Touchdown in der Hölle - Julia Goldammer - E-Book

Touchdown in der Hölle E-Book

Julia Goldammer

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Beschreibung

Nach Jahren als erfolgreiche Unternehmerin findet sich Julia eines Morgens in der bedrohlichen Enge einer Sackgasse ihrer Karriere wieder; kurz vor einem körperlichen Zusammenbruch. Mit großem Mut zieht sie die Notbremse und steigt aus. Sie geht einfach nicht mehr ins Büro. Auf der Suche nach Erklärungen, nach Lösungen und einer Antwort auf die Frage, wie es für sie weitergehen soll, entscheidet sie sich für den Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik. Der Prozess ihrer Auseinandersetzung mit sich selbst und die Ursachenforschung für Ihren Zustand reicht weit in ihre Jugend zurück. Dort schlummern dunkle Schatten, die sie lange verdrängt hat. Sie muss erkennen, dass Trauma, Scham und Leistungswille eng miteinander verknüpft sind. Findet sie einen Ausweg? Lektüre für jede*n, der Burn-Out Zustände erlebt hat oder mittendrin steckt. Schwere Kost in humorvolle Wendungen und erfrischende Sprache gepackt.

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Seitenzahl: 168

Veröffentlichungsjahr: 2022

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INHALT

Einzug

Einlassen

Aufnahmegespräch

Mut

Therapiebeginn, die erste

Therapiebeginn, die zweite

Die Profis

Familienanamnese

Das Genogramm

Der rote Faden im System

Der finale Schlaf

Und nun? „Was tun?“, sprach das Huhn

Die kleine Herde

Mit dem Nagel auf den Kopf

Der Blick nach vorne oder zurück oder vorbei

Gipfelbesteigung

Gewitter am Horizont

Auswechselspieler

Klippen am Meer inmitten der Brandung

Wenn das Schicksal unerbittlich zuschlägt

Transgenerationale Übertragungen

Die Dinge wiederholen sich

Die Eiche im Wald verdeckt den Blick auf lauter Bäume

Heimatbesuch

Das Angehörigen-Gespräch

Kasus Knacktus – der wunde Punkt

Damals im Schwimmbad-Kiosk

Ehemaligentreffen

Das Ding mit der Rache

Morgenrunde

Das Drama-Dreieck

Kleine Frau, was nun?

Einzel-KBT

Vertretung einmal anders

Auswirkungen

Bei Theresa in der guten Stube

Zurück in der Heimat

Zeugnis einer längst vergangenen Nacht

Was bleibt

Julia Goldammer

EINZUG

Vor 6 Wochen kam ich hier an. In meinem Gepäck war eine 20er Packung Tempo-Taschentücher. Beim Kofferpacken ahnte ich, dass ich mit einem oder zwei Päckchen dieser Tissues definitiv unterversorgt sein werde. Ich sollte recht behalten.

Nachdem ich mein Zimmer bezogen hatte, die Taschen alle geleert waren und ich von meiner Patienten-Patin eine Runde durchs Gebäude geführt worden war, erkannte ich, dass das Therapie-Konzept dieser Klinik wohl auch die Wirkung hat, dass der Bedarf an Tränenauffangstationen mannigfaltig ist. Überall in diesem Haus stehen Boxen mit Schnellschnupftüchern. Auf den Toiletten, neben dem Buffett, im Flur, in den Gruppenräumen fünffach, selbst neben der Rezeption hocken die Taschentuchboxen still und immer bereit in jeder Ecke. Das kann ja heiter werden.

Das alte reetgedeckte Herrenhaus aus dem vergangenen Jahrhundert, was hier zur Klinik umfunktioniert wurde, steht in einem großen Park mit einer kleinen Allee als Auffahrt. Als ich hier ankam, spürte ich eine gewisse Ehrfurcht vor der Tatsache, dass ich hier sein darf. Das ganze Ambiente mutet eher wie eine Luxusherberge an als wie eine Klinik. Der Rasen ist getrimmt, die alten Eichen spenden Schatten, die Liegestühle auf der Wiese stehen locker und keiner belegt sie zum Reservieren mit seinem Handtuch. Dazu überall blühende Sträucher und wenn man genau hinschaut, sieht man dahinter sogar das Glitzern der Sonne auf der Wasserfläche des nahgelegenen Sees, der hier Meer heißt.

Nach langen Monaten Arbeitsunfähigkeit finde ich mich hier in einer Klinik für psychosomatische Medizin im hohen Norden wieder. In diesen Monaten bereitete ich vor, dass ich eine Weile weg bin. Denn jahrelang leitete ich zuvor mein eigenes Bildungsunternehmen als eine von zwei Chefinnen und trug Verantwortung für Menschen, Inhalte und auch für jede Menge Anderes. Und dieses, mein „altes Leben“ ist aus den Angeln gehoben. Selbstgewählt zog ich die Notbremse. Ich wusste zu viel, um noch länger darauf zu warten, bis das Leben mir die Pause verschafft, vielleicht in Form eines Bandscheibenvorfalles oder einer anderen schweren Erkrankung.

Ich habe eingesehen, dass die Suche nach einer neuen Perspektive mir nicht gut allein gelingen wird. Ich brauche Hilfe. Mit diesem Wunsch bin ich in diesem Haus in bester Gesellschaft. Jede Geschichte, die ich hier höre, hat viel Ähnlichkeit mit meiner Eigenen und doch ist jede ganz anders. Eines macht mich allerdings etwas unruhig. Die Anzahl der Wochen, wie lange meine neuen WG-Mitglieder schon hier sind, überrascht mich. 8 Wochen, 10 Wochen, 12 Wochen…. Auf meine Frage, wie lange sie denn noch bleiben, bekomme ich mehr als einmal nur ein Schulterzucken. Meine Stirn wirft Falten und der Abstand zwischen meinen Augenbrauen verkleinert sich. Als zuversichtlicher Mensch schiebe ich diese Momente jedoch beiseite und nehme mir vor, mich einzulassen auf all das, was da jetzt kommen will.

EINLASSEN

Wer ein heißes Bad nehmen will, um sich zu entspannen und sich für eine Weile treiben zu lassen und eine Ahnung von Schwerelosigkeit zu fühlen, der muss zuallererst die Badewanne einlassen. So nahm ich mir vor, für meine Reise zum Selbst dieses Zeitfenster zu nutzen, um mich auf mich selbst einzulassen. Das bedeutet für mich auf Tuchfühlung zu gehen mit meiner neuen Umgebung, mal hören, was die anderen so erzählen, mal schauen, wer sympathisch erscheint. Dabei lerne ich den See vor der Haustür kennen und freue mich über die unzähligen blühenden Rhododendronbüsche, die hier jeden Weg säumen. Immerhin, zu dieser Freude bin ich in der Lage. Ich ändere meinen Status im Handy auf „Pause“. Auf Nachrichten von außen antworte ich mit dem Abbild eines Kalenderblattes meiner neuen Nachbarin. Darauf steht geschrieben: „Bin gerade nicht da. Bin mich suchen gegangen“.

Zu den Mahlzeiten sperre ich die Ohren auf, grüße die Mitbewohner freundlich und herzlich und wähle Plätze, die es hergeben, dass sich jemand zu mir setzen könnte. Ganz klammheimlich verfolge ich die Strategie abzuwarten, wer auf mich zukommt. Falls mir das dann nicht zusagt, habe ich jederzeit die Chance, wieder zu verschwinden, weil meine Mahlzeit ja schon beendet ist. Ich finde, dass das irgendwie schwerer ist, wenn ich mich irgendwo dazusetze und dann merke, dass es mir auf den Geist geht. Schließlich bin ich hier von lauter Menschen umgeben, die Probleme haben. Ich habe ja auch welche. Aber ich will vielleicht nicht alle Probleme von allen hier kennen, weil das Risiko groß ist, dass mein innerer Retter hinspringt. Schließlich bin ich hier, um zuerst mich selbst zu retten. Im Flugzeug habe ich das schon hundertmal gehört, dass ich erst meine eigene Atemmaske aufziehen soll, bevor ich anderen dabei helfen möge. Die interessierten und gutgemeinten Fragen, wer ich sei, was ich mache, woher ich komme, warum ich hier bin, beantwortete ich höflich nebulös und bei den hartnäckigen Fragern, die nicht begreifen wollten, dass ich nicht vorhabe, mich am ersten Tag wie ein offenes Buch zu präsentieren, ohne den Leser zu kennen, übe ich meinen Vorsatz, den ich mir mit meiner Therapeutin daheim schon erarbeitet habe. Ich schaue meinem Gegenüber mit möglichst freundlicher Mimik direkt ins Gesicht und sage, dass eines meiner Themen die gesunde Abgrenzung gegenüber anderen sei und ich dabei bin, zu üben, meine Grenzen zu vertreten. Dazu gehört auch, manche Fragen nicht zu beantworten. Ich bedanke mich, dass ich das an meinem Gesprächspartner üben dürfe und bitte um Verständnis, wenn es manchmal noch etwas unbeholfen erscheint. Die Strategie funktioniert überraschend gut.

Es fällt mir nicht immer leicht, zu sprechen. Ich kann besser zuhören und ich kann besser schreiben. So war meine Anmeldung hier in dieser Klinik auch eine Sache von E-Mails. Nachdem das meiste schon hin und her schreibend beantwortet war, gab es noch ein Beratungsgespräch zu einem fest vereinbarten Telefontermin. Das ersparte mir das Durchfragen von der Sekretärin über die gerade nicht zuständige Vertretung der diensthabenden Schwester mit der bedauerlichen Auskunft, dass derjenige, den ich gern sprechen will, leider gerade nicht da ist. Und den Hausmeister hätte ich auch erstmal nicht an der Strippe haben wollen. In meinem Zustand wäre mir das alles auch zu viel gewesen. Ich zog es vor, auf den Punkt mit der richtigen Person verabredet zu sein.

Nachdem ich nun hier eingezogen bin, muss ich zumindest anerkennen, dass sie alle sehr freundlich zu mir sind, auch diejenigen, die nur vertretungsweise da sind. Jan, der Hausmeister gehört zu den besten und erfüllt alle meine Wünsche ganz mit Perfektion. Er besorgt mir ein zusätzliches Schränkchen und eine Pinnwand für alle meine Gedankenblitze. Ehrlich, das hatte ich so nicht erwartet.

AUFNAHMEGESPRÄCH

Wer vom Arzt in eine psychosomatische Klinik eingewiesen wird, der hat mindestens ein Problem. Nach meiner Wahrnehmung haben die meisten sogar deutlich mehr als ein Problem. Es fühlt sich eher nach einer komplexen Gemengelage an, bei der nicht immer klar ist, welches der Probleme das erste war und welches kam später hinzu. Bei mir ist das jedenfalls so.

Als mich die diensthabende Ärztin am ersten Tag befragte, warum ich denn hier sei, war es schwer für mich, den Anfang zu finden. Ich wusste selbst nicht so genau, wann es angefangen hatte. Ich wusste nur, wie es mir in den letzten Monaten ergangen war und dass es in dieser Zeit jede Menge Momente und Ereignisse gab, die mir die Kraft, den Mut, den Optimismus und ja, auch die Perspektive genommen hatten. In manchen Minuten dachte ich auch, mir wird der letzte Nerv geraubt und zu den schlimmsten Augenblicken gehörten jene, in denen ich innerlich zerrissen, ohnmächtig und hilflos war. Die Füße bis weit über die Knie in frischem Beton, der langsam aushärtet; bewegungsunfähig und nur noch Verwirrung mit hunderttausend Fragen ohne Antworten im Kopf.

Wo um aller Welt soll ich da anfangen zu sagen, warum ich hier bin? Ich versuche es pragmatisch. Ein Aufnahmegespräch soll schließlich dazu dienen, dem Team aus Profis einen Eindruck zu vermitteln, wie schlimm genau es mit mir ist. Also sag, wie es jetzt gerade ist. Ich bin hier, weil ich mit meiner bisherigen beruflichen Laufbahn in eine Sackgasse geraten bin und den Rückwärtsgang wieder hinaus nicht allein finde. Meine altbewährten Strategien, mich selbst aus dem Schlamassel zu ziehen, sind ausgeschöpft und meine Kraft ist zu Ende. Ich freue mich auf Unterstützung beim Suchen und im besten Falle beim Finden, so dass ich am Ende meines Aufenthaltes hier wieder ein Licht am Ende vom Tunnel sehen kann. Wenn eine gute Fee kommen könnte und mir des Nachts sogar ein paar Ideen zur Lösung meiner Probleme auf meinem Nachtschränkchen hinterlassen könnte, dann wäre das hier ziemlich gut gelaufen. Ein wenig Glitzer drübergestreut zur Deko würde ich nicht ausschlagen.

„Apropos Tunnel“, hakte die Ärztin ein. Wie schlimm sei es denn mit der Dunkelheit im Tunnel? Hängt da an irgendeiner Stelle schon ein verlockender Strick oder gibt es in der Handtasche einen größeren Vorrat an Schlaftabletten oder besteht die Hoffnung auf ein Boot mit großem Leck, welches im Sturm leider kentert und die Schwimmwesten sind aus?

Nein, so schlimm ist es nicht, aber ich kann nachvollziehen, warum manche Menschen diesen Weg nehmen. Ich habe immer noch gute Anker ins Leben, die mich halten. Jedoch ist das mein stilles, tiefes Glück und ganz und gar nichts Selbstverständliches. Es gibt so viele Leute, die davon so wenig haben. Bei denen ist an keiner Front eine Tankstelle in Sicht, wo wieder Kraft aufgefüllt werden kann. Und dann wird es einfach nochmal eine Nummer größer, dieses Projekt mit Namen „Touchdown in der Hölle“.

Und! Es lohnt sich! Es gibt so viel zu gewinnen. Den Hauptgewinn gibt es sicherlich nur selten. Doch jeder, der Lotto spielt, tut es mit der Hoffnung auf genau diesen Jack-Pot. Und selbst für einen Dreier und das kleine Glück lohnt es sich! Also warum nicht für sich selbst diesen Versuch starten? Allen Mut zusammennehmen und um Hilfe bitten? Um Hilfe bei der Bewältigung einer Krise. Es gibt Therapeuten, die etwas können.

Realistisch betrachtet ist es mit Therapeuten genauso wie mit Lehrern oder Frisören. Manche können`s und manche eben nicht. Wenn ich einen erwische, der es nicht kann, dann muss ich eben weitersuchen. Einer wird drunter sein, der mir helfen kann. Mit jedem Schritt zu mir selbst wird es sich etwas weniger bitter, frustriert, verlassen und einsam anfühlen. Deshalb bin ich hier. Ich möchte mein Leben lebendig leben und nicht im Moment des Abschiedes von dieser Welt mit der Erkenntnis gehen, dass ich erst dann mutig sein will, wenn es zu spät ist, weil mir keine Zeit mehr bleibt.

MUT

Wieso denke ich eigentlich, dass ich mutig sein muss, um hier etwas zu erreichen? Mut ist normalerweise assoziiert mit Fallschirmspringen, Hauskauf oder Hochseilgarten-Balance-Akten. Wieso soll es mutig sein, sich in eine Klinik zu begeben und sich von anderen Menschen helfen zu lassen? Als ich da so eine Zeit in mich hineinhöre, wird mir klar, dass es Mut erfordert, sich selbst einzugestehen, dass die bisherigen Strategien nicht mehr greifen. Es braucht sehr viel Mut, seine Schwäche zu zeigen. Besonders dann, wenn man so erzogen wurde, dass Stärke das erwartete Attribut ist. Auch erscheint es mir mutig, seinen Kindern, dem Mann oder der Frau, den Eltern mitzuteilen, dass es allein nicht mehr zu schaffen erscheint. Und erst die Kollegen und die Nachbarn, wie peinlich. Was werden die denken? Was werden die sagen? Was wird aus meiner Stelle? Was passiert mit dem Vertrauen, das die anderen bisher in mich gesetzt haben? Wie oft muss ich damit rechnen, dass mir jemand zu verstehen gibt, dass es doch so schlimm nicht sein kann? Bisher habe ich es doch immer alles hingekriegt. Und wenn es sich schon mal so anfühlte, dass es nicht mehr gut ist, dann habe ich doch tief durchgeatmet, darauf vertraut, dass der Tag irgendwann um sein wird und dass es dann ja doch irgendwie weitergeht. Und besonders mutig erscheint mir, sich einzugestehen, dass ich ja eigentlich selbst Profi bin und anderen Leuten bisher mit meinem ganzen Koffer toller Tricks weiterhelfen konnte. Und nun? Aus die Maus? Ich kann mir selbst nicht mehr helfen, obwohl ich Jahre mit dem Studieren der menschlichen Psyche verbracht hab? Ich bin studierte Pädagogin, gelernte Medizin-Dozentin, geprüfte Körpertherapeutin, Trauma-Expertin mit Zertifikat und ich könnte die Liste hier noch mit vielen Siegeln, Fortbildungsnachweisen und gesammelten Qualifikationsnachweisen bunt machen, aber was solls. Auf jeden Fall denken andere von mir, ich selbst bin Profi und da dürfe es doch nicht passieren, dass ich in ein Burn-out gerate. Puste-Kuchen. Eben doch. Und das ist dann schon mutig oder?

Bei mir hat es über ein halbes Jahr gedauert, bis ich es mir erlauben konnte, auszusprechen, was sich seit Wochen in meinem Kopf formte. Es ist nur ein sehr kurzer Satz. Er hat ganze 3 Wörter und doch fühlt er sich so machtvoll an: „Ich steige aus!“.

Varianten davon sind vielleicht: „Ich kann nicht mehr“. „Ich weiß nicht weiter“, „Ich zieh den Stecker“. Ich konnte kein Bisschen einschätzen, was passiert, wenn ich mir diese Erkenntnis erlaube. Ausnahmsweise hatte ich mal keinen Plan, keine Ahnung und auch keine Lösung. Nur eine Gewissheit: Wenn ICH jetzt nicht für mich entscheide, wird das Leben für mich entscheiden. Vielleicht bin ich unachtsam dabei, die Straße zu überqueren und übersehe ein Auto, vielleicht fahre ich selbst gedankenverloren auf der Landstraße und schätze die Biegung in einer Kurve falsch ein, vielleicht falle ich auch einfach nur vom Fahrrad und bin tot. Will ich es so weit kommen lassen? Oder noch schlimmer, brauche ich ein solches Ereignis, um von außen die Erlaubnis zu bekommen, dass ich eine Pause machen darf? Könnte ich mir vielleicht ein Bein brechen oder eine länger anhaltende Krankheit bekommen, damit ich einen Grund für das bessere Gefühl gegenüber allen Leuten habe? Nein, das ist doch verrückt! Genau, das ist verrückt. Ich bin es schon oder ich werde es demnächst. Das sollte Grund genug sein, selbstbestimmt den Moment zu erwischen, auszusteigen. Und das braucht Mut. Viel Mut. Ein bisschen mogeln habe ich mir auch erlaubt. Die ganze Wahrheit konnte ich nicht allen zumuten. Ich nannte es „Kur“. Ich fuhr los und hinterließ den Hinweis, die Kurklinik legt fest, wie lange man bleiben muss. Ich weiß nicht, wann ich zurück sein werde. Kur klingt verträglicher. Irgendwie mehr nach Erholung. Psychosomatische Klinik klingt viel mehr nach: „Ich habe einen Schaden.“ Den habe ich zwar, aber will ich das gleich allen auf die Nase binden?

THERAPIEBEGINN, DIE ERSTE

Es gibt hier so Wochenpläne, in denen alle Therapieeinheiten eingetragen sind. Es gibt Bewegungstherapie, Walking, Gruppen-Gesprächskreis, Entspannungsverfahren, Einzeltherapie, Tanztherapie, Achtsamkeitsgruppe, Krisengesprächsangebote und wahrscheinlich habe ich manche Sachen noch vergessen. Es herrscht die Regel, jeder darf für sich nutzen, was ihm guttut und weglassen, was nicht dazu führt, die Lage besser zu machen. Menschen sind ja verschieden. Die einen brauchen viel, die anderen wenig. Manche werden unruhig, wenn keiner was mit ihnen macht, andere werden unruhig, wenn dauernd jemand was mit ihnen machen will. So ist das wohl mit unserer Spezies. Wundertüte Patient.

Bevor ich hierherkam, verging einige Zeit, in der ich drauf wartete, was alles passiert. Ich bin seit Ewigkeiten selbstständig. Das bedeutet „selbst“ und das „ständig“. Wir sind zwei Frauen und jeder von uns gehört die Hälfte vom Unternehmen und wir haben uns beide viele Jahre abgerackert und unser Bestes gegeben. Außerdem fühle ich einen ganzen Sack voll Verantwortung für meine Kollegen und Mitarbeiter, für Kunden und gegenüber Ämtern. Nicht selten drehte ich des Nachts die Fragen von links nach rechts in meinem Kopf: Wie viel soll wer genau von allen Beteiligten davon erfahren, was mit mir los ist? In all der Verunsicherung suchte ich mir schon daheim eine Therapeutin, die anfangen konnte, mich zu begleiten. Weil ich so bin, wie ich bin, musste ich in der ersten Sitzung formulieren, dass ich die Therapie mache, um voranzukommen. Ich will nicht „einfach nur auf die Couch“ und mein Gegenüber nickt und wiederholt salbungsvoll, was ich da gerade so von mir gegeben habe und fragt mich dann, wie es mir damit geht. Nein, so dachte ich mir das nicht. Ich hatte gehört und gelesen, dass solche Therapien Jahre dauern. Oh Gott, bei diesem Gedanken rollen sich meine Augen ganz schnell ganz weit nach hinten oben. Das ist nicht mein Weg. Ich hätte es gern ein bisschen schnell und möglichst effektiv. Ich habe leider nicht so viel Zeit zu verschenken für Sachen, die nichts bringen. Ich möchte, dass die Therapeutin sich Mühe gibt und vorbereitet oder wenigstens kompetent in die Stunde mit mir geht. Ich war stolz, dass ich mir das traute, zu formulieren. Sie schaute mich an, eine ganze Weile und antwortete mir, dass das Druck in ihr aufbaut. Sie arbeitet immer kompetent, weil sie ihren Beruf beherrscht. Doch es gibt auch für sie Tage, an denen sie mal müde ist oder mal weniger konzentriert. Meist ist sie natürlich fit, aber sie sei ein Mensch, der solche und solche Tage hat. Wir schwiegen eine Weile.

Als sie weitersprach fasste sie zusammen, verstanden zu haben, dass ich gern ernst genommen werden möchte. Hmm. Ja, das möchte ich. Dann fragte sie mich, warum es mir so wichtig sei, dass sie mich ernst nimmt. Ich hörte eine lange Weile auf der Suche nach einer Antwort in mich hinein.

Ratter, … ratter, … ratter machte es in meinem Kopf. Ich hatte schon mal was davon gehört, dass immer das, was wir von anderen erwarten, irgendwie das ist, was wir uns selbst nicht zugestehen. Oder so ähnlich.

Bingo! Das war sie, die wichtige Frage.

Hatte ich mich selbst bisher denn ernst genommen? Leider nein. Wie oft habe ich es weggewischt, dass ich eigentlich keine Kraft mehr habe. Wie oft bin ich aufgesprungen, obwohl es nicht meine Aufgabe gewesen wäre. Wie oft hat mir mein innerer Antreiber suggeriert, dass ich nicht anders darf, als weiterzumachen. Wie oft habe ich es verdrängt, mir einzugestehen, dass ich keine Lust mehr auf all das habe.

Ein paar stille Tränen liefen über mein Gesicht und der Kloß in meinem Hals fühlte sich schrecklich dick und groß an. Ich schlich aus der Stunde mit dem Vorsatz, dass ich mich ab heute selbst ernst nehmen werde. Dass ich darauf achte, wie es mir wirklich geht. Dass ich mich mir selbst und anderen zumute in dem, wie ich mich fühle. Das war schon gleich eine ziemliche Herausforderung. Sowas geht nicht über Nacht.

THERAPIEBEGINN, DIE ZWEITE

Nun bin ich also hier angekommen in der Klinik für Psychosomatische Medizin und auf meinem AUSchein steht die Diagnose 43.2. Das ist die Verschlüsselung für eine Störung mit Namen Anpassungsstörung. Ja, das stimmt. Ich bin gestört, mich weiterhin an den kompletten Wahnsinn anzupassen. Andere nennen es Burn-out. Je nachdem, was noch so mit im Rucksack steckt, gibt es Abstufungen. Es kann noch eine Störung der Affekte, also der Gefühle mit dabei sein, z.B. depressive Verstimmungen. Viele, die ich hier treffe, haben zusätzlich noch andere Sachen wie Bandscheibenprobleme, überhaupt alles mit Rücken, Verletzungen aus den letzten Monaten, auch Alkohol spielt eine große Rolle. Angststörungen wie Panikattacken oder Zwänge gehören hier genauso dazu, wie Tinnitus und Gedächtnisprobleme. Die habe ich auch. Es fühlt sich gelegentlich so an, als hätte in meinem Oberstübchen jemand unvermittelt den Lichtschalter ausgeknipst. Besonders dann, wenn ich nach Namen oder Orten in meinen Hirnwindungen krame. Ansonsten sehen hier alle aus wie normale Menschen. Sie kommen morgens geduscht und angezogen zum Frühstück. Beim Essen wird gelacht, es gibt Verabredungen zum Home-Kino im Gruppenwohnraum und