Tief gefallen... ...ins Glück - Andreas Pammer - E-Book

Tief gefallen... ...ins Glück E-Book

Andreas Pammer

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Beschreibung

Depression – Querschnittlähmung – Chronischer Schmerz ! ! ! Als würde nicht eine dieser elementaren Krankheitsbilder mehr als genügen, war ich dazu genötigt, alle drei tiefen Täler zu durchwandern. Mein Buch schildert in den ersten Kapiteln die dunkelsten Seiten meines Lebens: Beinahe erdrückt von schlimmsten Ereignissen, Schlaflosigkeit und grausamer Depression, wache ich nach mehreren Tagen auf einer Intensivstation aus dem künstlichen Tiefschlaf auf. Mit schwersten Verletzungen! Was war mit mir geschehen? Wollte ich mir denn tatsächlich das Leben nehmen? Nach diesem absoluten Tiefschlag, dem Todeskampf, nach monatelanger Reha inklusive düsteren Prognosen und vielen Rückschlägen, schaffte ich schließlich den entscheidenden Wendepunkt in meinem Kopf und stehe heute zufriedener, gelassener und dankbarer, ja glücklicher im Leben als je zuvor. Dieses Buch beschreibt mein "posttraumatisches Wachstum", stellt auch einen Teil meiner Therapie dar – und will zugleich die Leser dazu motivieren, NIE die Hoffnung zu verlieren. Obwohl ursprünglich nicht als Ratgeber gedacht, kann dieses Buch durchaus eine Hilfestellung und ein Mutmacher in schwierigen Lebenslagen sein. Es gibt einen Einblick in das Leben und den Umgang mit einer körperlichen Behinderung. Neben der Biographie meines bisherigen Werdegangs, mit den persönlichen Tief- und Höhepunkten, befasst sich mein Buch mit den Themen Depression, Glück, Positives Denken und gibt Ansätze, um die eigene Lebensphilosophie zu ergründen. Spannend, berührend, zugleich auch interessant und lehrreich richtet es sich an Menschen, die ähnliche schwierige Epochen in ihren Leben auszustehen haben.

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Seitenzahl: 607

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Andreas Pammer

Tief gefallen... ...ins Glück

Wer den Regenbogen liebt, wird auch den Regen schätzen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Abstieg

Rettungsanker Nervenklinik?

Psychospielchen – Reisen in die Vergangenheit und in die Zukunft

Angst – Todesangst

Erwachen

Kampf gegen den Tod

Eine erste Bilanz – collateral damage

Wiedersehen

Drei Versionen – Illusion/Tatsache/Unwahrheit

Querschnittlähmung

Therapie – los geht’s

Hiobsbotschaften versus Glücksmomente­

Erstmals wieder auf den Beinen

Leidensgefährten, Freunde, Schicksalsschläge

Revueblick - Unfallhergang

Rückkehr an die Unfallstelle

Behindert

Gipfelsieg

Kurswechsel - Positives Denken als Ausweg?

Depression ist keine Schande

Ad 1: Sich mit anderen vergleichen

Ad 2: Vorurteile / Verurteilen / Misstrauen / Richten

Ad 3: Pessimistisches Denken

Ad 4: Opferrolle einnehmen/Immer anderen die Schuld geben

Ad 5: Humorlosigkeit

Ad 6: Neid / Missgunst / Eifersucht

Ad 7: Übertriebener Perfektionismus

Ad 8: Nicht Verzeihen / Nicht Vergeben / Nicht Versöhnen können

Ad 9: Vereinsamung / Sich vom sozialen Umfeld isolieren

Ad 10: Keine Dankbarkeit und Wertschätzung / Respektlosigkeit

Ad 11: Ängstlichkeit / Angst (versus Gelassenheit)

Ad 12: Vernachlässigte Selbstliebe / Egoismus versus Narzissmus (Selbstverliebtheit)

Ad 13: Veränderungen ablehnen

Meine persönliche Lebensphilosophie

Das Glück aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet

Glück ist Realität minus Erwartung

Heilmittel Gelassenheit

„Scheiß drauf – eh wurscht – is halt so…!“

Die eigene Vergänglichkeit

Das ewige Streben nach Mehr

SCS – Spinal Cord Stimulation

Hüter der Demut

Impressum neobooks

Abstieg

Text: © Copyright by Andreas PammerUmschlaggestaltung: © Copyright by Andreas Pammer

Verlag:   Andreas Pammer

Raiffeisenweg 33

4203 Altenberg

[email protected]:   epubli ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Tief gefallen …

… ins Glück

„Du brauchst einen Menschen, der dich respektiert, akzeptiert und liebt.

Du kannst diesen Menschen finden und kennenlernen.

Einen Menschen, der dich unterstützt, lobt, ermutigt und dir Vertrauen schenkt.

Einen Menschen, der dich liebevoll behandelt.

Du brauchst einen Menschen, der dir einen Weg zeigt, ein leichteres, einfacheres und glücklicheres Leben zu führen.

Diesen Menschen gibt es. Ganz in deiner Nähe. Dieser Mensch bist du.“

- Verfasser unbekannt – 

Mir war dieser Mensch als Freund abhandengekommen. Nun ist er wieder ganz nah an meiner Seite.

ABSTIEG

Ende November 2010. Die Jahreszeit, die mir nicht so besonders liegt. Kalt, meist nebelig, man fährt im Dunkeln in die Arbeit und man kommt im Dunkeln wieder heim. Wir feiern heute ein Familienfest. Mein Opa wird 80 Jahre – er hat die ganze Familie und Bekannte in ein Gasthaus bei uns im Ort eingeladen. Alle haben sich für den Freudentag schick gemacht, es gibt gutes Essen, Kinder tragen Gedichte vor, mein Onkel erzählt ein paar Anekdoten aus Opas Leben und auch eine Gemeindeabordnung samt Pfarrer ist gekommen und überreicht einen bunt geschmückten, prallen Geschenkskorb. Es wird getratscht, gelacht, Fotos werden geschossen und alle scheinen glücklich zu sein.

Eigenartig – nach dem Festmahl gratulieren alle meinem Opa. Komisch – es ist doch schön, meinen lieben Großvater glücklich und seinem Alter entsprechend noch gesund und fit zu sehen. Oh Gott – warum fühle ich mich nur so… als wäre ich auf… seiner Beerdigung! Ich stehe nun vor ihm, reiche ihm die Hand um zu gratulieren und verdammt – ich muss mich so zusammenreißen, nicht auf der Stelle los zu heulen. Ich lächle, doch merke ich, dass meine Augen feucht werden. Schnell wegdrehen, die Träne ist mit einer kurzen Handbewegung sogleich weggewischt. Keiner hat was gemerkt. Reiß dich zusammen! So was habe ich zuvor noch nicht erlebt – ich bin erleichtert, als die Feier ein paar Stunden später zu Ende ist, ich den Festsaal verlassen kann und die nasskalte Novemberluft im Freien einatme. Große Gedanken über meinen soeben erlebten Sinkflug des Gemütszustandes mach ich mir nicht.

Rückblickend wurde mir bewusst, dass dies eine der ersten Anzeichen meiner sich anbahnenden Depression war… Auch fallen mir nun Momente aus der Vergangenheit ein, in denen ich mich nicht wohl fühlte, obwohl ich beste Gründe dafür gehabt hätte: Nachdem wir im November 2006 unser Haus nach rund 3 Jahren Planungs- und Bauphase fertig hatten und in dieses einzogen, verspürte ich eine gewisse Leere in mir und ich war in den ersten Wochen leicht reizbar.

Nachdem ich im Jahr 2008 eine relativ schwere Prüfung (sie hat sich über ein dreiviertel Jahr gezogen) für meine Arbeitsstelle mit Auszeichnung absolvierte, war ich in den ersten Stunden sehr erleichtert und auch ein wenig stolz über die erbrachte Leistung, aber schon am nächsten Tag war die Auszeichnung mit einem Schleier von Trübsal und Melancholie behangen. Die Gratulationen von Arbeitskollegen und Vorgesetzten habe ich dann gar nicht mehr als Freude empfunden.

Also jedes Mal wenn ich einem größeren Druck ausgesetzt war und dieser dann plötzlich nicht mehr vorhanden war, sackte mein Wohlfühlbarometer nach unten.

Dieser Zustand ist ja auch bei Müttern bekannt, die eben entbunden haben - die so genannte postnatale Depression – nachdem das Neugeborene die Welt erblickt hat und die Anstrengungen der Schwangerschaft und der Geburt abrupt wegfallen, geraten häufig die Mütter in eine leichte Depression, können sich über das „Geleistete“ und das Baby gar nicht richtig freuen. Sie sind in den ersten Tagen oft weinerlich und traurig. Meist sind starke Hormonschwankungen als Ursache auszumachen. Man spricht in diesem Zusammenhang vom Baby Blues.

Ein paar Tage später sitze ich in der Arbeit, im Erdgeschoß empfange ich wieder Kunden zu Beratungsgesprächen.

Ich arbeite bei einer gesetzlichen Versicherungsanstalt in der Beitragsabteilung. In meinem Arbeitsbereich fallen unter anderem Zahlungsvereinbarungen, Einleitungen von Exekutionsverfahren und Insolvenzandrohungen bei Zahlungsverzug.

Herr Boyer kommt wieder mal zu mir. Er ist wie immer gut gelaunt, schließt im Namen einiger Versicherter Zahlungsvereinbarungen ab - vorwiegend für Personen, die der deutschen Sprache nicht ganz mächtig sind und die in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind. Herr Boyer sitzt seit einigen Jahren im Rollstuhl. Gekonnt schwingt er sich mithilfe seiner kräftigen Arme vom Rollstuhl in den Bürostuhl. Einmal frage ich ihn, warum er sich denn diesen Aufwand antue, sich für andere so uneigennützig und vor allem unentgeltlich einsetze, noch dazu, da er doch selber eine große Bürde mit seiner schweren Gehbehinderung zu tragen habe. „Nun, Herr Pammer, es gibt mir ein Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, die Dankbarkeit ist mir Lohn genug.“ Während er mich zufrieden anlächelt, sich in einer Bewegung zurück in den Rollstuhl schwingt und aus dem Büro fährt, denke ich mir. „Armer Hund im Rollstuhl hilft armen Hunden in Geldnot. Irgendwie schwachsinnig…!“. Zugleich schwebt ein feiner Hauch von schlechtem Gewissen durch den Raum. 

In den letzten Monaten hat sich mein Arbeitsbereich stark ausgedehnt, Kolleginnen sind in den Mutterschutz gegangen, auch die eine oder andere Kündigung hat dazu beigetragen, dass sich speziell im direkten Kundenkontakt die Herausforderungen drastisch erhöht haben. An starken Tagen habe ich 60 Gespräche und mehr zu führen.

Gesetzesänderungen verschärfen die Situation zusätzlich. Eigentlich merke ich, dass ich schön langsam an meine Belastungsgrenze gelange, doch ich will mich ja beweisen. Will ich den nächsten Schritt auf der Karriereleiter schaffen, muss ichnun jetzt mal Überdurchschnittliches leisten. Werde ich von Kollegen um Hilfe gebeten, kommt es mir nicht in den Sinn, einfach abzulehnen oder nein zu sagen.

Heute ist es wieder mal sehr anstrengend, die Leute scheinen alle extrem begriffsstützig zu sein und jammern was das Zeug hält. Vor meinem kleinen Büro bildet sich schon eine Warteschlange. Zum Glück bin ich fachlich ziemlich sattelfest, weiß wovon ich spreche. Trotzdem ist es schwierig, da viele der Leute mit finanziellen Problemen zu kämpfen haben und ich nur einen kleinen Spielraum habe, ihnen zu helfen. Viele lassen ihren Zorn und Ärger an mir aus. Ich kann nur erwidern, dass die Gesetzeslage eben mal so ist und ich ihnen die Schulden nicht erlassen darf und kann. Andere wiederum fangen an zu weinen. Ich habe keine Möglichkeit bzw. auch gar nicht die Zeit, mich ihren Problemen ganz anzunehmen, auch wenn sie mir leid tun. Lange Zeit hat mich dies auch relativ kalt gelassen. Nun merke ich aber, dass mich die Ereignisse in der Arbeit immer öfter auch nach Hause begleiten und mich auch in der Nacht beschäftigen. Nur keine Schwächen zeigen – ich werde es mir und meinen Chefs schon beweisen, dass ich dem gewachsen bin und ich auch für Höheres hier in der Firma gerüstet bin. Zu allen mir neu auferlegten Aufgaben sage ich ja, obwohl ich merke, dass ich scheinbar den Zenit schon erreicht habe. Nun muss ich feststellen, dass ich immer gereizter und angespannter bin, je mehr ich mich auch bemühe… 

Endlich habe ich diesen eingebildeten Doofi erledigt, ich habe ihm klar (und vor allem lautstark) beigebracht, dass wir das Konkursverfahren einleiten werden, wenn er nicht innerhalb der nächsten 2 Wochen das Geld für die geforderte Anzahlung aufbringt. Ist mir doch egal, ob er seine Familie ernähren muss, ein Konkurs seine ganze Existenz bedrohen würde. Nicht mein Kaffee und Aufhoffentlichniemehrwiedersehen – so dem hab ichs jetzt gezeigt! Durchatmen, Schulterklopfen, weiter geht’s!

Ein älterer Herr, so um die Sechzig, betritt die Koje. Es geht um eine hohe Nachbelastung, er müsse einige Tausend Euro an unsere Anstalt zahlen. Ich denke, das wird sicher wieder so eine Angelegenheit, wo ich die gesetzliche Lage vorbringen und die hohe Forderung rechtfertigen muss und bereite mich innerlich schon auf das Streitgespräch vor, meine im Kopf vorgefertigten Argumente stets abrufbar, bereit umgehend Contra zu geben!  Der kleine, grauhaarige Herr lächelt mich an, beugt sich zu mir vor und sagt mit ruhiger Stimme, fast flüsternd: „Herr Pammer, ich war schon vor einigen Monaten hier bei Ihnen – und jetzt habe ich Sie durch die offene Tür in den letzten Minuten beobachtet. Passen Sie gut auf sich auf. Ich sehe, es geht Ihnen nicht gut. Ich habe große Erfahrung mit Leuten wie Ihnen!“

„Was bildet sich dieser Kerl ein?“ denke ich verdutzt, noch immer in Angriffsstellung. Doch bevor ich was sagen kann, fragt er mich, ob mich diese Arbeit denn sehr belaste, ob ich Konzentrationsschwierigkeiten habe und ob ich an mir Veränderungen bemerke? „Seien Sie auf der Hut, warten Sie nicht lange zu. Fragen Sie sich, ob Sie denn die wunderschönen Dinge des Lebens noch erkennen können?“ Der Herr hat auf mich eine angenehm beruhigende Wirkung, er strahlt eine stoische, beneidenswerte Gelassenheit aus, ich möchte mich ihm öffnen, meinen dicken Schutzpanzer ablegen. Doch vor meiner Koje scharren schon die nächsten „Feinde“. Er kritzelt mir seine Telefonnummer auf einen Zettel – „Hier - ich würde mich freuen, wenn Sie mich mal anrufen. Wir können plaudern und in Ruhe einen Kaffee trinken. Es ist nicht zu spät – noch nicht…! Ach, übrigens die offene Rechnung werde ich bis zur Fälligkeit schon irgendwie begleichen können. Ich wünsche ihnen alles Gute und die innere Ruhe, die Sie brauchen, Herr Pammer.“  Kaum ist dieser merkwürdig-nette Mann verschwunden, steht schon der nächste Versicherte herinnen und beginnt aufgeregt herumzuschwafeln. Stunden später, kurz bevor ich den Parteienverkehr für den heutigen Tag beschließe, entdecke ich den Schmierzettel mit der Telefonnummer des netten Mannes. Ich bin verwirrt! Was hat er gemeint mit „…es ist noch nicht zu spät“? Ich denke noch lange über diesen Mann nach – welche Botschaft wollte er mir vermitteln? Wie kann er innerhalb von Augenblicken erkennen, was in mir vorgeht?

Noch einige Tage lasse ich den Zettel auf meinem Schreibtisch liegen. Und ich denke über die Worte des Mannes nach. Nein – es passt doch eh alles bei mir, natürlich sehe ich die schönen Seiten des Lebens. Naja, manchmal eben. Hmm, die schönen Augenblicke waren schon mal häufiger und ausgeprägter, möchte ich mir insgeheim eingestehen. Doch im selben Moment zwinge ich mich, diese Gedankenschiene zu verlassen. Keine Zeit für solche Hirngespinste! Andere leisten noch viel mehr als ich und drucken das leicht durch… Sei ein Mann!! Es wird schon wieder!! Hinter diesen fetten Rufzeichen lugt ein blasses, schüchternes Fragezeichen hervor… Mir geht’s doch gut, ich habe alles was man braucht zum Glücklichsein: Ich habe Familie, ein geregeltes Gehalt und einen sicheren Arbeitsplatz, bin gesund und ich sehe als Mitte-Dreißiger noch ganz „frisch und knackig“ aus. Also was will ich denn mehr??!

„Ein Mann muss drei Dinge im Leben tun: Ein Haus bauen, einen Sohn zeugen und einen Baum pflanzen.“ So lautet ein Sprichwort – ich kann also sagen: Alles erledigt was das Leben so verlangt. Klopf dir auf die Schulter Junge. „Well Done“ – also jammere nicht und sei doch endlich wieder glücklich! Irgendwann verschwindet die Telefonnummer in meinem Papiereimer. Vielleicht ein Fehler – vielleicht hätte mir ein Gespräch mit diesem Mann eine Menge körperlichen und seelischen Schaden erspart! Ich wäre vermutlich noch in der Lage gewesen, auf den richtigen Weg zurück – oder den falschen Weg ganz verlassen, umdrehen, zu können! Ich habe seitdem von diesem Mann weder etwas gehört noch gesehen – oder etwa doch? Monate später habe ich nochmals eine Begegnung…. 

Einige Wochen später, ich denke es war im Jänner 2011. Ich fahre gereizt in die Arbeit. Wegen ein paar Zentimeter Neuschnee kriechen die Autos dahin wie Schnecken – und auf der Autobahn die übliche Tausendfüßler-Kolonne. Irgendwie scheint derzeit alles doppelt so schwer von der Hand zu gehen als früher. Genervt von der morgendlichen Verzögerung öffne ich um halb acht den Haupteingang um wieder Versicherte zum Parteienverkehr zu empfangen. Ich nehme auf meinem Stuhl Platz und schon steht jemand bei mir im Büro. Im ersten Moment vermute ich, ein Obdachloser hätte sich zu mir herein „verirrt“. Doch auf dem zweiten Blick kommt mir das Gesicht bekannt vor. Der Mann sieht heruntergekommen aus, mit Dreitagebart, seine beige Jacke ist schmutzig und am Ellenbogen zerrissen, als sei er gestürzt und eine nicht sehr angenehme Geruchswolke aus Alkohol, Schweiß und kaltem Rauch strömt von ihm aus. „Guten Morgen Herr Pammer. Ich will Sie nicht länger aufhalten, wollte Ihnen nur sagen, dass ich die Zahlungen, die wir vereinbart haben, nicht einhalten kann. Wenn Sie das bitte notieren würden. Auf Wiedersehen.“ Der Mann macht auf mich einen verwirrten, ängstlichen Eindruck. „Aber bitte nehmen Sie doch erst einmal Platz, schauen wir uns das mal gemeinsam an, was wir da machen können – da finden wir sicher eine Lösung“, biete ich ihm an, um ihn zu beruhigen. Er bleibt stehen und schwafelt etwas von der Wirtschaftskrise, die ihn besonders hart getroffen hätte und seinem Geschäftspartner, der ihn übers Ohr gehauen habe. „Herr Pammer, ich kann nicht mehr…“ flüstert er mit zittriger Stimme. Er kommt mir zwei Schritte entgegen und blickt über seine Schulter um sicher zu gehen, dass uns keiner zuhöre. „Ich hab alles verloren, was mir wert und wichtig war… Alles ist weg! Soll ich Ihnen was sagen? Seit drei Tagen irre ich umher, hab mir schon einen Baum gesucht um mich…“ er schüttelt den Kopf, atmet ganz tief ein und wieder aus. „Es hat alles keinen Sinn mehr. Die Bank hat mir mein Konto gesperrt – die Firma ist bankrott. Meine Frau ist mir davongelaufen, will sich scheiden lassen. Die Kinder habe ich schon wochenlang nicht mehr zu Gesicht bekommen. Ich hab alles verloren, alles! Ich will einfach nicht mehr!“ Er wischt sich mit dem schmutzigen Ärmelzipfel seiner Jacke die Tränen und den Rotz weg. Seine Augen sind blutunterlaufen. „Herr Pammer, es tut mir leid, ich weiß nicht, ob wir uns nochmals sehen werden.“ So schnell er gekommen ist, ist er auch schon wieder weg. Ich bin konsterniert, weiß nicht was ich denken, geschweige denn machen soll. Mir bleibt auch keine Zeit, lange über diesen Typen nach zu denken, da schon wieder der nächste Kunde reinkommt.

Am Abend denke ich nochmals über die Begegnung mit dem verzweifelten Mann nach. Wie muss sich das anfühlen, wenn man „alles, was einem wertvoll und wichtig ist, verliert“? Hat er das mit dem geplanten, angedeuteten Selbstmord etwa ernst gemeint? Hätte ich ihm helfen sollen und – wenn ja, wie? Wie kann man so verzweifelt sein, dass man als einzigen Ausweg nur mehr den Suizid sieht? Ich meine, ich habe schon öfter verzweifelte Personen bei mir gehabt, welche, die gebettelt haben, die Schulden zu erlassen, um die Familie ernähren zu können. Oft musste ich Trost und Zuspruch aussprechen und habe alles, was im Bereich meiner Möglichkeiten war, ausgeschöpft, um zumindest eine finanzielle Lösung ihrer Probleme herbeiführen zu können. Diese Begegnung mit dem verwahrlost wirkenden Mann hat aber alles bisher da gewesene übertroffen. Er scheint alle Hoffnung verloren zu haben. Noch lange geistert er in meinem Kopf umher. Ich schlafe wieder mal sehr schlecht.

Bereits vor Weihnachten haben wir eine Woche Urlaub in Hurghada / Ägypten gebucht. Mitte Februar 2011 – in den Semesterferien – wollen wir Richtung Süden fliegen. Ich sehne mich schon so sehr nach ein paar Tagen Erholung. Der Kälte und dem Grau in Grau des Alltags entfliehen. Endlich einen Teil der Sorgen vergessen und Entspannung pur unter der Sonne Afrikas. Mit den Kindern im Meer planschen und am Strand Sandburgen bauen… Doch Ende Jänner dann die Hiobsbotschaft: Aufgrund der anhaltenden Unruhen in Ägypten gibt das Auswärtige Amt eine Reisewarnung aus. Nach langem Hin und Her sind wir gezwungen, die Urlaubsreise zu stornieren! Na toll – anstatt in der Sonne zu liegen um die Batterien wieder aufzuladen, sitze ich wieder angespannt in meinem Büro. Neben meinem ständigen Grübeln, warum ich mich so beschissen fühle und einem Gefühl des ausgepowert seins, in einer Phase in der ich nur mehr schwer abschalten kann, gesellt sich nun auch noch ein starker grippaler Infekt dazu. Hust, Hatschi und Prostmahlzeit!

 Ich habe in meinem Leben immer gerne Sport betrieben. Ein ausgedehnter Lauf nach einem anstrengenden Arbeitstag in der Natur und der frischen Luft ist für mich das ideale Mittel um Stress abzubauen. Ein Ventil aus dem der angestaute Ärger abgelassen wird. Im Schnitt lag mein Pensum bei so 10 Kilometer – etwa eine Stunde lang. Auch in diesem Winter drehe ich so zwei-, dreimal die Woche meine Laufrunden. Doch als es mir schrittweise mental immer schlechter geht, versuche ich nicht mehr wie gewöhnlich nur zu joggen – nein, ich versuche vielmehr den negativen Gedanken davon zu laufen. Laufe ich anfangs noch gemütlich weg, steigere ich mich immer mehr und je näher ich wieder meinem Zuhause komme, umso höher wird die Schlagzahl. Unbewusst will ich durchs Laufen den Problemen entfliehen. Jedes Mal werden die Runden länger und die Geschwindigkeit höher. Ich laufe manchmal über zwei Stunden, die letzten Kilometer fast im Sprint. Im März erwische ich mich immer öfter, dass ich mich total verausgabe und mich dann in unserem Garten in die kalte, oft noch schneebedeckte Wiese fallen lasse und voll erschöpft und nach Luft ringend daliege. Die Muskeln zittern, aus der Lunge kommen Pfeifgeräusche. Es schmerzt – aber es tut gut. In diesen Momenten kann ich mich total intensiv spüren. Ich liege manchmal eine halbe Stunde nur so da bis ich mich gefangen habe, Atmung und Puls sich wieder normalisieren. Meist ist dann der Abend schon hereingebrochen, durch die Finsternis merkt keiner etwas von meinen verrückten Laufausflügen.

Vielleicht sollte ich mir einfach mal wieder einen Ordentlichen hinter die Kiemen kippen? Die Sorgen mit ein paar Bierchen wegschwemmen! Am Wochenende findet vom Sportverein im Ort eine „Langlaufveranstaltung mit anschließender Hüttengaudi“ statt. Endlich wieder mal ein paar Freunde treffen, plaudern, Spaß haben und sich einfach dem Alk hingeben. Hmm, meine Freunde… schon lange nichts mehr von ihnen gehört. Ja, stimmt schon, ich hätte den einen oder anderen schon längst mal wieder anrufen sollen. Nun, es ist wohl so, ab einem bestimmten Alter sind Familie und Arbeit einfach wichtiger als gute Freunde! Lass ich das als Ausrede gelten? Ja. Freunde… ein lästiges Anhängsel! Ich kann mich doch nicht um jeden und alles kümmern, außerdem, sie hätten sich ja auch bei mir melden können. Egal, ich bin ja eh nicht auf Freundschaften angewiesen.Die „Gaudi“ will sich bei mir nicht so recht einstellen. Okay, noch ein Bier! Es ist ja ganz nett, doch die belanglosen Gespräche mit den Freunden und Bekannten langweilen mich zunehmend, außerdem stell ich fest, dass ich mit den Gedanken ganz woanders bin! Nächstes Bier, noch eins. Laute Musik, gar nicht nach meinem Geschmack, rundherum wird gesungen, gelacht, geblödelt, gegrölt. Niveaulos, denk ich mir. Tiefste Provinz – das hat mir mal Spaß gemacht? Ich komm mir falsch platziert vor, vom Alk schon leicht benebelt, doch heitere Stimmung will nicht aufkommen. Ich bin wohl jemand besserer, sollte wohl „in besseren Kreisen“ verkehren! Oder einfach nur noch zu wenig gesoffen? Zurück an die Bar, die Schluckzahl erhöhen! Das nächste Bier fast ex, dann noch ein paar Schnäpse zwischendurch, wird schon… schnell noch eine Zigarette geschnorrt. Pfui Teufel, schmeckt die gut! Rainer (einer meiner besten Freunde – wie sich noch herausstellen sollte ein echter Freund!) fragt mich, was denn mit mir los sei, seit wann ich denn wieder rauche? Was soll schon los sein?! Alles perfekt – ich geb gleich noch ne Runde aus! …nicht mal auf den Alkohol kann man sich noch verlassen! Mein Gute-Laune-Elixier aus früheren Zeiten zieht mich nur noch weiter runter. Mir ist schlecht, bestell mir noch ein letztes Bier und verlasse ohne mich zu verabschieden diese extracoole Party. Die können mir alle gestohlen bleiben! Ich torkle heimwärts und stehe plötzlich in der Finsternis. Es ist eine sternenklare, eisige Nacht, der Wind pfeift mir um die Ohren. Wut macht sich breit. Auf meine ach so tollen Freunde, oder? Was können sie denn dafür, dass ich…? Nein, ich habe auf mich selber Wut! Ich beginne zu weinen, bemitleide mich selbst, ich bin so… ja, was oder wer bin ich?? Hab schlagartig große Angst, fühle mich so alleine, so klein, so hilflos, schwach… Wie soll ich das alles hinkriegen, all die Sorgen! Bin ich zu weit gegangen? Hätte ich doch lieber…? Soll ich…darf ich…? Oder lieber doch nicht? Kann ich noch…muss ich verdammt noch mal…? Ich setze mich auf eine Bank – starre in die Nacht. Die Sterne am Himmel rasen an mir vorbei – ich, das winzige Staubkorn im Universum. Der Alkohol zeigt jetzt seine volle Wirkung, alles dreht sich, mir ist so schlecht. Ein Wirrwarr an unterschiedlichen Stimmen – Gelächter, Ermahnung, Beschimpfung, Hohn. Was geschieht da mit mir, wie werde ich sie los, die Geister, die ich rief…? Ich springe auf, renne los. Doch schon nach wenigen Schritten stolpere ich, liege im gefrorenen Schnee, muss mich übergeben… wälze mich auf den Rücken, liege da, ausgeliefert der unendlichen Weite, resignierend… Die Sterne rasen weiter, nehmen keine Notiz von dieser jämmerlichen Kreatur. Nächsten Morgen hämmert mich mein Brummschädel aus dem Schlaf…! „Na, das muss ja lustig gewesen sein gestern, kommst stockbesoffen heim, legst dich, ohne dich auszuziehen und ohne ein Wort zu sagen ins Bett, stinkst…, plapperst und murmelst im Schlaf…, dann schreist du…! “, ist meine Frau nicht gerade begeistert.

Nein, keinen Alk mehr in nächster Zeit! Er ist mir kein guter Begleiter, kein Helfer in der Not – er hat mir einen kurzen, tiefen Blick in den Abgrund machen lassen! Ich muss es schaffen! Alleine!

Wieder ein sehr anstrengender Arbeitstag. Ich komm übermüdet, geschlaucht und vor allem im Kopf ganz matt, von der Arbeit heim. Niemand zuhause. Ich mach mir das Essen warm, setz mich an den Tisch. Urplötzlich ein Rauschen in den Ohren – und wie ein Blitz bin ich erschlagen von der Angst in mir. Alles ist schlecht, schlimm, hoffnungslos, trostlos. Alle böse, gemein, hinterlistig, falsch. Sackgasse!! Mir schnürt es den Hals zusammen. Riesendruck auf dem Herzen. Ich halte es nicht länger aus, beginne zu heulen. Ich zittere am ganzen Körper. Minutenlang sitz ich so da. Es schmerzt so sehr…

Ich höre, wie die Kinder die Haustür öffnen, flüchte panikartig ins Badezimmer.

Die Welt hat rasendes Tempo aufgenommen – alles geht so schnell, ich kann kaum noch Schritt halten. Keine Zeit, nur kein Stehenbleiben. Termine da, Erledigungen dort, alles muss sofort gemacht werden, nichts aufschieben - noch schneller, noch mehr, noch besser…nur nichts vergessen, weitere Fehler unleistbar…!

 Anfang April kommt es dann zu sehr heftigen Auseinandersetzungen mit meiner damaligen Frau. Es wird gestritten, geweint und geschrien. Einiges wird an die Oberfläche gespült… Es gibt Wortgefechte die häufig bis in die späten Nachtstunden hineinreichen. Auch eine Scheidung steht plötzlich im Raum…! Ruhe zu finden, daran ist nicht mehr zu denken.

In den folgenden Tagen und Wochen geschehen Dinge, die sehr persönlich sind und die ich größtenteils für mich behalten möchte. Nur so viel: Es sind keine schönen Dinge… Ich verletze und ich werde verletzt. Es sind Gratwanderungen… Ich enttäusche und ich werde enttäuscht. Ich täusche und lüge und ich werde getäuscht und werde belogen. Meine Theaterbühne besteht aus verschiedenen wackeligen Ebenen, verschiedene Personen, Charaktere spielen in diesem dramatischen Abschnitt meines Lebens die Hauptrollen. Akte werden teils parallel aufgeführt. Es ist eine undurchsichtige, schwer begreifbare Episode in meinem Schauspiel des Lebens! Die Dramaturgie nimmt viele überraschende Wendungen vor. Schwere Entscheidungen liegen vor mir… (Entscheidungen, die ich in meinem Zustand nicht mehr zu treffen in der Lage war!) Ich weiß, dass ich seit geraumer Zeit extremen Raubbau an meinem Innenleben betreibe, der mich auffrisst wie die biblische Heuschreckenplage – doch so verzweifelt ich auch versuche, mich dagegen zu wehren - ich scheine ihm ausgeliefert zu sein, kann nichts dagegen tun!

Nun erwische ich mich immer öfter bei völlig wirren Taten. Einmal rase ich bei Dunkelheit und Regen mit meinem Opel mit voller Geschwindigkeit über die kurvenreiche, unübersichtliche Landstraße. 150, 160 Sachen! 80iger Beschränkung, Gegenverkehr – egal! Musik auf volle Lautstärke…Bum, Bum, Bum… das Gaspedal auf Anschlag… „Wie wär’s jetzt damit, einfach mal kurz das Licht auszuschalten oder die Augen zu schließen und sie erst wieder zu öffnen, wenn ich ganz langsam bis fünf gezählt habe? Oder eine Vollbremsung?“ Erst allmählich komme ich wieder halbwegs zur Vernunft – ich schäme mich!

Einige Aktionen sind an der Grenze der Legalität, manche komplett sinnlos…dumm! Woher kommt diese Aggression in mir, so kenn ich mich gar nicht!? Warum mach ich das? ...Egal! Mann, bin ich ein Depp! ...Egal!

Zack – ein kräftiger Fußtritt! Der Außenspiegel eines wildfremden Autos fällt einem meiner spontanen Wutanfälle zum Opfer. Ich erschaudere über mich selbst. Mein Gott, was ist nur mit mir los? Bei manchen Dingen stehe ich komplett neben mir, erst im Nachhinein scheint mein Verstand sich einzuschalten – mich zu rügen, zu ermahnen. Ich habe mich ja teilweise gar nicht mehr unter Kontrolle – so etwas entspricht so gar nicht meinem Naturell – habe ich doch Gewalt immer abgelehnt! Meine Wertvorstellungen und Ideale sind nur mehr ein Schatten ihrer selbst! Bin ich noch normal, zurechnungsfähig? Bin ich mit diesem Verhalten überhaupt noch tragbar für diese Welt?  Verdammt, was geschieht denn da? Noch vor ein paar Monaten schien ich ein perfektes Leben führen zu können und plötzlich wendet sich alles gegen mich! Überall um mich herum herrscht Chaos: Im Büro, in unserem Haus und im Garten, im ganzen Weltgeschehen – und vor allem in meinem Kopf!

Einschneidende Veränderungen in meinem Leben zeichnen sich ab. Ich spüre, dass etwas Schlimmes bevorsteht, weiß aber nicht genau, was, wie und wann…

… und warum!!

Meine Gedanken, Gefühle, Sorgen, Ängste finden keine Linie, kein Ziel und keinen Hafen mehr, in dem ich die Rettungsanker auswerfen kann. Sie beginnen sich zu wälzen, brachliegend am dreckig-schlammigen Grund der Seele, ziehen sich in die Länge, schlängeln dahin und formieren sich zum Kreise. Jeder neue Tag bringt eine immens hohe Sprosse, die Zukunft wird zur instabilen Leiter, die ins schier Unendliche ansteigt. Ein Ende der Leiter ist nicht mehr zu erblicken. Es wird immer düsterer. Zukunftsleiter und Angstkreis formieren sich zu einer Einheit. In meinem Kopf steht es nun, starr, die Säulen einzementiert: Das Hamsterrad – manifestiert aus Problemen und den Angstzuständen... Die Zukunftsängste sind zur Materie geworden – ich laufe und laufe und laufe… in meinem eigenen Hamsterrad der Angst.

Regelmäßiger, tiefer, entspannender Schlaf ist mir zum Fremdwort geworden. Ich komme gar nicht mehr in eine Tiefschlafphase – kann mich auch an keine Träume erinnern. Ich beschließe meinen Hausarzt in meinen Gemütszustand einzuweihen. Am Dienstag nach Ostern will ich Arthur, meinen Hausarzt, gleichzeitig ein guter persönlicher Bekannter von mir konsultieren. Er befindet sich aber noch im Urlaub (in Ägypten, die Lage hat sich dort mittlerweile wieder entspannt…!) und so fahre ich zu seiner Vertretung in den Nachbarort. Hoffentlich treffe ich keine Bekannte, hoffentlich redet mich keiner an. Ich sitze im Warteraum und zittere. Ob man mir meine innere Angst anmerkt? Sehr aufgeregt erzähle ich dem Arzt von meinen Ängsten und meiner Schlaflosigkeit, über die genauen Ursachen möchte ich aber nicht mit ihm sprechen. Er beschwichtigt, verschreibt mir ein paar Pillen und drückt mir eine Krankenstandsbescheinigung in die Hand - für den Rest der Woche solle ich zuhause bleiben. Die Tabletten würden allerdings erst in zwei bis drei Wochen ihre Wirkung zeigen. Es müsse sich erst ein gewisser Spiegel im Gehirn aufbauen. Am Ende des Gesprächs fragt er mich: „Es sind aber schon Probleme, für die es eine Lösung gibt, Herr Pammer, oder?“ „Ja, ähm…sicher…!“ lautet meine kurze Antwort und ich verlasse mit gesenktem Kopf die Ordination. Sicher bin ich mir bei Gott nicht mehr!

Ich komme heim vom Arzt, niemand zuhause, die Kinder im Kindergarten bzw. Schule, meine Frau in der Arbeit. Es ist 10 Uhr Vormittag – Stille! Alles so gespenstisch ruhig. Ich blicke mich um… das Haus, es erscheint mir so riesig… mein Zuhause, mein Stolz der letzten Jahre… es scheint keinen Wert mehr zu besitzen, empfinde es nun als Hypothek, als selbst gezüchtete Belastung! Ich gehe auf die Terrasse - die Umgebung, so weit weg, ungreifbar. Ich schalte den Fernseher ein, es laufen alte Sketche mit Anke Engelke… eigentlich genau meine Art von Humor, über den ich lachen kann. Lustig? Irgendwann, irgendwo ist mir in den letzten Wochen mein Humor entwischt… meine Lust und meine Freude, meine positiven Energiequellen sind ihm gefolgt, ohne dass ich es bemerkt hätte. Vor mir liegt die Packung Antidepressiva… kleine, unscheinbare Pillen. Können sie mir bei der Suche nach meinen verloren gegangenen Antriebsfedern helfen?

 Wenige Tage nach dem Osterfest ist mir also klar: Ich leide an einer Depression! Jetzt steht es fest! Anfänglich habe ich meine ersten Symptome gar nicht richtig wahrgenommen. Dann dachte ich mir, dies sei alles nur eine vorübergehende Gemütsstörung. Auch als sich allmählich alles verschlimmerte, dachte ich noch nicht an eine Krankheit. Doch nun ist es tatsächlich soweit – und diese Erkenntnis ist verdammt hart und tut so immens weh! Verdammt - ich will nicht!!

Meine Hände beginnen immer öfter zu zittern und ich fühle mich kraftlos. Immer wieder dieser Druck im Brustkorb. Schlafen wird zur Tortur. Häufig fahre ich, kurz bevor ich tatsächlich einzuschlafen scheine, wie vom Blitz getroffen hoch – es ist wie ein heftiger Stromschlag. Ähnlich wie wenn man träumt, man gehe über eine Brücke, die plötzlich unter einem zusammenstürzt. Oder man falle im Traum ins Bodenlose… Kochend heiße Lava strömt durch die Adern.Ich bitte meine Frau um Verständnis. Ich habe einfach nicht die Kraft, alles, was so an Arbeiten und Reparaturen im Haus und Garten anfällt, zu erledigen. Doch trifft dies bei ihr auf taube Ohren. Sie meint natürlich, mein Zustand hänge mit unseren – naja, ich nenne es mal - spannungsgeladenen, zwischenmenschlichen Problemen – zusammen. Es führt ständig zu Streitereien, die dann ewig lange andauern und natürlich zur Lösung meiner Probleme klar kontraproduktiv ist. Mir tun Celina und Fabienne so leid. Ich will sie von den lautstarken Auseinandersetzungen fernhalten, möchte meine beiden Schätze beschützen, fühl mich aber selber so schutzlos.

Ich gerate in einen Sog, der mich in die Steinmühlen zieht. Keiner will mir helfen, die ganze Welt scheint so ungerecht zu mir zu sein. Jeden Moment kann es losgehen und ich werde zermalmt. Meine Seele schreit. Sie schreit so laut sie kann, doch der Schutzpanzer, dick ausgepolstert mit Frustration, Scham und vermutetem Unverständnis bildet einen Schalldämpfer, der nicht mal ein leisestes Wimmern nach Außen durchdringen lässt. Freunden, Arbeitskollegen, Verwandten, der ganzen Welt will ich mich anvertrauen. Alle sollen es wissen wie hundsbeschissen ich mich fühle!! Wie ich leide, wie bemitleidenswert und welch armes Würstchen ich doch bin. Warum fragt mich niemand wie es mir geht? Sieht denn keiner, dass ich von den Hyänen der Verzweiflung und Bedrückung aufgefressen werde? Ich sehne mich danach, mein Herz auszuschütten, gleichzeitig blocke ich ab, hoffe, dass mich ja keiner anspricht! Wo, wann und wie kann ich nur Hilfe kriegen? „Na, lieber Andi, wie geht es dir denn? Ich habe da die Lösung für all deine Sorgen parat!“ So genau ich auch blicke, ich entdecke ihn nicht, den Silberstreif am Horizont! Ich hoffe so sehr, ein Ventil zu finden, hab aber im selben Moment größte Angst davor mich als Versager, Sünder, Schlechtmensch, Schwächling zu „outen“. Ich befürchte und weiß, diese Suppe muss ich ganz alleine auslöffeln…

Überall sehe ich nur mehr unerledigte Arbeiten. Der Rasen muss schon wieder gemäht werden, die Holzterrasse scheint sich in ihre Einzelteile aufzulösen, der Keller sollte mal ausgemistet und aufgeräumt werden, die Zimmerdecke hat leichte Haarrisse bekommen, die täglich größer und länger erscheinen…

In der Arbeit habe ich das Gefühl, als ob alles den Bach runter laufen würde. Ein Durcheinander, Bearbeitungsrückstände, Sauhaufen… Einmal frage ich Barbara, eine meiner liebsten Arbeitskolleginnen, ob sie nicht auch finde, dass sich in letzter Zeit hier herinnen alles zum Schlechteren entwickle? „Meinst du? Also ich denk, dass derzeit alles ganz rund läuft!“ Sehe ich das alles zu eng, oder sind die alle blind?! Oder ist nur mein eigener Bereich aus den Rudern gelaufen? Plötzlich kommt mir die Arbeit nur mehr als eine riesige Belastung vor. Und Dinge, die früher ganz leicht von der Hand gingen, verstehe ich nicht mehr und bring sie nicht mehr auf die Reihe. Was ist nur los? Gesetzliche Änderungen, neue Arbeitsanweisungen, andere Arbeitsabläufe im Büro, das alles scheint an mir vorbei gegangen zu sein. Es wäre, als sei ich das letzte Jahr gar nicht in meinem Job gewesen… Ich versteh oft nur mehr Bahnhof…! Hatten mich meist die Kollegen um Rat gebeten, muss nun ich immer häufiger nachfragen. Und das, obwohl ich seit ein paar Wochen als Gruppenleiter-Stellvertreter bestimmt wurde. Ich schäme mich! Mein ganzes Leben scheint in Unordnung, aus der Balance geraten zu sein.

Bin ich eh schon angeschlagen wie ein in den Seilen hängender Boxer, kommt fast täglich ein neuer Treffer in Form einer Hiobsbotschaft hinzu. Papa muss sich vermutlich in den nächsten Wochen einer Knie-OP unterziehen, meine Mutter hat einen leichten Gehörsturz erlitten. Auch meiner Schwester geht’s nicht so gut. Meine Schwiegereltern haben auch immer wieder gesundheitliche Probleme. Und die Kinder kränkeln… In der Arbeit gibt es weitere Personalrochaden. Ich darf mir jetzt nicht auch noch Schwächen leisten! Du musst stark bleiben, du musst gesund bleiben, du musst funktionieren, du musst, musst, musst, MUSST!!!

Ende Mai - Heute ist das Erstkommunionsfest von Celina. Sie freut sich schon seit Wochen darauf. Ich bin stolz auf meine Prinzessin in ihrem weißen Kleidchen. Ach meine liebe, süße Tochter, sie strahlt vor Glück, so unschuldig, zart und schön. Wieder steigt die Scham in mir hoch, das schlechte Gewissen bringt mich beinahe zum Kotzen. Ich will ihr auf keinen Fall das Fest vermiesen. Doch ich habe Angst vor der Menschenmenge in der Kirche, fühle mich beobachtet. Am liebsten würde ich alleine sein und nur noch schlafen. Auch das folgende Mittagessen im Gasthaus und der Ausflug in einen kleinen Vergnügungspark kosten mir so viel Kraft. Ich bin in meiner eigenen Gedankenwelt verstrickt, nehme die Umwelt nur mehr wage wahr. Ein Kampf von Minute zu Minute, denke, dass ich jeden Moment zusammensacken könnte.

Erstes Juniwochenende – Mit einer befreundeten Familie fahren wir auf eine Selbstversorgerhütte ins Ennstal. Obwohl es hier sehr schön ist und ich mir einrede, dass mir die frische Bergluft guttun würde, schaffe ich es nicht, das Hamsterrad auch nur für einen kurzen Moment zu verlassen. Ich habe ein schlechtes Gewissen meiner Familie und meinen Bekannten gegenüber, schäme mich für meine miese Laune und meine Lustlosigkeit… doch so sehr ich mich auch anstrenge, ich bin machtlos dagegen! Warum kann nicht einmal etwas nur schön, oder zumindest normal sein? Warum müssen meine Gedanken gleich immer alles kaputt machen?! Na super, jetzt haben wir auch noch eine Autopanne! Für mich eine Riesenkatastrophe – ich will schreien, geht denn alles schief! Diese verdammte Scheiße! Der herbei gerufene Pannendienst kann das Auto nach einer Ewigkeit gerade noch sporadisch reparieren, damit wir noch nach Hause kommen. Ich soll aber damit baldigst in die Werkstatt – Kostenpunkt rund zweitausend Kröten!

Ich sitze in der Arbeit und kann mich absolut nicht konzentrieren. Letzte Nacht war wieder furchtbar. Schon um neun Uhr abends habe ich die vom Arzt verschriebene Schlaftablette eingenommen und mich dann ins Bett verkrochen und gehofft, dass ich mich schnell ins Land der Träume flüchten kann, um die zahlreichen Sorgen und Probleme in der Realität zurück lassen zu können. Meine Hoffnung wurde wieder einmal nicht erfüllt! Die Nacht ist ausgefüllt vom ständigen Umherwälzen, Schweißattacken, und zigmaligem Aufsuchen der Toilette. Eine imaginäre Klopapierrolle - von Ängsten und schrecklichen Vorstellungen verdreckt und zum Kotzen stinkend - umwickelt meinen Kopf. Wieder und wieder die gleichen Gedanken. Ich merke, dass es draußen schon wieder langsam zu dämmern beginnt und durch die Jalousien dringt schwaches Licht, welches sich wie eine Smogwolke auf mich niederlässt. Ich blicke auf den Wecker – halb 5 und ich habe noch immer nichts geschlafen. Wie soll ich nur den nächsten Arbeitstag überstehen? Zwanghaft versuche ich meine Gedanken auf etwas Schönes zu richten. Bitte, bitte, bitte… wenigstens ein paar Minuten! Schäfchen zählen habe ich schon probiert – hilft nichts! Fußball! Wie war noch die Aufstellung meines Lieblingsvereins beim letzten Champions-League-Spiel? Im Tor stand xxx, rechter Verteidiger xxx, linker Verteidi… verdammt schon wieder verwickle ich mich im feuchten dampfenden Klopapier, das, aufgeweicht in einen Drecksbrei aus Furcht und Verzweiflung, schon meinen ganzen Körper überschüttet. Der Wecker klingelt…. Ich habe wieder keine einzige Minute geschlafen!!

Leute kommen zu mir in der Arbeit, wie ferngesteuert gebe ich Auskunft und höre meine eigene und die Stimmen der Versicherten nur mehr monoton und dumpf. So kann das nicht mehr weitergehen. Ich halte Beratungsgespräche zu heiklen Themen und habe Sachen zu erledigen und prüfen, bei denen es teilweise um eine Menge Geld geht. Ich muss etwas unternehmen – das Risiko ist einfach zu groß, dass ich Fehler mache, die meinen Job und somit auch meine Existenz, und vor allem auch die meiner Familie, gefährden könnten. Vor einigen Wochen hatte ich noch große Hoffnungen in die Antidepressiva gesetzt, die mir der Arzt damals kurz nach Ostern verschrieben hatte. Zwischenzeitlich habe ich auch meinen Hausarzt kontaktiert – er hat mich an eine Einrichtung vermittelt, welche kostenlos Gesprächstherapien anbietet. Die im Abstand von zwei Wochen besuchten Therapien waren immer nur kurze Verschnaufpausen, grüne Oasen in der großen, unüberschaubaren drückend weiten Wüste der Depression. Meist erscheinen sie mir wie eine Fata Morgana – die nach dem Gespräch mit dem Psychotherapeuten wie eine Seifenblase vor meinen Augen zerplatzt. Außerdem habe ich das Gefühl, als reden der Therapeut und ich aneinander vorbei. Er hat ja keine Ahnung! Mein Zustand hat sich kein bisschen verbessert, ganz im Gegenteil.

Rettungsanker Nervenklinik?

Es ist Mittwoch, 22. Juni 2011. Ich fahre meinen Computer runter und beschließe endgültig, was ich schon hin und wieder in Erwägung gezogen habe: Nach dem morgigen Fronleichnamstag, also am Freitag werde ich mich in die Nervenanstalt zur Behandlung einliefern lassen! Ich schaue noch mal eine letzte Runde im Büro zu meinen Arbeitskollegen. Einigen ist sicher aufgefallen, wie ich mich in den letzten Wochen mental und auch körperlich verändert habe. Immerhin habe ich rund 10 Kilos innerhalb von 2 Monaten abgenommen. Manche haben mich vorsichtig auf meine Veränderung angesprochen. Ich blockte ab und hab versucht, sofort das Thema zu wechseln. Noch vor ein paar Monaten war ich immer gut aufgelegt, habe Späße betrieben. Jetzt ist meine ansteckend positive Arbeitseinstellung ohne es zu wollen flöten gegangen. Wann werde ich die Kollegen, von denen mir manche sehr ans Herz gewachsen sind, wiedersehen?

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag mache ich wieder so gut wie kein Auge zu – auf dem Weg zum Arzt frage ich mich, wie lange ein Mensch es wohl ohne Schlaf aushält, ohne zusammen zu brechen oder verrückt zu werden! Das Warten kommt mir unendlich vor, wieder bohren die Blicke der wartenden Patienten faustdicke Löcher in meine Seele, Schweißperlen tropfen in die müden Augen, ich zittere – dann komm ich endlich an die Reihe. Meinem Arzt schildere ich in Kurzform meine Symptome und die Verschlechterung meines elenden Zustandes seit meinem letzten Besuch nach Ostern. Mit sorgenvoller Miene blickt er mich an und tippt einige Zeilen in seinen Computer. Er meine, er könne mich für 2 bis 3 Wochen krankschreiben und ich könne mich daheim erholen. Ich weiß aber, dass ich zuhause nicht abschalten kann, die privaten Dinge belasten mich vor allem zuhause. Ich benötige ordentliche, professionelle Hilfe – ich will in die Landesnervenheilanstalt Wagner-Jauregg nach Linz. „Okay, dann ist das wohl besser so!“, die Augen ganz ernst und die Stirn mit einer tiefen Falte. Auf die Frage, ob ich den Rettungsdienst in Anspruch nehmen will, verneine ich, lass mir den Einweisungsschein ausstellen und verlasse ganz aufgewühlt die Ordination. Die Ordinationshilfe wünscht mir noch gute Besserung – ich denke, das sei wohl ihre Standardverabschiedung, würde wohl in ihrem Beruf immer gut passen – wie solle sie auch wissen, wie schlecht es mir tatsächlich geht. 

„Mama, ich hab ein Burn-Out, ich fahr jetzt ins Wagner-Jauregg!“ Für einen Moment sprachlos entgegnet mir meine Mutter am Telefon, dass Papa und sie mich in die Anstalt bringen werden. „Das ist viel zu gefährlich. Du darfst nicht selber fahren! Andi, warum hast du denn nicht viel früher etwas gesagt…!??!“ Am Weg nach Linz quälen mich meine Eltern mit Fragen nach dem Warum, ich schweige dazu, wische mir Tränen von den Wangen… Nach einer halben Stunde am Ziel angekommen, springe ich mit meiner Tasche aus dem Auto und laufe geradewegs in die Anstalt. Mama erzählte mir später, ich sei regelrecht geflüchtet. Ich melde mich bei der Empfangsdame an, ich heule, schäme mich, bin ganz aufgelöst. Einige Monate früher habe ich eine nahe Bekannte hier besucht und ich hatte eine gewisse Abneigung gegen diese Institution gespürt. All den Patienten konnte man an ihren Gesichtern ihr Leid ansehen. Blasse, leere Gesichter. Damals war ich froh, als der Besuch vorbei war und hoffte, hier nie wieder auf Besuch, geschweige zu einer Behandlung herkommen zu müssen. Nun bin ich also genau hier gelandet, es schnürt mir wieder meinen Brustkorb zusammen. Die Dame drückt mir einen Zettel mit der genauen Abteilung in die Hand, erklärt mir den Weg und gibt mir zugleich ein bemitleidendes Lächeln mit auf diesen. Ich irre durch die Gänge und Hallen, gelange an offene und verschlossene Türen, es erscheint mir wie ein Labyrinth, bis ich nach mehrmaligen Nachfragen und einer gefühlten Ewigkeit an der richtigen Stelle ankomme. Ich wiederhole meine Geschichte bei einer Ärztin, bemerke, dass mein Pulli feuchte Stellen vom Schweiß und Tränen aufweist. Nach dem Ausfüllen von Formularen und Zetteln, Fragen nach Symptomen, Vorerkrankungen, Medikation, etc., etc. und ein paar internen Telefonaten die ernüchternde Aussage: „Nun, wir sind stark überbelegt, Sie haben die Wahl, entweder Sie kommen nächste Woche wieder und wir reservieren Ihnen vorab ein Bett, oder Sie legen sich einstweilen auf der Station auf den Gang in ein Notbett!? Mir platzt fast der Kragen, muss mich beherrschen um nicht los zu brüllen, als ein Arzt mit etwas längerem, graumeliert-lockigem Haar und modischer Brille mit Gläsern ohne Fassung auf der Nase reinkommt. „Dr. Leber“ steht auf seinem Namensschild seines weißen Mantels. Er macht einen sehr sympathischen Eindruck auf mich, sehr sicher im Auftreten, eloquent. Er sieht mich an, erkundigt sich bei seiner Kollegin nach der Situation, führt ein kurzes Telefongespräch und erklärt mir, dass ich auf seiner Station aufgenommen werden könne, da er heute zwei Patienten entlassen werde. „Kopf hoch, das kriegen wir schon wieder hin!“

 Ein Zivildiener nimmt meine Tasche und begleitet mich in die Abteilung NOZ 3 – wenigstens muss ich mich nicht alleine auf den Weg machen – ich fühle mich nicht imstande in diesem Labyrinth das angegebene Ziel zu erreichen. Mein Orientierungssinn hat mich im Stich gelassen. Lange, dunkle Gänge, Stiegen auf, Stiegen ab, Aufzüge rein und raus, der typische Krankenhausgeruch… da sind wir. Irgendwo im letzten Eck des Irr(?!)gartens befindet sich die Abteilung NOZ 3. Wieder langes Warten, Anmeldungen, Formulare, die gleichen Fragen... Hin und wieder schleichen Gestalten im grünen Anstaltspyjama vorbei und werfen mir Blicke zu, die geprägt sind von leerer Gleichgültigkeit. Ich sehe in Augen hinter denen sich die Ängste manifestiert haben, durch Medikamente aber weit ins Innere der Seele zurückgedrängt wurden. Andere Patienten wirken überraschender Weise ausgesprochen fröhlich. Später lerne ich von der manischen Depression.

Konrad, ein Stationspfleger, strahlt eine positive Energie aus. Er will mir Mut zusprechen. „Solche Phasen macht fast jeder mal im Leben durch. Das geht vorüber – wirst sehen!“ Während wir noch auf das Freiwerden des Zimmers warten, erzählt er mir ein paar Anekdoten aus seinem Leben (welche ich aber nicht mehr im Gehirn gespeichert habe, irgendwas von seiner Fußballkarriere, die durch eine Verletzung beendet wurde). Konrad ist ein lustiger Typ, lacht viel. Ich denke, dass man solch fröhlichen, starken Charakter braucht, um hier in der Klapsmühle zu arbeiten. Meine trübe Stimmung kann er nur sehr bedingt anheben. Nach unendlich langer Zeit (wie bereits erwähnt war mein Zeitgefühl schon sehr eingeschränkt – gefühlt dauerte es aber mehrere Stunden) werde ich in mein Zimmer gebracht. Ist das jetzt meine ersehnte Oase, in der ich endlich meine Ruhe finden kann – in der sich der Geist, die Seele und mein Körper regenerieren werden und ich wieder fit für die Arbeitswelt und das grausame Leben da draußen werde?

Schlafen kann ich sowieso nicht, also drehe ich eine Runde in der Abteilung. Sie wirkt trostlos, finster, kalt. Anders als die Abteilung und das helle Zimmer in dem ich noch vor ein paar Wochen den Besuch abgestattet hatte. Ich bin im sogenannten Altbau untergebracht – die Gemäuer stammen aus den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts. Erst allmählich wurde die Nervenanstalt ausgebaut und modernisiert. In den Gängen hängen große Bilder in schwarz-weiß aus den Anfängen der Klinik. Die Bilder versprühen zusätzlich Angst. Sie erinnern eher an Tierversuche als an Behandlungen von psychischen Erkrankungen. In den Katakomben wurden die Irren damals geknechtet und geknebelt, versucht die bösen Geister aus ihnen auszutreiben, um sie wieder „normal“ werden zu lassen. In Sichtweite der Rezeption erblicke ich viele kleine Monitore. Auf jeden einzelnen ein Raum, vielleicht zehn Quadratmeter groß. Ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch, ein Kästchen – und jeweils ein Patient. Ein Gefängnis…! „Das ist die Geschlossene – für die harten Fälle!“ erzählt Konrad. „Einige wollten sich das Leben nehmen. Und zu ihrem eigenen Schutz werden sie jetzt mal ne Weile da drinnen verbringen.“ Wieder überkommt mich ein Gefühl des Kotzens. Die Leute da drinnen werden rund um die Uhr überwacht – „die Geschlossene“ … weggeschlossen und alleine gelassen im Kampf mit der faulig-kranken Seele! So gut wie alles wurde ihnen abgenommen. Keine eigene Kleidung, kein Gürtel, keine Krawatte, keine Schnürsenkel – also keine „gefährlichen“ Gegenstände, mit denen sie sich selbst schädigen könnten. Das Essen wird natürlich ohne Messer serviert. Die Einnahme von Tabletten wird streng überwacht. Oh Gott – nur nicht da drinnen landen – das ist die Vorkammer zur Hölle!

Schon bald merke ich, dass dies hier drinnen nicht die von mir ersehnte Erholungsstätte sein wird. Immer wieder und wieder muss ich meine „Geschichte“ vortragen – diversen Ärzten und Therapeuten. Es ist Freitagabend – das Wochenende solle ich mal nur da sein, es nützen um Ruhe zu finden – die Therapien gehen erst montags los – na toll! Nein, es wird in der Tat keine Erholungsstätte!

 Ich treffe Mitpatienten – manche sind schon wochenlang hier herinnen. Großteils schwer Drogen- und/oder Alkoholabhängige. Ich denke an das Namensschild des Arztes: Doktor LEBER – echt passend! Sollte da mein Arzt nicht besser Doktor HIRN oder Doktor SEELE heißen?! Würde das Ganze nicht mich selbst betreffen, so müsste ich jetzt wohl schmunzeln. Mein Zimmerkollege Josef ist schon zum dritten Mal hier. „Es ist nicht schlecht. Man kann reden – und ist vom Alk weg. In ein paar Tagen bin ich wieder raus. Mal schaun wie lang ich es dann aushalte. Hahaha…! “ Er ist nur ein wenig älter als ich, hätte ihn aber um mindestens 10 Jahre älter geschätzt – der ständige Alkoholkonsum hat ihn schwer gezeichnet, faulige Zähne, aufgedunsenes, rotes Gesicht. Er hat ein auffällig lautes Lachorgan, lacht über alles, ob es nun tatsächlich lustig ist oder auch nicht. Man hört ihn schon von der Ferne, man glaubt sein Zwerchfell schlägt Saltos. „Gute Nacht, haha, schlaf gut, hahaha…!“ Leider ist nicht nur sein Lacher, sondern auch sein Schnarchen extrem. Na super, da ist an Schlaf wieder nicht zu denken, schießt es mir in den Kopf, als er innerhalb von wenigen Minuten einschläft und der Raum zu beben scheint. Nach einer Stunde hole ich mir Ohropax vom Abteilungsstützpunkt – nur 2 bis 3 Stunden seichter Schlaf ist mir in dieser ersten Nacht gegönnt.

Andere „Mitstreiter“ sind ungepflegt und stinken. Alle paar Tage werden sie von den Pflegern zum Duschen zwangsverpflichtet. Auffällig ist auch, dass viele einen „Tick“ haben. Manche kratzen sich ständig. Ein relativ junger Bursche wirft ununterbrochen sein Feuerzeug von einer Hand in die andere und greift sich dazwischen immer wieder in den Schritt. Nicht mal beim Essen lässt er das Feuerzeug aus. Ein Kurde, der aus seiner Heimat flüchten musste, läuft den ganzen Tag den Flur rauf und runter. Nur manchmal bleibt er stehen, wackelt mit dem Kopf hin und her und läuft dann wieder weiter. Er wird nach Josefs Entlassung mein Zimmerkollege. Einmal schnorrt er mich um eine Zigarette und um ein paar Euro an. Dabei sieht er mit seinen rotgelben finsteren Augen durch mich hindurch. Der Geruch des kalten Rauchs, vermischt mit einer penetranten Körperausdünstung kriecht in meine Nase – wieder dieses Kotzgefühl. Er ist um 2 Köpfe kleiner als ich, der Versuch mir einzureden, wie arm und hilflos er sei, schlägt fehl – ich habe große Angst vor ihm. Zigarette habe ich keine, die 5 Euro schenke ich ihm, damit er mich in Ruhe lässt - nicht, dass er mir noch etwas antut!

Oh Gott, wo bin ich da gelandet? Die sind ja alle komplett verrückt! Es beginnt mir allmählich zu dämmern – ICH bin auf dem besten Wege, auch verrückt zu werden.

Pünktlich um 7 Uhr werden wir geweckt. Wobei dies wohl der falsche Ausdruck ist – liege ich doch schon seit Stunden wach und warte angespannt auf den Pfleger, um mich von meiner Nachtunruhe zu befreien. Kurze Katzenwäsche und ganz bleiern trotte ich in den Speisesaal. Er ist fast vollständig gefüllt – und doch herrscht eine unheimliche Leere und beängstigende Stille im Raum. Nur vereinzelt nehme ich das Klappern des Geschirrs oder das Räuspern und Schlürfen der Patienten wahr. Keine Gespräche – niemand will seine Innenwelt mit anderen teilen… Nach dem Frühstück, Blutdruck messen und Tablettenverteilung geht’s zur täglichen Morgenrunde. Dabei sitzen alle Patienten mit den Ärzten und Therapeuten im Kreis und jeder einzelne soll ein paar Sätze erzählen, warum er hier ist, welche Therapien er am Vortag hatte, was auf seinem heutigen Stundenplan steht und wie es ihm heute denn so gehe. Ich hasse solche Vorstellrunden, finde sie lästig und unangenehm und halte mich darum immer so kurz wie möglich. Es geht keinen etwas an, was mit mir passiert ist und wie es in mir drinnen aussieht. Ich merke dabei auch, dass so ziemlich alle Patienten der Runde andere Probleme haben als ich. Es ist in erster Linie von Süchten und Zwängen die Rede. Kann ich hier überhaupt die für mich angemessene Therapie erhalten? Würde ich nicht in einer anderen Abteilung viel besser aufgehoben sein? Ich fühle mich ausgebrannt und von Angstviren befallen – und habe keine Abhängigkeit von irgendwelchen Suchtgiften!

Es tut einfach nur so weh …zu lachen, obwohl man lieber weinen würde …zu schweigen, obwohl man lieber schreien würde …zu essen, obwohl man lieber kotzen würde …zu kämpfen, obwohl man lieber aufgeben würde!

Mein Stundenplan sieht relativ verwaist aus. Meist sind nur zwei, drei Einheiten pro Tag eingetragen. Somit versteht sich von selbst, dass sich so ein Tag zieht wie ein Strudelteig. Morgens eine Einheit Musiktherapie, dann Sporttherapie, nachmittags dann vielleicht noch eine Stunde Kunsttherapie. Stunden werden zu Tagen – Tage fühlen sich wie Wochen an. Nein, ich habe mir das alles ganz anders vorgestellt! Ich dachte, ich werde ständig dabei sein, mit diversen Beschäftigungstherapien und Gesprächen mit Psychologen einen Weg aus der Krise, der Depression, dem Burn-Out, dem Tief oder wie auch immer man es bezeichnen will, zu finden.

Gespräch Dr. Jesina – Psychotherapeut

Mitte der ersten Woche habe ich dann doch mein erstes längeres Gespräch mit einem Psychologen. Ich habe ein gemischtes Empfinden. Kann er mir helfen? Wie würde dieser Seelenstriptease verlaufen? Nun, rein von der Optik spielt es sich anders ab, als wie man sich eine Therapie beim Psychologen vorstellt. Ich liege weder auf einer dunklen Couch, noch hat der Psycho-Doc einen weißen Kittel an, noch sind irgendwelche weisen Sprüche oder abstrakte Bilder aufgehängt. Herr Jesina ist um die Fünfzig, groß mit einem „Wohlstandsbäuchlein“. Er wirkt lässig, mit ausgewaschener Jeans, Poloshirt und Lederjacke. Ich könnte mir vorstellen, dass er ein Kumpeltyp ist, mit dem man gerne nach der Arbeit mal auf ein Bierchen geht und sich gemütlich ein Fußballspiel anschaut. Er begrüßt mich mit einem äußerst kräftigen Händedruck und geleitet mich in ein Zimmer im hinteren Bereich der Abteilung. Mit Schreibblock und Kugelschreiber bewaffnet nimmt er gegenüber von mir Platz. Die Sonne scheint durchs Fenster und blendet mich. Ich bitte ihn, die Vorhänge vorzuziehen, da meine Augen extrem lichtempfindlich reagieren.

„Herr Pammer, ich habe mich kurz über Sie informiert, weiß aber nur das, was hier in ihrer Akte steht. Das interessiert mich vorerst mal nicht. Erzählen Sie mal, was in Ihnen so vorgeht, warum Sie hier sind und wie Sie meinen, dass ich Ihnen helfen kann!“ Einige Zeit sitze ich da und stammle nur vor mich hin. Eigentlich habe ich das alles ja eh schon gefühlte fünfzig Mal in den letzten Tagen erzählt – ich erzähle von den niedergeschlagenen Phasen, der Gereiztheit und Überforderung, von meinen großen privaten Problemen, den Schlafstörungen, etc.

Herr Jesina hört mir aufmerksam zu, macht sich Notizen, kratzt sich hin und wieder am Kinn und stellt mir kurze Zwischenfragen. „So, jetzt haben Sie mir ja schon eine Menge erzählt. Nun möchte ich Ihnen ein paar Fragen stellen. Doch bevor ich beginne und Sie antworten, sollten Sie wissen, dass absolut alles, was Sie mir erzählen, nicht nach außen dringt. Ich kenne Sie nur seit ein paar Minuten, ich mache hier meinen Job. Ich bin kein Richter, kein Schuldzuweiser und Sie müssen mir gegenüber keine Rechenschaft ablegen. Das soll heißen, Sie können sich mir voll anvertrauen, mir alles entgegenwerfen, was sie belastet, Sie beschäftigt, was Sie so erlebt und getan haben. Nur wenn Sie sich mir öffnen, habe ich die Chance Ihnen zu helfen, okay?“ Mit einem Augenzwinkern und einem kurzen Lächeln vermittelt er mir ein Gefühl einer gewissen Sicherheit. Anfangs ist es so, als ob er nur meine Personalien aufnimmt. Alter, Wohnort und Wohnsituation, Familienstand, Schulbildung, Arbeit, Eltern, Krankheiten in der Vergangenheit, Hobbys, Freundeskreis, etc. Alles notiert er penibel genau. Ich frage mich, wozu er wohl all diese scheinbar unwichtigen Infos braucht. Es ist, als wolle er ein „Täterprofil“ erstellen. Allmählich beginnt mich die Fragerei zu nerven. Ich dachte, wir würden an meinen aktuellen Problemen arbeiten, er könne mir Ratschläge geben und Wege und Mittel aus meinem Dilemma zeigen.

„Wie war Ihre Kindheit, Ihre Jugend, gab es bestimmte außergewöhnliche Ereignisse?“ Ich entgegne, dass ich eine sehr schöne und unbeschwerte Kindheit genoss, es mir an nichts fehlte. „Sie haben Geschwister, Herr Pammer?“ „Eine jüngere Schwester, zu der ich ein sehr gutes Verhältnis habe – und ich hatte einen Bruder der bei einem Autounfall ums Leben kam.“ Der Psychologe ist noch bei der letzten Notiz, als er aufsieht und fragt: „Ach so? Das tut mir leid. Erzählen Sie bitte davon.“

Und so schildere ich, was sich am 14. Oktober 1980, so um die Mittagszeit, unweit unseres Elternhauses in Reichenau zutrug. Wie ich mit meinen erst sechs Jahren mit ansehen musste, wie mein um eineinhalb Jahre älterer Bruder Martin beim Queren der Straße frontal in ein Auto rannte, durch die Luft geschleudert wurde und auf der Stelle tot war. „Das Ganze nur wenige Meter von mir entfernt!“ Hmm, bei diesen Schilderungen merke ich, dass ich dieses schreckliche Ereignis schon lange nicht mehr so detailgetreu in meine Erinnerungen gerufen habe und ganz weit hinten in meinem Kopf abgelegt und gespeichert wurden. Sie wurden sozusagen ad acta gelegt, doch sind die Bilder des Zusammenstoßes, der entsetzten Gesichter, des Chaos, der Verzweiflung und Trauer noch glasklar abrufbar. Auch das Quietschen der Autoreifen, der Knall, der Aufschrei meines Vaters (er hatte es von der Ferne hilflos mit ansehen müssen) schallen noch in meinen Ohren. Da liegt er, mein geliebter, toter Bruder! Regungslos, tot. Die folgenden Momente mit Notarzt, Blaulicht, die Menschentraube, die sich um das Geschehen gebildet hat, das Weinen und Wimmern der Eltern, Bekannten und Verwandten auf der Beerdigung – all das läuft nun wieder ab wie in einem Spielfilm. Ich erzähle auch, wie ich kurze Zeit nach diesem traumatischen Ereignis zum Bettnässer wurde. Ich hatte Schlafstörungen und bin oftmals schlafgewandelt…

Dieser Vermerk in Herrn Jesinas Notizblock war etwas ausführlicher und mit einem dicken Rufzeichen versehen.

Auch an meine Erinnerungen an die Schulzeit ist Herr Jesina interessiert. Er versteht es, mich mit gekonnten Fragen allmählich von meiner Fassade hervor zu locken. Und so kommt es, dass ich ein Thema anspreche, über das ich höchst ungern rede: Diese Zeit in der Schule, da war dieser Lehrer, gleichzeitig auch mein Klassenvorstand - ein kleiner, abgezwickter Gnom, mit Glatze und Schnauzbart. Ich erinnere mich noch an den Geruch seines billigen, immer mehr als reichlich aufgetragenen Rasierwassers. Die Demütigungen, dieser entwürdigende Umgang mit mir. Zu diesem Lehrer hatte ich seit unserer ersten Begegnung kein gutes Verhältnis. Er war mir von Anfang an unsympathisch. „Einen wuuunderschönen guten Mooorgen. Ich heiße Magister … und ich bin euer Klassenvorstand. Wir werden vermutlich die nächsten fünf Jahre gemeinsam hier herinnen verbringen dürfen.“ Sein Grinsen hatte sich über die Jahre in mein Hirn gefressen – pfui Teufel! Tja „Einen wuuunderschönen guten Mooorgen“, das war seine tägliche Begrüßung – ich hasste diese Worte aus seinem Maul, da es keinesfalls und niemals ein schöner Morgen wurde, wenn ich sein Antlitz erblicken musste. Nein, ich mochte ihn nicht. Doch dass diese nächsten fünf Jahre mein Leben so negativ prägen würden – darüber war ich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Klaren. Und als ich dann auch noch die erste Schularbeit vermasselte und als einziger ein „Nicht Genügend“ ausfasste, hatte er mich auf seiner Schaufel. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit versuchte er mich vor der ganzen Klasse bloß zu stellen. Ich musste an der Tafel vorrechnen, hatte ich einen Fehler, kamen Meldungen wie „Tja, der Pammer, was mach ich nur mit dir? Komm setz dich nieder, du kapierst es sowieso nie!“ Ich gehörte zu seinen – wie er sie immer nannte – Kellerkindern. Problemkind Numero Uno: Pammer! Es verging keine Lehrstunde, in der er nicht mindestens einen abwertenden, beleidigenden Kommentar oder eine Geste nach dem Motto „du Nichtsnutz“ in meine Richtung ließ. Oft musste ich vor der Klasse laut vorlesen und bei dem kleinsten Fehler oder Unsicherheit lachte er laut auf: „Nicht mal ordentlich lesen kannst du!“ Montags kamen oft so Bemerkungen wie: „Na, habt ihr gestern wieder beim Fußball verloren? Hundstruppe! Wäre besser, du würdest diese sinnlose Zeit zum Lernen nutzen.“ Ständige Sticheleien, Beleidigungen standen an der Tagesordnung. Und es machte ihm sichtlich Spaß zu sehen, wie ich mich aus Scham, Angst und Unsicherheit immer weiter in mein Schneckenhaus zurückzog. Er ergötzte sich förmlich an meinem Leiden und dem Schaden den er mir durch sein perverses Verhalten zufügte. Problemkind Pammer – ich hatte nicht nur ein Problem, ich bin das Problem!

Allmählich verlor ich mein ganzes Selbstbewusstsein und aus der Unsympathie entwickelte sich purer Hass gegen diese Person. Vor jeder Stunde mit diesem Monster hatte ich Angst und es war eine Erleichterung, wenn die Pausenglocke die Unterrichtseinheit beendete. Ich wünschte diesem Unmenschen alles Schlechte. Wenn ihn doch der Blitz treffen könnte oder ihm ein Felsbrocken auf seine Glatze donnern würde…! Sobald ich ihn erblickte, drehte sich mein Magen um und Angstschweiß schoss aus meinen Poren. Ja, dieser „Pädagoge“ hat mir damals jeglichen Selbstwert genommen. Manchmal habe ich mir überlegt, ob ich nicht sein Auto manipulieren sollte oder sonst welche schlimmen Gedanken kamen mir in den Sinn. Zuvor – in der Hauptschulzeit – hatte ich kein Problem damit, vor mehreren Leuten zu sprechen. Ich war eher einer, der gerne im Mittelpunkt stand, Klassensprecher, Rädelsführer, Mädchenschwarm. Doch dies änderte sich immens. Noch viele Jahre nach der Matura hatte ich daran zu leiden, hatte bestimmte Komplexe und traute mir wenig zu. Lange Zeit hatte ich Alpträume, in denen mich immer wieder dieser Arsch verfolgte! Ach, wie ich ihn verabscheute.