Totales Morales - Ludger T. Balkenhol - E-Book

Totales Morales E-Book

Ludger T. Balkenhol

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Beschreibung

Ludger T. Balkenhol, der Waldmann und lang verkannte Wortakrobat öffnet zum allerersten Male, wenn auch eher ungefragt seine Schatztruhe für uns. Wir Glücklichen dürfen nach Herzenslust darin stöbern und herumwühlen. In dieser kostbaren Sammlung edelster Preziosen und Kleinode des entrückten Verzückten aus den tiefgrünen Wäldern des Sauerlandes finden wir all das was ihn so einzigartig macht. Voll demütiger Dankbarkeit nehmen wir sein Angebot an und versinken in dieser Welt nah am Rande des Irrsinns aber auch der Besinnung. Notizen, Spickzettel und rare Curiosa nebst Unbegreiflichem sind hier zum ersten Mal der Öffentlichkeit, ohne Wissen des Schreiberlings, zugänglich gemacht worden. Lange vermisst aber letztlich doch noch rechtzeitig vor dem Fest der Liebe, damit wir herzhaft zugreifen können, all unsere Liebsten mit diesem starken Stück deutscher Kultur überreichlich zu beschenken. Balkenhol schenkt ein und aus. Hier bekommt jeder sein Fett weg. Auch die ganz besonders schlanken unter den Dünnen. Ohne Wenn und Aber rechnet er ab. Denn abgerechnet wird manchmal eben auch schon vor dem Schluss. Nicht nur die alten Schreckensgestalten aus Funk, Film und Fernsehen sollten schon mal in Deckung gehen, nein, auch seine Nachbarn, Verwandte und Bekannte werden hier nicht geschont, sondern ans gnadenlose Licht der Öffentlichkeit gezerrt und bloßgestellt. Der zurückhaltende Autor Ludger T. Balkenhol legt uns sein großes Herz zu Füßen, also bitte nicht darauf treten. Auch Sie nicht, Volker Zahn. Ganz besonders Sie nicht!

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Seitenzahl: 206

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Für M

Die aus dem Film „M - Eine Stadt sucht eine Mutti“

Herausgegeben von Ernst Grassenberg

 

Inhalt

Vorwort von Ernst Grassenberg

Holoskripte

Die Geschöpfe

Karl singt

Aus dem Zusammenhang gerissen

Lyrik und Kyrill

Ingo’s Spalte

Die letzten Wörters

Das Kleingedruckte

Raum für Ihre Notizen

Nähkästchen

Die folgenden Texte stellen eine Sammlung verworfener Projekte dar, die jeweils begonnen aber niemals einem, dem Anspruch des Autors genügenden Ende zugeführt wurden. Sie gewähren aber einen Einblick in die Schaffensperiode von Ludger T. Balkenhol als jungen, unbekümmerten, ja ungestüm vorwärts hämmernden Wortschmied. Der geniale Autor Balkenhol hat in seinen stärksten Phasen, also zwischen 1980 und 2009 kaum einen Text geschrieben noch je eine Zeile aus seinem wenig umfangreichen Werk veröffentlicht. Einzig seine recht umfänglich geratenen „MittelscheidterTagebücher“ sind vielen Lesern wohl noch in lebhafter Erinnerung. Umso bedeutender daher die hier nun versammelten Texte aus 30 Jahren seiner Hoch- und Blütezeit vom 25. Mai 1980 bis in die Gegenwart hinein.

Nun also diese Texte um die zermürbende Beziehung zwischen Mutter und Sohn und dem Rest der bösen Welt, sowie missglückten Romananfängen, sehr kurzen Kurzgeschichtchen, Short Cuts, Gewonnenem, Geronnenem, Zerronnenem und Zetteln aus dem Kasten, den er doch nie besaß. Eine Sammlung von Texten, die es wert gewesen wäre, den Fortgang voranzutreiben, das Zaudernde und Zögerliche abzulegen und endlich Köpfe mit Nägel zu machen, Fische bei die Butter mithin. Balkenhol leidet wie kein anderer Hund mit seinen Helden des Alltags, kümmert sich, versucht, so hat es manchmal den aschfahlen Anschein, das Schlimmste von ihnen abzuwenden, auf dass die Ödnis spendende Geschichte für alle Beteiligten doch noch gut ausgehen möge.

Offensichtlich, und das wird mit jeder Zeile nur zu deutlich, verarbeitet der lange Zeit missverstandene, unverständliche Rebell des Deutschen, der gesamtdeutschen Literatur, hier Elemente der eigenen Biografie, wandelt sie um in Gleichnisse, Allegorien und Fabelhaftes. Der kühne Autor verkündet die Grenzenlosigkeit des Profanen, des, um mit Balkenhol zu reden, Profanistischten oder so ähnlich, das sich je jemand hatte ausdenken können. Balkenhol at his best also. Manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass er die Bedeutung der Wörter nicht kannte, die er benutzte, oder er hat sie sich ganz einfach selbst ausgedacht.

Die Themen kreisen immer und immer wieder um die geliebte, übermächtige Mutter und um den ohnmächtigen Sohn, der es nicht versteht aus ihrem Schatten herauszutreten und ihr mal gehörig den Marsch zu blasen. Oder ihr ersatzweise mal gehörig in den Arsch zu treten. Der Sohn, der verzweifelt um die Liebe der betagten Mutter buhlt und gleichzeitig versucht ihr die getragene Wäsche abspenstig zu machen. Einmal nur im Leben besser aussehen als sie, das muss die Intention dieses Freigeistes und Denkers im Geiste eines Günthers gewesen sein. Familienintern soll er ja schon lange mit sich und seiner Rolle innerhalb der kleinen Wohngemeinschaft unzufrieden und darum also aufmüpfig geworden sein. Aus diesem, leider nicht neuen Blickwinkel heraus ergeben selbst die krudesten Geschichten noch einen biografischen Sinn und Zweck und Hintergedanken. Es bleibt aber den altgedienten Germanisten unter uns vorbehalten die tieferen Zusammenhänge zu ergründen und uns Unwissende einer neuen Wahrheit gewärtig werden zu lassen. Wie schon Resie, jene wenig edle, reisewütige Landpomeranze aus der nächsten kleinen Begebenheit sagte: „Wat fort is, is fort.“

Wir fügen im Sinne Balkenhols ergänzend hinzu:

„Und muss auch fort bleiben.“

Balkenhol entführt uns in sein ureigenstes Reich, nämlich dem der Ausgesetzten, der Aussätzigen, der Verlierer und Parias, sowie der notorisch Missverstandenen. Er muss als junger Mann stark unter seiner selbst gewählten Isolation gelitten haben. Nur knapp verklausuliert und für jeden aufmerksamen Leser sehr leicht zu entschlüsseln, ist es stets Balkenhol selbst, der uns da in den unterschiedlichsten Gestalten entgegentritt. Ob es nun die Lippenstift tragende, zu den größten Schandtaten bereite Dagmar oder der schokolastige Nikolaus oder der Leblose ohne Namen ist. Immer wieder beschreibt der Autor sich selbst. Kenner seiner Vita erkennen mühelos die Stationen seines wechselvollen Lebens, die Abgründe seiner Persönlichkeit wieder. Genuss und Askese, verharren und reisen, sprechen und schweigen, schlafen und wachen. Gegensätze, die nur scheinbar vereint in der Person des lang misshandelten und falsch interpretierten Schreibers schlummerten, um sich in seinen Geschichten umso deutlicher zu scheiden. Balkenhol zwingt uns in seinen Bann, verändert unablässig unsere einstudierte Sicht auf die Dinge des Lebens und eröffnet so immer neue Perspektiven auf unser aller Existenz, von der wir dachten, dass wir alles längst schon gesehen und überschaut hätten.

Es würde den Rahmen dieser kleinen, kommentierenden Einleitung sprengen, auf jede einzelne der hier vorgestellten Geschichten interpretierend einzugehen. Haben doch der Autor selbst, sowie meine Wenigkeit, und zwar dort, wo immer es uns geboten schien, klärende Worte hinzugefügt. Auf das die Geschichten nicht so allein sind auf dem großen Blatt Papier.

Nicht unerwähnt bleiben dürfen in diesem Zusammenhang die avantgardistischen bis zur völligen Rätselhaftigkeit getriebenen Texte. Experimentelle Lyrik und Kurzgeschichten im Wechsel mit sehr kurz geratenen Szenenbeschreibungen, den sogenannten Holoskripten Ludger T. Balkenhols, bilden sie doch eine gute Möglichkeit den Autor auch von dieser Seite kennenzulernen. Hier zeigt er seine Stärken, hier ist er das losgelöste, alle Grenzen sprengende, Wirrung und Zerrung, Wort und Wörter bildende Genie, das uns Leser so herrliche Schnurren wie „Jolokia“ und knorrigen Horror wie in dem spröden „Und jammern und quengeln“ schenkte, die uns so manches Mal in klammem Frösteln und völliger Verständnislosigkeit zurücklassen. Wahnsinnsumweht, heimgesucht von den Alben der Nacht, ist es doch immer und immer wieder der Leser selbst, der die Geschichten mit Leben füllen muss, der seine eigene Phantasie einbringen muss, um Balkenhols Scherbenhaufen und Späne- und Splittersammlung in eine Kopfordnung zu zwingen, damit Unverständliches verstanden und Unlesbares endlich doch gelesen werden kann.

Und so wünsche ich uns allen den allerschönsten Tag unseres Lebens, an dem wir uns den ganzen schönen Balkenhol zu Gemüte führen. Leider, leider hat unser Ludger nichts davon, denn ich muss gestehen, dass diese Sammlung von Texten auf krummen Wegen in meinen Besitz gelangte und nun ohne sein Wissen veröffentlicht wird. Zumal er mehrfach betont haben soll, dass es ihm scheißegal sei, was „mit dem Scheiß da“ passiere. Nun, denn, machen wir das Beste daraus.

Ernst Grassenberg

(Herausgeber)

Jemand der es gut mit ihm meint

Holoskripte

Eine Welt aus Scherben

 

Nikolaus

Der zweite Advent war bitter kalt über ihn hereingebrochen, der sackgebeugte Nikolaus war da gewesen und Schröder verzweifelte erneut an der schier unlösbaren Aufgabe, Weihnachten abermalig ins eisig grimme, ins eiseseinsame Auge zu blicken. Müde und niedergeschlagen legte er sich eingerollt wie ein Fötus im schützenden Mutterleibe auf den Boden, schaukelte eifrig jammernd hin und her und fraß den mit viel Liebe für sich selbst gefüllten Nikolausstiefel zügig leer. Ein gequält herausgepresstes Ächzen und Wimmern entrang sich seiner schmerzgestählten Brust. Wieder und wieder schluchzte er mühselig vor sich hin, den Schmerz genießend. Die Qual durfte kein Ende mehr nehmen. Auf gar keinen Fall durfte sie das. Er wälzte sich vor Wonne schmatzend in geschmolzener Tränenschokolade. Die klebrige, braune Stumpfheit aus Schokotränen umfing ihn wie sanfter Schutz vor dem Bösen und es wogte beinahe schon wollüstig durch seinen geschundenen Kopf.

Oh Herz sei stark.

* * *

Es handelt sich hierbei um die einleitenden, ja, die Weihnachtszeit richtiggehend schon einläutenden Worte zu einer Beziehungsgeschichte, die aber von vorn herein zum kruden Scheitern verurteilt war, da mir zu diesem nikolausig lausigen Stiefel nun wirklich nichts mehr hatte einfallen wollen. Es sollte dies die Einläutung ja sein, zu einem Drama, welches in der Konfrontation des fötal darnieder liegenden, Süßes in sich rein stopfenden Jammerlappens mit seiner noch stärker jetzt geliebten Verlobten, die ihm aber zusehends aus den schwachen Händen gleitet, macht ihr doch ein in einem Osterhasenkostüm steckender Tunichtgut und Taugenichts den Hof, gipfeln sollte. Worauf unser nun immer hilfloser und derangierter agierender Protagonist und Arrangeur des Grauens immer weiter und tiefer in seine selbst gewählte, schokoladengesüßte und mit tumbem Selbstmitleid ausstaffierten Isolation abdriftet. Ein wirklich schier Herz zerreißender Schmarrn sollte es werden, der zugegeben zu Recht in der Schublade verschwand und hier nun aber doch noch zu späten Ehren kommt. Es sollte schon sehr inbrünstig gelitten und gejammert werden, so dass es dem Leser, wie auch der Leserin die glühenden Wangen nässen würde vor Mitleid und Wonne zugleich. Es hat wohl einfach nicht sollen sein.

L.T.B.

Ehelos

„Lass mich doch auch nur einmal in Ruhe!“ brüllte Vera lauthals auf, die Sinnferne des Satzes gar nicht bemerkend, als sie Hinrichs gierigen, schwieligen Finger zwischen ihren zarten Händen spürte. Der verschwiemelte Swienegel stutzte für einen kurzen Moment. Er hielt inne, kratzte sich an seinem beinahe schon kahlen Kopf, den nichtsnutzigen. Nichts verstand er. Es war doch alles so wie immer. Er war von der Arbeit nach Haus gekommen, hatte sich an den bereits gedeckten Tisch gesetzt, die Zeitung gelesen, während sie ihm von ihrem Tag erzählte. Er hatte nicht zugehört, gut, das stimmte, aber das hatte er doch schon die letzten Jahre hindurch nicht mehr getan. C’est la vie, wie die Italiener sagen. Und jetzt das. Hinrich verstand die Welt nicht mehr. Und genau so sah er auch aus der Wäsche.

Vera musterte den Mann, den sie vor Jahren geheiratet hatte und erschauderte. Ein viel zu schnell verschenktes, vergeudetes, ein vergeigtes Leben lag zwischen ihrer juvenilen Dummheit und seiner Altmännerzudringlichkeit Sie seufzte himmelweit.

* * *

Ein Absatz aus einer weiteren Beziehungsschilderung, die es ebenfalls nicht sehr weit gebracht hat. Eigentlich schade, denn die Figur der Frau, die urplötzlich erkennt, dass ihr Leben anders verlaufen ist, als sie es sich jemals hätte erträumen können, fasziniert mich. Vielleicht werde ich noch einmal in dieser Richtung einen Versuch unternehmen. Dann allerdings ohne den schwiemligen Hinrich. Sondern vielmehr mit einem Heißsporn namens L.T.B.! Der würde ja auch viel besser passen. Kühn, abenteuerlustig, verwegen und zu allem Überfluss auch noch verdammt gut aussehend. Mit einem Wort: Ein wahrer Teufelskerl!

Ein Halunke musste es schon sein, den Laden der Enttäuschten wieder auf Vordermann, in Schwung zu bringen, dass es nur so krachte im Getriebe des täglichen Einerleis, dem Einheitsbrei, der grauen Eselei.

Hinrich den Dämel könnte man elegant um die Ecke bringen. Mit einer Dampfwalze zum Beispiel. Da wäre er platt. Ich weiß, ich weiß, der letzte Satz ist nicht so toll. Ich lass ihn aber trotzdem stehen. Nur um den Leser zu strietzen.

Aber hallo.

L.T.B.

Rast

Rüdiger war mal wieder auf dem Weg nach Nirgendwo. Halbwegs hatte er die Strecke schon zurückgelegt. Er ließ sich am Wegesrand nieder zu einer kurzen Rast. Rasend rastend, Verspieltes im Sinn, fiel ihm spontan wieder Ute ein. Ute, jenes bezaubernde, weibliche Wesen, das ihm den Verstand geraubt hatte, mit ihrer wilden Mähne, dem unbändig glockenhellen Lockenkopf und dem Kropf. Nein, kein Kropf, nur ein Kopf. Ein unbändiger Kopf voller Haare, Locken so hell wie das Läuten der Glocken von Sankt Walburga, der Schutzheiligen aller verliebten und verlorenen Seelen. Und genau das war er ja. Und was für eine. Er beschloss, sofort umzukehren und um ihre Hand anzuhalten.* Idiot, der er ja auch schon immer gewesen war.

*Oder sie vielleicht alternativ zu fragen, ob sie nicht Bock hätte, mit ihm zu poppen und lauter bescheuerte Blagen zu machen.

* * *

Zugegeben, kein besonders gelungener Anfang. Aber im Kern doch ganz brauchbar. Zumindest im Ansatz ganz gut. Der Nachsatz mit dem Geschlechtsverkehr wirkt irgendwie unpassend, sollte aber den rauen, flapsigen Ton haben, den ich mir für die Hauptpersonen vorgestellt hatte. Es sollte in diesem Fall auf ein Happy End hinauslaufen, mit allem Brimborium, also Hochzeitsglocken und so weiter. Bis dahin allerdings sollten den beiden Hauptpersonen Rüdiger und Ute, immer wieder Begebenheiten passieren, die sie zum Nachdenken anregen und den Sinn ihres Lebens hinterfragen lassen. Aber es ist letzten Endes leider nichts daraus geworden, da ich mit meinem großen Roman anfing, den ich unter einem Pseudonym veröffentlicht habe. Er hieß „Die Elefantenmutter“.

Dazu an anderer Stelle mehr.

Die Wege, die die Menschen beschreiten, bergen oftmals eine Fülle von Stolpersteinen und Untiefen, die sie straucheln lassen. So sollte es Rüdiger und Ute ergehen. Nun sind sie auf ihrem Weg stehen geblieben und halten inne, der unwägbaren Zukunft eines Romanhelden schutzlos ausgeliefert.

Es liegt wohl in meiner Hand, sie aus dieser verharrenden Starre zu befreien und ihnen den Odem des Lebens erneut einzuhauchen.

Mal sehen, wann es so weit sein wird.

L.T.B.

Kirschen*

Schrage blickte durch das von Fliegendreck verschmutzte Fenster seines ehemaligen Kinderzimmers in den verwilderten Garten. In diesem Garten hatte er als Kind gespielt, hatte das Obst von den Bäumen genascht und war in ihnen herumgeklettert, wie ein junger Affe.

Aber als er jetzt die Krähe in dem alten Kirschbaum erblickte, fielen ihm seine lang vergessen geglaubte Kindheit und damit all die schwarzen Momente in seinem Leben ein. Er wandte sich erschrocken vom Fenster ab und blickte sich in dem nun leer stehenden Zimmer um. Da wurde ihm plötzlich klar, dass er seitdem keine Kirschen mehr gegessen hatte.

* * *

Die Geschichte einer Heimkehr. Aber auch die Geschichte eines Gestrandeten hatte es werden sollen. Ein Gestrandeter, der in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts über seine eigene Kindheit nicht hinaus gekommen ist. Jemand, der nie so recht wusste, wohin er gehörte, entwurzelt und seiner Zeit beraubt. Ein Grenzgänger am Scheideweg der Geschichte und ein Abrechner mit der Generation seiner belatzhosten, selbststrickenden Ökoaktivisten-Eltern, die im Zuge des derzeit ja schon allzu mächtig grassierenden Biobooms doch noch zu späten Ehren kommen. (Selbst die Discounter entdeckten ja vor Jahren schon den Bioschwindel als ewig sprudelnden Quell des Profits.) Makrobiotisch, alternativ, mit selbstgegerbtem Schuhwerk und der unausweichlichen Sonnenblume im Balkonkasten.

Lila Halstücher oder eben die vom Arafat getragenen Palästinenserlappen um den mit Pachouli getränkten Hals gewickelt, als Erkennungszeichen der Durchblicker und Bescheidwisser. So hatte ich es mir gedacht, das Büchlein klein und fein. Aber letztlich trampelte mir auch da wieder die „Elefantenmutter“ brachial und wüst trompetend dazwischen und in die Parade.

*In und um Trier herum gern auch Kürschen oder Körschen genannt.

L.T.B.

Kaspar

Kaspar hatte zeit seines kurzen Lebens unter seinem Namen gelitten. Schon als Kind war er gehänselt und gekaspart worden. Sein unbändiger Trotz und ein gerüttelt Maß an Gleichmut ließ ihn an seinem mitunter schweren Schicksal dennoch nicht verzweifeln.

Der ach so liebe Gott habe den ach so krausen Kasparkopf selig, den Gaudiburschen wider Willen!

Ich hätte mich über ihn immer wieder und wieder totlachen können, wie auch all die anderen Leute in unserem kleinen Ort am Rande des finsteren Waldes, wenn es nicht so maßlos traurig gewesen wäre.

* * *

Ein Absatz aus meiner projektierten Autobiografie. Jenen armen Tropf, diesen Kaspar, hat es gegeben und er ist mir trotz all der Jahre, die mittlerweile vergangen sind, immer noch lebhaft in Erinnerung. Ich hatte eigentlich so gut wie nichts mit ihm zu tun, aber er war bekannt im Ort und ist letztendlich auch daran gescheitert, dass er dem Typus eines Kaspars entsprach. Er hatte eine lange, spitze Nase, sowie diese krächzende Stimme, die man von Kasperletheatern her gewohnt ist. Unter diesen Umständen waren die Hänseleien ja auch nur zu verständlich. Armer Tropf, das hatte er wirklich nicht verdient. Nun, mit einem leisen Schmunzeln werde ich mich vielleicht mal erneut an diese Kasperliaden begeben, waren sie doch ein Teil meiner Kindheit. Auch wenn der arme Kaspar sie nicht überlebt hat.

L.T.B.

Elternlos

Meine Vergesslichkeit begann im Alter von etwa zwölf Jahren. Es fing damit an, dass ich vergaß, wer meine Eltern waren. Sie wurden für mich zu Überbleibseln aus einer lang zurück liegenden Zeit und mein Geist sagte mir, dass es besser war, diese Fragmente abzulegen, sich ihrer sicher zu entledigen, wie einen viel zu lang mit sich herumgetragenen Ballast. Von da an kannte ich weder meine Eltern, noch meine anderen Verwandten. Es war dies nur ein kleineres Desaster, das mich über einen längeren Zeitraum begleitete. Aber als ich dann älter wurde, da hatte ich die ganze höllische Brut wie einfach nur so nebenbei und tatsächlich bald auch schon ganz und gar komplett vergessen. Es war nicht traurig, es war nicht rührselig. Ich war froh, dass ich das Alphabet nicht vergessen hatte, damit ich wenigstens noch niederschreiben konnte, was geschehen war. Zumindest jedoch das, was mir nicht durch die Finger geglitten war wie feiner Sand. Es hätte mich wirklich mehr als alles andere betroffen, wenn ich sogar dieser Fähigkeit verlustig geworden wäre. Und so ging es eine Weile.

* * *

Der Beginn eines Anfangs, das Ende eines Abschlusses. So hatte ich es mir vorgestellt. Und es kam doch alles ganz anders. Viele meiner Projekte haben ein kurz- und frühzeitiges, ein geradezu unverzüglich rapides Ende erfahren, aber dieses ist als so eine Art goldigem Zwischenabsatz zur rüsselig trompeterischen „Elefantenmutter“ von Bestand geblieben. Was mir jetzt erst so richtig auffällt, da ja Weihnachten vorbei ist, der reale Bezug, das Gefühl der Zusammengehörigkeit, ist mir wohl zu dieser Zeit wirklich abhandengekommen.

Die Pubertät bewirkt ja viel in einem sensiblen Menschen und manchmal fühlt man sich so fragil und allein. Eltern können nicht verhindern, dass Ideale den Bach runtergehen. Aber genauso kann man als Kind nicht verhindern, dass die Eltern ein Eigenleben führen und auch ihre Ruhe brauchen um sich zu sammeln, sich als Personen zu finden, zu entwickeln und zu festigen. Ich weiß bis zum heutigen Tage nicht, was am Ende aus ihnen, den unsäglichen Elternlackln geworden ist.

Gestorben…vermutlich.

Und zu Recht.

Hoffe ich.

L.T.B.

Leb los

Für späterhin nahm er sich vor, sein Leben zu ändern. Es sollte anders gestaltet werden. Nicht so eintönig wie bislang. Mit etwas mehr Pepp. Mit Verve und Schmackes, wenn man es denn so nennen wollte. Es müsste aufregender sein, spannender und es müsste jeden Tag etwas passieren, mit dem er nicht gerechnet hätte, das ihn aber nicht umhauen würde. Ja, so sollte es sein. So stellte er sich sein neues Leben vor.

Aber einstweilen sollte es erst mal so bleiben wie es immer schon gewesen war. Nicht aufregend und spannend, sondern eher beschaulich und sicher. Nur ja nichts überstürzen. Es nicht übers Knie brechen. Besonnenheit war das Gebot der Stunde. Ihm wurde bewusst, dass sich auf diese Art und Weise das Leben niemals ändern würde. Sein Zaudern hinderte ihn daran, mehr aus sich und seinem Leben zu machen. Als diese Erkenntnis seinen ermatteten Geist durchfuhr, stolperte eine Träne über seine breite Nase hernieder.

Stille trat ein

* * *

Ein kurzer Absatz aus einem umfänglicheren Text, der es ebenfalls nicht geschafft hatte, mich länger zu fesseln. Sind mir doch die Gestalten, welche sich in meinem Kopfe tummeln, mitunter rechte Plage- und Quälgeister. Dieser zaudernde Zaungast konnte mich irgendwie nicht an sich binden. Schade eigentlich, wenn man bedenkt, was daraus alles hätte werden können.

L.T.B.

Dagmar

Mit satten sechzig Sachen im Golf durch die geschlossene Ortschaft. Dagmar himmelte ihn an dafür. So draufgängerisch und rebellisch hatte sie ihn seit Jahren nicht mehr erlebt. Beinahe war es so wie damals, als er jung und aufmüpfig war. Zu der Zeit trug er als einziger Junge in Clique keine Blue Jeans, sondern Lederhosen.

Sie schnurrte wie eine Katze.

Der Motor schnurrte katzig zurück.

Erwin lächelte selbstbewusst, siegessicher. Wie jemand der weiß, dass er unbesiegbar und unverwundbar ist. Kühn reckte er das Nussknackerkinn in den von Kuhdung gesättigten Fahrtwind und atmete hörbar durch.

Dann tauchte der Schupo am Ende der Straße auf und hielt seine Kelle hoch.

Dagmar entsicherte ihren Lippenstift.

* * *

Der Anfang einer Geschichte um ein kriminelles Paar. Über Stock und Stein und die Polizei immer im Schlepptau hinterlassen sie auf ihrem Weg ins unausweichliche Verderben eine Schneise der Verwüstung. Ähnlich der Geschichte um Bonnie & Clyde. Aber weniger dramatisch. Mehr eine Beziehungsgeschichte. Aber eine, die es in sich haben sollte. Gehaltvoller. Auch was den Bleigehalt der Luft angeht. Naja, so in etwa.

L.T.B.

Mutters Sohn

Lächelnd spreizte sie ihre schlanken Beine. Ihr senkrechtes Lächeln prangte ihm tropfnass entgegen. Er spürte wie das Blut in seinem harten Schwanz pochte. Sie öffnete langsam ihre feucht glänzenden roten Lippen. Ihre Zunge lugte zart rosa dazwischen hervor.

Er wollte sich gerade über sie, also über sich selbst hermachen. Dann rief Mutter von nebenan und wollte wissen, ob er ihre Coregas irgendwo gesehen hätte. Die Prothese schmeckte ja so schlecht nach dem gestrigen Frühstück. Da hatte sich wohl was angesammelt.

Gerd würde sich nachher eine andere schweinöse Situation ausdenken. Das stand für ihn felsenfest. Aber hamsterhart!

* * *

Er hatte einen harten Tag hinter sich. Die Kunden waren noch schlimmer als sonst gewesen, hatten ihn mit ihren Sonderwünschen beinahe in den Wahnsinn getrieben und am Ende hatte er kaum Umsatz gemacht.

Nun musste er zu allem Überfluss nach Haus zu seiner alten Mutter, die ihn auch noch mit ihrem endlosen Geplapper nerven und piesacken würde. Er hasste diese Tage.

Seine Mutter lag mit offenem Mund schlafend auf dem Sofa. Getrockneter Speichel klebte weiß in ihren Mundwinkeln. Sie schnarchte schwer wie ein Pavian. Der Fernseher lief und auf dem Bildschirm erblickte er nun Paviane, die sich brav gegenseitig lausten.

Er blickte auf die Schlafende herab. Sie bemerkte ihn nicht.

Noch nicht.

* * *

Drangvolle Enge, Hetze, Eile, Gedrängel und fluchende Mitmenschen. All das nur, um schnellstmöglich von dem einen Ende der Einkaufsstraße zum anderen zu gelangen. Bepackt mit sinnlosen Geschenken, die spätestens nach den Feiertagen im Müll landeten.

Die Tage werden kürzer, der Weg bleibt der ewig gleiche. Gerd würde es auch diesmal wieder überstehen. Dieses Mal wie die anderen Male auch schon.

Immer und immer wieder.

Faltenrock

Behände auf den Trockenboden geschlichen. Hier hängten alle Mietparteien ihre Wäsche zum Trocknen auf die Leine. Schnell rüber zur Wäsche der eigenen Mutter und auch gleich etwas Passendes gefunden. Ein Rock. Er zog seine Hose aus und schlüpfte in Mutters Wäsche. Das gefiel ihm. Sehr sogar. Er tanzte ausgelassen umher, summte tatsächlich eine kleine Melodie und streichelte den zinnoberroten Stoff. Ihm träumte von einer besseren Zeit, einem besseren Leben. Ohne Mutter aber mit ihren Röcken und Kleidern. Irgendwie freute er sich schon ein klein wenig darauf, sie beizeiten beerben zu können. Dann würden all die schönen Kleider ihm gehören und Mutter könnte ihm nie wieder dreinreden. Gerechtigkeit würde walten. Endlich! Ein kurzes, speicheliges Lachen gönnte er sich bei diesem Gedanken. Er sah sich als einen befreiten Jungen, einen kühnen Recken. Losgelöst aus den Klauen des allseits besorgten, besitzergreifenden, des ewig übermächtigen Muttertieres. Versonnen, und sich in seiner strahlenden Zukunft schon häuslich einrichtend, legte er den Rock wieder ab und warf ihn, nachdem er ihn zerknüllt hatte, auf den Boden. Zweimal noch trat er darauf. Und wenn Mutter fragte, woher denn die ganzen Knitterfalten herkämen, würde er die Nachbarin, nein, besser noch den Nachbarn als Verdächtigen aus dem Hut zaubern. Der war ja längst allen anderen Mietern suspekt und sehr verdächtig. Einer, der mit einem zwielichtigen Lächeln durch das Leben schritt. Dem würde man es jederzeit zutrauen, der guckte nämlich immer so komisch.

* * *

Die tragische Geschichte einer Mutter/Sohn Beziehung. Hier nur in Ansätzen wiedergegeben. Ich habe es auch nicht weiter verfolgt, da ich irgendwann gemerkt habe, dass ich mich in Frauenköpfe weniger gut einfühlen kann, als ich zunächst gedacht hatte. Es wäre dem Leser wahrscheinlich recht schnell aufgefallen, dass ein Mann dahinter steckt.

Also habe ich es gelassen. Wer weiß, vielleicht kriege ich die Kurve ja doch noch und dann wird was draus. So jedenfalls nich.

L.T.B.

Sekunde

Eine Sekunde konnte so viel verheißen. Einen heißen Blick oder ein heißes Auge möglicherweise. Eines Auges Biss vielleicht sogar. Bissig augenblicklich die Stimmung, als der junge Mann auf sie zutrat. Weder goldig noch lockig und ohne jede Art von Anziehungskraft. Von ihr ewiglich verschmäht würd er bleiben müssen, der gesichtslos bleiche Junge. Weder wurden Glanz noch Kraft oder auch nur Schönheit je wahrgenommen an ihm. Zu schwach, zu wankelmütig der Verstand. Aber es würde schon noch gehen. Gestärkt aus dem Zweikampf der Sinne in Sinnlosigkeit hervorgehen und trotz allem Mensch bleiben oder werden müssen. Sie würde lange Zeit davon zehren können.

Der Junge verzagte früh.

Zu früh.

Wiedermal.

* * *

Ein weiterer Absatz aus dem Zyklus um Mutter/Sohn, den ich ja bereits in Teilen angerissen habe. Das ganze nimmt nun eine Wendung zum Schlimmerem, zum Argen. Zum ersten Mal tritt so etwas wie Hass offen zu Tage und wird auch nicht relativiert. Ich bin gespannt, wo die Reise hingehen wird.

L.T.B.

Sofa

Auf dem Sofa liegend beobachtete sie die Spinne, wie sie eilig über den abgewetzten Linoleumfußboden krabbelte. Nach Beute Ausschau haltend oder ein zur Paarung bereites Spinnenweib zu erschnüffeln? Sie fragte sich, wie die spinnerten Spinnentiere sich gegenseitig wahrnahmen, sich erkannten und sich schließlich, zu allem Überflusse auch noch krabbelnd fanden. War es deren Geruch? Geräusch? Ach was, alles nur Getäusch. Die Augenlider wurden schwer und wollig. Wolle spinnend. Ein wohlig warmes Gespinst umfing den allzu schlafwilligen Geist, geradeso, als sei sie tollpatschig in des Spinnenmannes Netz gestolpert und hätte die nötige Prise seines traumhaften Giftes erhalten, die es bräuchte, sie zum Spinnen zu bringen. Krabbeln würde sie dann irgendwann auch noch. Und zwar traumhaft traumwandlerisch achtbeinig. Ihr Kopf tanzte eine mollige achtbeinige Sofaspinnensamba.

* * *