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Die Besetzung Frankreichs durch die Wehrmacht, der Kriegseintritt Mussolinis im Sommer 1940 sowie die deutsch-italienische Besetzung Griechenlands 1941 verschloss den Juden die Flucht über fast alle Mittelmeer-Häfen. Aus Südosteuropa blieb nur der schwierige Weg über Istanbul nach Palästina. Die formell neutrale Türkei war bestrebt, Nazideutschland nicht zu provozieren. Nur über ein vorwiegend klandestines, informelles Netzwerk in der türkischen Metropole, in dem auch Angelo Roncalli, der spätere Papst Johannes XXIII., eine wichtige Rolle spielte, konnte die Flucht der südosteuropäischen Juden nach Palästina organisiert werden. In dem neuen Buch von Reiner Möckelmann, der lange als Diplomat in Ankara und Istanbul arbeitete, wird die Geschichte dieser Fluchtroute erstmals umfassend dargestellt und das unbekannte Zusammenspiel aus selbstlosen jüdischen Helfern, Diplomaten und Vertretern der Kirche beleuchtet. Ein ganz neues Kapitel in der Geschichtsschreibung zur Flucht europäischer Juden.
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Seitenzahl: 561
Veröffentlichungsjahr: 2023
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wbg Theiss ist ein Imprint der wbg.
© 2023 by wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt
Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitglieder der wbg ermöglicht.
Satz: Arnold & Domnick, Leipzig
Lektorat: Kristine Althöhn, Mainz
Umschlaggestaltung: Peter Lohse, Heppenheim
Umschlagabbildung: Das Flüchtlingsschiff S. S. Parita wurde vor Tel Aviv von seiner Besatzung und mit Hunderten jüdischen Flüchtlingen an Bord absichtlich auf Grund laufen gelassen, um einer Abschiebung durch britische Behörden zu entgehen. Das Schiff brach am 13. Juli 1939 in Constanța in Rumänien auf und erreichte erst nach zahlreichen Zwischenstops, u. a. in Istanbul, am 23. August 1939 die Küste von Palästina.
Die Menschenmenge am Strand versammelte sich, um die ankommenden Flüchtlinge zu versorgen und bei der Landung zu helfen. © GRANGER – Historical Picture Archive / Alamy Stock Foto.
Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Papier
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ISBN 978-3-8062-4560-8
Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:
eBook (PDF): ISBN 978-3-8062-4577-6
eBook (epub): ISBN 978-3-8062-4578-3
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Innentitel
Inhaltsverzeichnis
Informationen zum Buch
Impressum
INHALT
Einleitung
I Deutsches Reich und Südosteuropa
1Das Schlüsseljahr 1938
2Geförderter Exodus: Transferabkommen und illegale Einwanderung
3Erzwungene und freiwillige Übernahme der „NS-Judenpolitik“ in Südosteuropa
II Schaltstelle und Drehscheibe Istanbul
4Neutrale Türkei und „Judenpolitik“
5Politischer Rahmen für Hilfs- und Rettungsaktivitäten
6Jewish Agency und Hilfskomitee der jüdischen Gemeinde in Istanbul
7Schwimmendes Getto vor Istanbul: Die Tragödie der Struma-Flüchtlinge
8Austausch von Juden gegen Palästinadeutsche in Istanbul und die Folgen
9JA-Rettungskomitee in Istanbul und britische Palästinapolitik nach 1942
10Kinder- und Jugendtransporte nach Palästina
11Organisationszentrale Istanbul
12Freikauf von Juden aus Südosteuropa
13Der Kampf um das Überleben der ungarischen Juden
14Herausforderungen gegen Ende des Krieges
III Erinnerungskultur und Gedenkpolitik
15Deutschland: Die „Meistererzählung“ des Franz von Papen
16Türkei: Der Mythos einer Retter-Nation
17Südosteuropa: Umgang mit Erinnerung in den postsozialistischen Staaten
Nachwort
Dank
Kurzbiografien
Anmerkungen
Abkürzungsverzeichnis
Archive und Quellen
Literaturverzeichnis
Personenregister
Bildnachweis
Dem Aufklärer, Mahner und FreundKarl Pfeifer (22. 8. 1928 – 6. 1. 2023) gewidmet
EINLEITUNG
Am 5. Januar 1943 verließ ein Zug mit 50 ungarisch-jüdischen Kindern und Jugendlichen Budapest, die Hauptstadt des mit dem Deutschen Reich verbündeten, aber noch unbesetzten Ungarn. Die Bahnfahrt führte zunächst in das türkische Istanbul und dann ins britische Mandatsgebiet Palästina, in die Stadt Haifa. Istanbul war seit 1940 Zwischenstation für die verfolgten Juden Südosteuropas auf dem Weg nach Palästina. Die Vertretung der Jewish Agency (JA) in Jerusalem unternahm in den Kriegsjahren alles erdenklich Mögliche, um die verfolgten Juden, insbesondere Kinder, aus den deutsch besetzten Ländern zu retten – zunächst ab 1939 aus Polen, ab 1940 auch aus Frankreich und dem Balkan, ab 1941 aus dem Westen der Sowjetunion (in den Grenzen des Hitler-Stalin-Paktes).
Die JA war Ansprechpartnerin für die britische Mandatsverwaltung in Palästina und laut Völkerbundmandat die offizielle Vertretung der Juden vor Ort. Die Dependance in Istanbul bildete eine Brücke zwischen den südosteuropäischen jüdischen Gemeinden und Jerusalem, für das Istanbul auch ein Fenster zum deutsch dominierten Balkan wurde.
Vor diesem Hintergrund ist es Ziel der vorliegenden Arbeit, die im deutschen Sprachraum wenig bekannte Rolle der Türkei als Schaltstelle zwischen Südosteuropa und Palästina sowie als Drehscheibe für Austauschaktionen von Palästinadeutschen mit europäischen Juden zwischen 1940 und 1945 zu untersuchen.
Dank enger Kontakte in die Türkei und nach Israel sowie aufgrund zahlreicher Dokumente war es möglich, sich auf die konkrete Rolle von Mitarbeitern der JA in Istanbul, von einheimischen und amerikanischjüdischen Hilfskomitees sowie von Diplomaten der neutralen und alliierten Staaten in der Türkei zu konzentrieren. Außerdem sollen die Vertreter des Vatikans, des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) sowie die deutschen Wissenschaftsemigranten in den Blick genommen werden.
Grundlegende Forschungsergebnisse zur legalen und illegalen Einwanderung aus Südosteuropa nach Palästina während des Holocaust finden sich bereits früh in Werken mehrerer israelischer Historiker und Historikerinnen; etwa in den mehrbändigen Abhandlungen der Historikerinnen Dalia Ofer und Dina Porat aus dem Jahr 1990.1 In seinem zweibändigen Werk Arrows in the Dark konzentriert sich der israelische Holocaustforscher Tuvia Friling 2005 auf die Entscheidungsträger in Palästina und deren Rettungsaktivitäten.2 In späteren Aufsätzen gehen Dalia Ofer und Tuvia Friling speziell auf das Zusammenwirken der JA in Jerusalem mit ihrer Außenstelle in Istanbul bei Hilfs- und Rettungsaktionen ein.3 Deren Erfolg stellt der israelische Historiker Schlomo Aronson im Jahre 2004 grundsätzlich infrage.4 Unter dem Vorzeichen der illegalen Immigration beschreibt der israelische Diplomat und Politiker Ehud Avriel aus persönlichem Erleben schon 1976 die Rolle der JA-Delegation in Istanbul.5
Die Rolle der Türkei bei der Rettung europäischer Juden hingegen nimmt erstmals 1993 der seinerzeit in der Türkei lebende US-Historiker Stanford J. Shaw umfänglich in den Blick; allerdings auf der Basis selektiv zugänglich gemachter türkischer Dokumente.6 1999 erschien von dem türkischen Historiker Rifat N. Bali sein erstes Buch zum Thema Judenverfolgung. Bilai Şimşir, türkischer Diplomat und Historiker, publizierte 2010 zwei Bände über die türkischen Juden sowie zu den über die Türkei flüchtenden Juden – Letzterer, ebenso wie Shaw, mit der Tendenz einer übermäßigen Einschätzung des türkischen Beitrags an der jüdischen Migration.7 Die deutsche Historikerin Corry Guttstadt veröffentlichte im Jahre 2008 eine umfassende Arbeit über die wechselvolle Geschichte der Juden im Osmanischen Reich und in der Türkei während des Holocaust.8 Sie widerlegt darin viele Aussagen Shaws und hebt eine restriktive Politik Ankaras gegenüber türkischen Juden inner- und außerhalb der Türkei sowie gegenüber jüdischen Flüchtlingen hervor. Der türkisch-amerikanische Historiker İzzet Bahar vertiefte in den Jahren 2015 und 2016 das Thema der Rettung türkischer Juden in Europa.9 Speziell zum Transit von Juden durch die Türkei nach Palästina publizierten in jüngerer Zeit der türkische Historiker Hakan Güngör und der türkische Journalist Yakup Barokas. Güngör hebt wie zuvor Shaw und Şimşir den offiziellen türkischen Beitrag hervor, ohne auf ausländische Quellen zurückzugreifen. Barokas stützt sein Buch ohne Angabe weiterer Quellen auf transkribierte mündliche Interviews.10 Ein Porträt des Hilfs-, Rettungs- und Spionagezentrums Istanbul während des Zweiten Weltkriegs zeichneten die US-Politologen Barry Rubin und Charles King in den Jahren 1991 bzw. 2014.11
Früh, im Jahre 1964, untersuchte der deutsche Militärhistoriker Jürgen Rohwer dramatische Ereignisse wie den Untergang des Flüchtlingsschiffs Struma, der größten zivilen Schiffskatastrophe des Zweiten Weltkriegs mit knapp 800 Opfern. Die Tragödie ereilte überwiegend rumänische Juden, die unter unmenschlichen Bedingungen auf dem Weg nach Palästina mehr als zwei Monate vor Istanbul festgehalten wurden. Mit wenigen Ausnahmen wurden sie im Februar 1942 Opfer des Schiffsuntergangs durch Torpedobeschuss im Schwarzen Meer. Bis in die jüngere Vergangenheit schilderten Historikerinnen und Historiker, Literaten und Journalisten mehrerer Länder die Ereignisse.12 Dem aufopferungsvollen Einsatz Einzelner in Istanbul sowie der Aufarbeitung der Tragödie in der Türkei wurde bislang wenig Raum gegeben.
Über die Drehscheibe Istanbul gelangten von Ende 1941 bis Mitte 1944 mehrere Transporte mit europäischen Juden im Austausch gegen Palästinadeutsche in ihre „Heimstatt“. Den folgenreichen zweiten Austausch schildert der deutsche Journalist Klaus Hillenbrand im Jahre 2010.13 Durch Aussagen polnischer Teilnehmer gelangten nämlich Mitte November 1942 die ersten authentischen Nachrichten über den Warschauer-Getto-Aufstand und über Vernichtungsaktionen im Konzentrationslager Treblinka nach Palästina. Die alarmierenden Zeugnisse hatten weitreichende Folgen, denn sie trugen maßgeblich dazu bei, dass zwölf Regierungen in der Alliierten Erklärung zur Vernichtung der Juden vom 17. Dezember 1942 erstmals die Weltöffentlichkeit auf die mörderische Politik des Deutschen Reichs aufmerksam machten.
Eine Vielzahl weiterer jüngerer Dokumente ermöglicht zusätzliche Einblicke in die umfangreichen Aktivitäten des Hilfs- und Rettungskomitees in Istanbul. Dies gilt insbesondere für drei Kinder- und Jugendtransporte vom Balkan über Istanbul nach Palästina im Frühjahr 1943. Auf Grundlage zahlreicher Schriftwechsel und Zeitzeugenaussagen beschrieb 2009 die kroatische Journalistin Ženi Lebl in diesem Zusammenhang die Rettungsbemühungen um kroatisch-jüdische Kinder und Jugendliche. Die bislang noch nicht ausgewertete Arbeit verdeutlicht anhand des intensiven Informationsaustauschs zwischen Zagreb und Istanbul das Ringen an beiden Orten um die Ausreise und Rettung einer letztlich enttäuschend geringen Zahl von jugendlichen kroatischen Juden.14 Größere Rettungsvorhaben zugunsten von jüdischen Kindern aus Südosteuropa scheiterten regelmäßig an der „Judenpolitik“ des Deutschen Reichs. Ab dem Jahre 1942 stand diese ganz im Zeichen der „Endlösung“.
Opfer der deutschen „Judenpolitik“ wurde auch der Transnistrien-Plan des rumänischen Staatschefs Ion Antonescu, ebenso wie der Slowakei-Plan und der Europa-Plan der jüdischen „Arbeitsgruppe“ in Bratislava. Die Pläne aus den Jahren 1942 und 1943 sahen Lösegeldzahlungen an die rumänische Regierung bzw. an SS-Vertreter in der Slowakei vor. Um größere Zahlungen zum „Freikauf “ von Juden ging es ein Jahr später in Budapest nach der deutschen Besetzung im März 1944 in den Verhandlungen zwischen Vertretern des jüdischen Hilfs- und Rettungskomitees und der SS.
Ausführlich behandelt der israelische Holocaustforscher Yehuda Bauer die Istanbul-Mission „Blut gegen Ware“ in seinem Buch Freikauf von Juden?15 Jüngere Dokumente erlauben es, die wichtige Rolle des Istanbuler JA-Rettungskomitees in diesem von den Nationalsozialisten vorgeschlagenen Tauschgeschäft zu belegen. Gleiches gilt für das sogenannte Horthy-Angebot vom Sommer 1944 zur Ausreise von Kindern sowie Inhabern von Einwanderungs-Zertifikaten aus Ungarn nach Palästina. Trotz großer Anstrengungen blieben beide ungarischen Rettungsvorhaben erfolglos.
Im Mittelpunkt der folgenden Darstellung stehen die zahlreichen Helfer, welche sich in der Türkei in jüdischen Hilfs- und Rettungsorganisationen, im Roten Kreuz, in Botschaften und Konsulaten sowie als Einzelpersonen für die verfolgten Juden in Südosteuropa, ihren Austausch und Transit durch die Türkei nach Palästina einsetzten.
In den entscheidenden fünf Jahren von August 1940 bis September 1945 leitete der Jurist Chaim Barlas die Außenstelle der JA in Istanbul und leistete Außergewöhnliches. Ihm, dem polnisch-sprachigen früheren Leiter des Warschauer Palästinabüros ist es zuzuschreiben, dass Mitte November 1942 erstmals Augenzeugenberichte von mehreren „Austauschjuden“ über Vernichtungsaktionen in deutschen Konzentrationslagern auf polnischem Boden in Palästina an die Öffentlichkeit gelangten.
Die Gesprächsprotokolle wurden im Dobkin-Report zusammengefasst. Als Reaktion hierauf gründete die JA zu Beginn des Jahres 1943 in Istanbul ein Hilfs- und Rettungskomitee. Nach und nach personell deutlich verstärkt, wurde es Chaim Barlas unterstellt. Dessen Erinnerungen aus dem Jahre 1975 verdienen eine Übersetzung aus dem Hebräischen, seine Person eine biografische Würdigung.16
Selbst- und rastlos setzte sich in Istanbul Simon Brod, Kaufmann und Mitglied der jüdischen Gemeinde, für die Durchreisenden, Gestrandeten sowie Überlebenden von Schiffsunglücken ein. Rıfat Bali beschrieb den „Dämon von Istanbul“ in einem Porträt. Ergänzt werden können Brods verdienstvolle Einzelleistungen aus weiteren Quellen.17 Der umfangreiche Schriftwechsel der US-Botschaft in Ankara mit dem State Department in Washington belegt die vielfältigen Rettungsaktivitäten derselben: Botschafter Steinhardt und seine Mitarbeiter setzten sich ab dem Frühjahr 1942 gegenüber türkischen Behörden beharrlich für die Interessen jüdischer Flüchtlinge aus Südosteuropa ein.
Auf Bitten von Chaim Barlas und seiner Mitarbeiter engagierte sich Angelo Roncalli, der Apostolische Delegat des Vatikans in Istanbul und spätere Papst Johannes XXIII., unbürokratisch und weit über die Grenzen seiner eigentlichen Aufgaben hinaus für Hilfs- und Rettungsaktionen. Die israelischen Historiker Dina Porat und David Bankier würdigten seine Aufgeschlossenheit und Empathie in einem schmalen Band, der italienische Kirchenhistoriker Alberto Melloni in einem längeren Aufsatz. Die Türkei-Tagebücher Roncallis und sein Schriftwechsel mit dem Vatikan bis Ende 1944 erlauben einen vertieften Einblick in sein selbstloses Wirken.18
Um die Rolle Istanbuls während des Krieges ermessen zu können, beziehe ich die Palästinapolitik des Deutschen Reichs ab 1933 als Kontext mit ein. Gleiches gilt für die „Judenpolitik“ sowie für die jeweiligen Hilfs- und Rettungsmöglichkeiten in den deutsch dominierten südosteuropäischen Staaten. Nicht zuletzt der Druck von NS-Organen ab Ende 1941 zur Unterbindung der Palästinaauswanderung aus den Balkanländern erforderte viel Improvisationsvermögen der Helfer in der Türkei.
Detaillierte Einblicke in die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse der Balkanstaaten sowie den dortigen Einfluss des Deutschen Reichs während des Zweiten Weltkrieges vermittelt die Edition Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (VEJ). Zwischen 2008 und 2021 sind alle 16 Bände erschienen. Insbesondere die aus Sprachen südosteuropäischer Staaten übersetzten Dokumente können die Beweggründe verdeutlichen, derentwegen Zehntausende Verfolgte vom Balkan nach Palästina zu fliehen vesuchten.19 Einen Einblick in die Denk- und Handlungsmuster der deutschen Ministerialbürokratie und von NS-Organisationen bieten gut erschlossene Dokumente der jeweiligen Archive.
In einem Abschlusskapitel über Erinnerungskultur und Gedenkpolitik der Balkanstaaten sowie der Türkei will ich darstellen und bewerten, ob und wie die Länder ihre jeweilige Haltung zum Los der Juden während des Holocaust verarbeitet haben. Im Ergebnis läuft dies auf folgenden Befund hinaus: In unterschiedlicher Aufgeschlossenheit erinnern und vermitteln die postkommunistischen Staaten Südosteuropas den Holocaust in Abkehr von der vormals aufoktroyierten antifaschistischen Vergangenheitserzählung. Die türkische Gesellschaft und ihre Politiker tun sich selbst ohne früheren ideologischen Ballast schwer, ihre Rolle während des Holocaust umfassend zu erforschen, zu vermitteln und an sie zu erinnern. Hochgradig fragwürdig ist schließlich die Erinnerungspolitik, wie sie Franz von Papen, der Vertreter des Deutschen Reichs im Rang eines Botschafters während der Holocaustjahre in Ankara der Nachwelt vermittelte.
I
DEUTSCHES REICH UND SÜDOSTEUROPA: VON DER ENTRECHTUNG ZUR ZWANGSEMIGRATION
1 DAS SCHLÜSSELJAHR 1938
„Im übrigen muß ich noch einmal feststellen:ich möchte kein Jude in Deutschland sein.“
Hermann Göring nach der Reichspogromnacht1
Es war Samstag, der 12. März 1938 und ein Tag nach Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Österreich. „An diesem Abend brach die Hölle los“, so erlebte Carl Zuckmayer das Geschehen in Wien. „Die Unterwelt hatte ihre Pforten aufgetan und ihre niedrigsten, scheußlichsten, unreinsten Geister losgelassen. Die Stadt verwandelte sich in ein Albtraumgemälde des Hieronymus Bosch … Was hier entfesselt wurde, war der Aufstand des Neids, der Missgunst, der Verbitterung, der blinden böswilligen Rachsucht – und alle anderen Stimmen waren zum Schweigen verurteilt.“2 Der „Anschluss“ Österreichs war ein Schlüsselmoment in der europäischen Geschichte der Juden. Mit dem Fall von Wien war der Weg frei in die Katastrophe Europas. Überstürzt flohen zwischen dem 13. März und 31. Dezember 1938 insgesamt knapp 60 000 Jüdinnen und Juden allein aus Österreich.3
In der rund 25 km südlich von Wien gelegenen Kurstadt Baden widerfuhr den jüdischen Mitbürgern nicht minder Erniedrigendes. Sie wurden zu sogenannten Reibpartien geholt und mussten aufgemalte Parolen der „Vaterländischen Front“ von den Straßen waschen. Auch Baracken und andere Gebäude mussten „gesäubert“ werden.4
Die dort seit Langem ansässige Familie Pfeifer ahnte das kommende Unheil, denn Baden beherbergte im März 1938 nach Wien und Graz die drittgrößte jüdische Gemeinde Österreichs. Seit Anfang des Jahres 1938 wurde der dortigen jüdischen Kultusgemeinde klar, in welcher Gefahr ihre Mitglieder schwebten. Rechtsnationale Gruppen agierten offen, verbreiteten Hetzparolen und gingen gewalttätig gegen einzelne Juden vor.5
Die wachsende Bedrohung beschrieb Ludwig Pfeifer seinem ältesten Sohn Erwin Ende Januar 1938 in einem Brief. Erwin, in der zionistischen Jugend von Baden groß geworden, war bereits im Jahre 1935 als 22-jähriger Pionier nach Palästina ausgewandert. In seinem umgehenden Antwortbrief drängte er den Vater, alles zu verkaufen und Österreich schnellstmöglich zu verlassen. Noch zögerte Ludwig Pfeifer aber, denn als angesehener Mitarbeiter eines deutschen, ihm wohlgesonnenen wissenschaftlichen Buchverlags hatte er viel zu verlieren.6
Ein Umdenken setzte bei den Eltern Pfeifer indessen unmittelbar nach dem „Anschluss“ ein. Es verstärkte sich, als ihr knapp zehnjähriger in Baden geborener Sohn Karl im April 1938 auf dem Schulweg von Hitlerjungen nicht nur verbal angegriffen wurde. Im folgenden Gespräch mit dem NS-Lehrer erfuhr Mutter Margarethe, dass sie ihren Sohn ohne Anspruch auf ein Abschlusszeugnis jederzeit aus der Schule nehmen könne. Trotz der Nachteile handelte sie. Lang brauchte Karl dem Schulunterricht indessen nicht fernzubleiben. Anfang Juli verließ die Familie die vertraute Heimatstadt, ausgestattet nur mit je einem Koffer. Den Erlös aus dem erzwungenen Hausverkauf kassierten die NS-Machthaber für die Erteilung der Ausreiseerlaubnis. Immerhin blieb es der Familie erspart mitzuerleben, wie die Nationalsozialisten wenig später den jüdischen Tempel Badens entweihten und das Inventar im Hof der Synagoge zu Brennholz zerhackten.7
Lange Überlegungen bei der Wahl ihres Zufluchtslandes gab es für Familie Pfeifer nicht. Beide Elternteile waren in Ungarn geboren. Viele Verwandten lebten dort, und Budapest zeichnete sich durch eine zahlreiche sowie gebildete jüdische Bevölkerung aus. Nach dem Ende der K.-u.-k-Monarchie hatten die Pfeifers zwar die österreichische Staatsbürgerschaft erlangt. Am Tage ihrer Ausreise erhielten sie dennoch auch einen ungarischen Pass und konnten sich somit in Budapest als ungarische Staatsbürger anmelden. Nun war die Familie, anders als die in Österreich verbliebenen Juden, den Bestimmungen der ideologisch verbrämten Nürnberger Rassengesetze nicht mehr ausgeliefert. Indessen konnten sie von geplanten diskriminierenden Gesetzesvorhaben der ungarischen Regierung bereits früher aus der Wiener Presse erfahren haben.8 So untersagte das erste sogenannte Judengesetz vom Mai 1938 ungarischen Staatsbürgern jüdischer Herkunft die Ausübung verschiedener Berufe. Die Familie Pfeifer schützte indessen der große und zum Teil vermögende Verwandtschaftskreis in Budapest vor existenziellen Sorgen, denen sie beim Verbleib in Baden ausgesetzt gewesen wären.
In demselben Sommer, in dem die Familie Pfeifer ihren Entschluss zur Auswanderung umgesetzt hatte, tagte im französischen Kurort Evian-les-Bains vom 6. bis 15. Juli 1938 eine internationale Konferenz. US-Präsident Th. D. Roosevelt hatte sie initiiert. Von den brutalen Folgen der Annexion Österreichs und den wachsenden jüdischen Flüchtlingsströmen aus dem deutschen „Altreich“ alarmiert, hatte er Einladungen an Regierungen von Staaten in aller Welt versandt. Von ihnen erhoffte er sich, dass sie möglichst viele jüdische Opfer der NS-Diktatur aufnehmen würden. Bereits rund 150 000 Juden waren seit der Machtübernahme Adolf Hitlers aus dem Deutschen Reich geflüchtet – jeder Vierte. Rund 30 000 von ihnen hatten in den USA Zuflucht gefunden.9
Das Ergebnis der Konferenz von Evian war für die bedrängten Juden mehr als enttäuschend. Eine Vielzahl jüdischer Organisationen hatte Anregungen und Wünsche in Memoranden niedergelegt. Indessen konnte man sich in Evian nur auf die Gründung eines Internationalen Komitees für Flüchtlingsangelegenheiten (ICR) einigen, das sich allein mit dem Problem der Zufluchtsländer für die verfolgten Juden befassen sollte. Die negativen Ergebnisse der Konferenz überwogen: Außer vagen Angeboten von Costa Rica und der Dominikanischen Republik zeigte keiner der teilnehmenden Staaten seine Bereitschaft zur Aufnahme von Flüchtlingen – sei es im britischen Mandatsgebiet Palästina, sei es im eigenen Land oder auch in Kolonien. Die Konferenzteilnehmer fragten sich, warum sie die Folgen eines Flüchtlingsproblems akzeptieren sollten, welches das Deutsche Reich selbst geschaffen hatte, oder warum sie zulassen sollten, dass der Antisemitismus sich in ihren Ländern ausbreitet.
Die Zionistische Weltorganisation (WZO) hatte lediglich Beobachter zur Konferenz entsandt, unter ihnen Golda Meir. Ein Rederecht war ihr verwehrt worden. Die spätere Außenministerin und Ministerpräsidentin Israels beschrieb das Ergebnis ernüchtert: „Dazusitzen, in diesem wunderbaren Saal, zuzuhören, wie die Vertreter von 32 Staaten nacheinander aufstanden und erklärten, wie furchtbar gern sie eine größere Zahl Flüchtlinge aufnehmen würden und wie schrecklich leid es ihnen tue, dass sie das leider nicht tun könnten, war eine erschütternde Erfahrung.“10
Schon im Vorfeld hatte die NS-Regierung in Berlin der Konferenz jegliche Zuständigkeit abgesprochen, über ein „innerdeutsches Problem, das außer jeder Diskussion stehe“ zu verhandeln.11 Auf eine Mitarbeit im Evian-Komitee vom Berliner US-Botschafter Robert Wilson angesprochen, antwortete Außenamtsstaatssekretär Ernst von Weizsäcker, „er möge sich darauf keine Hoffnungen machen.“12
In ihrer vorerst noch sicheren neuen Heimat Ungarn musste die Familie Pfeifer feststellen, dass nach dem „Anschluss“ Österreichs in Nachbarschaft ihrer alten Heimat von Monat zu Monat immer weniger Fluchtländer infrage kamen. So besiegelte das Münchner Abkommen vom 29. September 1938 die Abtretung des Sudetengebiets durch die Tschechoslowakei an das Deutsche Reich. Bis Mitte Oktober besetzten Wehrmachtseinheiten die vertraglich festgesetzten Zonen. Damit waren auch Juden und politische Gegner des NS-Regimes, welche seit 1933 in großer Zahl aus dem Deutschen Reich in die Tschechoslowakei geflüchtet waren, im Reichsgau Sudetenland sofort Verfolgungen ausgesetzt. Fluchtbewegungen setzten ein.
Wenig später beschleunigte der Erste Wiener Schiedsspruch vom 2. November 1938, eine weitere Folge des Münchener Abkommens, jüdische Fluchtbemühungen. Die Gebiete mit ungarischer Bevölkerungsmehrheit in der Südslowakei und in der Karpato-Ukraine wurden von der Tschechoslowakei abgetrennt und Ungarn zugesprochen. Nur zwei Tage nach dem Schiedsspruch entschied Josef Tiso, der Führer einer autonomen slowakischen Landesregierung, alle mittellosen Juden sollten in die an Ungarn abzutretenden Gebiete deportiert werden.13 Verzweifelt suchten die Betroffenen nach Mitteln und Wegen, diesem Schicksal zu entgehen.
Für die Juden in „Großdeutschland“ brachte der November 1938 weiteres Unheil. Die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November war ein traumatisches Erlebnis. Auch die Kurstadt Baden, die die Familie Pfeifer nur vier Monate zuvor verlassen hatte, war betroffen: Auslagen jüdischer Geschäfte wurden zerschlagen, Betriebe geplündert, die Synagoge in Brand gesetzt und die Zeremonienhalle gesprengt. Schlimmer noch: In Baden wurden alle Juden verhaftet und ebenso wie rund 3700 Wiener Juden in das KZ Dachau verschleppt.14 Alles geschah am helllichten Tage und sogar zugunsten der Nationalsozialistischen Volksfürsorge (NSV), wie die Gestapo-Außenstelle Baden berichtete: „Mit der Aktion ist um 10 Uhr früh begonnen worden. Träger der Aktion waren die SS und die SA. Die SS befasste sich vornehmlich mit den Kultstätten. Der Tempel (Grabengasse) wurde ausgeräumt und der NSV zur Verfügung gestellt. Die jüdische Kultusgemeinde wurde ebenfalls ausgeräumt und zum Teil zerstört. Verwertbares Material wurde der NSV zur Verfügung gestellt.“15 Ein halbes Jahr später war die jüdische Gemeinde von Baden auf nur noch 120 Mitglieder geschrumpft.
Ungeschminkt bestätigte das Berliner SD-Hauptamt in seinem Bericht 1938 die brutale Absicht hinter der Zerstörung von Synagogen, jüdischen Geschäften und von Festnahmen: „Um den Zwang zur Auswanderung zu verstärken, wurden gleichzeitig etwa 25 000 männliche Juden, z. T. vorübergehend, in die Konzentrationslager überführt.“16 Die in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen verschleppten Juden kamen nur unter Meldeauflagen und der Bedingung frei, dass sie ihre Emigration beschleunigten. Als Folge wuchsen im Deutschen Reich die Schlangen vor den westeuropäischen und amerikanischen Konsulaten. Verzweifelte Juden ohne Pass und Visum flüchteten unter Lebensgefahr über die von SA und SS bewachten Grenzen ins benachbarte Ausland. Immerhin konnte das ohnehin von Flüchtlingen überfüllte Belgien mehreren Hundert jüdischen Kindern, die Niederlande bis zum Einmarsch der Wehrmacht im Frühjahr 1940 weiteren 1700 eine vorläufig sichere Bleibe bieten; England rund 10 000 Kindern eine dauerhafte.17
In seinem mit Statistiken unterlegten Bericht über das Ergebnis der Judenvertreibung im Jahr 1938 zeigte sich der Berliner NS-Sicherheitsdienst nur bedingt zufrieden: „Die Auswanderung der Juden konnte – zumindest im alten Reichsgebiet – nicht in dem Maße gesteigert werden, wie es für die Juden selbst unter dem Druck der Verhältnisse wünschenswert gewesen wäre.“18 Ein Lob der NS-Geheimdienstler erfuhr nur die Arbeit der im August in Wien eingerichteten Zentralstelle für jüdische Auswanderung. Die Terrorwelle und das Wirken von SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann hatten innerhalb weniger Monate bis Ende 1938 Zehntausende österreichische Juden ihre Heimat fluchtartig aufgeben lassen.
Im „Altreich“ dagegen, so vermerkte der SD zynisch, hatten die Juden nicht erkannt, was für sie „wünschenswert“ war. Doch Wunsch und Möglichkeit mussten bei den jüdischen Menschen nach den seit 1933 jährlich verschärften diskriminatorischen Gesetzen und Verordnungen, den steuerlichen Benachteiligungen und Enteignungen sowie aufgrund von Reichsfluchtsteuer und Judenvermögensabgabe zwangsläufig auseinanderklaffen. Auch ihre enge Verbundenheit mit Heimat und Kultur schreckte die deutschen Juden von einer Abwanderung in eine völlig ungesicherte Existenz ab.
Die Reichspogromnacht war für das NS-Regime nur der Auftakt, das Deutsche Reich rigoros „judenfrei“ zu machen. Drei Tage nach der Zerstörung von jüdischen Geschäften und Synagogen stellte der Chef des Vierjahresplans Hermann Göring im Auftrag Hitlers den beteiligten Stellen des Reichs seinen Plan zu einer umfassenden Lösung des „Judenproblems“ vor: Die Juden müssten beschleunigt aus der Wirtschaft ausgeschieden, ihr Vermögen müsse kassiert und ihre Auswanderung verstärkt betrieben werden. Ein zynischer Beschluss legte darüber hinaus fest, dass die jüdischen Gemeinden die Kosten für die von den Nationalsozialisten angerichteten Schäden in der Reichspogromnacht in Form einer „Judenbuße“ von einer Milliarde Reichsmark selbst zu übernehmen hatten.
SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich sprach von 7500 zerstörten Geschäften und 101 vernichteten Synagogen. Gleichzeitig wurde die „Arisierung“ jüdischer Unternehmen, d. h. erzwungene Verkäufe zu Billigpreisen und Konfiszierungen unter Vorwand, ebenso beschlossen wie die Einrichtung der Reichszentrale für jüdische Auswanderung in Berlin. Maliziös kommentierte Göring die Beschlüsse vom 12. November 1938: „Im übrigen muß ich noch einmal feststellen: ich möchte kein Jude in Deutschland sein.“19
Mit der Bereitschaft der Staatengemeinschaft zur Aufnahme größerer Gruppen von Juden aus dem Deutschen Reich konnte das NS-Regime angesichts seiner im Jahre 1938 durch Einschüchterung, Gewalt und Zerstörung forcierten Politik nicht rechnen. Seine Hoffnung setzte Berlin nun auf einen Auswanderungsplan des im Anschluss an die Evian-Konferenz gegründeten ICR unter Leitung des US-Rechtsanwalts George Rublee. Anders als die Evian-Konferenz betrachtete die NS-Bürokratie das Vorhaben jetzt nicht mehr als interne Angelegenheit anderer Staaten. Die Reichszentrale für die jüdische Auswanderung, im Januar 1939 in Berlin unter SD-Chef Heydrich gegründet, sollte das ICR unterstützen.
Eng mit dem deutschen Wirtschaftsministerium abgestimmt, legte Rublee Mitte Februar 1939 dem ICR-Vorstand einen detaillierten Vertragsentwurf vor. Er sah im Zeitraum von drei bis fünf Jahren die Ausreise von etwa 150 000 jüdischen Lohnempfängern vor. Die Verhandlungen zogen sich mangels aufnahmebereiter Länder länger hin. Der Kriegsbeginn bedeutete schließlich das Ende für alle koordinierten Versuche.
Ohne Rücksicht auf die mangelnde Aufnahmebereitschaft des Auslands und entgegen der Anfang 1939 noch positiv verlaufenden Verhandlungen des Rublee-Plans bemühte sich das NS-Regime mit allen Mitteln, im „Altreich“ das geringe Interesse der Juden an ihrer Auswanderung zu überwinden. Berlin übernahm das „Erfolgsmodell Wien“. Dort hatte Eichmanns „Zentralstelle“ ab August 1938 in kurzer Zeit rund 100 000 Menschen zwangsweise abgeschoben. Das Geld für die Reisekosten erpresste Eichmann von wohlhabenden Juden und deren ausländischen Freunden. Ein Jahr später bewährte sich das Modell auch in Prag, als ebenfalls in kurzer Zeit rund 30 000 Juden das Reichsprotektorat Böhmen und Mähren verließen.20 In Berlin setzte die Reichszentrale für jüdische Auswanderung Görings Weisung, „die Auswanderung der Juden aus Deutschland mit allen Mitteln zu fördern“, zügig um.21
Im Sommer 1939 wurden die deutschen Juden verpflichtet, die Auswanderungsorganisation Reichsvereinigung der Juden in Deutschland zu gründen. Umgehend wurde sie gleichgeschaltet und vom Reichssicherheitshauptamt kontrolliert. Zunächst hatte sie unfreiwillig die Aufgabe zu übernehmen, alle Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen als Juden galten, zwangsweise in die Reichsvereinigung einzugliedern und Pflichtbeiträge von ihnen abzuverlangen. Zudem musste sie einen Auswanderungsfonds einrichten. Von reicheren Ausreisewilligen waren „Spenden“ zur Finanzierung der Ausreise der mittellosen Juden einzutreiben und Einreisevisa für Fluchtländer zu beschaffen.
Heydrichs Ziel war es, „dass die Vorbereitung der Auswanderung der Juden in erheblichem Umfang den Juden selbst überlassen wird“.22 Seinem Verständnis nach sollte die Reichsvereinigung ihre einzige Aufgabe freiwillig und völlig ohne Zwang erfüllen. In der von Leo Baeck geleiteten Berliner Zentrale sowie in 40 Bezirksstellen berieten die Mitarbeiter ihre Mitglieder und planten die Auswanderung. Zur Vorbereitung wurden Hebräisch-Kurse und eine landwirtschaftliche Berufsausbildung vermittelt. Wie andere jüdische Organisationen zuvor, widmete sich auch die Reichsvereinigung der Wohlfahrt und Gesundheitsfürsorge ihrer Mitglieder.
Im Gegensatz zu Rublee wollte Göring statt arbeitsfähiger und begüterter Juden mittellose und hilfsbedürftige zum Verlassen des Reichs veranlassen. Das Auswärtige Amt folgte ihm willfährig. Zum Jahresbeginn 1939 erklärte es allen reichsdeutschen Auslandsvertretungen, dass „je ärmer und damit belastender für das Einwanderungsland der einwandernde Jude ist, desto stärker wird das Gastland reagieren und desto erwünschter ist die Wirkung im deutschen propagandistischen Interesse.“23 Mit dieser zynischen Begründung wurden die Bediensteten aufgefordert, „diese antisemitische Welle zu fördern“ und damit einer besonderen Aufgabe der deutschen Außenpolitik nachzukommen. Bald aber bestätigten verschärfte Einreisebestimmungen für Juden den deutschen Botschafts- und Konsulatsangehörigen, dass ihre Gastländer die plumpe NS-Propaganda durchschauten. Sie waren nicht bereit, „das letzte Ziel der deutschen Judenpolitik“, nämlich „die Auswanderung aller im Reichsgebiet lebenden Juden“, zu unterstützen.24
Im Gegenteil: In den Bestimmungsländern konnten jüdische Einwanderer aus Deutschland ohnehin schon vorhandene antideutsche Gefühle nur verstärken. Diese herrschten auch in Palästina vor. Dort gab es im Yishuv, der jüdischen Gemeinde Palästinas, indessen keinerlei Widerstand gegen ausgebildete und möglichst vermögende jüdische Immigranten aus dem Deutschen Reich. Notgedrungen musste das NS-Regime bis zur Entfesselung des Weltkriegs auf Palästina als Aufnahmeland zurückgreifen, um sein erklärtes Ziel, das Deutsche Reich baldmöglichst „judenfrei“ zu machen, erreichen zu können.
Im Jahre 1917 hatte die britische Mandatsmacht Palästina mit der Balfour-Erklärung zur „Heimstätte“ der Juden erklärt.25 Jüdische Organisationen stellten ihrerseits bald nach dem Machtantritt Hitlers Überlegungen zur Emigration der deutschen Juden nach Palästina an. Gemeinsam mit dem deutschen Reichswirtschaftsministerium setzten sie ihre Pläne in konkrete Vorhaben um.
2 GEFÖRDERTER EXODUS: TRANSFERABKOMMEN UND ILLEGALE EINWANDERUNG
„Einerseits wurde Palästina als nützliches Aufnahmegebietbetrachtet, solange die Entfernung der Juden aus demReichsgebiet Leitziel war, andererseits wurde dieSchaffung eines jüdischen Staates in Palästina als Produktzionistischer Weltverschwörung abgelehnt.“
Holocaustforscher Francis R. Nicosia1
Im Straßenbild vieler jüdischer Orte in Palästina häuften sich im Frühjahr des Jahres 1933 Plakate mit Appellen, keine deutschen Produkte zu kaufen. Zum Boykott hatten verschiedene jüdische Organisationen als Reaktion auf den „Judenboykott“ im Deutschen Reich am 1. April aufgerufen. An diesem Tag waren die Deutschen mit den Parolen „Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!“ zum reichsweiten Boykott von jüdischen Warenhäusern und Geschäften aufgerufen, aber auch gegen jüdische Ärzte und Rechtsanwälte aufgehetzt worden. Die nachfolgenden Aufforderungen jüdischer Organisationen zum Gegenboykott in mehreren Staaten, vor allem in den USA, England und Frankreich, beunruhigten die NS-Machthaber. Dringend benötigte Exporte zur Sicherung von Arbeitsplätzen und Deviseneinnahmen drohten, mit dem Boykott deutscher Waren in einer Zeit hoher Arbeitslosigkeit im Deutschen Reich wegzufallen.
Der Aufruf zum Boykott deutscher Produkte mit dem Ziel, die antisemitische Politik Berlins zu stoppen, brachte die jüdische Gemeinde in Palästina und auch in der Diaspora in ein Dilemma: Die deutschen Juden befürchteten in ihrer bedrängten Lage, von der NS-Regierung noch weiter greifenden antijüdischen Gesetzen, Gewaltausbrüchen, Boykotten und Einschüchterungen ausgesetzt zu werden.
Denn allein im April 1933 hatte das NS-Regime drei einschneidende Maßnahmen zulasten der deutschen Juden erlassen: Mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ verloren jüdische Beamte von heute auf morgen ihre Anstellung. Die „Verordnung über die Zulassung von Ärzten zur Tätigkeit bei den Krankenkassen“ entzog vielen jüdischen Ärzten die Existenzgrundlage. Schließlich wurden jüdische Schüler und Hochschüler mit dem „Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen“ weitgehend von einer höheren Ausbildung ausgeschlossen. Die benachbarten polnischen Juden hatten dagegen vorerst nichts zu verlieren. Vehement unterstützten sie die Aufrufe zum Boykott deutscher Waren als Warnung an ihre Regierung, in Polen mit seiner weit größeren Zahl von Juden dem Deutschen Reich vergleichbare antijüdische Maßnahmen einzuführen.2
Die Zionistische Vereinigung für Deutschland (ZVfD) verteidigte dagegen ihre negative Haltung zur Boykottpropaganda in Palästina. Diese sei „ihrer Natur nach unzionistisch, da der Zionismus nicht bekämpfen, sondern überzeugen und aufbauen will“, hieß es.3 Noch heftigerer Kritik der polnischen Boykott-Verfechter deutscher Waren sah sich die Vereinigung wie auch die JA Ende August 1933 ausgesetzt. Es ging um den Abschluss eines Transferabkommens, des sogenannten Haavara-Abkommens, welches JA und ZVfD mit dem Reichswirtschaftsministerium über den Export deutscher Güter nach Palästina in Verbindung mit der Übersiedlung deutscher Juden vereinbart hatten.
Das Abkommen entstammte einer Privatinitiative in Palästina.4 Statt eines Boykotts nunmehr die Förderung deutscher Exporte! Vorwürfe wie „Kollaboration“ und „unheilige Allianz mit den Nazis“ waren zu vernehmen.5 Das am 25. August 1933 unterzeichnete Transferabkommen spaltete nicht nur deutsche und polnische Juden. Auch die zionistische Arbeiterpartei Mapai sah sich als Befürworterin des Abkommens starker Kritik der revisionistisch-zionistischen Bewegung in Palästina ausgesetzt.6 Nach dem Prinzip „Waren gegen Menschen“ würden nunmehr jüdische Kaufleute nicht nur den Boykott deutscher Waren aufheben, sondern sogar deutsche Exporte fördern.
Die erbitterten Diskussionen um das Transferabkommen fanden erst zwei Jahre später ein Ende, als der 19. Zionistische Weltkongress Anfang September 1935 das Haavara-Abkommen, einen Transfervertrag, mit deutlicher Mehrheit billigte.7 Die Erkenntnis hatte sich durchgesetzt, dass die Aufgabe der zionistischen Bewegung schließlich das „Aufbauwerk“ in Palästina, der Landerwerb und die Organisation der Einwanderung sei. Auch die revisionistischen Zionisten mussten jetzt erfahren, dass fortan Antisemitismus in Deutschland gesetzlich verordnet war, die erzwungene Auswanderung somit alle Wege zur Selbsthilfe rechtfertigte.
In Kenntnis der nur wenig später, Mitte September, verabschiedeten „Nürnberger Rassengesetze“ hätte der Kongress dem Abkommen wohl einhellig zugestimmt. Immerhin ermöglichte das Haavara-Abkommen es den Auswanderern, Deutschland mitsamt eines Teils ihres Vermögens zu verlassen. Bislang war ihnen dies aufgrund der seit Herbst 1931 bestehenden Devisenbewirtschaftung gesetzlich verwehrt gewesen. Zu berücksichtigen galt auch, dass es für Einwanderer nur in Palästina möglich war, nicht als geduldete Flüchtlinge im Asyl aufgenommen zu werden.8
Den festen Rahmen für das Haavara-Abkommen vom 25. August 1933 bildeten die Vorgaben der britischen Mandatsmacht und deren restriktive Vergabe von Einreisezertifikaten für Palästina. Um die arabische Gegnerschaft einer jüdischen Besiedlung nicht zu verstärken, hatten die Briten die Zahl jüdischer Immigranten davon abhängig gemacht, ob von ihnen neue Arbeitsplätze ohne Entlassung arabischer Arbeitskräfte geschaffen wurden. Uneingeschränkt konnten nur Juden mit einem sogenannten Kapitalisten-Zertifikat, d. h. mit einem „Vorzeigegeld“ in Höhe von 1000 palästinensischen Pfund (ca. 15 000 Reichsmark), ins Land kommen. Um diese Kategorie ging es zunächst in dem Transfervertrag. Das „Vorzeigegeld“ – es diente als Gegenwert für den Export deutscher Waren nach Palästina – zahlten die Emigranten auf das Konto einer deutschen Transferbank. Der Importeur in Palästina wiederum überwies den Erlös für die deutschen Produkte auf ein dortiges Konto, von welchem dem Immigranten der Großteil für den Aufbau seiner neuen Existenz verfügbar gemacht wurde.
Das finanzielle Gesamtvolumen des Transfers erreichte in den Jahren 1933 bis 1939 gut 140 Mio. Reichsmark, bzw. mehr als 8 Millionen Pfund. Die Höhe der Transfers erlaubte es den Briten, die sonst sehr restriktiv erteilten „Arbeiterzertifikate“ und Zertifikate anderer Kategorien für deutsche Juden großzügiger zu vergeben. Die „jüdische nationale Heimstätte“ konnte mit dem Import wichtiger Investitionsgüter aus Deutschland, dem Aufbau von Industrie- und Landwirtschaftsbetrieben sowie einer Infrastruktur entscheidend gefestigt werden. Dies geschah in einer kritischen Periode. Durch den arabischen Aufstand im Jahre 1936 und die Ungewissheiten infolge der von der britischen Peel-Kommission ein Jahr später vorgeschlagenen Teilung des Landes war der Aufbau der „Heimstätte“ politisch stark gefährdet.9
Vorteile aus dem Haavara-Abkommen zog überwiegend das Deutsche Reich: Es förderte die erwünschte jüdische Auswanderung ohne die unerwünschte Begleiterscheinung einer Kapitalflucht. Exporte wurden gestärkt und damit Arbeitsplätze gesichert. Und nicht zuletzt war durch diesen Transfervertrag ein Keil in die antideutsche Boykottfront getrieben worden, indem zionistische Bewegung und palästinensische Juden für die Einfuhr deutscher Waren nach Palästina warben. Erkennbar positiv bewertete das Auswärtige Amt das Abkommen nach dessen Abschluss Ende August 1933: „Es ist zu hoffen, dass die Durchführung des Abkommens zu einem Abflauen des Boykotts und damit zu einer Steigerung der deutschen Ausfuhr nach Palästina beitragen wird.“10
Nach Bekanntwerden des Berichts der Peel-Kommission zur Aufgabe des britischen Mandats und Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Teil kam im Sommer 1937 in Berlin Widerstand gegen das Haavara-Abkommen auf.11 Für das Auswärtige Amt gab es nunmehr einen klaren Unterschied zwischen der indirekten Unterstützung, die man bisher einer nationalen „jüdischen Heimstätte“ unter britischer Verwaltung zuteilwerden ließ, und der Haltung gegenüber der Idee eines unabhängigen jüdischen Staats. In neuen Richtlinien zur Palästinapolitik lehnte das Auswärtige Amt einen unabhängigen jüdischen Staat in Palästina strikt mit der Begründung ab, dass dieser „das Weltjudentum nicht absorbieren, sondern eine zusätzliche völkerrechtliche Machtbasis für das internationale Judentum schaffen würde, etwa wie Vatikan-Staat für politischen Katholizismus oder Moskau für Komintern“.12
Zusätzliche Argumente gegen einen Palästinastaat betrafen sowohl die Sorge um die Sicherheit der dortigen deutsch-christlichen Gemeinden wie den Ansehensverlust bei den Arabern. Nunmehr stand in Berlin der gesamte Prozess der Auswanderung deutscher Juden nach Palästina auf dem Prüfstand. Im Herbst 1937 waren alle wiederholt vorgetragenen Bedenken gegen die Fortsetzung des Haavara-Abkommens allerdings obsolet geworden. Es galt sofort einer vom Innenministerium vorgetragenen „Führer“-Direktive zu folgen, wonach die Auswanderungspolitik ungeachtet des Bestimmungslandes der Emigranten fortzusetzen sei.13
Hitlers Entscheidung ist in Verbindung mit den verstärkten Bemühungen zu sehen, Deutschland in den Jahren 1938 und 1939 rassisch zu „sanieren“ und kriegstüchtig zu machen. Dazu zählte, die Juden endgültig aus der deutschen Wirtschaft und in großer Zahl zur Ausreise zu drängen. Deshalb ging es für die Vollstrecker der „Führer“-Weisung im Herbst 1937 im Wesentlichen darum, das Haavara-Abkommen so zu modifizieren, dass es den wirtschaftlichen Interessen der palästinensischen Araber und den Palästinadeutschen stärker entgegenkommen konnte. Kein Wort fiel mehr zur Gefahr, mit dem Abkommen die Bildung eines jüdischen Staates zu begünstigen. Dagegen wurden mit größerer Beunruhigung als das Gespenst eines jüdischen Staates ab Herbst 1937 in Berlin die britischen Behinderungen einer verstärkten jüdischen Einwanderung nach Palästina wahrgenommen.14
Die zunehmende Heftigkeit arabischer Gewaltakte nach der Bekanntgabe des Peel-Berichts gegen den jüdischen Jischuv und die Briten, verbunden mit strengeren Einwanderungskontrollen der britischen Mandatsverwaltung, führten zu einem deutlichen Rückgang der Einwanderung auch deutscher Juden.15 Mit Kriegsbeginn endete das Haavara-Abkommen. Seit 1933 hatten rund 20 000 Juden mit sogenannten Kapitalistenzertifikaten und rund 17 000 mit sogenannten Arbeiterzertifikaten das Großdeutsche Reich Richtung Palästina verlassen.16 Dort erhielten die „Kapitalisten“ nach Ankunft lediglich knapp die Hälfte des im Reich eingezahlten Geldes, überwiegend in Form von deutschen Industriegütern.17
Ab dem Jahre 1935 verhandelte die JA dem Haavara-Abkommen vergleichbare Abmachungen mit der Tschechoslowakei, Polen, Rumänien, Litauen, Lettland und mit Österreich vor der Annexion. Im März und April 1936 konnte ein Austausch-Abkommen mit der lettischen und litauischen Regierung vereinbart werden, mit der Tschechoslowakei im September 1938. Rund 2500 tschechische Juden reisten mit „Kapitalistenzertifikaten“ nach Palästina aus. Die mit den übrigen Ländern aufgenommenen Verhandlungen blieben indessen ergebnislos.18
Die relativ hohe Zahl deutscher Juden, die im Rahmen des Haavara-Abkommens ohne „Kapitalistenzertifikat“ nach Palästina auswandern konnten, ist maßgeblich der sogenannten Hachschara zuzuschreiben, der in jüdischer Selbsthilfe erfolgten beruflichen Vorbereitung Jugendlicher vor Ausreise. Die NS-Regierung erkannte ab 1934, dass die Schulung bzw. Umschulung deutscher Juden entscheidend zur Förderung der jüdischen Auswanderung aus Deutschland beitragen konnte. Die palästinensische Wirtschaft benötigte kaum Kaufleute oder Akademiker, sondern hauptsächlich landwirtschaftliche Arbeiter und Handwerker. Erstaunlicherweise unterrichtete die britische Botschaft die Reichsregierung im April 1936 darüber, dass zionistische Umschulungsprogramme einen positiven Einfluss auf die Immigration von deutschen Juden nach Palästina hätten.19 Wahrscheinlich geschah dies in Unkenntnis der gerade in diesem Monat begonnenen Serie arabischer Gewaltakte, in deren Folge die Briten drei Jahre später die Einwanderungsquoten rigide begrenzten.
In den verschiedenen Programmen bzw. Umschulungslagern waren Anfang des Jahres 1934 im Deutschen Reich mehr als 6000 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren eingeschrieben. Sie wurden in einer zweijährigen landwirtschaftlichen, gärtnerischen, hauswirtschaftlichen oder handwerklichen Ausbildung beruflich-praktisch auf das Leben in einem palästinensischen Kibbuz vorbereitet. Der Unterricht von Englisch und Hebräisch, Palästinakunde und jüdischer Geschichte diente der kulturell-sozialen Vorbereitung. Mit „Arbeiterzertifikaten“ konnten die Jugendlichen dann nach Palästina einreisen.
Jüdischen Kindern sowie Jugendlichen ohne Berufsausbildung dagegen gewährten die Briten Sonderzertifikate der Kategorie „Jugend-Aliah“. Ein Bedarf hierfür bestand bereits früh. In Berlin bemühte sich schon ab 1933 die Jugendhilfe der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland unter Leitung von Recha Freier um die Ausreise jüdischer Kinder. Sie besorgte Visa sowie Schiffspassagen und setzte sich für eine baldige Integration der Kinder und Jugendlichen in palästinensischen Kibbuzim und Genossenschaftsdörfern ein. Es gelang, vor dem Krieg rund 5000 Kinder und Jugendliche aus Nazi-Deutschland nach Palästina sowie zusätzlich 4600 nach England und Dänemark zu bringen.20
Das Haavara-Abkommen, die „Hachschara-Zentren“ und die „Jugend-Alija“ entsprangen jüdischen Initiativen. Maßgeblich hierfür war die wachsende Entrechtung und Verfolgung im Deutschen Reich ebenso wie der Aufbau der „Heimstätte Palästina“. Die NS-Ideologen begrüßten die Initiativen, um das Deutsche Reich schneller „judenfrei“ zu bekommen. Die NS-Pragmatiker begründeten das Haavara-Abkommen mit der Verhinderung von Handelsboykotts, die „Hachschara-Zentren“ als Ansatz, die Ausreise auch nicht vermögender Jugendlicher zu erreichen. Auch ermöglichte die „Jugend-Alija“ den Nachzug von Eltern jugendlicher Juden nach Palästina. Erst mit dem Auswanderungsverbot vom Oktober 1941, das mit der Vorbereitung der „Endlösung“ einherging, beendete das NS-Regime seine widersprüchliche Politik einer ideologisch begründeten Palästinaemigration im Rahmen der „Judenfrei“-Politik und der außenpolitisch motivierten Vermeidung eines jüdischen „Machtzentrums“ Palästina.
Selbst die zionistische Initiative zur illegalen jüdischen Einwanderung in Palästina nutzte das NS-Regime bis zum Herbst 1941 für seine „Judenfrei“-Politik. Auch die ständig wachsende arabische Feindseligkeit gegenüber der jüdischen Einwanderung spielte keine bedeutende Rolle.21 Im Gegenteil: Sie schadete dem Kriegsgegner England. Partner der NS-Vertreter war das Komitee für die illegale Einwanderung, der Mossad le Aliah Bet. Zionistische Funktionäre bzw. solche der paramilitärischen Widerstandsorganisation Haganah hatten es im Jahre 1937 gegründet. Von einem Büro in Paris und Abteilungen in Wien und Berlin sowie später in Prag und Istanbul aus planten, organisierten und steuerten die Mossad-Agenten die illegale Einwanderung aus Europa nach Palästina; beginnend mit der Beschaffung von Visa und Transportmitteln über die Umgehung der britischen Blockade bis zur Niederlassung im Land.
Ihre deutschen Verhandlungspartner fanden die Aktivisten in Adolf Eichmann und Reinhard Heydrich. Als Leiter der Wiener Zentralstelle für die Auswanderung von Juden hatte Eichmann ab Herbst 1938 mit Wilhelm Perl, dem Vertreter der zionistisch-revisionistischen Bewegung in Wien, verschiedene Transporte über die Donau und Rumänien nach Palästina vereinbart. Ab Januar 1939, nach Gründung der Reichszentrale für die jüdische Auswanderung, verhandelten in Berlin zunächst Heydrich und ab Oktober Eichmann mit dem Mossad-Agenten Pino Ginzburg.
NS-Vertreter genehmigten die Ausreise aus dem Deutschen Reich und organisierten Transitvisa für Transporte bis zu Ausreisehäfen an Adria und Schwarzem Meer. Im Auftrag Eichmanns organisierte der in Wien gegründete Ausschuss für jüdische Überseetransporte selbst nach Kriegsausbruch Transporte. Entgolten wurde die NS-Unterstützung durch die „Auswandererabgabe“. Bemessungsgrundlage war nach Abzug aller Steuern einschließlich der „Judenvermögensabgabe“ und der Auswanderungskosten das verbliebene Barvermögen. Lag ein Zahlungsnachweis vor, wurde der Reisepass ausgehändigt. Nur ein Teil der Abgabe kam mittellosen Juden für einen Fahrtkostenzuschuss zugute. Die Verbindung mit Eichmann bezeichnete Pino Ginzburg später als „zuverlässig, förmlich und offiziell“.22
Der Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 und vor allem die Ausweitung des Krieges auf Südosteuropa 1940 veränderte die Herkunft der Auswanderer: Verstärkt suchten Juden aus Südosteuropa nach Auswanderungsmöglichkeiten, da die Vasallen- und Marionettenregierungen ihrer Staaten begannen, teils opportunistisch, teils eifrig deutsche Vorgaben zu übernehmen. Die Besonderheiten und spezifischen Auswirkungen werden im folgenden Kapitel beleuchtet.
3 ERZWUNGENE UND FREIWILLIGE ÜBERNAHME DER „NS-JUDENPOLITIK“ IN SÜDOSTEUROPA
„Die Juden im besetzten Europa fürchteten, dass sie vom Antlitzder Erde verschwinden und mit ihnen die Geschichte der Leiden,des Kampfes und Todes der jüdischen Gemeinden.“
Holocaustforscherin Dalia Ofer1
Die neue Ordnung im nationalsozialistischen „Großraum“ Südosteuropa2 zeigte sich während des Zweiten Weltkriegs als ein System gestufter Abhängigkeiten. Es gab annektierte Staaten (Albanien), besetzte Gebiete (Nord-Mazedonien, Slowenien, Serbien und Griechenland), Vasallen (Slowakei, Unabhängiger Staat Kroatien) sowie Verbündete (Bulgarien, Rumänien und Ungarn). Der unterschiedliche Rechtsstatus dieser Länder besaß allerdings wenig praktische Relevanz: Ob „unabhängig“ oder „besetzt“ – Ziele, Strategien und Politiken im „Großraum“ ähnelten sich. Auch in den nicht besetzten Ländern fanden sich Partner oder Verbündete, um ihre eigenen Pläne vom homogenen Nationalstaat ins Werk zu setzen.3 In unterschiedlicher Intensität sahen sich die jüdischen Gemeinden der Länder Ausgrenzung, Enteignung, Konzentration und Verfolgung ausgesetzt. Offen und im Untergrund kämpften sie um ihr Überleben und gegen die drohende Deportation „in den Osten“. Helfer im In- und Ausland unterstützten sie in ihren Bemühungen, ab dem Jahr 1940 Fluchtmöglichkeiten über die neutrale Türkei nach Palästina zu finden.
3. 1 Vasallenstaaten:Slowakei und Unabhängiger Staat Kroatien
Das Marionettenregime in der Slowakei
Für das NS-Regime waren die Annexion Österreichs im März 1938 sowie die deutsche Besetzung des im Münchner Abkommen zwangsweise von der Tschechoslowakei abgetretenen Sudetengebiets Anfang Oktober nur der Auftakt zur Machterweiterung in Europa. Politisch, wirtschaftlich und militärisch sollten alle Länder des erweiterten Donauraums dem Regime für sein Ziel eines vom Deutschen Reich dominierten „Großraum Europa“ dienen. Mit dem Ersten Wiener Schiedsspruch galt es Anfang November 1938, Ungarn wieder die nach dem Ersten Weltkrieg verlorene Südslowakei und die Karpato-Ukraine anzugliedern. Dies geschah zulasten der Tschechoslowakei, die als verkleinerter Staat von Ende September 1938 bis Mitte März 1939 in die kurzlebige Tschecho-Slowakische Republik überführt wurde. Danach zerfiel das Land in das NS-Protektorat Böhmen und Mähren sowie die scheinselbstständige Slowakische Republik. Diktatorisch gelenkt vom römisch-katholischen Geistlichen Jozef Tiso, sollte die Slowakische Republik nach NS-Vorgaben die „Visitenkarte“ für die Staaten des Donauraums werden.
In der „Judenfrage“ konnte das Reich mit seinem „Schutzstaat“ zufrieden sein. Das Land war stark von einem christlich tradierten Antijudaismus geprägt. Er verlieh der Politik von Staatschef Tiso zusätzliche Legitimation.4 Bereits in seiner ersten öffentlichen Rede sprach Tiso die „Judenfrage“ an. Sie werde „ohne Hass und Gewalt in christlicher Weise“ gelöst werden.5 Seine Form christlichen Verständnisses zeigte der Staatschef schon kurz nach Gründung der Republik im März 1939 in antijüdischen Verordnungen, die er ohne größeren Druck aus Berlin nahezu monatlich zu Berufsbeschränkungen, zum Ausschluss von Studium und Staatsämtern, zur Arbeitsdienstregistrierung oder zur Enteignung jüdischen Landbesitzes erließ. Hiervon waren auf dem slowakischen Staatsgebiet knapp 89 000 Juden betroffen.6
Ab Herbst 1939 mussten sich slowakische Juden im Alter von 18 bis 50 Jahren für die Zwangsarbeit registrieren lassen. Wenige Monate später endeten Überlegungen zur Auswanderung meist in einer resignierenden Erkenntnis: „Die Grenzen waren nahezu undurchdringlich. Im Westen ein Protektorat, d. h. Deutschland. Im Norden war das besiegte Polen, also Deutsche. Im Südwesten beschränkte Ungarn den Zugang für Slowaken aufgrund bilateraler Spannungen. Darüber hinaus konnten slowakische Juden in der Regel keinen Pass bekommen, was sie zu illegalem Grenzübergang zwang. Dies half zwar Einigen, war aber keine Lösung für Viele.“7
In der kurzen Phase der Autonomen Republik Slowakei bemühte sich die Zentrale jüdische Amtsstelle mit Sitz in Bratislava um Lösungen für die jüdischen Gemeinden. Ende November1938 forderte sie ein Flugblatt zur Einheit und zu einem Beitrag für die „erfolgreiche Entwicklung des Slowakischen Landes“ auf. Gleich der nächste Satz musste den unbefangenen Leser erstaunen: „Jeder Jude hält an seinem Platz stand und verfällt nicht in Panik“, lautete er.8 Jedem war indessen der Tag des Umsiedlungsbefehls vom 4. November noch in lebhafter Erinnerung. Kreisämter, Gendarmerie und Hlinka-Garden wurden morgens aufgefordert, „die in ihren Gebieten wohnhaften besitzlosen Juden“ festzunehmen und sie „mitsamt ihren Familienangehörigen in Massentransporten auf LKWs“ bis Mitternacht über die neuen Grenzen abzuschieben.9 Nur zwei Tage zuvor waren die neuen Grenzen im Wiener Schiedsspruch zugunsten Ungarns festgelegt worden. Für den slowakischen Gebietsverlust machte die Regierung in Bratislava „die Juden“ verantwortlich. Die ungarische Regierung verweigerte die Aufnahme der Vertriebenen mit der Folge, dass an der Grenze Flüchtlingslager mit Tausenden jüdischer Familien entstanden.10
Verständlicherweise versetzte der Tiso-Befehl in der Autonomen Republik Slowakei nicht nur die besitzlosen Juden in Unruhe. Den Appellen der Jüdischen Amtsstelle an ihre Bürgerpflicht gegenüber diesem Land konnten die jüdischen Gemeindemitglieder nichts abgewinnen. Ihre Sicherheit stand auf dem Spiel. Den Verfassern des Flugblatts war dies durchaus bewusst, als sie erklärten: „Es ist nötig, eine zielgerichtete und zentral organisierte Auswanderung durchzuführen.“11 Baldmöglichst wollten sie mit den zuständigen Amtsträgern über die Einrichtung von Ausbildungs-, Umschulungs- und Berufsberatungszentren für einen Neustart in Palästina oder in anderen Ländern verhandeln. Unterstützung erwarteten sie von der zionistischen Hilfsorganisation HICEM, dem Palästina-Amt und dem amerikanischen Joint Distribution Committee (JDC).
Ende 1938 zeigte die slowakische Regierung laut Pressemeldungen sogar ihre Bereitschaft, innerhalb von drei Jahren einer großen Zahl ihrer jüdischen Bevölkerung die Ausreise nach Palästina zu gewähren. Allerdings nicht ohne Gegenleistung. So berichtete die Jewish Telegraph Agency (JTA) Mitte Januar 1939 aus Prag, dass Ministerpräsident Tiso persönlich ein Palästina-Transferabkommen gebilligt habe. Zwischen seiner Regierung und Dr. Eugen Soskin, dem Direktor und Gründer einer jüdischen Transport- und Kolonisationsgesellschaft, sei „ein Abkommen zur Niederlassung von 5000 slowakischen Juden in Palästina sowie ein Warenaustausch im Wert von 2,5 Millionen Dollar“ vereinbart worden. Soskin hatte 1934 eine Agraransiedlung in dem palästinischen Küstenort Narahiya gegründet. Die Meldung sowie offiziell vereinbarte Übersiedlungen in größerem Umfang lassen sich durch Dokumente allerdings nicht belegen.12 Möglicherweise bewirkte die Meldung eine negative Reaktion der slowakischen Regierung.
Intensiv suchten die Auswanderungswilligen nach neuen Wegen. Drei Monate vor Kriegsbeginn schaffte es Aron Grünhut, ein Funktionär der orthodoxen jüdischen Gemeinde in Bratislava, einen illegalen Schiffstransport zu bewerkstelligen. Über 1000 Flüchtlinge aus der Slowakei, Österreich sowie Böhmen und Mähren brachte er auf zwei gemieteten Donaudampfern unter. Der „Donau-Exodus“ begann im Hafen von Bratislava und endete zunächst im rumänischen Schwarzmeerhafen Sulina. Dort bestiegen die Passagiere nach langwierigen Transitverhandlungen mit Bulgarien ein seetüchtiges Schiff. Mit Zwischenstation Istanbul konnten die Flüchtlinge nach insgesamt 83 Tagen in Haifa anlanden. Endgültig beendet war die Odyssee aber erst nach einmonatiger Internierung durch die britische Mandatsmacht.13 Insgesamt gelang vor Beginn des Zweiten Weltkriegs etwa 5000 in der Slowakei lebenden Juden auf legale und illegale Weise die Einwanderung nach Palästina.14
Auch nach Kriegsbeginn wurden die illegalen Transporte aus Bratislava mit flüchtenden Juden fortgesetzt. Zunehmend kamen die Flüchtlinge aus dem besetzten Polen. Nur unter äußerster Lebensgefahr konnten die Verfolgten die nunmehr streng kontrollierte polnisch-slowakische Grenze überwinden, um in Bratislava, unterstützt von slowakisch-jüdischen Verbänden, ein rettendes Schiff nach Palästina zu finden. Bis Ende 1940 war Bratislava die große Drehscheibe der illegalen jüdischen Einwanderung nach Palästina über die Donau.15
Erschreckende Berichte der aus Polen Geflüchteten steigerten in den slowakischen Gemeinden den Wunsch zur Ausreise. Noch im Herbst 1940 hofften sie, weiterhin auf legalem Wege auswandern zu können. Seit September nahm die „Judenzentrale“ ihre Interessen wahr. Diese Zwangskörperschaft ließ SS-Hauptsturmbannführer Dieter Wisliceny, der „Judenberater“ an der deutschen Botschaft, als alleinige Repräsentantin der slowakischen Juden einen Monat nach seiner Ankunft in Bratislava einrichten. Ihr Auftrag bestand zunächst darin, den Mitgliedern alle antijüdischen Verfügungen der Regierung bekannt zu geben. Ebenfalls musste sie den Staatsbehörden, speziell dem Zentralwirtschaftsamt, bei der Vorbereitung und Durchführung der Diskriminierungsmaßnahmen und Arbeitslager sowie später bei den Deportationen zur Hand gehen.16
Ende Oktober 1940 konnte die „Judenzentrale“ immerhin noch erreichen, dass das Palästina-Amt in Bratislava wiedereröffnet wurde. Dieser kurz zuvor geschlossenen Außenstelle der JA lag eine größere Zahl von Palästina-Zertifikaten zur Verteilung vor. Transportmöglichkeiten waren in Zeiten des Krieges knapp und die Planung der Routen dem Kriegsverlauf anzupassen. So musste die „Judenzentrale“ in einem Schreiben an das Zentralwirtschaftsamt ausdrücklich darauf hinweisen, dass „die Reisenden nach Istanbul das griechische Territorium nicht passieren müssen.“17 Drei Tage zuvor, am 28. Oktober, hatten italienische Truppen Griechenland überfallen. Der Achsenpartner Italien begann, den Transit wie auch die Ausreise von Juden über italienische und griechische Häfen zu verhindern.
Im Herbst 1940 gewann in Regierungskreisen Bratislavas die Vision einer „judenfreien“ Slowakei an Gewicht. Aufmerksam verfolgte das Tiso-Regime die Berliner Pläne zur Zwangsumsiedlung aller Juden im deutschen Machtbereich auf die französische Kolonialinsel Madagaskar vor Ostafrika.18 Im Sommer hatte SD-Chef Reinhard Heydrich auf die Schwierigkeiten hingewiesen, die jüdische Auswanderung erfolgreich fortzusetzen. Zehn Tage nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Paris schrieb Heydrich am 26. Juni 1940 an Außenminister Ribbentrop, es seien seit Übernahme seines Amtes im Januar 1939 „bisher über 200 000 Juden aus dem Reichsgebiet ausgewandert. Das Gesamtproblem – es handelt sich bereits um rund 3¼ Millionen Juden in den heute deutscher Hoheitsgewalt unterstehenden Gebieten – kann aber durch Auswanderung nicht mehr gelöst werden“. Heydrich folgerte: „Eine territoriale Endlösung wird daher notwendig.“19
Im August 1940 erhielt Ribbentrop den ausgearbeiteten Madagaskar-Plan. In die „jüdische Wohnstätte unter deutscher Oberhoheit“ sollten aus der Slowakei „etwa 95 000“ der „rund 400 000“ neuen Inselbewohner angesiedelt werden.20 Der Plan zerschlug sich indessen angesichts der Überlegenheit der britischen Flotte und einer möglichen Seeblockade. Ohnehin wären reibungslose Transporte von Hunderttausenden von Menschen nur mit großen Risiken durchführbar gewesen. De facto wäre Madagaskar ein jüdisches Groß-Getto und eine Sterbeinsel geworden.21 Auch die theoretische Alternative Palästina entfiel wegen der Restriktionen des White Paper, die eine jüdische Einwanderung in großem Stil nicht zuließen. Ohne Aussicht auf eine territoriale „Endlösung“ musste Tiso nach anderen Wegen suchen, um die Slowakei „judenfrei“ zu machen. Ständig sah er sich unter dem Druck, die von ihm gesehene Gefahr, „dass das jüdische Element das Leben der Slowaken bedroht“, beseitigen zu müssen.22
In seinen Bemühungen erhielt Tiso im September 1940 aus Berlin durch SS-Hauptsturmbannführer Dieter Wisliceny tatkräftige Unterstützung. Der von Hitler ernannte „Beauftragte für jüdische Angelegenheiten“ brachte zunächst den slowakischen Judenbegriff auf den Nürnberger Stand. Diskriminierungen und Verfolgungsdruck auf die jüdische Bevölkerung wuchsen. Im Herbst 1941 folgte der „Judenkodex“. Auf rassischer Grundlage wurden hierin die antijüdischen Bestimmungen, einschließlich der Pflicht zum Tragen des Judensterns in 270 Paragrafen verfasst. Mittlerweile hatten sich die Möglichkeiten zu Flucht und Auswanderung deutlich verschlechtert.
Bereits im Mai 1941 hatte Eichmann dem Auswärtigen Amt mitgeteilt, dass „im Hinblick auf die Endlösung der Judenfrage … eine allgemeine Judenauswanderung aus der Slowakei … zu verhindern“ sei.23 Zwei Monate später erhielt Heydrich von Göring den Auftrag für einen „Gesamtentwurf über die organisatorischen, sachlichen und materiellen Vorausmaßnahmen zur Durchführung der angestrebten Endlösung der Judenfrage“.24 Es handelte sich nicht mehr um eine territoriale „Endlösung“, sondern um die eliminatorische. Immerhin konnten sich bis Ende 1941 mehr als 7000 slowakische Juden diesem Plan durch Flucht, überwiegend nach Ungarn, entziehen.25
Für die Internierung, Auslieferung und Deportation der slowakischen Juden diente der „Judenkodex“ als gesetzliche Grundlage. Erstaunt notierte NS-Propagandaminister Joseph Goebbels Mitte September 1941 im Tagebuch: „In der Slowakei werden neue Judengesetze veröffentlicht. Sie gehen zum Teil weiter als die bei uns geltenden.“26 Eine genaue Lektüre des slowakischen „Judenkodex“ hätte bei Goebbels möglicherweise Verwunderung über einen „Fonds für die Unterstützung der jüdischen Auswanderung“ auslösen können. Im Deutschen Reich wurde die Auswanderung der Juden nicht mehr unterstützt. Im Gegenteil: Ein generelles Ausreiseverbot stand kurz bevor, so wie Eichmann es im Frühjahr auch für die Slowakei vorsah. „Judenberater“ Wisliceny hatte ohnehin Vorsorge getroffen, dass der Fonds nicht von der „Judenzentrale“, sondern vom Zentralwirtschaftsamt verwaltet wurde. Gespeist wurde er aus Zwangseinlagen von Geldern, über die slowakische Juden noch bei Banken verfügten. Nur wenige Ausreisewillige wurden unterstützt, weit mehr diente der Fonds dem slowakischen Zentralwirtschaftsamt für eigene Zwecke.27
Abb. 1: Jozef Tiso bei einem Treffen mit Hitler in Berlin im Oktober 1941
Unter Auswanderung der Juden verstand die slowakische Regierung bereits im Herbst 1941 vornehmlich deren Aussiedlung, und diese zunächst aus Bratislava. Die Vertreibung von 238 Juden aus der Hauptstadt eine Woche nach dem Staatsbesuch Tisos bei Hitler am 20. Oktober 1941 war noch „harmlos“. Innerhalb eines Vierteljahres und bis Februar 1942 wurde dann annähernd die Hälfte der 15 000 Juden aus Bratislava in Provinzstädte, Arbeitslager und Arbeitszentren deportiert.28 Ab März folgten nicht nur vorläufige Deportationen im Land, sondern endgültige „nach Osten“.
Ende März 1942 startete der erste von 57 Transporten aus der Slowakei nach Auschwitz bzw. in die Gettos im Distrikt Lublin. Das Protestschreiben, welches einen Tag zuvor der Vatikanvertreter Guiseppe Burzio an seinen Priesterkollegen Jozef Tiso geschickt hatte, blieb unbeantwortet. Gleiches galt für die Schreiben der katholischen, lutherischen und griechisch-orthodoxen Bischöfe.29 Inmitten der anhaltenden Deportationen gab der slowakische Landtag diesen Mitte Mai 1942 mit dem Verfassungsgesetz 68/1942 über die Deportation der Juden noch einen legalen Anstrich. Rückwirkend, also auch für die mehr als 38 000 bereits deportierten Juden, wurde diesen die Staatsangehörigkeit entzogen und ihr Vermögen an den Staat übertragen.30 Gleichermaßen lobheischend wie besorgt erklärte „Judenberater“ Wisliceny Ende Juni Ministerpräsident Vojtech Tuka, dass bereits 50 000 Juden deportiert und noch 35 000 im Lande seien.31 Noch waren die bis Mitte März 1939 konvertierten sowie die mit einem Nichtjuden verheirateten nach dem Verfassungsgesetz ebenso ausgenommen wie die sogenannten wirtschaftlich wichtigen Juden.32
Unmittelbar nach Beginn der Deportationen setzte sich die in Bratislava geborene Zionistin Gisi Fleischmann mit allen Kräften für ihre bedrohten Landsleute ein. Zusammen mit Rabbiner Michael Dov Weissmandl und weiteren Mitgliedern wurde sie in der sogenannten Arbeitsgruppe, einer im Sommer 1941 gegründeten geheimen Rettungsorganisation, aktiv. Zunächst vermochten sie es, Hunderte jüdischer Kinder über die Grenze in das damals noch sichere Ungarn zu schmuggeln. Während die Deportationszüge rollten, nahmen sie Kontakt zu Wisliceny auf und verhandelten mit ihm über deren Stopp. Hintergründe und Ergebnisse des Slowakei-Plans und Europa-Plans werden an späterer Stelle behandelt (s. Kap. 12.1).
Auch Vertreter des World Jewish Congress (WJC) und der JA in Jerusalem zeigten sich hochgradig über die Entwicklungen besorgt. Über Filippo Bernardini, den Vatikangesandten in der Schweiz, richteten sie Appelle an den Papst, er möge auf die slowakische Führung zur Beendigung der Deportationen einwirken.33 Zunächst intervenierte der Vatikan mehrfach, unterließ es später im Jahr jedoch möglicherweise unter dem Eindruck, dass getaufte slowakische Juden von der Deportation ausgenommen waren. Ernüchtert notierte Domenico Tardini, Leiter des Vatikanauslandssekretariats, im Sommer 1942: „Das Problem ist, dass der Präsident der Slowakei Priester ist. Dass der Hl. Stuhl Hitler nicht stoppen kann, das versteht jeder. Aber warum ist es unmöglich einen Priester zu stoppen – wer versteht das?“34
Eine Antwort hätte der Vatikan den zahlreichen Berichten von Guiseppe Burzio, seines Vertreters in Bratislava entnehmen können. Nicht nur Tiso war Priester. Der Staatschef hatte katholische Geistliche mit ausgeprägter antisemitischer Gesinnung in hohe Regierungsämter berufen. Sie konnten und wollten ihn in seiner „Judenpolitik“ nicht stoppen, sondern bestärkten ihn sogar. Unterstützung für ein „christlicheres“ Vorgehen gegenüber den Juden konnte der Vatikan auch nicht vom slowakischen Episkopat erwarten. So richtete die slowakische Bischofskonferenz Ende April 1942, also einen Monat nachdem bereits Tausende Juden „nach Osten“ deportiert worden waren, einen gemeinsamen Pastoralbrief mit den Worten an die Gläubigen: „Auch in unseren Augen ist der Einfluss der Juden verderblich. Zum Schaden unseres Volkes haben sie in kurzer Zeit die Kontrolle über bald das gesamte Wirtschafts- und Finanzwesen des Landes übernommen. … Die Kirche kann deshalb nicht dagegen sein, dass der Staat dem gefährlichen Einfluss der Juden mit gesetzlichen Mitteln entgegentritt.“35
Vom jüdischen Einfluss ging aus Sicht von Staat und Kirche der Slowakei nicht nur eine Gefahr aus, von ihm drohte sogar Verderben. Das Land „judenfrei“ zu machen, konnte deshalb als Akt der Notwehr gelten. So zeigte die slowakische Regierung bereits Anfang Dezember 1941 Verständnis dafür, dass Berlin das Deutsche Reich nicht nur von deutschen Juden „judenfrei“ machen wollte. Bei den Deportationen der im Reich lebenden „Auslandsjuden“ wollte man allerdings auf die Regierungen befreundeter und neutraler Staaten Rücksicht nehmen. Auf eine entsprechende Anfrage zur Rückholung slowakischer Juden erhielt Berlin aus Bratislava die Antwort, dass die Regierung „mit der Abschiebung in die östlichen Ghettos grundsätzlich einverstanden“ sei. Grundsätzlich meinte indes nicht bedingungslos, „denn die slowakischen berechtigten Ansprüche auf das Vermögen dieser Juden sollten aber nicht gefährdet werden“, hieß es einschränkend.36 Demnach reichten der Tiso-Regierung Enteignungen und Sondersteuern von Juden im eigenen Land nicht aus. Auch an slowakischen Juden im Ausland, zur Vernichtung preisgegeben, wollte sie sich schadlos halten.
Nachdem internationaler Protest die Tiso-Regierung im Oktober 1942 davon abgehalten hatte, das eigene Land ganz „judenfrei“ zu machen, unternahm sie Anfang 1943 einen erneuten Versuch. Im Februar verkündete Innenminister Alexander Mach öffentlich, dass im März oder April die Deportationen wieder aufgenommen würden. Getaufte Juden sollten nun ebenfalls mit einbezogen werden. Diese Ankündigung alarmierte nicht nur die jüdischen Gemeinden, sondern auch die Bischöfe. Mitte Februar richteten sie einen Appell an die Regierung, der sich allerdings nur auf die Deportation getaufter Juden bezog.37 Schließlich nahm die Tiso-Regierung auf massiven internationalen Druck, nicht zuletzt als Folge der „Alliierten Erklärung zur Vernichtung der Juden“ vom 17. Dezember 1942, Abstand von ihrem geplanten Vorhaben.
Begleitet von SS-Einsatztrupps marschierte die deutsche Wehrmacht Ende August 1944 als Antwort auf eine Erhebung von slowakischen Militärs und Partisanen gegen die Kollaboration der Tiso-Regierung mit dem NS-Regime ins Land ein. Ohne Zutun der Regierung wurden ab Ende September von den deutschen Besatzern die Deportationen wieder aufgenommen. Die slowakischen Arbeitslager in Novaky und Sered wurden zu Konzentrationslagern unter SS-Leitung. Rund 12 000 slowakische Juden endeten bis März 1945 in verschiedenen polnischen Vernichtungslagern. Knapp 2000 fielen den deutschen Einsatztruppen auf slowakischem Boden zum Opfer.38
In dem halben Jahr der Verfolgung und Deportationen gab es ab Herbst 1944 auch für jüdische Besitzer von Palästina-Zertifikaten, von ausländischen Pässen und Einreisevisa verschiedener Staaten keine Möglichkeit zur Emigration. Ausreisegenehmigungen von slowakischen Regierungsstellen reichten nicht. Deutscher Druck verhinderte die Durchreise durch deutsch dominiertes Territorium. Denkbar waren lediglich Versuche wie die der jüdischen Arbeitsgruppe in Bratislava im Sommer 1942, slowakische Juden gegen Devisen oder Waren „freizukaufen“. Wie noch darzustellen, endeten die Verhandlungen allerdings ergebnislos (s. Kap. 12.1). Als die Rote Armee Ende April 1945 die Slowakei besetzte, fand sie dort nur noch weniger als 10 000 Juden vor.39 Ihre „Heimstätte Palästina“ hatten nur einige Hundert erreichen können.
Die Verfolgung und Ermordung der slowakischen Juden zeigen das enge Zusammenspiel von deutschem Einfluss und slowakischen Absichten. Zwar verdankte die Slowakei Hitlers Expansionsstrategie ihre staatliche Unabhängigkeit und zeigte sich schon deshalb bereit, die deutschen Wünsche und Forderungen weitgehend zu erfüllen. Die von slowakischer Seite aktiv betriebenen Deportationen der jüdischen Bevölkerung belegen andererseits die Handlungsspielräume der slowakischen „Judenpolitik“, die wahrgenommen wurden, wenn es den eigenen Interessen diente. Der Staatschef und Priester Jozef Tiso nutzte sie, ohne Sanktionen des Vatikans befürchten zu müssen. Bis zum Ende des Krieges drohte der Heilige Stuhl ihm weder mit der Exkommunikation noch mit der Beugestrafe eines Interdikts, dem Verbot kirchlicher Amtshandlungen.40
Mit Beginn des deutschen Okkupationsregimes ab August 1944 zeigte die slowakische Bevölkerung wachsende Solidarität mit den Juden. Einzelne oder Gruppen warnten vor Razzien, besorgten falsche Papiere oder richteten Verstecke ein.41 Unter der beachtlichen Zahl der in Yad Vashem anerkannten 602 slowakischen „Gerechten unter den Völkern“ befindet sich der Name nur eines Kirchenvertreters: Pavol Peter Gojdič, griechisch-katholischer Bischof von Prešov. Der Bischof hatte öffentlich gegen den Holocaust protestiert und Hunderte von Juden pro forma vor dem 14. März 1939, dem slowakischen Unabhängigkeitstag, taufen lassen und damit ihre Leben gerettet.42
Der Ustascha-Staat Kroatien
