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Klimawandel, Pandemie und Krieg: Die Welt verändert sich rasant. Exogene Schocks zwingen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zum Umdenken. Der Ruf nach transformativer Politik wird immer lauter. Lambert T. Koch und Hans A. Frambach stellen eine transformative Wirtschaftspolitik vor, die zentral für die Gestaltung der Nachhaltigkeitswende ist. Eindrucksvoll skizzieren sie Konzepte, Möglichkeiten und Grenzen. Auf die Interaktion von Gesellschaft, Kultur, Bildung, Innovation und Wirtschaft gehen sie explizit ein. Das Buch richtet sich an die Politikberatung, Wissenschaft und Forschung und ist zudem für Studierende der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie der Politikwissenschaft eine spannende und zugleich aufschlussreiche Lektüre. "In seiner Verknüpfung humanwissenschaftlicher, wirtschaftswissenschaftlicher, politischer und ethischer Gesichtspunkte mit der gesellschaftlichen Realität leistet dieses inspirierende Buch einen wichtigen, ja unverzichtbaren Beitrag zur aktuellen politisch-wirtschaftlichen Diskussion." Wolf-Dieter Hasenclever
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Seitenzahl: 309
Veröffentlichungsjahr: 2024
Lambert T. Koch / Hans A. Frambach
Transformative Wirtschaftspolitik
Die Nachhaltigkeitswende gestalten
UVK Verlag · München
Prof. Dr. Dr. h. c. Lambert T. Koch hat einen wirtschaftswissenschaftlichen Lehrstuhl inne, war Rektor der Bergischen Universität Wuppertal und ist Präsident des Deutschen Hochschulverbands.
Prof. Dr. Hans A. Frambach lehrt Volkswirtschaftslehre an der Bergischen Universität Wuppertal.
Umschlagabbildung: © by-studio · iStock
Autorenbild Koch: © privat
Autorenbild Frambach: © privat
DOI: https://doi.org/10.36198/9783838561899
© UVK Verlag 2024— ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KGDischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
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Internet: www.narr.deeMail: [email protected]
Einbandgestaltung: siegel konzeption | gestaltung
utb-Nr. 6189
ISBN 978-3-8252-6189-4 (Print)
ISBN 978-3-8463-6189-4 (ePub)
„Die Zukunft sollte man nicht voraussehen wollen,
sondern möglich machen.“
Antoine de Saint-Exupéry
Für die aktuelle Mandatsperiode hat der Rat für Nachhaltige EntwicklungRat für Nachhaltige Entwicklung (RNE), der in Deutschland Beiträge zur Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie leistet, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu einem Schwerpunktthema seines Arbeitsprogramms gemacht. Dies kommt nicht von ungefähr, denn im Zuge des begonnenen Umbaus der Gesellschaft hin zu klima-, umwelt- und ressourcenschonenderen Produktions- und Konsumstrukturen lassen sich in der Breite der Bevölkerung zunehmend Widerstände ausmachen. Vermehrte Demonstrationen, Protestaktionen und Wählerwanderungen hin zu Parteien, die am Rande des demokratischen Spektrums operieren, können als Indizien hierfür gelten. Motive für die Unzufriedenheit der Menschen sind Ängste, aus gewohnten Lebensabläufen herausgerissen zu werden, Wohlstandseinbußen hinnehmen zu müssen und mit einer zunehmend unsicheren Zukunft konfrontiert zu sein.
Wichtig ist dabei zu sehen, dass die Ausbeutung fossiler Ressourcen und damit verbundene Risiken für Klima und Umwelt über einen Zeitraum von mehr als 200 Jahren Wirtschafts- und Sozialgeschichte hinweg entstanden sind. Die jetzt anstehenden Korrekturen dieser Entwicklung sollen hingegen innerhalb kürzester Zeit erfolgen. Hier drängt sich das Bild des Tankers auf, den man wie ein Schnellboot durch eine bevorstehende Meerenge manövrieren möchte. Inwieweit dies gelingen kann, hängt nicht nur von der Machart des Gefährts, sondern auch vom Geschick der Steuerleute ab. Benötigt werden Verantwortliche, die in der Lage sind, Bestehendes erfolgreich zu verwalten und behutsam zu verbessern. Sie müssen darüber hinaus imstande sein, Reformen zu planen, durchzusetzen und zu begleiten, für die, was Qualität und Quantität anbetrifft, keinerlei geschichtliches Vorbild existiert. Es gilt, eine Zukunft anzupeilen, für die es allenfalls eine grobe Marschzahl gibt. Das Wissen, das man nach und nach erwirbt, um die entscheidenden Nach- und Feinjustierungen auf der Fahrt vorzunehmen, ist in den Planungen kontinuierlich zu aktualisieren. Nicht zuletzt ist ein besonderes Geschick darin vonnöten, die Mitfahrenden auf dem Kurs in Richtung Nachhaltigkeit nicht zu verlieren – Stichwort „gesellschaftlicher Zusammenhalt“, siehe oben.
Welcher Art von Politik bzw. Wirtschaftspolitik dies bedarf, ist das zentrale Thema des vorliegenden Werkes. Indem geschichtliche Vergleiche, systemische Gegebenheiten, die Eigenlogik von Wissens- und Innovationsentstehung sowie typische Merkmale menschlicher Konstitution einbezogen werden, wird Politik so vielschichtig und damit realistisch betrachtet wie möglich. Auf diese Weise soll einerseits ideologiegetriebenen Machbarkeitsillusionen vorgebaut werden. Andererseits wird das Handwerkszeug zusammengetragen, das gerade in hochdynamischen Situationen gesellschaftlichen Wandels eine Politik ermöglicht, die gleichermaßen offen und doch zielgerichtet ist.
Die Autoren danken vielen Menschen, deren Hinweise und Impulse in den Text eingeflossen sind. Ein ganz besonderer Dank gilt Wolfgang Kuhn für die inhaltliche Mitgestaltung der „Kästen“ sowie Martina Gade und Franziska Hilger für ihren großartigen Einsatz bei der Erstellung der Grafiken. Auch die konstruktive Zusammenarbeit mit dem Verlag ist an dieser Stelle positiv zu erwähnen.
Wuppertal, im Januar 2024
Lambert T. Koch und Hans A. Frambach
Genderhinweis | Die Autoren verzichten auf verkürzte Formen zur Kennzeichnung mehrgeschlechtlicher Bezeichnungen im Wortinneren und verwenden in der Regel das generische Maskulinum.
Zu allen Zeiten waren Gesellschaften, also die sie ausmachenden Individuen und Gruppen, zufriedener oder weniger zufrieden mit ihrer Situation und ihren Zukunftsaussichten. Dies lehren uns historische Dokumente, Geschichtsbücher oder die Ergebnisse von Befragungen und umfangreichen empirischen Studien. Je größer und verbreiteter gesellschaftliche Unzufriedenheiten waren, desto mehr erhöhte sich der Druck auf Verantwortliche, entsprechenden Entwicklungen entgegenzuwirken. Dies ist heute nicht anders.
Während Situationen der Prosperität und Sicherheit, die von der Mehrheit der Bevölkerung als solche empfunden werden, in der Regel kaum Anlass zu weitreichenden strukturellen Änderungen der Rahmenbedingungen des ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Handelns geben, kann dies im gegenteiligen Fall völlig anders sein. Je mehr schiefläuft oder zumindest außer Kontrolle zu geraten scheint, desto stärker erheben sich Menschen gegen eine Politik der vornehmlichen Erhaltung des Bestehenden. Rufe nach Veränderung und Reformen – und nicht selten auch nach einer Ablösung von Verantwortlichen – werden lauter. Ein nachhaltiges politisches Umsteuern kann zudem als zwingende Handlungsoption erscheinen, wenn schlimmere exogene Schocks, also singuläre, in dieser Form von den Wirtschaftssubjekten nicht antizipierte Ereignisse auftreten. Dies können Naturereignisse, wie Erdbeben oder Flutkatastrophen, genauso sein, wie Aufstände oder Kriege mit all ihren Folgen.
Das vorliegende Werk nimmt sich genau diese Art von Politik vor, die auf eine weitergehende Änderung des Bestehenden gerichtet ist. Es startet dabei mit definitorischen Überlegungen. Besonders im Fokus steht die Wirtschafts- einschließlich der Innovationspolitik. Dabei soll nicht verkannt werden, wie essenziell die zunächst davon zu unterscheidenden Politiken des Sozialen und Kulturellen, der Bildung sowie der Umwelt etc. interagieren – und wie alle Teilpolitiken letztlich aufeinander angewiesen sind.
Der Anlass für das Verfassen dieses Buches ist ein höchst aktueller: Seit geraumer Zeit werden in Deutschland und anderen Ländern Forderungen nach einer Großen Transformationgroße Transformation lauter und vieles deutet darauf hin, dass sie bereits voll im Gange ist. Gemeint ist die weltweite Transformation zu klimaverträglicheren Gesellschaften, die die Erzeugung klimaschädlicher Gase vermeiden, die Nutzung fossiler Brennstoffe reduzieren und stattdessen erneuerbare Energien ausbauen sowie einen korrespondierenden Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft vorantreiben. Die Thematik als Ganzes bewegt wie kaum eine andere: junge Menschen, wie Studierende, ebenso ältere Mitbürgerinnen und Mitbürger, Akteure der „offiziellen“ Politik, Ehrenamtliche oder Aktivistinnen und AktivistenAktivisten.
Bei Sichtung der Literatur zum großen Themenkreis rund um die Kernbegriffe TransformationTransformation und NachhaltigkeitNachhaltigkeit fallen zwei Schwerpunkte bei einer Mehrzahl der Quellen auf:
Der eine (a) hat in seiner Begründung den Tenor, es bedürfe einer „großen Transformation“, wenn es auch nur so bleiben soll, wie es ist bzw. wenn es mit der Menschheit und ihrer Umwelt nicht rapide bergab gehen soll,
während sich der andere (b) darauf konzentriert, wie sich gesellschaftliche Strukturen ändern müss(t)en, damit die Ziele einer klima- und umweltgerechteren Welt mit nachhaltigen (Über-)Lebenschancen auch für künftige Generationen erreichbar sind.
Dabei argumentieren die Autoren, je nach Provenienz, eher ökonomisch, sozialwissenschaftlich, naturwissenschaftlich oder technologiepolitisch.
Diese beiden Schwerpunktsetzungen (a) und (b) sollen im Folgenden nicht im Mittelpunkt stehen. Zwar werden entsprechende Argumentationsstränge an verschiedenen Stellen aufgenommen, aber nicht, um sie zu wiederholen und ihre Begründungslinien zu hinterfragen, sondern um eine Anknüpfung zu dem hier im Vordergrund stehenden Interesse zu schaffen: Was genau ist eine transformative Politik oder speziell Wirtschaftspolitik? Wie ist eine (Wirtschafts-)Politik geartet, die erhebliche Änderungen in eine von Teilen der Gesellschaft erwünschte Richtung in einem vergleichsweise kurzen Zeitraum bewirken soll? Was sind die Bedingungen und was die Grenzen ihres Möglichkeitsraums? Welche theoretischen und empirisch belegten Zusammenhänge stehen einerseits für das – jenseits ideologischen Wunschdenkens – Machbare, welche andererseits für seine Grenzen?
Wenn der Nobelpreisträger Friedrich August von Hayekvon Hayek, Friedrich August (1899–1992) in seinem Werk an verschiedener Stelle betont, sozioökonomische Strukturen seien – retrospektiv – stets zwar das Ergebnis menschlichen Handelns, jedoch kaum Resultat eines umfassenden menschlichen Entwurfs (bspw. Hayek 2013, S. 39 f.), lautet die spannende Frage, inwieweit dennoch Transformationen längerfristig nach einem „großen“ politischen Plan ablaufen können. Immerhin suggeriert manche aktuelle politische Agenda, die Überzeugungen und Verhaltensweisen der Mitglieder von Gesellschaften ließen sich dergestalt beeinflussen, dass daraus am Ende deutlich veränderte Nutzenfunktionen, Konsummuster, Interaktionen und somit Gesellschaftsstrukturen resultierten. Damit werden weitere Grundfragen der ökonomischen Theorie tangiert: In welchem Ausmaß dürfen, sollten oder müssen Staat und Politik, in welcher konkreten Ausgestaltung auch immer, Vorgaben machen oder einen Rahmen für das Handeln von Individuen setzen? Inwiefern lassen sich entsprechende Vorgaben mit der Maßgabe maximaler Freiheiten für die einzelnen Akteure verbinden? Oder inwieweit kann, dem Gedanken einer evolutorischen Verlaufsform folgend, auf eine sich sozusagen selbst einstellende Transformation, die einzig auf der Grundlage frei agierender Individuen steht, vertraut werden?
Will man diesen Fragen nachgehen, so lohnt es sich, ausgehend von historischen Beispielen, Mechanismen der politischen Aktivierung von Individuen genauer anzusehen. Letztere werden verstanden als intrinsisch und extrinsisch motivierte Akteure, wobei der innere Handlungsantrieb stets mit positiven und negativen Anreizsetzungen von außen interagiert. Anschließend wird betrachtet, wie die kreativen Antworten Handelnder insbesondere von institutionellen Settings ihrer Umgebung beeinflusst werden.
Die Entstehung und Veränderung solcher institutionellen Settings ergeben sich in Demokratien infolge komplexer gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse. Nachdem diese näher unter die Lupe genommen worden sind, geht es im nächsten Schritt vor allem um die Frage, wie sich in „transformatorischer Absicht“ Präferenzen und Knappheiten gezielt beeinflussen lassen. Außerdem wird gefragt, inwieweit die beabsichtigte Transformation zur Rettung von Klima und Umwelt notwendigerweise mit einer wachstumskritischen Konnotation verbunden sein muss. Hierfür erscheint es unerlässlich, sich auch mit dem Wachstumsbegriff als solchem kritisch auseinanderzusetzen.
All diese Überlegungen münden in das, was aus der gewählten wirtschaftspolitischen Perspektive heraus als reale TransformationspolitikTransformationspolitik, reale verstanden wird. Wie eng die verschiedenen Teildisziplinen einer solchen Transformationspolitik miteinander verwoben sind, lässt sich besonders nachdrücklich am Beispiel der Bildungspolitik verdeutlichen. Darin kommt einem Bildungsansatz, der nicht nur das interessierte und verstehende, sondern vor allem auch das Verantwortung übernehmende und gestaltende Individuum im Blick hat, eine Schlüsselrolle zu.
Um das Bild abzurunden, wird in den beiden abschließenden Kapiteln die Bedeutung der Unternehmensebene wie auch des globalen Kontextes für das Konzept einer „transformativen Wirtschaftspolitik“, wie es hier genannt werden soll, herausgearbeitet.
Mit dem vorliegenden Werk soll eine innovative Zusammenschau ganz unterschiedlicher Einflussgrößen einer solchen Politik präsentiert werden. Dabei liegt auf der Hand, dass diese auf unzähligen wertvollen Vorarbeiten basiert, von denen daher am Ende jedes Kapitels exemplarisch einige genannt werden. Damit sich die Darstellung nicht nur als Basis für weiterführende interdisziplinäre Forschungsbemühungen, sondern auch für Lehre und Politikberatung eignet, gibt es zudem immer wieder Zwischenzusammenfassungen und „Kästen“, die kurz und prägnant Beispiele bzw. Konzepte, d. h. Modelle oder Begriffe, herausgreifen und so den Lesefluss des Haupttextes nicht stören.
Wenden wir uns also im ersten Schritt einigen einschlägigen Begrifflichkeiten zu. Der Terminus TransformationTransformation, Teil des Titels des vorliegenden Werkes, soll an dieser Stelle auch Ausgangspunkt der Überlegungen sein. Was Recherchen schnell erkennen lassen, ist seine Vieldeutigkeit: In nahezu allen Disziplinen spielt er in dem einen oder anderen Zusammenhang eine Rolle. Das gilt für technisch-naturwissenschaftliche Fächer genauso wie für sozial- und geisteswissenschaftliche. Ausgehend vom lateinischen Ursprung des Wortes transformare, was sich mit umformen oder verwandeln übersetzen lässt, ist das Phänomen der „Veränderung“ gewissermaßen Bindeglied bei aller Unterschiedlichkeit der Bedeutung im Einzelnen.
Auch in den Wirtschaftswissenschaften weist dieser Untersuchungsgegenstand, der sich immer neu in der Wirtschaftsgeschichte manifestiert, eine lange Tradition auf. Insbesondere firmiert er unter der Begrifflichkeit des Wandels und der Entwicklung, z. T. auch subsumiert unter (sozioökonomischer) EvolutionEvolution. Bereits der berühmte französische Staatsmann und Ökonom Anne Robert Jaques TurgotTurgot, Anne Robert Jaques (1727–1781) befasste sich mit Fragen des wirtschaftlichen Wandels, wie die großen klassischen Nationalökonomen von Adam SmithSmith, Adam (1723–1790) bis John Stuart Mill (1806–1873). David RicardoRicardo, David (1772–1823) etwa arbeitete dezidiert zum Verhältnis von Profitrate, Kapitalakkumulation und volkswirtschaftlichem Wachstum mit langfristigen Wohlstandsveränderungen, was von Karl Marx (1818–1883) aufgenommen, kritisiert und in eine eigene (kritische) Theorie überführt wurde.
Später war es vor allem Joseph Alois SchumpeterSchumpeter, Joseph Alois (1883–1950), den vor dem Hintergrund einer offensichtlich hoch dynamischen Wirtschaftsrealität das Thema Wandel ein Wissenschaftlerleben lang nicht losließ. In den letzten Jahrzehnten hat sich sogar ein eigenes – wenn auch in sich heterodoxes – Teilgebiet der Wirtschaftswissenschaften herausgebildet. Unter dem Label Evolutorische Ökonomikevolutorische Ökonomik (synonym: EvolutionsökonomikEvolution, Ökonomik) hat es die Analyse und Erfassung wirtschaftlichen Wandels, geeigneter Analysemethoden sowie die Untersuchung der Ursachen und besonderen Dynamiken sozioökonomischer Evolution zum konstitutiven Gegenstand erhoben.
Wertfrei betrachtet steht wirtschaftlicher Wandelwirtschaftlicher Wandel danach für die „Veränderung der Formen und Inhalte der gesellschaftlichen Produktion und Konsumption von Waren und Dienstleistungen“ (Hesse/Koch 1997, S. 499). Dies schließt Veränderung des Ressourceneinsatzes genauso mit ein wie technischen „Fortschritt“ und damit zusammenhängend Güterraum-Wandel. Der Begriff der wirtschaftlichen Entwicklungwirtschaftliche Entwicklung ist mit der weiter gefassten Bezeichnung des Wandels eng verwandt. „Während wirtschaftlicher Wandel nicht notwendig in eine erkennbare Richtung laufen muss, ist wirtschaftliche Entwicklung gerichteter Wandel: Von ihr sprechen wir dann, wenn die Veränderung von Werten einer Variable, mit deren Hilfe wir einen Zustand des wirtschaftlichen Alltags der Menschen beschreiben, eine Richtung aufweist“ (Hesse/Koch 1997, S. 499).
Es wird also deutlich: Wir müssen für die wissenschaftliche Beschreibung von Wandel und Entwicklung als Ausprägungen sozioökonomischersozioökonomische Evolution EvolutionEvolution, sozioökonomische Variablen definieren, deren gemessene Werte sich in der realen Welt in die eine oder andere Richtung erkennbar verändern. Bekannte Kennzahlen sind beispielsweise jene zur Bevölkerungsentwicklung (Einwohnerzahl, Bevölkerungsdichte, Geburtenrate, Mortalität etc.), zur Messung des WohlstandsWohlstand (Pro-Kopf-Einkommen, Human Development IndexHuman Development Index, Genuine Progress IndicatorGenuine Progress Indicator etc.), zum technischen Fortschritt (Patent-Output, Innovations-Output, Arbeitsproduktivität, Automatisierung etc.) oder auch zur Veränderung des Ressourceneinsatzes (Domestic Material ConsumptionDomestic Material Consumption, Rohstoffproduktivität, Ressourceneffizienz etc.).
Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft (Beschäftigtenquoten in den vier ausgewiesenen Bereichen) zwischen 1882 und 2010 (in Anlehnung an Dostal 1995)
Ein wirtschaftsgeschichtliches Beispiel zeigt → Abbildung 1. Man sieht die Veränderung der Beschäftigungsstrukturen zwischen dem späten 19. und dem beginnenden 21. Jahrhundert. Klar erkennbar ist vor allem die kontinuierliche Abwanderung von Beschäftigten aus dem landwirtschaftlichen Sektor bei einer anhaltenden Entwicklung hin zur sogenannten WissensgesellschaftWissensgesellschaft. Der quantitative und qualitative Bedeutungszugewinn von Wissensgesellschaften ist dadurch gekennzeichnet, dass neben den traditionell definierten Dienstleistungsbereich über die Zeit ein immens wachsender Bereich getreten ist, für den der Umgang mit Wissen im Kontext digitaler Informationsverarbeitung maßgeblich ist. Dies gilt außerhalb des industriellen Kontexts ebenso wie innerhalb. Denn auch hier ist die Digitalisierung längst zum entscheidenden Wachstumstreiber geworden; was unabhängig von der Frage der genauen statistischen Zurechnung von Beschäftigtenanteilen zu den in der Grafik ausgewiesenen Bereichen zutrifft.
Wenn wir der hier vorgeschlagenen Definition der Termini Wandel und Entwicklung folgen, so komplettiert der Ausdruck „Transformation“ eine dreifache Klimax: von der (a) einfachen über die (b) gerichtete hin zur (c) geplanten Veränderung sozioökonomischer Strukturen. TransformationTransformation ist insofern ebenfalls ein Teilphänomen sozioökonomischerEvolution, sozioökonomische Evolutionsozioökonomische Evolution im Sinne der evolutorischen Ökonomikevolutorische Ökonomik. Bereits der etymologische Verweis auf die Bedeutungskomponente der „Umformung“ legt jedoch ein aktivisches Moment nahe. D. h., TransformationTransformation verbindet sich in dieser Auslegung mit gesellschaftlichen Vorstellungen von einem Zielzustand, der von einem Ausgangspunkt aus nach entsprechend zu gestaltenden Prozessen erreicht werden soll. Ihr kommt also ein (wirtschafts-)politisches Moment zu.
Dieser Definition des Transformationsbegriffs, die im Folgenden zugrunde gelegt wird, ähneln Bedeutungen aus den Ingenieur- und Naturwissenschaften. Aus ökonomischer bzw. sozialwissenschaftlicher Sicht ist dabei zunächst unerheblich, inwieweit im Verlaufe einer Transformation sozioökonomischer Strukturen am Ende noch die ursprüngliche Intention erkennbar ist. Unerheblich ist also auch, ob Entwicklungen aufgrund der unbeherrschbaren Komplexität parallel angestoßener bzw. autonom ablaufender sowie miteinander interagierender Prozesse eine gänzlich ungeplante Richtung einschlagen. An dieser Stelle sei nochmals an das Zitat von Friedrich August von Hayekvon Hayek, Friedrich August aus dem einleitenden Abschnitt erinnert.
Einen enormen Bedeutungszuwachs im Umfeld der wirtschafts- und gesellschaftswissenschaftlichen Debatte hat der Begriff der TransformationTransformation im Rahmen der wachsenden Besorgnis über einen bald nicht mehr abzuwenden Kollaps unserer Umwelt erhalten. Im Hauptgutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) aus dem Jahre 2011 mit dem Titel „Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ heißt es dazu beispielsweise:
„Bereits seit geraumer Zeit befindet sich das fossile ökonomische System international im Umbruch. Dieser Strukturwandel wird vom WBGU als Beginn einer ‚Großen Transformation‘ zur nachhaltigen Gesellschaft verstanden, die innerhalb der planetarischen Leitplanken der Nachhaltigkeit verlaufen muss. Langzeitstudien zeigen eindeutig, dass sich immer mehr Menschen weltweit einen Wandel in Richtung Langfristigkeit und Zukunftsfähigkeit wünschen“. Daher sei es „jetzt eine vordringliche politische Aufgabe, die Blockade einer solchen Transformation zu beenden und den Übergang zu beschleunigen“ (WBGU 2011).
Schon diese wenigen Sätze aus einer der wichtigsten transformationspolitischen Schriften des letzten Jahrzehnts in Deutschland drücken unmissverständlich aus, dass mit Transformationen eine, z. T. weitreichende, gesellschaftliche und politische Willensbildung einhergeht. Dass in diesem Fall sogar von einer „Großen“ Transformation die Rede ist, soll die epochale Relevanz und eine damit verbundene besonders hohe HäufigkeitsverdichtungHäufigkeitsverdichtung (Osterhammel 2011) von Veränderungen des Geschehens unterstreichen. Vielfach wird in diesem Zusammenhang auf die vom ungarisch-österreichischen Wirtschaftssoziologen Karl PolanyiPolanyi, Karl (1886–1964) im Jahr 1944 eingeführte Begrifflichkeit einer GreatTransformation TransformationGreat Transformation rekurriert. Er bezeichnete damit den tiefgreifenden Wandel der westlichen Gesellschaftsordnung im 19. und 20. Jahrhundert, wobei er zu zeigen versuchte, dass die Stabilisierung und Akzeptanz der modernen Industriegesellschaften erst durch die Einbettung der ungesteuerten Marktdynamiken und InnovationsprozesseInnovationen, Prozess in Rechtsstaat, Demokratie und wohlfahrtsstaatliche Arrangements gelungen sei. Die Ausmaße der heute geforderten und definitionsgemäß bereits angelaufenen neuen „Großen TransformationTransformation, große“ erscheinen keineswegs geringer als dieser Umbruch oder noch weiter zurückliegende Epochenumbrüche der Geschichte wie die neolithische Revolution. Auch dies kommt im erwähnten Gutachten des WBGU zum Ausdruck, wenn es heißt:
„Diese ‚Große Transformation‘ ist also keineswegs ein Automatismus. Sie ist auf die ‚Gestaltung des Unplanbaren‘ angewiesen, wenn sie in dem engen Zeitfenster gelingen soll, das zur Verfügung steht. Dies ist historisch einzigartig, denn die ‚großen Verwandlungen der Welt‘ (Jürgen Osterhammel) (…) waren Ergebnisse allmählichen evolutionären Wandels. Fasst man die Anforderungen an die vor uns liegende Transformation zusammen, wird deutlich: Die anstehenden Veränderungen reichen über technologische und technokratische Reformen weit hinaus. Die Gesellschaften müssen auf eine neue ‚Geschäftsgrundlage‘ gestellt werden. Es geht um einen neuen Weltgesellschaftsvertrag für eine klimaverträgliche und nachhaltige Weltwirtschaftsordnung. Dessen zentrale Idee ist, dass Individuen und die Zivilgesellschaften, die Staaten und die Staatengemeinschaft sowie die Wirtschaft und die Wissenschaft kollektive Verantwortung für die Vermeidung gefährlichen Klimawandels und für die Abwendung anderer Gefährdungen der Menschheit als Teil des Erdsystems übernehmen (…) Ein zentrales Element in einem solchen Gesellschaftsvertrag ist der ‚gestaltende Staat‘, der für die Transformation aktiv Prioritäten setzt, gleichzeitig erweiterte Partizipationsmöglichkeiten für seine Bürger bietet und der Wirtschaft Handlungsoptionen für Nachhaltigkeit eröffnet. Der Gesellschaftsvertrag umfasst auch neue Formen globaler Willensbildung und Kooperation“ (WBGU 2011).
Aus diesen Worten lässt sich die Zielsetzung erkennen, dass man um jeden Preis handeln will und dafür auf möglichst weitreichende Commitments und Kooperationen setzt – auch wenn man sich der Herausforderungen, die mit einer entsprechenden Agenda verbunden sind, durchaus bewusst ist. Ihr Nährboden sind die international und generationenübergreifend massiv wachsenden Sorgen, die Welt könnte auf eine Katastrophe nicht mehr beherrschbaren Ausmaßes zusteuern. Daher nimmt es nicht Wunder, wenn auch in Richtung Wissenschaft, der man eine zentrale Rolle im Transformationsgeschehen zudenkt, Forderungen nach einem neuen Aufbruch mit einer gemeinsamen Fokussierung auf diese globalen Herausforderungen laut werden.
Verlangt werden eine verstärkte InterdisziplinaritätInterdisziplinarität zwischen den Wissenschaftsfeldern, eine höhere gesamtgesellschaftliche Partizipation am Prozess der Entstehung neuen Wissens und neuer Lösungen sowie – damit verbunden – effektivere Kommunikationsstrukturen für den laufenden Austausch zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. In diesem Zusammenhang wird vorgeschlagen, von TransformationsforschungTransformation, Forschung dann zu sprechen, wenn sich die Wissenschaft mit im Zuge der Veränderungsprozesse interagierenden Teilsystemen befasst. Hierauf aufbauend soll sich transformative Forschungtransformative Forschung mit Ansätzen beschäftigen, die die NachhaltigkeitstransformationNachhaltigkeitstransformation konkret befördern. Nach dieser Logik geht es bei „Transformationsbildung“ tendenziell um die Vermittlung der Ergebnisse von Transformationsforschung sowie im Rahmen von „transformativer Bildung“ um die Schaffung eines breiten Verständnisses (mithin einer „Sensibilisierung“) für entsprechende subjekt- und objektbezogene Wirkungen, Handlungsoptionen und Lösungsansätze (WBGU 2011, S. 22 ff.).
Neue Stoßrichtungen oder Disziplinen in der Wissenschaftsgeschichte haben sich selten allein deshalb formiert, weil dies von bestimmten Protagonisten so gefordert wurde. Dennoch ist es sinnvoll, sich auch im wissenschaftlichen Zusammenhang auf gewisse Label berufen zu können, wenn es um die Kennzeichnung eines gemeinsamen inter- und transdisziplinären Bezuges bestimmter Stoßrichtungen in Forschung und Bildung geht. Dieser Überlegung soll im Weiteren gefolgt werden.
Der letzte hier noch zu klärende Kernbegriff ist, ganz in diesem Sinne, die transformativeWirtschaftspolitik, transformative Wirtschaftspolitiktransformative Wirtschaftspolitik, ebenfalls Teil des Titels dieses Buches. Darunter soll eine Politik verstanden werden, die auf Basis eines entsprechenden gesellschaftlichen Auftrags auf eine Veränderung sozioökonomischer Strukturen in Richtung eines Zielsystems hinzuwirken sucht. Auch wenn sich der Begriff genauso im Kontext anderer Transformationen nutzen ließe, wird er im Folgenden auf die hier im Mittelpunkt stehenden Ziele einer Nachhaltigkeitstransformation bezogen.
Unabhängig davon ist es im wissenschaftlichen Zusammenhang wichtig, sich bewusst zu machen, wo es in der Vergangenheit dem aktuellen Untersuchungsgegenstand ähnliche Phänomene gab. Ein solches Vorgehen kann der Abgrenzung dienen, der Übertragung bereits vorhandener Erkenntnisse oder auch dem Zweck, mögliche Ansichten von der Erstmaligkeit und Einzigartigkeit erkannter aktueller Entwicklungen zumindest zu relativieren. Darum wird im folgenden Unterkapitel gezeigt, dass Gesellschaften in einem bestimmten historischen Zusammenhang immer wieder Vorstellungen kreierten, Strukturen so zu verändern, dass bestimmte erwünschte Entwicklungen erreicht würden. Wie man sehen wird, sind derartige „Sozialexperimente“ selten so ausgegangen, wie sie sich ihre Urheber zunächst vorgestellt hatten.
„History doesn’t repeat itself, but it does rhyme“, lautet ein Bonmot, das wohl irrtümlich Samuel Langhorne Clemens („Mark TwainTwain, Mark“, 1835–1910) zugeschrieben wird. In der Politik erfolgt der Rückgriff auf Geschichte nicht selten vor allem dann, wenn eine Neuorientierung eingeleitet werden soll. Gerne wird in solchen Fällen postuliert, man müsse doch aus der Vergangenheit lernen, um so zu vermeiden, gleiche oder ähnliche Fehler erneut zu begehen. Im Zuge einer solchen Argumentation kann es in der Tat angebracht sein, auch im Zusammenhang mit der aktuellen Diskussion um die Große TransformationTransformation, große im Vorfeld transformativer politischer Weichenstellungen die Geschichte zu bemühen.
Allerdings werden – hier und generell – erhebliche methodische Herausforderungen und Stolpersteine sichtbar. Dies beginnt schon bei der Auswahl der Beispiele oder Fallstudien. Worauf ist zu achten? Welche Restriktionen begleiteten tatsächlich oder vermeintlich ähnliche Situationen in der Vergangenheit? Ab welchem Grad der gesellschaftlichen Willensbildung und des politischen Eingreifens kann von Transformation im Sinne der hier gewählten Definition gesprochen werden? Denn danach wären etwa die bedeutenden historischen Umbrüche der neolithischen und später der industriellen Revolution, da nicht vorab im größeren Stil von Menschen geplant bzw. politisch betrieben, keine Transformationen im engeren Sinne gewesen.
Restriktionen als ermöglichende und limitierende Rahmenbedingungen des Agierens von Wirtschaftssubjekten (Hesse/Koch 1997, S. 507)
Im Zusammenhang mit solch retrospektiven Überlegungen erscheint es hilfreich, eine sozioökonomische Evolution als Ausfluss bestimmter Variablenkonstellationen zu betrachten, die in wechselseitiger Abhängigkeit das jeweilige Handeln von Wirtschaftssubjekten beeinflusst haben. Im Rahmen der evolutorischenÖkonomik, evolutorische Ökonomikevolutorische Ökonomik wird hier auch von RestriktionenRestriktionen gesprochen, die – um das Sprachspiel der namensgebenden Evolutionsbiologie zu bemühen – „variierend und selektierend“ und damit richtungsgebend wirken. Dabei gibt es zum einen solche Selektionsfaktoren oder Restriktionen, die für die Dauer eines Veränderungs- bzw. Transformationsprozesses als (weitgehend) invariant betrachtet werden können. Wie → Abbildung 2 verdeutlichen möchte, bilden diese den äußeren Rand einer Restriktionshierarchie. Innerhalb dieser Hierarchie wirken dann zum anderen variablere – und aus politischer Sicht in dem betrachteten Zeitraum unterschiedlich beeinflussbare – Restriktionen.
Als invariant für politisch relevante Spielräume können vor allem Restriktionen der belebten und unbelebten Natur, also beispielsweise der biologischen Konstitution des Homo sapiensHomo sapien, oder bestimmte geographische Spezifika, wie Ressourcenausstattung oder Klima, angesehen werden. Mit Blick auf die beiden letztgenannten Beispiele zeigt sich aber zugleich, dass längerfristig auch diese, kurzfristig als invariant zu betrachtenden Restriktionen, anthropogenen Veränderungen unterliegen.
Die Anordnung von Restriktionen oder SelektionsfaktorenSelektion, Faktoren in dem hier vorgestellten Schema von invariant (limitierender Rand) zu variabel (Veränderungskorridor) folgt den Kriterien der Änderungskosten sowie des Zeitbedarfs gewünschter Veränderungen, wobei beides aus politischer Sicht eine prohibitive Höhe annehmen kann (siehe u. a. Koch/Grünhagen 2009). Historisch betrachtet, können in diesem Sinne auch soziokulturelle Restriktionen eine hohe Trägheit aufweisen und sich für politische Pläne als restringierend erweisen. Die im Kern politisch relevanten SelektionsfaktorenSelektionsfaktoren und damit Instrumente zur Bewirkung von Veränderung finden sich im Bereich der Ordnungs- und Regelsysteme, die menschliches Verhalten motivieren oder sanktionieren und damit entlang zeit- und kulturraumabhängiger Vorstellungen koordinieren bzw. „sozial kompatibel“ zu machen suchen. Über ihre Rolle und Wirkweise im Zusammenhang mit transformativer (Wirtschafts-)Politik wird im vorliegenden Werk noch zu sprechen sein.
Denkt man die hier vorgestellte Logik sozioökonomischerEvolution, sozioökonomische Evolutionsozioökonomische Evolution weiter, so wird schnell verständlich, dass keine Transformation voraussetzungslos startet, sondern einer spezifischen PfadabhängigkeitPfadabhängigkeit unterliegt (zu diesem Konzept Arthur 1994). Allein diese Tatsache schränkt die Vergleichbarkeit kleinerer oder größerer Transformationen der Wirtschaftsgeschichte stark ein. Nicht nur die Frage, wie eine bestimmte Region oder Volkswirtschaft, die als Fall herangezogen wird, naturräumlich oder geostrategisch eingebettet ist und welche soziokulturellen Spezifika sie aufweist, ist entscheidend, sondern auch die hohe Interdependenz dieser und weiterer SelektionsfaktorenSelektionsfaktoren.
Ähnlichkeiten finden sich leichter in der Phase der Entstehung transformativer Vorhaben. Wie in der Einleitung erwähnt, sind dafür zumeist Unzufriedenheiten mit einer gegebenen Situation ausschlaggebend. Hierbei kann es sich um Ängste in der breiteren Bevölkerung handeln, zu denen häufig noch ein ausschlaggebendes Ereignis hinzukommt, das die politische Agenda erst aktiviert. Als Beispiel für ein solches Triggering-EventTriggering-Event kann, im Sinne eines exogenen Schocks, die Nuklearkatastrophe von Fukushima herhalten, die in Deutschland rückblickend als Auslöser für entscheidende Weichenstellungen im Rahmen der Energiewende und damit der GroßenTransformation, große Transformationgroße Transformation gilt. Diese Art von extrem unwahrscheinlichen, meist disruptiven Ereignissen wird in der Literatur auch als Black SwanBlack Swan bezeichnet (siehe hierzu die Erläuterung im nachfolgenden Kasten). Eine ähnlich starke, richtungsverändernde Wirkung lässt sich dem folgenschweren Einfall Russlands in der Ukraine im Jahr 2022 zuschreiben. Mit dem unter anderem aus deutscher Sicht weitgehenden Wegfall russischer fossiler Rohstoffe war man quasi von heute auf morgen gezwungen, die gesamte nationale und europäische Energiepolitik grundlegend zu hinterfragen und viele Weichen völlig neu zu stellen.
Konzept 1 | Von „schwarzen Schwänen“ als Triggering-Events
„Und er kommt zu dem Ergebnis: Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf.“
Dieses Apophthegma aus Christian MorgensternsMorgenstern, Christian (1871–1914) Gedicht „Die unmögliche Tatsache“ illustriert die Entstehung eines „Schwarzen Schwans“: Nicht vorhersehbare, bisweilen sogar als unmöglich erachtete Ereignisse treten plötzlich doch ein. Der Begriff wird, zumindest in dieser Bedeutung, vor allem mit dem Essayisten und Finanzmathematiker Nassim Nicholas TalebTaleb, Nassim Nicholas in Verbindung gebracht. Neben der Unvorhersehbarkeit sind schwarze Schwäneschwarze Schwäne selten und entfalten häufig eine komplexe und nachhaltige Wirkung. Gelegentlich ist außerdem das Phänomen einer Ex-post-Adaptation nach dem Muster, „das hätte man auch schon vorher wissen können“, zu beobachten. Historische Beispiele für schwarze Schwäne sind etwa die Entdeckung Amerikas, disruptive Erfindungen, große Börsencrashs, Terroranschläge oder Naturkatastrophen. Gerade bei negativ konnotierten schwarzen Schwänen entsteht mit hoher Geschwindigkeit das kollektive Gefühl, reagieren zu müssen. Politisch betrachtet, eröffnen sich somit plötzlich „Windows of OpportunityWindows of Opportunity“, die vorher in dieser Form nicht denkbar gewesen wären. Dies spielt auch im Rahmen der hier interessierenden ökologischen Transformation eine Rolle, ist doch für die kommenden Jahre nicht auszuschließen, dass Umweltkatastrophen bisher nicht für möglich gehaltenen Ausmaßes auftreten.
Wenn nach derartigen Schocks, Katastrophen, größeren Fehlentwicklungen oder anderen disruptiven Vorkommnissen politische Transformationsentscheidungen fallen, liegt auf der Hand, dass zumeist damit, implizit oder explizit, Vorstellungen von einem TurnaroundTurnaround oder – etwas pathetischer formuliert – einer „besseren Welt“ verbunden werden: einer Welt, die weniger Risiken birgt, einen größeren WohlstandWohlstand ermöglicht bzw. allgemein die Zufriedenheit der Menschen befördert. Hierbei spielen vielfach wissenschaftliche Erkenntnisse eine Rolle, die Bildung unterschiedlichster Utopien oder historische Beispiele, die zu einer anderen Zeit oder an einem anderen Ort – vermeintlich oder nachweislich – zu geeigneteren Ergebnissen im Sinne des Erstrebten geführt haben.
Sofern für eine weitgehende politische Umorientierung transformationsgeschichtliche Beispiele bedeutsam sind, ist aus wissenschaftlicher Perspektive zu beachten, dass die Deutung von Gewesenem und der Versuch des Transfers in eine andere Zeit und an einen anderen Ort stets subjektiven Momenten unterliegen. Auf die Berücksichtigung der Einordnung von Geschehnissen in ihren jeweiligen historischen Kontext, deren Kultur, Denkart und Institutionen wurde in vielen Beiträgen zur ökonomischen und zur Ideen- und Theoriegeschichte immer wieder hingewiesen. Hierbei ist jedoch stets zu berücksichtigen, dass selbst die elaborierteste geschichtswissenschaftliche Methodik allzeit mit der Überkomplexität interagierender Variablen (Restriktionen), mit der hermeneutischen Unschärfe von Quellen und mit der zutreffenden Auswahl und Gewichtung sich nicht selten widersprechender Deutungen zu kämpfen hat.
Interessante Beispiele finden sich etwa bei der Interpretation der Wohlfahrtswirkungen des mittelalterlichen ZunftwesensZunftwesen, der Liberalisierung der Märkte im Industriezeitalter, beim Widerstreit um das „richtige“ Wirtschaftssystem oder im Rahmen der DekolonisationDekolonisation, also der politischen Agenden, die zur Ablösung kolonialer Herrschaftssysteme und zur Erlangung staatlicher Unabhängigkeit führten. Interessant sind auch die zahlreichen und z. T. mit Entkolonialisierungsprozessen im Zusammenhang stehenden Fälle nachholender Entwicklung. Gemeint ist ein tatsächlicher oder angestrebter Aufholprozess von (so genannten) Entwicklungsländern gegenüber Industrieländern, der im Bereich wichtiger sozialer, infrastruktureller und politischer Teilsysteme gewissermaßen die Abkürzung nimmt bzw. historische Um- und Irrwege der jeweiligen Vorbilder vermeiden soll. In diesem Fall liegen dem Annahmen zugrunde, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg im Rahmen der ModernisierungstheorienModernisierungstheorien aufkamen. Danach sollten ökonomische und politische Zustände in bestimmten Ländern als Entwicklungsvorbild für andere Länder gelten. Ein Fallbeispiel findet sich im folgenden Kasten.
Beispiel 1 | Entwicklungsstrategie der nachholenden Entwicklung in Südkorea
SüdkoreaSüdkorea gelang der Wandel von einem verarmten Land zu einer hochentwickelten und industrialisierten Nation. Korea war von 1910 bis 1945 eine japanische Kolonie, die nach Japans Niederlage im Zweiten Weltkrieg von der Sowjetunion und den USA in zwei Besatzungszonen aufgeteilt wurde. Das unter dem Einfluss der USA 1948 als parlamentarische Demokratie gegründete Südkorea hat sich nach fast 40 Jahren unter verschiedenen Militärregierungen, nicht zuletzt durch die Unterstützung der USA und anderer westlicher Staaten, nach umfangreichen Modernisierungsprozessen seiner institutionellen Strukturen einschließlich einer massiven TransformationTransformation, Wirtschaft der Wirtschaft, zu einem der demokratischsten Staaten des asiatischen Raumes entwickelt (Platz 24 weltweit; economist.com 2023) und einen Platz unter den 20 größten Volkswirtschaften der Welt erobert (Statista 2023). Das Beispiel Südkorea verdeutlicht nicht zuletzt die Abhängigkeit der ökonomischen Entwicklung eines Landes von seinen spezifischen historischen, kulturellen und geopolitischen Eigenarten.
Die Entwicklung SüdkoreasSüdkorea veranschaulicht einen Transformationsprozess, der die damit verbundenen Erwartungen an steigenden Wohlstand, stabile politische Bedingungen sowie einen Rückgang sozialer Probleme zunächst nur zögernd, dann jedoch umso konsequenter erfüllen konnte. Es gibt genügend Beispiele, bei denen die Erwartungen der westlichen „Unterstützer“ von denen der „Unterstützten“ abgewichen sind. Dies ist generell vor allem dann der Fall, wenn die unterschiedlichen kulturellen, historischen und sozialen Kontexte der jeweiligen Länder nicht berücksichtigt werden oder die Eigeninteressen des Auf- und Ausbaus eigener Absatzmärkte oder günstiger Faktoreinkäufe wie rein wirtschaftlicher Interessen seitens der „Geberländer“ dominieren. So stellten sich in manchen Ländern anstelle der gewünschten Ergebnisse sogar negative Folgen ein. Man denke etwa an HaitiHaiti oder die Demokratische Republik KongoKongo, Demokratische Republik, wo trotz beträchtlicher Hilfen aus westlichen Ländern immer wieder massive Probleme im Zusammenhang mit Korruption, politischer Instabilität und fehlender effektiver Koordination zwischen Hilfsorganisationen auftauchten und bis heute existieren. Die Liste der Beispiele ließe sich ohne Weiteres mit Staaten wie dem IrakIrak, SomaliaSomalia, SimbabweSimbabwe und anderen fortsetzen.
Ein besonderes Beispiel stellt IndienIndien dar (siehe folgender Kasten), das im Jahr 1947 nach fast zwei Jahrhunderten britischer Kolonialherrschaft seine staatliche Unabhängigkeit erlangte. Eine Angleichung der unterschiedlichen Interessen trat spätestens mit dem sich einstellenden Bewusstsein über die Vorteile von Gegenseitigkeit im Rahmen der zunehmenden GlobalisierungGlobalisierung und steigender wirtschaftlicher Prosperität ein. Im Ranking der 20 Länder mit dem höchsten Bruttoinlandsprodukt stand Indien im Jahr 2022 bereits an fünfter Stelle (Statista 2023).
Beispiel 2 | Entwicklungsstrategie der nachholenden Entwicklung in Indien
1885 wurde der Indische NationalkongressIndien (INC) gegründet. Zunächst waren nur Veränderungen innerhalb des britischen Systems angestrebt, denen bald jedoch Forderungen nach Unabhängigkeit folgten. In der 1920 von Mahatma GandhiGandhi, Mahatma (1869–1948) gegründeten Nichtkooperationsbewegung wurde die indische Bevölkerung aufgefordert, britische Einrichtungen, Schulen und Produkte zu boykottieren. Ziel des friedlichen Widerstands war über eine Blockade der Kolonialverwaltung die Schärfung des öffentlichen Bewusstseins für die Unabhängigkeitsvision. 1930 führte Gandhi die Bewegung des zivilen Ungehorsams an, bei der sich die Inder weigerten, Steuern zu zahlen sowie Salz zu produzieren, und gegen die repressive britische Gesetzgebung protestierten. 1942 rief Gandhi mit Gründung der Quit-India-Bewegung zum kollektiven Widerstand auf und forderte ein sofortiges Ende der britischen Herrschaft. 1947 erlangte Indien die Unabhängigkeit von der britischen Herrschaft. Das Unabhängigkeitsgesetz führte zur Teilung Indiens in zwei separate Staaten, IndienIndien und PakistanPakistan. Mit dem 1951 einsetzenden „Zeitalter der Fünfjahrespläne“ gelangen zunächst keine großen wirtschaftlichen Erfolge, was sich in den 1990er-Jahren („Ära der wirtschaftlichen Liberalisierung“) änderte, in denen umfangreiche Maßnahmen der Deregulierung, Privatisierung, Öffnung für ausländische Investitionen und der Abbau von Handelsschranken zum Tragen kamen. Infolge dieser prägnant transformativen Politik erlebte IndienIndien eine Periode schnellen Wachstums und einschneidender Veränderungen seiner Gesellschaftsstrukturen. Das Wirtschaftswachstum in den späten 1990er- und frühen 2000er-Jahren wies zeitweise die höchsten Raten weltweit auf. Trotz weiterhin bestehender entwicklungspolitischer Herausforderungen und regionaler Ungleichgewichte entwickelte sich das Land so zu einem der wichtigsten Akteure in der Weltwirtschaft.
Gänzlich anders in Verlauf und Dimensionierung stellte sich der große Transformationsprozess der ehemaligen SowjetunionSowjetunion nach dem Fall des Eisernen VorhangsEiserner Vorhang dar. Heute wird der seinerzeit vor allem von Michail GorbatschowGorbatschow, Michail (1931–2022) als prägender historischer Figur eingeleitete Transformationsprozess mit den Begriffen PerestroikaPerestroika, was so viel heißt wie Umbau, Umgestaltung oder Umstrukturierung, sowie GlasnostGlasnost, womit eine größere Transparenz und Offenheit der Staatsführung gegenüber der Bevölkerung gemeint ist, verbunden. Wie die im nächsten Kasten zusammengefasste Übersicht erkennen lässt, handelt es sich hier jedoch wieder um ein anschauliches Beispiel transformativer Überforderung. Damit ist gemeint, dass sich viele der mit Optimismus verbundenen Ziele dieses gigantischen Transformationsvorhabens auch nicht annähernd erfüllen konnten.
Beispiel 3 | Der Fall des Eisernen Vorhangs und seine Folgen
Letztendlich, so ist aus heutiger Sicht mit Blick auf das „Transformationsexperiment SowjetunionTransformation, Experiment Sowjetunion“ zu konstatieren, standen den großen Hoffnungen auf politische Reformen hin zu stärkerer Demokratisierung, Gewährung von Freiheiten sowie einer Wiederbelebung und Modernisierung der Wirtschaft durch die Einführung von Marktmechanismen und einer größeren Offenheit zum Westen folgenreiche Enttäuschungen gegenüber. Zwar gewährten die Europäische GemeinschaftEuropäische Gemeinschaft (EG), die USAUSA und JapanJapan sowie Organisationen wie der Internationale WährungsfondsInternationaler Währungsfonds (IWF) und die WeltbankWeltbank von Beginn an verschiedenste Formen der Unterstützung. Dennoch ließen sich in der Folge diverse Verwerfungen, Störungen, Engpässe und inflationäre Tendenzen nicht vermeiden. Die LiberalisierungLiberalisierung der Wirtschaft fand mit hohem, im Nachhinein betrachtet: zu hohem Tempo statt, das sich in vielerlei Hinsicht vorgesehenen Kontrollmechanismen zu entziehen begann. Eine Anpassung des institutionellen Rahmens an die neuen Gegebenheiten blieb im Reformwirrwarr stecken und viele Menschen fühlten sich überfordert bzw. nicht mehr mitgenommen. Ein für nicht wenige Transformationsprozesse typischer Kontrollverlust der Reformpolitik über Gesellschaft, Politik und Wirtschaft setzte ein, verstärkt durch aufkeimende, lange unterdrückte nationalistische Tendenzen, die sich nunmehr als unvorhergesehener Effekt der gestiegenen Offenheit und Freiheiten offenbarten. Die Legitimität des Sowjetregimes geriet zunehmend ins Wanken, und Forderungen nach Unabhängigkeit einzelner ehemaliger Republiken trugen schließlich zum Zerfall des Riesenreichs bei. Die Konflikte um die Umsetzung der Perestroika gipfelten 1991 in einem Putschversuch gegen GorbatschowGorbatschow, Michail, der zwar scheiterte, jedoch den Zusammenbruch der Sowjetunion beschleunigte und schließlich noch im selben Jahr zu ihrer Auflösung führte.
Die ausgewählten Beispiele belegen, wie anspruchsvoll und herausfordernd es ist, Transformationspläne vor dem Hintergrund historischer Beispiele sowie der Entwicklung optimistischer Zielvorstellungen über einen längeren Zeitraum erfolgreich zu verfolgen. Dennoch zeichnet sich ab, dass trotz der Anforderungen, die die hohe Komplexität sozioökonomischer Wandlungsprozesse an die Handelnden stellt, die entsprechenden Vorhaben nicht notwendigerweise zum Scheitern verurteilt sein müssen.
