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Will Ross hat mit seiner Karriere als Radsportler bereits weitgehend abgeschlossen, als sein Agent ihn an ein Profi-Team vermittelt. Dessen Spitzenfahrer ist kurz zuvor mittels einer heftigen Expolsion in den Radsporthimmerl befördert worden. Ross hat zwar wenig Freunde im Team, das zu allem Unglück auch noch von seiner Ex-Frau gemanagt wird, aber er hat die beiden wichtigsten Dinge, die einen Radsportler ausmachen: Kampfgeist – und sein Fahrrad. Beides scheint allerdings eine anziehende Wirkung auf Expolsivstoffe zu haben ... Dieser brillant geschriebene Krimi spielt virtuos mit den Versatzstücken amerikanischer Filmkultur von Marlowe bis Columbo. Ein guter Plot, Humor und perfekte Dramaturgie sind trotzdem nicht alles: Dieser Roman ist auch eine Liebeserklärung an den Radrennsport. Die Beschreibungen des einsamen Radlers, der gegen Wind, Steigung und Erschöpfung um seinen Tretrhythmus kämpft, sind ebenso stimmig wie die Hintergrundinformationen aus dem Profi-Alltag und die Darstellung der Vorgänge im Peloton.
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Seitenzahl: 488
Veröffentlichungsjahr: 2010
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Greg Moody
TÖDLICHE TOUR
Übersetzung:
Sebastian Moll
Delius Klasing
EDITION MOBY DICK
Gewidmet Becky, Devon und Brynn, deren Verständnis und Unterstützung (und die Fähigkeit, leise im Nebenzimmer zu spielen) dieses Buch erst möglich machten, sowie John Stenner.
Copyright © 1995 Greg Moody
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel „Two Wheels“ beim Verlag VeloPress in Boulder/Colorado, USA.
1. Auflage 2010
ISBN 978-3-7688-8300-9
Die Rechte für die deutsche Ausgabe liegen beim Moby Dick Verlag, Kiel
Die Printausgabe dieses Werkes wurde mit der
ISBN 978-3-89595-148-0 herausgegeben.
Übersetzung: Sebastian Moll
Titelmotiv: Matt Brownson
Datenkonvertierung E-Book:
Kreutzfeldt digital, Hamburg
www.kreutzfeldt.de
Alle Rechte vorbehalten! Ohne ausdrückliche Erlaubnis des Verlages darf das Werk, auch Teile daraus, nicht vervielfältigt oder an Dritte weitergegeben werden.
www.delius-klasing.de
Inhalt
6 1 König der Landstraße
16 2 Willkommen in Sinnlos
35 3 Haven im Sinn
54 4 Der Ritt an der Wand
74 5 Ein Stück meines Herzens
91 6 Ich liebe meinen Schatz, mein Schatz liebt mich
99 7 Wider die Macht
120 8 Die Dinge werden klarer
131 9 J’accuse
15110 Die Rückkehr des Kojoten
17011 Auf nach Süden
18712 Am Boden zerstört
20013 Ein Wochenende auf dem Land
21914 Ein Wort: Plastiksprengstoff
23315 Morgenröte
24916 Flucht nach vorne
26717 Ein Sonntag in der Hölle
28418 Roubaix
29919 Zu spät zum Helden geworden
31220 Endspiel
1
König der Landstraße
Es ist schön, König zu sein, dachte er. Jean-Pierre Colgan stand an einem verregneten Januar-Sonntag am Fenster und ließ seinen Blick über ein atemberaubendes Paris schweifen. Paris war trotz des Regens atemberaubend, denn es gehörte ihm.
Alles was die Stadt zu bieten hatte – Frauen, Wein, die besten Tische in den besten Restaurants – konnte er sich einfach nehmen, denn er war mit nur 27 Jahren Weltmeister im Radfahren; er war französischer Meister und er war der erste Franzose seit fast einem Jahrzehnt, der eine echte Chance hatte, die Rundfahrt durch sein Land zu gewinnen; der erste Franzose seit 30 Jahren, der das Peloton, die Presse und die Fans fest im Griff hatte.
In seiner eigenen Vorstellung war er bereits eine Legende.
Wer war schon Fignon? Wer war schon Hinault? Wer war schon Leblanc? Wer waren sie schon, sie, und ihre schwachsinnigen Anhänger?
»Tifosi«, nannte er sie abfällig und lachte dabei.
Jean-Pierre Colgan hatte den italienischen Ausdruck immer gemocht. Er machte aus den schreienden zappelnden Fans am Straßenrand, gefangen in ihrer Heldenverehrung und ihrem Chauvinismus, einen Schwarm von Kakerlaken, die nur darauf warteten von seinem Heldentum zertreten zu werden.
Er war nicht einfach ein König der Landstraße. Er war der König der Landstraße und er war sich dessen voll und ganz bewußt. Es war seine Zeit auf der Bühne dieser Welt, seine Zeit im Rampenlicht, und er würde sie voll auskosten. Man machte den Gehweg frei für ihn, Kellner behandelten ihn ehrfürchtig und die Welt lag ihm zu Füßen – zumindest der Ausschnitt der Welt, in dem Teufelskerle auf zwei Rädern etwas bedeuteten.
Colgan rieb sich die Augen und erwischte sich dabei, wie er an Amerika dachte. Sein Ausflug nach Disney World war ein Desaster gewesen. Dort hatte ihn niemand erkannt. Keiner hatte um sein Autogramm gebeten. Goofy war mit einer Gruppe alter Damen aus Ohio so beschäftigt gewesen, dass er keine Zeit hatte, sich mit ihm fotografieren zu lassen. Und er hatte einen horrenden Eintrittspreis bezahlen müssen. Mon dieu! Er hatte schon seit Jahren nirgends mehr Eintritt bezahlt.
Er hatte verdammt noch mal Schlange stehen müssen. Er hatte am Space Mountain angestanden und sich dann nach der Hälfte der Fahrt übergeben. Das war nicht gerade der Stil eines Champions. Wäre er besser behandelt worden, dachte er, hätte er sein Mittagessen nicht an einen Mars aus Pappmaschee geklatscht.
Er hätte ins Euro-Disney fahren sollen.
Nein. Er würde keine n ihrer blöden Parks mehr besuchen. Soll Euro-Disney doch Pleite gehen. Er grinste. Seine amerikanischen Mannschaftskollegen begannen auf ihn abzufärben.
Sie waren miserable Fahrer, fand Colgan, aber sie kannten sich mit Geschäften aus und hatten keine Angst davor, den Bossen die Stirn zu bieten. Sie hatten die gesamte Branche aus dem Würgegriff der Team-Besitzer befreit. Seither wurde ein Champion auch wie ein Champion bezahlt – und konnte mit den richtigen Sponsorenverträgen sogar auf eine hübsche Rente hoffen.
Aber als Fahrer... pffft. LeMond ja, vielleicht Armstrong. Und eine Hand voll anderer. Hampsten. Aber so viele, die kaum mit dem Feld mithalten konnten.
Und die Fans erst. Einmal war Colgan in den USA gefahren, als er zwanzig war, irgendwo in Colorado. Das Rennen wurde von einer Brauerei gesponsort, eigentlich kein schlechter Wettkampf. Mangels ernsthafter Gegner war es für Colgan mehr ein Herbst-Training gewesen, aber es hatte niemand zugeschaut. Colgan hatte das Gefühl, dass selbst die »großen Massen« kleiner waren als die in Frankreich. Die Amerikaner begriffen es einfach nicht. Und sie würden es nie begreifen. Sie würden nie begreifen, welche Gefahr es bedeutete, welche Kraft man brauchte, welchen Stil und vor allem welches Verlangen, ein Champion zu sein. Nicht einmal ihre eigenen Champions begriffen das. Amerikanische Champions waren gepolsterte Fleischklöße. Wie viel Finesse braucht man schon dazu, sich auf einem mit Linien markierten Rasen ineinander zu verkeilen?
Amerikaner.
Colgan sah nach unten und erblickte seine Nachbarin Yvette auf ihrem Balkon. Sie schaute nach oben und ihre Blicke trafen sich. Ihrer schien zu fragen, warum er letzte Nacht verschwunden war; es hatte sich doch alles gut angelassen.
Er zuckte mit den Schultern. C’est la vie. Ich schlafe gerne in meinem eigenen Bett, Chéri.
Colgan drehte sich um und lief barfuß durch seine Küche, die größte Küche, die er je in einer Pariser Wohnung gesehen hatte. Aber, sagte er sich, der Wand, dem Sofa, niemand bestimmtem, dies ist ja auch nicht die Wohnung von irgendwem.
»Es ist schön, König zu sein.«
Er liebte große Küchen. Er liebte Lebensmittel. Jean-Pierre schnitt zwei Scheiben von einem frischen Laib Weißbrot ab und schob sie in seine neueste Errungenschaft: einen amerikanischen Toaster. Ausgesprochen hübsch. Voll verchromt und sehr Hightech. Jegliche Technologie, die je zum Toasten von Brot erfunden worden war, steckte darin. Und das war für ihn gerade gut genug.
Er schenkte sich noch eine Tasse Kaffee ein. Und noch ein Glas Saft. Dann setzte er sich mit der neuesten Ausgabe von L ’Equipe an den Küchentisch. Das Blatt wird vielleicht doch überschätzt, dachte er, als er die Sporttageszeitung überflog. Sein Name tauchte erstmals auf Seite drei auf. Irgendetwas lief hier falsch. Er würde mit Martin über sein Marketing sprechen müssen.
Marketing. Noch so eine amerikanische Erfindung. Sie müssten nur noch fahren können.
Das Gefühl, dass irgendetwas in der Wohnung, außerhalb seiner unmittelbaren Wahrnehmung, nicht stimmte, traf ihn nicht direkt. Es beschlich ihn so, wie eine leise tickende Uhr einen Traum stört. Nichts Plötzliches. Irgendetwas stimmte einfach nicht ganz.
Er lehnte sich zurück und schaute sich im Raum um. Irgendetwas. Nur wo? Wo?... Der Toaster, da, der Toaster. Eine dünne weiße Rauchschwade stieg aus dem Gerät. Colgan ließ seine Zeitung fallen und eilte hinüber zur Arbeitsplatte.
Er schaute in den Toaster und rüttelte dann am Griff. Das Brot sprang heraus. Immer noch weiß. Immer noch kalt. Mittlerweile müsste es doch braun und heiß sein.
Colgan drückte den Griff wieder runter, aber der rastete nicht ein. Er drückte fester. Dann schlug er ihn hinunter. Das Ding wollte nicht funktionieren.
»Du gehörst in die Seine«, murmelte er.
Colgan zog das Brot heraus und lugte in seinen neuen hochglanzpolierten, vollverchromten, amerikanischen Hightech-Toaster. Für ihn musste das Ding doch funktionieren. Maschinen funktionierten immer für ihn, als zwänge die schiere Macht seiner Persönlichkeit sie dazu. Aber diese hier verweigerte sich.
Indem er das Gerät zur Seite drehte, konnte Colgan einen tieferen Blick in das Innere werfen. Die Sonne brachte die Drähte und die Auskleidung zum Vorschein – alles schien in bester Ordnung.
Aber da – da war irgendwas – unten am Boden des Toasters.
Colgan griff nach einem Messer und stocherte darin herum. Er schmierte die, nun ja... es schien Knetmasse zu sein, über den ganzen Boden des Toasters. Er kratzte daran, er piekste hinein, er scharrte daran herum.
Kein Zweifel. Dieses Ding würde in den Laden zurückwandern mit einem verärgerten Champion im Schlepptau, der sich sehr laut darüber wundern würde, wie die Verkäufer dazu kämen, Kinder Knetmasse in einen brandneuen, amerikanischen Hightech-Toaster fallen zu lassen.
Colgan schob ein Stückchen der Knetmasse an die Seite und schaltete den Toaster ein. Die Drähte fingen langsam an zu glühen. Wenn er jetzt die Knete noch herausbekäme, würde das Ding vielleicht endlich funktionieren.
Jetzt war der Toaster am Netz, die Knete beiseite und sein Holzgriffmesser bis zum Schaft in der Maschine vergraben, und Jean-Pierre Colgan, der Favorit der diesjährigen Tour de France hatte weder die Zeit noch das Interesse, ein leichtes Glühen zu bemerken, das von einem kleinen Draht ausging, der von den Heizspiralen zu der Knetmasse am Boden des Toasters führte.
Er bemerkte das Glühen nicht. Er bemerkte das Zischen nicht. Er bemerkte den Funken nicht.
Was er bemerkte, war, dass urplötzlich und ohne Vorwarnung das Universum in eine irrsinnige Farbenpracht zerbarst, sich vor ihm öffnete und ihn wie eine Geliebte, die ihn willkommen hieß, aus der Schwerkraft der Realität löste und durch eine Tür dem Nirvana entgegenschleuderte, die, wie er in seinem letzten bewussten Augenblick fand, für ein derart bedeutendes Ereignis viel zu schmal war.
Will Ross hatte keine Ahnung, wie lange sein Telefon schon klingelte, so viel er mitbekommen hatte, konnten es gut zehn Minuten gewesen sein. Er hatte nach dem Hörer greifen wollen, aber er konnte seine Hand nicht finden. Er wusste, dass er sie mit ins Bett genommen hatte. Aber jetzt konnte er sie gerade nicht finden.
Nur deutsches Bier – echtes deutsches Bier – hatte diese Wirkung auf ihn. Schon immer. Deshalb liebte er Europa. Hier hatte man eine ganz andere Einstellung dazu, sich die Lichter auszuschießen, als in Amerika. Und jetzt, da er nicht mehr im Training stand, sprach nichts mehr dagegen, sich ab und an in der kleinen Kneipe, nur ein paar Häuser von seiner Wohnung in Avelgem entfernt, die Lichter auszuschießen.
Das Telefon klingelte immer noch.
Vielleicht sind es ja meine Eltern, dachte Ross. Sie hatten nie den Zeitunterschied begriffen und außerdem gingen sie ihm jetzt, da er keine Radrennen mehr fuhr, ständig damit auf die Nerven, er solle zurück in die Vereinigten Staaten kommen und einen richtigen Beruf ergreifen und überhaupt, Rad fahren sei ja ohnehin etwas für kleine Jungs und dabei verdiene man ja kein richtiges Geld und, und, und...
Das Telefon klingelte immer noch.
Ross war wieder eingeschlafen. Aber er hatte seine Hand wiedergefunden. Genau da, wo er sie gelassen hatte.
»Was? Was?«
»Dir auch guten Tag, Will. Wo zum Teufel hast du gesteckt? Ich versuche dich seit sechs Stunden zu erreichen.«
»Ich war indisponiert, Leonard. Ich habe nicht nur geschlafen, sondern mich auch mit den vielfältigen Engagements und Sponsoren-Angeboten beschäftigt, die du mir in den vergangenen sechs Monaten verschafft hast.«
»Tut mir Leid, Kumpel, aber irgendwie sind die großen Brauereien momentan nicht scharf auf einen abgetakelten Rennfahrer, der seit sechs Jahren nichts mehr gewonnen hat und bei der Tour de France ... wie oft? viermal? ... die Karenzzeit überschritten hat.«
»Fünfmal.«
»Fünfmal. Danke. Jedenfalls bekomme ich momentan den Werbechef von Budweiser nicht dazu, mit einem Vertrag für das Clydesdale-Rennen bei mir vorbeizukommen.«
»Tausend Dank, Leonard. Was ist denn mit der belgischen Seife – läuft da was?«
»Tut mir Leid, die haben sich für David Hasselhoff entschieden. Aber ich habe etwas für dich.«
Ross rieb sich das Gesicht, um die Falten glattzubügeln, die der Alkohol hineingezeichnet hatte.
»Was denn? Mittlerweile bin ich so weit, dass ich alles annehmen würde.«
»Wie wär’s mit ein bisschen Rad fahren?«
»Wie bitte?«
»Rad fahren, Will. Ich habe dich in einem Team untergebracht.« Bisher hatte er auf dem Bett herumgelümmelt. Jetzt schoss er auf und saß bolzengerade auf der Kante.
»Bist du wahnsinnig, Leonard? Ich kann nicht fahren. Ich bin am Ende. Fertig. Außer Form. Ich bin seit sechs Monaten nicht ernsthaft Rad gefahren und so richtig gut war ich auch nicht, als ich trainiert habe. Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht?«
Will hielt für einen Augenblick inne, holte tief Luft und wog den Hass, den er in der letzten Saison auf die Straße entwickelt hatte, gegen das wachsende Minus auf seinem Bankkonto ab. So ungern er es sich eingestehen wollte, das Bankkonto siegte, auch wenn es bedeuten würde, das Leben in Belgien, das er liebgewonnen hatte, aufzugeben, um in den Vereinigten Staaten für eine Firmenmannschaft zu fahren.
»Okay. Wann und wo? Wann muss ich in den Staaten sein und für welches Team fahre ich?«
»Es ist keine amerikanische Mannschaft. Es ist eine europäische Mannschaft.«
»Waaaas? Motorola? Warum sollte sich Motorola für mich interessieren? Och hasst mich doch immer noch, weil ich letztes Jahr auf den Mannschaftswagen gekotzt habe.«
»Nein. Es ist nicht Motorola. Pass auf. Es hat einen Knick in der Schwerkraft gegeben. Das Raum-Zeit-Kontinuum ist abgerissen, mein kleiner untrainierter Kamerad. Dein lieber Freund Jean-Pierre Colgan ist jetzt dein lieber verstorbener Freund Jean-Pierre Colgan. Du, mein Bester, bist zum Dienst in der Sportgruppe Haven auserkoren worden und ich – ein echter Profi, wie ich bemerken möchte – habe die Trauer über Colgans vorzeitiges Ableben unterdrückt, um dir einen ziemlich guten Deal zu verschaffen. Mit 15 Prozent Kommission, wenn ich mich recht erinnere.«
»Zwölfeinhalb.«
»Wie auch immer. Du bist im Geschäft, Junge. Du bist versorgt. Du hast eine Saison Verlängerung.«
»Bist du verrückt? Leonard, ich konnte noch nie fahren, auch nicht, als ich gut war, ich habe nicht die Beine für die langen Strecken. Wie kommst nur darauf, dass ich ausgerechnet jetzt fahren kann? Bist du... ach, Scheiße.«
»Keine Panik, mein Freund. Ich glaube an dich, weil tief in dir, Willie, Stil, Kraft und das Herz eines Löwen stecken. Außerdem hast du einen rechtsgültigen Vertrag, weil ich von dir eine Vollmacht habe. Du musst übermorgen in Paris sein.«
Will schloss die Augen und versuchte, das alles abzuschütteln. Natürlich, das war alles nur ein langer, böser Traum und nur auf die übermäßige Einnahme fermentierter Hopfengetränke zurückzuführen. Aber es gab noch ein Frage, die beantwortet werden musste. Will brachte sie langsam, sehr langsam über die Lippen.
»Ich schicke dir die Details per Fax – hol sie dir morgen früh in dem Büro in deiner Straße ab. Sonst noch was? Sonst leg’ ich auf – das Gespräch geht auf meine Rechnung.«
»Warte, Leonard. Colgan. Was ist passiert?«
»So viel ich von Haven gehört und in den Agenturmeldungen gelesen habe, geht man davon aus, dass eine Gasleitung in seiner Wohnung hochgegangen ist – hat die ganze Ecke aus seinem Haus raus gerissen, auch einen Teil der Nachbarwohnungen. Ziemlich übel.« »Ging es wenigstens schnell? War es für ihn schnell vorbei?« »Glaub’ schon. Sie haben ihn in einem Wandschrank gefunden.« »Was?«
»Die Wucht der Explosion. Sie haben das, was von ihm übrig geblieben ist, in einem Schrank gefunden. Hat ihn quer durchs Zimmer geschleudert. Übel. Ich muss gehen. Details später. Ruf mich an, wenn das Fax da ist.«
»Leonard. Len. Bist du dir ganz sicher?«
»Meinst du seinetwegen oder deinetwegen?«
»Beides.«
»Bei ihm bin ich mir ganz sicher. Das größte Arschloch im Feld ist tot. So tot wie eine Makrele auf dem Sonntagsgeschirr meiner Mutter. Bei dir, Willie – ja, ich bin mir sicher. Du hast einen Vertrag. Du hast einen Job. Setz deinen Arsch in Bewegung und verdiene meine 15 Prozent.«
»Zwölfeinhalb.«
»Wie auch immer. Du hast heute noch eine Trainingsfahrt vor dir. Los geht’s.«
William Edward Ross hängte den Hörer ein und schaute auf die Uhr. 16 Uhr. Es war noch genügend Zeit für ein kurzes Training, wenn er jetzt losfahren würde; vielleicht schnelle 65 Kilometer, wenn er nicht außerhalb von Roubaix zusammenbräche und am Straßenrand verendete. Er schaute raus. Es war nass. Nein. Feuchter Schnee. Es sah kalt aus. Und ungemütlich.
Er rannte ins Bad und verbrachte die nächsten fünfundvierzig Minuten damit, alles auszukotzen, was er seit seinem zehnten Lebensjahr gegessen hatte.
Jean-Pierre Colgan war nie religös gewesen, aber das versuchte er jetzt gutzumachen.
»Himmlischer Vater, vergib mir alle meine Ausschweifungen und Sünden der Eitelkeit und des regelmäßigen Geschlechtsverkehrs und dass ich mein Mobiltelefon in jener Kurve in die Speichen Calabresis gesteckt habe, als gerade die Motorräder nicht in Sicht waren...«
Dieser Tunnel war gar nicht übel – er war warm und angenehm und schien so etwas Ähnliches wie Wände zu haben, obwohl man nichts berühren konnte. Die erste unangenehme Passage durch diese enge Tür zur Unendlichkeit hatte hierhin geführt und es war nicht schlecht. Der Tunnel ging so etwas wie einem hellen Licht entgegen und als er dem Licht näher kam, begann Colgan eine Figur auszumachen, die zunächst nur eine Form war, jetzt jedoch Konturen gewann: groß, schmal – und mit den muskulösesten Beinen, die er je gesehen hatte.
Jean-Pierre Colgan war zu Hause und Fausto Coppi war da, um ihn zu begrüßen.
»Friede sei mit dir, mein Bruder.«
»Monsieur Coppi... «
»Fausto... «
»Es ist mir eine große, ja eine grandiose Ehre... sind Sie nicht tot?«
»Doch, mein Freund, genau wie du. Ich bin hier, um dir den Weg zu zeigen. Und um dir dafür zu danken, dass du im Peloton mein Andenken gewahrt hast. Du hast mir Ruhm gebracht, indem du selbst Ruhm erworben hast.«
Es dauerte einen Augenblick, bis Colgan das alles verarbeitet hatte. Jean-Pierre Colgan hatte die Linie überschritten. Er war auf die andere Seite getreten. Wie dieser grauenhafte amerikanische Fahrer mit den scheußlichen Socken am Ende des Feldes immer sagte: »Du hast eingeschlagen, Babe.«
Er holte tief Luft – seltsam, er spürte nicht viel mehr als Ruhe und Zufriedenheit – und widmete seine Aufmerksamkeit wieder seinem stattlichen Gegenüber.
»Sie waren mein Idol«, sagte Jean-Pierre Colgan leise.
»Ich weiß, mein Freund. Deine anderen Idole sind auch hier. Sie freuen sich darauf, dich kennen zu lernen.«
»Bartali? Garin? Anquetil?«
»Nun, Bartali lebt noch, erstaunlicherweise, bei seinem Lebenswandel, aber Anquetil ist hier, ja.«
»Wann kann ich ihn sehen?
»Bald, aber... sei geduldig. Gib ihm Zeit.«
»Zeit ... warum ist er nicht hier, um mich in der Ruhmeshalle der Champions zu begrüßen?«
»Nun, Jean-Pierre«, Coppi hielt inne. »Um ehrlich zu sein, er hält dich für ein Weichei.«
In einem kleinen Haus in Avelgem, nahe der Grenze zwischen Belgien und Frankreich, unweit von Roubaix, zog William Edward Ross an einem nassen verschneiten Sonntag die rotgestreiften Socken an, für die er bekannt war, und bereitete sich auf eine zweistündige Fahrt durch die Hölle vor.
2
Willkommen in Sinnlos
Du bist zu spät. Vierundzwanzig Stunden zu spät.« Will Ross schaute von seinem Gepäck auf, das sich nun wie ein endloses Meer untereinander unverwandter Taschen um ihn herum ausbreitete. Hatte er das alles tatsächlich in den vergangenen eineinhalb Tagen kreuz und quer durch Frankreich geschleppt? Sein Rücken tat weh, seine Schultern waren wund gerieben, seine Stimmung war finster.
»Ja, ich bin zu spät. Ich habe einen Tag lang ganz Paris nach dir abgeklappert und nach einer Transportmöglichkeit gesucht.«
»Wir waren hier und haben auf dein Erscheinen gewartet, o großer Champion. Und jetzt bist du gekommen und siehst so aus, als wärst du bereit Rad zu fahren.«
»Du hast meinem Agenten die falsche Adresse gegeben, Carl. Und du hast ihm gesagt, dass mich jemand abholen würde.«
»Er hat sie sich nur falsch aufgeschrieben, Champ.«
»Leonard kennt Paris überhaupt nicht. Er kennt Senlis nicht. Er hätte nachgefragt, schon allein weil seine Provision davon abhängt. Irgendjemand – und ich gehe davon aus, dass du mit ihm gesprochen hast – hat ihm falsche Informationen gegeben. Und übrigens, hör bitte auf, mich ›Champ‹ zu nennen.«
»Mach dir deshalb keine Sorgen – es ist unwahrscheinlich, dass du hier jemals wieder so genannt wirst, oder? Pass auf, für die nächsten vier Stunden ist ein Mannschaftstraining angesagt, der Start ist jetzt. Du hast 15 Minuten, um dich fertig zu machen. Hinten steht ein Rad für dich bereit mit einem Mannschaftstrikot. Zieh dich um und mach dich auf den Weg. Du bist jetzt in einer Profi-Mannschaft, Ross, und dazu in einer, die bis letzte Woche ernsthaft vorhatte, die Tour de France zu gewinnen. Das Projekt hatte mir gefallen und ich möchte auch mit Müll wie dir in der Mannschaft daran festhalten. Kapiert?«
Ross schaute tief in Deeds’ harte, rotgeränderte Augen.
»Kapiert, buana Carl.«
»Fick dich ins Knie, Ross. Wir haben keine Kleiderhaken mehr übrig. Stapel dein Zeug hier drüben – du lebst dieses Jahr aus deiner Sporttasche. Willkommen an Bord. Los geht’s.«
Carl Deeds, Sportlicher Leiter und Team-Manager bei Haven-Pharma, drehte sich auf dem Absatz um und stampfte davon. An der Ecke vor dem Ausgang aus der Umkleidekabine schlug er seine Faust in einen Spiegel, der sofort zerbarst. Seine Hand war blutig. Pech. Hat der eine Wut im Bauch, dachte Ross.
Trotzdem konnte Will Deeds nicht wirklich böse sein. Schließlich hatte Deeds Jahr um Jahr mit mittelmäßigen Teams und mittelmäßigen Fahrern verbracht und jetzt, kurz vor seinem Durchbruch, dem Gewinn der Tour de France durch Jean-Pierre Colgan, waren alle seine Träume zerplatzt. Richard Bourgoin, sein neuer Mannschaftskapitän, war sicherlich ein Talent, aber der Champion, der Mann, der all seine Träume hätte verwirklichen können, war ersetzt worden; nicht durch einen anderen Champion sondern durch einen alternden mittelmäßigen Fahrer, der nicht einmal in der Blüte seines Könnens das Zeug zu einem Champion gehabt hatte.
Warum zum Teufel war er hier?
Es war nicht der richtige Zeitpunkt, um sich mit dieser Frage aufzuhalten. Darüber konnte er noch auf dem Fahrrad nachdenken. Er warf seine Klamotten neben einen zusammengerollten, schimmeligen alten Teppich, zog sich rasch um und streifte seine Socken über. Rotgestreift. Die Socken waren ein hässliches Markenzeichen, aber sie stets zu tragen war seine Art des Aberglaubens, den alle Fahrer in irgendeiner Form pflegten. Er hatte sie schon immer getragen. Um das Glück zu erzwingen, das sich in Europa nie eingestellt hatte. Er blickte auf sein Leben, das auf einem Haufen in der Ecke lag.
»Vielleicht wird es Zeit, sich neue Socken zu suchen.«
Zehn Minuten später trat Will aus der Hintertür der Umkleidekabine auf den großen Hof vor dem verfallenen Velodrom außerhalb von Senlis, einer kleinen Stadt 50 Kilometer nördlich von Paris. Er war allein. Der kalte Wind schlug ihm gegen die nur mit einem T-Shirt bedeckte Brust und er zog sich rasch das Wintertrikot über. Haven: schwarz, rot und gelb. Wenigstens passte es zu seinen Socken. Er streifte sich eine Windjacke über und schlüpfte in seine Handschuhe. Das wird nicht reichen, dachte er. Er war in die Hölle zurückgekehrt. Deeds war einer jener Sportlichen Leiter, die die Ansicht vertraten, Kälte mache hart. Will war einer jener Fahrer, die die Meinung vertraten, Wärme mache froh. An einem Tag wie diesem sollte er bei Hilda sitzen, um die Ecke von seiner Wohnung in Avelgem, und lauthals irgendein Sportereignis kommentieren, das zufällig gerade über den kleinen schwarz-weißen Bildschirm in der Ecke flimmerte.
Er schwang sein Bein über das Rad und merkte sofort, dass es ihm nicht passte. Ein unpassendes Rad würde in vier Stunden seine Weichteile zu Brei zerreiben. Es fehlte nicht viel, aber er musste unbedingt den Sattel verstellen, wenn er in den nächsten Tagen noch vorhatte, Fahrrad zu fahren.
Er rollte aus dem Hofgelände heraus auf die Gasse, die zur Landstraße führte. Vielleicht konnte er dort einen Inbus-Schlüssel bekommen, die Mannschaft würde unten an der Straße auf ihn warten. Seine 15 Minuten waren fast vorbei.
Er bog aus der Gasse auf die Straße, die am Velodrom entlangführte. Die Straße war leer.
Eine schlanke Brünette in einer leichten Patagonia-Daunenjacke stand an einem Laternenpfahl und schaute auf, als er auf sie zurollte und vor ihr anhielt.
»Ich hatte dich schon fast aufgegeben.«
»Hey, ich bin auf die Minute pünktlich.«
»Nun, ich enttäusche dich ungern, aber die Mannschaft ist vor einer Viertelstunde hier losgefahren. Deeds hat gesagt, du kannst sie einholen.«
»Ja, klar. Sag mir nur, wo hier der Bus abfährt, uh... Frau... ?« »Crane. Cheryl Crane. Ich bin die Masseurin der Mannschaft. Und...«
»Ein weiblicher Masseur – das ist etwas ... «
»Ungewöhnlich, ich weiß. Und ich würde es vorziehen, keine ... «
»... der üblichen Witze zu hören ... «
»Genau. Solltest du dich nicht auf den Weg machen? Du bist schon ... 17 Minuten hinterher.«
»Das bin ich gewohnt. Vor allem, wenn ich Anweisungen habe, 15 Minuten hinter den anderen zu starten. Ich brauch’ ’nen Inbus.« »Seh’ ich aus wie ein Werkzeugladen?«
»Nein. Eher wie ein Heimwerkermarkt.«
»Charmant. Und: nein, ich habe keinen Inbus. Die Mechaniker fahren hinter der Mannschaft her. Wenn du jetzt losfährst, holst du sie noch ein – kurz bevor sie wieder hier sind.«
»Dein Glaube an mich... Cheryl? ... wärmt mir das Herz. Aber ernsthaft. Wo ist hier die Werkstatt oder der Verhau, wo die Mechaniker ihre Werkzeuge aufbewahren?«
»Gleich hier drinnen – was brauchst du?«
»Ich muss meine Sitzposition einstellen ... «
»Okay.« Sie drehte sich um und ging in das Gebäude. Will rief ihr hinterher.
»Einen Inbus für die Sattelstütze – oder einen ganzen Satz, wenn es einen gibt ...«
Cheryl steckte ihren Kopf aus der Tür. Wut leuchtete aus ihrem Gesicht.
»Hör zu, du Krücke. Du hast hier nicht viele Freunde, also verscheiß’ es dir nicht gleich von Anfang an mit mir. Ich weiß, was du brauchst. Ich hab’ mein ganzes Leben mit Fahrrädern zu tun gehabt und bin bis letztes Jahr selbst Rennen gefahren. Ich kenne die Routine und ich kenne die Maschine. Ich weiß, welchen Schlüssel du brauchst – diesen hier zum Beispiel.«
Der schmale Metallstab glänzte in ihrer Hand. Will hob die Arme, um sein Gesicht zu schützen. Der Schlüssel traf ihn an der Schulter. Er hob ihn vom Rand des Gulliss auf, lockerte die Schraube, passte seine Sattelhöhe an und zog die Schraube wieder fest. Es fühlte sich fast richtig an. Nicht perfekt, aber gut genug, um ein neues Paar Hosen nicht durchzuscheuern und eine ganz neue Kultur von Entzündungen am Hintern zu züchten.
Er stieg vom Rad ab, überprüfte, ob der Sattel gerade stand, zog ihn noch einmal fest und warf Cheryl den Schlüssel wieder zu. Sie fing ihn mit einer Hand, ohne sich vom Fleck zu bewegen. Eindrucksvoll, dachte Will.
»Hast du noch einen Ersatzschlauch und ’ne Rahmenpumpe da drin?«, fragte Will. »Den Anschluss an die Materialwagen habe ich mittlerweile wohl verloren.«
»Seit genau 22 Minuten. Es wird spannend, zu sehen wann du ankommst. Sekunde, lass mich schauen, was hier so rumliegt.«
Sie verschwand wieder in dem Verhau und tauchte nur Momente später mit einem Schlauch, einer Pumpe, Klebeband und einem Stück Papier wieder auf.
Will klebte die Pumpe an sein Oberrohr, schlang sich den Schlauch über Kreuz um die Schultern und nahm das Blatt, das Cheryl ihm hinhielt. Es war ein Streckenplan. Ein langer Streckenplan. Ein verdammt langer Streckenplan.
»Pass auf«, sagte Cheryl, mit sanfter Stimme, »was Deeds heute mit dir gemacht hat, war fies. Auf der Karte steht eine Telefonnummer. Ich bin die meiste Zeit zu erreichen. Ruf mich an, wenn du Schwierigkeiten hast, ich schicke dir jemanden. Entweder komme ich selbst oder Tomas kommt raus.«
»Tomas – welcher Tomas?«
»Delgado. Er hat’s mir schon erzählt. Alte Kameraden, stimmt’s?«
Das war wenigstens etwas. Jetzt hatte er zumindest einen in der Mannschaft, mit dem er reden konnte. Während seiner gesamten Karriere war, wenn nicht er Delgado, Delgado ihm zu jedem Team im Profi-Zirkus gefolgt. Bei mindestens vier Mannschaften waren sie zusammen gewesen. Es hatte sich einfach so ergeben, das Geschäft hatte ihre Geschicke gelenkt, aber es hatte beiden das Leben erleichtert. Sie hatten eine Bindung aneinander aufgebaut, der weder Zeit und Entfernung noch das Ende einer mediokren Laufbahn etwas hatten anhaben können.
Hoffte Will jedenfalls.
»Wir sehen uns ... «
Sie lächelte. »Wenn du zurückkommst, wirst du kaum die Kraft haben, noch irgendwas zu sehen.«
Sie hatte Recht.
Will schwang sein Bein über das weiße Colnago und stieß sich vom Randstein ab. Er kannte einen Großteil der 175-Kilometer-Runde aus seiner Amateurzeit vor ... wie viel waren es, 12 Jahren? Er stopfte die Karte in eine Tasche seiner Jacke und fiel in einen schweren langsamen Tritt, um auf Fahrtgeschwindigkeit zu kommen. Ohne Gruppe und ohne Hinterrad, das ihn vor dem Wind schützen könnte, würde es ein langer Tag werden.
Er schaute über die Schulter und beobachtete Cheryl, wie sie in der Entfernung verschwand. Ein weiblicher Physiotherapeut mit einem frechen Mundwerk. Das würde zumindest das Leben interessant machen. Außerdem war sie hübsch anzuschauen. Dann dachte er an Deeds, die Mechaniker und die Mannschaft, die 20 bis 30 Minuten vor ihm mit knapp 40 Sachen über die Landstraße fegten.
Er trat ein weniger kräftiger in die Pedale.
Cheryl sah Will hinter der ersten Biegung verschwinden.
»Was für eine Posse ... was zum Teufel haben sie sich dabei nur gedacht?«
Zu jedem Sport gehört eine Liebe, die an Besessenheit grenzt. Hingabe bis zum Fanatismus. Eine Konzentration, die alle Sinne in Anspruch nimmt. Ein Feuer, das tief und heiß und lange brennt. Du weißt um dein Talent, um deine Fähigkeiten, um den Preis, der 200 Meter weiter hinter der Linie auf dich wartet und du überwindest den Schmerz, die Hitze, den Mangel an Leidenschaft, die Langeweile und die Sinnlosigkeit und du überwindest Zeit und Raum und setzt dich vor die Meute – genau zu dem Zeitpunkt, zu dem du vor der Meute sein musst.
Faszinierend, diese Männer, die in ihre Maschinen verliebt sind und für sie so viel Schmerz erdulden. Männer, die Fahrräder lieben.
»Inspektor«.
Inspektor Luc Godot von der Pariser Polizei zog den Kragen seines zerlumpten und verwitterten Trenchcoats dicht um seinen Hals. In der Wohnung wehte eine bitterkalte Brise, zumal sie keine nennenswerten Wände mehr hatte.
»Passen Sie auf, wo Sie hintreten, Inspektor. Teile des Bodens sind brüchig oder fehlen ganz. Außerdem ist dies ein noch nicht gesicherter Tatort.«
Godot schaute den jungen Spurensicherungsfachmann durch seine schweren, rot umrandeten Augen an. Jedes Jahr, dachte er. Sie werden jedes Jahr schlechter. Und jünger. Dieses Kind kann höchstens zehn sein und er ist der älteste von den Dreien. Wo war Claude? Claude sollte der Mann für einen Fall dieser Größenordnung sein und nicht irgendein blasierter, altkluger Junger Pionier.
Godot schlurfte durch die Trümmer, die einst die Wohnung von Jean-Pierre Colgan gewesen waren. Drei Techniker waren an einer Außenwand damit beschäftigt, sorgfältig eine Gasleitung zu untersuchen, die aus ihrer Verankerung gerissen und zu einem Knoten verdreht worden war. Rundherum waren Schmauchspuren an der Wand.
Godot zündete sich eine Zigarre an. Kubanisch. Sie half ihm beim Denken.
Der Techniker, der ihm schon beim Reinkommen einen Vortrag gehalten hatte, sprang auf und schrie Godot erregt an: »Hier wird nicht geraucht, Inspektor! Hier hat eine Gasexplosion stattgefunden und außerdem ist dies ein Tatort. Sie bringen uns alle in Gefahr und sie verfälschen die Beweise!«
Godot starrte einfach nur ins Leere. Er holte tief Luft und stieß einen schweren Seufzer aus. Wie lange noch bis zur Pensionierung? Er ignorierte das schmächtige Wiesel mit seinem weißen Labormantel und wandte sich der anderen Seite der Wohnung zu, wo vermutlich die Küche gewesen war. Durch die Rauchschwaden seiner Zigarre genoss er den wunderbaren Blick über Paris, ein Blick, der bis vor wenigen Tagen von roten Ziegelsteinen verstellt gewesen war. Ich liebe Paris im Frühling, dachte er. Schade, dass es noch Winter ist.
Die Techniker schnatterten auf der anderen Seite des Raumes die Gasleitung an. Godot hatte ihren ersten Bericht über die Explosion und den Tod von Jean-Pierre Colgan schon gelesen. Er war nicht schlüssig. Ihm jedenfalls nicht. Er überprüfte sanft den Boden, der wie eine harte Matratze leicht nachgab, und trat vorsichtig auf eine freigelegte Strebe neben der Wand von Colgans Küche. Vor zwei Tagen muss hier eine Arbeitsfläche gestanden haben, dachte er. Auf den Überresten des Bodens konnte er einen Umriss aus Holz- und Kachelresten erkennen.
Dann sah er auf. Godot griff nach einem Stück Gips von der Decke, das an einem Draht direkt über seinem Kopf baumelte. Der hölzerne Messergriff war bis auf die zwei letzten Zentimeter in der Decke versenkt. Er nahm ihn vorsichtig in die Hand und zog. Der Gips löste sich zusammen mit dem Messer. Godot wischte den Staub und die Brösel vom Ärmel seines Mantels, dann klopfte er mit dem Messer gegen einen freigelegten Wandhaken, um die Klinge freizulegen. Sie war verdreht und verbrannt, die Spitze war ausgefranst. Er sah sich um. Senkrecht nach oben... dieses Buttermesser war senkrecht nach oben geflogen.
Godot drehte sich auf der wackeligen Stelle, an der er stand, langsam um. Der Weg, den die Zerstörung sich durch die Wohnung gebahnt hatte, ging direkt von ihm aus, von der Stelle, an der er stand.
Godot lächelte. Das war keine Gasexplosion.
Will hasste dieses Fahrrad. Er hasste es, da zu sein, wo er jetzt war, und er hasste es, das zu tun, was er gerade tat. Er würde jetzt gerne mit dem Schreiber ein Wörtchen wechseln, der sich in TOUR über die Poesie des Rennradfahrens ausgelassen hatte.
»Heb erst einmal deinen fetten Arsch vom Sofa hoch und setz ihn für sechs Stunden auf den Sattel. Dann reden wir weiter.«
Er hatte schon einen Plattfuß gehabt. Er hatte den Schlauch gewechselt und sich in einem Radgeschäft unterwegs Flickzeug und eine Trinkflasche geholt. Eine Notwendigkeit, die sich als Peinlichkeit entpuppt hatte.
Ein älterer weißhaariger Mann stand hinter der Theke, dessen Körper verriet, dass er den Sport in seiner Jugend kennen gelernt, die Beziehung jedoch Jahre vor dem Zusammentreffen mit Will beendet hatte.
»Ich sehe, Monsieur, dass Sie ein Haven-Trikot tragen. Die Mannschaft ist vor etwa 45 Minuten hier vorbeigekommen; Sie haben sie gerade verpasst.«
»Die werde ich noch oft genug sehen. Ich brauche, lassen Sie mich meinen Geldbeutel befragen, einen Schlauch, Flickzeug und ein paar Haven Power Bars.«
»Sie sollten sich besser auf ihre Ausfahrten vorbereiten.«
»Ich musste etwas überstürzt losfahren. Sie sagten, das Team sei seit 45 Minuten durch?«
»45 Minuten, vielleicht eine Stunde. Sie werden sie niemals einholen. Die haben richtig Gas gegeben.«
Er trug seinen Einkauf raus und lud ihn auf. Er würde die Fahrt beenden. Außerhalb der Karenzzeit, aber er würde ankommen.
»Tragen Sie das Trikot zu Ehren von Colgan?«, fragte der Ladenbesitzer.
»In gewissem Sinne trage ich es seinetwegen, ja. Ich habe nach seinem Tod die freie Stelle im Team angenommen.«
»Sie fahren bei Haven? Sie glauben, mir weismachen zu können, dass Sie ein Haven-Fahrer sind? 45 Minuten hinter der Mannschaft? In einem verwanzten Trikot von vor drei Jahren? Ohne Teamwagen alleine auf der Straße?« Plötzlich wurde sich der Ladenbesitzer des Blicks in Ross’ Augen bewusst.
»Ja, mein Freund, mais oui, Sie ersetzen Colgan. Jetzt erinnere ich mich. Ich habe in L’Equipe von Ihnen gelesen. Ja, natürlich. Bonne chance – Sie müssen jetzt fliegen. Sie haben einen großen Rückstand wettzumachen. Aber das sollte Ihnen nicht schwer fallen, Sie sind ja ein Champion, non?«
Er schob Will an und beobachtete, wie er die Hauptstraße des Dorfes hinunterfuhr. Sobald Ross aus dem Blickfeld verschwunden war, rannte Jean Jablom in das Hinterzimmer seines Geschäfts und wählte eine Telefonnummer, die er stets in seinem Herzen trug. Innerhalb von fünf Minuten hatte er alle seine Wetten für die Saison geändert. Er hatte immer auf Haven gesetzt. Dank Haven hatte er eine Menge Geld verdient. Er glaubte an Treue.
Aber es gab keinen Grund, deshalb Dummheiten zu machen. Will kämpfte, die Nase dicht über dem Lenker, gegen den Wind. Er hatte zu Beginn ein gutes Tempo aufgenommen und beibehalten, aber jetzt, da die Brise sich in einen satten Gegenwind verwandelte und das Terrain schwieriger wurde, musste er sich ganz darauf konzentrieren, überhaupt im Tritt zu bleiben. Wenige Kilometer zuvor hatte er auf die Karte geschaut und eine kleine Landwirtschaftsstraße ausgemacht. Es war eine Abkürzung, um auf die Straße zurück nach Senlis zu gelangen. Er könnte sie nehmen, etwa zwei Stunden gutmachen, vor der Mannschaft rauskommen, sie vorbeifahren lassen und dann locker ausrollen. So würde er vielleicht 15 bis 20 Minuten hinter ihnen am Velodrom ankommen. Deeds würde sich in die Hosen machen. Die ganze Mannschaft würde sich in die Hosen machen. So könnte er sich Respekt verschaffen, bis zur nächsten Ausfahrt, am nächsten Tag, wenn er nach zwanzig Kilometern abreißen lassen müsste. Vielleicht würden sie denken, er habe sich am Vortag verausgabt, also würden sie verständnisvoll sein. Vielleicht auch nicht. Und selbst wenn, dann nur so lange, bis sie herausbekämen, dass er es einfach nicht draufhatte und dass kein Training der Welt etwas daran ändern konnte.
Hatte er es jemals draufgehabt? Als Kind vielleicht, auf dem gusseiseren Rad mit den dicken Reifen, als er seine Mutter damit wahnsinnig gemacht hat, die alte Straße nach Hickory Corners, vier Meilen von zu Hause, herunterzubrettern, um blinde Ecken und um schnelle Kurven, auf dem kleinen Rad, das von einem kleinen Jungen gefahren wurde, der nicht mehr von Fahrrädern fernzuhalten war, seit er gelernt hatte, im Sattel zu bleiben. Sein Bruder hatte es ihm beigebracht. Auf einem großen Rad. Auf dem Rad seiner Schwester. Sein eigenes hatte er Will lieber nicht gegeben. Ein großer Hügel und ein großer Stubser. Es war das fantastischste Gefühl der Welt, der Wind, die Geschwindigkeit, die Angst. Unter dem Sturz hatten die Schutzbleche gelitten, nicht aber Wills Gefühle gegenüber Fahrrädern. Er konnte nicht genug bekommen. Wenn er Order bekam, von der Straße wegzubleiben, hoppelte er eben über Felder und durch Schlammlöcher. Ein Freund aus der Nachbarschaft hatte ihm mit dem Traktor seines Vaters sogar eine Schneise in das Feld gemäht.
Will begann an seinem Tacho zu zweifeln. Er ging an und aus und sah nicht so aus, als würde er funktionieren. Er sagte ihm, dass er vier Stunden gefahren war und er hätte schon längst am Wendepunkt sein müssen. Die Abkürzung hatte er bei seiner Träumerei um mindestens zwanzig Kilometer verpasst.
Allein im Wind, mit dem Kopf zwischen den Oberarmen, fand er plötzlich etwas, das ihn aufrichtete. Kein brennendes Verlangen, nur die Erinnerung an eine Ausgabe von L’Equipe, die er im Klassenzimmer eines Französischlehrers in der High School von Delton, Michigan gefunden hatte. Sein Vater war dort Hausmeister gewesen und hatte ihn mitgenommen, um Frösche zum Angeln aus einem Lichtschacht einzusammeln. Will war durch das Klassenzimmer gestromert, während er auf seinen Vater wartete, als er es entdeckte – das wildeste, furchteinflößendste Gesicht, das ihn je aus einer verwitterten, an eine Betonwand getackerten Zeitung angestarrt hatte. Er hatte nicht die geringste Vorstellung davon, was da stand, aber die Seite sprach ihn direkt an. Über Tausende von Meilen Entfernung und in einer unverständlichen Sprache berührte sie die Seele eines kleinen Jungen in Michigan. Irgendwo auf der Welt gab es jemanden, der über Räder und Rennen schrieb und über wilde Männer auf zwei Rädern, die genauso empfanden wie er, wenn er den Wind im Gesicht hatte.
Anquetil – das war das einzige Wort, das in der Überschrift in Großbuchstaben gedruckt war, also, dachte Will, muss das sein Name sein. Und dies war das Zimmer des Französischlehrers, also musste er Franzose sein. Und da stand irgendetwas über eine Tour. Tour. Tour de France. Er würde nachfragen. Tour de France. Das würde er sich einprägen, in seine Erinnerung einbrennen. Er würde herausbekommen, was das ist.
Es war nicht so einfach, Mitte der siebziger Jahre in West-Michigan Antworten auf seine Fragen zu bekommen. Die Gegend war nicht unbedingt als Wiege von Fahrrad-Champions bekannt. Hier gab es Landwirschaft, Football und die Kirche. Sport bedeutete: die Tigers und die Cubs und die Lions und die Bears. Basketball gab es in der High School. Hockey gab es in Kanada. Radfahren war etwas, das Kinder taten.
Aber in Detroit, zwei Autostunden entfernt, auf der anderen Seite des Staates, lag die Sache anders. In der Bibliothek war nachzulesen, dass es dort eine Radrennbahn gab. Eine Bahn, die sie »Velodrom« nannten. Und es gab Clubs. Clubs, die am Wochenende mit ihren Rädern Rennen fuhren. Und es gab Fahrradgeschäfte. Geschäfte, die andere Räder verkauften als die schweren Western Flyers mit ihren Ballonreifen und Gestängebremsen.
Ein Fahrrad hatte für Will immer Freiheit bedeutet. Jetzt bedeutete es mehr: Geschwindigkeit. Eine Geschwindigkeit, die ein Junge sonst erst mit sechzehn erfahren konnte, dem magischen Alter, in dem man in die Fahrschule gehen durfte. Und Gefahr. Geschwindigkeit. Und Gefahr. Und Anquetil, der ihn mit beunruhigenden Augen von der Seite her anstarrte. Es bedeutete, dass er endlich erfahren würde, was hinter diesen Augen verborgen lag.
Cheryl Crane ließ sich auf einen zerlumpten Sessel in einer Ecke der Werkstatt sinken. Eine Staubwolke, die sich über die Jahrzehnte angesammelt hatte, stieg um sie herum auf. Sie schloss die Augen und hielt für einen Augenblick die Luft an, bis der Staub sich verzogen hatte. Es roch wie im Keller ihrer Mutter. Sie öffnete die Augen und blickte auf eine Reihe niedriger Zeitfahrmaschinen, deren Lackierung und Titanteile auf Hochglanz poliert waren. Es waren tödliche Waffen. Sie vermisste sie. Sie vermisste die Geschwindigkeit und die Hatz, die Aufregung, das Gerangel und die Schinderei in der Meute. Die Herausforderung von innen und von außen.
Sie wollte wieder auf dem Rad sitzen, wieder Teil der Meute sein, anstatt ihr Leben damit zu verschwenden, für ein Team halbtalentierter Egozentriker und Maulhelden und Trottel die Krankenschwester zu spielen.
Und dann Ross. Weiß Gott, wohin der gehörte.
Will aß und trank, während die Kilometer an ihm vorbeizufliegen begannen. Der Gegenwind, der ihn auf der Auswärtsstrecke zermürbt hatte, schob ihn jetzt nach Hause. Es wurde leichter, den Schnitt zu halten, sogar ein wenig zu verbessern, und nachdem er einen Blick auf die Karte geworfen hatte, erhöhte er seinen Takt. Er stellte in Gedanken das Metronom, das er im Winter beim Training auf der Rolle immer benutzte. Er erhöhte im Kopf seine Schlagzahl und seine Beine pumpten zum Takt der mentalen Uhr.
Klick. Klick. Klick. Klick-Klickklickklickklickklickklickklickklickklickklick.
Der erste Ausflug nach Detroit wäre beinahe ein Desaster geworden. Sie hatten nicht gewusst, wonach oder nach wem sie suchen sollten und die Abneigung seines Vaters gegen das Fahren in Großstädten hätte die Suche beinahe enden lassen, bevor sie richtig begonnen hatte. Schließlich waren sie zwei Stunden vor Beginn des Football-Spiels im Stadion der Tigers angekommen.
Trotzdem war es keine vergeudete Zeit. Will ging mit einer Hand voll Zehn-Cent-Stücke hinter die Tribüne, fand eine Telefonzelle und ein fast vollständiges Telefonbuch und begann zu telefonieren. Er rief das Velodrom an, die Fahrradclubs, die Radläden. Jeden, von dem er glaubte, er könne seine Fragen nach dem Wo, dem Wann und dem Wer beantworten. Wo war der beste Laden, wann war dieser geöffnet und mit wem konnte er über das Fahren, über Rennen und über diesen Anquetil reden.
Innerhalb von zwanzig Minuten hatte er eine Antwort. Two Wheels, in einer der Vorstädte. Geöffnet bis fünf Uhr heute abend. Frag nach Stewart Kenally. Nicht schlecht für einen Dreizehnjährigen. Jetzt mussten die Tigers nur noch kurzen Prozess mit den Orioles machen.
Es kam genau andersherum, aber das Spiel war vorbei und sie saßen um viertel vor vier im Auto. Papa wollte direkt auf den Highway, um dem Verkehr voraus zu sein, aber Will setzte sich durch. Schließlich war das Spiel das Rahmenprogramm der Reise gewesen. Nicht das Fahrradgeschäft.
Sie brauchten fast eine Stunde, um den Laden zu finden – aber als sich der Nachmittag dem Abend zuneigte, bogen sie um eine Straßenecke und Will sah die verwitterten Laufräder, die über einem dunkelgrünen Schild hingen. Two Wheels. Er hätte sich vor Aufregung fast in die Hose gemacht.
Eine Angewohnheit, die er sich von seiner Großmutter abgeschaut hatte, nachahmend, öffnete Will die Wagentür und hüpfte aus dem gelben Ford-Kombi, noch bevor dieser zum Stehen kam.
»Verdammt noch ’mal ... «, tönte es vom Fahrersitz, aber Will rannte schon zum Geschäft. Schließlich schlossen sie um fünf und wer weiß? Vielleicht würden sie an einem Samstag ein paar Minuten eher dicht machen und einfach zum Essen nach Hause gehen. Er griff nach der Türklinke und drückte sie nach unten. Die Tür öffnete sich und er trat ein ins Wunderland.
William Edward Ross war zu Hause.
Jetzt hatte er nichts mehr zu essen. Seinen letzten Energieriegel hatte er vor einer Stunde zu sich genommen. Seine Beine fühlten sich an wie Blei. Er konnte sich nicht mehr konzentrieren und er konnte seinen Schnitt nicht mehr halten. Er hatte noch genügend Wasser und er trank fortwährend, aber er brauchte dringend etwas Festes zwischen den Zähnen. Sein Gehirn fühlte sich an, als wäre es in Baumwolle verpackt. Peng. Er war dabei zu platzen. Er rechnete sich aus, dass er noch etwa zwanzig Kilometer zu fahren hatte und er nahm sich einfach vor, weiterzufahren. Deeds würde innerlich ein Fass aufmachen, wenn er in Senlis in die Auffahrt zum Velodrom einbog. Was war das überhaupt für ein Ort? Ein altes Loch, das das Team für das Aufbautraining im Winter angemietet hatte, bevor alle ihren Saisonplan bekamen und die Mannschaft sich über den ganzen Kontinent verteilte, um wie Verrückte Rennen zu fahren und zu versuchen, von Arschlöchern wie Deeds, die nichts vom Rad fahren verstanden, außer einem Steine in den Weg zu legen und einen runterzumachen, einen Brocken Lob zu bekommen... Aufhören damit. Benutze deine Kraft zum Fahren. Verschwende sie nicht darauf, zu meckern und zu jammern und zu stöhnen. Einfach den Kopf unten halten und den Wind unterlaufen – er hatte schon wieder gedreht, oder hatte der letzte Streckenteil ihn einfach wieder in Windrichtung gebracht? Einfach treten. Bald ist es vorbei. Nur an die warme Dusche denken und an Deeds. Du wirst dich mit Deeds auseinandersetzen müssen. Aber das kann man überleben, selbst wenn man die Ausfahrt nicht überlebt. Und, mein Gott, morgen muss ich das wieder durchstehen...
»Hast Du ihn gesehen?«
»Nicht in den letzten dreieinhalb Stunden, Tomas.« Cheryl Crane fuhr zusammen. Sie kannte diesen Ross-Typen überhaupt nicht, aber Tomas’ Sorge begann auf sie abzufärben.
Tomas Delgado lief den Bürgersteig in Senlis auf und ab und fluchte. Irgendwo da draußen, auf einer 140-Kilometer-Runde, war sein Freund. Er war neu im Team und er hatte ihn noch nicht gesehen. Das Team war seit einer halben Stunde da und wie am Ende einer Fabrikschicht fuhren die Autos vor und die Fahrer kamen heraus, um sich in ihre Wohnungen rund um Senlis und in den nördlichen Vororten von Paris fahren zu lassen.
Er wollte auf Will warten. Aber jetzt war die ganze Mannschaft weg und Deeds schloss das Velodrom ab.
»Hey ... was ist mit Will?«
»Wer?« Deeds schien aufrichtig verwirrt zu sein.
»Will. Will Ross. Der Neue. Er ist noch unterwegs.«
»Sein Problem.«
»Ich warte auf ihn.«
Deeds seufzte. »Fahr nach Hause, Tomas. Du und Crane. Ich bin der Sportliche Leiter. Es ist meine Aufgabe. Ich warte auf Ross. Hab’ mich noch nicht daran gewöhnt, dass er bei uns ist. Hab’ einfach nicht an ihn gedacht.«
»Er fährt alleine – es könnte eine Weile dauern.«
»Ich warte. Mach dir keine Gedanken. Geh nach Hause, mach dir was zum Abendessen und ruh dich aus. Wir sehen uns morgen.«
Cheryl Crane kletterte in den Kombi. Tomas Delgado zögerte beim Einsteigen.
»Fahr, Tomas. Fahr einfach. Ich bin hier. Ich warte. Egal wie lange es dauert.«
Delgado hielt einen Augenblick lang inne, dann stieg er in den Haven-Mannschaftswagen und zog die Tür hinter sich zu. Das Auto fuhr an und verschwand im Feierabendverkehr von Senlis. Carl Deeds schaute ihm hinterher, dann ging er zu seinem eigenen Auto, stieg ein und machte sich auf die lange Fahrt zu seiner Wohnung in Paris, wo eine Flasche Wein auf ihn wartete.
Er hatte das Ortsschild passiert. Er war in den Vororten von Senlis. Senlis. Sinnlos. Diese ganze gottverdammte Sache war sinnlos. Noch zehn Kilometer. Nach der nächsten Abzweigung würde er durch den Verkehr fahren müssen und er würde sich noch mehr konzentrieren müssen, damit er nicht auf einer Kühlerhaube landete.
Zehn. Nicht mehr weit. Wieviel – sechs Meilen? Bestimmte Amerikanismen hatte er trotz vieler Jahre in Belgien beibehalten. Er rechnete Kilometer in Meilen um. Er übersetzte Flämisch in Französisch und Französisch in Englisch, obwohl es auf diese Art ewig dauerte, bis er sein Essen bestellt hatte. Es war dumm und es war engstirnig, aber es war eben das Verfahren, das er während des ersten Jahres entwickelt hatte, um mit dem Alltag zurecht zu kommen. Jetzt war es einfach nur seine Art. Es war nicht schnell und es war nicht schön, aber es funktionierte für ihn. Noch acht. Noch sieben. Noch sechs.
Jetzt schossen Autos an ihm vorbei. Er hätte auf sie achten müssen, aber er konnte seinen Kopf nicht heben. Er sah seine Füße. Er sah seine Pedale. Sollten sie sich nicht schneller bewegen? Er überfuhr eine rote Ampel und er verfuhr sich in eine Einbahnstraße. Wohin? Welche Straße? Wenn er die verkehrte nahm, würde er wieder zurück fahren. Die Karte ergab keinen Sinn mehr. Aber hier, hier war die richtige Straße, denn da war das Geschäft, an dem er mit dem Taxi auf dem Weg zum Trainingszentrum vorbeigefahren war. Das Velodrom müsste gleich um die Ecke sein, in all seiner braunen, verfallenen Hässlichkeit. Was für eine Rattenfalle. Wie konnte irgendjemand an diesem Ort Fahrrad fahren, an diesem teuflischen Ort? Mein Gott, ich würde es nie tun, niemals, niemals.
Will hielt am Eingangstor. Er schaute auf den Tacho. Er zeigte nichts an. Wie viele Stunden im Sattel? Zu viele. Hatte er wirklich so viele Stunden seines Lebens verloren, und wofür? Er schwang sein Bein über den Sattel und betrat zum ersten Mal seit dem Fahrradladen festen Boden. Wo war dieser Laden gewesen? Wie lange war das her? Seine Beine zitterten. Er ging wie Opa Ross nach seinem Schlaganfall. Er zog das Rad hinter sich her wie ein Sheriff in einem Comic einen bewusstlosen Desperado hinter sich herschleift, und stolperte zur Tür. Deeds würde bei seinem Anblick erschrecken.
Vielleicht. Oder auch nicht. Die Vordertür war abgeschlossen.
Will kehrte um und zog das Rad am Vorderrad hinter sich her um die Ecke des Gebäudes, die Allee hinunter und in den Hof neben der Bahn. Die Umkleidekabinen waren auch abgeschlossen.
Zu diesem Zeitpunkt wäre er zusammengebrochen, wenn die in ihm aufsteigende Wut ihn nicht aufrecht gehalten hätte. Er lehnte sich gegen die Tür und begann mit den Fäusten dagegen zu trommeln, erst langsam, dann immer schneller und fester.
»Du Hurensohn!«
Peng!
Jetzt war er noch erschöpfter und die Tür hatte sich nicht geöffnet und offenbar hatte ihn auch niemand gehört.
Will schaute sich um und bemerkte, dass ein Fenster, etwa zwei Meter über ihm, offenstand. Er schob sein Rad an die Wand, kletterte rauf bis er auf dem Sattel stand und schaute hinein. Innen war es verdammt weit bis zum Boden, aber wenn er nur raufkäme, rauf, rauf und rein... der rostige Fensterrahmen biss sich in seinen Hintern und fing an, durch die Kunstfaser in seine Haut zu schneiden. Trotzdem zog er sich weiter hinein, solange, bis ihm auf der anderen Seite die Schwerkraft zu Hilfe kam.
Ross versuchte den Sturz mit den Füßen zu bremsen, aber er konnte sich im Fallen nicht rechtzeitig an der Fassung des Fensters einhaken. Seine ausgestreckten Arme schlugen zunächst auf eine Holzkiste auf und rutschten dann über die Fliesen. Er versuchte abzurollen, aber es war zu spät und außerdem war er ohnehin zu müde.
Sein Kopf drehte sich zur Seite und sein Schlüsselbein schlug auf den Boden. Will schrie, als der Schmerz seine gesamte rechte Körperhälfte durchzog. Er lag auf dem schmutzigen Fußboden und rang nach Luft. Er glaubte nicht, dass etwas gebrochen war, aber es würde garantiert einen bösen Bluterguss geben.
Er setzte sich auf. Dies war irgendein Trockenraum. Er glaubte sich erinnern zu können, dass er direkt neben der Umkleidekabine lag. Er stand auf und versuchte, seinen linken Arm auszustrecken – autsch – lieber noch nicht. Er streifte seine Fahrradschuhe ab – das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war, auf einem Kachelboden herumzuschlittern – und watschelte zur Außentür, öffnete den Riegel und holte sein Rad herein. Es war ihr verdammtes Rad und er hätte es einfach stehen lassen sollen. Sollte sich doch Deeds mit dem Diebstahl rumärgern. Aber für Will war es immer derartig schwer gewesen, an Fahrräder und Fahrradausrüstung zu kommen, dass er sie nur mit Respekt behandeln konnte.
Er schob das Rad in eine Ecke und schloss die Tür wieder ab. Das Gebäude war jetzt so still wie eine Zeitungsredaktion eine Stunde nachdem die letzte Ausgabe in Druck gegeben wurde. Er konnte ein gelegentliches Quietschen vernehmen, das erstickte Gurgeln eines Heißwasserbereiters über ihm. Er war alleine. Tödlich einsam. War er gerade in das falsche Gebäude eingebrochen? Nein. Da waren seine Sachen, in die Ecke gestapelt. Es lag ein Zettel darauf.
Er hob ihn auf und las, was er von dem Hühnergekritzel entziffern konnte: »Willkommen zu Hause. Morgen früh 8 Uhr. Mannschaftsbesprechung hier. Deeds.«
Er brauchte dringend eine Dusche. Ohne Dusche würde er vermutlich morgen oder in einer Woche Sitzpickel und Pilze bekommen. Er trat hinein und ließ das heiße Wasser über seinen Körper laufen. Er wusch sich nicht. Er stand einfach da, in seinen Klamotten und Socken.
Langsam, ganz langsam, zog er sich aus und wusch die verschmutzteren Teile seines Körpers. Will wusste nicht, wie lange er da stand. Er konnte an der Duschwand lehnend eingenickt sein. Er konnte bewusstlos gewesen sein. Er wusste nur, dass, als er wieder wach wurde, seine Finger angenehm zwetschgenhaft aussahen.
Er trat aus der Dusche und griff nach einem Handtuch. Es gab keines. Nur nasse, die die anderen benutzt hatten und die jenen leicht schimmeligen Geruch absonderten, den nur Sportler übertragen. Er nahm das am wenigsten nasse und am wenigsten ekelhafte Handtuch und trocknete sich so gut wie möglich ab. Er stolperte hinüber zu seinen Sachen und wühlte sie nach wenigstens einem Haven Power Bar durch. Er hatte immer einen in Reserve. Man weiß nie, wann der Hungerast zuschlägt.
Der ungeöffnete Riegel fiel ihm aus der Hand. Will war eingeschlafen, nackt, neben seiner Tasche, bevor der Riegel auch nur auf dem verschmierten Kachelboden aufgeschlagen war.
Sein letzter Gedanke, bevor er komplett weggetreten war, war eine Erinnerung. An das, in was er sich an jenem Tag verliebt hatte, als er in Detroit die Tür von Two Wheels kurz vor Ladenschluß geöffnet hatte. Es war eine Erinnerung, die ein Leben lang hielt. Sie hatte ihn hierher gebracht, an diesen Ort, zu diesem Job.
Es war der Geruch gewesen.
Nachdem er ihn in jenem Moment gerochen hatte, war er für immer verloren.
3
Haven im Sinn
Dies ist mein neuestes Gemälde. Es heißt ›Morgenröte – mit Kojoten‹.« Will drehte sich instinktiv auf die Seite und bedeckte seine Blöße. Er bedeckte sie zwar nur mit einem Haven Power Bar, aber immerhin bedeckte er sie.
»Ich sagte, ich nenne es ›Morgenröte ... ‹ «
»Schon gut – hab’ schon kapiert. Ich bin wach.«
»Bist du nicht. Wenn du wach wärst, würdest du sagen: ›Delgado – irgendeine Verwandtschaft mit Pedro?‹ und ich würde sagen: ›Entfernt... ‹.«
»Hallo, Tomas.«
»Hallo, Will. Sei mir nicht böse, aber du siehst absolut beschissen aus.«
»So fühle ich mich auch. Danke.«
Will stand auf, um sich zu strecken und wickelte sich das mittlerweile trockene, aber brettsteife Handtuch um. Tomas schüttelte in einer Mischung aus Mitleid und Abscheu den Kopf.
»Reiß dich zusammen. In weniger als einer Stunde ist eine Mannschaftssitzung und Deeds hat gekocht, als du gestern nicht da warst.«
»Daran hätte der Bastard denken sollen, als er gestern die Hintertür abgeschlossen hat.«
»Er hat gesagt, du wärst angekommen und alles sei in Ordnung.«
»Nichts war in Ordnung und jetzt bin ich völlig im Eimer. Gibt’s hier ein Café oder so was? Ich brauch’ dringend ein Frühstück.« »Ein paar Häuser weiter. Marie’s. Teuer, aber gut. Und es gibt eine ordentliche Portion.«
»Geld hab’ ich. Eine ordentliche Portion hab’ ich nötig.«
»Du hast etwa 45 Minuten ... und geh zu den Besprechungen. Deeds wird sich grün und blau ärgern, wenn er dich sieht.«
Ross lächelte. Nichts würde ihm besser tun als das. Tomas sagte ihm, er solle sich beeilen. Dann könnten sie vor dem Training noch gemeinsam sein Rad einstellen. Außerdem versprach er Ross, ihm Mannschaftskleidung zu besorgen – aus der aktuellen Kollektion.
Will dankte ihm und sprang unter die Dusche, um sich rasch abzuwaschen. Er trocknete sich mit einem frischen Handtuch ab, das Tomas ihm mitgebracht hatte und rieb sich mit Alkohol ab. Er wusste nicht, ob das wirklich etwas brachte, aber er konnte sich daran erinnern, dass Izzy ihm gesagt hatte, es härte die Haut ab und töte die kleinen Bestien, die Sitzprobleme verursachten. Er rasierte sich schnell und zog sich einen weiten Trainingsanzug sowie Badeschlappen an. Das würde reichen, bis Tomas ihm eine Ausrüstung besorgt hatte. Will warf einen Blick auf die Uhr. Sieben Minuten glatt. Kein Zweifel, er war noch immer der schnellste Stripper aus der achten Klasse. Wenigstens eine Begabung, die er nie verloren hatte.
Er trat aus der Hintertür und lief durch die Gasse zur Straße. Bislang war ihm der leise Charme noch nicht aufgefallen, der sogar von dieser kleinen Zufahrt zum Velodrom von Senlis ausging: verschnörkelte Zäune, Blumen, Kopfsteinpflaster, aus dem ein Hauch von Moos durchschimmerte, und ein Hinterhof, der tatsächlich dazu einlud, sich niederzulassen, die Schuhe auszuziehen ...
Das Café war nur zwei Häuser weiter und lag fast direkt an der Straße. Auf dem Bürgersteig standen die stereotypen französischen Stühle und Tische, die Ross schon immer fasziniert hatten. Warum sollte irgendjemand, und sei es an einem herrlichen Frühlingstag, in zwei Meter Entfernung von Autos mit schlecht eingestellten Vergasern sitzen wollen, die Stoßstange an Stoßstange da standen und nichts taten, als deine Lungen mit Abgasen zu verpesten?
Er liebte die Franzosen, aber er würde sie nie verstehen.
Marie’s war klein, aber es gefiel ihm sofort. Auf einer Seite stand eine Theke mit einer riesigen Espresso-Maschine, eingerahmt von unzähligen Weinflaschen. Meine Art von Café, dachte Will; viel Wein plus viel Espresso machten aus ihm den wachsten Betrunkenen in ganz Europa.
Eine Frau, von der er annahm, sie müsse Marie sein, stand hinter der Theke und spülte Gläser. Merkwürdigerweise sah sie eher deutsch aus als französisch. Sie hatte angegraute blonde Haare, die zu einem strengen Dutt zusammengesteckt waren. Die Aufmachung ließ sie aussehen wie eine Mischung aus Dorothy Gale aus Oz und einem Jungmädel, Krachlederne auf einem prallen Gestell. Marie musste um die 240 Pfund wiegen, dachte er, und das bedeutete, dass sie das, was sie kochte, auch gerne aß. Perfekt.
Seine Art von Café.
»Monsieur...?«
Das war das Schönste am Rad fahren, dachte Will, während er Kaffee, Obst, Müsli, Buttercroissant, Joghurt, vier Eier und eine Waffel bestellte. »Und bringen Sie bitte nicht alles auf einmal. Bringen Sie die Sachen gleich raus, wenn sie fertig werden. Ich esse alles hintereinander, ich habe es ein wenig eilig.«
Marie lächelte. Ein Fahrrad-Team nebenan war gut fürs Geschäft.
