Torrox Costa - ein deutscher Zauberstrand - Rosa Jiménez-Claussen - E-Book

Torrox Costa - ein deutscher Zauberstrand E-Book

Rosa Jiménez-Claussen

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Beschreibung

Torrox Costa bei Malaga gilt heute als der Ort, an dem auf dem spanischen Festland die meisten Deutschen leben. Hier leben überwiegend ältere Deutsche, die an der Costa del Sol überwintern oder ganz dort leben. In diesem Buch erzählen Deutsche in Interviews offen über ihre Wünsche, Sehnsüchte und Erfahrungen in Andalusien. Sie sprechen auch über die Gesundheitsversorgung in Spanien, die Angst vor dem Alleinsein und das Sterben in der Fremde. Das warme Klima und die Meeresluft in Südspanien lassen viele kranke Deutsche wieder gesund werden. Auch Spanier kommen über ihre Erfahrungen mit Deutschen zu Wort, und die deutsch-spanische Autorin schildert ihre Eindrücke von diesem Platz an der Sonne. Es wird deutlich, wie leidenschaftlich gegenseitige Vorurteile zwischen Deutschen und Spaniern immer noch vertreten werden. Dieses Buch wirft ein Licht auf die Sonnen- und Schattenseiten des Lebens Deutscher in Spanien.

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Seitenzahl: 203

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Ich habe schon sehr viel Interesse gefaßt für euch hier oben, und wenn man sich interessiert, nicht wahr, dann kommt das Verstehen von selber ...

(Hans Castorp in „Der Zauberberg“, Thomas Mann)

Inhaltsverzeichnis

Zu diesem Buch

Gerda Knull (63), Hausfrau, Rentnerin:

„Die Leute stehen hier immer auf dem Balkon und lachen.“

Reinhard Knull (66), Radarlotse, Rentner:

„Die Schmerzen sind hier einfach viel weniger.“

Hans Bauer (83), Geschäftsmann, Rentner:

„Ich habe noch keine Stunde, die ich hier lebe, bereut.“

Christa Tholen (74), Hausfrau, Rentnerin:

„Hier gehen die Schmerzen weg.“

Kurt Steinbach (66), Bistrobesitzer, Geschäftsmann:

„Ich würde nicht noch mal ganz aus Deutschland weggehen.“

Francisco, Rafael, José, Taxifahrer:

„Die Deutschen betrügen und nehmen uns die Arbeit weg.“

Ingrid Adler (74), Lehrerin, Rentnerin:

„Meine Kontakte hier sind schon ein Grund für mich zu kommen.“

Katherina Kurt (67), Sachbearbeiterin, Rentnerin:

„Man ist hier nie fremd.“

Martin Otto (65), Betriebsleiter, Rentner:

„Die Spanier produzieren Müll.“

Heinz Jürgen Klische (63), Autowerkstattinhaber, Rentner:

„Und das sind so Sachen, wo ich mir als Norddeutscher schwer mit tue.“

Mari, Rosi, Loli, Putzfrauen:

„Es gibt saubere und schmutzige Deutsche.“

Margit Engel (64), Sekretärin, Rentnerin:

„Wir zahlen hier auch unsere Steuern.“

Arend Müller (62), Polizeibeamter, Rentner:

„Wir sind hier nicht in Afrika, wir sind hier immer noch in Europa!“

Hartmut Johns (62), Elektroingenieur, Frührentner:

„Das ist auch notwendig, dass man mit den Landsleuten hier die Kontakte sucht.“

Manuel Höpken (67), Außenhandelsvertreter, Rentner:

„In Torrox Costa findet das vereinte Europa statt.“

Ana, Montse, Loli, Ana Maria, Saisonarbeiterinnen im Tourismus:

„Die Deutschen sind ganz anders als wir.“

Gerda Mettjes (57), Ladenbesitzerin, Rentnerin:

„Wir sind keine Deutschen. Wir sind Ostfriesen.“

Erwin Mettjes (62), Betriebsinhaber, Rentner:

„Die Mentalität von den Spaniern, die übernimmt man hier sehr schnell.“

Robert Schulz, (78), Mitarbeiter bei Grundig, Rentner:

„Durch meine Fußballerfahrung bin ich Torrox ganz verbunden.“

Susana Chicano Vega, Apothekenbesitzerin:

„Die Deutschen sind den ganzen Tag an der Sonne.“

Horst Wewer (62), Verwaltungsleiter, Frührentner:

„Wie Spanier Tiere halten, das ist die reinste Katastrophe.“

Juliane Deutsch (18), Tierarzthelferin:

„Die Hunde sind alles für die Deutschen.“

Diego González Torres, Restaurantbesitzer, Rentner:

„Die Deutschen gehen ja sogar noch mit ihren Hunden ins Bett.”

Markus Gerdts (59), technischer Angestellter:

„Ich trink nicht, und ich rauch nicht.“

Hans Hermann (72), Geschäftsinhaber, Rentner:

„Dabei hatte ich immer einen ganz anderen Traum.“

Nicole Sanders (30), Versicherungsangestellte:

„Die Spanier sind Ausländern gegenüber sehr offen.“

Antonio Manuel Atencía Dominguez (15), Schüler:

„Deutschland ist jetzt in einer ökonomischen Krise oder so etwas.“

Luke Lee Boland (16), Schüler:

„Die Deutschen in der Schule reden kein Spanisch.“

Albina Boss (73), Sporthallen-Besitzerin:

„Es wurde alles viel schöner und auch unwahrscheinlich sauber hier.“

Heinz Boss (75), Betriebsleiter, Landesbehinderten-Beauftragter, Rentner:

„Hier habe ich das Meer und die Weite und alles in Sichtweite.“

Margot Werhold (70) Sekretärin, Rentnerin:

„Das Hinterland ist hier nach wie vor am schönsten.“

Helmut Werhold (75), Baufirmenbesitzer, Rentner:

„Wenn einer mal länger krank ist, dann sind wir in Hamburg.“

Dieter Schröder (67), Supermarkt-Besitzer, Frührentner:

„Ich habe Lungenkrebs gehabt, und da habe ich angefangen zu denken.“

Karin Rossi (62), Kellnerin, Hausfrau, Rentnerin:

„Im Krankenhaus in Spanien ist einfach alles anders als bei uns in Deutschland.“

Eleonore Schmitt (73), Hausfrau, Rentnerin:

„Er ist immer noch da, ich kann mich nur nicht mehr mit ihm unterhalten.“

José Escobar Godoy, Friedhofswärter:

„Die meisten Deutschen lassen sich verbrennen.“

Raymond Peschel (46), leitender Mitarbeiter einer Fluggesellschaft:

„Es ist schon eine sehr exponierte Location hier.“

Von vertrauten Ländern und Menschen – persönliche Anmerkungen der Autorin

Ein Platz an der Sonne: zu den Interviews

Mit Leib und Seele: Krankheit und Tod in der Fremde

Kartoffelfresser und Hundequäler: das interkulturelle Zusammenleben

Gefährliche Parallelgesellschaft oder friedliche Gemeinschaft?

Wörterverzeichnis

Zu diesem Buch

In diesem Buch erzählen ältere Deutsche, die an der Costa del Sol überwintern oder ganz dort leben, von ihren Erfahrungen. Sie alle leben in der deutschen Kolonie Torrox Costa bei Málaga. Dieser Ort wurde als deutsche Siedlung in den 1970er Jahren von der Bremer Baufirma Hoffmann als Hochhaussiedlung gebaut und gilt heute als der Ort, an dem auf dem spanischen Festland die meisten Deutschen leben. Die deutschen Rentner berichten in Interviews über ihren Alltag, ihre Wünsche, Sehnsüchte und Enttäuschungen in der vertrauten deutschen Fremde. Auch einige Spanier kommen über ihre Erfahrungen mit Deutschen zu Wort.

Die Menschen in Torrox Costa pflegen unter sich zu sagen: „Wer zweimal nach Torrox kommt, der kehrt immer wieder hierher zurück.“ Dies mag daran liegen, dass der Ort Torrox Costa die Menschen verzaubert und gleichzeitig schockiert.

Man könnte es auch so formulieren: „Wer sich durch einen ersten Besuch in Torrox Costa nicht abschrecken lässt, bei dem überwiegt die Verzauberung.“

Das Meer, die Berge, das Klima und die Eigenheiten der deutschen Bewohnerinnen und Bewohner wirken faszinierend. Hochhäuser, deutsche Restaurants und Kneipen säumen den Weg der zwei Kilometer langen Seepromenade, die am Meer entlang zu einem Leuchtturm und am anderen Ende zu einem Hotel führt. Die Landessprache hier ist Deutsch. Die meisten Residenten sind offiziell nicht gemeldet, doch besitzen allein rund 6500 Deutsche in Torrox Costa eine Immobilie. Etwa vier Kilometer entfernt liegt oben am Berg das spanische Dorf Torrox. Die Bewohner dieses ursprünglichen Fischerdorfes bedienen und putzen heute für die Deutschen oder bauen Häuser für den weiteren Bauboom dieser Region.

Wer auch nur kurze Zeit in Torrox Costa weilt, wird mit dem Thema Krankheit konfrontiert. Die meisten Menschen kommen als Kranke an diesen Ort, um zu überwintern, da das wärmere Klima ihre Schmerzen lindert. Während die Patienten in „Der Zauberberg“ von Thomas Mann ihre „Liegekur“ auf dem Balkon in der kalten Luft verbringen, liegen die Deutschen zu ihrer Genesung am Strand in der Sonne. Da sich die meisten von ihnen bereits in einem stattlichen Alter befinden, liegen die Tabuthemen „Sterben“ und „Tod“ indirekt stets in der warmen Luft.

Die in diesem Buch dokumentierten dreißig Interviews wurden alle in Torrox Costa und dem Dorf Torrox geführt; hauptsächlich in Privatwohnungen und Gaststätten an der Seepromenade. Zu folgenden Themen wurden die deutschen Rentnerinnen und Rentner von mir befragt: ihre Entscheidung, in Torrox Costa zu überwintern oder zu leben, ihr Freundeskreis und Vereinsleben, ihre Hobbys, ihre spanischen Sprachkenntnisse, ihr Kontakt zu Einheimischen, ihr Beruf in Deutschland und ihre Erfahrungen mit der spanischen Gesundheitsversorgung. Die deutschen Interviewten thematisierten selbst vor allem den Umgang mit kranken Menschen. Sie sprachen auch über den Umgang mit Hunden und mit Müll, da sie sich in diesen Bereichen in ihrer Wahrnehmung von den Spaniern am deutlichsten unterscheiden. Die letzte Frage des Interviews lautete: „Wo möchten Sie einmal sterben?“ Alle sprachen von ihrer Vorstellung, wo und wie sie bestattet werden möchten, und so handelt dieses Buch auch von Bestattungsriten, die in Spanien durch Deutsche neu entstanden sind.

Manche Personennamen sind auf Wunsch geändert worden, und nicht alle wollten sich fotografieren lassen. Der gesprochene Text wurde weitgehend belassen und nur zum besseren Verständnis an manchen Stellen verändert. Meine Fragen sind dann abgedruckt, wenn sie zum Verständnis des Textes erforderlich sind.

Ich bedanke mich bei allen Deutschen und Spaniern, die bereit waren, mir als deutsch-spanischer Autorin ein Interview zu geben. Für Anregungen danke ich meinen Kolleginnen und Kollegen des Instituts für Biographie- und Kulturanalyse. Mein Mann hat mich für dieses Buch allumfassend unterstützt und mich teilweise bei meinen Forschungsreisen begleitet.

Bremen, im Februar 2007

Rosa Maria Jiménez-Claussen

Vorwort zur zweiten Auflage

Kurz nach der Veröffentlichung dieses Buches, rief mich eine junge Frau an, die mich darum bat, ihr ein Exemplar zuzusenden. Es war die Schwiegertochter eines alten Mannes, den ich in diesem Buch interviewt hatte. Er war zwischenzeitlich gestorben, und sie wollte mein Buch ihrem Mann schenken, damit er sehen könne, dass sein Vater in Torrox Costa glücklich gewesen sei. Vor drei Monaten wandte sich eine Bremerin an mich, die in meinem Buch das Foto ihres Vaters und das Interview mit ihm entdeckt hatte. Da ihr Vater vor zwei Jahren gestorben war und sie wenig Kontakt mit ihm gehabt hatte, war sie überrascht und erfreut und besucht nun selbst öfter Torrox Costa. Mich berührten diese und andere Familiengeschichten.

Auch wenn sich in den letzten Jahren in Torrox Costa einiges geändert hat, so sind die Wünsche und Lebensumstände der Deutschen an diesem Ort doch weitgehend dieselben geblieben. Sie suchen die Wärme, das Klima und die Geselligkeit. Doch die deutschen Rentnerinnen und Rentner sind älter geworden, und einige sind gestorben. Manche können aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr nach Torrox Costa kommen, aber werden diesem Ort und den Menschen dort verbunden bleiben. Viele Kinder der deutschen Rentnerinnen und Rentner mussten sich schon entscheiden, ob sie die Wohnungen ihrer Eltern in Spanien übernehmen oder verkaufen möchten. Die meisten von ihnen haben während ihrer Kindheit die Ferien in Torrox Costa verbracht. Diejenigen, die weiterhin nach Torrox Costa kommen, wachsen als eine „neue Generation der Deutschen“ heran.

Durch den Generationenwechsel und die wirtschaftlichen Veränderungen in den letzten Jahren, sind die Deutschen an diesem spanischen Küstenort weniger, und die Spanier und Engländer mehr, geworden. In Torrox Costa zeigen sich wie an kaum einem anderen Ort immer schnell die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in Europa. Auch wenn Torrox Costa immer noch als ein „deutscher Ort“ in Spanien gilt, so ist dieser Ort in den letzten Jahren doch europäischer geworden. Ein interkulturelles Zusammenleben, wie es dieser Ort bietet, ist schön. Ich habe nie geschrieben, dass es einfach ist.

Deutsche und Spanier erzählen in den Interviews in diesem Buch weiterhin lebendig die Geschichte dieses besonderen Ortes.

Bremen, im Oktober 2018

Rosa Maria Jiménez-Claussen

Gerda Knull (63), Hausfrau, Rentnerin:

„Die Leute stehen hier immer auf dem Balkon und lachen.“

Reinhard Knull (66), Radarlotse, Rentner:

„Die Schmerzen sind hier einfach viel weniger.“

Das Ehepaar Gerda und Reinhard Knull überwintert seit zehn Jahren in Torrox Costa. Die starken Rückenschmerzen von Frau Knull waren für beide der Grund, sich in Andalusien eine Wohnung zu kaufen. Knulls wandern sehr gerne gemeinsam mit Freunden in den Bergen. Das Interview wurde vor einer Kneipe am Ortseingang des Dorfes Torrox geführt.

Frau K:

Also ich heiße Gerda und das ist mein Mann, er heißt Reinhard. Wir wohnen zwischen Darmstadt und Heidelberg und überwintern hier. Heute haben wir eine Bergtour gemacht und zum Abschluss sitzen wir hier und trinken etwas Leckeres.

Herr K:

Also wir sind hier nach Torrox gekommen, weil meine Frau so einen kaputten Rücken hat. Sie

hat immer so Schmerzen im Rücken. 1995 hatte meine Frau wieder solche Schmerzen, und dann waren wir hier in der Wohnung von einer Freundin und haben vierzehn Tage Urlaub verbracht. Das war in einem Haus im Pueblo Andaluz, nicht in einem der Hochhäuser. Das war schön und meine Frau hatte hier viel weniger Schmerzen. Da sind wir dann rumgegangen und dann hat meine Frau gesagt: „Also Reiner, hier gefällt’s mir. Guck mal, Reiner, die Leute stehen hier immer auf dem Balkon und lachen.“

Frau K:

Ich will auch lachen.

Herr K:

Im Nachbarhaus stand da ein Schild: „Se vende.” Wir haben uns die Wohnung dreimal angesehen. Und an dem Tag, an dem wir den Kaufvertrag gemacht haben, haben wir unterschrieben und gemerkt, das ist unser Hochzeitstag. Ja, sie hat dann zum Hochzeitstag die Wohnung bekommen, und da ist sie jetzt wunschlos glücklich.

Frau K:

Das ist im Pueblo Andaluz, wo die kleineren Häuser sind, nur zwei Etagen.

Herr K:

Ich war Radarlotse bei der Flugsicherung und war damals schon Rentner. Die Radarlotsen werden mit 53 pensioniert, jetzt mit 55. Ich war dann 1991 zu Hause und 95 sind wir hierher gekommen. Wir überwintern seitdem hier und Weihnachten waren wir immer zu Hause wegen unseres Enkels. Wenn wir jetzt hier sind und hören, wie zu Hause das Wetter ist und wer alles krank ist, da fällt uns nichts mehr ein. Meine Frau war letztes Jahr im Dezember zu Haus in Deutschland.

Frau K:

Es war kalt.

Herr K:

Sie kam den ganzen Dezember nicht vor die Tür. Und dann hat sie gesagt: „Was hätte ich in Spanien so schön spazieren gehen können.“ Hier kann man nämlich jeden Tag rausgehen. In Deutschland so bei null Grad oder plus fünf und Sauwetter geht sie wegen ihrer Rückenprobleme, Ischias und alles so was, nicht vor die Tür. Als wir den ersten Winter hier waren und bei den merenderos hier an der Promenade saßen, da haben wir Leute kennengelernt. Einen Haufen Bremer, Hamburger, alles Leute von der Küste. Und dann hab ich die gefragt: „Was wollt ihr eigentlich hier?“ Der eine war Fliesenleger und sein Knie war kaputt, und er hatte Rheuma. Er hat gesagt, er geht kaputt im Winter in Bremen. Die Schmerzen sind hier einfach viel weniger. Und Leute, für die Wasser ihr ganzes Leben lang wichtig ist, die ziehen natürlich nur da hin, wo sie Wasser und Wärme haben wie hier in Torrox. Früher hat es keinen paseo gegeben, also keine Promenade. Die merenderos, die Stände, waren im Sand, und es gab hier ja kein Fernsehen, keinen Satellit und gar nichts. 1995 gab’s hier nur einen einzigen Supermarkt.

Frau K:

Die Leute hatten gar kein Wasser. Die sind hier nach Nerja gefahren und haben sich am Brunnen mit den Kanistern Wasser geholt. Ja, und dann gab es endlich mal Wasser und dann war das versalzen. Das war ja Brunnenwasser, und wenn die Flut kam, dann war das Brunnenwasser mit Salzwasser versetzt. Wir konnten das nicht trinken und hatten nur gekauftes Wasser in den Plastikflaschen. Wir haben erst seit fünf Jahren hier anständig Wasser.

Herr K:

Wir sind jetzt Residenten. Im Winter verlegen wir unseren Wohnsitz hierher. Wir sind nicht im Urlaub hier. Wir müssen morgens aufstehen, uns waschen, Zähne putzen, Frühstück machen, Bett machen, sauber machen, einkaufen, Mittagessen machen. Wir gehen hier aber viel spazieren und haben hier viel Gemütlichkeit, nicht wahr. Etwas, was man in Deutschland zwar auch regelmäßig machen kann, aber im Winter doch nicht so regelmäßig. Wir sitzen für unser Leben gerne am Strand und beobachten den Sonnenuntergang. Im Januar und Februar geht die Sonne über dem Meer unter. Weil es hier so schön ist, haben wir uns einen Jeep gekauft, mit dem wir in die Berge fahren. Der höchste Berg ist der Jaroma, der ist 2065 m. Auf dem bin ich schon zweimal gelaufen, aber man kann hier in allen Bergen rumfahren. Der Spanier, der wandert nicht, aber er fährt mit seinem Jeep in die Berge. Überall gibt es hier Schotterstrecken, grausamst, aber man kann mit dem Jeep überall herumfahren. In den Alpen wird nur gewandert. Da sind überall so schmale Pfade, aber hier in Spanien ist das nicht so. Obwohl hier oben auf dem Jaroma, da wandern auch die Spanier.

Frau K:

Doch, es gibt schon auch einige Spanier, die wandern.

Herr K:

Aber wer hier vor allem wandert, das sind Deutsche, Holländer, Engländer.

Frau K:

Schauen Sie mal, von dem Bauern, der da drüben steht, hab ich schon Auberginen geschenkt bekommen!

Herr K:

Der einzelne Spanier, der ist so was Liebes, so was Nettes, das kann man sich nicht vorstellen. Wir saßen hier und dieser Mann stand da hinten und meine Frau hat gewunken. Der hat gerufen und hat gelacht. Dann sind die Frauen da hin, und er hat ihnen Auberginen geschenkt. Wenn Sie an der Seepromenade spazieren gehen, lernen Sie in vierzehn Tagen so viele Leute kennen, wie Sie in Deutschland in drei Jahren nicht kennenlernen. Weil alle Ehepaare oder alle Singles, die da herumlaufen, da guckt jeder den anderen an. Manche findet man grausam, manche findet man sympathisch. Man sitzt im Restaurant nebeneinander, und das ist eine Gelegenheit, sich miteinander zu unterhalten. Da haben wir schon so nette Bekanntschaften gemacht. Bekanntschaften, die man in dieser Form in Deutschland nicht macht, weil das Leben in Deutschland anders ist.

Frau K:

Anders funktioniert.

Herr K:

Wenn wir hier sind für ein halbes Jahr, dann haben alle keine Arbeit. Wir suchen uns, wenn wir Lust haben, eine Beschäftigung, aber wenn wir auch zu einer Beschäftigung keine Lust haben, dann machen wir einfach nur „happy go lucky“.

Frau K:

Wir müssen daheim in Deutschland auch nicht mehr arbeiten, aber das ist trotzdem was anderes.

Herr K:

Gerade in der Kälte ist das was anderes.

Frau K:

Ja, in Deutschland, da triffst du dich doch eher nur privat, ne.

Herr K:

Hier ist das so, dass man jeden Tag vor oder nach dem Abendessen an der Promenade läuft. Man hat sich ein paar Mal gesehen, man kennt sich dann, und es gibt Gelegenheiten zum Reden.

Frau K:

Auf Spanisch können wir das sagen, was wir so brauchen. Die Einheimischen, wie die reden, das versteht man nicht mehr. Radaradaradara sprechen die hier, ne und lassen die ganzen Silben weg. Aber das sind so Kleinigkeiten, da gewöhnst du dich dran.

Herr K:

Ich habe damals in der 11. und 12. Klasse freiwillig den Spanischunterricht mitgemacht. Dass ich das noch so brauchen könnte im Alter, habe ich nie gedacht. Und dieses Spanisch, was ich damals gelernt habe, das hat mir unheimlich geholfen. Meine Frau hat dann auch vorgehabt, Spanisch zu lernen. Sie hat sich auch Bücher geholt. Als sie dann aber gemerkt hat, dass sie das wieder vergessen hat, was sie gelernt hat, dann hat ihr Eifer nachgelassen. Für die Zukunft, da würden wir gerne hier in Torrox bleiben, solange es möglich ist.

Frau K:

Ja, wir wollen hier weiter den Winter verbringen. Im Frühsommer sind wir immer schon wieder zu Hause, denn mein Mann und ich müssen uns ja noch um den Garten kümmern und alles das andere, was so liegen geblieben ist, ne. Unser Garten in Deutschland ist so schön, ne, den will ich auch nicht missen.

Herr K:

Es gibt viele deutsche Ärzte hier.

Frau K:

Eine Gynäkologin ist sogar da, also toll.

Herr K:

In Torre del Mar gibt es auch einen deutschen Hausarzt, bei dem wir regelmäßig sind, leider mehr als uns lieb ist.

Frau K:

Oder zumindest ist dann da ein Holländer, der Deutsch kann. Wie ich jetzt da mal war, da war eine spanische Ärztin, die perfekt Englisch konnte, und da kannst du dich total gut verständigen. Ich war bei dem einen Arzt, und der hat gesagt: „Du gehst jetzt da hin, und wenn die keinen Dolmetscher haben, dann rufst du mich an, dann komme ich sofort.“ Das war Sonntag. Das würde in Deutschland kein Arzt machen.

Herr K:

Kinder von den italienischen und spanischen Gastarbeitern sind in Deutschland auf die Welt gekommen. Sie sind in die deutschen Kindergärten und Schulen gegangen. Und wie die dann um die zwanzig waren, haben sie zum großen Teil beschlossen, wieder nach Spanien zu gehen. Mit ihrem perfekten Deutsch arbeiten die hier in den Büros, aber auch in den Sprechzimmern von den Ärzten. So können wir als Deutsche überall an junge Spanier kommen, die in Deutschland groß geworden sind und die perfekt Deutsch gelernt haben und Deutsch sprechen. Gerade wenn man ne Wohnung kaufen will oder krank ist, dann braucht man jemanden, dem man ganz präzise schildern kann, wo es einen zwickt und wehtut. Wir wollen in Deutschland sterben, aber man kann es sich ja nicht aussuchen. In Torre del Mar ist ein Friedhof und auch hier im El Morche. Die haben keine Gräber, wie wir die haben, sondern die haben überirdisch so Etagen-Gräber, so richtig zum Reinschieben. Wir haben also solche spanischen Friedhöfe hier in Spanien schon gesehen.

Hans Bauer (83), Geschäftsmann, Rentner:

„Ich habe noch keine Stunde, die ich hier lebe, bereut.“

Hans Bauer kommt aus Köln und wanderte 1979 mit seiner Frau und seinem damals zehnjährigen Sohn nach Torrox Costa aus. Er genießt das Leben in Spanien und ist häufig in seiner Stammkneipe „Zum Deutschen Eck“ anzutreffen. In Deutschland war er Immobilienbesitzer und Händler für Schmuck. Sein Sohn ist heute ein erfolgreicher Immobilienhändler in Torrox Costa.

Ich komme aus Köln. In Deutschland habe ich Schmuck verkauft. Der Mann, der hier in Torrox Costa die Wohnungen verkauft hat, der suchte bei mir ein Geschenk für seine Frau für Weihnachten, und dann sind wir ins Gespräch gekommen. Das war 1979. Dann hat er mir gesagt, dass ich mit ihm hier hinfahren sollte. Samstag, Sonntag, für 1 000 DM, die ich kriegen würde und alles frei. Ja, und da habe ich gesagt: „Na ja, für 1 000 DM muss man lange arbeiten.“ Ja, ich habe dann beim nächsten Mal, als ich hier nach Torrox kam, fünf Leute mitgebracht. Ich habe dann 10 000 DM bekommen, weil ich Leute mitgebracht habe, die Wohnungen gekauft haben. Wenn einer gekauft hat, dann kriegte ich 2 000 DM extra, nicht. Wir haben von Hoffmann Bau zwei Häuser gekauft. Das ist dort bei den Reihenhäusern, wo das Schwimmbad ist. Das war vor 26 Jahren. Da war ich 57 und jetzt bin ich 83.

Meine Frau wollte erst nicht hierher und dann hat sie zu mir gesagt: „Wenn, dann machen wir ganz Schluss.“ Das haben wir dann auch gemacht. Wir haben noch ein Haus in Deutschland, so zwanzig Kilometer von Köln. Ich bin mit dem Wagen ein paar Mal nach Deutschland gefahren, aber nachher nicht mehr. Wir leben ganz hier. In Deutschland hatten wir drei Häuser, zwei davon habe ich verkauft. Ich habe hier nicht mehr gearbeitet. Was soll ich hier arbeiten?

Ich sage, ich habe noch keine Stunde, die ich hier lebe, bereut. Ich würde sagen, dass, wenn ich nicht gekauft hätte, ich nicht mehr leben würde. Ich war dauernd erkältet und hatte Rheuma. Das ist jetzt weg. Zwischen Köln und Torrox, da gibt es keinen Vergleich. Es hat hier auf jeden Fall Vorteile. Gesundheitlich geht es hier besser und das Wetter ist besser.

Nur, was man hier nicht machen kann, ist, dass man hier seine Fahrzeuge gut unterbringen kann, nicht. Es hat keine Parkplätze, vor allem im Sommer hat es zu wenig Parkplätze. Das ist ein bisschen schlecht. Ich hab ja keinen Wagen mehr. Im vergangenen Jahr hab ich einen Unfall mit meinem Wagen gehabt. Ja, da ist mir jemand reingefahren. Ich war da nicht schuld, aber mein Sohn hat gesagt: „Es gibt kein Auto mehr.“ Ja, er lässt mich überall hinfahren, und wenn ich was brauche, dann kann ich ein Taxi nehmen. Mein Sohn hat mehrere Autos. Der kann sich von keinem trennen.

Mein Sohn, der hat ein Geschäft hier. Der ist ja mit uns gekommen. Da war er ein kleiner Junge damals, zehn Jahre alt. Er heißt Guido und ist hier von Anfang an zur Schule gegangen. Die Lehrer hier oben im pueblo sprechen ja auch Deutsch. Jetzt ist er 36 und hat ein Immobiliengeschäft. Er hat hier ein großes Büro und hat noch ein Büro in Nerja und eines in Torre del Mar. Er hat letztes Jahr über 100 Wohnungen verkauft. Die meisten Wohnungen hat er an die Engländer verkauft. Die Deutschen verkaufen jetzt meistens. Die Engländer kommen von Gibraltar und wohnen in Nerja, aber Nerja ist jetzt zu teuer geworden. Nerja ist noch teurer als Torrox. Meine Frau, die arbeitet bei meinem Sohn mit. Mein Sohn ist mit einer Spanierin verheiratet. Die haben jetzt einen Sohn bekommen, also so vor eineinhalb Jahren.

Spanisch brauch ich nicht. Wenn ich hier in die Gaststätten reingehe und sage: „Una servesa por favor“, dann sagt derjenige zu mir: „Willst ein Bier ham?“ Ich habe auch spanische Freunde hier. Das kommt durch meinen Sohn, der spricht ja die Sprachen. Ich hab ein Boot im Hafen liegen Richtung Torre del Mar. Wir sind schon öfter rausgefahren und haben mehrere Leute mitgenommen, die dann den Sprit bezahlten. Wir haben auch geangelt.

Die Ärzte hier sind sehr gut, und es gibt auch schlechte. Ich hab schon mal ne schlechte Erfahrung gemacht, aber das kann man ja nicht übers Knie schieben. Ich bin in Deutschland versichert. Ich brauche hier nichts bezahlen.

Ich werde hier sterben. Ich habe mir hier schon ein Grab mit Seeblick ausgesucht. Ich weiß aber noch nicht, ob ich mich nicht doch verbrennen lasse und ne Seebestattung mache. Ich will mich nicht von den Würmern auffressen lassen.

Christa Tholen (74), Hausfrau, Rentnerin:

„Hier gehen die Schmerzen weg.“

Christa Tholen aus Münster hat mit ihrem Mann 1974 eine Wohnung in Torrox Costa erworben. Sie verbrachten hier jedes Jahr ihren Sommerurlaub und überwintern seit dem Rentenalter von Herrn Tholen in Torrox Costa.