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"Behindert" – sagt man das? Wie oft sehen wir eine Ärztin im Rollstuhl? Oder einen blinden Politiker? Menschen mit Behinderung sind in unserer vermeintlich inklusiven Gesellschaft weit entfernt von Chancengleichheit. Mareike Sölch zeigt am Beispiel Südtirols, wie viel sich bewegen muss, damit alle gleichberechtigt an der Gesellschaft teilhaben können. Zahlreiche Betroffene kommen zu Wort und erzählen, was wirkliche Inklusion und Barrierefreiheit bedeuten und was sie brauchen, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. - Beantwortet Fragen wie "Welche Begriffe sind ok?" oder "Haben Menschen mit Behinderung Sex?" - Über QR-Codes abrufbare Kurzvideos der Betroffenen - Ausführliches Interview mit der Aktivistin und Autorin Laura Gehlhaar
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Seitenzahl: 157
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Mareike Sölch
Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft
Gedruckt mit Unterstützung der Südtiroler Landesregierung, Abteilung Deutsche Kultur
© Edition Raetia, Bozen 2024
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, sowie Verbreitung durch Film, Funk, Fernsehen und Internet, durch fotomechanische Wiedergabe, Tonträger und Datenverarbeitungssysteme jeglicher Art inklusive Text- und Data-Mining nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.
ISBN 978-88-7283-926-3
ISBN E-Book 978-88-7283-964-5
Projektleitung, Lektorat: Magdalena Grüner
Korrektur: Helene Dorner
Umschlaggestaltung: Philipp Putzer, www.farbfabrik.it
Fotos: Jana Rodenbusch (S. 105), alle anderen Fotos stammen aus dem Privatarchiv der Abgebildeten
Layout: Typoplus, Frangart (BZ)
Druck: Tezzele by Esperia, Lavis (TN)
Unseren Gesamtkatalog finden Sie unter www.raetia.com.
Bei Fragen und Anregungen wenden Sie sich bitte an [email protected].
Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft
Mareike Sölch
Einleitung
Frage 1: Werden Menschen mit Behinderung gleichbehandelt?
Wieso ist Gleichbehandlung überhaupt wichtig?
Was ist Ableismus?
Frage 2: Welche Sprache und welche Begriffe für Menschen mit Behinderung sind ok, welche nicht?
Darf man „behindert“ sagen?
„Die an den Rollstuhl gefesselte Frau leidet an Autismus …“
Thomas Gottschalk und der Junge im Rollstuhl
Misslungene Kampagnen
ÖBB: Pass auf dich auf und werde nicht behindert
Die Aktion Mensch will „Orte für Alle“: Behinderte sind gar nicht behindert?
Frage 3: Was ist wirkliche Barrierefreiheit?
Welche Barrieren gibt es?
Barrierefreiheit ist Sicherheit
Bahnhof Brixen: immerhin ein barrierefreies Gleis
Das Schulbus-Chaos
„Ich drücke dann immer den SOS-Knopf“
Sprachliche Barrieren
Visuelle Barrieren
Fragen für den Alltag
Frage 4: Welche Aussagen und Annahmen sind nicht ok?
Helden oder Opfer
Datenschutz: nur für Nicht-Behinderte
Komplette Offenlegung – und nicht nur einmal
„Diese Menschen …“
„Schön, dass du auch da bist“
Frage 5: Wie erfolgreich ist das inklusive Schulmodell in Südtirol?
Mehrere Berufsbilder
Fehlendes qualifiziertes Personal
Verzweifelte Eltern
Stundenplanreduktion: am Rande der Gesetzmäßigkeit
Gleiches Maß?
Frage 6: Warum müssen Menschen mit Behinderung im gesellschaftlichen System sichtbarer sein?
Aufgestellt und nicht gewählt
Mehr Bewusstsein
Eltern und Angehörige
Frage 7: Warum ist es nicht die Aufgabe von Menschen mit Behinderung, auf Diskriminierung hinzuweisen?
Ressourcen
Frage 8: Wie arbeiten Menschen mit Behinderung?
Der Sinn von Arbeit
Das Recht auf Arbeit
Arbeit ist nicht gleich Arbeit
Das Problem mit den Werkstätten
Weg vom Leistungsdenken?
Interview mit Laura Gehlhaar
Exkurs: Menschen mit Behinderung in der COVID-19-Pandemie
Frage 9: Wie wohnen Menschen mit Behinderung?
Selbstständig oder betreut?
Bürokratische Hürden
Das liebe Geld
Berufsbild: persönliche Assistenz
Tut sich was?
Frage 10: Wie und warum sollten wir mehr über Behinderung und Diskriminierung sprechen?
Experten
Lauter und aggressiver
„Was fürs Herz“
Die Medien
Frage 11: Haben Menschen mit Behinderung Beziehungen und Sex?
Keine Mütter, keine Väter?
Keine Repräsentanz
„Eigentlich ist das körperliche Gewalt“
Frage 12: Wie kommen Menschen mit Behinderung auf die Welt?
Spätabbruch: der einzige Ausweg?
Frage 13: Woher kommen Ableismus und behindertenfeindliches Denken?
Es begann bei den Kindern
Die Aktion T4
Südtiroler Kinder
Die späten Nachwirkungen
Letzte Frage: Wie kann Inklusion umfassend gelingen?
Danke!
Weiterführende Literatur
Verbände, Vereine, Initiativen
Die Autorin
Inklusion, ein schönes Wort – und eine noch viel schönere Vision. „Inklusion“ meint, das Unterschiedliche nicht nur mit hineinzunehmen, sondern es als Teil des Ganzen zuzulassen. „Inklusion“ ist fast ein Schmuckwort geworden. Denn es ist opportun, es sich auf die Fahnen zu schreiben oder zumindest in die Leitlinien: Man verstehe sich als divers, heißt es dann, und im besten Fall auch als inklusiv. Unternehmen, Schulen, Gesellschaften: Niemand will sich öffentlich nachsagen lassen, nicht inklusiv zu sein. Wer steht schon gerne dazu, aus-schließend, weg-denkend, eben ex-klusiv und nicht in-klusiv zu sein?
Diesem Buch ist eine These vorangestellt:
Inklusion ist in weiten Zügen
eine gesellschaftliche Illusion.
Diese These wird das Buch anhand von Fallbeispielen und Themen, die alle Menschen, besonders aber Menschen mit Behinderung betreffen, darstellen. Die nicht behinderte Gesellschaft geht davon aus, im Großen und Ganzen offen und nichtdiskriminierend zu sein. Gespräche mit Menschen mit Behinderung zeigen aber, dass Inklusion bei Weitem nicht überall gelebt wird.
Die Grundannahme besteht dabei darin, dass inklusiv der Zustand ist, der es jedem und jeder ermöglicht, barrierefrei und ohne Hindernisse an jedem Teil des Lebens teilzunehmen. Dazu zählen zum Beispiel autonomer Transport, Barrierefreiheit in jedem Sinne, Zugang zu Bildung, Freizeitangeboten, Gleichbehandlung im Gesundheitssystem, Privatheit, Entscheidung über den eigenen Körper, die Erfüllung der Menschenrechte.
Das Nichtvorhandensein von Inklusion bedeutet folglich, dass Menschen mit Behinderung am Ende der Nahrungskette in der Gesellschaft stehen. Auch das wird im Buch thematisiert. Sie sind häufig und in vielen Bereichen allen anderen diskriminierten Gruppen untergeordnet. Sie erleben noch heftigere Diskriminierung als andere marginalisierte Gruppen. Die Marginalisierung, also das Ins-Abseits-Schieben, Unsichtbar-Machen, Nicht-zur-Kenntnis-Nehmen, mündet darin, dass Menschen mit Behinderung und ihre Bedürfnisse oft überhaupt nicht mitgedacht werden. Obwohl sie die Experten für ihre Bedürfnisse sind, obwohl sie häufig auch am besten wissen, wie gelingende Inklusion funktionieren könnte, was dazu benötigt würde, sind sie meist einfach nicht Teil der Debatte. Diese Debatte über Behinderungen und Körper, Gesundheit, Moral, Ethik, Familiengestaltung, Finanzen, Privatheit und vieles mehr wird von nicht behinderten Menschen geführt. Die Vervollkommnung eines Übergriffs, ableistisches Verhalten par excellence. Es klingt hart: Diskriminierung, Ausschluss aus der Gesellschaft und unmögliche Teilhabe am öffentlichen Leben sind für Menschen mit Behinderung Realität, jeden Tag.
Inklusion ist entgegen den Erwartungen an den Begriff keine kuschelige, woke Angelegenheit, sondern ein anstrengendes Thema. Umso wichtiger ist es, Menschen mit Behinderung eine Stimme und Raum zu geben und ihnen zuzuhören. Dabei ist man als Mensch ohne Behinderung aufgefordert, sich mitunter auch unschöne Fragen zu stellen: Wie denke ich über Menschen mit Behinderung? Wie viele Menschen mit Behinderung habe ich im Freundes- oder Bekanntenkreis? Wann habe ich mir das letzte Mal über Menschen mit Behinderung Gedanken gemacht? Wo habe ich diskriminiert?
Inklusion wird eine Illusion bleiben, wenn wir als Gesellschaft nicht umdenken. Im Buch werden Menschen mit Behinderung zu Wort kommen. Sie sollen ihre Geschichten laut erzählen und ihre Perspektiven teilen. Denn als Mensch ohne Behinderung über Inklusion zu philosophieren, ohne mit Betroffenen zu sprechen, ist wiederum wenig bis gar nicht inklusiv.
Anmerkung für die Leser:innen:
Das Buch wird durch Fragen gegliedert. Im besten Fall erhalten die Leser:innen am Ende jedes Kapitels eine oder mehrere Antworten auf die zuvor gestellte Frage. In manchen Fällen bleibt diese Antwort vielleicht aber auch aus, weil es keine einfache Antwort gibt. Dann erwartet die Leser:innen ein Fazit mit den wichtigsten Gedanken gängen zum jeweiligen Kapitel.
Für dieses Buch sind Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen nach ihren persönlichen Lebenserfahrungen befragt worden. Diese werden so individuell sein, wie es Menschen grundsätzlich sind. Die Erfahrungen dieser Menschen sollen die Primärperspektive im Buch sein.
Ich als Autorin erhebe nicht den Anspruch, mit allen Menschen mit Behinderung in Südtirol gesprochen zu haben, was unmöglich wäre. Das Buch ist in diesem Sinne auch keine wissenschaftliche Abhandlung, lebt aber von zur Verfügung stehenden Quellen, die da sind: Interviews mit Menschen mit verschiedenen Behinderungen, Gespräche mit Vertretern und Vertreterinnen aus der Politik, von Verbänden und Ämtern, Angehörigen etc. Ich spreche in meinem Buch von „Behinderung“, so wie auch viele Menschen mit Behinderung diesen Begriff wertfrei und neutral für sich benutzen.
Die Disability Studies definieren einen Unterschied zwischen Beeinträchtigung und Behinderung. Eine Beeinträchtigung ist per se eine körperliche Beeinträchtigung, die aber durch Barrieren und Diskriminierung in Alltag und Gesellschaft eine Behinderung wird. Beeinträchtigung ist also kein neues Synonym für Behinderung, zumindest nicht eins zu eins (um mehr zu Sprache und Begrifflichkeiten zu erfahren, siehe Frage 2).
„Im Prinzip geht es um Menschenrechte.“
Betroffene:r, anonym
„Es geht einfach alles langsam. Es wird viel geredet und wenig gemacht. Jeder Zehnte hat eine Behinderung. Man kann nicht einmal barrierefrei mit einem Rollstuhl von Bozen nach Innsbruck fahren. Das ist ja lächerlich.“
Heidi Ulm, Selbstvertretung im Südtiroler Monitoringausschuss
„Menschenrechte dürfen niemals von Gutmütigkeit abhängig sein. Dann sind es keine Menschenrechte.“
Laura Gehlhaar, Autorin und Inklusionsberaterin mit Behinderung
In Südtirol leben rund 50.000 Menschen mit Behinderung. Jeder oder jede Zehnte von uns hat also eine sichtbare oder nicht sichtbare Behinderung. Aber nur jede dritte Behinderung ist angeboren. Alle anderen werden im Laufe eines Lebens erworben. Im Prinzip kann jeder und jede behindert werden.
Gleichbehandlung, Gleichberechtigung und Chancengleichheit sind in Südtirol rechtlich verbrieft. Auf internationaler Ebene greift die UN-Behindertenrechtskonvention. Die unterzeichnenden Staaten verpflichten sich in diesem Dokument, die Rechte von Menschen mit Behinderung zu garantieren und zu achten. Italien hat die Konvention 2007 unterzeichnet. In Südtirol ist die Konvention mit dem Landesgesetz Nr. 7 vom Juli 2015 rezipiert worden.
Mit diesem Gesetz ist in Südtirol auch der Monitoringausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderung eingesetzt worden. Die Aufgabe des Monitoringausschusses ist es, die Umsetzung der UN-Konvention zu überwachen. Der Monitoringausschuss ist auch dazu da, die Anliegen von Menschen mit Behinderung besser aufs Tapet zu bringen und sie deutlicher hörbar zu machen. Das wesentliche Merkmal des Ausschusses ist die Selbstvertretung: Menschen mit verschiedenen Behinderungen oder chronischen Erkrankungen sind dort vertreten. Die Sitzungen sind öffentlich, die Themen breit gefächert, einmal im Jahr wird ein Schwerpunktbericht veröffentlicht.
Der Monitoringausschuss ist somit ein beratendes Gremium für den Südtiroler Landtag, dessen Gutachten für das gesetzgebende Organ nicht bindend sind, sondern lediglich Handlungsempfehlungen darstellen.
Die ehemalige Gleichstellungsrätin und Präsidentin des Monitoringausschusses, Michela Morandini, findet, dass es bezüglich der Gleichbehandlung von Menschen mit Behinderung in Südtirol jedenfalls Luft nach oben gibt: „Und deswegen pochen wir auch immer auf die Gleichbehandlung und sagen, Südtirol ist im Vergleich zu anderen europäischen Staaten weit hinten.“
Die UN-Konvention verbrieft die Gleichstellung, Teilhabe und Selbstbestimmung. Gleichstellung meint das Recht auf den gleichen Zugang zu Lebenschancen und beinhaltet zum Beispiel den Schutz vor Diskriminierung. Teilhabe meint den barrierefreien Zugang zur Gesellschaft in allen Bereichen. Und die Selbstbestimmung meint das freie Recht, über sein Leben zu entscheiden. Das sind Dinge, die nicht behinderte Menschen für sich als Grundrecht, eben als Menschenrecht, selbstverständlich in Anspruch nehmen. Für Menschen mit Behinderung wird die Inanspruchnahme dieser Rechte aber weitestgehend zum Kampf. Menschen mit Behinderung haben in der Realität nicht die gleichen Lebenschancen wie Menschen ohne Behinderung, weil ihnen Zugänge zum Arbeitsmarkt, zur freien Bildung, zu gesellschaftlichen Events wie Konzerten, Festen oder anderen Veranstaltungen fehlen. Sie stoßen täglich auf Barrieren, auf architektonische und auf sensorische. Sie scheitern an der freien Lebensgestaltung, weil nicht mitgedacht wird, dass Menschen mit Behinderung den Wunsch zum Beispiel nach eigenständigem Wohnen haben könnten. Sie können nur mit vielen Hindernissen oder gar nicht zur gleichen finanziellen Freiheit kommen wie Menschen ohne Behinderung. Ihr Recht auf Privatsphäre und ihre Rechte am eigenen Körper werden weniger geachtet. Sie können weder das öffentliche Verkehrssystem uneingeschränkt nutzen noch am täglichen Leben, das Behördengänge, Arzt- oder Krankenhausbesuche und Einkäufe umfasst, barrierefrei teilnehmen. Sie werden in Sprache, Taten und Zuständen ungleich behandelt und diskriminiert. Sie werden einfach nicht als gleichberechtigte Personengruppe mitgedacht.
Stellen Sie sich vor, Sie sind eine junge Frau oder ein junger Mann. Sie möchten ausziehen, studieren, arbeiten und irgendwann Kinder bekommen. Wenn Sie nicht behindert sind, dann wird es für Sie Herausforderungen geben. Vielleicht haben Sie nicht die finanziellen Ressourcen, um zu studieren und auszuziehen. Sie können sich dann überlegen, ob Sie zum Studien- oder Ausbildungsort pendeln, in einer Wohngemeinschaft oder in einem Studentenheim wohnen möchten. Sie können um Beihilfen zum Studium ansuchen. Sie genießen Ihr junges Leben, machen sexuelle Erfahrungen. Vielleicht finden Sie, wie viele junge Menschen, dann erst nach Irrungen und Wirrungen den richtigen Partner oder die richtige Partnerin für die Familiengründung. Sie schließen Ihr Studium ab, vielleicht haben Sie einmal einige Prüfungen nicht geschafft. Ansonsten kommen Sie aber gut durchs Leben. Sollten Sie nicht studieren wollen, dann haben Sie einen Beruf gelernt. Sie haben Freunde, die spontan entscheiden, in welche Bar man heute Abend geht, oder ob die Gruppe den Tag am Berg verbringt. Sie entscheiden sich irgendwann für die Familiengründung, vielleicht klappt es gleich mit den Kindern, vielleicht auch nicht. Wenn Sie Eltern werden, freut sich jeder mit Ihnen. Niemand fragt nach, ob es richtig für Sie und Ihr Leben sei, dass Sie ein Kind bekommen. Und niemand zweifelt, ob Sie auch wirklich Eltern sein können. Im Großen und Ganzen können Sie Ihr Leben in allen Lebensbereichen selbstbestimmt bestreiten, niemand redet Ihnen in Ihre Entscheidungen hinein. Sie können selbst entscheiden, wo sie wohnen wollen und wo Ihre Kinder zur Schule gehen. Wenn Sie zum Arzt müssen, machen Sie sich keine Sorgen, ob man Sie verstehen wird oder ob sie gut behandelt werden können, denn Sie sprechen mindestens zwei der drei Landessprachen passabel und können sich ausdrücken. Vielleicht haben Sie Glück und verdienen viel Geld in Ihrem Beruf. Vielleicht verdienen Sie mittelmäßig viel oder vielleicht eher weniger. Für die meisten Menschen, wenn auch nicht für alle, reicht es für wenigstens einen Urlaub im Jahr. Dann bleibt nur noch die Frage, wohin es denn gehen soll. Sie könnten sich aber auch für einen Urlaub daheim entscheiden und die Sehenswürdigkeiten Südtirols genießen, sie stehen Ihnen alle offen. Sie müssen nicht darüber nachdenken, ob das Landesmuseum barrierefrei ist oder das Schwimmbad im Hotel für Sie erreichbar.
Würden Sie für Ihr eigenes Leben auf nur eines der oben genannten Rechte verzichten? Würden Sie auch nur auf eines der oben genannten Rechte verzichten für Ihr Kind, Ihren Mann oder Ihre Frau, Ihre guten Freunde oder Ihre Angehörigen mit Behinderung? Nahezu alle oben genannten Möglichkeiten sind für Menschen mit Behinderung mit Schwierigkeiten und Hürden verbunden. Viele dieser Möglichkeiten stehen ihnen vielmehr gar nicht zur Wahl. Menschen mit Behinderung haben oft nicht die Möglichkeit, ihren Arzt frei zu wählen, weil er vielleicht nicht für sie erreichbar ist. Sie müssen ihre Urlaubsziele nach barrierearmer Zugänglichkeit auswählen. Sie haben oft nicht die gleiche finanzielle Freiheit wie Menschen ohne Behinderung. Sie müssen ihren Bildungsweg und ihre Studien- oder Ausbildungsentscheidungen anhand möglicher Barrieren organisieren und können oft nicht selbst entscheiden, wo und wie sie wohnen möchten. Menschen mit Behinderung wird es sehr schwer gemacht, ihr Leben selbst zu gestalten, so wie sie es möchten. In all diesen Entscheidungen eingeschränkt zu sein, ist keine Gleichbehandlung.
Menschen ohne Behinderung beanspruchen alle diese Rechte und die Freiheit, ihr Leben zu gestalten, wie sie möchten, selbstverständlich für sich. Deshalb sprechen Aktivisten auch oft von Privilegien, die Menschen ohne Behinderung haben. Es ist Aufgabe der nicht behinderten Gesellschaft, sich darüber klar zu werden, dass sie gegenüber Menschen mit Behinderung Privilegien hat. Im Zuge dieser Reflexion kann man auch darüber nachdenken, wie es sich anfühlen würde, eines seiner Privilegien aufzugeben.
Für die Diskriminierung verschiedener Menschengruppen haben sich im 20. Jahrhundert Begriffe etabliert, die die Diskriminierung dieser jeweiligen Personengruppe beschreiben. Zu diesen Begriffen gehören zum Beispiel „Sexismus“ oder „Rassismus“. Für Behindertenfeindlichkeit und die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung wird der Ausdruck „Ableismus“ verwendet. Ableismus lässt sich zurückführen auf das englische Wort ability (Möglichkeit, Fähigkeit). Es gibt ableistische Wörter und Aussagen, Ableismus meint aber auch ein System aus struktureller Benachteiligung. Ableismus reduziert Menschen mit Behinderung auf ihre Behinderung und wertet sie dadurch ab. Ableismus schreibt auch bestimmte Stereotype zu, die wiederum zur vereinfachten Darstellung von Menschen mit Behinderung benutzt werden.
Menschen, die von Ableismus betroffen sind, werden von der Mehrheitsgesellschaft systematisch ausgeschlossen.
Werden Menschen mit Behinderung also gleichbehandelt?
Menschen mit Behinderung werden in fast keinem Land der Welt gleichbehandelt und sie werden es auch in Südtirol nicht. Dabei ist Gleichbehandlung ein Grundrecht. Dieses Recht gilt auch für Menschen mit Behinderung. Für die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung wird der Begriff Ableismus verwendet.
„Könnt ihr Krüppel nicht zur Seite gehen?“
Diesen Satz hörte Roland Mores in Meran, beim Asfaltart Straßenkunst Festival. Das Festival versteht sich als offene Kulturveranstaltung, für alle, die Spaß an hochwertiger Kultur mit Darstellerinnen und Darstellern aus ganz Europa haben, die Stadt steht kopf. Mores sitzt im Rollstuhl, ist zu 100% als Invalide, also als Mensch mit Behinderung anerkannt. Er war an diesem Tag mit einem Jugendlichen mit Behinderung und dessen Mutter unterwegs. Roland Mores und der Jugendliche fuhren mit den Rollstühlen am Publikum vorbei nach vorne, um eine Performance besser sehen zu können. Denn durch die sitzende Haltung im Rollstuhl ist ihre Kopfhöhe niedriger als die von Menschen, die keine Gehbehinderung haben. Man würde meinen, dass diskriminierende, beleidigende Begriffe wie „Krüppel“ nicht mehr zum sprachlichen Repertoire der Gesellschaft gehören. Hört man Roland Mores zu, dann tun sie das aber sehr wohl. Er erlebt Diskriminierung, die ausgesprochen wird, und zwar laut, jeden Tag. „Mit meinem elektrischen Rollstuhl muss ich auf dem Gehsteig fahren. Auf der Straße wäre es viel zu gefährlich“, sagt Mores. Da allerdings bekommt er einiges zu hören. Auch als „Spast“ ist Roland Mores schon bezeichnet worden.
Roland Mores ist Rollstuhlfahrer, in Meran lebend, Gründer und Präsident des Vereins „Rolling Eagles“. Er setzt sich seit Jahren vor allem für Freizeitangebote für Menschen mit Behinderung ein und durchkämmt die Stadt Meran systematisch nach barrierefreien WC-Anlagen für Menschen mit Behinderung. Mit seinem elektrischen Rollstuhl ist er täglich unterwegs, dabei wurde er schon des Öfteren beschimpft und beklaut.
Lernen Sie Roland hier persönlich kennen:
Viele Menschen zögern, das Wort „Behinderung“ zu benutzen, aus der gewachsenen Idee, in einer sensiblen Gesellschaft sage man dieses Wort nicht mehr. Könnte dieses Wort vielleicht diskriminierend oder herabwürdigend sein? Die allermeisten Menschen mit Behinderung sowie auch Autorinnen, Aktivisten und Forschende mit Behinderung haben die Wörter „Behinderung“ und „behindert“ als Selbstbezeichnung etabliert. Behinderung beschreibt neutral einen Zustand des Körpers. „Mensch mit Beeinträchtigung“ wird auch von vielen benutzt und geht aus dem gleichen Grund in Ordnung. Aber auch hier gibt es Aktivisten, die sagen: Nennen wir das Kind beim Namen. Behinderung ist ein neutraler Ausdruck und soll auch einer bleiben.
Es versteht sich, dass dabei eine nichtneutrale, stark negative Konnotation des Begriffes „behindert“ durchaus diskriminierend ist – wenn etwa, hauptsächlich in der Jugendsprache, das Adjektiv „behindert“ als Beleidigung verwendet wird, um darzustellen, dass etwas schlecht sei.
Komplexer wird es bei weiteren Beschreibungen wie zum Beispiel dem aus dem Englischen entlehnten Begriff „Handicap“. Handicap ist ein defizitorientiertes Wort und wird deshalb auch im Englischen nicht mehr verwendet. Gleiches gilt dann auch für die deutsche Sprache. Ebenfalls in diese Sparte fällt die Bezeichnung „Mensch mit besonderen Bedürfnissen“. Dieser Ausdruck meint mit, dass Menschen mit Behinderung „besonders“ ergo „anders“ sind und „besondere Bedürfnisse“ haben, also „bedürftig“ sind und von der Gesellschaft etwas brauchen. Sie sind nach dieser Zuschreibung auf das Wohlwollen ihrer Mitmenschen angewiesen. Auch das trifft auf Menschen mit Behinderung nicht zu. Jeder Mensch, ob mit oder ohne Behinderung, möchte ohne Barrieren am gesellschaftlichen Leben teilhaben dürfen. Menschen mit Behinderung haben demnach weder besondere noch spezielle Bedürfnisse.
