auf den Hinter­kopf lädierte Polizist Marx zeigte sich gnädig. Der damals Zwanzigjährige schloss sich Boenisch so nachsichtig wie abgewogen an, als wären die Straßenkämpfe eine große Gaudi gewesen, vielleicht so eine Art Abenteuerspielplatz oder Kasperletheater: »Es bekommt ja nicht jeder eins vom Außenminister über die Mütze.« So nett formuliert es Herr Marx, der für seinen Namen nichts kann, aber sanft zu bedenken gibt: eine Entschuldigung durch Fischer wäre schon »nicht das Schlechteste«, könne sie doch zeigen, dass der Politiker »Rückgrat besitzt«.29

Jeder habe eben »so seine Jugendsünden«, fügte er hinzu, ließ Gnade vor Recht ergehen und Fünfe grade sein: »Was er so in der Politik geleistet hat, da sollte man ihm schon verzeihen.« Indem Fischer sorry sagt, zeigt er also »Rückgrat«.30 Danach spricht kaum noch wer, die ewigen Stammtischler und ihre Stichwortgeber ausgenommen, über Fischers »Jugendsünden«. Der nimmt das polizeiliche Lob für die Real­politik der Grünen huldvoll entgegen. Vielleicht ist der Polizist Marx ja insgeheim im Kopf ein Grüner von der Achtundsechziger-Nachrücker-Generation …