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Eine Alpenquerung wird niemals Routine. Trotz des gut ausgebauten, recht dichten Netzes von Wegen, Schutzhütten und Gasthäusern gestalten Natur und Mensch jeden Tag auf seine Weise spannend. In diesem Bericht erzählt ein Langstreckenläufer, der schon öfters über die Alpen gewandert ist, wie er auf einer zehntägigen Lauf-Wanderung vom nördlichen zum südlichen Alpenrand seine Hobbys verbindet, Dabei spielt das Tempo höchstens zum Erreichen der nächsten Unterkunftsmöglichkeit eine Rolle. Ansonsten stehen die Ablenkungen und Pannen im Rampenlicht.
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Seitenzahl: 57
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Mit Laufschuhen von Bayern in den Friaul
Autor: Martin Schrank
Urlaub. Der Zugspitzultra ist seit gut fünf Wochen überstanden, und mich zieht es wieder mit Macht in die Berge. Und es ist August, einer der besten Monate für eine Alpenüberquerung. Mir spukt die Idee eines Kollegen durch den Kopf, mit minimalem Gepäck einfach mehrere Tage zu laufen. Der hat dabei zwar nicht an die Alpen gedacht, aber schließlich hab ich vor 5 Wochen in meinem 10-Literrucksack immerhin Pullover, Regenjacke, Regenhose Handschuhe, Mütze, Rettungsdecke, Wassertank, Roadbook, Handy, Landkarte und Verbandszeug untergebracht. Und ich habe einen sehr bequemen Rucksack, der dreimal so groß ist, und auch praktisch nicht wackelt. Das müsste gehen, da passen noch eine zusätzliche lange Garnitur für einen plötzlichen Wintereinbruch, mein seidener Hüttenschlafsack, ein paar Landkarten und etwas Proviant hinein. Und wenn es sich herausstellt, dass der Termin für meine von drei Ultramarathons in zwölf Wochen strapazierten Beine doch zu früh ist: Ich muss ja nicht die ganze Strecke rennen.
Das Ziel? Nachdem ich den Langstreckenlauf durch die Berge für mich entdeckt habe, habe ich den Magredi Mountain Trail auf meiner Wunschliste, der in zwei Monaten gestartet wird, und dessen Strecke ich schon bei zwei Alpenquerungen gekreuzt habe. Die Gegend fasziniert mich, auch wenn mir die Einsamkeit in den Bergen dort jedes Mal unheimlich war. Ich habe das Roadbook für den Lauf schon ausgedruckt, und von früheren Wanderungen die beiden Tabacco-Karten für die Strecke. Die Gegend auszukundschaften wäre ein nettes Ziel.
Die Route? Ich habe schon Dutzende Male auf der Landkarte die Alpen gequert, und gelegentlich aus Wettergründen Touren nicht durchgeführt. Da steht schon das Gerüst für eine Wunschroute.
Eine Alpenquerung ist kein Kinderspiel? Ich weiß, und mit dem Wissen habe ich die letzten 5 Male auch heil überstanden.
Eigentlich habe ich alles, was ich brauche – fast alles. Neue Stöcke hab ich vor kurzem gekauft, das ist nach 20 Jahren kein Luxus, die neuen Geländelaufschuhe mit den bissigen Stollen sind schon eingelaufen und als gut befunden. Kondition und Technik müssten nach der heurigen Wettkampfvorbereitung und einer Regenerationsphase so gut sein wie nie zuvor.
Nur bei den Landkarten gibt es noch Lücken. Eine betrifft nur einen Talhatscher, der auch mit Karte nicht spannender würde, nur schwerer. Spannend wird es in einer Ecke in Italien, wo ich auf der Übersichtskarte nur sehe, dass da ein Berg dazwischen ist. Der geniale Kartenladen in München hat alle Tabacco-Karten vorrätig, bis auf eine. Murphy’s Law. Ich beschließe, die fehlende Karte vor Ort zu kaufen. Das hab ich schon einmal gemacht – was damals die Tour in eine andere Richtung gelenkt hat, weil ich für meine Wunschstrecke keine Landkarte bekommen habe. Dieses Risiko kann ich vertreten.
Dienstag, 9. August 2011
In München regnet es und in den Bergen sind Gewitter angesagt. Ich verschiebe den Aufbruch.
Bayrischzell - Wörgl
Mittwoch, 10. August 2011
Ich steige gegen Mittag in den Zug nach Bayrischzell. Von dort bin ich noch nie aufgebrochen. Ich erwarte eine lockere Etappe ins Inntal ohne größere Steigungen. Etappenziel ist Wörgl.
Vom Bayrischzeller Bahnhof aus laufe ich kurz durch die hübsche Ortschaft nach Süden zur Landstraße, wo eine Brücke über den Bach anzusteuern ist. Dann bin ich auf einem gepflegt gekiesten schattigen Radweg, dem ich einfach bis zum Gasthof Zipfelwirt und weiter zum Gasthaus Bäckeralm durch das enge von grünen Bergen und schmalen Wiesen gesäumte Tal folge. Am Ursprungpass muss ich auf die Straße wechseln, die aber kaum befahren ist. Nach einer großen Linkskurve, ab der es erstmals merkbar bergab geht, am Anfang einer losen Häusergruppe namens Wacht, will ich das Gasthaus Wastler in Riedenberg ansteuern. Ich sehe Leute in einem Garten und lasse mir von denen den Weg erklären. Tatsächlich finde ich nach einem guten Stück Forststraße durch dichten Wald und einigen Abzweigungen eine kleine Siedlung mit dem angepeilten Gasthaus. Mir wird bewusst, dass heute erstmals seit Tagen Sonne ist. Das wirkt jetzt wie eine Vorahnung auf Italien..
Den Weg Richtung Almgasthaus Buchhacker finde ich erst im zweiten Anlauf. Bis Wörgl würde es Abend sein. Aber kurz davor sind noch zwei Gasthäuser auf der Karte eingezeichnet. Bald geht es bergauf, und jetzt sind die Berge und Almen rundherum sichtbar. Ein schöner Abendlauf wird das. Eine Stunde mehr Zeit bis zur Dunkelheit wäre recht. Die Almlandschaft da oben wirkt wie eine Sonnenterrasse oder wie ein riesiger grüner Sessel mit grandiosem Bergblick über's Inntal nach Süden, einer Almwiese als Sitzpolster und Felsen praktisch als Arm- und Rückenlehne. Jetzt muss ich nur die richtige Abzweigung nach Wörgl nehmen.
Viel zu früh geht ein schottriger Fahrweg in Serpentinen bergab. Obwohl ich talwärts gut unterwegs bin, überholt mich eine Wandrerin ein paar Mal. Einmal justiere ich die Schnürung meiner Schuhe nach, einmal muss sie einen Abkürzer genommen haben, und einmal halte ich an einer gefassten Quelle, um Wasser nachzufüllen.
Bis vor drei Tagen war die trocken. Wir kommen ins Gespräch. Ich folge ihr über einige Abkürzer, die ich nie gesehen hätte, und am Parkplatz bietet sie mir an, mich ein Stück mitzunehmen. Gern nehme ich an. Schön ist das Inntal. Aber oft gibt es wegen der Schadstoffwerte in der Luft ein Tempolimit von 100 km/h. Die fesche Dame setzt mich an einem schön gelegenen Gasthof Baumgarten ab, der sogar ein Wegpunkt meiner geplanten Route ist.
Leichtsinnigerweise laufe ich von dort aus weiter nach Wörgl, wo ich zwar eine Unterkunft finde, aber keine offenen Restaurants mehr, außer in meiner Bleibe, wo kräftig geraucht wird. Ich hab’s überlebt.
von Wörgl über die Wildschönau, die Kurze Grund Ache, Neue Bamberger Hütte nach Königsleiten
Donnerstag, 11. August 2011
Der Weg in die Wildschönau geht durch den Garten des Café Berghäusl, über einen etwas versteckten Trail hinauf und hinüber zur Jausenstation Schrofen, weiter auf einem Höhenweg, und weiter ein Stück hinunter auf eine größere Straße. Ab hier muss ich raten, wie es am besten weitergehen könnte, weil es auf eine Lücke in meinem Kartenmaterial zugeht. Ich setze auf den Weg nach Penningdörfl und habe Glück. Ein Wanderer, den ich um Rat frage (und der die gleichen Schuhe trägt wie ich), beschreibt mir eine interessant klingende Strecke, die mich direkt zur angepeilten Straße zum Kurzen Grund führen müsste.
An einem allein stehenden Anwesen laufe ich erst mal zu weit geradeaus in eine Sackgasse im Wald, weil ich übersehe, dass hinter dem Hof eine Teerstraße anfängt, aber sonst ist der Weg nett und abwechslungsreich mit Wiesen, Wald, kleinen Ortschaften, Kirchlein, Scheunen, und natürlich dem lieblichen Bergpanorama. So dürfte die ganze Tour weitergehen. An die harten Steigungen und kniffligen Abstiege, die in den nächsten Tagen vor mir liegen müssten, mag ich noch gar nicht denken.
