18,99 €
Mit kleinen Experimenten zum großen Erfolg Dreijährige Universitätsabschlüsse, zehnjährige Karrierepläne, dreißigjährige Immobilienkredite – unser Leben ist voll von linearen Plänen und starren Zielen. Doch passt dies noch in unsere schnelllebige Welt und wollen wir das überhaupt? Was wäre, wenn wir das Leben stattdessen als großen Spielplatz für Experimente betrachten würden? Neurowissenschaftlerin Le Cunff lädt dazu ein, sich von starren Lebensentwürfen zu verabschieden, um mehr Flexibilität und neue Perspektiven zu gewinnen – für persönliches sowie berufliches Wachstum. Im Mittelpunkt stehen Neugier und Freude am Ausprobieren. Praktische Tools und leicht umsetzbare Übungen unterstützen dabei, die eigenen Ambitionen zu entdecken, authentische Ziele zu verfolgen und mutig neue Wege zu gehen. Machen Sie sich bereit für ein neues aufregendes Zeitalter: Ihr experimentelles Leben mit dem etwas anderen Produktivitätsratgeber.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 357
Veröffentlichungsjahr: 2026
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
Für Fragen und [email protected]
Wichtiger Hinweis
Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.
1. Auflage 2026
© 2026 by Redline Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Türkenstraße 89
80799 München
Tel.: 089 651285-0
Die englische Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel Tiny Experiments bei Avery, einem Imprint von Penguin Random House, New York.
© 2025 by Anne-Laure Le Cunff. All rights reserved.
Published by Arrangement with Anne-Laure Le Cunff c/o WRITERS HOUSE LLC, 120 Broadway, 22nd Floor, NEW YORK, NY 10271 USA
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.
Übersetzung: Jordan Wegberg
Redaktion: Monika Spinner-Schuch
Umschlaggestaltung: Maria Verdorfer
Satz: Daniel Förster
eBook: ePUBoo.com
ISBN druck 978-3-69046-003-3
ISBN ebook (EPUB, Mobi) 978-3-96267-054-2
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
www.redline-verlag.de
Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de
Für die weisen Lehrer, die mich immer zur Neugier zurückgeführt haben
Einleitung: Abschied vom linearen Leben
Von einer Leiter zur nächsten
An der Schwelle zum Wandel
Instrumente für den Übergang
PAKT: SICH AUF DIE NEUGIER EINLASSEN
Kapitel 1: Warum die Zielfestlegung nicht funktioniert
Die Falle der linearen Ziele
Zwischen Reiz und Reaktion
Drei mentale Veränderungen
Kapitel 2: Die Tyrannei der Zweckmäßigkeit
Die Fesseln kognitiver Skripte
Entwöhnung von Ihren Skripten
Eine Anthropologie Ihres Lebens
Kapitel 3: Ein Pakt, um Zweifel in Experimente zu verwandeln
Ein ganz kleines Experiment gestalten
Die Macht der wiederholten Versuche
Was ein Pakt nicht ist
Die Auswahl Ihres Pakts
HANDELN: ACHTSAME PRODUKTIVITÄT
Kapitel 4: Ein intensives Zeitgefühl
Jenseits des Zeitmanagements
Ihre magischen Fenster
Ein Kairos-Ritual entwickeln
Kapitel 5: Prokrastination ist nicht der Feind
Tod durch zwei Pfeile
Erschießen Sie nicht den Boten
Der Dreifach-Check
Außerhalb Ihrer selbst
Eine Tür zur Entdeckung
Kapitel 6: Die Macht der absichtlichen Unvollkommenheit
Der Perfektionsdruck
Süß und sauer
Besser erledigt als perfekt
REAGIEREN: ZUSAMMENARBEIT MIT DEM UNGEWISSEN
Kapitel 7: Wachstumszyklen schaffen
Das Schweizer Taschenmesser des Verstandes
Ein einfaches metakognitives Instrument
Gute Fehler machen
Kapitel 8: Das Geheimnis besserer Entscheidungen
Fortfahren: Stellung beziehen
Pausieren: Einfach mal innehalten
Umdenken: Eine Wende vornehmen
Den Entscheidungsrahmen erweitern
Kapitel 9: Der Tanz mit der Disruption
Wenn alles auseinanderbricht
Reset in zwei Schritten
Ein endloser Walzer
AUSWIRKUNGEN: WACHSEN MIT DER WELT
Kapitel 10: Den sozialen Flow in Gang setzen
Stärke in Gemeinschaft
Die kollektive Neugier nutzen
Zum Architekten werden
Kapitel 11: Öffentliches Lernen
In die Arena treten
Wie man zu radikaler Transparenz gelangt
Die Stimme zum Schweigen bringen
Kapitel 12: Leben jenseits des Vermächtnisses
Vom Vermächtnis zur Generativität
Die Schlüssel zu generativen Abenteuern
Für Ihre Suche geschaffen
Fazit: Hallo, experimentelles Leben
Anhang
Werkzeugkasten für Experimentierende
Leitfaden zur Reflexion
Zusatzmaterial Die Kunst des Gedankengärtnerns
Glossar
Danksagung
Über die Autorin
Stimmen zu Tiny Experiments: Mit kleinen Schritten zum Erfolg
Anmerkungen
Lass dir von niemandem deine Fantasie, deine Kreativität oder deine Neugier nehmen. Es ist dein Platz in der Welt; es ist dein Leben. Mach weiter und hol alles heraus, was du nur kannst, und mach es zu dem Leben, das du führen möchtest.
Mae Jamison, amerikanische Ingenieurin, Physikerin und ehemalige NASA-Astronautin
Abschied vom linearen Leben
»Sind Sie sicher?«, fragte meine Vorgesetzte mit echter Besorgnis. Ich war 27, lebte in San Francisco und hatte soeben meine Kündigung bei Google eingereicht. Ich verließ freiwillig meinen Traumjob: hervorragende Bezahlung, internationale Reisen, eine anspruchsvolle Arbeit, die mit meiner Qualifikation übereinstimmte, interessante Kolleginnen und Kollegen und scheinbar grenzenlos in Hinsicht auf die zu erreichenden Höhen, falls ich die Unternehmensleiter weiter emporkletterte. Als ich diese Stelle direkt nach meinem Universitätsabschluss bekommen hatte, waren meine Eltern so glücklich gewesen, wie ich sie nie zuvor erlebt hatte. Und ich genauso! Es war die Chance, in die Hochburg der Tech-Welt zu gelangen.
Die Frage meiner Vorgesetzten war also berechtigt. Nein, ich war nicht sicher, dass ich das Richtige tat. Aber das sagte ich nicht. Stattdessen nickte ich zuversichtlich, umarmte sie und dankte ihr für diese prägenden Jahre.
Sie fragen sich jetzt wahrscheinlich: Warum?
Es war ziemlich unwahrscheinlich gewesen, dass ich in der Google-Zentrale in Kalifornien landen würde. Ich bin französisch-algerischer Abstammung und in Paris aufgewachsen. Meine Mutter wurde im algerischen Sidi Okba geboren, das früher als »Stadt der Magie« bekannt war, weil es außergewöhnlich viele geistige Führer anlockte. Als Tor zur Sahara war Sidi Okba die Schnittstelle, an der Araber und Beduinen zusammenkamen, um mit Gewürzen, Kamelen und Stoffen zu handeln. Mein Vater wurde in der befestigten französischen Stadt Dinan geboren, die jahrhundertelang einen strategischen Knotenpunkt zwischen Normandie und Bretagne bildete. Sie ist bekannt für eines der größten Mittelalterfeste Europas, bei dem Menschen die Befestigungsmauern mit jährlich wechselnden Themen wie »Pforte zur Vorstellungskraft« oder »Zeiten der Erschaffer« feiern.
Weihnachten bedeutete in meiner Familie halal zubereiteten Truthahn und Champagner. Wenn ich in Frankreich zur Schule ging, trug ich einen Minirock, und wenn ich meine Familie in Algerien besuchte, bedeckte ich meine Haare mit einem Schleier. Mein Vater, ganz in der französischen Lehrtradition der Mathematik, brachte mir alles über Fraktale und Chaostheorie bei, während meine Mutter mich mit arabischen Sprichwörtern vertraut machte.
Obgleich sie aus verschiedenen Welten kamen, gab es eines, über das meine Eltern sich einig waren: wie wichtig es ist, fleißig zu lernen und seinen Berufsweg klug auszuwählen. Ich war die erste Frau in meiner Familie, die einen höheren Bildungsabschluss erzielte, ermutigt sowohl durch meinen Vater, der dies als Weg zum Erfolg betrachtete, als auch durch meine Mutter, die darin den Weg zum Überleben sah. Meine Fächerwahl – Wissenschaft und Business – war auf optimale berufliche Chancen ausgerichtet.
Als Kind des Internets war ich immer fasziniert davon gewesen, wie Pixel zum Leben erwachen. Während meiner Teenagerzeit brachte ich meine Neugier auf verrückte und wunderbare Weise zum Einsatz: Ich betrieb einen von Hand programmierten Blog, dessen Design sich alle paar Wochen änderte, übersetzte obskure japanische Songs ins Französische und leitete eine Online-Gruppe für junge Autorinnen und Autoren. Tag für Tag kamen Millionen Menschen aus aller Welt zusammen, um online zu lernen, sich zu verknüpfen, um herumzutüfteln und kreativ zu sein. Wie das alles funktionierte, hatte etwas Geheimnisumwobenes, verbunden mit einer gewissen Hochachtung für die Magier in Unternehmen wie Google, die all diese Fäden verknüpften, um daraus das World Wide Web zu schaffen.
Mein Vorstellungsgespräch bei Google bekam ich aufgrund eines glücklichen Zufalls, nachdem ich mich während eines Flugs nach San Francisco mit dem Fremden neben mir eingehend über die Zukunft der Technologie ausgelassen hatte. Ich durchlief den intensiven Auswahlprozess und bekam die Stelle – die perfekte Stelle. Als ich auf dem Firmengelände ankam, war ich von Glück erfüllt und fühlte mich auch ein kleines bisschen wie eine Hochstaplerin.
Google ist bekanntlich datenorientiert, deshalb hatte jedes mir zugeteilte Projekt klare Zielsetzungen. Der berufliche Erfolg definierte sich aufgrund zweier nachvollziehbarer Konzepte: der Karriereleiter für die Position und dem Maß der Erfahrung. Der Beförderungsprozess beruhte auf einem Kriterienkatalog, der genau festlegte, welche Qualifikationen nachgewiesen werden mussten, um auf die nächsthöhere Ebene zu gelangen. Das war kein Ratespiel und keine Bastelei. Es war alles vorgegeben und übersichtlich dargelegt.
Inspiriert von meinen Kolleginnen und Kollegen, ermuntert von meinen Eltern und meinen Freunden in Frankreich, machte ich mich daran, die Leiter eifrig zu erklimmen. Ich plante meinen Tag in 30-Minuten-Einheiten durch, beantwortete alle E-Mails umgehend, meldete mich freiwillig für Zusatzprojekte und fand sogar die Zeit, persönliche Treffen mit Mentoren zu vereinbaren, die mir dabei halfen, die nächsten Schritte in meiner Google-Laufbahn zu entwerfen. Ich flog in der Welt herum, um an Konferenzen und Messen teilzunehmen. Ich wurde befördert und erhielt eine globale Position im Digital-Health-Team. Manchmal musste ich Verabredungen absagen, um bis in die Nacht hinein an Präsentationen zu arbeiten, aber ich glaubte, es sei das Opfer wert. Mein Weg war vorgezeichnet; ich musste nichts tun, als weiter hochzusteigen.
Der amerikanische Psychiater Irvin Yalom schrieb über Erweckungserlebnisse – Ereignisse, die unseren gewohnten Alltag erschüttern, unsere Verteidigungsmauern durchbrechen und neue Möglichkeiten eröffnen. Manche sind einschneidend, etwa der Verlust eines nahestehenden Menschen, eine Scheidung, ein Krieg oder eine Erkrankung. Andere können als »eine Art kleine existenzielle Schocktherapie« bezeichnet werden – ernüchternde Gedanken, die einen zum Nachdenken darüber anregen, wie man eigentlich lebt. Eine Kombination aus beidem war nötig, um mein Bewusstsein wiederzuerwecken.
Als ich mich eines Morgens für die Arbeit fertigmachte, merkte ich, dass mein Arm lila angelaufen war. Ich ging zur Krankenstation von Google, von wo ich in die Stanford-Klinik geschickt wurde. Die Ärzte fanden ein Blutgerinnsel, das in meine Lunge zu wandern drohte. Eine Operation war erforderlich, um es zu entfernen. Ich fürchtete so sehr, dass die aktuellen Projekte meines Teams ins Stocken geraten könnten, dass ich um einen Aufschub der Operation bat, um sie dann vornehmen zu lassen, wenn alle aufgrund einer Unternehmensklausur frei hatten. Hätte meine Vorgesetzte das gewusst, wäre sie sauer geworden, deshalb erzählte ich ihr nichts davon.
Als meine Freunde mich nach dem Eingriff aus dem Krankenhaus abholten, schossen sie ein Gruppenfoto. Ich saß in der Mitte in einem Rollstuhl, lächelte und hielt einen Blumenstrauß in der Hand. Mein Gesicht sah immer noch genauso aus wie vor der Operation, aber ich konnte bereits spüren, dass sich in mir etwas verändert hatte. Ich erholte mich schnell und kehrte wieder zurück zur Arbeit, erfüllte weiterhin meine Ziele und unterstützte mein Team, aber meine Bemühungen fühlten sich mechanisch an.
Nicht lange danach flog ich über Weihnachten nach Frankreich, meine erste Heimreise seit einem Jahr. Ich war von Freunden und Familienmitgliedern umgeben, die ich ewig nicht gesehen hatte. Jemand fragte: »Wie ist denn dein Leben so?« So eine triviale Frage, und doch … Als ich automatisch erwiderte, die Arbeit sei super und San Francisco schön, vielen Dank, erkannte ich zum ersten Mal, wie lustlos meine Stimme klang.
Wie war mein Leben denn eigentlich?
Das hatte ich mich noch nie gefragt. Ich war zu beschäftigt, immer darauf konzentriert, das nächste Projekt abzuschließen oder ein größeres Ziel zu erfüllen. Und ich lebte den Traum – also musste natürlich alles super sein.
Tausende Kilometer von San Francisco entfernt dachte ich zum ersten Mal endlich aufrichtig über diese Frage nach. Das Leben war nicht schrecklich, aber es war auch nicht toll. Ich war wahrscheinlich ausgebrannt, doch das war nur ein Symptom des Problems. Ich war so beschäftigt mit dem Alltag, dem Kriterienkatalog und der nächsten Stufe auf der Leiter, dass ich die Fähigkeit verloren hatte, irgendetwas anderes wahrzunehmen. Ich fragte mich nicht mehr, was ich mir von meinem Tag oder gar von meiner Zukunft erhoffte.
Und trotz dieser unablässigen Plackerei war ich zunehmend gelangweilt. Während ich früher von einem aufrichtigen Verlangen nach Lernen und Wachstum vorangetrieben worden war, folgte ich jetzt einem vorgegebenen Weg, den schon so viele Kolleginnen und Kollegen vor mir begangen hatten.
Die Erkenntnis, wie ich mich fühlte, war wie ein elektrischer Schlag. Viele Menschen können sich auf der Grundlage einer Stelle bei Google ein erfülltes, ausgewogenes Leben aufbauen. Ich war keiner davon. An meinem ersten Arbeitstag nach dem Urlaub kündigte ich.
Rückblickend betrachtet hätte ich vielleicht vor der Kündigung eine Denkpause einlegen sollen, aber ich konnte mich einfach nicht mit der Angst auseinandersetzen, dass ich von einer gefeierten Angestellten zu einem arbeitslosen Niemand wurde. Meine Mutter sah mich schon auf das Obdachlosenasyl zusteuern. Also stürzte ich mich sofort in das nächste gesellschaftlich akzeptierte Abenteuer: Nachdem du in einem Big-Tech-Unternehmen gearbeitet, dein berufliches Netzwerk aufgebaut und ein bisschen Geld gespart hast, schüttle die goldenen Fesseln ab und gründe dein eigenes Unternehmen.
Ich zog zurück nach Europa und gründete ein Technologie-Start-up.
Binnen eines Jahres wurde das junge Unternehmen in der Zeitschrift WIRED als eins der »Start-ups im Gesundheitswesen, von denen man gehört haben sollte«, hervorgehoben. Ich trennte mich von meinem ersten Mitgründer, wurde dann aber in ein angesehenes Start-up-Förderprogramm aufgenommen, wo ich einen neuen Mitgründer kennenlernte. Wir verbrachten unfassbar viel Zeit damit, zu pitchen und potenzielle Geschäftspartner kennenzulernen. Ich war so beschäftigt, dass ich gar nicht merkte, wie ich von einem hyperfokussierten, ergebnisorientierten Vorhaben ins nächste geraten war.
Erst als es uns nicht gelang, die nächste Stufe des Förderprogramms zu erreichen, und wir das Unternehmen dichtmachen mussten, erlaubte ich mir einen Moment der Ruhe. Tatsächlich hatte ich gar keine andere Wahl. Es gab keinen offensichtlichen nächsten Schritt. Nach jahrelanger Schinderei hatte ich schließlich einen Ort erreicht, an den ich mein erwachsenes Ich niemals hatte gelangen lassen wollen: Ich gestand mir ein, dass ich verloren war.
Und das war der befreiendste Gedanke, den ich je hatte.
Sie kennen vielleicht die Heldenreise, eine Erzählstruktur, die erstmals von dem Mythologen Joseph Campbell in seinem einflussreichen Buch Der Heros in tausend Gestalten beschrieben wurde und die sich in Geschichten quer durch alle Kulturen und Zeitalter wiederfindet. Wir stehen vor Herausforderungen, stürzen in den Abgrund des Unbekannten und müssen die Ressourcen finden, um uns einen Weg zu bahnen und verwandelt zurückzukehren. Genau wie in den Mythen besteht das Leben aus Zyklen des Verlorenseins und des Sich-selbst-Wiederfindens.
Im Empfinden, verloren und frei zu sein, begann ich, meine Übergangsphase nicht als Sackgasse zu betrachten, der ich entkommen musste, sondern als einen Raum, den es zu erkunden lohnte. Und mit dieser Einstellung stellte sich rasch die Vertrautheit zu einem alten Freund und Verbündeten wieder her: der Neugier.
Dass ich keine klaren Vorgaben hatte, denen ich folgen musste, eröffnete mir eine Welt der Möglichkeiten. Ich achtete auf die Gespräche, die mir Energie verliehen, und auf die Themen, die mich faszinierten. Ich machte Online-Kurse. Ich besuchte Workshops. Ich kaufte mir Bücher aus reinem Vergnügen. Während dieser ganzen Zeit arbeitete ich als Freelancerin, um mir eine Einkommensquelle zu bewahren. Ich war wieder ganz die Alte, und das gefiel mir. Ich stürzte nicht in einen Abgrund. Vielmehr lebte ich den Roman meines eigenen Lebens.
Meine Neugier brachte mich immer wieder auf das menschliche Gehirn. Warum denken wir, wie wir denken, und fühlen, wie wir fühlen? Je mehr Bücher ich las, umso mehr wuchs meine Faszination, bis ich schließlich beschloss, wieder an die Uni zu gehen, um Neurowissenschaften zu studieren. Dieses Mal hatte ich keinen grandiosen Plan. Ich wollte einfach forschen, lernen und wachsen. Ich brach bereitwillig ins Unbekannte auf.
Obwohl ich ein formelles Studium aufnahm, wollte ich meiner Neugier keinen Einhalt gebieten. Inspiriert vom experimentellem Mindset, das in der wissenschaftlichen Ausbildung gelehrt wird, fragte ich mich: Welches Experiment könnte ich mit meinem eigenen Leben anstellen, das mir ein Gefühl innerer Erfüllung vermitteln könnte, egal wie das Ergebnis ausfällt?
Ich schreibe sehr gern, deshalb schloss ich einen Pakt mit mir selbst, dass ich 100 Essays in 100 Arbeitstagen schreiben würde, die sich auf meine Studieninhalte und meine Lektüre bezogen. Ich schrieb über psychische Gesundheit bei der Arbeit, über Kreativität und achtsame Produktivität.
Anfangs war es furchterregend, meine Arbeit öffentlich zu machen. Ich fühlte mich nackt. Ich gestand der ganzen Welt ein, dass ich ein unvollendetes Werk war, genau wie alles, was ich schrieb. Mein einziger Anker war der Pakt selbst. Ich widerstand dem Drang, mir ein Endziel zu setzen, und konzentrierte mich ausschließlich aufs Weitermachen. Das war nicht immer einfach, daher mühte ich mich um Selbstreflexion. Ich machte mir Notizen und führte ein Tagebuch. Ich achtete auf Anzeichen für einen Burn-out und spielte mit verschiedenen Formaten – zum Beispiel kürzeren Essays, wenn ich viel zu tun hatte.
Nach und nach kristallisierte sich ein Weg heraus. Ich schaffte die 100 Essays und beschloss, weiterzumachen. Mein Newsletter wuchs stetig und erreichte 100 000 Leser. Ich nannte ihn Ness Labs, eine Kombination der Nachsilbe -ness, welche die Beschaffenheit des Seins bezeichnet (und sich zum Beispiel in Wörtern wie awareness, consciousness und mindfulness findet), und labs, denn es sollte ein Laboratorium für persönliches Ausprobieren sein. Die Leute schrieben mir E-Mails und bedankten sich dafür, dass ich ihnen geholfen hatte, Chaos in Kreativität zu verwandeln, dass ich ihnen Instrumente zum Verringern ihrer Ängste gegeben und ihnen Türen geöffnet hatte zu Teilen ihres Verstandes, die zu erkunden sie sich gefürchtet hatten. Andere fragten, ob ich nicht mal ein Seminar geben oder ein Buch schreiben wollte.
Ich machte mit meinen Studien weiter, und heute, als Neurowissenschaftlerin, untersuche ich mithilfe von Technologien wie Elektroenzephalografie und Blickregistrierung, wie verschiedene Gehirne unterschiedlich lernen. Ness Labs ist zu einem florierenden kleinen Unternehmen mit einem wunderbaren Team geworden. Ich darf über Themen reden und schreiben, die mir am Herzen liegen.
Die Ungewissheit bezüglich meiner Zukunft ist nicht fort, und doch erwache ich jeden Morgen voller Erwartung, zu entdecken, vor welche neuen Wegkreuzungen das Leben mich stellt. Ich halte immer nach neuen Experimenten Ausschau. Ich setze mich nicht unter Druck, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Ich verfolge ein anderes Spiel: ein Spiel des Bemerkens, Hinterfragens und Anpassens.
Ungewissheit kann uns vieles lehren. Wir erleben sie nicht nur bei großen Lebensveränderungen, sondern auch in kleineren Momenten der Uneindeutigkeit, etwa in der »chaotischen Mittelphase« eines Projekts, wenn wir am liebsten das Handtuch werfen würden. In solchen heiklen Situationen reagieren wir allzu oft mit Angst oder Befürchtungen. Und um uns davon zu befreien, stürmen wir auf ein festgelegtes Ziel zu, so wie ich es mit meinem Start-up getan habe.
Es gibt aber noch eine andere Methode: die experimentelle.
Während der letzten Jahre habe ich bei Ness Labs Instrumente entwickelt, die uns ein Leben freudigen Experimentierens ermöglichen. Mein Pakt der 100 Essays war der Beginn eines neuen Wachstumsansatzes – in diesem Buch zusammengefasst – auf Grundlage von Forschungen und dessen, was ich gelernt habe, indem ich Tausenden Menschen beibrachte, seine Prinzipien anzuwenden. Durch empirische Untersuchungen und persönliche Erfahrungen habe ich eine Reihe von Vorgehensweisen festgemacht, die ein Gegengift für Burn-out und Langeweile gleichermaßen sind – ein Gegengewicht zu der Angst, der Überforderung, der Verwirrung und der Einsamkeit, die viele Menschen aus meinem Bekanntenkreis empfinden, wenn sie versuchen, alte Erfolgsvorstellungen auf unsere heutige Welt anzuwenden.
Dieses Buch ist keine Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Erreichen eines bestimmten Ziels. Es bietet Ihnen vielmehr eine Reihe von Werkzeugen, die Sie an die Entdeckung und Erreichung Ihrer eigenen Ziele anpassen können – besonders wenn diese Ziele außerhalb der wohldefinierten Ambitionen liegen, die von der Gesellschaft vorgegeben werden.
Zusammen werden diese Werkzeuge Ihr Leben durch systematische Neugier bereichern – eine bewusste Eroberung des Raums zwischen dem Ihnen Bekannten und dem Ihnen Unbekannten, und zwar nicht mit Ängsten und Befürchtungen, sondern mit Interesse und Aufgeschlossenheit. Systematische Neugier verschafft Ihrer Wachstumsfähigkeit eine unerschütterliche Gewissheit, selbst wenn der genaue Weg ungewiss ist, mit dem Wissen, dass Ihr Handeln mit Ihren authentischsten Bestrebungen in Einklang gebracht werden kann.
In den folgenden vier Teilen des Buches lernen Sie,
•in Gang zu kommen durch Hingabe an die Neugier;
•weiterzumachen durch achtsame Produktivität;
•flexibel zu bleiben durch das Zusammenwirken mit dem Ungewissen und
•ambitionierter zu träumen durch das Wachsen mit der Welt.
Sie sind dabei, ein altes lineares Erfolgsmodell zu ersetzen durch ein experimentelles Modell des persönlichen und beruflichen Wachstums. Bei diesem neuen Modell werden Ihre Ziele aufgedeckt, verfolgt und angepasst – nicht in einem Vakuum, sondern im Gespräch mit dem weiteren Umfeld. Sie werden große Fragen stellen und ganz kleine Experimente gestalten, um die Antworten zu erhalten. Sie werden Gefallen daran finden, einem nicht linearen Weg zu folgen, bei dem jede Gabelung ein Ruf zum Abenteuer ist.
Diese Lebensweise beruht auf uralter Weisheit und ist durch moderne wissenschaftliche Erkenntnisse bestätigt. Sie zeigt, dass Ungewissheit ein Zustand erweiterter Möglichkeiten sein kann, ein Raum für Verwandlungen, wenn man sich auf seine Neugier einlässt. Sie kann Herausforderungen in Anreize zur Selbsterkenntnis verwandeln und Zweifel in eine Quelle von Chancen. Machen Sie sich bereit für ein neues aufregendes Zeitalter: Ihr experimentelles Leben.
Sich auf die Neugier einlassen
Warum die Zielfestlegung nicht funktioniert
Es regnete, als die Frau aus ihrem Flugzeug kletterte. Ihre Beine waren noch wacklig von dem langen Flug. Sie sah sich um, betrachtete die unbekannte Umgebung, war sich nicht ganz sicher, wo sie war. Sie war in einem großen Feld gelandet, mit einer herrlichen Aussicht auf Wald und Gewässer. Das sah definitiv nicht aus wie ihr eigentliches Ziel Paris. Aber sie hatte nicht viel Zeit, das Panorama zu genießen, denn bald war ihr Flugzeug umringt von Hunderten Anwohnern, die voller Neugier die berühmte Miss Amelia Earhart kennenlernen wollten. Als ein Bauer sie fragte: »Sind Sie weit geflogen?«, erwiderte sie: »Aus Amerika.«
Ja, sie hatte es geschafft: Trotz technischer Probleme mit ihrem Flugzeug und obwohl schlechtes Wetter sie gezwungen hatte, in Nordirland zu landen, war sie die erste Frau, die allein über den Atlantik geflogen war.
Amelia Earhart ist für diese unglaubliche Leistung bekannt, aber nur wenige wissen, dass sie dieselbe Reise schon fünf Jahre zuvor gemacht hatte, wenn auch unter ganz anderen Umständen. Damals konnte sie von der Tätigkeit als Pilotin nicht leben und war Sozialarbeiterin für einkommensschwache Immigranten, als sie einen merkwürdigen Anruf erhielt: Sie könne die erste Frau sein, die über den Atlantik flog, aber sie dürfe das Flugzeug nicht selbst lenken – nur als bloße Passagierin mitfliegen. Der Passagierin, die ursprünglich mitfliegen sollte, war die Reise nun doch zu riskant.
Earhart war bereits eine erfahrene Fliegerin; sie hätte das Angebot ablehnen und auf eine bessere Gelegenheit warten können. Doch sie sagte zu und handelte aus, dass sie die Verantwortung für das Logbuch hätte, sodass sie wenigstens eine aktive Rolle spielen konnte. Diese erste Erfahrung ermöglichte ihr die Freisetzung der notwendigen Ressourcen, um die Atlantiküberquerung erneut zu versuchen, diesmal mit ihrem eigenen Flugzeug.
Sogar noch weniger bekannt sind die unzähligen weiteren Experimente, die sie außerhalb der Fliegerei vornahm. Fliegen war teuer, deshalb arbeitete Earhart als Angestellte eines Telefonunternehmens. Sie versuchte sich mit einem Freund an der Porträtfotografie, und als dieses Projekt scheiterte, gründete sie mit einem anderen Freund ein Fuhrunternehmen. Nachdem sie Berühmtheit erlangt hatte, entwarf sie funktionelle Kleidung mit bequemen, aber eleganten Hosen »für die aktiv lebende Frau«. Sie war Beraterin für Frauen in traditionellen Männerberufen an der Purdue University. Auch im Privatleben experimentierte sie. Als sie den Verleger George Palmer Putnam heiratete, sagte sie ihm, sie würde sich an »irgendein mittelalterliches Treuegelöbnis« nicht halten, und ging ganz offen eine Affäre mit ihrem Fliegerkollegen Gene Vidal ein.
Und jene Notizen, die sie während ihres ersten Transatlantikflugs gemacht hatte? Die veröffentlichte sie als ihr erstes Buch.
Man sagt, Erfolg sei das Ergebnis außergewöhnlicher Talente oder eines herausragenden Durchhaltevermögens. Doch anstelle irgendwelcher angeborener Stärken oder des beharrlichen Verfolgens eines großen Traums war es eher ihre grenzenlose Neugier, die Amelia Earhart ihren Weg entdecken ließ. Sie betrachtete »die Freude am Experimentieren« als verbindende Antriebskraft ihrer Handlungen – »dieses Etwas in mir, das immer schon gern etwas Neues ausprobiert hat«. Manchmal fürchtete sie sich vor dem Scheitern, aber sie nahm ihre Ängste an. Sie war ehrgeizig, und doch war es ihr wichtig, etwas Positives zu bewirken. Sie war angetrieben, und doch fokussierte sie sich nicht auf ein finales Ziel. Sie hielt das Abenteuer selbst für lohnenswert. All diese anderen Facetten ihres Lebens – eines Lebens voller kreativer Ungewissheit – werden in den Geschichtsbüchern nur selten erwähnt, und doch ist es gerade die Tatsache, dass Earhart auf ihrem Weg zur Fliegerin mehrmals ins Schlingern geriet, die ihr Leben so außergewöhnlich macht. Sie erfand ihre Berufslaufbahn immer wieder neu, hinterfragte den Status quo und strebte danach, andere voranzubringen, während sie sich ihren eigenen Weg bahnte.
Wir alle kommen mit dieser Abenteuerlust auf die Welt. Es liegt in der kindlichen Natur, zu experimentieren und das Unbekannte zu erforschen. Kinder lernen zuerst und vor allem durch Bewegung, die als grundlegende Fähigkeit für die Entwicklung emotionaler, kognitiver und sozialer Fertigkeiten gilt. Kinder sammeln und verknüpfen Informationen, indem sie fortwährend ihre Umgebung erkunden. Sie versuchen sich an Aktivitäten, die über ihre Fähigkeiten hinausgehen, sie versuchen, die Auswirkungen ihres Handelns vorherzusagen, und sie fragen immer wieder: »Warum?« – genau genommen stellen Kinder im Durchschnitt über 100 Fragen pro Stunde. Durch schnelles und häufiges Scheitern lernen sie aus jeder Erfahrung, sich selbst voranzutreiben. Kinder sind unersättliche Abenteurer.
Doch dann verändert sich etwas. Man bringt uns Leistung bei: bestimmte Zielvorgaben zu erfüllen, sei es in der Schule oder bei der Arbeit, uns aber auch auf eine Weise zu präsentieren, die den gesellschaftlichen Erwartungen entspricht. Manche schaffen es, sich die kindliche Abenteuerlust zu bewahren und sich ihre Optionen offenzuhalten, immer auf der Suche nach Hinweisen darauf, was kommen mag, doch die meisten Menschen halten an dem fest, was sie kennen. Wenn wir über unsere berufliche Zukunft nachdenken, streben wir nach einer lesbaren Geschichte, die den Eindruck der Stabilität vermittelt, mit einem zusammenhängenden Narrativ und klaren Schritten zum Erfolg. Wenn alles gut geht, finden wir eine Beschäftigung und liefern Antworten auf der Grundlage unseres Fachwissens – nicht Fragen auf der Grundlage unserer Neugier. Uns wird wichtig, was andere von uns denken, und wir erwecken den Eindruck von Selbstbewusstsein und legen mehr Wert auf Selbstbeherrschung als auf Selbstoptimierung. Wir begrüßen alles, was Kontrolle vermittelt – sei es ein Produktivitäts-Tool, eine Methode des Zeitmanagements oder ein Zielfestlegungssystem.
Dieser übliche Wandel von grenzenloser Neugier zu eng gefasster Entschlossenheit ist der eigentliche Grund, warum die traditionelle Vorgehensweise bei Zielen uns immer wieder im Stich lässt; sie behindert unsere Kreativität und hält uns davon ab, neue Chancen zu erkennen und zu ergreifen.
Schon vor über 2000 Jahren haben Philosophen über das Thema der Zielsetzung debattiert. »Alle deine Bemühungen sollen auf etwas gerichtet sein, behalte diesen Ausgang im Blick«, riet Seneca. Für Epiktet war die Zielsetzung eine Frage der Klarheit und Entschlossenheit: »Sag dir zuerst, was du sein willst, und dann tu, was du tun musst.«
In den 1960er-Jahren ließ der amerikanische Psychologe Edwin Locke sich von der Arbeit dieser antiken Philosophen inspirieren. Seine Zielsetzungstheorie setzte eine Lawine von Forschungen zur Beziehung zwischen Zielen und Leistung in Gang. Eine dieser Zielsetzungsmethoden, die Anfang der 1980er-Jahre entwickelt wurde, sprach sich für spezifische, messbare, ausführbare, realistische und terminierte Ziele aus – Sie kennen sie vielleicht als SMART-Ziele.* Diese Methode wird bis heute von Tausenden Unternehmen auf aller Welt eingesetzt, und sie ist längst aus dem Managementbereich in die Sphäre der persönlichen Weiterentwicklung vorgedrungen.
All diese Vorgehensweisen der Zielsetzung beruhen auf linearen Zielen: Sie wurden für kontrollierte Umgebungen geschaffen, in denen es leicht messbare Ziele mit vorhersagbaren Zeitfenstern gibt.
Die lineare Methode deckt sich überhaupt nicht mehr mit unserem heutigen Leben. Die Herausforderungen, denen wir begegnen, und die Träume, denen wir folgen, sind zunehmend schwerer zu definieren, zu messen und in ein festgelegtes Schema einzusortieren. Genau genommen besteht die Schwierigkeit für viele heutzutage häufig darin, nicht weiterzuwissen, wenn die nächsten Schritte anstehen: Statt als motivierende Kraft zu wirken, ist die Vorstellung eines genau definierten Ziels eher lähmend. Wenn die Zukunft ungewiss ist, sind die präzisen Parameter einer starren Zielsetzungsmethode kaum von Nutzen; es ist ein bisschen so, als würde man Darts ohne Zielscheibe spielen.
Diese fehlende Klarheit in einer sich ständig weiter verändernden Welt hat zu einer weit verbreiteten Ambivalenz in Bezug auf Ziele geführt. Wie die Journalistin Amil Niazi es formulierte: »Keine Ziele, einfach nur Vibes.« Manche haben sogar das Ende des Ehrgeizes ausgerufen, eine neue Ära, in der das Konzept der beruflichen Zufriedenheit zu einem Paradox geworden ist.
Doch der Ehrgeiz ist nicht zerstört. Er ist noch das, was er immer war: das angeborene menschliche Sehnen nach Wachstum, ein Sehnen, das sowohl universell als auch überaus persönlich ist. Auch die Menschen sind nicht zerstört. Sie verlangen immer noch nach Kreativität und Verbindung. Nur die Art und Weise, wie wir uns Ziele setzen, ist zerstört.
Achten Sie mal auf unsere Wortwahl. Ziele bringen uns voran, wir machen uns auf, unsere Ziele zu erreichen, wir machen Fortschritte auf dem Weg zu einem Ziel. Man bezeichnet das als Orientierungsmetaphern – bildhafte Ausdrücke, die räumliche Beziehungen enthalten. Ein lineares Ziel zu setzen führt dazu, dass ein Zielzustand in der Zukunft festgelegt und die dorthin führenden Schritte geplant werden. Erfolg wird als die Ankunft am Ziel definiert.
Weil sie Ehrgeiz mit dem zielstrebigen Verfolgen einer finalen Bestimmung verwechseln, haben traditionelle Methoden der Zielverfolgung einen Effekt, der ihrer Absicht zuwiderläuft: Sie schaffen eine entmutigende Perspektive, bei der wir weit vom Erfolg entfernt sind. Unsere Zufriedenheit – die beste Version unserer selbst – liegt irgendwo in der Zukunft. Es gibt (mindestens) drei weitere offensichtliche Irrtümer bei linearen Zielen:
Lineare Ziele wecken Ängste. Mit etwas Neuem zu beginnen, ist einschüchternd, besonders wenn es weit außerhalb unserer Komfortzone liegt. Da uns die Kompetenz mangelt, die mit der Erfahrung einhergeht, wissen wir nicht so recht, wo wir anfangen sollen. Manchmal führt schon die schiere Anzahl an Optionen zu einer Entscheidungsparalyse. Wir sind von den Wahlmöglichkeiten so überfordert, dass wir handlungsunfähig werden. Dann wieder fühlen wir uns nicht qualifiziert genug und lassen uns von Selbstzweifeln niederdrücken. Wir glauben, nicht genügend Zeit oder finanzielle Ressourcen zu haben. Oder wir malen uns aus, was passiert, wenn wir versagen, und lassen uns von der Angst ausbremsen.
Lineare Ziele fördern eine toxische Produktivität. Wissenschaftler, die unser Verhältnis zum Müßiggang untersucht haben, stellten fest, dass »viele angeblich von Menschen verfolgte Ziele lediglich Rechtfertigungen sein können, um sich beschäftigt zu halten«. Durch die Fokussierung auf unablässige Planung und Umsetzung können wir eine übermäßig strenge Mentalität entwickeln, die uns glauben lässt, dass alles in die Brüche geht, wenn wir nicht jede einzelne Aufgabe erfüllen. Wir machen Überstunden, wir haben Schuldgefühle, wenn wir Pausen machen, wir sagen Freunden ab, um mehr zu arbeiten. Wir setzen unrealistische Fristen und geben uns selbst die Schuld, wenn wir sie nicht einhalten. Wir erforschen das perfekte Produktivitäts-Tool, statt uns einfach zu fragen, wie es uns geht. Wir gehen krank zur Arbeit. Alles nur, damit die Tretmühle des Erfolgs sich nicht verlangsamt. Diese Bevorzugung von Geschwindigkeit gegenüber nachhaltigem Erfolg laugt uns psychisch aus und macht uns paradoxerweise weniger produktiv.
Lineare Ziele führen zu Konkurrenz und Isolation. Wenn alle ringsumher dieselbe Leiter emporklimmen und einander dabei den Weg abschneiden, werden wir genau aus den falschen Gründen zu Konkurrenten. Selbst wenn wir uns unsere Ziele als unsere ganz persönliche Leiter vorstellen, betrachten wir andere auf ihren Leitern und beeilen uns, nach oben zu gelangen. So oder so fördern lineare Ziele eine individualistische Mentalität, die dazu führen kann, dass wir Mitarbeitende als Konkurrenten betrachten, und das hat Entfremdung, mangelnde Unterstützung und weniger Chancen zur Folge. Der ständige Vergleich und die Konzentration auf individuelle Errungenschaften halten uns davon ab, unsere Ressourcen zu bündeln und voneinander zu lernen, und das zum Nachteil unserer Karrieren und Gemeinschaften.
Zum Teil auch deswegen ist Ehrgeiz zu einer Art Schimpfwort geworden. Wir gehen davon aus, dass Ehrgeiz bedeutet, einem vorgeschriebenen Skript zu folgen und eine niemals endende Leiter emporzusteigen, manchmal auf Kosten anderer. Dieser Irrtum ist nicht neu, aber das moderne Leben hat eine enorme öffentliche Bestenliste hervorgebracht, welche die künstliche Notwendigkeit des Konkurrierens noch verstärkt. Aufgrund von Social Media vergleichen wir uns mehr als je zuvor mit anderen. Wir werden nicht nur über die beruflichen Wunderwerke unserer Kolleginnen und Kollegen informiert, sondern auch über die von allen, mit denen wir zur Schule und zur Uni gegangen sind. Wir werden pausenlos an das angeblich perfekte Leben aller anderen in unserem Netzwerk erinnert. Und so bläht sich unsere Definition von Erfolg im Laufe der Zeit immer mehr auf.
Dieses Phänomen wird als der Rote-Königin-Effekt bezeichnet. In Alice hinter den Spiegeln sagt Alice zur Königin: »In unserem Land gelangt man im Allgemeinen woandershin – wenn man lange Zeit sehr schnell rennt, so wie wir es getan haben.« Woraufhin die Königin antwortet: »Ein langsames Land! Nun, weißt du, hier musst du aus Leibeskräften rennen, um an Ort und Stelle zu bleiben. Willst du woandershin gelangen, musst du mindestens doppelt so schnell laufen!«
Unser kollektiver Fokus auf die Erfolgsleiter hat das Bild von der Hetzjagd des modernen Lebens aufkommen lassen: Wenn wir nur noch einen weiteren Schritt höher kommen – wenn wir nur diese Beförderung bekommen, diese große Präsentation halten, die Zahl unserer Follower erhöhen, Mitarbeiter einstellen, das Haus kaufen –, dann können wir endlich beruhigt sein.
Oftmals sind unsere Ziele nicht mal unsere eigenen; wir borgen sie von Mitmenschen, von Prominenten und von dem, was wir uns als gesellschaftliche Erwartungen vorstellen. Der französische Philosoph René Girard bezeichnete dieses Phänomen als mimetisches Begehren: Wir wollen etwas, weil wir sehen, dass andere es wollen. Mit anderen Worten: Unsere Ziele ahmen die Ziele anderer nach.
Und natürlich ist es unmöglich, unsere Spielfortschritte im Verhältnis zu denen anderer Mitspieler nicht zu bewerten – nur dass die Bestenliste manipuliert ist und jeder nur eine verzerrte Version seines Lebens zeigt: Schnappschüsse eines handgemachten Glücks, aus dem alle Mühen und Zweifel wegretuschiert wurden.
Die Angst vor dem Scheitern lässt uns endlos aufhören und anfangen, was zu einem unregelmäßigen Weg führt, auf dem wir immer wieder in die Komfortzone zurückkehren, ehe wir erneut voranzukommen versuchen. Toxische Produktivität führt zu Burn-out und erzeugt Höhen und Tiefen. Die Arbeit in Isolation bedeutet, dass uns die Unterstützungsnetzwerke fehlen, die einen glatteren Verlauf ermöglichen würden.
Diesem wilden, wirren Weg mit seinen intensiven Höhen und Tiefen zu folgen hat Konsequenzen. Wir machen vielleicht Fortschritte, aber es fühlt sich an wie ein ständiges Scheitern. Und statt uns zu kühnen nächsten Schritten zu inspirieren, jagen unsere Ziele uns Angst ein (Was, wenn ich es nicht schaffe?), sorgen für Apathie(Warum soll ich mich anstrengen, wenn der vor mir liegende Weg sowieso schon vorgegeben ist?) und versetzen uns in Wut (Warum muss ich dieses Spiel mitmachen?).
Doch dieser Zusammenbruch alter Methoden ist keine Krise. Er ist eine seltene Chance, die Ergründung unserer Ambitionen zu verbessern.
Stellen Sie sich mal kurz vor, Sie reisen allein auf einem Langstreckenflug ohne WLAN an Bord. Sie befinden sich in 9000 Metern Höhe weit oben am Himmel, im Übergang von einem Ort zum anderen, weder hier noch dort. Die Orte und Menschen, die normalerweise Ihren Alltag definieren und bestimmen, sind meilenweit entfernt. Sie wissen nicht genau, was nach der Landung passiert, aber Sie können den Vorgang auch nicht beschleunigen, um es herauszufinden.
Wie reagieren Sie auf diese Umgebung?
Reaktion 1: Unbehagen, Angst, Hilflosigkeit. Tatsache ist, Sie sitzen in 9000 Metern Höhe in einer rasenden Blechbüchse, und jemand anderes hat das Steuer. Sie trinken jede Menge Alkohol, um Ihre Angst zu betäuben, oder versuchen, das Unbehagen wegzuschlafen. Sie blenden sich so stark wie möglich aus und beten zu einer höheren Macht, dass der Pilot es schafft, das Flugzeug heil zu landen.
Oder …
Reaktion 2: Freude, Gelassenheit, Neugier. Losgelöst von Ihrem Alltag entspannen Sie sich – ja, sogar in diesem unbequemen Sitz. An diesem fremden Ort empfinden Sie ein anregendes Prickeln der Möglichkeiten. Sie könnten ein Buch lesen, auf das Sie schon lange neugierig sind, für das Sie aber bisher keine Zeit hatten. Einen Film ansehen, von dem Ihre Freunde kaum glauben könnten, dass er Ihnen gefällt. Ein Gespräch mit einem Fremden führen. Vielleicht schreiben Sie in Ihr Tagebuch, lassen das Vergangene Revue passieren und machen sich Gedanken über das Kommende. Losgelöst von Ihren üblichen Pflichten und befreit von den Beschränkungen Ihrer Alltagsidentität finden Sie jetzt den mentalen Freiraum, um mal etwas anderes zu machen.
Der soeben von mir beschriebene Flug ist ein Schwellenzustand (Liminalität) – ein Zwischenbereich, in dem die alten Regeln, die unsere Entscheidungen beeinflussen, nicht mehr gelten. Das Leben ist voll von solchen Momenten, und inwieweit wir lernen können, von ihren Lektionen zu profitieren, entspricht dem Maß, in dem wir uns weiterentwickeln und unser Leben verbessern.
Doch unser Gehirn fühlt sich in diesen Zwischenbereichen unwohl. Wir sind darauf ausgerichtet, Situationen rasch als gut oder schlecht zu beurteilen, ein evolutionärer Mechanismus, der uns vor unbekannten Risiken schützen soll. Sicher oder nicht? Freund oder Feind? Schleichweg oder Sackgasse? Doch dieser Instinkt kann zum Problem werden, wenn eine klare Antwort nicht ohne Weiteres verfügbar ist.
Unsere neuronale Aktivität verstärkt sich in solchen Situationen, was auf einen Zustand gesteigerter Erregung hinweist. Wie ein Wachposten im Alarmzustand bereitet sich das Gehirn auf potenzielle Bedrohungen vor. Ungewissheit wird zum Treibstoff der Angst. Tatsächlich wurde nachgewiesen, dass Ungewissheit mehr Stress erzeugt als unvermeidlicher Schmerz. Wenn wir nicht wissen, was auf uns zukommt, bedenken wir jede Möglichkeit und entwerfen Worst-Case-Szenarios. Obwohl wir gern mal die Kontrolle abgeben und am Himmel entlangrasen würden, stellen wir oft fest, dass wir unter der Reaktion 1 leiden: Unbehagen, wenn nicht gar verkrampfte Panik. An diesem Punkt neigen wir dazu, auf einen von drei Verteidigungsmechanismen zurückzugreifen, bei denen wir unsere Neugier, unseren Ehrgeiz oder beides im Stich lassen:
•Zynismus: Doomscrolling, sich Chancen entgehen lassen, sich über ernste Menschen lustig machen. Genau wie das Biest, ehe es der Schönen begegnet, betrachten wir Veränderung als Quelle sinnloser Arbeit und lassen es an jeglichem Wunsch fehlen, ein gutes Leben aufzubauen. Warum leiden, wenn man auch einfach überleben kann?
•Eskapismus: Kaufrausch, Bingewatching, Traumtänzerei. Genau wie Peter Pan ziehen wir uns auf eine Insel zurück, auf der wir uns von der Last unserer Verantwortung befreien können, einen idealisierten Ort, um der Ungewissheit des Lebens zu entkommen.
•Perfektionismus: Selbstdisziplinierung, Horten von Informationen, toxische Produktivität. Wir behandeln uns so, wie Aschenputtel von der bösen Stiefmutter behandelt wird – »von morgens bis abends musste sie schwere Arbeit leisten, früh aufstehen, Wasser schleppen, Feuer machen, kochen und waschen« – ohne Pause oder Zeit für uns selbst.
Das sind keine Persönlichkeitstypen. Vielmehr handelt es sich um Schutzschilde, die wir angesichts von Ungewissheit vor uns hertragen. Je nach unseren Umständen können wir zwischen ihnen wechseln.
Solche Verteidigungsmechanismen sind vollkommen normal. Sie sind Teil eines kognitiven Prozesses, den Psychologen als Kompensationskontrolle bezeichnen. Wenn wir Belastungen ausgesetzt sind, ist unser erster Instinkt, den Belastungsauslöser zu beseitigen. Und wenn wir die Stressquelle nicht entfernen können, suchen wir rastlos nach Aktivitäten, die uns das Gefühl der Kontrolle zurückgeben – alles, um unsere Hilflosigkeit zu kompensieren.
Diese Schutzschilde sind in unserer modernen Welt nicht nur nutzlos, sondern sie blockieren auch unsere Wachstumsgelegenheiten, unsere Selbstentdeckung und das, was das Leben spannend macht. Psychologen sagen oft, unsere Freiheit liege in der Lücke zwischen Reiz und Reaktion. Wir können mit der schweren Last der Ungewissheit umgehen wie der ängstliche Flugreisende, indem wir die Augen schließen und darauf warten, dass ein namenloser Pilot das Flugzeug landet – oder wir können tapfer die Möglichkeiten dieses Zwischenbereichs erkunden.
Wie Amelia Earhart einmal sagte: »Das Schwierigste ist der Entschluss, zu handeln.« Auch wenn wir vielleicht nicht über sämtliche Informationen verfügen, können wir doch Bewegung anstelle von Stagnation wählen, Erforschung anstelle von Paralyse. Und dann ist der Himmel erst der Anfang. Dies ist das Versprechen eines experimentellen Mindsets.
Wie gelangen Sie von starrer Linearität zu fließendem Experimentieren? Mit diesem Buch schaffen Sie sich einen Werkzeugkasten, um drei grundlegende Veränderungen Ihres Umgangs mit der Welt zu fördern:
Von Reaktion 1 zu Reaktion 2. Reaktion 1 ist automatisch und in der Angst vor dem Ungewissen verankert. Reaktion 2 ist autonom und beruht auf einem starken Gefühl der Wirkmächtigkeit. Wir oszillieren alle zwischen diesen beiden Reaktionen, doch je mehr wir unsere Neugierde trainieren, umso stärker verwandelt sich die Ungewissheit von etwas zu Vermeidendem zu etwas zu Erforschenden. Ein Wandel von Reaktion 1 zu Reaktion 2 ist der Wandel von defensivem zu proaktivem Verhalten. Statt die Reise als passive Passagiere zu erleben, können wir Möglichkeiten innerhalb des Ungewissen ergründen. Das Ziel nicht zu kennen regt unsere Fantasie an. Befreit von der Notwendigkeit, das Ergebnis zu kontrollieren, können wir experimentieren und spielen.
Von festen Leitern zu Wachstumszyklen. Wer sich auf ein mentales Modell der traditionellen Zielsetzung stützt, legt den Fokus auf lineare Fortschritte in Richtung eines vorbestimmten Ergebnisses. Jede Stufe stellt eine messbare Errungenschaft dar, einen vorhersagbaren Schritt auf einer geplanten Laufbahn, der nur wenig Freiraum für Überraschungen oder Zufälle lässt. Wechseln wir dagegen in ein mentales Kreismodell, verläuft der Weg anhand von iterativen Experimentzyklen, wobei jede Schleife auf der vorhergehenden aufbaut. Unsere Aufgabe liegt dann darin, jede Schleife auszuweiten, indem wir unsere Kreativität fördern und uns auf vielversprechende Berührungslinien einlassen, statt sie als Ablenkungen abzulehnen.
Vom Ergebnis zum Fortschritt. Wenn wir mit einer ergebnisorientierten Definition von Erfolg arbeiten, bedeutet Fortschritt das Abhaken von großen, schwierigen, waghalsigen Zielen. Wechseln wir dagegen zu einer prozessorientierten Definition, wird der Fortschritt durch inkrementelles Experimentieren vorangetrieben. Erfolg verwandelt sich von einem festen Ziel in einen sich entfaltenden Weg. Ohne feste Definition von Erfolg begrüßen wir den Wandel als Quelle der Neuerfindung. Unsere Richtung bildet sich natürlich heraus, wenn wir systematisch untersuchen, was unsere Aufmerksamkeit fesselt, statt uns auf eine künstliche Punktebewertung zu fixieren.
Lineare Ziele versprechen Gewissheit – wenn wir nur daran festhalten und emporklettern, kommen wir sicher am erwarteten Ziel an. Doch das Leben folgt nur selten solchen starren und vorhersagbaren Mustern. Experimente sind für das Dazwischenliegende gedacht; sie bringen Sie auch ohne festgelegten Endpunkt voran, und das in ständigem Austausch mit Ihrem inneren Selbst und der äußeren Welt. Indem wir den Mut besitzen, das Ufer hinter uns zu lassen, tauschen wir die Illusion von Kontrolle gegen die Möglichkeit der Entdeckung. Statt der Ungewissheit Widerstand zu leisten, schließen wir Freundschaft mit ihr. Der erste Schritt ist, Ihre Neugier wiederzuerwecken und sich neue Möglichkeiten auszudenken.
* Im Laufe der Zeit wurden alternative Begrifflichkeiten vorgeschlagen, und Sie kennen vielleicht eine unterschiedliche Version, in der beispielsweise attraktiv und relevant vorkommen.
Die Tyrannei der Zweckmäßigkeit
Viele glauben, alles, was wir im Leben tun, müsse einer zusammenhängenden Geschichte folgen und auf irgendeinen ultimativen Zweck hinauslaufen. In den letzten Jahren hat sich eine regelrechte Besessenheit von zweckorientierten Berufslaufbahnen entwickelt, fußend auf der Vorstellung, dass jeder von uns hier ist, um einer bestimmten einzigartigen Berufung zu folgen. In der Literatur hat sich die Beliebtheit der Formulierung den eigenen Sinn finden im Verlauf der letzten 20 Jahre um über 700 Prozent erhöht.
Erwähnungen von »den eigenen Sinn finden« in Büchern zwischen 1819 und 2019.
Die Suche nach dem Sinn wird oft als Alternative zum konventionellen, konformistischen oder dem Selbstzweck dienenden Karriereweg dargestellt. Ich würde sagen, dass sie lediglich eine Art der Konformität durch eine andere ersetzt. Indem wir uns auf den Sinn fokussieren, glauben wir, einen einzigartigen Weg zu beschreiten, obwohl wir in Wirklichkeit – wie Sie in diesem Kapitel erfahren werden – lediglich unser Potenzial für Wachstum und Lernen beschneiden.
Ron Finley ist ein Mensch, dessen Leben massiv eingeschränkt gewesen wäre, hätte er an der Idee festgehalten, dass sein Berufsleben nur einen einzigen Zweck habe, den er unbeirrbar verfolgen müsse. Einen Namen machte Finley sich zunächst als Modedesigner aus Los Angeles mit einer Kollektion, die in einigen der größten Einzelhandelsgeschäfte im ganzen Land verkauft wurde. Er war in die Modebranche gekommen, weil er fand, es gäbe nicht genügend Designer, die Kleidung speziell für Farbige entwarfen. Man könnte das als Projekt der Leidenschaft mit eindrucksvollem kommerziellem Erfolg bezeichnen. Dann kam eine Rezession. Die Geschäfte gaben keine Bestellungen mehr auf, und der Weg zum Schneidermeister – zu dieser Zeit sein Traum – war keine umsetzbare Option mehr.
