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Ein neuer Fall für Ersten Hauptkommissar Kubischenko und sein bewährtes Team: An der von Touristen so beliebten friesischen Nordseeküste häufen sich rätselhafte Funde von Körpergliedern. Was zunächst wie ein Routineeinsatz erscheint, entwickelt sich schnell zu einem nervenaufreibenden Katz-und-Maus-Spiel, bei dem das Ermittlerteam einfach nicht weiterzukommen scheint. Während die Spuren quer durch die idyllische Urlaubsregion führen, geraten Ermittler und Leser gleichermaßen in ein Geflecht aus politischen und beruflichen Ambitionen, Machtspielchen und dunklen Geheimnissen. Doch als die Befragung eines Verdächtigen scheitert, scheint dies das Ermittlerteam an seine Grenzen zu bringen, zumal sich der Druck von außen erhöht. Immer wieder gibt es auch Hinweise, die ins Nachbarland Polen führen, was die Sache nicht gerade vereinfacht. Wird es dem Ersten Hauptkommissar Kubischenko doch noch gelingen, den entscheidenden Hinweis zu finden? Spannung pur ‒ ein Kriminalroman, der Nordseeflair mit packender Ermittlungsarbeit verbindet und Urlaubserinnerungen an diese schönen Küstenorte zu schaurigen Schauplätzen macht. Dies ist der sechste Kriminalroman aus der Serie der Friesland-Krimis von Siegfried Mau. Deshalb wird die Spannung und Unterhaltung wohl garantiert sein.
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Seitenzahl: 225
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.ddb.de abrufbar.
Hergestellt in Deutschland • 1. Auflage 2025
© Heimdall Verlag, Devesfeldstr. 85, 48431 Rheine,
www.heimdall-verlag.de
© Alle Rechte beim Autor: Siegfried Mau
Satz und Produktion: www.lettero.de
Coverbild: © www.lettero.de
Gestaltung: © Matthias Branscheidt, 48431 Rheine
ISBN: 978-3-946537-91-5
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www.heimdall-verlag.de
www.lettero.de
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Inhaltsverzeichnis
Zum Buch
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Zum Buch
Ein neuer Fall für Ersten Hauptkommissar Kubischenko und sein bewährtes Team: An der von Touristen so beliebten friesischen Nordseeküste häufen sich rätselhafte Funde von Körpergliedern. Was zunächst wie ein Routineeinsatz erscheint, entwickelt sich schnell zu einem nervenaufreibenden Katz-und-Maus-Spiel, bei dem das Ermittlerteam einfach nicht weiterzukommen scheint. Während die Spuren quer durch die idyllische Urlaubsregion führen, geraten Ermittler und Leser gleichermaßen in ein Geflecht aus politischen und beruflichen Ambitionen, Machtspielchen und dunklen Geheimnissen. Doch als die Befragung eines Verdächtigen scheitert, scheint dies das Ermittlerteam an seine Grenzen zu bringen, zumal sich der Druck von außen erhöht. Immer wieder gibt es auch Hinweise, die ins Nachbarland Polen führen, was die Sache nicht gerade vereinfacht. Wird es dem Ersten Hauptkommissar Kubischenko doch noch gelingen, den entscheidenden Hinweis zu finden?
Spannung pur ‒ ein Kriminalroman, der Nordseeflair mit packender Ermittlungsarbeit verbindet und Urlaubserinnerungen an diese schönen Küstenorte zu schaurigen Schauplätzen macht. Dies ist der sechste Kriminalroman aus der Serie der Friesland-Krimis von Siegfried Mau. Deshalb wird die Spannung und Unterhaltung wohl garantiert sein.
Anmerkung: Alle Namen sind frei gewählt und erfunden und haben keinen Bezug zu lebenden Personen. Auch hat sich der Kriminalfall so nie ereignet und alle Orte wurden rein zufällig ausgewählt. Wieder liegen die Schauplätze im Norden von Deutschland und der Kriminalroman ist angelehnt an die fünf vorherigen Bücher »Das doppelte Venussymbol«, »Der Zahn des Wolfes«, »Straßentod«, »Gegafft« und »Eingescharrt«, wobei es sich aber jedes Mal um abgeschlossene Episoden handelt.
Auch hier schafft es der Autor Siegfried Mau, Jahrgang 1958, den Leser wieder an bekannte Orte entlang der Nordseeküste mitzunehmen und sich in die Ereignisse hineinzuversetzen.
Kapitel 1
Es ist ein herrlicher Freitagmorgen. Oberkommissar Klaus Heidenreich sitzt bei geöffnetem Bürofenster vor seinem Schreibtisch und hört ganz vertieft einem Zaunkönig bei seinem Gesang zu. Er denkt so vertieft über diesen kleinen Gesellen aus der Vogelwelt nach, darüber, dass er der drittkleinste Vogel in Europa ist, aber für sein Größenverhältnis die lauteste Singstimme hat, die wir unter unseren heimischen Singvögeln kennen, dass er gar nicht bemerkt, wie ein junger Polizeiobermeister der Polizeidienststelle Wittmund nach mehrmaligem Klopfen in seine Amtsstube mit den Worten eintritt: »Moin, Oberkommissar Bello, äh, sorry, ich meinte Oberkommissar Heidenreich.«
Die Bemerkung mit dem Oberkommissar Bello scheint er zum Glück des eingetretenen Polizisten nicht mitbekommen zu haben, was dieser aber mit einem glücklichen Auspusten quittiert, als er den Schutzpolizisten verdutzt anschaut.
Den Spitznamen Oberkommissar Bello hat der Beamte Heidenreich schon damals als junger Kommissar bekommen, weil er mehrfach Leichen gefunden hat – und zwar meistens in seiner Freizeit – und einige, nein, sagen wir viele seiner Polizeikollegen fest der Meinung sind, dass er schon mehr Leichen entdeckt hat als der gleichnamige Leichenspürhund Bello bei der Polizeihundestaffel.
»Oh, sorry, Herr Obermeister, ich habe Sie gar nicht eintreten gehört«, sagt der immer noch verdutzte Oberkommissar zu seinem Besucher. »Stehen Sie schon lange da? Ich war gerade ein wenig in den Gesang eines Zaunkönigs vertieft, der wohl vor meinem geöffneten Bürofenster sitzt und aus voller Brust singt. Hören Sie mal. Ist doch unglaublich. Ziemlich laut, oder? Wissen Sie, woher der kleine Vogel seinen Namen hat?«
Das Kopfschütteln des Schutzpolizisten wertet Heidenreich als ein Nein und fährt deshalb direkt fort.
»Das wissen wahrscheinlich nicht so viele Menschen, aber unter uns Hobbyornithologen hört man schon mal die eine oder andere Geschichte über unsere vielfältige Vogelwelt, auch wenn nicht alles wahr zu sein scheint.
Also, man sagt, eines Tages wollten die Vögel auf unserer Welt wieder ihren jährlichen König wählen. Derjenige Vogel, der am höchsten fliegen könnte, dem sollte diese Ehre zuteilwerden. Natürlich hatten die kleinen, zarten Singvögel überhaupt keine Chance auf den Titel, obwohl einige von ihnen ja enorme Langstrecken auf ihren jährlichen Vogelzügen zurücklegen und andere besonders schnell fliegen können. Aber der Zaunkönig war besonders schlau. Er schaute sich um und überlegte, welcher der anwesenden Vögel wohl am ehesten dazu imstande sein könnte. Seine Auswahl fiel auf den Adler, der ja auch als der König unter den Greifvögeln gilt und schon mehrfach zum König aller Vögel gewählt wurde. Da fällt mir komischerweise sofort der Königsadler ein, obwohl der Name ›Königsadler‹, also der Aquila chrysaetos, ja eigentlich eine Fehlübersetzung ist und ›Steinadler‹ bedeutet, der bekanntlich der König der Lüfte ist. Aber kommen wir zurück zu unserem Zaunkönig. Dieser versteckte sich unter dem Gefieder dieses großen Greifs und flog mit ihm in die Höhe. Als der Adler bemerkte, dass er der Vogel war, der am höchsten geflogen war, und gerade wieder zur Erde herabstieß, flog der Zaunkönig unbemerkt aus seinem Gefieder heraus und noch ein kleines Stück höher. Somit war er der Vogel, der am höchsten geflogen war, wurde zum König ernannt und erhielt den Namen Zaunkönig. Aber das nur nebenbei. Warum sind Sie eigentlich hier?«
»Ja, das war eine wirklich gute Geschichte. Hätte man fast glauben können, wenn es sich nicht um Vögel gehandelt hätte. Aber die Geschichte werde ich auf jeden Fall meiner kleinen Nichte erzählen. Die findet Geschichten supertoll, wie sie als Vierjährige immer sagt«, erwidert der Schutzpolizist. »Ach ja, ich sollte dieses Paket raufbringen. Das lag vor unserer Tür, der Wache. Da hat einer mit Kugelschreiber draufgeschrieben: ›An die Kriminalpolizei Wittmund‹. Eine Zündschnur war nicht dran, und getickt hat auch nichts. Trotzdem haben wir es durch den Röntgenapparat geschickt. Scheint nur Eingemachtes drin zu sein. Wir haben aber ein wenig geschmunzelt. Schauen Sie mal, wie da jemand ›An die Kriminalpolizei‹ geschrieben hat. Kryminal mit Y anstatt mit I. Na ja, wie sagt mein Vater immer? Deutschland fing an, mit der Einführung von Smartphones zu verblöden. Der ist pensionierter Deutschlehrer. Wenn der morgens nicht mindestens sechs Fehler in unserer Stadtzeitung Wittmund in aller Munde findet, dann ist der nicht glücklich. Der würde der DHL sofort verbieten, dass die am Schalter Pakete oder Briefe annehmen, auf denen irgendetwas falsch geschrieben ist. Aber wir haben auch nicht verstanden, warum der Paketbote das Paket nur vor die Tür gelegt hat. Wahrscheinlich stand der unter ziemlichem Zeitdruck. Ist ja nicht so einfach bei uns: Klingeln, warten, bis man am Empfang eingelassen wird, Eintragen der Lieferung ins Empfangsbuch, ggf. Röntgen abwarten usw. Das kostet Zeit, die ein Paketbote überhaupt nicht hat. Irgendwie kann man die armen Teufel verstehen. Viel Stress bei wenig Bezahlung und noch weniger Zeit. Aber was soll‘s. Hier ist das Paket.«
Mit einem zustimmenden Nicken nimmt Heidenreich das Paket entgegen, bedankt sich bei seinem Kollegen und verabschiedet diesen, der dann auch sofort wieder mit einem »Tschüss« das Büro verlässt, welches Oberkommissar Heidenreich sich sonst mit seiner Kollegin, der Hauptkommissarin Kralle, teilt.
Gerne würde er dem Zaunkönig noch ein wenig bei seinem Gesang zuhören, aber die Neugier darüber, was dort im Paket steckt, ist doch ein wenig größer, als einer seiner Leidenschaften zu frönen. Normalerweise öffnet – warum auch immer – seine Kollegin Kralle sämtliche Briefe und Pakete, die ihr Kriminalteam Eins betreffen, und verteilt sie entsprechend an ihn, sich selbst und an ihren Chef, den Ersten Hauptkommissar Kubischenko, den alle alten Kollegen »Kojambo« nennen – wohl, weil er nicht nur äußerliche Ähnlichkeiten mit einem bekannten Fernsehkommissar hat, sondern auch in seinem Verhalten oftmals den Gedanken an diesen Fernsehhelden aufkommen lässt. Nun ja, ein wenig wurde der Name ja abgewandelt und seinem wohl aus Polen stammenden Namen angepasst.
Aber weder der Chef des Oberkommissars, der Erste Hauptkommissar Kubischenko, noch seine Kollegin Hauptkommissarin Kralle sind heute auf der Dienststelle.
Sein Chef ist mit drei seiner Vereinskameraden aus dem Angelverein zum Hochseefischen nach Schweden gefahren, und seine Kollegin Kralle nimmt an einer Polizeiweiterbildung mit dem Thema Umgang mit in Gewahrsam genommenen Kindern und Jugendlichen bei Vernehmungen teil. Um solche Lehrgänge reißen sich die Kriminalbeamten nicht gerade, aber der für das Kommissariat zuständige Staatsanwalt Rupens, der aufgrund seiner Fettleibigkeit von den Kripobeamten sowie den Schutzpolizisten, die im gleichen Gebäude untergebracht sind, gerne auch »Rubens« genannt wird, hat angeordnet, dass jeder Kriminalbeamte und jede Kriminalbeamtin aus den Kriminalteams Eins und Zwei an mindestens einer Weiterbildung im Jahr teilnimmt. Der Erste-Hilfe-Lehrgang des Roten Kreuzes zählt da übrigens nicht mit. Bekanntlich hat der Maler Rubens ja gerne etwas massigere Models mit Öl auf Leinwände verewigt – woran sich wohl viele erinnern, wenn sie den viel zu fettleibigen Staatsanwalt betrachten.
Zuerst wollte keiner aus dem Team Eins von Kubischenko teilnehmen, und es sollte geknobelt werden, wer denn geht. Aber als seine Kollegin Ute Kralle hörte, dass ihr Freund, Hauptkommissar Mehl vom Kriminalteam Zwei, teilnimmt, da war für sie klar, dass auch sie teilnimmt. Das Knobeln hatte sich also somit erledigt, was wohl sowohl bei Heidenreich als auch bei Kubischenko zu einem ziemlich breiten Grinsen führte und der lieben Ute doch eine ziemliche Röte ins Gesicht zauberte.
Nun ja, niemand hier – außer ich, denkt sich Heidenreich nochmals – und fängt an, das Paket sorgfältig aufzureißen. Unter dem Packpapier befindet sich ein kleinerer Karton, über dem ein Pappdeckel gestülpt ist. Diesen Deckel zieht er sorgfältig nach oben und stellt ihn neben dem Karton ab. Als er hineinschaut, blickt er auf zwei Einmachgläser, wovon eins mit einer Flüssigkeit gefüllt ist und in dem anderen eine Postkarte oder Ähnliches zu liegen scheint. Als er das mit der Flüssigkeit aus dem Karton herausnimmt, kann er es kaum fassen: In dieser Flüssigkeit befinden sich tatsächlich drei abgeschnittene kleine Finger und drei abgeschnittene kleine Zehen.
Zitternd stellt er das Glas zurück in den Karton und setzt sich erst einmal hin. Nach einer Weile fasst er sich aber, greift zum Telefonhörer und ruft Frau Doktor Schall-Berger an – die enge Freundin seines Chefs und in Wittmund die Leiterin der Kriminaltechnik, oder auch Forensik, wie einige es nennen, deren Gebäude am anderen Ende von Wittmund liegt.
»Angelika, bist du es?«, fragt er nach, obwohl sie sich eigentlich klar und deutlich mit ihrem vollen Namen gemeldet hat.
»Ja, moin, ich bin es. Was ist dir widerfahren? Deine Stimme klingt ziemlich zitterig«, antwortet diese.
Dann erzählt Oberkommissar Heidenreich ihr, immer noch ziemlich aufgeregt, von dem geheimnisvollen Paket mit dem ekeligen Inhalt.
Frau Doktor Schall-Berger antwortet mit ruhiger Stimme: »Klaus, hör jetzt gut zu. Du verlässt jetzt dein Büro und stellst dich draußen vor die Tür. Du verhinderst, dass irgendeiner außer wir von der Spurensuche in den Raum gelangt. Du lässt nicht mal den Kaiser von China da rein, ist das klar? Ich stelle jetzt ein Team zusammen und dann komme ich. Das kann wohl dreißig Minuten dauern. Also, nichts mehr anfassen und raus.« Dann verabschiedet sie sich und legt den Hörer auf.
Heidenreich geht zum Fenster, schließt dieses und verlässt dann sein Büro, um draußen vor der Tür zu warten. Die Zeit scheint nicht vergehen zu wollen, und dem jungen Oberkommissar geht tausendmal nur ein Gedanke durch den Kopf: Warum passiert gerade ausgerechnet mir wieder so etwas? Warum musste gerade ich dieses blöde Paket öffnen? Hätte ich es nicht bis morgen stehen lassen können? Dann wäre auch der blöde Lehrgang von Ute zu Ende, und Heinz wäre von seiner Angeltour zurück.
Wenn die Kollegen unter sich sind, dann reden sie sich seit Kurzem mit Vornamen an. Dies hat ihr Staatsanwalt aber im Dienst verboten und sich auf eine Anweisung des Innenministeriums berufen. Er sagte, dass das Siezen untereinander der Bevölkerung mehr Professionalität vermittelt und so gar nicht erst den Verdacht von irgendwelchen Mauscheleien aufkommen lässt.
Aber an all das denkt der junge Oberkommissar jetzt gar nicht. Er ist einfach nur froh darüber, als die Forensikerin Frau Doktor Schall-Berger eintrifft und ihm mitteilt, dass sie jetzt mit ihrem Team den Auffindeort der Körperteile übernimmt. Er solle doch in der Kantine warten, bis sie zu ihm kommt.
Dann rät sie ihm, doch schon einmal ein Gedächtnisprotokoll über den gesamten Vorfall zu schreiben. Das würde ihm später bestimmt bei den Ermittlungsarbeiten helfen, wenn denn sein Team für die Lösung dieses Falles eingesetzt wird.
Heidenreich nickt nur kurz und geht dann in die Polizeikantine, wo er sich hinsetzt und erst einmal seine Gedanken ordnet, damit er das von Frau Doktor Schall-Berger empfohlene Gedächtnisprotokoll in sein Mobiltelefon eintippen kann.
Dann macht er aber einen großen Fehler: Er bestellt sich einen Kantinenkaffee. Das ist wohl der allerschlechteste Kaffee, den man bei einer deutschen Behörde trinken kann.
Dies quittiert er dadurch, dass er den Becher Kaffee nach dem ersten Schluck mit schüttelndem Kopf zur Geschirrablage bringt und den noch bis oben gefüllten Becher auf ein Tablett für Gebrauchtgeschirr stellt – nicht ohne sich zu ärgern, weil er für dieses Ekelgebräu auch noch einen Euro zehn bezahlt hat.
Dann setzt er sich aber an einen Ecktisch und gibt einige Stichworte zu dem gesamten Vorfall in sein Smartphone ein. Dabei fällt ihm auf, dass er gar nicht den Namen des Obermeisters der Schutzpolizei kennt, der ihm das Paket gebracht hat, und beschließt, nach unten in die Wache der Schutzpolizei zu gehen, um diesen zu erfragen.
Als er in die Wachräume der Kollegen kommt, trifft er den Dienststellenleiter der Wache, den Polizeihauptmeister Heini Ringel.
»Na, Oberkommissar Heidenreich«, begrüßt ihn dieser. »Was verschafft uns denn die Ehre, dass Sie uns besuchen?« Normalerweise duzen sich die zwei auch, aber in der Wache hören ja immer Kollegen mit, wenn etwas besprochen wird. »Das hat doch sicher etwas damit zu tun, dass ein Spurensuchkommando oben bei Ihnen in den Räumlichkeiten ist, oder?«, redet der Einsatzleiter der Schutzpolizei weiter. »Jetzt sagen Sie bloß nicht, dass Sie eine Leiche unter einem Schreibtisch gefunden haben.« Natürlich hat er dabei ein Lächeln auf den Lippen.
»Ja, genau darum geht es, äh, nein, nicht um eine Leiche – um die Spurensicherung. Ich müsste mal den Namen von dem Kollegen haben, der mir vorhin das Paket gebracht hat.«
Dann erzählt Heidenreich dem Polizeihauptmeister die ganze Geschichte, welcher mehr als verblüfft darüber ist, was Heidenreich schon wieder erlebt hat.
»Interessant, interessant. Na ja, eine Leiche ist es ja diesmal nicht, die Sie entdeckt haben, aber immerhin wieder nah dran. Okay, ich schicke die entsprechende Person mal direkt hoch in Ihr Büro, da kann die Spusi – sorry, wir sollen ja keine Abkürzungen benutzen, ich meine die Spurensicherung – direkt mal die Fingerabdrücke und eine DNA-Probe von Obermeister Paulsen nehmen. Ich prüfe aber vorsichtshalber mal nach, wer das Paket sonst noch angefasst hat. Der oder die können sich dann auch sofort bei Angelika melden.«
Dann verabschiedet sich der Polizeihauptmeister von Heidenreich, um seine Aufgabe zu erledigen, und der Oberkommissar geht zurück zur Kantine, um dort mit Spannung auf die Forensikerin Angelika Schall-Berger zu warten.
Kapitel 2
Es vergehen noch ungefähr zwanzig, für Heidenreich lange Minuten Wartezeit, bis die Leiterin der Kriminaltechnik in die Kantine kommt, um mit Oberkommissar Heidenreich zu sprechen. Sie wird sofort mit einem freundlichen »Moin« von Heidenreich begrüßt und dann sagt er: »Ich würde dir ja gerne einen Kaffee anbieten, aber der Kaffee hier geht gar nicht. Habt ihr schon Informationen für mich?«
»Ja, Moin Klaus, ich habe schon von dem schlechten Kaffee hier gehört. Der Tee soll übrigens genauso schlecht sein. Aber ich frage mich: Was kann man beim Teebrühen eigentlich verkehrt machen? Liegt wahrscheinlich daran, dass hier jetzt ein Koch aus Bayern arbeitet. Lass es mal gut sein. Ich hab eh keine Zeit, weil ich noch einkaufen gehen will. Da ist dir ja wieder was passiert«, redet sie weiter. »Da ist dir das Gelächter der Kollegen wohl wieder sicher. Dein Spitzname ›Kommissar Bello‹ wird sich wohl weiter verfestigen, obwohl ja du mehr oder weniger die Leichenteile – wenn man denn davon sprechen kann – nicht gefunden hast, sondern die Teile eher dich. Na egal, ob die Teile postmortal abgetrennt wurden oder auch nicht, ob die Opfer ohne diese Gliedmaßen leben könnten oder nicht, ergeben erst umfangreichere Tests. Fest steht, dass es drei Opfer gibt, da es sich um drei linke kleine Finger und Zehen handelt, wovon die Menschen ja bekanntlich jeweils nur einen haben. Auch wie lange die Finger im Alkohol gelegen haben und wie dieser zusammengesetzt ist, bedarf noch umfangreicher Tests. Aber die Spurenlage ist erst einmal gesichert, und du kannst wieder in dein Büro. Die Kollegen der Schutzpolizei haben schon die Fingerabdrücke und ihre DNA-Proben hinterlassen, es waren zwei, die das Paket berührt hatten. Deine haben wir ja. Wir haben alles eingepackt und mitgenommen. Aber vor Mittwoch oder Donnerstag werdet ihr wohl keine Ergebnisse bekommen – kann sein, dass es sogar noch später wird. Erstens: Gleich beginnt das Wochenende, und die Tests, die ich zu machen habe, die dauern wohl etwas länger. Das Etikett des Paketes habe ich aber abfotografiert und sende es dir noch heute. Ebenfalls schicke ich dir Abbildungen von der Ansichtskarte, die im anderen Einmachglas steckte. Dann könnt ihr ab Montag schon mal mit den Ermittlungen anfangen, wenn denn Staatsanwalt Rupens euch für den Fall einteilt.
Heinz und Ute sind ja am Montag auch wieder da. Ach ja, ich sehe Heinz heute Abend noch. Wir wollen zusammen kochen. Er bringt frischen Fisch aus Schweden mit. Er hat mir schon ein Foto über WhatsApp geschickt, mit einem ziemlich großen Lachs, der ihm dort an die Angel gegangen ist. Wahrscheinlich bringt er wieder einen ganzen Berg von Fischen mit, um diese in meiner Tiefkühltruhe zu deponieren, weil seine nicht ausreicht. Er meinte letztes Jahr, dass er zwanzig Kilogramm Fisch in Deutschland einführen darf, und das müsse er schließlich ausnutzen. Die Fahrt dorthin ist schließlich teuer genug. Na ja, wenn er denn da ist, werde ich ihn schon mal über die ganze Sache informieren. Du kannst dann schon mal zu Rupens heraufgehen und ihn über den Vorfall informieren. Wie ich den kenne, habe ich den danach sowieso sofort am Telefon. Aber dem kann ich leider auch nicht mehr sagen als dir. Also, schönes Wochenende. Wir sollten mal alle wieder zusammen was unternehmen. Das war letztes Mal richtig gut.«
»Ach, Angelika, hast du am Telefon eigentlich so deutlich gesagt, dass ich dafür sorgen soll, dass niemand den Tatort – oder besser gesagt den Auffindeort – betreten soll, weil mir als unerfahrenem Kommissar einmal der Fehler unterlaufen ist, den Auffindeort einer Leiche nicht gesperrt zu haben?«, fragt Klaus Heidenreich nochmals mit gekräuselter Stirn nach.
»Nein, nein«, antwortet die Leiterin der Kriminaltechnik. »Ich weiß, dass einige Kollegen noch heute darüber Witze machen, über die Ströme der Touristen, die du damals an den Auffindeort herangelassen hast, aber das würde ich bestimmt nicht machen. Daran hatte ich bei unserem Telefonat gar nicht gedacht. Ich hatte dir nur das gesagt, was ich auch jedem Bürger gesagt hätte, der mich angerufen hätte. Reine Gewohnheit. Also, sorge dich nicht.« Dann dreht sich Frau Doktor Schall-Berger mit einem leichten Grinsen um und verlässt die Kantine.
Der junge Oberkommissar denkt noch kurz nach, aber dann folgt er dem Ratschlag der Leiterin der Kriminaltechnik und begibt sich auf den Weg ins Büro des Staatsanwalts.
Dort kommt er nach kurzer Zeit an und klopft zaghaft an seine Tür. Aus dem Inneren heraus hört er ein gequältes »Herein«, woraufhin er in das Büro mit einem zögerlichen »Moin« eintritt. Er denkt noch so für sich, dass sein Chef Kubischenko wohl damit recht hat, dass es im Büro des Staatsanwalts immer wie in der Kantine riecht, weil dieser wohl nur selten nach dem Mittagessen die Fenster zur Durchlüftung öffnet. Gerade will er anfangen zu sprechen, da funkt auch schon der Staatsanwalt dazwischen, ohne ihm einen Sitzplatz anzubieten, weshalb er vor dem Schreibtisch des Staatsanwalts stehen bleibt.
»Heidenreich, hoffentlich ist das kein schlechtes Zeichen, dass Sie hier hochkommen, wenn Kubischenko nicht da ist. Ich habe gerade echte Magenschmerzen. Mein Aufstoßen bringt mich gleich um. Ich habe schon Medikamente eingeworfen, aber die helfen überhaupt nicht. Dabei hatte ich mich so über die Schweinshaxe mit Sauerkraut gefreut, die ich mir heute bestellt habe. Ich habe extra eine doppelte Kartoffelpüreeportion und doppeltes Sauerkraut bestellt, weil ich das so gerne esse. Jetzt wird mir auch noch schlecht. Also, kurzfassen. Was ist los?«
»Also, Herr Staatsanwalt. Wir haben vorhin auf der Dienststelle ein Paket bekommen. Das ist bis dahin ja nichts Ungewöhnliches. Aber …«
Wieder unterbricht der Staatsanwalt den Oberkommissar. »Heidenreich, ich habe gesagt: kurzfassen. Details weglassen.«
»Okay«, antwortet der Oberkommissar. »Im Paket befanden sich zwei Einmachgläser. In einem war eine Postkarte gelagert, im anderen eine Flüssigkeit mit abgetrennten Gliedmaßen. Jeweils drei kleine, linke Finger und drei linke Zehen. Die Spurensicherung hat alle Spuren gesichert. Frau Doktor Schall-Berger hat mir aber gesagt, dass die Untersuchungen umfangreich sind und vor Donnerstag keine Ergebnisse vorliegen – eher später. Das war es erst einmal.«
»Wie, das war es erst einmal?«, erwidert Rupens. »Die spinnt wohl. Wie lange hier was dauert, bestimme immer noch ich. Ergebnisse erst am Donnerstag! Sie können wegtreten. Die ruf ich erst mal an und mach da ein wenig Dampf«, sagt der Staatsanwalt und zeigt mit der linken Hand an, dass Heidenreich sein Büro verlassen soll.
Der verlässt das Büro auch sofort. An der Tür bleibt er aber noch kurz stehen und sagt zum Staatsanwalt:
»Herr Staatsanwalt, soll ich noch eben eins von Ihren Bürofenstern öffnen? Dann wird es Ihnen vielleicht ein wenig besser«, worauf nur ein Wort des Staatsanwalts folgt: »Raus!«
Das lässt sich der Kommissar nicht zweimal sagen, sondern verlässt fast fluchtartig das Büro.
Als er wieder in seinem eigenen Büro eintrifft, setzt er sich erst einmal an seinen Rechner und fängt an zu recherchieren. Er versucht herauszufinden, ob es irgendwelche Leichenfunde in den letzten Jahren gab, bei denen Leichen aufgefunden wurden, denen Gliedmaßen fehlten.
Um siebzehn Uhr schaut er ganz verdutzt auf seine Uhr und stellt fest, dass er ja schon seit einer Stunde Feierabend hat. Er leitet noch schnell die Bilder der Postkarte und des Postlabels an die Rechner seiner Teammitglieder, Ute Kralle und Heinz Kubischenko, weiter, packt seine Sachen zusammen und geht dann auch nach Hause – leider in der Gewissheit, dass er noch nicht wirklich etwas in den Polizeiakten gefunden hat, was ihm weiterhelfen könnte.
Auf dem Heimweg überlegt er noch kurz, ob er nicht seine Kollegin Ute anrufen soll, um sie über den Fall zu informieren. Das verwirft er aber dann, weil er sich sagt: Erstens hat Staatsanwalt Rupens noch nicht gesagt, dass sie den Fall lösen sollen, und zweitens hat Ute ja auch ein Anrecht auf das Wochenende – erst recht nach einem vielleicht stressigen Lehrgang.
Aber so ganz glücklich ist er nicht darüber, dass er seine Erkenntnisse nicht teilen kann, und hofft, dass am Montagmorgen keiner sauer ist, dass er den Sachverhalt erst am Montag bespricht.
Kapitel 3
Es ist Montagmorgen, kurz vor acht Uhr, als Oberkommissar Heidenreich das Büro seines Chefs, des Ersten Hauptkommissars Kubischenko, betritt.
Im Büro warten schon seine Kollegin Kralle, sein Chef und der Polizeihauptmeister Ringel auf ihn. Alle halten einen wohlriechenden Pott Kaffee in der Hand. Nach einem herzlichen »Moin« fängt Ringel sofort an zu reden:
»So, jetzt seid ihr ja vollzählig. Der Staatsanwalt war heute schon kurz nach sieben Uhr im Dienst. Ich soll euch Dreien ausrichten, dass ihr pünktlich um acht Uhr fünfzehn auf seiner Matte stehen sollt. Somit ist mein Auftrag erledigt. Ach übrigens, ich hatte das Gefühl, als sei der nicht gerade gut gelaunt gewesen, aber das ist er ja eigentlich nie. Hat der übrigens schon wieder zugenommen? Irgendwie schien der mir noch dicker zu sein als sonst. Kann aber auch täuschen. Ich sehe ihn ja nicht so oft wie ihr. Außerdem kann ich absolut nicht nachvollziehen, warum der immer mich als Laufburschen benutzt, um euch irgendetwas mitzuteilen. Gibt es hier kein Internet oder Telefon mehr? Kann der nicht mal selber in euer Büro kommen? Finde ich total blöd. Na ja, ich glaube, der will sich mit solch einem Gehabe echt wichtig machen. Also, viel Spaß beim Dicken.«
Jetzt übernimmt der Erste Hauptkommissar Kubischenko das Gespräch: »Ja danke, Heini. So ist er nun mal, unser ›Rubens‹, wie er ja immer wegen seiner Körperfülle spaßeshalber genannt wird – wobei ja der Maler Rubens meines Wissens nach nur immer sehr wohlgeformte Frauen gemalt hat, statt dicker Männer. Ich kann mich aber auch irren. Trink aber erst mal in Ruhe den guten Kaffee leer. Der hat mir in Schweden übrigens richtig gefehlt, Ute – obwohl wir eigentlich immer frisch gebrühten Kaffee getrunken haben. Aber kein Kaffee der Welt ist besser als deiner.
Ich denke, es geht unserem lieben Staatsanwalt um die aufgefundenen Gliedmaßen, die Klaus am Freitag seltsamerweise gefunden hat. Angelika hat mich schon ausführlich darüber informiert.
Ute, wir können aber jetzt noch nicht darüber reden, sonst gibt es einen Anschiss von Rupens, weil wir zu spät sind. Das machen wir, wenn wir wieder unten sind.
Heini, du kannst deinen Kaffee in Ruhe weitertrinken und dir auch noch nachnehmen, wenn du möchtest. Kannst dich ruhig an meinen Schreibtisch setzen, mach aber keine Kaffeeflecken. Wir müssen uns jetzt erst einmal sputen.«
Die drei Kriminalbeamten verlassen das Büro des Ersten Hauptkommissars und gehen zum Aufzug. Als sie dort ankommen, finden sie jedoch einen aufgeklebten Zettel an der Aufzugtür vor. Auf diesem steht:
Lieber Benutzer, liebe Benutzerin, leider gab es in einem gleichen Aufzugtyp einen technischen Defekt. Für Ihre aller Sicherheit hat der Hersteller des Aufzuges beschlossen, erst einmal alle diese Modelle stillzulegen, bis die technischen Untersuchungen abgeschlossen sind. Das kann einige Zeit in Anspruch nehmen. Wir bitten um Ihr Verständnis.
»Das gibt es doch gar nicht«, sagt der junge Oberkommissar Heidenreich. »Erst kann ich keinen Kaffee trinken, dann müssen wir zu Rupens rauf und jetzt funktioniert nicht mal unser Aufzug. Der ist doch neu. Was soll denn jetzt schon daran kaputt sein? Egal, das sind wir ja von früher gewohnt. Nehmen wir halt die Treppe.«
Gesagt, getan. Nach einiger Zeit erreichen die drei Beamten das Büro des Staatsanwalts im dritten Stock. Wie gewöhnlich öffnet Kubischenko die Bürotür, ohne anzuklopfen, und die Drei betreten das Büro des Staatsanwalts. Nur Heidenreich gibt ein zögerliches »Moin« von sich. Als die drei Kripobeamten vor dem Schreibtisch von Rupens stehen, schaut dieser mit grimmigem Gesicht auf.
Bevor er jedoch etwas sagen kann, eröffnet der Erste Hauptkommissar das Gespräch: »Sie wollten uns sehen? Wie ich sehe, steht ein Teller mit Mettbrötchen auf Ihrem Schreibtisch. Sie wollen uns doch nicht etwa zum Frühstück einladen? Gibt es was zu feiern? Ist Ihre Beförderung zum Oberstaatsanwalt endlich durch? Sie verlassen uns doch jetzt nicht etwa?«
Diese Worte scheinen den Staatsanwalt nur noch mehr zu ärgern, und sein Gesicht verfinstert sich zunehmend. So braucht Kubischenko auch nicht lange auf eine Antwort zu warten.
