Tierspuren Europas - Joscha Grolms - E-Book

Tierspuren Europas E-Book

Joscha Grolms

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Beschreibung

Dieses Standardwerk ist eine bis ins Detail durchdachte Tierspuren-Enzyklopädie für Einsteiger und Fortgeschrittene, mit 1100 Fotos und 500 Zeichnungen optisch und didaktisch hervorragend aufbereitet. Es enthält eine Einführung in die Grundlagen des Fährtenlesens, genaue Beschreibungen und Maße der Trittsiegel und Gangarten, dazu Gegenüberstellungen häufig verwechselter Arten sowie Vergleichstafeln der Fußspuren von Säugetieren und Vögeln in Lebensgröße. Die Spuren und Zeichen der Säugetiere Europas werden in ausführlichen Porträts vorgestellt. Das Buch behandelt darüber hinaus Fuß- und Fraßspuren, Nester, Bauten und weitere Spuren der wichtigsten Vögel, Reptilien, Amphibien und Wirbellosen.

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Seitenzahl: 742

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Joscha Grolms

TIERSPUREN EUROPAS

Spuren und Zeichen bestimmen und interpretieren

Mit Spuren und Zeichen von Säugetieren, Vögeln, Reptilien, Amphibien, Insekten und anderen Wirbellosen

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Geleitwort

Vorwort

Dank

EINFÜHRUNG

Entstehung des Buches

VERWENDUNG DES BUCHES

Aufbau der Artbeschreibungen im Säugetierteil

Spurenformel der Säugetiere

Verwendete Abkürzungen und Symbole

FÄHRTENLESEN LERNEN

Traditionelles Fährtenlesen

Fünf Routinen für Fährtenleser

Auswirkungen des Untergrunds auf Trittsiegel, Spurbild und Tierverhalten

Altersbestimmung von Trittsiegeln

Fährtenleseretikette

Angewandtes Fährtenlesen

SÄUGETIERE

VORKOMMEN, BIOLOGIE UND ÖKOLOGIE

Verbreitung und Lebensraum

Fortpflanzung und Geschlechtsdimorphismus

Ernährung

Sinne

FUßMORPHOLOGIE UND TRITTSIEGEL

Aufbau des Fußes

Aufbau und Merkmale der Trittsiegel

Vermessen der Trittsiegel

GANGARTEN UND SPURBILDER

Gehen und Rennen

Vermessen der Spurbilder

BESTIMMUNGSHILFE FÜR TRITTSIEGEL VON SÄUGETIEREN

ZEICHEN BESTIMMEN UND INTERPRETIEREN

Bestimmungshilfe für …Kot, Urin und andere Ausscheidungen

Fraßspuren an krautigen Pflanzen, Sträuchern und Pilzen

Fraßspuren und andere Zeichen an Bäumen

Fraßspuren an Früchten und Nüssen

Fraßspuren an Tierkadavern

Zeichen am Boden: Betten und Ruheplätze, Staub- und Schlammbäder, Kratzspuren, Grabspuren, Erdhaufen, Erdlöcher und Baue

INSEKTENFRESSER

Igel

Braunbrustigel

Erinaceus europaeus

Spitzmäuse

Soricidae

Eurasische Maulwürfe

Talpa

FLEDERMÄUSE

HASENARTIGE

Feldhase

Lepus europaeus

Schneehase

Lepus timidus

Wildkaninchen

Oryctolagus cuniculus

NAGETIERE

Hörnchen

Eichhörnchen

Sciurus

Alpenmurmeltier

Marmota marmota

Ziesel

Spermophilus

Bilche oder Schläfer

Gliridae

Eurasischer Biber

Castor fiber

Nutria

Myocastor coypus

Wühlmäuse

Bisam

Ondatra zibethicus

Schermäuse

Arvicola

Echte Lemminge, Waldlemminge

Lemmus, Myopus

Feldmäuse

Microtus

Rötelmäuse

Clethrionomys

Feldhamster

Cricetus cricetus

Langschwanzmäuse

Waldmäuse

Apodemus

Zwergmaus

Micromys minutus

Hausmäuse

Mus

Ratten

Rattus

Eigentliche Blindmäuse

Spalax

Gewöhnliches Stachelschwein

Hystrix cristata

RAUBTIERE

Katzen

Luchse

Lynx

Europäische Wildkatze

Felis silvestris

Kleinfleck-Ginsterkatze

Genetta genetta

Ichneumon

Herpestes ichneumon

Hunde

Goldschakal

Canis aureus

Wolf

Canis lupus

Marderhund

Nyctereutes procyonoides

Polarfuchs

Vulpes lagopus

Rotfuchs

Vulpes vulpes

Bären

Braunbär

Ursus arctos

Marder

Fischotter

Lutra lutra

Vielfraß

Gulo gulo

Europäischer Dachs

Meles meles

Baummarder

Martes martes

Steinmarder

Martes foina

Waldiltis

Mustela putorius

Mauswiesel, Hermelin

Mustela nivalis, Mustela erminea

Mink oder Amerikanischer Nerz

Neovison vison

Waschbär

Procyon lotor

Walrosse, Hundsrobben

Odobenidae, Phocidae

PAARHUFER

Wildschwein

Sus scrofa

Hirsche

Elch

Alces alces

Europäisches Reh

Capreolus capreolus

Rentier

Rangifer tarandus

Damhirsch

Dama dama

Rothirsch

Cervus elaphus

Sikahirsch

Cervus nippon

Chinesischer Muntjak

Muntiacus reevesi

Wasserreh

Hydropotes inermis

Hornträger

Wisent

Bos bonasus

Moschusochse

Ovibos moschatus

Alpensteinbock, Iberischer Steinbock

Capra ibex, Capra pyrenaica

Gämse, Pyrenäen-Gämse

Rupicapra rupicapra, Rupicapra pyrenaica

Europäischer Mufflon

Ovis gmelini musimon

Hausschaf, Hausziege

Ovis gmelini aries, Capra aegagrus hircus

VÖGEL

FUßMORPHOLOGIE

Aufbau und Merkmale der Trittsiegel

GANGARTEN UND SPURBILDER

Gangarten

Spurbilder

Vermessen der Trittsiegel und Spurbilder

BESTIMMUNGSHILFE FÜR TRITTSIEGEL VON VÖGELN

ANISODAKTYLEN

Klassischer Vogelfußabdruck

Reiher

Graureiher

Ardea cinerea

Störche

Weißstorch

Ciconia ciconia

Ibisse und Löffler

Löffler

Platalea leucorodia

Habichtartige

Mäusebussard

Buteo buteo

Seeadler

Haliaeetus albicilla

Tauben

Ringeltaube

Columba palumbus

Rabenvögel

Elster

Pica pica

Eichelhäher

Garrulus glandarius

Dohle, Aaskrähe (Raben- und Nebelkrähe), Saatkrähe

Coloeus monedula, Corvus corone, Corvus frugilegus

Kolkrabe

Corvus corax

Sperlingsvögel

Zaunkönig

Troglodytes troglodytes

Amsel

Turdus merula

Star

Sturnus vulgaris

Haussperling

Passer domesticus

Buchfink

Fringilla coelebs

„TRIDAKTYLEN“

Klassischer Vogelfußabdruck mit reduzierter oder fehlender Hinterzehe

Fasanenartige

Wachtel

Coturnix coturnix

Rebhuhn, Rothuhn

Perdix perdix, Alectoris rufa

Fasan

Phasianus colchicus

Raufußhühner

Auerhuhn

Tetrao urogallus

Kraniche

Kranich

Grus grus

Rallen

Teichhuhn

Gallinula chloropus

Blässhuhn

Fulica atra

Trappen

Großtrappe

Otis tarda

Zwergtrappe

Tetrax tetrax

Regenpfeiferartige

Austernfischer

Haematopus ostralegus

Säbelschnäbler

Recurvirostra avosetta

Regenpfeifer

Schnepfenvögel

Flussuferläufer

Actitis hypoleucos

Waldschnepfe

Scolopax rusticola

Bekassine

Gallinago gallinago

Wasserläufer

Tringa

Großer Brachvogel

Numenius arquata

PALMATEN

Vogelfußabdruck mit Schwimmhäuten zwischen Zehen 2–4

Rosaflamingo

Phoenicopterus roseus

Entenvögel

Stockente

Anas platyrhynchos

Krickente

Anas crecca

Graugans

Anser anser

Höckerschwan

Cygnus olor

Tauchenten, Meerenten und Säger

Aythyini, Mergini

Möwen

Larus

Seeschwalben

Sternidae

TOTIPALMATEN

Vogelfußabdruck mit Schwimmhäuten zwischen Zehen 1–4

Pelikane, Kormorane

Pelicanidae, Phalacrocoracidae

ZYGODAKTYLEN

Zygodaktyler Vogelfußabdruck

Eulen

Tytonidae und Strigidae

Spechte

Picidae

ZEICHEN DER VÖGEL

Nester

Gewölle

Kot

Fraßspuren

Andere Zeichen

AMPHIBIEN UND REPTILIEN

SPUREN

Salamander und Molche

Salamandridae

Frösche und Kröten

Anura

Echte Eidechsen

Lacertidae

Geckos

Gekkonidae

Schlangen

Serpentes

Schildkröten

Testudinata

ZEICHEN

Laich

Kot

Erdlöcher

INSEKTEN UND ANDERE WIRBELLOSE

SPUREN

Käfer

Coleoptera

Schmetterlingsraupen und andere Insektenlarven

Lepidoptera und andere Insektenordnungen

Heuschrecken

Orthoptera

Steinfliegen

Plecoptera

Tausendfüßer

Diplopoda

Hundertfüßer

Chilopoda

Skorpione

Scorpiones

Webspinnen

Araneae

Flusskrebse

Astacoidea

Gemeine Strandkrabbe

Carcinus maenas

Wegschnecken, gehäusetragende Landschnecken

Arionidae, Helicidae und andere

Regenwürmer

Lumbricidae

ZEICHEN

An Bäumen und Baumrinde

Fraßspuren an Blättern

Andere Zeichen an Blättern

Andere Zeichen

Eier

Gespinste und Kokons

Nester und Verschlüsse

Bohrungen und Löcher

Straßen, Trichter und Tunnel

Erdhaufen und Erdwälle

Fraßspuren

Kot und Überreste

ANHANG

Literatur (Auswahl)

Erklärung von Fachausdrücken

Vorlagen Spurendokumentation und Kartografieren

Der Autor

Bildquellen

Impressum

Spurenformel der Säugetiere

Verwendete Abkürzungen und Symbole

GELEITWORT

Wildlife tracking skills are real and can be learned by anyone with patience and persistence, especially if they hold a good guidebook to help them get started. In short, tracking is the sum skills of identifying and interpreting the physical signs animals leave in their wake. For those of you who invest the time to be able to interpret footprints and other signs, you will both become aware of and be able to find the animals that surround you. Through tracking, you will engage in real relationships with real animals in a real world.

I know of no better way than studying tracks and other signs to see and experience the relationships between wildlife species, flora and fauna, and the biotic and abiotic components of ecosystems. Tracking grounds us in the natural history of a place, while simultaneously highlighting the individual personalities and tendencies of different animals. I encourage you to find purpose to learning tracking skills, as purpose will push your skills to new levels. Hunting for meat, hunting for photographs, search and rescue, education, wildlife monitoring, wildlife research and conservation are but some of its varied applications.

Guidebooks like this one that aid us in interpreting tracks and signs, are vital contributions to human communities—they kindle love of place, of wildlife, and make us aware of ecological health. Guidebooks that unlock new worlds of experience for their readers are powerful conservation tools when placed in the right hands. Myself, I own 123 tracking books from around the world. Each teaches me something, but I’m drawn to those that provide deep and comprehensive information about the diversity of signs made by wildlife—the heavy books, filled with details the casual natural historian might find disinteresting or even intimidating.

My own inspiration came from Preben Bang and Preben Dalhstrom’s landmark guide, Collin’s Guide to Animal Tracks and Signs, first translated into English in 1974. At the time, it was the most comprehensive guide to animal signs ever written. Since then, numerous authors have strived to contribute something to the field, to expand to what was shared by Bang and Dahlstrom. But it was decades before another book came close to their comprehensive work. It was a full 50 years, until this very moment in fact, that a guide to the wildlife tracks and signs of Europe became available that truly surpassed them.

The paramount skill of the tracker, and indeed any field scientist is humility. Know your limits. You will always find sign you will be unable to interpret and you will always continue to make mistakes in your interpretation regardless of your level of expertise. But take solace in knowing that the best trackers in the world often make mistakes. Tracking requires deliberate concentration and an attention to detail. The act of creating guidebooks to help others reliably differentiate between similar footprints and other signs requires even more focus, intensity, and tenacity than tracking itself, and a touch of stubbornness as well. Few people can maintain the effort of will required to produce something truly comprehensive.

Let me be the first to introduce you to Joscha Grolms. Joscha is all of these things—focused, intense, and more. He is a passionate, patient and humble human being. His new guide to wildlife signs of Europe sets a new standard and one to which all books following will be compared. His illustrations are both beautiful and accurate. He reveals details born of careful observation to help you differentiate among the signs of very similar species, and a greater diversity of animal footprints and signs than any other guide to the region. He gathered the data needed to describe and illustrate the varied gaits used by wildlife. He created thoughtful keys to lead readers to relevant sections, so as to make his comprehensive work more accessible, more useful. He selected around 1 000 images of wildlife tracks and other signs to provide visual aid in their interpretation. Joscha’s book betrays both his obsession with and love for the subject. His work is a gift not just to Europe but the entire world interested in natural history, wildlife, animal tracking, and conservation.

In your hands you hold the most comprehensive guide to wildlife tracks and signs of Europe ever produced. Appreciate the effort that molded it. Appreciate the man. Thank you, Joscha, for your contribution to the field.

Mark Elbroch, Master Tracker USA Autor des Buchs „Mammal Tracks and Sign: A Guide to North American Species.“

Mehr über Mark Elbroch: https://markelbroch.com

VORWORT

„Jede Berührung hinterlässt eine Spur.“

Edmond Locard, Kriminalwissenschaftler und Pionier der Forensik.

Viele Wildtiere sind scheu und schwer zu beobachten, sodass sie für uns oft verborgen bleiben. Doch auch wenn wir sie nur selten zu Gesicht bekommen, hinterlassen sie fortwährend Spuren. Spuren, die wir wie Geschichten lesen können und die uns einen Blick in das verborgene Reich der Tiere ermöglichen.

Geschichten und Tiere begeistern mich schon seit meiner frühen Kindheit und als ich Anfang 20 mit dem Fährtenlesen in Kontakt kam, war ich fasziniert von der Möglichkeit, Tiergeschichten hautnah mitzuerleben. Die Fülle an Informationen in einem einzelnen Fußabdruck und die Tatsache, dass selbst winzige Spuren die Bestimmung einer Art ermöglichen, beeindruckten mich und ich lernte, Tierfährten zu folgen. Im wörtlichen Sinne „Schritt für Schritt“ mehr über ein Tier und seine Lebensweise zu erfahren zieht mich immer wieder aufs Neue in den Bann. Viele Momente und Eindrücke sind mir auch nach Jahren noch in Erinnerung, vor allem, wenn es zu Begegnungen mit Wildtieren kam.

Für viele Naturvölker war und ist die Kunst des Fährtenlesens eine Notwendigkeit, um sich mit Nahrung, Kleidung und Werkzeug zu versorgen. Die Fährten der Tiere zeigten Wasser, sichere Reiserouten oder mögliche Gefahren an und halfen, sich in einer Landschaft zu orientieren. Heute interessieren sich neben Jägern auch Wissenschaftler, Biologen und andere Naturliebhaber für Tierspuren und die vielseitigen Möglichkeiten der Fährtenkunde. Im Monitoring von Großraubwild wie Braunbären, Luchsen und Wölfen wird das Fährtenlesen wissenschaftlich angewandt und auch privat erfreut sich die Fährtenkunde wachsender Beliebtheit. In unsere Fährtenkurse kommen jedes Jahr Menschen unterschiedlichen Alters und mit verschiedenen Hintergründen, um gemeinsam Tierspuren lesen zu lernen. Die Mehrheit dieser Menschen ist überrascht und begeistert, wie viel mehr es bei einem ganz normalen Waldspaziergang zu entdecken gibt, wenn wir lernen, worauf es zu achten gilt, und sie bleiben auch nach den Lehrgängen aktiv und begeistert bei der Sache. Doch woher kommt diese Faszination? Vielleicht sind es die Freude am Knobeln oder die wohltuend entschleunigende Naturerfahrung, die uns in den Bann ziehen. Vielleicht ist es die herausragende Ortskenntnis, die durch das Lesen von Zeichen in der Landschaft entsteht. Für mich sind es die konkreten Beziehungen zum Land und zu den Tieren sowie das vertraute Gefühl der Zugehörigkeit, das daraus entspringt. In meiner Lehrtätigkeit werde ich immer wieder Zeuge, dass erwachsene Menschen wieder wie neugierige Kinder werden, die mit Spannung und Entdeckergeist die Welt erkunden und darauf brennen, Neues zu erlernen.

Im Kern geht es beim Fährtenlesen um Naturverbindung und eine erhöhte Wahrnehmung. Wir erleben die Natur mit unseren Sinnen und werden dabei von ihr berührt. Diese Berührung hinterlässt Spuren in uns, Spuren, die unser Verhalten nachhaltig beeinflussen. So ist Fährtenlesen eine Möglichkeit, bewusst am Leben teilzuhaben und sich mit der Welt verbunden zu fühlen.

Das vorliegende Buch ist das Resultat meiner anhaltenden Begeisterung für die europäische Fauna. Ganz gleich, ob Sie Fährtenlesen professionell oder privat betreiben, es ist meine Hoffnung, dass dieses Nachschlagewerk Sie dabei unterstützt. Außerdem hoffe ich, das Buch inspiriert Sie immer wieder dazu, Zeit in der Natur zu verbringen, und trägt zu einer wachsenden Bewunderung für die Spuren und Zeichen der Tiere bei.

DANK

Dieses Buch zu schreiben wäre für mich allein unmöglich gewesen. Ihm zugrunde liegt das über Generationen gesammelte Wissen von Naturforschern und Fährtenlesern. Ich habe die Spuren ihrer Arbeit aufgenommen und weiterverfolgt und doch sind alle auftretenden Fehler meine eigenen. Das Ausmaß dieses Projektes wurde mir erst über die Jahre des Schreibens deutlich und umso dankbarer bin ich für die zahlreiche und vielfältige Unterstützung. An dieser Stelle möchte ich mich bei all denen bedanken, die zum Gelingen dieses Buches beigetragen haben: Für das Angebot, dieses Buch zu schreiben, danke ich dem Verlag Eugen Ulmer und namentlich Herrn Ulf Müller für sein Lektorat sowie Frau Ina Vetter für ihre freundschaftliche und kompetente Betreuung. Ulfs Arbeit erinnert an den kunstvollen Feinschliff eines Goldschmieds, der ein Schmuckstück fertigt, und Inas Managementfähigkeit gleicht einer Zirkusartistin, die mit 5 000 Puzzleteilen jongliert. Ich danke Patrick Rösen, dem Leiter des Naturparkzentrums Uhlenkolk in Mölln, der den Kontakt zum Verlag Eugen Ulmer herstellte, sowie David Moskowitz, der mich durch seine Beispielexemplare von Exposé und Verlagsanschreiben bei den ersten Schritten unterstütze. Mein Dank gilt den Bildautoren, die durch ihre großzügigen Beiträge zu der umfangreichen Bilddarstellung der behandelten Spuren und Zeichen beitrugen. Bis auf wenige Ausnahmen sind alle Fotos hier zum ersten Mal veröffentlicht. Ich danke der Verwaltung des Biosphärenreservats Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft für die Betretungsrechte und Hinweise auf geeignete Plätze, um Tierspuren zu dokumentieren, außerdem Jörn Lies, der die Spurbildübersichten erstellt hat. Weiterhin danke ich Frau Stefanie Huck vom Retscheider Hof e.V. für ihre Beiträge der Tintenabdrücke von Mardern sowie Herrn Simon Capt vom Schweizerischen Zentrum für die Kartografie der Fauna (SZKF), der die Fachkorrektur dieser Tierporträts übernahm. Ich danke Moritz Krämer für seine fachkundige Begutachtung der Texte über die Feld-, Wald-, und Rötelmäuse. Für den Austausch von Daten und die Mitarbeit an den Artbeschreibungen ihrer Fachbereiche danke ich Frau Jennifer Hatlauf vom Goldschakal Projekt Österreich und der Universität für Bodenkultur in Wien, der Braunbärforscherin Frau Michaela Skuban aus der Slowakei und Frau Helene Möslinger von LUPUS, dem Institut für Wolfsmonitoring und -forschung in Deutschland. Ebenfalls danke ich Herrn Hielke Chaudron vom Moschusochsenzentrum in Tännäs, Schweden, sowie dem Insektenspezialisten Herrn Patrick Urban von der AG Westfälischer Entomologen, Herrn Toni Romani von CyberTracker Italien, Herrn Immo Meyer für das Einbringen seiner Wildkatzenexpertise sowie Herrn Markus Schwaiger vom Luchsprojekt Bayern. Für ihre umfassenden Kleinsäuger-Recherchen und ihre hilfreichen Rückmeldungen danke ich Frau Dr. Christine und Herrn Dr. Stefan Resch vom apodemus Institut in Österreich. Ich danke dem Schäfer Herrn Raphael Fuchs für das Einbringen seiner 20-jährigen Erfahrung mit Hausschafen und Ziegen sowie deren Fußabdrücken. Mein herzlicher Dank geht an Herrn Sygmund Komancza für die Pflege der Wisentherden in Bieszczady und sein Vertrauen, mich dort Spuren aufnehmen zu lassen. Mein Dank geht an Kriminaloberkommissar Herrn Aaron Tiedemann, der beruflich für die Spurensicherung an Tatorten zuständig ist und sich in seiner Freizeit leidenschaftlich mit Tierspuren befasst. Er erstellte exakt skalierte Kollagen für Größenvergleiche und brachte sein Fachwissen über Fraßbilder von Borkenkäfern ein. Dem Team von spurenjagd.de und namentlich Ulrike Quartier, Antje Beneken und dem Leiter der Biodatenerfassung von CyberTracker Deutschland, Holger Röhle, sowie Simone Roters von Erdwissen e.V. danke ich für die Sichtung und Vorauswahl der verwendeten Datensätze. Ich danke Dr. Wolfgang Schmidt für seine umfangreiche Stellungnahme zu dem Kapitel Fußmorphologie und Gangarten, dessen Präzision seiner Gründlichkeit und Hartnäckigkeit zu verdanken ist. Mein besonderer Dank gilt Dr. Andreas Wenger, der mir als ausgezeichneter Ornithologe und guter Freund zur Seite stand. Sein großzügiger Beitrag war für die Entstehung des Vogelteils von unschätzbarem Wert.

Ich danke den Teilnehmern der Wildniswissen-Fährtenkurse, die mich durch ihre vielen interessierten Fragen immer wieder aufs Neue dazu brachten, Tierspuren genauer zu beobachten, weiter zu lernen und mein Wissen in eine strukturierte, vermittelbare Form zu bringen.

Ein besonderer Dank geht an meine Kollegen von der CyberTracker Conservation, namentlich Louis Liebenberg, Mark Elbroch, René Nauta, John Rhyder, José Galan, Casey McFarland, George Leoniak und Nate Harvey. Danke für eure Faszination und euer Engagement für Wildtiere und ihre Spuren. Ihr interessiert euch mit einem Elan für Feinheiten, die sich so detailliert nur wenige anschauen. Neben höchst kompetenter Kritik schenkt ihr mir das Gefühl, zu einem Kreis von Gleichgesinnten zu gehören. Unsere gemeinsam geteilte Begeisterung ist mir eine fortlaufende Quelle von Inspiration und Motivation.

Ulrike Quartier führte mich in die Kunst der Tusche-Punkt-Zeichnungen ein und ist damit Mutter meiner Zeichnungen. Sie begleitete mich durch jeden meiner Texte, wurde zu einer wertvollen persönlichen Unterstützung und steuerte ehrenamtlich alle Tiersilhouetten sowie die Zeichnungen der Spitzmaus- und Vogelfüße bei. Ihrer Faszination für Spitzmausfüße sind die Erkenntnisse für die Unterscheidung von Rot- und Weißzahnspitzmäusen zu verdanken. Ihre Expertise als Grafikerin, Autorin, Künstlerin und Fährtenleserin sowie ihr Blick für etwas, das ich Spurästhetik nenne, wurden zu maßgeblichen Beiträgen.

Von Herzen danke ich meiner Mutter Marlis Grolms. Sie war die Erste, die meine Schritte auf diesen Pfad lenkte und die zu mir hielt, auch wenn meine Abenteuer ihr gelegentlich Bauchschmerzen bereiteten.

Ganz besonders danke ich meinen Mentoren und Vorbildern Wolfgang Peham, Tamarack Song, Abel Bean, Tony Kemnitz und Jon Young. Euer persönliches Engagement in meiner beruflichen und privaten Entwicklung säte den Samen, von dem dieses Buch eine Frucht ist. Tonys Enkel sagte einmal über seinen Opa und in Bezug auf die Kunst des Fährtenlesens, Tony besitze einen „Reichtum nutzlosen Wissens“. Wolfgang Peham zeigte mir, dass die Dinge, für die ich mich interessiere, wertvoll sind, und er war der Erste, der mich fortlaufend darin bestärkte, diese Interessen weiter zu verfolgen. Mit der Gründung der Wildnisschule Wildniswissen und den 25 Jahren seiner Pionierarbeit ebnete Wolfgang den Weg für dieses Buch. Persönlich danke ich ihm für zwei Jahrzehnte des aufrichtigen Interesses, die vielen guten und die unangenehmen Fragen, die mich immer wieder zum Nachdenken herausforderten, sowie sein anhaltendes Vertrauen in mich. Wolfgang half mir zu erkennen, dass Fährtenlesen nicht nur ein „Reichtum nutzlosen Wissens“, sondern eine außerordentlich wirksame Medizin zur Behandlung des weit verbreiteten Naturdefizitsyndroms ist (Richard Louv 2005).

Unter all den Menschen, die an der Entstehung dieses Buchs mitgewirkt haben, gab es eine, die jeden Augenblick für mich da war: meine Lebensgefährtin Laura Gärtner. Unsere geteilte Begeisterung für Tierspuren, ihr kritischer Blick und ihre Wortgewandtheit wurden zu einem unschätzbaren Wert für die Qualität dieses Buches. Sie begleitete mich auf vielen meiner Reisen in Europa, kreierte einen wesentlichen Teil des Trittsiegelschlüssels, übernahm sämtliche Erstkorrekturen und steuerte wichtiges Bildmaterial bei. Vor allem jedoch hatte sie immer ein offenes Ohr, Zeit und Verständnis für mich, auch wenn das umgekehrt keinesfalls immer der Fall war. Mit der schieren Bandbreite ihrer Fähigkeiten, vom Spurenlesen über ihre Kommasetzungskunst bis hin zu dem Komfort und dem emotionalen Halt, den sie mir fortlaufend bot, hat sie dieses Buch erst möglich gemacht.

Zu guter Letzt danke ich allen Landschaften, den üppigen Flussufern und den artenreichen Teichlandschaften, den trockenen Halbwüsten, den erhabenen Gebirgen und den wohltuend friedlichen Wäldern. Ihr seid für mich Ursprung von Ruhe, Klarheit und Kraft. Ich danke allen Tieren, den Insekten und Wirbellosen, den Reptilien und Amphibien, den Vögeln und den Säugetieren. Ihr seid die Hauptakteure und euch widme ich dieses Buch.

EINFÜHRUNG

„Lies alle Zeichen, die dir erzählen, was passiert ist. Betrachte nicht nur den einzelnen Fußabdruck, sondern das Universum, das ihn umgibt.“

Tony Kemnitz, Special Investigations Tracker, Wisconsin.

Wisente in Bieszczady

Seit dem Jahr 2005 unternehme ich fast jedes Jahr eine Reise in und um den Bieszczady-Nationalpark im Südosten Polens. Das Dreiländereck zwischen Polen, der Slowakei und der Ukraine gilt als eine der ursprünglicheren Landschaften Europas und ist immer einen Besuch wert. Die weitgehend unberührten Buchenmischwälder des Karpatenvorlands beheimaten Tiere wie Wölfe, Luchse, Braunbären und Wisente. Dieses Mal war es Frühjahr, kurz nach der Schneeschmelze und während des Blattaustriebs der Buchen. Es war ein frischer Morgen im April, als Matthias von seinem Dämmerungsansitz zurückkehrte und aufgeregt erzählte, wie er einen weiblichen Wisent mit zwei Jungtieren am Fluss gesehen hatte. Die Begegnung war keine 20 Minuten her. Rasch packte ich das Notwendigste in meinen Tagesrucksack und machte mich auf den Weg.

Matthias hatte an einer seichten Stelle des Flusses gesessen, der aus den südlich gelegenen Bergen gespeist ins Tal hinabströmt. Die dicke, feuchte Laubschicht machte es leicht, die Spuren zu finden, und ich begann, sie zu lesen. Das Muttertier warnte, als es den Menschen gewittert hatte, woraufhin die zwei Jungtiere abrupt ihre Richtung wechselten und in zügigen Sprüngen bergauf flüchteten. Die Mutter befand sich auf der anderen Seite des Flusses und eilte parallel zu ihren Kälbern im Trab den ersten Hügel hinauf. Ich folgte der Fährte und fand schon bald die Stelle, an der die Jungtiere den Fluss überquert hatten, um anschließend gemeinsam mit ihrer Mutter und in ruhigerer Gangart weiter bergaufzuziehen.

Ich war erleichtert, dass die Tiere sich so rasch beruhigt hatten, und entschied, der Fährte mit ausreichend Abstand zu den Tieren weiter zu folgen. Die Wisente hatten ihre Gangart jetzt in einen Schritt gewechselt und immer wieder kreuzte ihr Weg ältere Wisentfährten, was das Erkennen der frischen Spuren erschwerte. Zwei Mal verlor ich den Pfad und es dauerte eine Weile, bis ich die frische Fährte zwischen den vielen älteren Spuren wieder ausfindig machen konnte. Je weiter ich ihr folgte, umso stärker nahm ich die gehäuft auftretenden und auffälligen Zeichen der Tiere wahr. Breit ausgetretene Wildwechsel mit kleinwüchsigen, durch vermehrten Verbiss deformierten Bäumchen und alte, kuhfladenartige Kothaufen erzählten von dem wiederkehrenden Besuch der Wisente, bis ich plötzlich vor einem mannshohen Baumwurzelteller stand, den die Tiere als Sandbadestelle genutzt hatten. Die charakteristische Wisent-Unterwolle lag auf der Erde verstreut und der würzige Geruch hing noch in der Luft.

Kurz darauf entdeckte ich frischen Kot, auf dem sich die Fliegen sammelten. Im nächsten Tal, auf einer kleineren Wiese, fächerte sich der Pfad flussarmartig auf. Ich ahnte, dies musste ein Zeichen für Äsungsverhalten sein, und richtig: An einer Weide entdeckte ich frische Schälspuren. Die Wisente mussten ganz in der Nähe sein! Ich schaute mich um und sah in einiger Distanz ein dichtes Jungbuchenwäldchen, dessen zartes Blattgrün Sichtschutz bot. Der Wind stand günstig und ich begann mich schleichend dem Dickicht zu nähern. Mir stieg wieder der Geruch in die Nase und plötzlich nahm ich eine Bewegung im Augenwinkel wahr. Es war das auffällige Kuhschwanzwedeln, das meine Augen zuerst bemerkten. Dann sah ich die Hörner und eine Kopfbewegung durch das Gebüsch und schlagartig begann mein Herz schneller zu schlagen. Was wusste ich wirklich über Wisente und wie gesichert waren meine Informationen? Würden die Tiere angreifen oder neigten sie zu Scheinangriffen? Sofort schaute ich mich nach einem geeigneten Baum um, an dem ich angespannt, flachatmend und leise emporkletterte. Jetzt konnte ich sie sehen: 20 Meter vor mir stand eine ganze Herde von Wisenten! Die Alttiere fraßen, während die Kälber herumtollten und sich teils unter den Bäuchen der Erwachsenen hindurchbewegten. Die großen, kräftigen Tiere strahlten eine Ruhe und Zufriedenheit aus und waren gleichzeitig wachsam. Die Jungen waren agiler, sie wirkten verspielt und lebensfroh. Für einen kurzen Moment vergaß ich, dass ich mehrere Meter über dem Boden in einem Baum hing, bis mich meine lahmenden Arme wieder daran erinnerten.

Große Säugetiere in einem für sie ungestörten Zustand zu beobachten ist etwas ganz Besonderes und hinterlässt Spuren in uns. Es sind Momente wie dieser, an die wir uns ein Leben lang gerne erinnern.

Tierspuren sind überall zu finden, wo es Tiere gibt. Nahezu jeder Spaziergänger kennt die Hufabdrücke von Pferden entlang eines Wanderwegs und wer mit seinem Hund spazieren geht, hat vermutlich bereits dessen Fußabdrücke am Rand einer Pfütze entdeckt. Viele Menschen haben eine Vorstellung davon, wie die Fährte eines Rehs oder die Spur eines Hasen aussieht, die wenigsten wissen jedoch, wie viel mehr es zu entdecken gibt! Wie sieht zum Beispiel das typische Spurbild eines Waschbären aus? Welche Spur hinterlässt ein Biber im Vergleich zu einer Nutria? Und wie zeichnet sich die Flucht einer Eidechse im Sand ab? Hat sich an diesem abgestorbenen Baum ein Dachs oder ein Specht zu schaffen gemacht? Zweifelsohne ist jedem auf einen Blick klar, ob ein Haus von Menschen bewohnt ist oder nicht. Aber wie finden wir heraus, ob in dem Wald vor unserer Haustür überwiegend Rehe, Rothirsche oder Damhirsche leben? Die meisten Menschen beziehen Spurenlesen überwiegend auf die Fußabdrücke von Säugetieren, obwohl Zeichen wie Ausscheidungen, Fraßspuren, Markierungen und Baue ebenso dazugehören und wichtige Puzzleteile eines größeren Gesamtbilds sind. Denken wir an die vielen tausend Spuren der Insekten, wird deutlich, wie umfangreich die Liste der Spuren und Zeichen unserer Fauna tatsächlich ist.

„Das Buch der Natur hat keinen Anfang und kein Ende.“

Jim Corbett, berühmter britischer Jäger, Naturschützer und Schriftsteller.

Das vorliegende Buch behandelt die Spuren und Zeichen von Säugetieren, Vögeln, Amphibien, Reptilien, Insekten und anderen Wirbellosen Europas. Der Säugetierteil ist umfassend und detailliert beschrieben, er ist der Hauptteil dieses Buches. Die Teile „Vögel“, „Amphibien und Reptilien“ sowie „Insekten und andere Wirbeltiere“ sind orientierend zu verstehen und möchten Grundkenntnisse der Spuren und Zeichen anderer Wildtiere vermitteln, die wir bei der Interpretation von Säugetierspuren hinzuziehen können. Insektenspuren helfen unter anderem dabei, Ereignisse zeitlich einzuordnen, und Vogelzeichen können zum Beispiel mit denen der Säugetiere verwechselt werden. Die beschriebenen Spuren und Zeichen weiterer Arten vermitteln Grundkenntnisse und helfen, Fehlbestimmungen zu vermeiden und komplexe Sachverhalte zu interpretieren.

Die Kunst des Tierspurenlesens führt uns Schritt für Schritt tief in das Mysterium der Natur und auch geübte Fährtenleser werden immer wieder neue, faszinierende Spuren vorfinden, die sie bisher nicht beachtet haben. War dieses Reh allein oder waren es mehrere Tiere? Wie haben sie sich bewegt? Wohin zogen sie und aus welchem Grund? Die Fülle der Informationen, die man aus Tierspuren lesen kann, scheint unerschöpflich und doch geht die Mehrheit von uns regelmäßig an diesen Geschichten vorbei, ohne sie zu bemerken. Spuren lesen bedeutet, aufmerksam zu sein und Fragen zu stellen. Eine entscheidende Frage dabei ist: Welche Spuren bemerken Sie?

„Durch die Fährtenkunde verdichtet sich für mich das Bild eines Kosmos, in dem nicht nur jedes Wesen, sondern auch jedes Ereignis von einzigartiger Bedeutung und Sinnhaftigkeit ist.“

Martin Derrez, Lehrgang Fährtenlesen 2017.

ENTSTEHUNG DES BUCHES

Die erste E-Mail in meinem Archiv, die dieses Projekt erwähnt, stammt vom 13. Februar 2012. Die folgenden vier Jahre widmete ich dem Fotografieren von Tierspuren und dem Erheben von Daten. Dazu bereiste ich verschiedene Länder Europas, die meisten Fotos stammen aus Deutschland, England, den Niederlanden, Spanien, Polen und Schweden. Insgesamt entstanden mehr als 25 000 Aufnahmen, von denen etwa 950 Bilder den Weg in dieses Buch fanden. Die Daten wurden zusätzlich in der Schweiz, Dänemark, Schottland, Norwegen, Österreich, Tschechien, Slowenien, der Slowakei, Weißrussland, Italien und Frankreich aufgenommen. Die Maße beziehen sich in der Regel auf ausgewachsene Tiere. Ein Schwerpunkt lag im Vermessen von Fußabdrücken, die hier auch Trittsiegel genannt werden. Die Minimum- und Maximum-Angaben der Trittsiegelmaße wurden durch mindestens 120 Einzelmessungen (Stichproben) verschiedener Abdrücke ermittelt. Damit Daten in die Datensammlung aufgenommen werden konnten, wurden sie „getrimmt“, das bedeutet, die zehn niedrigsten und die zehn höchsten Werte wurden gestrichen. Die Stichproben stammen von unterschiedlichen Individuen aus jeweils mindestens drei verschiedenen Gebieten Europas. Liegen einer Artbeschreibung weniger Daten zugrunde, ist dies an entsprechender Stelle im Text vermerkt. Bei häufigen Tierarten oder Tieren von besonderem Forschungsinteresse wurden deutlich mehr Daten gesammelt. So stützen sich zum Beispiel die Angaben zu Schrittlängen und Spurbreiten von Reh, Rothirsch und Wildschwein auf je über 1 000 getrimmte Einzelmessungen verschiedener Fährten und Gangarten.

Die Trittsiegelzeichnungen sind das Herzstück dieses Buches. Sie sind handgefertigt und das Ergebnis von jahrelanger Beobachtung und Forschung und von rund 200 Tagen des Zeichnens. Wie Mark Elbroch habe ich mich für die aufwendige Tusche-Punkt-Technik entschieden. Fußabdrücken von toten Tieren in Modelliermasse fehlt die Darstellung der Bewegungsdynamik. Häufig zeigen sie vollständige Fußabdrücke, die in dieser Form im Feld selten zu sehen sind, oder die Form des Trittsiegels ist verzerrt. Gute Trittsiegelzeichnungen sollten einen perfekt abgedrückten Fuß mit allen morphologischen Merkmalen wiedergeben und gleichzeitig aufzeigen, welche Bereiche des Trittsiegels in der Regel weniger deutlich erkennbar sind, also eine Bewegungsdynamik andeuten. Es sollte aus der großen Vielzahl möglicher Erscheinungsformen die wahrscheinlichste abgebildet werden. Jede Trittsiegelzeichnung in diesem Buch zeigt eine Kombination aus den signifikanten Merkmalen, der typischen Gewichtsverlagerung und der daraus resultierenden Betonung des Fußabdrucks sowie die wahrscheinlichste Erscheinung des Trittsiegels im Feld. Die für dieses Buch gefertigten Zeichnungen werden selten exakt mit einem Fund im Feld übereinstimmen, gleichzeitig sollte man die Mehrheit der gefundenen Abdrücke in den Zeichnungen erkennen können.

Durch ein beiläufiges Gespräch mit Mark Elbroch, der mir im September 2013 auf die Schulter klopfte und sagte, jemand müsse sich mit der Erforschung der Tierspuren von Europas Mäusen und Wühlmäusen befassen, wurde die Arbeit für das Buch konkreter. Zwei Winter verbrachte ich damit, die Tintenabdrücke von Wühlmäusen (Arvicolinae) und Langschwanzmäusen (Muridae) auf ihre Unterschiede hin zu untersuchen. Ich kam zu dem Ergebnis, dass unter perfekten Spurbedingungen alle Gattungen und teilweise sogar Arten unterschieden werden können. Dies war bis dahin unveröffentlichtes Wissen, ich hatte nirgendwo Informationen dazu finden können. Als ich 2016 den Vertrag mit dem Eugen Ulmer Verlag unterzeichnete, begann das eigentliche Schreiben des Buchs.

Die Absolventen des einjährigen Wildniswissen-Fährtenlehrgangs wurden geschult, um Tierspuren im Feld aufzunehmen und fachgerecht zu dokumentieren. Um diese zu bündeln und öffentlich zugänglich zu machen, eröffnete die Wildnisschule Wildniswissen 2012 die Internetseite „spurenjagd.de“, die eine Plattform für die Sammlung dieser Spurendokumentationen bietet. Im Jahr 2013 fand ein vierköpfiges Expertenteam aus dem Lehrgang zusammen, um die eingestellten Spurendokumentationen zu begutachten, bevor die Daten in eine gesicherte Datensammlung aufgenommen werden konnten. Seit 2012 sind durch spurenjagd.de auf diese Weise über 1 200 Spurendokumentationen mit mehr als 10 000 ehrenamtlich geprüften Datensätzen erhoben worden, die meine 15-jährige Datensammlung ergänzten.

Mehr als 2 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Wildnisschule Wildniswissen, die seit 1995 Tierspuren dokumentieren, haben Daten aufgenommen und unzählige scharfsinnige Fragen formuliert. Es waren diese Fragen, die mich immer wieder dazu antrieben, weiter zu forschen und genauer zu beobachten, um schlussendlich mein bis zum heutigen Tag zusammengetragenes Wissen niederschreiben zu können.

VERWENDUNG DES BUCHES

Dieses Buch besteht aus vier Teilen, die grundlegende Angaben zur Biologie und ausführliches Wissen zu den Spuren und Zeichen europäischer Wildtiere enthalten.

Zunächst gebe ich im Kapitel „Fährtenlesen lernen“ einen Einblick in die Kunst des Fährtenlesens und vermittle Tipps, wie Sie die ersten Schritte zur Erkundung dieser vielfältigen und spannenden Welt der Tierspuren meistern können.

Der darauffolgende erste Teil „Säugetiere“ besteht im Wesentlichen aus Artporträts adulter Tiere. Zuvor lernen Sie wichtige Grundlagen zur Fußmorphologie der Säugetiere und den Aufbau von Trittsiegeln und ihre wichtigsten Merkmale. Es folgt eine Erklärung von Gangarten und Spurbildern sowie je eine Anleitung zum Vermessen von Trittsiegeln und von Spurbildern. Daran schließt sich eine detaillierte Bestimmungshilfe für Säugetiertrittsiegel an. Lebensgroße oder exakt skalierte Zeichnungen der Vorder- und Hinterfußabdrücke einzelner Arten ermöglichen die rasche Bestimmung oder Eingrenzung auf bestimmte Säugetierarten. Das Unterkapitel „Zeichen bestimmen und interpretieren“ führt ein in die große und vielfältige Welt der Zeichen. Die dieses Unterkapitel abschließenden Bestimmungshilfen unterstützen bei der schnellen Zuordnung eines gefundenen Zeichens zu einer bestimmten Tierart oder Tiergruppe.

In den anschließenden Artporträts, dem Hauptteil des Säugetierteils, werden Körpermaße und Kennzeichen der behandelten Arten und Artengruppen, ihre Verbreitung und ihr Lebensraum sowie ihre Ernährung und Fortpflanzung beschrieben. Auf farblich hinterlegten Seiten finden sich Informationen zu den Trittsiegeln mit Beschreibungen von Vorder- und Hinterfußabdrücken und den bevorzugten Gangarten, zudem eine Übersicht der häufigsten Spurbilder sowie wichtige Maßangaben dazu. Außerdem werden arttypische Zeichen behandelt.

Der allgemeine Kenntnisstand über die europäische Fauna ist recht unterschiedlich. Dadurch müssen bei einigen Arten die Angaben zu Biologie und Spuren fragmentarisch bleiben. Arten wie die aus der Familie der Spitzmäuse (Soricidae), bei denen die aktuellen Kenntnisse von Trittsiegeln keine artgenaue Bestimmung zulassen, werden zusammen als Gattung behandelt. Andere Arten, zum Beispiel der Eisbär (Ursus maritimus) oder der Axishirsch (Axis axis), die stark vereinzelt oder lediglich in kleinen, isolierten Populationen vorkommen, werden nur am Rande erwähnt. Die Teile 2, 3 und 4 fassen grundlegende Informationen zu Spuren und Zeichen von Vögeln (Teil 2), Amphibien und Reptilien (Teil 3) sowie von Insekten und anderen Wirbellosen (Teil 4) zusammen. Aufgrund der Vielzahl der enthaltenen Arten und dem hier naturgemäß begrenzten Fährtenwissen musste in diesen Abschnitten eine etwas andere Darstellung gewählt werden: Während die Spuren im Großen und Ganzen weiterhin in – allerdings nun deutlich kürzeren – Artenporträts abgehandelt sind, werden die Zeichen nach Erscheinungsformen sortiert, also bei den Vögeln beispielsweise nach Nestern, Fraßspuren oder Ausscheidungen, denen dann markante Ausprägungen bei bestimmten Arten oder Artengruppen zugeordnet sind. Hinsichtlich vertiefender Details sei hier auf die Spezialliteratur verwiesen.

Die Tiersilhouetten auf der Umschlaginnenseite und die Seitenzahl daneben verweisen auf die Beschreibung der jeweiligen Tiergruppe im Text. Eine Übersicht über das Vermessen von Trittsiegeln und Spurbildern sowie ein Zentimetermaß finden sich auf der Umschlaginnenseite des Rückendeckels.

Ein Farbleitsystem erleichtert die Orientierung. Im Säugetierteil steht jede Farbe für eine der behandelten Familien. Ansonsten kennzeichnet die Farbe die jeweilige Großgruppe, also Vögel, Amphibien und Reptilien sowie Insekten und andere Wirbellose.

Aufbau der Artbeschreibungen im Säugetierteil

Deutscher und wissenschaftlicher Name der Art oder Artengruppe.

Kopf-Rumpf-Länge, Schwanzlänge und Gewicht» Die Körpermaße, die in der Marginalspalte angegeben sind, umfassen die gesamte Variationsbreite im behandelten Gebiet. Die Mehrzahl dieser Maße stammt von Dr. Eckhard Grimmberger (2009), bei einigen Arten kommen ergänzende Quellen hinzu. Größenunterschiede zwischen den Geschlechtern (Sexualdimorphismus) werden, wo vorhanden, ebenfalls genannt.

Kennzeichen» Typische Statur und charakteristische Erkennungsmerkmale.

Verbreitung & Lebensraum» Arten, deren Spuren und Zeichen schwer unterscheidbar sind, können gelegentlich anhand ihrer unterschiedlichen Verbreitung oder mithilfe der verschiedenen bevorzugten Lebensräume bestimmt werden. Diese Angaben sind als ergänzende Hilfen für die Artbestimmung und als Orientierung zu verstehen. Dieselbe Art kann in verschiedenen geografischen Gebieten unterschiedliche Lebensräume bewohnen.

Ernährung» Das grundlegende Wissen über die Nahrungsgewohnheiten einer Art hilft Fährtenlesern beim Erkennen ökologischer Zusammenhänge. Das Vorkommen einer bestimmten Art lässt Rückschlüsse auf das Biotop oder das Vorhandensein anderer Tierarten zu. Ein Schwerpunkt liegt darauf, Fraßspuren zu interpretieren.

Fortpflanzung» Angaben zur Fortpflanzung, um Spurenfunde im Feld zu interpretieren. Handelt es sich um die Fährte eines Muttertiers mit Jungtieren oder um die Spuren einer Junggesellengruppe?

Anmerkungen» Verschiedene sonstige Anmerkungen finden sich in der Marginalspalte.

Trittsiegel» Detaillierte Trittsiegelbeschreibungen von Vorder- und Hinterfußabdrücken, zusammen mit Trittsiegelzeichnungen, entsprechenden Fotos und Maßangaben.

Ähnliche Trittsiegel» Fußabdrücke anderer Arten, mit denen die beschriebene Art verwechselt werden kann sowie Merkmale für die Unterscheidung.

Aufbau der Artbeschreibungen im Säugetierteil (Fortsetzung)

Gangarten» Beschreibungen bevorzugter Gangarten, Spurbilder und Maßangaben.

Zeichen» Typische und markante Zeichen der beschriebenen Art, zum Beispiel Kot, Markierungen und Fraßspuren.

Spurenformel der Säugetiere

Die Spurenformel bietet wichtige Informationen für Fährtenleser. Auf einen Blick können daraus die taxonomische Ordnung und häufig sogar die Familienzugehörigkeit bestimmt werden.

XV × Yh + K

XVAnzahl in der Regel abgedrückter Zehen des Vorderfußes (Vorderfußtrittsiegel)YhAnzahl in der Regel abgedrückter Zehen des Hinterfußes (Hinterfußtrittsiegel)KIn beiden Trittsiegeln können Krallenabdrücke erkannt werden

Die Groß- oder Kleinschreibung der Buchstaben „V“ und „h“ zeigt die relative Größe der Vorder- und Hinterfußtrittsiegel an.

Ein Beispiel:4V × 4h + K

Diese Spurenformel beschreibt ein Vorderfußtrittsiegel mit vier Zehenabdrücken und ein im Verhältnis dazu relativ kleines Hinterfußtrittsiegel mit ebenfalls vier Zehenabdrücken. In beiden Trittsiegeln sind Krallenabdrücke zu erkennen. Die im Beispiel genannte Anzahl der Zehenabdrücke in den Trittsiegeln und deren relative Größe findet man bei Katzen sowie bei Hunden. Da die Krallenabdrücke der Katzen selten sichtbar sind, handelt es sich hier um das Trittsiegel eines Hundes.

Verwendete Abkürzungen und Symbole

Allgemein

DDurchmesserGGewichtKRLKopf-Rumpf-LängeMax.MaximumMin.MinimumSlSchwanzlängesp.Spezies, Artspp.die Arten; Beispiel „Tringa spp.“ bedeutet „mehrere Arten der Gattung Tringa“♂männlich, Männchen♀weiblich, Weibchen

Trittsiegel und Spurbilder

BBreiteGLGruppenlängeHfHinterfußLLängeLHLinks hintenLVLinks vorneRHRechts hintenRVRechts vorneSBSpurbreiteSLSchrittlängeVfVorderfußZGLZwischengruppenlänge

FÄHRTENLESEN LERNEN

„Wenn du einem Fußabdruck begegnest, den du nicht kennst, folge ihm so lange, bis du ihn kennst.“

Uncheedah, Großmutter des Lakota Weisen Ohiyesa.

Jeder Mensch kann Fährten lesen. Einer meiner Lehrer betonte, genau genommen gebe es dabei nicht viel zu lernen, da wir die grundlegenden Fähigkeiten zum Fährtenlesen bereits besitzen – wir kommen mit ihnen zur Welt. Menschen nehmen mit ihren Sinnen wahr, sind fähig, zu interpretieren und Schlüsse zu ziehen. Zudem können wir jederzeit in die Natur hinausgehen und Tierspuren entdecken. Wir können unmittelbar erfahren, wie das Land durch seine Bewohner geformt und geprägt wird, indem wir Fragen stellen, genau beobachten und zuhören. Unsere Neugier, Freude und Begeisterung treiben uns an, unseren Fragen auf den Grund zu gehen und unser Wissen zu erweitern. Diese Art des Lernens ist uns angeboren und bildet eine ausgezeichnete Vorgehensweise, um unsere Verbindung zur Natur zu vertiefen.

Ein Sprichwort unter Fährtenlesern lautet: „Wer alleine Spuren liest, hat immer Recht.“ Mit anderen Fährtenlesern zu sprechen, verschiedene Meinungen zu einer Frage einzuholen und sich selbst zu hinterfragen, kann uns dabei helfen, unsere Perspektive zu erweitern und verschiedene Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Wir lernen oft effektiver, wenn wir uns mit Menschen umgeben, die unser Interesse teilen. Eine gemeinsame Lerngruppe kann eine Lernkultur fördern, in der das Wissen Einzelner rasant wächst. Darum empfehle ich jedem, der Fährtenlesen lernen möchte, Kontakt zu Menschen aufzunehmen, die sich ebenso dafür begeistern.

„Die Kunst des Fährtenlesens bezieht viele andere Fähigkeiten, Künste und Wissenszweige mit ein. Um erfolgreich darin zu sein, werden neben den physikalischen Aspekten des Fährtenlesens auch ein umfassendes Wissen und ein ‚Sich-Einstellen‘ auf nahezu jeden Aspekt der Natur benötigt.“

Charles Worsham, ehemaliger FBI- und HRT-Ausbilder, USA.

Wir werden niemals alles wissen, was es über die Natur zu wissen gibt, und unsere Lebenszeit reicht nicht aus, um über Tierspuren sämtliches zu lernen. Das kann entmutigen oder beruhigen, einen anspornen oder resignieren lassen. Ich möchte Sie zu der positiven Haltung eines kindlichen Forschergeists ermutigen. Trauen Sie sich, Hypothesen aufzustellen, und lachen Sie über sich selbst, wenn diese durch neue Hinweise widerlegt werden. Seien Sie offen, statt an Ihrer Meinung festzuhalten, und ziehen Sie jede Möglichkeit in Betracht. Vermeiden Sie voreilige Schlüsse und folgen Sie Ihrem persönlichen Interesse, herauszufinden, was wirklich geschah.

Fährtenlesen erfordert genaues Betrachten, deduktiv-logisches Denken, präzises Messen und exaktes Dokumentieren. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Vorstellungsvermögen eines Fährtenlesers. Mark Elbroch schreibt: „Ein kompetenter Fährtenleser ist sowohl Wissenschaftler als auch Geschichtenerzähler. Er muss kritisch beobachten, gute Daten sammeln und voreilige Schlüsse vermeiden. Außerdem muss er sein Vorstellungsvermögen benutzen, um gefundene Zeichen interpretieren zu können.“

Umfassende Recherchen über die Biologie und das Verhalten eines Tieres helfen uns bei der Interpretation von Tierspuren. Je besser wir eine Tierart kennen, umso leichter verstehen wir ihr Verhalten. Geeignete Fachliteratur ist von großem Wert, um sich diese Grundkenntnisse anzueignen. Gleichzeitig kann man Fährtenlesen nicht allein aus Büchern lernen, sondern es erfordert Zeit und Praxis in der Natur. Um eine Spur oder einen Abdruck sicher interpretieren zu können, braucht es viel Erfahrung, besonders, um die vielen unterschiedlichen Faktoren wie Untergrund, Geschwindigkeit und Wetter mit in die Interpretation einbeziehen zu können.

„Fährtenleser müssen sich in die Lage des Tieres versetzen, um eine hypothetische Erklärung seines Verhaltens aufstellen zu können. Fährtenlesen ist nicht strikt empirisch, da es das Vorstellungsvermögen des Fährtenlesers involviert.“

Louis Liebenberg, Gründer und Leiter der CyberTracker Conservation und Autor mehrerer Tierspurenbücher.

Sechs Fragen des Fährtenlesens

Der US-amerikanische Fährtenleser Jon Young hat in seinen Büchern sechs Fragen des Fährtenlesens beschrieben. Die Beantwortung jeder einzelnen dieser Fragen kann als eigene Sparte, Kunst oder Disziplin verstanden werden und alle sechs Fragen eignen sich hervorragend, um Fährtenlesen zu erlernen.

•Welches Tier war es?Identifizierung von Spuren und Zeichen, Bestimmung der Art.

•Was ist hier passiert?Interpretation von Spuren und Zeichen, die Fähigkeit, Gangarten und anderes Tierverhalten anhand von Spurbildern zu rekonstruieren.

•Wo ist das Tier jetzt?Trailing, das Aufspüren von Tieren.

•Wann ist diese Spur entstanden?Altersbestimmung, die zeitliche Einordnung von Ereignissen.

•Warum war das Tier hier?Ökologische Zusammenhänge, die Fähigkeit, Tierverhalten lesen und vorhersagen zu können.

•Wie ging es dem Tier?Vorstellungsvermögen, die Kunst, sich in das Tier hineinzuversetzen.

TRADITIONELLES FÄHRTENLESEN

Die San Buschmann aus dem südlichen Afrika gehören zu den besten Fährtenlesern der Welt. Sie verfügen über außergewöhnliche Kenntnisse der Flora und Fauna ihrer Region. Ein entscheidender Faktor für die herausragenden Fährtenleserfähigkeiten der Buschleute ist die Unmittelbarkeit ihres Lebens in der Natur. Sie teilen den Lebensraum mit den wildlebenden Tieren und machen folglich ähnliche Erfahrungen wie sie. Zum Beispiel erleben beide direkt die Auswirkungen von Trockenheit, Regen oder Kälte. Dieses sinnliche Erleben der natürlichen Umstände ermöglicht Antizipation von Tierverhalten.

Neben vielen Vorzügen von Zivilisation und Fortschritt ging mit der Moderne auch eine Form der Entfremdung gegenüber unserer natürlichen Umwelt einher. Heute leben die meisten von uns in Städten und Häusern und unser Überleben hängt selten unmittelbar von unserer Fähigkeit als Fährtenleser ab. In diesem Punkt können wir einiges von den Herangehensweisen traditioneller Fährtenleser aus Jäger-und-Sammler-Gesellschaften lernen. Der San-Jäger!Nqate Xqamxebe (1998) sagt: „Wenn du der Fährte eines Tieres folgst, musst du selbst zu diesem Tier werden.“ Viele indigene Fährtenleser können beeindruckend genau nachahmen, wie sich ein Tier bewegt, auch wenn ihnen die Theorien der Gangartenforschung unbekannt sind.

Durch wiederholtes Imitieren erinnert sich ihre Muskulatur an Bewegungsabläufe, sodass ein verinnerlichtes Muskelgedächtnis entsteht. Ich möchte Sie dazu ermuntern, dies selbst auszuprobieren und zum Beispiel die Bewegungen Ihres Hundes aufmerksam nachzuahmen. Die Teilnehmer unserer Fährtenlehrgänge imitieren regelmäßig Tiere und empfinden verschiedene Gangarten im eigenen Körper nach. Auch wenn es anfangs ungewohnt erscheinen mag, der Erfolg derer, die Tiere nachahmen, spricht für sich.

„Mit wachsendem Bewusstsein dessen, was wirklich in der Natur geschieht, beginnen wir, unzählige Dinge zu erfassen und zu begreifen, die wir bisher nicht einmal wahrgenommen haben.“

Hugh Falkus, der „Heinz Sielmann“ des britischen Fernsehens (BBC), Naturfilmer und Autor.

Um das Fährtenlesen eingehend zu lernen, müssen Sie mit allen Sinnen wahrnehmen. Fühlen Sie die Luftfeuchtigkeit am Morgen und spüren Sie den Wind auf Ihrer Haut. Riechen Sie die Gerüche der Umgebung und lauschen Sie den Naturgeräuschen um sich herum. Das wird Ihnen helfen, umfassendere Informationen zu einer bestimmten Spurenlage zu erhalten. Je mehr Sie eine Situation sinnlich erfassen, umso leichter wird es Ihnen fallen, angemessene Schlüsse zu ziehen. Gleichzeitig entwickeln Sie durch dieses unmittelbare Vorgehen direkte Beziehungen zu einer Landschaft und ihren Bewohnern. Mit der Zeit wird sich die Wahrnehmung für Ihre Umwelt verändern, sodass Wälder, Wiesen, Wind und Wetter Ihnen bekannter und die Tiere Ihnen vertraut werden. In diesem Zusammenhang werden Sie auch sich selbst besser kennenlernen, denn: „Wir können die Wahrnehmung für unsere Umwelt nicht erhöhen, ohne uns gleichzeitig auch über unsere eigene Rolle darin bewusst zu werden.“

(Mark Elbroch 2003.)

„Die Spuren der Natur können uns zum Anfang der Erdgeschichte führen – oder zur Autobiografie eines lebenden Tieres, indem wir seiner frischen Fährte Tag für Tag folgen.“

Ellsworth Jaeger, Naturforscher und Autor von „Wildwood Wisdom“.

FÜNF ROUTINEN FÜR FÄHRTENLESER

Die folgenden fünf Routinen haben sich als hilfreiches Handwerkszeug für Fährtenleser bewährt und sind leicht zu Hause anwendbar.

DAS EIGENE REVIER

Finden Sie ein Gebiet und machen Sie es zu Ihrem Fährtenleserrevier. Besuchen Sie es regelmäßig und beschäftigen Sie sich mit seinen Lebensräumen, Pflanzen und Tieren. Finden Sie einen Beobachtungsplatz, an dem Sie sich wohlfühlen. Verbringen Sie dort allein und ungestört Zeit und lauschen Sie der Welt um sich herum. Beobachten Sie das Wetter, die Temperatur, die Windrichtung und die Tiere an Ihrem angestammten Ort. Achten Sie auf das Verhalten der Vögel und Insekten und protokollieren Sie anschließend Ihre Beobachtungen. Verbringen Sie regelmäßig zwischen 20 und 60 Minuten an diesem Ort, sodass Sie ihn zu verschiedenen Tageszeiten, bei unterschiedlichem Wetter und zu allen Jahreszeiten kennenlernen. Mit der Zeit werden Sie so wichtige Grundkenntnisse aufbauen, die Ihnen beim Fährtenlesen helfen.

ERSTELLEN EINER ARTENLISTE

Nachdem Sie verschiedene Lebensräume in Ihrem Revier kennengelernt haben, erstellen Sie eine Artenliste. Stöbern Sie in Naturführern, studieren Sie Verbreitungskarten und bevorzugte Lebensräume von Tieren und notieren Sie anschließend, welche Tierarten in Ihrem Gebiet vorkommen sollten. Durch die Zeit an ihrem Beobachtungsplatz und durch Streifzüge in Ihrem Revier werden Sie immer häufiger Tierspuren und Zeichen entdecken und bestimmen. Vermerken Sie in Ihrer Artenliste, welches Tier Sie aufgrund welcher Hinweise nachweisen konnten. Aus Ihrer Liste möglicherweise vorkommender Tiere wird mit der Zeit eine persönlich verifizierte Artenliste. Sie werden überrascht sein, wie menschennah einige Wildtiere leben, ohne dabei vom Menschen entdeckt zu werden. Früher oder später werden Sie Hinweise von Tieren finden, die Sie in Ihrer Gegend nicht vermutet hätten, und vielleicht können Sie sogar das Vorkommen einer bedrohten Tierart oder deren Rückkehr nachweisen.

ERSTELLEN VON TIERJOURNALEN

Eine wichtige Methode, um Ihr Tierwissen zu erweitern, ist das Erstellen von Tierjournalen. Nehmen Sie eine Tierart, die Sie besonders interessiert, genauer unter die Lupe und recherchieren Sie Lebensweise, Ernährungsund Fortpflanzungsverhalten. Verwenden Sie verschiedene Quellen und halten Sie die wichtigsten Informationen schriftlich fest. Bemühen Sie sich, das Wissen, das Ihnen besonders wichtig erscheint, eigenständig zu formulieren, und vermeiden Sie das bloße Kopieren der verwendeten Quellen. So entstehen Ihre ganz persönlichen Tierjournale, deren Umfang, Inhalt und kreative Gestaltung Sie selbst bestimmen. Sie können sich auch am Aufbau der Artbeschreibungen in diesem Buch orientieren oder andere Vorlagen als Inspiration heranziehen. Fertigen Sie Zeichnungen vom Tier und seinem Schädel an, dadurch entwickeln Sie ein grundlegendes Verständnis der physischen Merkmale verschiedener Tierarten, beispielsweise der verlängerten Fußknochen bei typischen Fluchttieren oder der vergrößerten Augenhöhlen bei Arten, die sich überwiegend auf den Sehsinn verlassen. Widmen Sie einen weiteren Teil des Tierjournals den Zeichnungen des Vorder- und Hinterfußabdrucks, nach Möglichkeit in der natürlichen Größe. Lassen Sie ausreichend Platz, um später weitere Maße zu ergänzen. Mit der Zeit entsteht auf diesem Weg Ihr eigenes, lokales Nachschlagewerk.

KARTOGRAFIEREN

Beschaffen Sie sich eine topografische Karte Ihres Reviers. Wanderkarten im Maßstab 1:25 000 sind gut geeignet. Studieren Sie den Ausschnitt Ihres Reviers und schauen Sie, wo sich Waldstücke, Gebäude oder Siedlungen, Felder und Wiesen befinden und wie Wanderwege und Straßen verlaufen. Achten Sie auch auf Gewässer, Höhenunterschiede und Exposition nach Himmelsrichtungen sowie auf Grenzbereiche. Schauen Sie nach auffälligen Landschaftskontrasten innerhalb eines Kartenabschnitts, zum Beispiel nach Heckenstreifen zwischen Äckern, einer Kiesgrube im Wald oder einem kleinen Wäldchen umgeben von Feld und Flur.

Zeichnen Sie anschließend eine persönliche Karte Ihrer Gegend und markieren Sie darin Ihre eigenen Tiersichtungen und Spurenfunde (Vorlage Seite 801). Zeichnen Sie Wildwechsel ein, die Sie bei Spaziergängen und Streifzügen finden, und kennzeichnen Sie Liegeplätze, Markierungen, Baue, Fraßspuren oder Exkremente unter Angabe der entsprechenden Tierart. Achten Sie auch auf Ausrichtung und Verlauf der Tierwechsel und schauen Sie auf der topografischen Karte, welche interessanten Punkte dadurch eventuell verbunden werden. Fragen Sie sich: „Wieso wurde genau dort markiert? Weshalb liegt dieses Rehbett hier und nicht dort drüben?“ Auf diese Weise lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf ökologische Zusammenhänge in Ihrem Revier und lernen, wie diese das Verhalten der Tiere beeinflussen. Bei fortwährender Beobachtung werden Sie früher oder später Veränderungen und Regelmäßigkeiten erkennen, die von der Witterung, der Jahreszeit oder auch von menschlichen Eingriffen in die Landschaft geprägt sind.

SPURENDOKUMENTATIONEN

Eine ausgezeichnete Methode, um eigene Erfahrungen festzuhalten und sich mit anderen Fährtenlesern auszutauschen, ist das Erstellen von Spurendokumentationen (Vorlage Seite 800). Zeichnen oder fotografieren Sie einen Vorderfuß- und einen Hinterfußabdruck, wenn Sie im Feld eine Fährte aufnehmen. Vermessen Sie die Fußabdrücke sowie das Spurbild und notieren Sie die Maße. Halten Sie sich an die Vorgaben für das Vermessen von Trittsiegeln und Spurbildern (Seiten 73–75, 92), damit Sie beim Erheben Ihrer Daten kontinuierlich vorgehen und Sie diese später mit den Daten anderer Fährtenleser austauschen und vergleichen können. Die Internetseite spurenjagd.de beschreibt detailliert, wie eine hochwertige Spurendokumentation erstellt wird. Gleichzeitig bietet sie eine Plattform, auf der Fährtenleser ihre Dokumentationen veröffentlichen können. Sie ist eine wachsende Tierspurenenzyklopädie und ein Forum für Fährtenleser.

Fotografieren von Trittsiegeln

Das Fotografieren von Tierspuren ist eine erstklassige Methode, um Spurenfunde zu dokumentieren. Fährtenlesen hat zudem einen ausgeprägten ästhetischen Charakter. Mitunter entstehen beeindruckende Naturaufnahmen, wenn es Ihnen gelingt, diese Ästhetik im Foto einzufangen. Die Qualität der Bilder von modernen Smartphone-Kameras ist für den Privatgebrauch mehr als ausreichend. Wenn Sie regelmäßig Bilder veröffentlichen möchten, empfehle ich eine Kamera mit manuellen Einstellungsmöglichkeiten für Verschlusszeit und Blende sowie ein Objektiv mit einer Brennweite von 17–70 mm.

Achten Sie beim Fotografieren von Trittsiegeln darauf, dass der Fußabdruck ungefähr zwei Drittel des Gesamtbildes einnimmt, mittig positioniert ist und senkrecht von oben aufgenommen wird. Verwenden Sie eine Blende zwischen F8 und F16. Die Verschlusszeit sollte 1/60 s oder kürzer sein, da längere Verschlusszeiten leicht zu unscharfen Bildern führen. Ein Stativ ist für die Spurenfotografie, besonders bei kleinen Motiven, ein wichtiges Hilfsmittel, da es scharfe Aufnahmen mit langen Verschlusszeiten ermöglicht. Der fotografierte Bereich sollte vollständig im Schatten liegen, da Halbschatten das Aussehen des Trittsiegels verfälschen kann und Bereiche mit Licht und Schatten meist schwer zu fotografieren sind.

Steinmarder im Viersprung.

„Lange vor dem F.B.I. oder Scotland Yard nahm die Natur schon Fingerabdrücke ihrer zahlreichen Familien. Wohin sie auch gingen, die Natur nahm ihre Abdrücke im Sand, Staub, Schlamm und Schnee. Alles hinterlässt Spuren.“

Ellsworth Jaeger.

AUSWIRKUNGEN DES UNTERGRUNDS AUF TRITTSIEGEL, SPURBILD UND TIERVERHALTEN

Eine häufig gestellte Frage unter Fährtenlesern ist die nach der Bodenbeschaffenheit. Diese ist von großer Bedeutung, da sie Sichtbarkeit, Qualität und Aussehen von Trittsiegeln sowie Größe, Form, Tiefe und Alterungsverhalten eines Fußabdrucks beeinflusst. Viele Menschen haben schon einmal Spuren im Schnee gesehen. Der Winter ist eine ausgezeichnete Zeit zum Fährtenlesen, da wir nach dem ersten Schneefall plötzlich Tierfährten entdecken, die zuvor unbemerkt waren. Natürlich hinterlassen Tiere das ganze Jahr über Fährten, doch der Schnee erleichtert es uns, die Spuren zu erkennen. Schnee ist allerdings nicht gleich Schnee und Fährtenlesen im Schnee ist nicht per se einfach. Die Fußabdrücke eines Rotfuchses, der einen Untergrund mit einer feinen Schicht Neuschnee überquert, sind meist deutlich und detailreich, wohingegen derselbe Rotfuchs im Tiefschnee lediglich detailarme Löcher hinterlässt.

Auch wenn das Ausgangsmaterial eines Untergrunds identisch ist, kann sich die Beschaffenheit stark unterscheiden. Die Feuchtigkeit oder Trockenheit eines Bodens, seine Tiefe und Dichte haben gravierende Auswirkungen auf die Trittsiegel. Ein toniger Lehmboden ist formstabil und ein Abdruck kann darin über Monate detailgetreu erhalten bleiben, ein Fußabdruck auf trockenem Sand hingegen verliert rasch seine Details. Auf verdichtetem Untergrund werden weniger tiefe Abdrücke als auf lockerem Untergrund hinterlassen und oft erscheinen Trittsiegel auf einem weichen Untergrund vergrößert. Die Untergrundbedingungen von Sand, Staub, Schlamm und verschiedenen Bodentypen sowie von Schnee, Laub und Gras sind zahllos und erweitern das Spektrum möglicher Erscheinungsformen von Trittsiegeln immens. Die Bodenbeschaffenheit bei der Interpretation der Spuren mit einzubeziehen ist von großer Bedeutung, da sie das Verhalten der Tiere unmittelbar beeinflusst.

Untergrund und Abdrucktiefe beeinflussen die Gangart

Eine vereiste Freifläche mit 1 cm Neuschnee überquert ein Rotfuchs oft trabend. Ist jedoch dieselbe Fläche nach starkem Schneefall 80 cm tief von Schnee bedeckt, wird sich das Spurbild des Rotfuchses verändern. In der Regel verkürzt sich die Schrittlänge, während die Spurbreite zunimmt. Versetzen Sie sich in die Situation dieses Rotfuchses und stellen sich vor, Sie gehen bei 1 cm Neuschnee im Wald spazieren. Wiederholen Sie anschließend in Gedanken denselben Spaziergang bei 80 cm tiefem Schnee. Höchstwahrscheinlich würde auch Ihre Schrittlänge kürzer werden, während Ihre Spurbreite zunähme. Dies ist bei tiefem Einsinken grundsätzlich der Fall und hängt mit der Energie zusammen, die Sie für die Vorwärtsbewegung aufbringen müssen. Bei gleichem Energieaufwand legen Sie in hohem Schnee eine kleinere Strecke zurück als auf einem festen, flachen Untergrund. Sie bewegen sich langsamer.

Um Energie zu sparen, wechseln Tiere je nach Bodenbeschaffenheit ihre Gangart. Rotfüchse bewegen sich überwiegend trabend vorwärts, sinken sie jedoch tiefer ein, bevorzugen sie oft den langsameren Schritt. Tiere wechseln auf Untergründen, in die sie tief einsinken, jedoch nicht zwangsläufig in eine langsame Gangart. Häufig werden kleine Strecken, wie beispielsweise ein sumpfiger Graben, eher rasch überquert. Dafür wird meist eine Form von Sprung gewählt. Die bevorzugte Gangart hängt nicht nur von der Tierart, sondern auch von der Beschaffenheit des Bodens ab und variiert entsprechend den Untergründen.

ALTERSBESTIMMUNG VON TRITTSIEGELN

Die Altersbestimmung einer Tierspur ist vielleicht derjenige Bereich des Fährtenlesens, der am meisten Zeit und Praxis benötigt, bis man zu zuverlässigen Einschätzungen gelangt. Die Anzahl sich überschneidender Variablen ist schier endlos. Rehlosung kann nach dem Winter noch gut erhalten sein und ein darauf fallender leichter Regen kann sie im Frühjahr wieder frisch erscheinen lassen. Ein maßgeblicher Faktor bei der Alterung ist das Wetter. Zu wissen, wann vor Ort der letzte Regen fiel oder wann es aufhörte zu regnen, ist essenziell für die Altersbestimmung von Trittsiegeln. Ähnlich sieht es mit dem letzten Schneefall oder Frost aus. Zwei weitere Variablen, die das Alterungsverhalten beeinflussen, sind der Feuchtigkeitsgrad des Untergrunds und das Bodenmaterial. Sonne und Wind trocknen die Oberfläche eines Untergrunds schneller aus als den tieferliegenden Boden darunter. In der Regel erkennt man dies an einem Farbunterschied zwischen hellem, trockenem und dunklem, feuchtem Substrat. Hinterlässt ein Tier einen Fußabdruck, wird durch die Bewegung tieferliegendes, feuchtes Substrat an die Erdoberfläche befördert und der Kontrast zum Boden der Umgebung erkennbar. Je nach Witterungsbedingungen verschwindet dieser Unterschied im Laufe der Zeit wieder. Machen Sie neben der Spur, deren Alter sie bestimmen wollen, eine ähnlich tiefe Bodenmarkierung mit der Spitze Ihres Schuhs, um einen Vergleich mit einer frischen Spur zu haben. Stellen Sie die folgenden Fragen:

• Befinden sich Regentropfen, Schneeflocken oder Tautropfen im Trittsiegel?

• Wie ist die Farbe des Trittsiegels im Vergleich zum umliegenden Untergrund?

• Sind die Konturen des Trittsiegels eher scharfkantig oder eher verwaschen?

• Haben sich Sand, Laub oder andere Pflanzenreste im Trittsiegel angesammelt?

• Haben Insekten ihre Spuren im Trittsiegel hinterlassen?

Häufig ist es erst die zeitliche Einordnung von Ereignissen, die mich die Spannung einer Situation erkennen lässt. So wie vor einigen Jahren in Wisconsin, als wir eine Galoppfährte von zwei Weißwedelhirschen im Schnee entdeckten. Die beiden waren aus dem Zedernsumpf im Norden gekommen und hatten eilig eine Holzfällerstraße nach Süden überquert. Auf der anderen Seite der Straße waren sie mit hoher Geschwindigkeit wieder in den Sumpf hineingaloppiert.

Es war ein warmer, sonniger Februartag mit strahlend blauem Himmel. Die einzelnen Trittsiegel waren deutlich zu erkennen und vereist. Der Vortag war warm gewesen und die Spuren auf der Straße direkter Sonneneinstrahlung ausgesetzt. Im Februar ist die Sonne in Wisconsin bereits so stark, dass mehr als zwei Tage alte Spuren undeutlicher gewesen wären. Die Fährte musste folglich am frühen Abend des Vortages entstanden sein. Ein Zeitpunkt, an dem der Schnee feucht von der Wärme des Tages war und noch nicht durch die Kälte der Nacht vereist. Fußabdrücke können sich bei solchen Witterungsbedingungen erstaunlich lange halten. Ungefähr 50 m weiter westlich und auf Höhe der Straße hatte eine andere Kleingruppe unserer Fährtenleser Wolfsspuren entdeckt. Auch die Wölfe waren schneller als gewöhnlich unterwegs gewesen. Ich habe mich oft selbst dabei ertappt, wie ich in meiner Fantasie eine Geschichte forme, ohne dass ich dabei die Hinweise auf das Alter einer Spur beachte. Mir kamen waghalsige Verfolgungsjagden zwischen Raub- und Beutetieren in den Sinn, obwohl nur eine ähnliche Route gewählt worden war und die Ereignisse zeitlich weit auseinanderlagen. Doch dieses Mal war es anders: Auch die Wolfsfährte war deutlich zu erkennen, vereist und im Aussehen mit der Hirschfährte vergleichbar. Die Wölfe mussten tatsächlich zu einem ähnlichen Zeitpunkt an dieser Stelle gewesen sein! Gespannt begannen wir der Fährte zu folgen …

„Regen! Seine weichen, künstlerischen Hände haben die Kraft, durch Steine zu schneiden und aus Bergen Formen von erhabener Schönheit herauszumeißeln.“

Henry Ward Beecher, US-amerikanischer Theologe.

Anlegen einer Spurenbox

Streuen Sie auf einer ca. 50 × 50 cm großen Bodenfläche eine 3 cm tiefe Schicht Spielsand aus. Dieser Bereich sollte für Sie leicht erreichbar und dem Wetter ausgesetzt sein. Hinterlassen Sie dort einen etwa 1 cm tiefen Abdruck Ihrer Hand und beobachten Sie täglich, wie er sich verändert. Notieren Sie an jedem Tag das Wetter und legen Sie diese Notiz mit Datum neben den Handabdruck. Dokumentieren Sie nun den Abdruck samt Notiz mit einem Foto. Notieren Sie außerdem an jedem Tag die Veränderungen des Handabdrucks. Stellen Sie nach einer Woche Ihre Fotos chronologisch zusammen und bringen Sie mithilfe Ihrer Notizen die Veränderungen des Handabdrucks mit dem Wetter in Zusammenhang. Wiederholen Sie diese Übung bei verschiedenen Witterungsbedingungen und zu unterschiedlichen Jahreszeiten, sodass Sie die Auswirkungen des Wetters und die saisonalen Faktoren Ihrer Region kennenlernen. Mit der Zeit wird Ihre Altersbestimmung von Trittsiegeln immer präziser werden.

Beobachten und notieren Sie täglich die Veränderungen Ihres Handabdrucks.

FÄHRTENLESERETIKETTE

Wenn wir einem Tier folgen, sehen wir mehr als die Beschaffenheit der Fußabdrücke und der Fährten. Wir entdecken, wo sich Tiere aufhalten, was sie gefressen und wo sie geschlafen haben. Vielleicht werden wir Zeuge, wie ein junger Rehbock in der Paarungszeit vermehrt Markierungen hinterlässt. Wir können herausfinden, ob er ein Weibchen findet, und wenn wir den Fährten des Weibchens lange genug folgen, sehen wir irgendwann auch, dass es ein Junges auf die Welt bringt. Im nun folgenden Jahr werden wir immer wieder auf die größere Fährte der Mutter und die kleineren Trittsiegel des Kitzes in ihrem Schlepptau stoßen und ebenso werden wir sehen, wie der Rehbock wieder mehr Zeit allein verbringt. Wir begreifen immer mehr von dem Netzwerk, von dem diese Rehe ein Teil sind. Wir erfahren, welche Pflanzen sie bevorzugen und an welchen Orten sie Schutz suchen. Unsere Beziehung zu den Rehen und ihrem Lebensraum verfestigt sich, wir lernen von Erfolg und Misserfolg der Tiere und wenn wir sie lange genug beobachten, werden wir früher oder später auch von ihrem Tod erfahren. Beim Fährtenlesen geht es um reale Beziehungen mit der wirklichen Welt.

Es war ein kristallklarer Wintermorgen und ich entschloss mich, das erste Tageslicht zum Fährtenlesen zu nutzen. In der Nacht hatte es leicht geschneit und eine feine Schicht Pulverschnee bedeckte den älteren, vereisten Schnee – ideale Bedingungen also. Ich überquerte eine offene Wiese und näherte mich dem Douglasienwald, in dessen Nähe ich wohnte, als plötzlich eine winzige Fährte meine Aufmerksamkeit erregte. Das trapezförmige Spurbild und dessen Maße sprachen für ein kleines Nagetier. Bei genauerem Hinsehen bemerkte ich die deutlichen Trittsiegel. Jeder Sohlenballen war abgedrückt und zeigte scharfe Konturen, sodass ich die Art bestimmen konnte: Es war die Fährte einer Waldmaus!

Die Dämmerung wich bald dem heller werdenden Morgen und das bläuliche Licht verlieh den Fußabdrücken einen besonderen Glanz. Es hatte erst vor etwa einer halben Stunde aufgehört zu schneien und die kleinen Trittsiegel waren schneefrei. Diese Fährte war keine dreißig Minuten alt. Fasziniert folgte ich der Waldmaus, während ich mir vorstellte, so klein wie sie zu sein und über diese freie Fläche zu springen. Mich überkam ein Gefühl von Gefahr, als mir bewusst wurde, wie riskant diese Überquerung für die Waldmaus war.

Wir hatten es fast unter den Schutz der Douglastannen geschafft, als ich eine größere Störung der Fährte mit einem Loch im Schnee bemerkte. Links und rechts des Loches waren zwei eindeutige Schwingenabdrücke zu erkennen. Angespannt schaute ich in die Schneevertiefung, an deren Boden ich das messerscharf wirkende Trittsiegel einer Eule erblickte und die Fährte meiner Waldmaus endete.

Verhalten Sie sich beim Fährtenlesen achtsam und rücksichtsvoll – gegenüber Ihren Mitmenschen und gegenüber der Natur. Wenn Sie einer Spur folgen, ist besondere Vorsicht geboten, um die Tiere nicht zu beunruhigen. Fährten sollten Sie eher zurück als vorwärts verfolgen. Dadurch lernen Sie über Lebensweise und Verhalten des Tieres, ohne es zu stören. Seien Sie während der Setzzeit, an einem bewohnten Erdbau oder an anderen für die Tiere wichtigen Orten, wie Fraß- und Ruheplätzen, besonders umsichtig. Achten Sie darauf, selbst nur wenig Spuren zu hinterlassen, setzen Sie sich für das Wohl unserer Fauna ein und tragen Sie zum Schutz und zum Erhalt unserer Umwelt bei. Viele der von uns ausgebildeten Fährtenleser pflegen gute Beziehungen mit dem Forstamt, den Jägern und der Naturschutzbehörde ihrer Region. Oft bekommen sie Sondergenehmigungen für das Betreten eines Gebietes und sammeln wertvolle Daten, um bei Projekten wie dem Fischotter-Monitoring zu helfen.

Dem Naturschutz verpflichtet

Beachten Sie die geltende Naturschutzverordnung sowie Brut- und Setzzeiten und informieren Sie sich über die geschützten Arten eines Gebiets. Respektieren Sie diesen Schutzstatus und halten Sie sich an ein eventuell bestehendes Wegegebot. Nehmen Sie gegebenenfalls Kontakt mit den zuständigen Behörden auf, um Ihre Vorhaben abzusprechen. Informationen zu Schutzstatus und Schutzgebieten erteilt unter anderem das Bundesamt für Naturschutz.

Durch das Lesen von Tierspuren können Sie Informationen über geschützte Arten erhalten. Gehen Sie verantwortungsvoll mit diesem Wissen um. Veröffentlichen Sie keine Aufenthaltsorte dieser Tiere und tragen Sie aktiv zum Schutz ihrer Ruhesphäre bei. Denken Sie daran: „Der erste Fußabdruck, den Sie entdecken, ist das Ende einer Kette oder Schnur. Am anderen Ende dieser Schnur bewegt sich ein lebendiges Wesen.“ (Tom Brown Jr., Autor zahlreicher Tierspurenbücher.)

„Beim Fährtenlesen geht es um echte Beziehungen mit realen Tieren der wirklichen Welt.“

Mark Elbroch, Master Tracker USA und Autor preisgekrönter Tierspurenbücher.

ANGEWANDTES FÄHRTENLESEN