Tomoji - Lukas Kellner - E-Book

Tomoji E-Book

Lukas Kellner

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3,99 €

  • Herausgeber: epubli
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2021
Beschreibung

Er lässt seine Opfer aussehen wie Emojis. Es sind Frauen. Nur Frauen. Als Eliah Nommsen den ersten Tatort betritt, beginnt die Jagd nach dem Emoji-Mörder und damit ein Wettlauf gegen die Zeit. Denn eines ist ab dem dritten Mord nicht mehr abzustreiten: Irgendjemand von der Polizei unterstützt den Killer. Tomoji spielt in einer Welt aus Frauenhass und fehlgeleiteten Gefühlen. Eine Welt, die wirklich existiert.

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Seitenzahl: 351

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Lukas KellnerTomojiThriller

Waiter Serves Productionswww.ws-productions.de

Originalausgabe Januar 2021© Lukas Kellner, 2021Covergestaltung: Lukas & Daniela KellnerAlle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch teilweise - nur mit Genehmigung des Autors wiedergegeben werden. Verlag: Waiter Serves Productions - Lukas KellnerStossberg 4, 87490 Haldenwang www.ws-productions.de, [email protected]: Vanessa SchediwyKorrektorat: Martyna JończykDruck: epubli - ein Service der neopubli GmbH, Berlin 

Für Männer, die hassen und wissen müssen wieso.Für Frauen, die sich fragen warum.

Dieses Buch beginnt mit… Kapitel 2 - Lächle!

Gemeinsam wäre das alles viel einfacher gewesen. Nicht allein, sondern im Team. Und eigentlich hätte er sich durchaus als sozialen Menschen beschrieben. Zumindest wenn die anderen ihm die Chance dazu gaben. Dann konnte er sich stundenlang mit ihnen unterhalten, lachen, trinken, albern sein. Ja, er würde sich stets als witzige Person bezeichnen, jemand mit dem man doch gerne ab und an die Zeit totschlägt. Er war vielleicht nicht der Interessanteste oder Intelligenteste oder Schönste, dennoch unterhaltsamer und vielversprechender als das schnöde Samstagabend-Programm in der Glotze. Trotzdem, ab einem gewissen Punkt gingen sie ihm eigentlich immer auf die Nerven, raubten ihm fast den Verstand und ließen ihn tobend vor Wut zurück. Weil sie so dumm waren, weil sie sich stark, erhaben und groß fühlten, obwohl es ihnen unmöglich war über den Dingen zu stehen, das zu sehen und zu verstehen, was er schon lange erkannt hatte. Jetzt gerade konnte er die Beherrschung bewahren, Atmung und Puls unter Kontrolle behalten, doch das gelang ihm nicht immer. Er lehnte sich in dem schwarzen Ledersessel zurück und ließ seinen Blick schweifen. Es war Nacht. Das Mondlicht schien von draußen durch die heruntergezogenen Jalousien und warf dabei lange, silbrige Linien über den ganzen Raum. Links von ihm stand ein gläserner Schreibtisch. Er war blank poliert. Nicht das kleinste Staubkrümelchen zierte seine glatte Oberfläche. Da lagen nur verschiedene Akten, zwei eingerahmte Bilder, ein Füllfederhalter und ein Notebook. Fast hätte man denken können, dass hier ein mächtiger Geschäftsführer oder die angesehene Führungskraft eines Großkonzerns arbeitete. Das Einzige, was an diesem Bild störte, war der leere Raum dahinter. Da war keine Schrankwand mit erlesenen Whiskys und kubanischen Zigarren, sondern mehrere, fast mannshohe Exemplare weithin bekannter Motivationswandbilder. Ein Bild von Oprah Winfrey, die dröhnte: „The biggest Adventure you can take is to live the life of your Dreams.“ , von Michelle Obama: „There is no Limit to what we as women can acomplish“. Schließlich Beyoncé, die da schnatterte: „The most alluring thing a women can have is confidence.“ Er vergrub seine Finger im kalten Leder des Sessels. Er wünschte sich eine andere Welt, eine andere Realität, in der er das alles nicht tun musste, in der sie ihn nicht dazu zwangen, aber es gab sie nicht. Sie waren selbst Schuld, wenn sie ihm keine Ruhe ließen, keine Sekunde, niemals. Wenn er sein Handy anmachte, waren sie da, die ganze Zeit, permanent und unausweichlich. Sie waren alle so laut und selbstbewusst und heuchlerisch – und anstrengend. Er erinnerte sich an die Zeit, als er noch Schuldgefühle deswegen empfand, sich schämte, weil er froh war, dass mit dem Tod der Mutter sein Vater endlich aufblühen konnte, frei von all dem Druck, all den Vorwürfen. Ja, sogar von der körperlichen Gewalt. Es hatte lange gedauert und einige schmerzhafte Erfahrungen gebraucht, bis er es endlich verstanden und damit Frieden geschlossen hatte. Es war nicht einfach, sein Wissen jemand anderem zu erklären. Einem Mann hätte er es wohl mit einem Vergleich näher gebracht. Er strich sich über das Kinn und überlegte, welche Worte er wählen würde. Stell dir vor, du bist mit einer Frau zusammen, ihr seid ein Paar. Ein richtiges Gerät! Aber sie lässt dich einfach nicht ran, niemals, und du gibst dir alle Mühe, du lädst sie zum Essen ein, du schreibst ihr liebevolle Sachen, denkst an sie, hörst ihr zu, du machst den ganzen Bullshit. Aber sie will einfach nicht. Und die ganze Welt sagt, dass es nur ihren Willen gibt, dass du nichts zählst, gar nichts. So geht das sehr lange. Tage, Monate, Jahre. Und irgendwann... Nimmst du dir einfach, was dir zusteht, so wie es dir gefällt. Zum ersten Mal! Er grinste während er auf den nackten Körper vor sich auf der schwarzen Couch blickte. „Sag mir... hättest du da Schuldgefühle?“, flüsterte er ins Dunkel hinein, wohlwissend, dass sie ihn gar nicht hören konnte. Er musste über seine eigenen Gedanken lachen. Ein richtiges Gerät, so würde er niemals reden oder denken. Das war nur die Art und Weise, wie er mit anderen Männern kommunizierte. Für ihn war es, wie eine fremde Sprache zu erlernen: Man konnte sie zwar sprechen, aber es wird nie die eigene sein, nie die Muttersprache. Es war einfacher von ihnen akzeptiert zu werden, wenn man so redete wie sie, konnte man das nicht, war man zu anders. Und ,anders’ war nunmal schlecht. Er hätte seine Probleme damit gehabt, es einer Frau zu erklären. Er hatte kein Problem, mit ihnen zu kommunizieren, im Gegenteil, meist empfand er es als weniger anstrengend als mit Vertretern seines eigenen Geschlechts, aber er verstand sie nicht; ihre Motive, ihr Handeln, ihr Wesen. Vor allem der dominierende Mythos, der sich um sie herum gebildet hatte, war ihm ein unlösbares Rätsel und gleichermaßen Quelle für die überschwemmende Wut in ihm, die sein ganzes Leben bestimmte und die er nie offen zeigen durfte. Nein, ihm fiel kein passender Vergleich ein, wie er es hätte diesen Dingern erklären sollen. Aber das musste er ja auch nicht. Die Zeit der Rechtfertigung war für ihn schon lange passé! Er hatte sich daran gewöhnt, dass alles und jeder um ihn herum zu schwach, zu beeinflusst von Trieb und Lust war, um ihn zu verstehen.„Na dann…“, seufzte er und erhob sich aus dem Sessel.„Lass es uns tun!“Er musste dafür sorgen, dass sie wach war. Es war viel besser, wenn sie wach waren! Er schlug ihr auf die Wange. Keine Reaktion. Er schlug erneut zu und erneut und erneut. Das Klatschen hallte durch den Raum. Sie riss die Augen auf, begann jämmerlich zu schreien, zu weinen, zu flehen. Sie wollte weg, ganz woanders sein, entkommen, doch sie hatte keine Chance. Es waren die letzten Momente in ihrem Leben. Ein Leben, das er jetzt vor sich sah.‚Ja, reiß deine Augen auf‘, schoss es ihm durch den Kopf, während der Rausch sein Inneres vernebelte und seine Finger in ihren Schädel eindrangen. Man konnte im Dunkeln keinen Tropfen Blut sehen. Nur die silbernen Streifen des Mondlichts. Und seine freudestrahlenden Augen.

Kapitel 3 - Die lachende Frau

Eliah zog an der Zigarette. Er war komplett übermüdet, nachdem er sich die ganze Nacht um die Ohren geschlagen hatte und sich am Morgen nur in aller Hast die gewohnte Jeans, das schwarze Hemd und die uralte, braune Lederjacke überwerfen konnte. Zeit, sich das dicke schwarze Haar herzurichten, war keine geblieben, was ihn aber auch nicht weiter störte. Wenigstens musste er sich dann die grauen Strähnen nicht näher ansehen, die in letzter Zeit wie Unkraut auf seinem Kopf gediehen. Sogar seine Augen waren rot unterlaufen, obwohl sie sonst immer im bläulichen Grün hervorstachen und damit im harten Kontrast zu seiner Haut standen, die durch Veranlagung und nicht zuletzt durch die Jahre des Rauchens ein gräuliches Braun angenommen hatte. Dabei besaß Eliah das Talent, nie nach Zigaretten oder Rauch zu riechen, ganz egal wie viele Glimmstängel er am Tag konsumierte. Ein Polizist ihrer Dienststelle, der mittlerweile schon gar nicht mehr dort arbeitete, hatte deswegen sehr neidisch einmal behauptet, dass Eliah entweder ein Hexer war oder alle seine Zigaretten vorsorglich in Rasierwasser einlegte oder beides. Eigentlich war es sein freier Tag gewesen, doch schon um neun hatte bei ihm das Telefon geklingelt. Zu dem Zeitpunkt befand sich bereits eine grobe Beschreibung der Vorkommnisse in seinem Email-Postfach. Nach allem, was er gelesen hatte, war es wohl einer der brutalsten Morde der letzten fünf Jahre, wenn man von dem Blutbad des ‚Augenreissers‘ einmal absah. Trotzdem war das aus seiner Sicht kein Grund, ihn derart anzufauchen, und das noch vor seinem ersten Kaffee! „Guter Gott, Sie sind der Leiter der Abteilung für Kapitalverbrechen und liegen um diese Zeit noch im Bett?“, kreischte ihm die Kripo-Chefin entgegen, Frau Dr. Irene Palfrader„Es ist mein freier Ta...“„Sie müssen immer bereit sein! Ich habe ihnen den ersten Bericht der Beamten vor Ort bereits zukommen lassen. Sie sind so schnell es geht am Tatort. Ich kümmere mich darum, dass sie etwas Abstand zu den Zecken bekommen.“ Mit einem leisen Klicken legte sie auf. Telefonate mit ihr waren selten angenehm. Ihre Stimme war schon immer energisch und bestimmend, das brachte ihr nicht ausnahmslos Sympathien ein, auch, weil die meisten nicht bedachten, unter welchem Druck sie stand. Palfrader hatte mehr Ehrgeiz, war immer ein bisschen schneller als die anderen, ein bisschen wacher und motivierter. Sie musste so sein. Aber das konnte einem zuweilen auch ganz schön auf die Nerven gehen. Trotzdem war Eliah dankbar, dass sie sich um die ‚Zecken’ kümmerte. Er konnte jetzt wirklich keine Journalisten gebrauchen, die ihm Fragen stellten. Er hatte immer noch Kopfweh und hoffte, dass sein Magen das Ganze mitmachen würde. Immerhin sah es am Tatort wohl aus wie bei einem Schlachter. „Gott, was macht er denn so lang?“, knurrte er dem Zigarettenstummel hinterher, den er gerade ins Gebüsch geschnipst hatte. Als hätte er ihn gehört, bog Marvin um die Ecke. Sein Kollege war etwas kleiner als der männliche Durchschnitt. Wenn auch nicht außergewöhnlich muskulös, war ihm dennoch anzusehen, dass er regelmäßig Sport trieb. Sein Gesicht war kantig, die Kieferknochen ausgeprägt, doch ein Bart wuchs ihm nie. Seine Augen waren groß und die Pupillen von bernsteinfarbenem Braun. Obwohl er erst Ende zwanzig war, hatte er bereits jetzt schütteres Haar. Marvin trug wie immer eine marineblaue Jeans mit braunem Gürtel, ein hellblaues Hemd und graues Sakko. „Da, ohne Milch, ohne Zucker, ohne Liebe!“, sagte er und reichte Eliah einen Becher dampfenden Kaffee.„Danke dir!“, antwortete Eliah und führte den Becher zum Mund. Auch wenn er es manchmal ganz lustig fand, ihn herumzukommandieren und wie einen Sklaven zu behandeln, so schätze er Marvin doch ungemein. Der Junge war von der Universität zu ihnen gekommen; er hatte dort Psychologie und Kriminologie studiert. Zwar fehlte ihm noch ein wenig die Praxis und Erfahrung, aber er war auf einem guten Weg. „Also, wollen wir?“ „Es wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben“, seufzte Marvin.„Na dann…“, entgegnete Eliah und streckte seine Hand aus. Das Gebäude vor ihnen war sehr imposant, groß und hoch. Mindestens zehn Stockwerke konnte er von unten erkennen. Schon von außen schrie einem das Klischee von Reichtum und Elite entgegen. Stein war hier Marmor, Messing war Gold und das Grün, welches den breiten Eingang umsäumte, wie mit der Nagelschere getrimmt. Der Haupteingang war eine blank polierte, gläserne Drehtür. Danach kam man in eine hohe Eingangshalle und hatte dort die Wahl: Entweder die Rolltreppe hinauf zu einem kleinen Café, in dem man sieben Euro für ein Glas Wasser bezahlte, oder aber links abbiegen und einen der beiden Aufzüge nach oben nehmen. Marvin hatte anscheinend auf beides keine Lust und lief instinktiv an den Rolltreppen vorbei in Richtung Treppenhaus.„Was machst du da?“. Eliah sah seinen Kollegen halb fassungslos, halb aufgebracht an. „Nach meinen Informationen sind es nur acht Stockwerke.“„Nach meinen Informationen sind das neun Stockwerke zu viel.“„Das macht keinen Sinn.“„Nicht?“„Nein, macht es nicht.“„Okay… Also ich nehm den Aufzug, wenn du einen auf Usain Bolt machen willst, dann…“. Eliah fuchtelte unbestimmt mit der Hand in Richtung Treppenhaus. Marvin sah ihn fragend an, als hätte er den Sarkasmus nicht so recht verstanden, trottete dann zu ihm zurück und stellte sich neben ihn in die Kabine des Fahrstuhls, der in der Zwischenzeit angekommen war. „Acht Stockwerke!“, murrte Eliah, während sich die Türen vor ihm schlossen. Im Aufzug waren sie allein. Eliah war sicher nicht in der Stimmung bedeutungslosen Smalltalk zu betreiben, also begann er, einen gelb leuchtenden Knopf vor sich zu fix-ieren und zu studieren, so als sei ein spannendes Geheimnis dahinter verborgen, das nur er sehen konnte. Er bemerkte nicht, dass Marvin ihn dabei leicht grinsend beobachtete. Für Marvin waren solche Situationen faszinierend. Er liebte es Menschen zu beobachten und quasi von einer erhöhten Position aus zu sehen, wie sie sich verhielten. Ein häufiges Phänomen bei Psychologen, mit einem entscheidenden Haken: Es ist schwierig sich in ein soziales Umfeld zu integrieren, wenn man gleichzeitig versucht emotional über der Situation zu stehen und seine Mitmenschen zu analysieren. Das war wie Aus- und Einatmen gleichzeitig. „Wusstest du, dass Aborigines die Fähigkeit besitzen, gleichzeitig in ihr Instrument, in das so genannte Didgeridoo blasen zu können, während sie einatmen?“.Eliah blickte vom gelben Knopf vor ihm auf und starrte Marvin an. „Das ist… interessant. Ich finde es interessant“, fügte Marvin kleinlaut hinzu, nachdem Eliah nur mit einem geknurrten „Hm.“, geantwortet hatte. Die Türen des Fahrstuhls öffneten sich und sie wurden augenblicklich erschlagen von einem Wirrwarr an Stimmen und Knippsgeräuschen. Ein langer Gang mit grauem Filzboden und glatt verputzten, weißen Wänden erstreckte sich vor ihnen. Viele Mitarbeiter der Spurensicherung und Kripo waren bereits seit Stunden am Tatort. Sofort sprang ihnen Herbert Bakus entgegen. Er tapste ungestüm an einem Mann in weißem Ganzkörperanzug vorbei, drehte sich empört zu ihm um und ging kopfschüttelnd auf Eliah zu. Marvin würdigte er dabei keines Blickes.„Herbert, schön dich zu sehen!“, sagte Eliah. Bakus schüttelte seine Hand und eines seiner hochgekrempelten Hemdsärmel rutschte ihm wieder bis zum Handgelenk hinunter. Herbert war sehr groß, hatte welliges, volles Haar und buschige, schwarz-graue Augenbrauen. Sein weißes Hemd spannte sich fest über den prallen Bauch. Die Größe und das Volumen seines Körpers, gepaart mit der stets viel zu lauten Stimme führten dazu, dass es unmöglich war, ihn zu übersehen, ganz egal ob im Büro, einem Tatort oder mitten auf der Straße. Eliah wusste, dass Herbert schon immer scharf auf seine Position gewesen war. Auf eben diesem Neid schien sich auch der Respekt ihm gegenüber zu begründen. „Folgt mir“, sagte er daraufhin, ignorierte Marvin weiterhin vollständig und lief los.Es war nicht weit. Fünf Meter den Gang entlang und dann links in das Büro. Die Tür stand weit offen. Als sie gerade hineingehen wollten, kam ihnen ein Mann in einem weißen Schutzanzug entgegen und drängte sich vor ihnen aus dem Raum heraus. Eliah blickte ihm nach, während er einen Schritt ins Innere tat. ‚Die SpuSis waren schon immer unfreundliche Säcke!‘, dachte er, wendete seinen Blick kopfschüttelnd wieder nach vorn und erschauderte. Auch Marvin blieb neben ihm abrupt stehen. Er spürte, wie seine Poren zu kribbeln begannen und wischte sich reflexartig mit der Hand über die Stirn.Vor ihnen lag ein Büro stolzer Größe. Die Fenster waren mit Jalousien abgedeckt und versperrten dem Sonnenlicht den Weg. Das Licht kam von den vielen, kreisrunden Strahlern an der Decke, die grelles LED-Licht in jeden Winkel des Raumes warfen. Im hinteren Teil stand ein gläserner Schreibtisch. Links von ihnen zwei schwarze Sessel, noch ein kleinerer gläserner Tisch und die schwarze Couch. Darauf kamen ihnen zuerst schneeweiße Füße entgegen, gefolgt von wunderschönen, langen Beinen, einem durchtrainierten Bauch, prallen Brüsten und dann... ihr Gesicht. Das Kinn sah unversehrt aus, genauso wie der weich geformte Hals und die seidig blonden Haare. Soweit alles normal und schön anzusehen. Das, was aus dem Rahmen fiel, war ihr Mund. Tote lachten nicht, Freude lag ihnen fern. Sie hingegen schien den schönsten Tag ihres Lebens zu feiern. Ihre Mundwinkel waren weit in die Wangen gezogen, damit es so aussah, als würde sie bis über beide Ohren grinsen. Zwei Angelhaken und Nylonschnüre, über den Kopf hinweg gespannt, zwängten ihr die Glückseligkeit auf. Dennoch waren diese Haken – durch die Mundwinkel gerissen und zurückgezogen – nicht das Schrecklichste daran. Eliahs Blick wanderte höher und machte bei ihren Augen halt. Alles in ihm zog sich zusammen, als er feststellte, dass beide fehlten. Da waren keine Pupillen, keine Iris, aber auch keine Augenhöhlen – nichts, was irgendwie an diese Stelle gehört hätte. Stattdessen hatte man ihr zwei faustdicke, von Blut triefende Herzen ins Gesicht gerammt. Herzen! Herzen, die aus etwas Lebendigem herausgerissen worden waren und jetzt ihren toten Körper zierten. Man konnte die Aorta sehen, die Venen, die ungleich aus dem Fleischklumpen herausragten und im Nichts endeten. Das dunkle Rot des Muskelfleisches und das milchige Weiß der dünnen Faserhaut, die das Organ umgab. Tropfend und triefend, am falschen Ort platziert und nach seiner einstigen Umgebung schreiend. Marvin löste sich als Erster aus der Starre.„Das ist ein Emoji!“, japste er in einer Mischung aus Entsetzen und Faszination.„Ein was?“, keifte Bakus.„Meinst du das, was man auf WhatsApp verschickt?“, fragte Eliah und kniff dabei die Augen zusammen. Marvin öffnete einen seiner Chatverläufe, rief die Emoji-Palette auf und wählte das Herz-Emoji aus. Er ging zwei Schritte auf das Opfer zu und hielt das Display direkt neben ihr Gesicht.„Sehen Sie, die Ähnlichkeit ist ungeschmälert!“ Eliah und Bakus schauten beide entsetzt auf das Opfer. Marvin hatte Recht. Es war so pervers wie surreal. Links das Handy mit dem Emoji: Ein lachender Smiley, der statt zwei aufgerissenen Augen zwei große, schlagende Herzen besaß. Rechts die Frau. Auch sie grinste. Auch sie besaß keine Augen. Nur Herzen.Bakus, der mittlerweile kreidebleich angelaufen war, verließ, ohne ein weiteres Wort zu sagen, sehr zügig den Raum. Obwohl es ihm Eliah nur zu gerne gleichgetan hätte, hielt er der Versuchung stand. Er rieb sich die Augen und versuchte einzig durch den Mund zu atmen, um möglichst wenig vom ausdünstenden Tod riechen zu müssen.„Glaubst du wirklich, dass das da das Vorbild war?“, fragte er, nachdem er widerwillig die Finger von den Augen genommen und zunächst nur Farbkleckse gesehen hatte. Marvin steckte sein Handy in die Tasche zurück und ließ seinen Blick schweifen. Er schien irgendetwas zu suchen, ein Indiz, welches seine Theorie stützen könnte. Er blieb mit dem Rücken zu Eliah stehen und deutete an das hintere Ende des Büros.„Ja, ich glaube schon.“, murmelte er mit ausgestrecktem Zeigefinger.Auch Eliah konnte es jetzt sehen. Die entstellte Leiche hatte seine Aufmerksamkeit so sehr in Beschlag genommen, dass er noch keine Gelegenheit gehabt hatte, sich über die Eigenheiten seiner Umgebung bewusst zu werden. Hinter dem gläsernen Schreibtisch befanden sich drei große Bilder an der Wand. Sie waren mit einem schlichten, dünnen Rahmen aus Silber versehen worden. Jeder einzelne davon zeigte jeweils eine andere Frau. Eliah erkannte Michelle Obama und Beyoncé. Die dritte kannte er nicht. In die Bilder waren immer längere Schriftzüge eingebunden, Sätze, die wohl von den gezeigten Personen stammten. An sich klassische Motivationsposter, mit dem Unterschied, dass auf diese hier etwas geschmiert worden war. Dort, direkt auf Augenhöhe dieser erfolgreichen Damen, glänzten in angetrocknetem, kräftigem Purpur kleine, krakelige Kreise. Immer ein Kreis über jedem Auge.„Ganz schön dramatisch“, flüsterte Eliah und drehte sich zur Tür um. „Ich glaube Herbert kommt nicht mehr…“, seufzte er und zog sich ein paar Latexhandschuhe aus der Hosentasche.„Dann wollen wir mal“, nickte er Marvin zu, atmete noch ein weiteres Mal durch den Mund ein und ging zu der toten Frau hinüber.

Kapitel 4 - Der Künstler

Jakob war müde. Verständlich. Er war die ganze Nacht wach gewesen. Aber er bereute es nicht. Sie verlangte es nun einmal von ihm. Sie war immer seine große Liebe gewesen, aber auch die Einzige, die ihn nie im Stich gelassen hatte und auf die er sich immer verlassen konnte. Sie war die Konstante in seinem Leben, die Titelei, das ‚Immer da‘. Die Kunst war seine ewige Begleiterin. Manche hielten ihn für verrückt, andere verschrien ihn als einen unverbesserlichen Träumer und Taugenichts, doch das war ihm egal. Denn er tat Dinge, die niemand anderes tun würde. Dinge, die für andere undenkbar wären, geradezu unvorstellbar, verrückt und unmenschlich. Es war ihm nur möglich, weil er sie verstanden hatte, ihrem Ruf gefolgt war. Sie hatte ihm stets zugeflüstert und alles, was er tat, war ihren Wünschen Folge zu leisten. Genauso oft, wie sie ihn einen Taugenichts schimpften, fragten sie ihn, woher er seine Inspiration nahm, dabei war die Frage eigentlich völlig falsch gestellt: Er nahm sie nicht, er bekam sie! Und alles was er dann tun musste, war sich ihr hinzugeben, alles Weltliche zu vergessen, um sich ihr voll und ganz zu widmen. Das bedeutete im Zweifel auch: Kein Schlaf, kein Essen, keine Pausen, nichts. Das war es, was sie von ihm im Gegenzug verlangte und er war willens, diesen Preis zu zahlen. Jakob hatte mit einem Wirtschaftsstudium angefangen. Sein Vater riet ihm einst dazu und damals dachte er noch, er könne sein Leben nicht einfach nur der Kunst widmen. Es war wie eine Barriere in seinem Kopf gewesen, die ihm vorgab, dass es schlichtweg unmöglich, unerreichbar und unsinnig war. Dass er zu schlecht war, nicht gut genug, um damit sein Geld verdienen zu können. Er hatte sehr lange gebraucht, um zu realisieren, dass es kein Gut oder Schlecht gab, kein Brav oder Böse, kein David und kein Goliath. Es gab für ihn nur zwei Arten von Menschen: Diejenigen, die ihr zuhörten, die es zuließen sich auf das einzulassen, was sie ihnen auftrug, oder aber diejenigen, die sie gar nicht erst zu hören vermochten. Die, die zu sehr mit den Emotionen anderer beschäftigt waren, mit Emotionen, die gar nicht ihnen selbst gehörten. Menschen, die immer danach strebten, sich die Gefühle anderer einzuverleiben und dabei gar nicht bemerkten, dass sie innerlich verhungerten. Sein Zeigefinger begann zu zittern, während er über die warme Hand vor sich strich. Es fühlte sich nach Haut an, weich und fest gespannt um Fleisch und Knochen. Die Maus war eine Sonderanfertigung gewesen. Geformt wie die Finger eines Menschen, konnte man sie benutzen wie jede andere Maus an einem Computer, nur, dass die Fingernägel hier die Knöpfe waren, mit denen man eine Auswahl traf. Jakob hatte ein Fable für solche Sachen. Er umgab sich gern damit und sein ganzes Atelier war voll davon. Kleine Horror-Figuren, das mannshohes Replikat einer alten Frau, die zu zittern begann, wenn man an ihr vorbeilief, mehrere Gemälde und Poster, eine eigene Interpretation von Edvard Munchs ‚Der Schrei’ und dutzende Kameras, Pinsel, Leinwände und Kerzen. Nur das User-Interface des Photoshop, den er auf seinem Display geöffnet hatte, war nüchtern gehalten und so, wie man es kannte. Ganz im Gegensatz zu dem Bild, das er gerade mit dem Programm bearbeitete. Das Bild zeigte den grinsenden, abgetrennten Kopf einer Frau vor weißem Hintergrund. Ihr waren mit Blut rote Bäckchen aufgemalt worden. Um sie zum Lachen zu bringen, hatte sich der Künstler einer Vorrichtung aus Nylonfäden und Angelhaken bedient. Auf einem weiteren Bildschirm links von sich hatte er das PNG eines Emojis geöffnet. Es war das lachende Gesicht, mit den gepuderten, roten Bäckchen. Mit einem Klick speicherte Jakob seine Arbeit. Er lehnte sich im Stuhl zurück, neigte den Kopf zur Seite und betrachtete sein fertiges Werk. Ja… es war ihm gelungen. Als er den Computer ausschaltete, konnte er seine Reflexion auf dem schwarzen Bildschirm vor sich sehen. Die Schulterlangen, lockigen Haare, die kristallklaren, blauen Augen, die dominierende, kerzengerade verlaufende Nase und der symmetrisch-kantige Kiefer, der alles einrahmte, wie die Säulen bei einem Bauwerk der Renaissance. Sogar die dünnen, braunen Bartstoppeln, die er sich nur um Mund und Kinn stehen ließ, waren im gräulichen Schwarz des Displays zu erkennen. Er legte den Kopf zur Seite und betrachtete sich für eine Weile. Dann konnte er sie wieder hören, wie sie ihm leise zuflüsterte. Und er wollte ihr gehorchen. Der Kunst.

Kapitel 5 - Kalte Waffeln

„Also Trophäen behält er wohl keine, der hier wäre perfekt dafür gewesen.“, meinte Eliah in Marvins Richtung. Er kam zu ihm herüber und musterte den kleinen, grob herausgerissenen Augapfel, der vor ihnen auf dem Teppichboden lag. Eine kurze, rot besudelte Faser hing daran und war mittlerweile an dem Filzboden festgeklebt. Eliah hob seinen Blick und musterte die Wand neben sich. „Hat ihn geschmissen…“, sagte er und deutete dabei auf einen rötlichen Fleck an der Wand, der ungefähr auf Hüfthöhe lag.„Ja, selbiges findet man dort drüben“, fügte Marvin hinzu und deutete auf die andere Seite des Raumes. „Es scheint so, als hätten die ihn überhaupt nicht interessiert. Er hat ihr einfach die Augen entfernt und sie nach links und rechts weggeworfen. Sie waren ihm eigentlich nur im Weg. Ergo war sein eigentliches Ziel…“.„Ihr müsst hier raus.“ Bakus kam erneut in den Raum gewuselt. Er hatte sich anscheinend von dem kleinen Schock erholt und konnte jetzt wieder das tun, was er am besten tat: Eliah lautstark auf die Nerven gehen. „Hm?“„Sie holen jetzt die Leiche, wir müssen den Raum frei machen.“ ‚Du Arschloch!‘, war Eliahs erster Gedanke, während er sich erhob und Herbert grimmig anstarrte. Er hatte ihn schon einmal daran erinnern müssen, wer in der Befehlskette über wem stand. Für eine Weile war es dann gut gewesen, in letzter Zeit begann er aber wieder übermütig zu werden. Das nervte ihn, vor allem, weil er Herbert eigentlich sehr gut leiden konnte. „Übernimm die Übergabe“, murrte Eliah und konnte sich einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen: „Pass auf, dass dir nicht wieder schlecht wird.“ Er sah, wie Herbert Luft holte, um etwas Dummes zu antworten, drehte sich instinktiv von ihm weg und sah zu Marvin hinüber, der immer noch am Boden bei einem der Augäpfel kniete.„Hast du alles?“„Jup!“„Eck?“„Oui!“Beim Hinausgehen warf Eliah der Leiche einen letzten, flüchtigen Blick zu. Sie war eine sehr schöne Frau gewesen. Er hätte zu gerne gewusst, wie sie mit den eigenen Augen ausgesehen hatte.

Im Eck war viel los. Eigentlich so wie immer. Das Restaurant lag in der Nähe ihres Arbeitsplatzes und die Klientel war bunt gemischt. Vom 50-jährigen Harzer bis zum angehenden Investmentbänker, sie alle gaben sich hier die Klinke in die Hand. Besonders groß war es nicht und bot mit seinen sechs Tischen nur einer Handvoll Gästen Platz. Doch kam man ohnehin nicht wegen der Größe, wohl aber wegen des Ambiente her. Das Eck versetzte einen in eine Zeit zurück, als in Gaststätten noch geraucht wurde und es auf der Karte nur Bier, Wein und Limonade zur Auswahl gab. Das dunkelbraune Fensterglas ließ ein Minimum an Tageslicht in den Raum hinein, die Kunstlichtlampen von der Decke mit den smaragdgrünen Schirmen strahlten Tag und Nacht. Stühle, Tische und Bänke waren aus Holz, nicht besonders bequem, aber dafür umso bodenständiger, ehrlicher, eben zweckdienlich. Es war die Art Kneipe, die einen die Zeit vergessen ließ, bei der man nach Stunden des Palaverns, Rauchens und Trinkens hinausschwankte und draußen von überraschend frischer Luft sowie der Vorahnung in Empfang genommen wird, dass einem am nächsten Tag Müdigkeit und Kopfweh begleiten würden. Doch an diesem Tag konnten Marvin und Eliah nicht lange bleiben, denn sie waren nur für ein schnelles Frühstück gekommen und um sich über diesen Fall auszutauschen. Eliah war es dabei traditionell lieber die ersten Worte bei einem Getränk und etwas Essbarem auszutauschen. Als sie eintraten nickte ihnen die junge Bedienung von hinter der Bar zu.„Hey Eliah.“„Julia.“„Nehmt den üblichen.“ Sie deutete auf den Tisch ganz hinten rechts. Nachdem sie sich gesetzt hatten, kam die Kellnerin schon mit zwei großen Tassen dampfendem Kaffee in der Hand zu ihnen.„Ist gleich soweit, kurz müsst ihr euch noch gedulden!“, meinte sie und schlenderte mit einem Augenzwinkern zurück hinter die Theke. Eliah griff sofort nach seinem Becher und nahm einen kräftigen Schluck.„Also, Herr Psychologe“, sagte er und zog dabei Luft in seinen Mund ein, um die verbrannten Stellen vom heißen Kaffee etwas abzukühlen.„Dann fang mal an.“Marvin hatte genau verstanden, was Eliah von ihm wollte. Tatsächlich hatte er den ganzen Weg über versucht, die vielen Gedanken und Ideen in seinem Kopf zu sortieren, damit der Inhalt seines Kopfs nicht ungefiltert aus ihm heraussprudelte, wie bei einem gebrochenen Rohr im Keller. Er hatte den Hang dazu, sich bei Analysen inhaltlich zu überschlagen, sodass ihm keiner mehr folgen konnte und sich über ihn lustig machte. Er hasste das und es sollte ihm dieses Mal auf keinen Fall passieren!„Da es sein erstes Opfer zu sein scheint, kann man noch nicht sagen, ob das Geschlecht eine belangvolle Rolle spielt. Es kann aber durchaus der Fall sein! Ich habe die Vita der Dame auf dem Weg gegoogelt. Sie hieß Katharina Bolgur und man würde sie wohl als Vorzeige-Frau bezeichnen: Sie ist eine der erfolgreichsten Anwältinnen des Landes, sie hat ihren Abschluss in München gemacht und sich danach auf Gesellschaftsrecht spezialisiert. Nicht gerade ein typisches Themengebiet für eine weibliche Anwältin. Das ist immer noch eine Welt, die von Männern dominiert wird. Neben dem Job hat sie sich verstärkt für die Gleichberechtigung von Frauen eingesetzt. Sie war zum Beispiel eine der eifrigsten Befürworter der Frauenquote in Firmen. Trotzdem kann man den potentiellen Täterkreis nicht nur auf ihre Gegner vor Gericht eingrenzen, dafür ist sie zu bekannt, hier…“. Während er redete, kramte er sein Handy hervor, drückte zweimal auf das Display und streckte es Eliah hin. Auf dem Bildschirm war das Bild einer sehr attraktiven Dame zu sehen, die sich auf einem Liegestuhl sonnte und nur mit einem Bikini bekleidet war. Eliah erkannte die geschwungenen Umrisse des Körpers, der vorhin noch bleich und tot auf einer schwarzen Couch lag.„Dafür hat sie viel Kritik von anderen Feministinnen geerntet. Dass sie damit das Stereotyp einer Frau erfülle, der Bewegung mehr schade als nutze und so weiter. Ihre Stellungnahme war immer, dass sich als Frau fühlen und Gleichberechtigung miteinander vereinbar wären und nicht zwei verschiedene Dinge darstellen. Gerade das hat sie bekannt gemacht, was man unschwer an der Anzahl ihrer Follower auf Instagram ablesen kann: 80.000 sind allerhand für eine Anwältin!“ „Und schränkt unseren Kreis der Verdächtigen nicht gerade ein“, seufzte Eliah.„In der Tat. Ich würde nicht ausschließen, dass es sich um einen wirtschaftlich motivierten Mord handelt. Ich werde ihre Fälle überfliegen müssen, befürchte aber, dass sich der Herz-Smiley nicht direkt mit einem ihrer Gegner vor Gericht in Einklang bringen lässt. Außerdem sind das Unternehmer und Bänker, Männer des Geldes, in der Regel also nicht sonderlich kreativ und eher zahlenorientiert. Meiner Meinung nach gäbe es dann auch eher Spuren von klassischer Erniedrigung, was hier nicht der Fall ist. Vorausgesetzt, sie wurde nicht vergewaltigt. Das kann uns dann aber erst die Pathologie sagen.“In diesem Moment kam die Kellnerin abermals an ihren Tisch. Sie stellte ihnen zwei kalte Teller hin. Vor Eliah stand jetzt seine eigene Kreation: Die Grundlage bildete ein kräftiges, dunkles Brot, gebacken aus Sauerteig. Darauf gebratener Chorizo, Speck und zwei Spiegeleier. Er zögerte keinen Moment und begann damit, das Frühstück in mundgerechte Stücke zu zerschneiden. Genüsslich nahm er den ersten Bissen in den Mund und genoss die salzig-cremige Mischung der Aromen. Die gebackene Waffel vor Marvin wurde keines Blickes gewürdigt. Der argumentierte lieber weiter.„Der Täter hatte sich selbst einigermaßen unter Kontrolle. So wie ich das beurteilen konnte, gab es keine Anzeichen von unnötiger Gewaltanwendung.“„Du meinst bis auf die herausgerissenen Augen und der Tatsache, dass man sie erstickt hat?“, hakte Eliah trocken nach, während er einen großen Bissen Brot herunterwürgen musste. Er war davon überzeugt, dass Marvin keiner Fliege etwas zu leide tun konnte, aber manchmal wirkte er doch zunehmend herzlos. Vor allem, wenn er sich in seinen Theorien verirrte.„Ja, das ist richtig“, erwiderte Marvin und hielt einen kurzen Moment lang inne, als würde er sich für seine letzten Ausführungen etwas schämen.„Entspann dich, ich hab schon verstanden. Aber warum glaubst du, dass das Ganze emotionslos über die Bühne gegangen ist?“„Emotionslos mit Nichten, nein. Aber geplant. Dieser Mord hat gewiss sehr viel Zeit in Anspruch genommen, vor allem im Vorfeld. Der Täter musste ein genaues Bild vor Augen haben, er musste die Herzen beschaffen und sein Vorgehen durchdenken. Mich würde es nicht wundern, wenn er im Vornherein einmal das Büro gesehen hat und bereits wusste, wo er sie ablegen beziehungsweise präsentieren würde. Das Vorgehen erinnert an das eines Regisseurs, der genau weiß, welches Bild er erschaffen will, der komponiert und kreiert. Der Mord an sich war dann nur noch das Abarbeiten des vorgefertigten Plans. Natürlich waren Emotionen im Spiel, aber nur in einem Rahmen, die der Plan zuließ.“Eliah wusste jetzt worauf Marvin hinauswollte. Er hörte für einen Moment auf zu kauen und sah seinem Kollegen tief in die Augen. Er versuchte, darin eine andere Antwort zu erkennen als die, welche sich ihm bereits beim ersten Anblick der Leiche aufgedrängt hatte. Als er nichts sah, was ihn zufriedengestellt hätte, schnitt er sich ein weiteres Stück von seinem Frühstück ab und führte die Gabel zum Mund.„Und das heißt?“Marvin war sichtlich darum bemüht, besorgt auszusehen. Dennoch gelang es ihm nicht ganz, seine Begeisterung vor Eliah zu verbergen.„Ganz sicher kann man sich wohl noch nicht sein, aber... gut möglich, dass wir es hier mit einem Mörder zu tun haben, der sich noch mehr Opfer suchen wird.“„Ein Wiederholungstäter also“, murmelte Eliah.„Oui…“, erwiderte Marvin. Kurz sahen sie sich beide vielsagend in die Augen. Dann griff auch Marvin endlich zu Gabel und Messer.

Kapitel 6 - Ohne Zusätze

Der Gerichtsmediziner würde ihnen erst gegen Abend Näheres sagen können, also konzentrierten sie sich zunächst darauf, sich durch Katharina Bolgurs Termine und die Videoaufnahmen der Sicherheitskameras zu arbeiten. Direkt nach dem Frühstück waren sie nochmal zurück zum Tatort gefahren. Das gestaltete sich schwerer als erwartet, da mittlerweile die Presse von der Sache erfahren hatte. Dutzende Reporter tummelten sich vor dem Eingang und gingen jedem auf die Nerven, der das Gebäude betreten wollte. Nachdem sie sich durch eine Meute kreischend fragender Zecken gekämpft und Eliah beinahe die Beherrschung verloren hatte, weil einer der Journalisten ihn ungestüm mit dem Blitz seiner Spiegelreflexkamera blendete, standen sie endlich wieder in der Lobby des Bürogebäudes. „Da soll die Palfrader einfach nur ihren Job machen und nicht einmal das kriegt sie hin!“, schnaubte Eliah, obwohl er ganz genau wusste, dass die Kripo-Chefin dieses Getümmel hätte unmöglich verhindern können. Doch sie war im Moment die erstbeste Person, an der er seine schlechte Laune auslassen konnte, zumal sie ihm in letzter Zeit vermehrt auf die Nerven ging. Dass es eigentlich sein freier Tag war, machte die Situation nicht gerade besser. Da kam ihm seine Vorgesetzte gerade recht, auf die er seinen Groll konzentrieren konnte. Zu allem Überfluss war der Mann, der die Videoaufnahmen verwaltete, genauso unmotiviert wie Eliah selbst.„Ja, wir benötigen sie jetzt sofort!“, erhob Marvin seine Stimme, als der Mann nachfragte, ob das denn jetzt wirklich so dringend sei. Er trug ein kurzärmeliges Hemd mit Namensschild und reckte sein Haupt stets ein wenig zu weit in die Höhe, wenn er mit jemanden redete. Eliah konnte sich ein leises Glucksen dabei nicht verkneifen. Er liebte und hasste diesen Menschenschlag. Arbeiter, die nicht nach links und nicht nach rechts schauten, nur nach unten auf ihren kleinen, schmalen Weg. Was außerhalb ihres Horizonts passierte, war nicht wichtig und kam immer im höchsten Maße ungelegen.„Ich weiß sowieso nicht, wie euch das helfen soll. Wir haben nur die eine Kamera im Eingangsbereich. Und es sind insgesamt zwei Firmen und drei Kanzleien im Haus.“, nörgelte der Mann. „Können Sie das bitte uns überlassen?“Marvin schäumte vor Wut. Eliah grinste, weil er den Ärger seines jüngeren Kollegen so gut nachvollziehen konnte. Früher hätte es ihn aus der Haut fahren lassen, vor allem an einem Tag wie diesem. Sogar jetzt spürte er noch das dringende Verlangen, den Kerl am Kragen zu packen, ihn aus seinem Stuhl zu reißen und ihm anschließend jeden Zahn einzeln auszuschlagen. Aber das war nur ein Impuls und er hatte eine gesunde Distanz zu dieser Art Gefühlen aufgebaut. Sinnvoller war es da, dem Trottel ein offenes Ohr zu schenken, denn er hatte leider recht: Dadurch, dass nur der Eingangsbereich zu sehen war, würde es ein unglaublicher Aufwand werden, überhaupt irgendeine nützliche Information aus den Videotapes zu bekommen. Während sich Marvin die Dateien auf eine Festplatte ziehen ließ, hatte Eliah immer noch ein Lächeln auf den Lippen, das jedoch mit dem unangenehmen Klingelton aus seiner Jackentasche verschwand. Er zog sein tönendes Handy hervor und nahm den Anruf von Palfrader entgegen. Sie war gewohnt laut und kurz angebunden. Eliah sagte kein Wort, hörte nur zu. Ihr Befehl war eindeutig und er hatte auch keine Lust darauf, sich am Telefon mit ihr herumzustreiten. Ihre Differenzen regelte er am liebsten von Angesicht zu Angesicht. Mit einem: „Verstanden, wir sind auf dem Weg.“, legte er auf und tippte Marvin auf die Schulter. „Fertig?“„Einen kurzen Moment noch. Gleich ist alles übertragen.“„Gut, wir müssen zu Palfrader ins Büro. Sie will wissen, was sie den Medien sagen soll.“„Können wir uns nochmal den Tatort ansehen?“, fragte Marvin, während er die Festplatte vom Rechner trennte. „Nein. Sie will uns sofort sehen“, seufzte Eliah, rollte genervt mit den Augen und kramte dabei in der Tasche nach seinen Zigaretten. Marvin schüttelte den Kopf, wusste aber, dass es keinen Zweck hatte, zu argumentieren. In circa einer halben Stunde und bei Palfrader im Büro, könnte das Gespräch hitzig genug werden, so viel war sicher.

„Also…“ Sie tippte mit dem Zeigefinger unentwegt auf die schwarze Lederunterlage auf ihrem Schreibtisch. Eliah und Marvin saßen vor ihr auf zwei schwarzen Stühlen inmitten ihres üppigen Büros. Drei Fenster, die bodentief eingelassen waren, führten hinaus auf eine kleine Dachterrasse. Mit glänzendem, honigfarbenem Holz verkleidete Wände führten bis zu einem riesigen, wandhohen Regal, vollgestopft mit Akten in grünen und ockerfarbenen Umschlägen. Davor saß sie. Dr. Irene Palfrader, Chefin der Kriminalpolizei der Stadt. Das dunkelblonde Haar trug sie stets offen, so wie die Mähne eines Löwen. Alles an ihr war perfekt, die Bluse warf keine einzige Falte, der schwarze Blaser war fleckenfrei, das Make-Up – dezent und unverschmiert – umrahmte ihre hellblauen Augen, die hinter einer Brille mit runden Gläsern und silbernem Metallrahmen hervor blitzten. Ihre Züge waren kantig, die Wangenknochen stachen leicht hervor und die Augenbrauen waren auf einen feinen, exakt gezogenen Strich reduziert. „Wir wissen noch nichts Genaueres und konnten uns auch nichts mehr ansehen, weil wir jetzt ja hier sind.“ Die kleine Spitze konnte sich Eliah nicht verkneifen. „Aber der Kleine hat ´ne Theorie und wir wissen beide, dass der studiert hat!“, warf er hinterher. Weder Marvin noch Palfrader reagierten auf seinen Sarkasmus, also bemühte er sich um etwas Professionalität und fügte hinzu: „Aber ich glaube, er hat recht! Nur, dass ihnen das nicht gefallen wird.“„Und das heißt was?“ Palfrader gab sich unbeeindruckt und tippte weiter in strengem Takt auf ihrer schwarzen Schreibtischunterlage herum. Eliah machte dieser kleine Tick von ihr verrückt. Doch kam ihm just in diesem Moment eine Idee, wie er dem nervigen Tippen entgehen und gleichzeitig dem dringenden Bedürfnis nachgeben konnte, das sich in ihm unaufhaltsam und kitzelnd ausbreitete, seitdem sie Palfraders Büro betreten hatten. „Das machen wir jetzt ganz einfach. Marvin, erzähl ihr bitte alles, was du mir erzählt hast. Ich geh derweil schon einmal vor und fange mit den Terminen von Frau Bolgur, unserem Opfer, an.“„Sie können jetzt nicht einfach gehen. Sie sind der Leiter der Ermittlungen!“, fauchte Palfrader. „Genau. Und ich weiß, dass das, was Marvin ihnen gleich erzählen wird, alles ist, was wir wissen. Mehr als er kann ich ihnen im Moment auch nicht sagen und als Leiter der Ermittlungen…“ er erhob sich und rückte seine braun verwaschene Lederjacke zurecht „…gehe ich zurück an meine Arbeit. Es gibt viel zu tun.“Nach einer kurzen Pause nickte ihm Palfrader zu, nicht, ohne sich dabei auf die Zähne zu beißen und so grimmig drein zu blicken, wie sie nur konnte. Eliah nickte zurück, klopfte Marvin auf die Schulter und verließ den Raum. Beim Hinausgehen konnte er noch den Beginn von seinen hektischen Erklärungen mithören, denen er schon vorhin im Eck gelauscht hatte. Daran könnte er sich gewöhnen, dem Kleinen die unangenehmen Sachen zu überlassen, für die er in der Regel überhaupt keinen Nerv übrig hatte. Das Beste daran war, dass er nicht mal ein schlechtes Gewissen haben musste. Marvin freute sich über Gelegenheiten wie diese und Eliah konnte es sehr gut nachvollziehen. Er erinnerte sich an die Zeit, als er selbst gerade begonnen hatte, bei der Kripo zu arbeiten. Anders als Marvin hatte er nicht studiert, hatte keinen glorreichen Abschluss oder einen elendshohen IQ vorzuweisen. In der Beziehung unterschieden sie sich grundlegend voneinander, in ihrem Bestreben dazuzugehören, ihre Arbeit machen zu können, und Anerkennung zu erhalten waren sie aber gleich. Oder besser: Der junge Eliah und Marvin wären es gewesen. Es hatte sich so vieles verändert für ihn in den vielen Jahren, und noch mehr seit ihrem Tod. Eliah kam an der dunkelgrünen Tür seines Büros an, warf ihr einen flüchtigen Blick zu und ging daran vorbei. Dann weiter, die Feuertreppe nach unten und durch den Notausgang hinaus. Dort wartete ein Aschenbecher auf ihn und eine neue Schachtel Lucky Strikes ohne Zusätze.

Kapitel 7 - Camille

Es war Abend geworden. Die letzten Sonnenstrahlen fielen durch die großen Altbaufenster in das Atelier des Künstlers namens Jakob. Noch bis vor einer Minute hatte er an einem Bild gesessen. Nur eine kleine Spielerei, nichts Ernstes.