Todesschnitt: Ein Fall für Seiler und Göbel - Dritter Roman - Andreas Schmidt - E-Book
Beschreibung

Weil Mord oft mehr ist als nur ein Verbrechen: der rasante Kriminalroman »Todesschnitt« von Andreas Schmidt jetzt als eBook bei dotbooks. Es ist spät in der Nacht. Er will schnell in sein Hotel. Vor ihm liegt eine dunkle, menschenleere Gasse. Aber was soll schon passieren? Schließlich ist er ein Star, ein bekannter Schauspieler, dem jeder mit Respekt und Bewunderung begegnet. Aber dann ist da auf einmal diese dunkle Gestalt – und sie zieht eine Waffe! Am nächsten Tag gibt es kein anderes Thema in Wuppertal als den unfassbaren Mord. Die Polizei ist ratlos, die Schwester des Opfers verzweifelt. Sie bittet die Radioreporter Stefan Seiler und Heike Göbel um Hilfe. Und tatsächlich entdecken die beiden eine Spur, die sie selbst nie für möglich gehalten hätten … Jetzt als eBook kaufen und genießen: »Todesschnitt«, der dritte Fall für die Radioreporter Seiler und Göbel, in dem auch Andreas Schmidts beliebter Kommissar Norbert Ulbricht auftritt. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:320


Über dieses Buch:

Es ist spät in der Nacht. Er will schnell in sein Hotel. Vor ihm liegt eine dunkle, menschenleere Gasse. Aber was soll schon passieren? Schließlich ist er ein Star, ein bekannter Schauspieler, dem jeder mit Respekt und Bewunderung begegnet. Aber dann ist da auf einmal diese dunkle Gestalt – und sie zieht eine Waffe! Am nächsten Tag gibt es kein anderes Thema in Wuppertal als den unfassbaren Mord. Die Polizei ist ratlos, die Schwester des Opfers verzweifelt. Sie bittet die Radioreporter Stefan Seiler und Heike Göbel um Hilfe. Und tatsächlich entdecken die beiden eine Spur, die sie selbst nie für möglich gehalten hätten …

Über den Autor:

Andreas Schmidt, geboren 1969 in Wuppertal, begann als Redakteur der Schülerzeitung schon früh mit dem Schreiben. Später arbeitete er als Journalist für zahlreiche Zeitungen und andere Medien, bevor er begann, sich ganz der mörderischen Unterhaltung zu widmen: »Ich liebe den Krimi, weil er so facettenreich ist!«

Der Autor im Internet: www.mordundtotschlag.com

Bei dotbooks veröffentlichte Andreas Schmidt seine Trilogie rund um das Wuppertaler Ermittlerduo Seiler und Göbel (»Todeszug«, »Todeswasser«, »Todesschnitt«) sowie die Kriminalromane »Der Kopf des Toten« und »Tod mit Meerblick«, die den Leser in den Westerwald und an die Nordsee entführen. Auf für ihn ungewöhnlichen Pfaden wandelt Andreas Schmidt in »Wenn aus Chaos Liebe wird«, einer beschwingten Komödie – und beweist, wie meisterhaft er auch diese Tonart beherrscht.

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eBook-Neuausgabe Juli 2019

Dieses Buch erschien bereits 2004 unter dem Titel Wuppertod bei KBV

Copyright © der Originalausgabe 2004 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheim

Copyright © der Neuausgabe 2019 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung eines Bildmotivs von Adobe Stock / ted007

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ts)

ISBN 978-3-96148-388-4

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Andreas Schmidt

Todesschnitt

Ein Fall für Seiler und Göbel – Kriminalroman

dotbooks.

Für den liebsten Menschen der Welt.Was wäre ich nur ohne dich?

Kapitel 1

Tim Heiger hasste die Provinz. Und alles, was nicht München oder Berlin war, war für ihn Provinz. Er war ein Mann von Welt, hatte mit den Filmgrößen in Hollywood verhandelt und war andere Kategorien gewohnt. Drüben hatte er sogar schon einige kleinere Rollen in Hollywoodstreifen gespielt. Seiner Karriere in den Staaten stand eigentlich nichts mehr im Wege.

Und jetzt das: Wuppertal.

Sein Agent musste betrunken gewesen sein, als er den Vertrag angenommen hatte. Er würde ein ernstes Wort mit ihm reden müssen.

Verächtlich rümpfte Tim Heiger die Nase. Es war wie damals, in den später Achtzigern. Er drehte wie ein gerade fertig gewordener Absolvent der Schauspielschule in Deutschland, in einer provinziellen Stadt. Heiger blickte aus dem Seitenfenster des Taxis, das ihn durch Wuppertal kutschierte. Zu viele Erinnerungen hingen an dieser Stadt. Zu viel war geschehen. Bislang hatte er die Bilder, die er mit Wuppertal verband, immer erfolgreich verdrängt.

Die Häuserzeilen der Friedrich-Engels-Allee, einer vierspurigen Straße, flogen an dem Taxi vorüber, teilweise spärlich, teilweise bunt beleuchtet. Architektonischer Mischmasch. Es schien in dieser Stadt keinen typischen Stil zu geben. Schieferfassaden neben Betonbunkern, Fachwerkhäuser neben gläsernen Bürokästen. Und immer wieder das lindgrüne Gerüst des Wuppertaler Wahrzeichens, der Schwebebahn. Seit einiger Zeit wurde das Gerüst zumindest streckenweise nachts stimmungsvoll beleuchtet. In einem sanften Weiß. Und wenn eine Bahn den entsprechenden Streckenabschnitt passierte, dann wurde das Leuchten auf dem Gerüst blau. So entstand für den Betrachter der Eindruck, eine Lichtwelle würde über die Stahlkonstruktion schwappen.

Die Finanzierung der Beleuchtung war lange Zeit ungeklärt gewesen, und so war man auf die findige Idee gekommen, so genannte Lichtaktien an begeisterungsfähige Wuppertaler Bürger zu verkaufen. Ein heimatverbundenes Völkchen, die Wuppertaler. Sie liebten ihr Wahrzeichen so wie die Pariser ihren Eiffelturm. Was für ein Vergleich!

Tim Heiger seufzte. Er fragte sich, welcher Teufel seine Schwester geritten haben musste, als sie sich entschlossen hatte, in Berlin, wo sie aufgewachsen waren, alle Zelte abzubrechen. Jetzt war sie also verheiratet mit einem Rechtsanwalt. Einem Wuppertaler Rechtsanwalt. Erst gestern hatte er mit Michaela telefoniert. Offenbar fühlte sie sich wohl hier in der Bergischen Metropole. Natürlich würde er sie und ihren Mann besuchen. Sie wohnten in einem Haus am Stadtrand. Heiger beugte sich zum Taxifahrer vor, einem dicken Türken mit langer Nase und dichtem Oberlippenbart. »Wie lange noch?«, fragte er und fügte in Gedanken hinzu: ... muss ich diese Stadt ertragen?

»Fumpf Minutte«, erfuhr er von seinem Chauffeur. Der Fahrer lachte ihn über den Innenspiegel des Taxis freundlich an. »Geht jetz' schnell.«

»Gut.« Tim Heiger sank seufzend in den Kunstledersitz des Taxis zurück und fragte sich, wie viele Fahrgäste schon über die Sitze gekotzt haben mochten. Das Letzte, was Heiger bekannt vorkam, waren das ibis-Hotel an der Straßenecke und der CineMaxx-Komplexschräg gegenüber. Direkt daneben eine futuristische Schwebebahnstation. Man schien tatsächlich zu versuchen, Wuppertal als Großstadt zu präsentieren. Vergeblich natürlich.

Immerhin hatte der Taxifahrer Recht: An einer großen Kreuzung verließ er die breit ausgebaute Straße und bog zweimal rechts ab. Vom Rücksitz des Wagens konnte Heiger noch eine rote Leuchtschrift erkennen, die an einem Überbau über der Straße in die Nacht leuchtete. City-Arkaden stand dort in übergroßen Lettern. Dann wurde die Gegend dunkler und das blauweiße Glühen des beleuchteten Schwebebahngerüstes seltener. Nur ab und zu lugte das Gerüst der Bahn zwischen den Fassaden hindurch.

Das Taxi stoppte in einer engen Straße vor einem Parkhaus. Gegenüber heruntergekommene Fabrikgebäude aus dem 19. Jahrhundert.

»Schon da!«, rief der Taxifahrer vergnügt und schaltete die Innenbeleuchtung ein.

»Was?«, staunte Heiger und beugte sich im Sitz vor. »Hier soll ich nächtigen?« Er blickte nach draußen in die Nacht. Hohe Stuckfassaden in einem maroden Zustand, die im Nachthimmel zusammenzuwachsen schienen. »Hier möchte ich nicht tot überm Zaun hängen.«

»Hotel Metropol«, sagte der Fahrer und deutete durch die Windschutzscheibe nach vorn. »Da ist Hotel.«

Tim Heiger, der erfolgsverwöhnte Schauspieler, folgte dem ausgestreckten Zeigefinger und erkannte tatsächlich eine gepflegt erscheinende Fassade mit bunter Leuchtreklame. »Warum fahren Sie nicht direkt vor das Hotel?«, fragte er.

»Geht nicht. Da, Baustelle mitten auf Straße vor Hotel. Is' Sackgasse.« Der Türke zuckte die Schultern, kehrte die Handflächen nach oben und zog die Mundwinkel herunter. »Endstation. Kann nix machen.«

Tim Heiger fügte sich seufzend in sein Schicksal. Noch immer litt er unter dem Jetlag. Er war zu müde, um sich mit dem Taxifahrer zu streiten, also musste er das letzte Stück des Weges zu Fuß zurücklegen. Und das in diesem finsteren Slum. »Das ist ein Stundenhotel«, brummte er. Seinem Agenten würde er den Marsch blasen. Er hatte ein Zimmer im Metropol gebucht. Doch von einer Metropole konnte man in dieser finsteren Gegend nun wirklich nicht reden. Vermutlich hatte sich sein Agent vorher nicht über die Umgebung informiert. Da hatte er ihm ja einen feinen Job an Land gezogen. Und das sicher nur deshalb, weil ihn eine Freundschaft mit Mark Tickmann, dem Regisseur des Films Wuppertaler Todesschnitt,verband. Doch hier hörte für Heiger die Freundschaft auf. Er blickte sich um. Das hier war eindeutig das Ghetto von Wuppertal.

Schlimmer als schlimm.

»Nix Stundehottel, nix solche Frauen.« Sein Chauffeur grinste und steckte den Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger hindurch. »Alles sehr sehr gutt.« Der Taxifahrer nickte ihm aufmunternd zu. »Sauber.«

»Na, wenn Sie es sagen.« Heiger zückte die Geldbörse und entrichtete den Fahrpreis. Die Tatsache, dass der Taxifahrer ihn nicht aus dem Fernsehen zu kennen schien, hatte Heiger schon fast wieder vergessen, als er die Autotür öffnete und ins Freie stieg. Der Fahrer hatte seine Reisetasche aus dem Kofferraum geholt und drückte sie dem Schauspieler in die Hand. Bevor Heiger sich versah, saß der Türke wieder in seinem Benz und machte, dass er wegkam. Geschickt wendete er auf der engen Straße. Tuckernd verschwand das Taxi um die nächste Straßenecke.

Tim Heiger blickte sich zweifelnd um. Er konnte nicht glauben, wo man ihn hier ausgesetzt hatte. Totenstille umfing ihn. In der Ferne gluckste der schwarze Fluss, die Wupper. Und es stank gotterbärmlich. Er war Besseres gewöhnt. Definitiv.

Die Nacht war kalt. Viel zu kalt für diese Jahreszeit. Sekundenlang stand Heiger am Straßenrand und blickte sich um. Er spielte mit dem Gedanken, seinen Agenten jetzt sofort aus dem Bett zu klingeln und ihm gehörig die Meinung zu sagen. Er hatte schon seine Hand am Mobiltelefon, doch dann beschloss er, das alles morgen in Angriff zu nehmen.

Der hoch gewachsene Mann mit den dunklen Haaren und dem südländischen Aussehen marschierte los. In einer Kneipe gegenüber wurde gelacht. Laute Musik dröhnte aus riesigen Lautsprechern auf die Straße. Eine finstere Spelunke. Überall roch es nach kaltem Zigarettenqualm und abgestandenem Bier. Vermutlich wurde dort mit Drogen gedealt. Oder mit Mädchen aus Osteuropa gehandelt. Oder beides.

Nebenan ein Sexshop. Was auch sonst in dieser Gegend?

Tim Heiger schnaubte wütend, während er durch die Nacht stapfte. Er blickte sich immer wieder um, fühlte sich unwohl in seiner Haut, fühlte sich verfolgt und beobachtet von tausend unsichtbaren Augen. Die Häuser auf der anderen Straßenseite lagen unbeleuchtet da. Hohe, glaslose Fenster wirkten wie Höhlen, Putz bröckelte von den Fassaden. Leer stehende Fabrikgebäude vermutlich. Immobilien, die kein Mensch mehr haben wollte. Ein Job für die Abrissbirne.

Heiger hatte soeben eine dunkle Löv passiert, als er Schritte hinter sich vernahm. Ein großer Schatten schälte sich aus der Dunkelheit der Hofeinfahrt. »Tim Heiger?«

Der Schauspieler blieb verdutzt stehen. »Ja.« Die Tatsache, dass man ihn hier erkannte, erfüllte ihn kurz mit Stolz und besserte seine Laune einen Deut. »Sie kennen mich?«

Er tat ein, zwei Schritte auf sein Gegenüber zu und wurde sekundenlang vom Schatten der Hofeinfahrt verschluckt. Hier stapelte sich Müll und Unrat, weiter hinten erkannte er einen umgekippten Einkaufswagen. Die Scherben geleerter Schnapsflaschen glitzerten im spärlichen Licht der Straßenbeleuchtung.

»Natürlich, ihre letzte Rolle war Weltklasse. Ich bin ein großer Fan von Ihnen.«

Der Fremde näherte sich. Er war untersetzt und trug einen langen, wallenden Ledermantel. Von seinem Gesicht konnte Heiger nichts erkennen, es lag im Schatten der breiten Hutkrempe.

»Wollen Sie ein Autogramm?«, fragte Tim Heiger erfreut und stellte die Reisetasche auf dem Pflaster ab. Schon kramte er in der Innentasche seines Jacketts herum.

»Nein«, sagte der Fremde. »Das ist nicht mehr nötig.« Die Hände hatte er in den Taschen seines Mantels versenkt. »Dem Nachwuchs gehört die Welt. Ihre Zeit ist abgelaufen, Mann.« Jetzt zuckte die rechte Hand ins Freie. Die Finger umklammerten einen metallisch glänzenden Gegenstand. »Das war's, Heiger.« Er lachte humorlos.

Heiger starrte auf den Gegenstand in der Hand des Mannes. Ein Gegenstand, der in seinen Filmen schon zigmal zu den Requisiten gehört hatte. Eine Waffe, eine Pistole. Vermutlich eine Walther. P 38 oder sonst was. Heiger glaubte zunächst an einen Scherz.

»Guter Mann«, rief er und wich unwillkürlich einen Schritt zurück, so als würde ihn das in Sicherheit bringen.

»Es wird schnell gehen, Heiger«, erwiderte sein Gegenüber. »Hier ist kein Platz für Sie. Wuppertal braucht Sie nicht. Wir können unsere Filme auch ohne Sie drehen.«

Der Zeigefinger des Mannes legte sich im Zeitlupentempo um den Abzug der Pistole, zeitgleich entsicherte der Daumen die Waffe. »Sie sind sozusagen wuppertot.« Er lachte über seinen eigenen Witz. Es war ein kaltes, emotionsloses Lachen.

Wuppertaler Todesschnitt,solautete der Titel des Filmes, den er hier drehte.

Tim Heiger wollte erst zurückweichen, dann vorwärts stürmen, um seinem Peiniger die Waffe zu entreißen. Doch nichts davon tat er. Wie gelähmt stand er da, war zu keiner Bewegung fähig.

Solche Szenarien hatte er hundertmal in seinen Filmen gespielt. Doch diesmal war alles anders. Das hier war die Wirklichkeit.

Ihm stockte der Atem. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf die brünierte Mündung der Waffe. Er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Im nächsten Augenblick sah er das Mündungsfeuer aufblitzen, es machte einmal kurz »plopp«, so wie es verhalten knallt, wenn jemand eine Waffe mit Schalldämpfer benutzt. Gleichzeitig verspürte Heiger einen stechenden, brennenden Schmerz in seiner Brust. Die Wucht der Kugel ließ ihn zurücktaumeln. Ihm schwanden die Sinne, vor seinen Augen tanzten Blitze. Erschrocken griff der Schauspieler sich an die Brust, spürte etwas Warmes, Klebriges.

Blut. Sein eigenes Blut, echtes Blut. Kein Filmblut.

Verdammt, war das letzte Wort, das er dachte, bevor er zusammensackte und hart mit dem Hinterkopf auf dem Bürgersteig aufschlug. Dann wurde es dunkel um ihn herum.

Tim Heiger würde nie wieder in einem Film mitwirken.

Kapitel 2

»Und das war der Sommerhit des letzten Jahres, das war Aisha von Outlandish. Sie hören die ›Nachtschicht‹, schönen guten Abend, ich bin Stefan Seiler.«

Stefan Seiler zog einen Regler auf, setzte den Kopfhörer ab, lüftete das Baseballcape und fuhr sich durch die kurzen, braunen Haare. Er stand vom Drehstuhl hinter dem Mischpult auf – ihm blieben dreieinhalb Minuten Zeit, ehe er den nächsten Titel starten musste – und wanderte durch das gläserne Studio. In der benachbarten Redaktion war nur noch ein einziger Arbeitsplatz beleuchtet – der in der Nachrichtenredaktion. Dort saß heute Heike Göbel, seine Freundin und Kollegin. Ein Nachrichtenredakteur war ausgefallen und Heike hatte sich bereit erklärt, den Nachtdienst in der Nachrichtenredaktion zu übernehmen. Dass sie bei dieser Gelegenheit mit Stefan zusammenarbeitete, war ein angenehmer Nebeneffekt, wie sie fand. Heike saß mit dem Rücken zu ihm, doch jetzt sprang sie von ihrem Schreibtisch auf, wandte sich zu ihm um und winkte aufgeregt. Eilig huschte sie zum Studio, sah, dass die rote On Air-Lampe über der Tür nicht brannte, und kam hereingestürzt.

»Es gibt einen Mord«, sprudelte es aus ihr heraus.

Er nahm sie in den Arm und drückte sie an sich.

»Stefan – bitte«, mahnte sie ihn.

»Schon gut«, nickte er. »Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps.«

»Das hier wird dich wirklich interessieren!« Heike wedelte mit einem weißen DIN-A4-Blatt herum. »Das kam gerade aus dem Polizeipräsidium.«

»Erzähl«, forderte Stefan sie auf und ließ sich auf dem Stuhl hinter den Reglern nieder. Mit gespannter Miene musterte er sie. Heike war etwas kleiner als er, von zierlicher Statur, trug die blonden Haare modisch kurz, geradezu keck. Ihre großen, blauen Augen funkelten aufgeregt, und jede Nachtschicht-Müdigkeit war aus ihrem gleichmäßig geschnittenen Gesicht wie weggewischt. Ihre Wangen glühten rot vor Aufregung, daran konnte auch das dezente Make-up nichts ändern.

»Jemand wurde erschossen. Vor einer Stunde, an der Wesendonkstraße.«

Stefan schob die Unterlippe vor. »Ein Dealer? Ein Zuhälter?«

»Viel besser – da kommst du nie drauf!«

»Heike, Schatz, mach es nicht so spannend, die Musik ist gleich zu Ende.« Stefan deutete auf den CD-Player.

»Ein ziemlich bekannter Schauspieler wurde auf offener Straße erschossen, mit einem gezielten Schuss ins Herz.«

Nervös trommelte Stefan auf dem Mischpult herum. Er rollte mit den Augen.

»Sagt dir der Name Tim Heiger etwas?«

»Nein ...« Stefan war überrascht. Er stockte, glaubte, sich verhört zu haben. »Das heißt: Natürlich sagt mir der Name etwas, klar. Aber ... Tim Heiger nachts in der Wesendonkstraße?« Er wiegte den Kopf. »Was treibt der nachts in dieser Gegend?«

»Sein Manager hatte ihm dort ein Hotelzimmer besorgt, weil in den nächsten Tagen die Dreharbeiten zum neuen Film Wuppertaler Todesschnitt von Mark Tickmann hier im Tal beginnen sollen.«

Mehrfach hatte die Wupperwelle über das Filmprojekt berichtet. Nachdem man in Städten wie Berlin, München und Köln so ziemlich jede Straßenecke, jeden Hinterhof und jedes markante Gebäude mehrfach abgedreht hatte, mauserte sich Wuppertal seit einiger Zeit zur Filmstadt.

Tickmanns neuestes Werk sollte also wieder einmal in seiner Heimatstadt, hier in Wuppertal spielen. Dafür hatte der Regisseur einige namhafte Filmgrößen unter Vertrag genommen. So auch Tim Heiger.

»Das ist ja heiß«, staunte Stefan und pfiff. Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf. »Jetzt ist Heiger also wuppertot. Makaber, was? Heike, mach schnell eine Meldung fertig, die wir im laufenden Programm unterbringen.«

Sie lächelte ihn charmant aus ihren blauen Augen an und beugte sich zu ihm hinab, um ihm einen Kuss auf die Stirn zu hauchen. Dann zeigte sie ihm das DIN-A4-Blatt. »Schon geschehen. Kannst es sofort reinnehmen.«

Er ergriff den Zettel, überflog den Text und nickte. Heike und er waren ein eingespieltes Team. Sie saß bereits auf dem zweiten Studiostuhl, dem des Nachrichtensprechers, und machte Kopfhörer und Mikrofon bereit.

Er warf einen Blick auf das Display des CD-Racks, setzte sich den Kopfhörer auf, räusperte sich ein letztes Mal und gab Heike ein Zeichen. Dann zog er den Regler herunter und schaltete die Mikros frei.

»Sie hören die ›Nachtschicht‹ hier auf der Wupperwelle, ich bin Stefan Seiler.« Kurze Pause. »Wie wir gerade erfahren haben, gab es vor einer Stunde einen kaltblütigen Mord hier bei uns im Tal. Bei mir im Studio ist jetzt Heike Göbel aus der Nachrichtenredaktion.« Er blickte zu ihr hinüber. »Heike«, sprach er sie dann an. »Was ist da geschehen?«

»Ja, Stefan«, nahm Heike den Faden auf. »Wie uns das Polizeipräsidium soeben meldet, gab es einen Mordanschlag in der Nähe der Elberfelder Wesendonkstraße. Das Mordopfer dürfte uns allen bekannt sein – es handelt sich um den Schauspieler Tim Heiger.«

»Wie wir mehrfach berichtet haben, sollte Heiger ja eine Hauptrolle im neuen Film von Mark Tickmann spielen.«

»Ja, Stefan. Die Dreharbeiten zum Film Wuppertaler Todesschnitt sollten in den nächsten Tagen beginnen. Aus diesem Grunde war Heiger heute Nacht aus Berlin angereist, wo er noch am Mittag für Aufnahmen in den Babelsberger Filmstudios vor der Kamera stand. Offenbar war er auf dem Weg in sein Hotel, als er von einem bislang unbekannten Täter mit einem gezielten Schuss ins Herz getötet wurde. Tim Heiger war anscheinend auf der Stelle tot. Gefunden wurde er von Passanten aus einer benachbarten Gaststätte.«

»Du sagtest, der Täter sei unerkannt entkommen. Gibt es schon einen Hinweis auf den Mörder oder das Mordmotiv?«

»Nein, Stefan. Die Polizei tappt noch völlig im Dunkeln, aber die Ermittlungen der Kripo laufen auf Hochtouren.«

»Danke, Heike, für die ersten Infos zum Mord am Schauspieler Tim Heiger. Heiger wurde vor einer Stunde hier bei uns in Wuppertal erschossen.« Stefan machte eine kurze Pause, bevor er fortfuhr. »Wir halten Sie natürlich auf dem Laufenden. Und nun ein Hit aus der Achtzigern, hier kommen die Bangels mit Manic Monday.«

Er schloss das Mikro und startete die CD, die er noch während des Gespräches mit Heike eingelegt hatte. Sie konnten reden.

»Das ist zum Mäusemelken«, schimpfte Heike und setzte den Kopfhörer ab.

Stefan blickte seine Freundin verständnislos an. »Ich wusste gar nicht, dass du ein Fan von Tim Heiger bist, äh, warst.«

»Das ist es nicht. Ich mache seit einer Ewigkeit mal wieder die Nachrichten und ausgerechnet in dieser Nacht passiert etwas.« Sie schüttelte den blonden Bubikopf. »Ausgerechnet so etwas!«

»Ah«, entfuhr es Stefan Seiler. Er nickte verständnisvoll. »Ich kapiere: Es wurmt dich, dass du an deinen Schreibtisch gefesselt bist und nicht losziehen kannst, um vor Ort zu recherchieren.« Er lächelte. Heike liebte es, heiße Geschichten direkt an Ort und Stelle auszugraben.

»Eben«, nickte Heike und erhob sich seufzend. »Ich bin sicher, dass sich Kommissar Verdammt hoch erfreut die Hände reibt, weil ich diesmal nicht am Ball bin.«

Kommissar Verdammt hieß eigentlich Norbert Ulbricht. Er war Kommissar bei der Wuppertaler Mordkommission und hatte bereits öfters – mehr oder weniger freiwillig – mit den Reportern der Wupperwelle zusammengearbeitet. Den Spitznamen hatte Ulbricht sich in Journalistenkreisen eingefangen, weil jedes zweite Wort aus seinem Mund »verdammt« war.

»Und – Heike?!«

Sie wandte sich in der offenen Studiotür zu ihm um. »Stefan?«

»Versuch mal, ob du jemanden von seinem Management erreichst.«

»Von ... von Kommissar Verdammts Management?« Sie legte die Stirn in Falten und musterte Stefan wie einen Geisteskranken. »Hat der jetzt schon einen eigenen Manager?«

»Unsinn«, lachte er. »Heigers Management. Sein Agent, der ihm die Reise nach Wuppertal organisiert hat. Vielleicht gibt es so was wie eine offizielle Pressemitteilung.«

»Klar«, nickte Heike. »Das hatte ich gerade vor.«

Damit war sie aus dem Studio verschwunden und begann an ihrem Schreibtisch in der Nachrichtenredaktion mit der Arbeit. Stefan erwischte sich dabei, wie er ihr mit einem Lächeln auf den Lippen nachblickte.

***

Kommissar Ulbricht rieb sich die Hände. Er rauchte. Mal wieder viel zu viel. Schon vor Monaten hatte er sich das Rauchen abgewöhnen wollen. Vergeblich. Und noch etwas nervte ihn: Er fror.

Seine Laune war auf dem Tiefpunkt angelangt und die Zigarettenschachtel war auch schon wieder leer. Norbert Ulbricht knüllte die Schachtel zusammen und warf sie seufzend in den Fußraum des Fonds. Er schüttelte den Kopf.

»Warum immer ich?«, fragte Ulbricht sich halblaut und drückte die Kippe im Aschenbecher des Opel Omega aus. Er hockte vornüber gebeugt im Beifahrersitz seines Dienstwagens und starrte durch die Windschutzscheibe hinaus in die Nacht an der Wesendonkstraße. Jupp Bock lief wie ein aufgescheuchtes Huhn zwischen den uniformierten Kollegen herum und stand mehr im Weg herum, als dass er half. Er war eine Witzfigur – doch er war da, um Ulbricht zu unterstützen. Norbert Ulbricht schüttelte gelangweilt den Kopf. Aus dem Jungen würde nie etwas werden.

Zahlreiche Streifenwagen waren auf der Bildfläche erschienen und hatten das Viertel großräumig abgesperrt. Blaulicht geisterte unwirklich durch die Nacht. Es war still geworden in der Straße – zu still für diese Gegend, wo sich oft lichtscheues Gesindel herumtrieb. Das Erscheinen der Polizei hatte einige Gestalten dazu bewegt, lieber das Feld zu räumen. Ab und zu hörte man verzerrte Stimmen aus den Funkgeräten der Polizisten.

Der Leichenwagen mit dem toten Tim Heiger war eben abgefahren und eigentlich gab es hier für Ulbricht nichts mehr zu tun. Die Jungs von der Spurensicherung machten ihre Arbeit. Uniformierte Polizisten nahmen die Zeugenaussagen auf. Dennoch blieb Ulbricht am Tatort. Er hoffte, dass es wenigstens eine heiße Spur gab. Doch nichts dergleichen zeichnete sich ab. Er hasste so etwas. Und es war eine Frage der Zeit, wann die ersten Journalisten hier auftauchten. Diesmal hatte er die Kollegen angewiesen, niemanden durchzulassen. Und neugierige Reporter schon mal gar nicht.

Mit einem Laut des Selbstbedauerns auf den Lippen erhob er sich schwerfällig aus dem Sitz und winkte seinen Assistenten heran. »Kommen Sie her, Bock«, rief er ihn herbei.

Jupp Bock war Anfang dreißig, dunkelblond und hatte eine blasse, fast wächserne Haut. Der Junge hatte sich vermutlich noch nie dem Sonnenlicht ausgesetzt, durchzuckte es Ulbricht. Woher sein Vorname stammte, wusste im Präsidium kein Mensch. Vermutlich ein Spitzname, als Abkürzung von Josef.

»Was gibt es Neues?«, fragte Ulbricht und versenkte die Hände in den Taschen seines ungebügelten Trenchcoats. Mit den ausgetretenen Hush Puppies und den verwaschenen Bundfaltenjeans aus den Achtzigern wirkte er wie Inspektor Columbo. Man sah schon an seinem Kleidungsstil, dass Norbert Ulbricht ein eingefleischter Junggeselle war.

»Tut mir Leid, Chef«, bedauerte Bock und zuckte die schmalen Schultern. »Die Spur des Täters verläuft sich im Sande.«

»Sch... schade«, bremste Ulbricht sich im letzten Moment. »Es muss doch einen Hinweis geben.«

»Wir haben Zeugen, die kurz zuvor ein Taxi beobachtet haben. Die Kollegen haben sich mit der Taxizentrale in Verbindung gesetzt. Dort kann man uns sagen, wann welcher Wagen hier in der Gegend unterwegs war. Vielleicht haben wir dann einen Hinweis.«

»Ein Taxifahrer, der seinen Fahrgast ermordet?« Ulbricht machte eine ausladende Handbewegung. »Hier?« Er schüttelte den Kopf. »Bock, wenn ich meinen prominenten Fahrgast – aus welchem Motiv auch immer – umbringen will, dann fahre ich mit ihm raus aus der Stadt, ins Grüne, wo mich niemand beobachten kann.«

»Zumindest hätten wir mit dem Fahrer einen Zeugen.«

»Ja«, nickte Ulbricht. »Oder so.« Er hatte es gewusst: Bock taugte zu nichts. Er war ein Klugscheißer.

Kapitel 3

»Ich habe es sofort gewusst: Die Idee, einen Film in Ihrer Heimatstadt zu drehen, war ein Schuss in den Ofen. Der Mord hätte nicht passieren dürfen.« Hilmar Hanke tobte am anderen Ende der Leitung.

Mark Tickmann sah vor seinem geistigen Auge, wie der beleibte Hanke mit einem Whiskyglas in der beringten Hand durch die Wohnung am Münchener Stachus marschierte wie ein ruheloser Tiger. »Dass Heiger ausgerechnet hier in Wuppertal ermordet wurde, hat sicherlich nichts mit der Stadt zu tun.« Tickmann saß im Pyjama am gläsernen Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer. Der Blondine, die spärlich bekleidet im Türrahmen lehnte, zwinkerte er zu. Die einzige Beleuchtung im Raum war das Licht der Schreibtischlampe. »Außerdem – wo wollen Sie Wuppertaler Todesschnitt sonst drehen, wenn nicht hier in Wuppertal?«

»Die Zeit läuft, wie stellen Sie sich das vor?«, bellte Hilmar Hanke, in Filmkreisen auch als »HiHa« bekannt, in den Hörer. »Das Team reist morgen an, die Technik will bezahlt werden. Jeder Tag, an dem wir nicht drehen, kostet mich ein Vermögen.«

»Danke für die Belehrung«, erwiderte Tickmann trocken. Die Nachricht, dass man seinen Hauptdarsteller Tim Heiger erschossen hatte, hatte er über das Radio erfahren. Ein Schock für den vierzigjährigen Regisseur, denn ihn hatte eine langjährige Freundschaft mit Heiger verbunden. Nur in den letzten ein, zwei Jahren war Tim Heiger etwas abgehoben. Aber so war das mit den Schauspielern, wenn sie zu Geld und Ruhm gelangten. Nichts war ihnen mehr gut genug.

»Tickmann, ich warne Sie: Wenn Sie den Drehplan nicht einhalten, werde ich Ihnen den Geldhahn zudrehen.«

Mark Tickmann seufzte. So etwas hatte er befürchtet. Es war schwer gewesen, Hanke als Geldgeber und Produzenten zu gewinnen. Der Filmmogul aus München saß förmlich auf dem Geld. Nur Tickmanns Überredungskunst war es zu verdanken gewesen, dass Hanke ihm das Budget für seinen neuen Film bewilligte. Die Nachricht von Heigers Tod hatte sich wie ein Lauffeuer bis nach München verbreitet. Und Hilmar Hanke, der zu Fettleibigkeit neigende Produzent, den außer Geld nur teure Luxuskarossen und noch teurere Frauen interessierten, sah sein Geld in weiter Ferne und hatte sofort Tickmann angerufen.

»Was wollen Sie tun?« Mit einem sachlichen Briefing hatte das Telefonat nichts zu tun. Hanke war ein Heißsporn, ein Choleriker. Kein Mensch, mit dem man sachlich Probleme besprechen konnte.

Mark Tickmann seufzte erneut. Die Blondine löste sich vom Türrahmen, deutete in Richtung Schlafzimmer und verschwand von der Bildfläche. »Wir brauchen Ersatz.«

»Ersatz?«, blaffte Hanke. »Wie stellen Sie sich das vor? Unsere besten Schauspieler sind über Jahre hinweg ausgebucht. Vergessen Sie das Projekt, Tickmann. Es wird keinen Wuppertaler Todesschnitt geben.«

»Warten Sie«, rief Tickmann, weil er fürchtete, dass Hanke einfach auflegen würde. So schnell, wie er sich für ein Filmprojekt begeistern konnte, so schnell zog er sich auch aus dem Geschäft wieder zurück.

»Was wollen Sie tun?«, wiederholte Hanke entnervt.

»Ich beschaffe Ersatz. Geben Sie mir zwei Wochen.«

»Das ist lachhaft.« Hanke kicherte freudlos. »In zwei Wochen bin ich pleite, wenn am Set nichts passiert.«

»Zehn Tage.«

»Drei Tage. Sie haben drei Tage und ich will gleichwertigen Ersatz. Keine Billig-Mimen.«

Tickmann überschlug die Zeit im Kopf. Drei Tage, das war extrem kurz. Er hoffte, dass die Casting-Agentur mitspielte. Es musste einfach klappen, wenn er sein Projekt nicht verlieren wollte. Die Fachwelt hatte ihm schon so viel Aufmerksamkeit geschenkt, dass er sich hoffnungslos blamieren würde, wenn Wuppertaler Todesschnitt jetzt platzen würde. Es musste einfach klappen.

»Gut, Hanke. Eine Woche. Ich setze hier vor Ort alle Hebel in Bewegung.« Damit legte er auf. Er wollte nichts mehr hören.

Erschöpft wanderte er hinüber ins Schlafzimmer. Dort wartete die blonde Cornelia auf ihn. Doch sie musste warten. Er musste sich einen Plan zurechtlegen. Hier ging es nicht um irgendein Filmprojekt. Hier ging es um seinen Film.

Und er hatte bereits eine Idee ...

***

»Da ist er wieder.« Dirk Burbach stand an der großen Fensterfront im Wohnzimmer des Hauses. Er hatte die Hände in den Taschen seines Anzuges versenkt und starrte hinaus in die Nacht.

Das große Grundstück grenzte an ein Waldgebiet im Wuppertaler Süden. Nur ein schmaler Weg trennte das Grundstück vom Haus. Hohe Tannen ragten in den Nachthimmel und wiegten sich im Wind. Der Wagen stand ohne Licht vor dem Grundstück.

Seine Frau trat hinter ihn, lehnte sich an ihn. Eine Sorgenfalte hatte sich auf ihrer Stirn gebildet. »Wir sollten die Polizei rufen. Wer das auch immer ist, er spioniert hier herum.«

Michaela Heiger-Burbach blickte zu ihrem Mann auf. Sie war sechsunddreißig Jahre alt, hatte schulterlanges, blondes Haar, blaue Augen und war zwei Köpfe kleiner als ihr Mann. Sie trug nichts als einen seidenen Kimono. Soeben hatte sie geduscht und war eigentlich auf dem Weg ins Bett, als sie ihren Mann im Wohnzimmer angetroffen hatte. Nachdenklich hatte er am Fenster gestanden und hinaus in die Nacht geblickt. Das Auto stand seit geraumer Zeit vor dem groß angelegten Grundstück. Man konnte aus der Entfernung nicht erkennen, ob nur eine oder mehrere Personen in dem Fahrzeug saßen. »Dirk«, flüsterte sie nun, »ich habe Angst. Wir sollten etwas unternehmen.«

Er riss sich vom Fenster los und musterte sie. »Vielleicht hast du Recht. Aber es ist nicht verboten, mit seinem Wagen am Straßenrand zu parken. Niemand kann ihm beweisen, dass er uns ausspioniert.«

»Hast du eine Ahnung, wer das sein könnte?« Michaela Heiger-Burbach kaute auf der Unterlippe, so wie sie es immer tat, wenn sie überlegte. Ihr Mann war ein erfolgreicher Rechtsanwalt und hatte als solcher sicherlich nicht nur Freunde. »Vielleicht ist er ein Gegner einer deiner Klienten.«

Jetzt musste Dirk Burbach lachen. »Meinst du, er trägt sich mit Rachegedanken?« Er schüttelte den Kopf.

Sie zuckte die zierlichen Schultern. »Möglich ist alles.«

Burbach unterdrückte ein Gähnen und warf einen Blick auf die Uhr. »Wir sollten ins Bett gehen«, schlug er vor. »Es ist spät geworden.«

»Und der ungebetene Besucher da draußen?« Michaela Heiger-Burbach deutete hinaus in die Nacht. Der schwarze Opel stand noch immer dort. Täuschte sie sich, oder waren die Scheiben abgedunkelt? Ein altes Modell, der Lack war stumpf, offenbar hatte der Besitzer das Vehikel selbst mit der Rolle lackiert. »Solange die Insassen keinen Fuß auf unser Grundstück legen, sind wir und die Polizei machtlos.«

»Was denkst du, werden sie tun, wenn wir das Licht löschen?« Michaela Heiger-Burbach musterte ihren Mann. »Darauf warten sie doch nur, jede Wette.« Sie schmiegte sich an ihn. »Dirk«, sagte sie dann. »Ich habe Angst. Bitte unternimm etwas.«

»Gut«, nickte Dirk Burbach. »Ich werde die Polizei anrufen.« Er wandte sich zum Gehen, als das Telefon anschlug.

»Ich geh schon dran«, beeilte sich seine Frau zu sagen und rannte zum Apparat. Sie meldete sich mit einem neutralen »Hallo« und lauschte in den Hörer. »Ja«, sagte sie. »Die bin ich. Er ist ... was?« Ihre Unterlippe bebte. Tränen sammelten sich in ihren Augen, jede Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen. »Unmöglich, nein, das darf doch nicht ...«, stammelte sie in das Telefon. »Oh mein Gott ... nein, natürlich nicht.« Sie schüttelte den Kopf und sank weinend auf die Ledercouch, vor der sie gestanden hatte. »Wo?« Jetzt nickte sie.

Dirk Burbach spürte, dass etwas ganz Schreckliches geschehen sein musste, eilte zu ihr und drückte sie an sich.

»Ja«, sprach sie leise in den Hörer. »Ich komme.« Kurze Pause, dann wieder ein Nicken. »Ja, kenne ich. Bis gleich.« Sie drückte die rote Taste und legte das schnurlose Gerät auf den Tisch.

»Was ist denn geschehen?«, fragte ihr Mann und strich ihr zart durch das erhitzte Gesicht.

Mit tränenverschleiertem Blick sah sie zu ihm auf. »Tim ist tot. Er wurde ermordet.«

***

»Es gibt da so eine kleine Pizzeria, die noch auf hat«, bemerkte Stefan und nahm Heike an die Hand.

Sie standen vor dem Studio der Wupperwelle an der Friedrich-Engels-Allee. Rechterhand erleuchtete die Schwebebahnstation Alter Markt die Nacht. Heikes Versuch, ein Statement von Tim Heigers Manager zu bekommen, war erfolglos geblieben. Vermutlich schlief der Manager den Schlaf des Gerechten und ahnte nicht, dass er arbeitslos war.

Heike fröstelte, als sie zu Stefan aufblickte. Es war inzwischen ein Uhr am Morgen. Der Verkehr auf der Talachse hatte nachgelassen. Nur wenige Taxis und Nachtschwärmer waren um diese Zeit noch unterwegs. »Hast du etwa Hunger?«

Er lächelte und nickte stumm. Verlegen schob er sich das dunkelblaue Baseballcape in den Nacken.

Heike stieß sich von ihm ab und stemmte die Hände in die Hüften. »Stefan Seiler«, rügte sie. »Das darf doch wohl nicht wahr sein. Um diese Zeit, wo normale Wuppertaler längst im Bett liegen, knurrt dein Magen?«

»Ehrlich gesagt – ja.«

Sie schüttelte den Kopf. »Wo soll das nur hinführen?«

»In die Pizzeria«, grinste er.

Heike winkte nur ab und ersparte sich weitere Kommentare. Ihr Twingo stand zu Hause und so war sie auf Stefans Mitfahrgelegenheit angewiesen. Er legte einen Arm um ihre Schulter und führte sie zum Parkplatz der Redaktion. Dort wartete Clemens, sein alter Käfer. Wie ein Charmeur der alten Schule öffnete Stefan ihr die Beifahrertür. »Bitte Platz zu nehmen«, sagte er und machte eine einladende Geste.

»Danke, James.« Lächelnd ließ Heike sich in den Beifahrersitz fallen.

Als er neben ihr saß und den Motor startete, schwärmte Stefan ihr von der wunderbaren Pizza vor, die er gleich verdrücken würde. »Nach einem langen Arbeitstag im Studio haben wir uns das Mitternachtsmahl redlich verdient, mein Schatz.«

Heike lachte und pustete sich eine widerspenstige Haarsträhne aus der Stirn. »Stefan«, sagte sie. »Mitternacht ist längst vorbei.«

»Egal«, winkte er ab. »Der Magen knurrt. Und hungrig kann ich nicht einschlafen.«

Seine Freundin zwinkerte ihm verschwörerisch zu. »Wer sagt denn, dass wir zu Hause gleich schlafen gehen?« Ihre Stimme hatte einen seltsamen Klang bekommen.

Stefan schluckte trocken, dann schüttelte er den Kopf. »Dazu bin ich mit leerem Magen schon gar nicht in der Lage.«

»Dann fahr zu«, seufzte sie. »In Gottes Namen. Fahr zu dieser Pizzeria. Ich werde dir zusehen, wie du dir den Wanst vollschlägst.«

»So würde ich das nicht nennen«, protestierte Stefan und lenkte den alten Käfer vom Parkplatz. Er ordnete sich auf die Linksabbiegerspur am Alten Markt ein, wendete und steuerte den Wagen Richtung Elberfeld. »Das dient lediglich der Erhaltung meiner Arbeitskraft in der Redaktion unserer Wupperwelle.«

»Schwafel nicht, fahr«, mahnte Heike und rollte genervt mit den Augen.

Er trat das Gaspedal tiefer durch. Rechts flog das Gerüst der Schwebebahn an ihnen vorüber. Die neue, gläserne Station Adlerbrücke leuchtete im Dunkel der Nacht. Drei rote Ampeln später bildeten die weit ausladenden Bäume der Friedrichs-Engels-Allee ein grünes Dach über der Fahrbahn. Stefan erinnerte sich, dass die Talachse auf diesem Teilstück vor hundert Jahren schlicht »Allee« geheißen hatte. Auch heute noch wurde die B7 von den Wuppertalern so genannt. In einem Buch über Wuppertaler Straßennamen hatte Stefan gelesen, dass die Prachtallee zu Kriegszeiten Adolf-Hitler-Straße genannt worden war, bevor 1946 Friedrich Engels Namensgeber für die Hauptstraße zwischen Elberfeld und Barmen geworden war.

»Hey«, weckte Heike ihn aus den Gedanken und streichelte ihm über die Wange. »So nachdenklich?«

Er lächelte, ohne sich von der Fahrbahn abzuwenden. »Ich dachte gerade an den Mord.«

»Wer hat Interesse daran, einen Schauspieler zu töten?«, fragte sich Heike und spielte mit einer blonden Haarsträhne.

»Vielleicht gab es vorher Drohanrufe, einen Erpressungsversuch. Nicht alles wird von der Presse aufgedeckt.«

»Wohl wahr.« Seine Freundin seufzte und blickte hinaus in die Nacht. Die Fachwerk- und Schieferfassaden waren zurückgeblieben und jetzt tauchten rechts die Haspelhäuser auf. »Ich habe es im Gefühl, dass Heiger sterben musste, weil er einen Film in Wuppertal drehen wollte.«

»Heike«, brummte Stefan und warf ihr einen flüchtigen Seitenblick zu. »Übertreibst du da nicht etwas mit deiner ... mit deiner weiblichen Intuition?«

Sie lächelte. »Das ist keine Intuition. Das ist journalistischer Spürsinn.« Nach einer kleinen Pause fuhr sie fort: »Denk mal nach: Der Regisseur ist Wuppertaler, auf dem Weg nach ganz oben. Er räumt regelmäßig Auszeichnungen auf der Berlinale ab. Seine Filme werden sogar in Hollywood für den Oscar nominiert. Solche Leute haben sicher nicht nur Freunde. Es wird Neider geben.«

»... die einfach Tickmanns Schauspieler umlegen, damit der Regisseur keinen Film mehr drehen kann?« Stefan schüttelte den Kopf. »Vergiss es«, winkte er ab. »Jeder ist zu ersetzen. Auch ein Schauspieler.«

»Stefan – wir sind Reporter«, erinnerte sie ihn. »Wo bleibt deine beruflich bedingte Neugier?« Es war ihr, als müsste sie ihn wachrütteln. »Wir haben einen Mord!«

»Wir haben Hunger«, berichtigte er sie und fuhr weiter, als die Ampel am Wicküler-Park auf Grün umsprang.

»Mach einen kurzen Umweg – bitte!«

Er blickte zu ihr hinüber. Ihre großen, blauen Augen, die wundervoll geschwungenen Lippen, die Stupsnase ... Er liebte sie. Und deshalb hatte er Mühe, ihr die Bitte abzuschlagen. Seufzend nickte er. »Also gut. Aber ich weiß nicht, was du da willst.«

»Das kann ich dir auch nicht sagen. Am Tatort wird nichts mehr zu sehen sein.« Sie atmete tief durch. »Vielleicht will ich einfach mal vor Ort gewesen sein, um ... Stefan, ich weiß es nicht. Fahr zu der Stelle, wo Tim Heiger ermordet wurde.«

***

Natürlich gab es an der Stelle nichts mehr zu sehen. Trotzdem hielten sich jetzt auffällig viele Leute in dem düsteren Viertel auf. Stefan suchte und fand bald einen Parkplatz in der Bembergstraße. Den Rest des Weges legten sie zu Fuß zurück.

»Sind das alles Fans?«, raunte Stefan Heike zu, als er die Menschengruppe sah, die schweigend an einer Stelle stand. Einige Leute hatten Blumen niedergelegt. »Das sieht ja fast aus wie am Buckingham Palace, als Prinzessin Diana starb.«

»Stefan – bitte«, mahnte sie ihn und nahm ihn an die Hand. »Wir waren es, die die Nachricht zuerst auf dem Sender hatten.«

»Ich wusste gar nicht, dass wir nachts so viele Hörer haben«, brummte er.

Sie näherten sich der Gruppe, einige Personen nickten ihnen schweigend zu. Eine zierliche Frau mit blonden Haaren, etwa Mitte dreißig, schüttelte den Kopf. »Warum nur?«, fragte sie und kämpfte sichtlich mit den Tränen. Sie trug eine schwarze Hose, eine dunkelgraue Bluse und einen schwarzen Mantel.

»Weiß man schon etwas über den Grund der Tat?«, erkundigte sich ein junger Mann mit Brille und Siebzigerjahre-Schlaghose und zückte ein kleines, digitales Aufnahmegerät. Ein Kollege also.

Die Frau schüttelte den Kopf. »Ich werde alles daran setzen, dass der Mörder so schnell wie möglich hinter Schloss und Riegel kommt.«

Heike tauschte einen raschen Blick mit Stefan, der unmerklich die Schultern zuckte. »Zeit, dem Kollegen mal die Butter vom Brot zu nehmen«, wisperte sie ihm ins Ohr. »Wer ist sie?«

Stefan zuckte die Schultern und hing an den vollen Lippen der schönen Unbekannten. »Keine Ahnung. Tu doch was!«

Heike nickte und näherte sich der Frau. »Entschuldigen Sie«, sprach sie die Frau an. »Mein Name ist Heike Göbel von der Wupperwelle. Sie sind ja ziemlich ehrgeizig, was die Aufklärung des Mordes angeht.«