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Eine Zeitreise in den Winter 1979/80: Drei Darmstädter Studenten wollen in einem Mercedes 406D die Sahara durchqueren. Ihr Ziel ist der Senegal, wohin ihre Studienfreunde fliegen werden. Mit einem Vorsprung von fünf Wochen brechen sie auf, um sie dort zu treffen und das Auto zu verkaufen. Ihr „Transsahara-Express“ begibt sich auf eine Fahrt ins Chaos … Ein irrsinniger Roadtrip, bei dem fast alles schiefläuft. Das Auto, marode Pisten, Behörden und selbst die Konvoi-Partner bereiten ungeahnte Schwierigkeiten. Heimlicher Hauptdarsteller ist ein arg untermotorisierter, aber heimeliger Bus, der morgens nicht anspringen mag. Er kämpft sich durch eine immense Natur und sorgt für viele witzige Begegnungen. „Transsahara-Express 1979“ ist eine schnörkellose und leicht skurrile Abenteuergeschichte, die den Leser beim Kopfschütteln noch schmunzeln lässt.
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Seitenzahl: 361
Veröffentlichungsjahr: 2019
Lutz Schönefuß
Transsahara-Express 1979
Fahrt ins Chaos
© 2019 Lutz Schönefuß
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7497-0052-3
Hardcover:
978-3-7497-0053-0
e-Book:
978-3-7497-0054-7
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Die geplante Route
Darmstadt
Herbst 1979
Es läutete kurz. Ich stand vom Schreibtisch auf und eilte zur Tür, hatte sie noch nicht erreicht, als ein unverschämtes Alarmklingeln begann. Ich wollte schon wütend werden, da erkannte ich Stefans Handschrift und musste, wenn auch kopfschüttelnd, lächeln. Als Antwort haute ich mehrfach auf den Türöffner und tatsächlich kam der Kerl durch den langen Flur getrampelt, an dessen Ende mein Einzimmerapartment lag. Frech drängte er sich an mir vorbei in die Wohnung.
„Na, du Mathematiker! Drehst du wieder einsam Kreise auf dem Teppich und kommst nicht auf die Lösung?“ Seine übliche Begrüßung.
„Na, du Physiker! Es ist schon dunkel draußen – musst du nicht heim zur Mama?“ Im Gegensatz zu mir war er für sein Studium nicht nach Darmstadt gezogen, sondern wohnte noch bei seinen Eltern in Rüsselsheim. Dort hatten wir in derselben Klasse das Gymnasium besucht und waren Freunde geworden.
Stefan reagierte nicht auf meinen Spruch. Er zog seinen Parka aus und ließ sich auf die Bettcouch plumpsen, die einzige Sitzgelegenheit neben meinem Stuhl. Während ich meine Hausübungen zusammenräumte, musterte er das Zimmer, als sei er zum ersten Mal hier. Schließlich wandte er sich zu mir und fragte beiläufig, aber mit leichtem Grinsen: „Könntest du dir eigentlich vorstellen, mit einem Auto durch die Sahara zu fahren?“
Ich verstand nicht, worauf er hinauswollte. „Vorstellen? Hm.“
„Ach du Mathematiker! Nein, im Ernst.“
Ich glotzte ihn an und er seufzte wie vor einem begriffsstutzigen Kind.
„Du kennst doch Hassan?“ Den senegalesischen Meteorologiestudenten aus seiner Physikerclique? Klar.
„Wir besuchen ihn im Senegal! Er lädt uns ein. Also nicht richtig …“ Er knurrte, weil er sich verhaspelt hatte. Aber dann begann er zu erzählen.
Zu Semesterbeginn vor ein paar Tagen hatte Hassan seinen Studienfreunden vorgeschlagen gemeinsam mit ihm seine westafrikanische Heimat zu besuchen. Er dachte an die zwei Wochen um Weihnachten und Silvester, damit möglichst wenige Vorlesungen und Übungen verpasst würden. Natürlich müsste jeder seinen Flug und seine Unterkunft selbst stellen, aber Hassan könnte günstige Hotels empfehlen, Zimmer reservieren sowie Ausflüge vorbereiten. Seine Kommilitonen waren von der überraschenden Idee begeistert, auch diejenigen, die aus Geldmangel passen mussten oder lieber über die Feiertage nach Hause fahren wollten.
Dann hatte sich Artur eingemischt, ein Physikstudent, den ich nicht kannte. Er lehnte Fliegen als langweilig, ja spießig ab. Stattdessen verlangte er zu fahren – durch die Sahara in den Senegal. Stefan und die anderen nahmen ihn nicht sonderlich ernst. Das änderte sich schlagartig, als Artur einen gebrauchten Mercedes-Bus präsentierte, den er kurzerhand für diese Fahrt besorgt hatte. Den Bus könne man im Senegal mit Gewinn verkaufen und so die Reise finanzieren, behauptete er und wollte gleich wissen, wer sich am Bus beteiligen und mitfahren würde; keine Mitfahrt ohne Beteiligung und keine Beteiligung ohne Mitfahrt. Ein paar Wagemutige hoben die Hand, auch Stefan. So begannen sich zwei Gruppen zu bilden, einmal die gut zehn Studenten, die mit Hassan in die senegalesische Hauptstadt Dakar fliegen wollten, und die wenigen, die mit Artur dorthin fahren wollten – kurz: die Normalen und die Verrückten.
„Mehr weiß ich nicht.“ Stefan klatschte kurz in die Hände und erhob sich. „Du kannst noch einsteigen! Hast du Lust? Überlegs dir!“
Zwar hörte sich die Idee faszinierend an, aber so ganz geheuer war sie mir nicht. Sie hatte etwas seltsam Unernstes. Dennoch sagte ich erst einmal zu. Wenn es so wenig Konkretes gab, dann konnte ein Ja nur unverbindlich gemeint sein. Wirklich festgelegt hatte ich mich nicht.
Zwei Tage später fuhr mich Stefan zum Karlshof, dem großen Darmstädter Studentenheim. In Hassans Wohngemeinschaft trafen wir die übrigen Mitfahrer, sodass ich endlich Artur kennenlernen konnte. Er begrüßte mich neugierig, ein schlaksiger Raucher mit langen Haaren und Nickelbrille, der einen halben Kopf größer war als ich. Stolz führte er seinen elfenbeinfarbenen Mercedes vor. Eigentlich handelte es sich um keinen Bus, sondern um einen Kleintransporter in Kastenform. Trotzdem nannten ihn alle nur den „Bus“. Es war ein Mercedes 406D in der langgestreckten Version, bei der das Heck weit über die Hinterachse hinausragte. Die 406 bedeutete ein zulässiges Gesamtgewicht von vier Tonnen bei gerade mal sechzig PS und das D stand für Dieselfahrzeug. Die Fahrerkabine besaß eine durchgehende Sitzbank und war durch eine Wand vom Laderaum getrennt. Der ließ sich nur über die Hecktüren öffnen. Mit seinen doppelten Hinterrädern wirkte der Bus leider etwas plump und hilflos, wie das Gegenteil eines wüstentauglichen Jeeps. Kein Problem, versicherte Artur. Er kam mir leicht überdreht vor.
Wann sollten wir losfahren? Keinesfalls würde es reichen, nur ein paar Tage vor denjenigen aufzubrechen, die fliegen wollten. Aber vielleicht genügte ein Vorsprung von zehn Tagen, um sie an Weihnachten im Senegal zu treffen? Zwei Tage bis Südspanien und eine gute Woche für den Rest? Auf dem Esstisch in Hassans Wohngemeinschaft breitete Artur eine Straßenkarte aus, die Michelin-Karte 153 für Nordwestafrika. Sie war riesig. Und sie entlarvte die zehn Tage gleich als illusorisch.
In der Mitte der Karte entdeckten wir ein unauffälliges Kästchen. Darin stand in winziger roter Schrift auf Französisch und Englisch, dass eine Durchquerung der Sahara speziellen Regeln unterliege. Diese seien bei den zuständigen Behörden zu erfragen. Welche Behörden und welche Bedingungen könnten das sein? Wahrscheinlich nur ein An- und Abmelden bei der Polizei, winkte Artur ab. So begann unsere Planung.
Der Senegal lag im äußersten Westen Afrikas, an der Nasenspitze des in den Atlantik schauenden Kopfes. Der direkte Weg dorthin wäre eine Route entlang der Küste. Doch ausgerechnet da schien es keine richtige Straße zu geben. Eine durchgehende Verbindung ergab sich nur, wenn man einsame Nebenpisten einbezog. Aber die besaßen laut Karte keine Wegmarkierungen, was immer das bedeuten mochte.
Die angebliche Hauptroute durch die Wüste war die Hoggar-Piste, die von dem gleichnamigen südalgerischen Gebirge in den Staat Niger führte. Sie bedeutete jedoch einen weiten Umweg durch die Mitte der Sahara, fern vom Atlantik. Eine etwas kürzere Nebenroute, die abgelegene und wenig befahrene Tanezrouft-Piste, verlief durch Westalgerien und Mali. Welche dieser drei Möglichkeiten wäre die beste für uns?
Wir zählten Grenzübergänge und die Aberhundert Straßenkilometer ohne Asphalt. Welche Länder verlangten ein Visum? Welche Impfungen waren vorgeschrieben und welche ratsam? Und für den Rückflug aus Dakar fehlten uns noch die Tickets.
Obwohl unsere Tour allmählich Gestalt annahm, konnte ich mir eine Wüstenfahrt noch nicht so recht vorstellen. Genauso wenig hatte ich mich endgültig entschieden. Vermutlich glaubten die anderen, ich sei ein sicherer Kandidat. Konnte ich es mir erlauben, fast das halbe Wintersemester ausfallen zu lassen?
Ich studierte Mathematik im fünften Semester an der Technischen Hochschule Darmstadt. Erstmals waren mir Zweifel gekommen, weiter mithalten zu können. Die Streber aus meinem Semester hatten in den Herbstferien ihre letzten Vordiplomprüfungen abgelegt, sicher mühelos, und hörten schon die Vorlesungen des Hauptstudiums, sicher ganz entspannt. Dagegen hatte ich meine Prüfungstermine entzerrt, vorsichtshalber, sodass mir zwei wichtige Klausuren noch fehlten, die ich in den kommenden Frühjahrsferien schreiben würde. Auf sie musste ich mich in diesem Wintersemester gründlich vorbereiten. Ich saß sogar in Veranstaltungen für jüngere Studenten, was mir peinlich war. Durfte ich diese Prüfungsvorbereitungen für ein paar Wochen aussetzen?
Falls ich überhaupt von einer besonderen Reise träumte, dann führte sie nach Nepal, eine nur vage Traumreise. Ich stellte mir vor, mit Freunden in einer gebrauchten Mercedes-Limousine über den Balkan, die Türkei und weiter durch den Irak, Persien, Afghanistan, Pakistan und Indien zu fahren. Die magischen Orte hießen Isfahan, Khyberpass, Kaschmir, Kathmandu. In Persien herrschte noch der Schah und kein schiitischer Ayatollah, und die Sowjetarmee war noch nicht in Afghanistan einmarschiert.
Bislang waren meine realen Urlaube eher bescheiden ausgefallen. Dreimal reiste ich mit einem Interrail-Pass durch Südwesteuropa, mit Freunden oder allein. Ich zurrte ein winziges Zelt an meinen Rucksack, fuhr auch nachts, um bei der Übernachtung zu sparen. Einmal wagte ich mit einem Freund die Überfahrt nach Marokko, wo er dann sein ganzes Geld an einen Betrüger verlor.
Und Afrika? Ausmalen konnte ich mir Reisen in viele Weltgegenden, nur beim tropischen Afrika gelang mir das nicht. Keine Ahnung, wieso. Von Autos verstand ich wenig, Autotechnik und Motoren begeisterten mich nicht; ich besaß bloß einen Führerschein. Sollte ich trotzdem mitfahren?
„Das ist immer noch zu knapp!“ Mal wieder hatten wir uns eingestehen müssen die Fahrzeit in den Senegal unterschätzt zu haben. Also mussten wir erneut unseren vorläufigen Abfahrtstermin streichen, um ihn noch weiter vorzuverlegen. Der Abreisetag sprang uns geradezu entgegen. Die Vorbereitungszeit schmolz dahin, das resultierende Loch im Wintersemester wuchs und Mitfahrwillige stiegen wieder aus. Sie behaupteten, doch lieber fliegen zu wollen – Streber womöglich.
Ich hatte mir die Michelin-Karte geliehen und studierte sie in Ruhe, beinahe so, wie ich als Kind gedankenverloren auf dem Teppich liegend die Karten in unserem Atlas betrachtet hatte, um dann mit Buntstiften Pläne meiner Fantasieländer zu malen. Auf der anderthalb mal einen Meter großen MichelinKarte fand ich sogar Wasserstellen in der Sahara eingezeichnet. Und bei manchen abgelegenen Brunnen waren neben ihren Namen noch Zusatzinformationen notiert, wie beispielsweise: „Serouenout, sehr salziges Wasser in 3 m“, „Assamaka, artesischer Brunnen, gut“, oder auch „Arbre du Ténéré, sehr schlechtes Wasser in 40 m“. Entlang der Atlantikküste entdeckte ich nur wenige Brunnen. Ein Pistenabschnitt war dort als „nur bei Ebbe passierbar“ gekennzeichnet. In Südalgerien gab es mehrere „verbotene Pisten“, neben einer erlaubten stand: „Alle 5 km markiert (gefährlich)“. Leider lag das legendäre Timbuktu weit ab unserer möglichen Routen. Ich las seltsam faszinierende Städtenamen wie Nouadhibou und Nouakchott in Mauretanien oder Mopti und Gao am Niger, dem großen Strom Westafrikas, aber auch alberne Namen wie Bobo-Dioulasso oder Ouagadougou in Obervolta.
Wie mochten solche Orte aussehen? Ich stellte mir sandverwehte, einsame Straßen vor, versteckte Garküchen, unbekannte Gerüche, scheue Menschen. Wie würden sie uns anschauen, auf uns reagieren?
Ich begriff, dass ich mich unbewusst längst entschieden hatte. Für ein Abenteuer mit einem guten Freund, das mir aus heiterem Himmel präsentiert worden war. Und von mir aus konnten die Streber mich noch weiter abhängen.
Nun musste ich mein eigentliches Problem lösen: Mir fehlte leider das Geld, um mich am Bus zu beteiligen. Ich bekam kein BAföG, meine Eltern überwiesen mir das Nötigste. Meine simplen Rucksackurlaube hatte ich mir nur leisten können, wenn ich vorher gejobbt hatte.
Ich besuchte meine Eltern und bekniete sie: „Ich will mich an einem Auto beteiligen und durch die Wüste in den Senegal fahren! Dort verkaufen wir es wieder. Könnt ihr mir bitte tausend, allerhöchstens zweitausend Mark dafür leihen? Wie viel genau, kann ich noch nicht sagen. Ich zahle alles zurück! Der Stefan fährt auch mit.“
Das letzte Argument war zweischneidig: Zwar wäre ein guter Freund dabei, aber sie hielten ihn für einen Hallodri.
„Und dein Studium?“
„Das Wintersemester muss ich ausfallen lassen. Aber ich kann die Vorlesungen nacharbeiten!“
„Und die Vordiplomprüfungen, die noch fehlen?“
„Ich nehme was zu lernen mit! Und ich bin ja rechtzeitig wieder da.“
Ich wusste, dass sie für so etwas kein Geld gaben, spürte aber deutlich, dass sie genau jetzt die eine Ausnahme machen würden.
„Ja, wenn du unbedingt willst …“
„Danke, danke!“, jubelte ich. Nun konnte ich definitiv zusagen.
Unser Plan sah vor, das Rhone-Tal hinabzufahren und dann der Mittelmeerküste bis zum südspanischen Hafen Algeciras zu folgen, der an der Straße von Gibraltar lag. Von dort pendelten täglich mehrere Fähren ins marokkanische Tanger sowie nach Ceuta, der östlich von Tanger gelegenen spanischen Exklave auf afrikanischem Boden. Der kürzeste Weg von Nordmarokko in den Senegal verlief offensichtlich entlang der Atlantikküste. Doch dabei hätten wir die ehemalige Kolonie Spanisch-Westsahara durchqueren müssen, wo die Freiheitskämpfer der Polisario einen Guerillakrieg gegen die marokkanischen Besatzungstruppen führten. Zwar hatten wir gehört, dass man sich hin und wieder einem marokkanischen Militärkonvoi gen Süden anschließen durfte, doch das schien uns zu riskant und überhaupt zu unschön. Michelin hatte auf seinen neuen Karten vorsichtshalber keine Grenzen mehr im Süden Marokkos eingezeichnet, denn Karten mit einem zu klein dargestellten Königreich Marokko, nämlich ohne die Spanisch-Westsahara, waren wiederholt von marokkanischen Grenzbeamten beschlagnahmt worden. Stattdessen wollten wir von Nordmarokko ins östliche Nachbarland Algerien fahren. Weil jedoch Algerien die Polisario unterstützte, herrschten Spannungen zwischen beiden Staaten. Südlich des Atlasgebirges waren ihre Grenzübergänge alle gesperrt, nur im Norden waren sie geöffnet. Es bestand die Gefahr, dass man auch sie schließen würde.
In Algerien begannen zwei Sahara-Routen: im Westen die Tanezrouft-Piste und weiter östlich die Hoggar-Piste. Die für uns demnach günstigere Tanezrouft-Piste führte allerdings auf 1.300 Kilometern durch menschenleere Gegenden, bot fast keine Versorgungsmöglichkeiten und wurde kaum benutzt. Wir hätten besonders viel Diesel und Wasser mitnehmen müssen. Daher hatten wir uns für die längere Hauptroute entschieden, die Hoggar-Piste. Sie war laut Karte bis Tamanrasset asphaltiert, dem größten Ort Südalgeriens. Tamanrasset lag 1.400 Meter hoch im Hoggar-Gebirge und war Ausgangspunkt der eigentlichen Wüstendurchquerung, einer fast neunhundert Kilometer langen Strecke bis zur Stadt Agadez im Norden des Staates Niger. Agadez markierte den äußersten Punkt unseres Umwegs durch die Mitte der Sahara. Dort knickte die Route endlich nach Westen ab, in Richtung Senegal. Agadez lag bereits auf gleicher Höhe wie Dakar, aber noch 2.750 Kilometer Luftlinie entfernt. Auf Agadez folgte wieder ein längeres Stück schlechter Piste, bevor es auf asphaltierter Straße in die nigrische Hauptstadt Niamey ging. Durch Obervolta würden wir weiter nach Mali fahren. Von der malischen Hauptstadt Bamako aus musste eine dreihundert Kilometer lange Piste bis nach Kayes ganz im Westen Malis bewältigt werden. In diesem Ort würden wir dann unseren Bus auf einen Autozug verladen, der nach Tambacounda im Osten Senegals verkehrte. Diese Autoverladung schien der übliche Weg zu sein, um von Osten her in den Senegal zu gelangen, eine parallel verlaufende Piste war angeblich in erbärmlichem Zustand. Bis Dakar blieben schließlich noch fünfhundert Kilometer Asphaltstraße.
Wie lang war die geplante Route insgesamt? Wir machten uns nicht die Mühe, die zig Entfernungsangaben aufzuaddieren. Mussten wir vorher wissen, wie weit wir fahren würden?
Auf einmal waren wir nur noch zu dritt: Artur, Stefan und ich. Alle anderen Mitfahrwilligen hatten nach und nach das Handtuch geworfen. Doch das hatte auch sein Gutes, denn auf der durchgehenden Sitzbank unseres Busses würden wir drei nun bequem nebeneinander Platz finden. In die Rückwand der Kabine hatte Artur einen breiten Durchschlupf schneiden lassen. Durch ihn konnten wir von der Beifahrerseite in den Laderaum klettern, ohne aussteigen und ihn von außen öffnen zu müssen. Artur wollte ihn noch mit Matratzen und Polstern auslegen. Unser Nachtlager für unterwegs.
Dreitausend Mark hatte der Bus gekostet und er schien gut in Schuss. Stefan und ich beteiligten uns zu je einem Drittel. Artur fantasierte von einem satten Gewinn, von einem Verkauf für sechs- bis achttausend Mark. Wir ließen uns gerne anstecken. Dass der Bus morgens nicht immer ansprang, schob Artur auf den Nachtfrost, ein angeblich bekanntes Problem mit Dieselmotoren.
Wir bestimmten den endgültigen Abfahrtstermin: Samstag, den 17. November. Fünf Wochen würden langen, um Dakar bis Weihnachten zu erreichen, ohne dabei zu hetzen. Der Winter war die rechte Reisezeit, die gefürchteten Sandstürme traten nur im Sommer auf.
Für Algerien ließ sich jeder ein 30-Tage-Visum und für Mali ein 7-Tage-Visum ausstellen. Mein MaliVisum besaß die wunderbare Nummer Tausendundeins. Am Automaten produzierte ich mehrere Streifen Passbilder, um für alle noch kommenden Visa und Formulare gerüstet zu sein. Das Visum für Marokko würden wir uns auf dem marokkanischen Konsulat des Fährhafens Algeciras besorgen.
Ich ließ mich gegen Pocken und Cholera impfen, was mir unsinnig vorkam, aber für Marokko leider vorgeschrieben war. Zusätzlich erhielt ich eine Gelbfieberspritze und eine Tetanus-Auffrischung. Zur Malaria-Prophylaxe packten wir Resochin ein, auf eine Vorbeuge gegen Typhus und Gelbsucht verzichtete ich.
Im Studenten-Reisebüro kaufte ich ein günstiges Ticket der tschechoslowakischen Fluggesellschaft ČSA von Frankfurt über Prag nach Dakar und zurück, obwohl ich nur den Rückflug antreten würde. Ein einfacher Flug wäre seltsamerweise teurer gewesen. Stefan buchte vom elsässischen Mulhouse über Paris in den Senegal.
Ich meldete mich zu den Vordiplomklausuren an, die mir noch fehlten. Deren Termine in den Frühjahrsferien standen leider noch nicht fest; ich hoffte, dass man sie nicht an den Anfang der Ferien legen würden und mir so mehr Zeit zum Lernen bliebe. Ein Freund meines Vaters hatte mir aus der DDR Aufgabensammlungen zu Differentialgleichungen geschickt, die dort viel günstiger waren. Sie würde ich mitnehmen.
„Wir müssen den Bus bemalen!“, forderte Artur. Vielleicht mit einem Motto? Irgendwas Besonderes solle es jedenfalls sein. Das klang mir nach peinlicher Angeberei, aber schon kurz darauf besorgte ich Klebefolie, bewusst in Grün, der Farbe des Propheten Mohammed, wie ich gelesen hatte.
Die Reiseroute! Wir könnten Linien aus der Folie schneiden und damit unsere Route auf den Bus kleben. Gut, wir nahmen uns den hinteren Teil der Fahrerseite vor und setzten die erste Linie direkt unter der Dachleiste an, also ganz im Norden. Auf ihren Kopf malten wir mit einem Filzschreiber einen dicken, schwarzen Punkt für Darmstadt. Dann verlängerten wir unsere Strecke Abschnitt um Abschnitt auf der Außenwand des Laderaums. Jedes wichtige Etappenziel markierten wir mit einem schwarzen Kreis auf der grünen Linie und klebten noch ein Etikett daneben, ein Rechteck mit dem Ortsnamen. Die Stadt Agadez, die im äußersten Südosten der Route lag, platzierten wir neben den Blinker. Zwei Handbreit über den Zwillingsrädern endete schließlich der Linienzug im Zielort Dakar. Der befand sich anderthalb Meter westlich von Agadez; so weit ragte das Heck über die Hinterachse hinaus.
Das Ergebnis überzeugte uns nicht; es wirkte dürftig, weil es auf das hintere Drittel der Seitenwand beschränkt blieb. Da fehlte noch was – Text. Also schrieben wir den folgenden, leicht großspurigen Dreizeiler auf ein Stück Folie: „Trans Sahara Exp.“, „Winter 1979“ und „Darmstadt – Dakar“, das wir neben die Route platzierten. Perfekt! Damit veralberten wir gleichzeitig die neue Rallye Paris-Dakar, die in diesem Winter zum zweiten Mal ausgerichtet werden sollte. Der Aufkleber gefiel uns so gut, dass wir mit dem gleichen Text auch die rechte Hecktür dekorierten.
Jetzt kam die Beifahrerseite dran. Kein langes Nachdenken mehr, wir schnitten rasch DIN-A4-große Buchstaben aus, um die erste Zeile des Aufklebers zu wiederholen. Wir klebten das weithin sichtbare „TRANS SAHARA EXP.“ auf die Seitenwand. Mit „EXP.“ war selbstverständlich allein „Express“ gemeint. Wir achteten diejenigen, die das lesen konnten, belächelten aber solche, die uns mit einer „Expedition“ verwechselten, also mit etwas Wohlorganisiertem und Spießigem. Transsahara-Express klang auch wunderbar nach den Liedern „Marrakech Express“ von Crosby, Stills & Nash und „Trans Europa Express“ von Kraftwerk.
Wenige Tage vor der Abreise geschah etwas Irritierendes: Artur führte uns einen weiteren Mercedes 406D vor, den er spontan gekauft hatte, um ihn ebenfalls mitzunehmen! Jetzt, wo wir nur noch zu dritt waren? Natürlich konnte er alles erklären: „Das ist jetzt mein drittes Auto, ich musste es kaufen, die Drei ist meine Zahl! Ich habe drei Reisepässe, drei Motorräder und drei Freundinnen!“ In dieser Reihenfolge. Über zwei Reisepässe verfügten einige Deutsche, doch drei zu besitzen, galt angeblich als außergewöhnlich. Ich besaß nur einen Reisepass, hatte weder Motorrad noch Freundin und fühlte mich mickrig.
Der knallgelbe zusätzliche Mercedes war ein ausgemusterter Paketbus der Post mit deutlich kürzerer Karosserie. Über Schiebetüren stieg man in der Fahrerkabine. In ihr gab es keine durchgehende Sitzbank, denn zwischen den Sitzen führte ein Durchgang in den Laderaum, der mit einer Falttür verriegelt werden konnte. Weder Stefan noch ich beteiligten uns an diesem Bus; das übernahmen Hassan und ein paar Freunde, die sich dann im Senegal um dessen Verkauf kümmern würden.
Freitag, 16. November 1979
Der Tag vor der Abfahrt. Nach dem Frühstück radelte ich zu unserem üblichen Treffpunkt: Hassans Vierer-WG im Karlshof, in der Artur Stammgast war. Im Gemeinschaftsraum saß ein mir Unbekannter rauchend auf dem Sofa, vermutlich ein Nachbar. Auf mein Hallo nickte er kurz. Artur kam aus einem der Zimmer gerauscht. Er stellte mir den Sitzenden als Tibor vor, unseren neuen vierten Mann. Ich war sprachlos. Er nannte ihn den „Knuffel aus der Tschechoslowakei“; Knuffel war Arturs Wort für sympathische Mitmenschen. Tibor schien ein loser Bekannter zu sein, groß, schlank und schwarzhaarig, ein schweigsamer Raucher. Dass die tschechoslowakischen Behörden ihm einen Westurlaub genehmigt hatten, schien mir ungewöhnlich. Leider sprach er kaum Deutsch. Artur erklärte es mir schließlich. Tibor solle die Gelegenheit bekommen, günstig nach Marokko zu reisen. Dort würde er allein weiterziehen. Er war also nicht wirklich unser vierter Mann.
Artur fuhr mit mir im langen Bus in die Stadt. Obwohl es am nächsten Morgen losgehen sollte, fehlten uns noch die Kanister, sowohl für Diesel wie für Trinkwasser. Notfalls müssten wir sie unterwegs besorgen. Doch Artur hatte eine Idee, wir hielten vor der Hochschulapotheke. Im Laden begrüßten uns zwei ältere Damen in weißen Kitteln. Artur fragte sie höflich, aber mit nervösen, fahrigen Gesten, ob sie gebrauchte Plastikkanister zu verschenken hätten. Wir würden durch die Sahara fahren und benötigten sie für Wasser und Treibstoff.
Möglicherweise sahen wir nicht wie vertrauenswürdige Kunden aus. Wir waren zwei winterbleiche, hagere Gestalten in Bluejeans, trugen beide einen schütteren Vollbart und die strohigen Haare kinnlang. Ich befürchtete, dass Artur sie mit seinem Gefuchtel verschreckt haben könnte. Doch die beiden Apothekerinnen schienen nicht verwundert, schauten sich nur kurz an und ohne dass sie sich absprachen, verschwand eine hinten im Laden. Nach einer Weile kehrte sie wieder, ein Wägelchen schiebend, auf dem sie ein ganzes Kanistersortiment aufgebaut hatte, sogar zwei 60-Liter-Behälter waren dabei. Obendrein erläuterte sie uns, welche Kanister sich zur Trinkwasseraufbewahrung eignen würden und welche aufgrund ihres früheren Inhalts besser nicht. Wir durften auswählen und bedankten uns überschwänglich.
Von diesem Volltreffer beflügelt fuhren wir gleich zur nächsten Apotheke. Wo wir einen ähnlichen Erfolg hatten! Danach musste ich den wie berauschten Artur bremsen, der am liebsten alle Darmstädter Apotheken abklappert hätte, um kostenlose Kanister einzusammeln; wir hatten bereits mehr als genug. Artur erklärte mir, dem leider etwas Ahnungslosen, dass sich Diesel im Gegensatz zu Benzin gut in Plastikkanistern befördern lässt.
Ich radelte bald wieder nach Hause. Mein Rucksack war noch nicht fertig gepackt, ich wollte mit meinen Eltern telefonieren und mich von meinen Nachbarn verabschieden. Morgen früh würde Artur mich abholen und zum Karlshof bringen. Von dort würde der Transsahara-Express zu seiner großen Fahrt starten.
Afrika, 1. Anlauf
Samstag, 17. November 1979
Artur fuhr in einem Mercedes-Kombi pünktlich bei mir vor. Es war ein ausrangierter Krankenwagen, sein Auto Nummer Eins. Ich wohnte in einem Neubau mit sechzehn Einzimmerapartments, der etwas versteckt hinter einer Aral-Tankstelle lag. Arturs ungewöhnliches Fahrzeug lockte den „Schmuddeligen“ in den Hinterhof, meinen neugierigen Vermieter und Pächter der Tankstelle. Zum Glück hatte er seinen bissigen, neurotischen Collie im Laden gelassen, wahrscheinlich zur Bewachung der Kasse. Ich hob zum Gruß die Hand, aber er ignorierte mich und begaffte bloß Arturs Wagen, ging sogar in die Hocke dabei.
Auf dem Parkplatz des Wohnheims hatte sich eine überraschend große Abschiedsrunde versammelt. Diejenigen, die in den Senegal fliegen wollten, waren vollständig erschienen, dazu Kommilitonen aus unserem Semester und viele, die ich gar nicht kannte. Ich lud meinen Rucksack in den langen Bus, die Umhängetasche mit den Wertsachen behielt ich bei mir. Stefan wurde von einem seiner älteren Brüder mit dem Auto aus Rüsselsheim gebracht. Stolz öffneten sie eine schwarze Reisetasche, die bis oben hin mit Medikamenten, Verbandszeug und Probepackungen gefüllt war – eine gigantische Reiseapotheke! Stefans Bruder, der im Rüsselsheimer Stadtkrankenhaus arbeitete, hatte sie für uns zusammengestellt. Beim neugierigen Wühlen entdeckten wir ein Antibiotikum, das sogar gegen die Pest wirkte. Keine bekannte Krankheit würde uns je etwas anhaben können. Und im Senegal würden wir dann alles verschenken.
Als wir losfahren wollten, passierte es. Oder vielmehr – es passierte nichts. Beide Busse sprangen nicht an! Beim langen Bus hatten das wir aufgrund des Nachtfrosts beinahe erwartet.
„Wer seinen Diesel liebt, legt im Winter eine Decke um den Motor“, verriet mir Artur. Offensichtlich liebten wir unsere beiden Dieselautos nicht.
„Brauchen wir nicht, in zwei Tagen sind wir im Warmen.“
Also Anschieben. Mit fast zehn Leuten klappte das beim langen Bus im ersten Versuch. Aber warum streikte auch der gelbe Bus, der bisher immer sofort angesprungen war? Wir schoben ihn ebenfalls, doch es wollte nicht funktionieren. Nach mehreren erfolglosen Versuchen wandten sich die meisten Helfer erschöpft ab, unser Abschied wurde zu anstrengend. Was nun?
Artur delegierte die Problembehebung einfach an seine Kumpel, verabschiedete sich von ihnen und nahm mich mit zum langen Bus. Ich hätte eh nicht helfen können. Wir beide fuhren zu einem Supermarkt, um unseren Vorrat an Konservendosen aufzustocken. Ohne groß zu überlegen, packten wir die günstigen Konserven ein, wie Ravioli oder Pichelsteiner Eintopf. Wir verstauten alles in einer Kommode, die Artur im Laderaum aufgestellt hatte. Darin lagerten schon ein Gas-Campingkocher mit Ersatzkartuschen und Geschirr, außerdem Nudeln, Reis, Teebeutel, Nescafé, Würfelzucker, Marmeladengläser sowie – exakt abgezählte einhundert Tafeln Schokolade. Doch unser ganzer Stolz war ein grüner, zehn Liter fassender Plastikeimer mit Deckel. Ihn hatten wir bis zum Rand mit Müsli aufgeschüttet.
„Wir schauen auf dem Schrottplatz nach Sandblechen!“, entschied Artur. Auch die fehlten uns. Sandbleche waren Aluminium-Schienen mit Profilrinnen und Löchern, meist anderthalb Meter lang und einen halben Meter breit. Blieb man im Sand stecken, musste man zuerst die Räder freibuddeln, wofür Artur eine Schaufel und einen Klappspaten besorgt hatte, dann legte man die Bleche vor die Räder. Nun konnte das Auto auf den anderthalb Metern festen Untergrunds ein wenig an Fahrt gewinnen; die Beifahrer unterstützten, indem sie schoben. Notfalls musste diese Prozedur wiederholt werden. Artur fuhr zu dem Händler, der ihm schon drei Sätze gebrauchte Blattfedern verkauft hatte. Doch Sandbleche fanden wir dort keine. Was dem am nächsten kam, waren Kellerfensterroste mit einem rautenförmig geflochtenen Gitter. Für zwei Mark nahmen wir zwei kleine Roste mit. Ob sie zum Unterlegen taugen würden? „Passt schon“, versprach Artur.
Als wir am Karlshof eintrafen, lief der gelbe Bus immer noch nicht. Zumindest war die zu einem kleinen Kreis geschrumpfte Helferschar ein paar Schritte vorangekommen. Weil der Tank fast leer gefahren war, hatte Luft in die Kraftstoffleitung eindringen können, weshalb der Bus nicht angesprungen war. Man hatte die Leitung entlüftet und Diesel nachgefüllt. Doch der Bus wollte weiterhin nicht anspringen. Eigentlich konnte es nur noch an einer inzwischen zu schwachen Batterie liegen. Wer kannte einen Karlshofbewohner, der ein Starthilfekabel besaß und jetzt hier war? Ein paar schwärmten aus, klapperten sogar die Parkplätze ab, bis sie jemanden fanden. Mit Hilfe seines Autos und Kabels gelang es endlich, den gelben Bus zu starten. Artur bestand nun darauf, allein eine längere Runde mit ihm zu drehen; wir übrigen kochten in Hassans Wohnung Spaghetti.
Es war nachmittags um vier, als wir endlich aufbrachen. Unser Abschied fand ohne großen Bahnhof statt. Ich notierte den Kilometerstand des langen Busses in meinem Tagebuch: 144.264 km.
Wir nahmen die Autobahn nach Süden und überquerten bei Mulhouse den Rhein. Keiner von uns war in der euphorischen Stimmung, die ich mir für unsere Abreise ausgemalt hatte.
Sonntag, 18. November 1979
Aus Sorge, die Busse könnten nach einer frostigen Nacht nicht mehr anspringen, aber auch um Zeit zu gewinnen, fuhren wir immer weiter. Erst um sechs Uhr früh hielten wir im Rhone-Tal bei einer Tankstelle, hinter der es bergab ging. Artur hatte dicke Matratzen im Laderaum des großen Busses ausgelegt und an einer Wand ein altes Sofa aufgestellt, vor dem witzigerweise ein Läufer lag. Auch die durchgehende Sitzbank der Kabine eignete sich gut zum Schlafen. Wir brauchten nur unsere Schlafsäcke auszurollen. Meiner stammte aus einem Laden, der ausgemusterte US-Armeebestände verkaufte. Stefan besaß einen von der Bundeswehr.
Wortkarg frühstückten wir im Café der Tankstelle, wir hatten gerade mal vier Stunden geschlafen. Der gelbe Bus startete sofort, der lange erst beim Hinabrollen. Bei Montelimar wechselten wir auf die andere Rhone-Seite. Wir gerieten in einen Stau, weil als Skelette maskierte Atomkraftgegner die Straße blockierten und Flugblätter verteilten. Am frühen Nachmittag drehte Wind auf, später fing es an zu regnen.
In den Pausen ließen wir die Motoren laufen und tauschten die Busbesatzungen. Und wir besprachen den Fahrtweg durch Spanien, denn Artur war mit einer neuen Idee gekommen. Er wolle lieber auf Nebenstraßen das viel reizvollere Hinterland durchqueren. Stefan bestand darauf, an der Mittelmeerküste entlangzufahren, um so früh wie möglich den Fährhafen Algeciras zu erreichen. Mir gefiel Arturs Vorschlag, Tibor hielt sich heraus. Wir einigten uns nicht, aber noch waren wir ja in Frankreich.
Wir nahmen einen spanischen Tramper mit, der nach Barcelona wollte. Im Niemandsland zwischen dem französischen und dem spanischen Grenzposten übernachteten wir an einer Gefällstrecke.
Montag, 19. November 1979
Südlich der Pyrenäen brach ein strahlender Morgen an. Wie selbstverständlich starteten die Motoren beider Busse. In einer Bar an der Straße nach Gerona gönnten wir uns ein ausgiebiges und diesmal lebhaftes Frühstück; das herrliche Wetter hatte uns aufgetaut. Der Winter schien vorüber, ich zog meinen schwarzen Kapuzenpullover aus, den ich bisher ständig getragen hatte. Meine Reiselust war wieder erwacht.
Erneut diskutierten wir die vor uns liegende Strecke. Artur wetterte gegen die touristische Mittelmeerküste, gegen die Restaurants und Bars mit deutschsprachiger Speisekarte oder gar deutschem Namen. Stefan wollte vor allem Zeit gewinnen. Ich neigte eher Arturs Ansicht zu und hielt es für unerheblich, einen halben Tag länger in Spanien zu bleiben. Tibor schwieg und rauchte. Stefan und Artur beharrten auf ihrem jeweiligen Standpunkt.
Beim Versuch, Barcelona geschickt zu umfahren, verhedderten wir uns in Nebenstraßen, die keiner klaren Richtung gehorchten. Auch unser spanischer Mitfahrer war ratlos. Wie von ihm gewünscht, setzten wir ihn in einem Dorf ab, das eine Busverbindung in die Stadt besaß.
Wir fanden einen Kompromiss für unsere Route: Bis Valencia düsten wir die Küste entlang, dann steuerten wir ins Landesinnere. An einem Schilf ließ Artur halten und schnitt Rohre ab. Er steckte sie hinter die Scharniere der Ladetüren und schmückte so die Busse. Am Abend flackerten kleine Feuer an einem Hang, manche glimmten nur noch, vielleicht die Reste einer Art Brandrodung. Fünfzig Kilometer vor Albacete hielten wir am Straßenrand und übernachteten im Auto.
Dienstag, 20. November 1979
Wir schliefen nie lange. In Albacete tauschten wir Geld und frühstückten. In holprigem Spanisch versuchte ich mein Glück in einer Pension – und durfte für siebzig Peseten heiß duschen! Das wollten Stefan, Artur und Tibor dann auch, sie folgten mir der Reihe nach. Bisher hatte es nur Katzenwäsche gegeben: Einer schüttete dem anderen Wasser aus einem Kanister in die offenen Hände.
Weiter gings über schmale Landstraßen. Auf einer Hochebene überschwemmte eine Schafherde den Weg. Sie ließ sich Zeit, bis sie weiterzog.
Im sanften Abendlicht griffen die Schatten unserer Busse weit in die Felder. Artur ließ mich langsamer fahren, dann schob er das Beifahrerfenster auf und kletterte mit umgehängter Kamera hinaus, bis er schließlich im Fensterrahmen stand. Er posierte angeberisch vor Stefan und Tibor, die hinter uns fuhren, dann fotografierte er. Als er wieder neben mir saß, verlangte ich einen sofortigen fliegenden Fahrerwechsel – wir hatten es uns angewöhnt, die Positionen während der Fahrt zu tauschen. Jetzt war ich dran hinauszuklettern. Mit der rechten Hand hielt ich mich am oberen Fensterrahmen fest, mit der linken winkte ich dem gelben Bus. Unser Schilfrohrschmuck war gerupft und zerzaust. Ich selbst hatte keine Kamera dabei, meine Eindrücke wollte ich so in Erinnerung behalten.
In der Nacht erreichten wir das Dorf Hornos. Durch verwinkelte Gassen gelangten wir auf den Kirchplatz, wo wir neben dem Glockenturm parkten.
Gleich in der Nähe fanden wir eine Kneipe mit freundlicher Bedienung. Es wurde ein trockener Weißwein serviert, wir aßen gut und preiswert.
Mittwoch, 21. November 1979
Um sechs Uhr begannen genau über uns die Glocken zu dröhnen. Nach einem Milchkaffee in der Kneipe von gestern Abend kauften wir Brot, Milch, Käse und Obst. Erst beim Verlassen des Dorfes erkannten wir seine herrliche Lage. Hornos thronte auf einer Bergkuppe über dem Ende eines langen, schmalen Stausees. Wir folgten dem Seeufer, hielten auf einem Picknickplatz und bereiteten mit der frischen Milch unser erstes Müsli aus dem Zehn-Liter-Eimer zu.
Wir mussten tanken, mit beiden Bussen, und zwar recht bald. Doch es gab hier keine Tankstellen. Unsere vielen Kanister waren noch leer, weil wir günstigere Preise abwarten wollten. Im Erdölförderland Algerien würde Diesel nur ein paar Pfennige kosten. Wir suchten auf der Straßenkarte nach einem Ort, der möglichst nahe lag und groß genug für eine Tankstelle schien. Um zu unserem neuen Ziel zu gelangen, mussten wir wenden. Artur und ich fuhren voran. Als wir merkten, dass Stefan und Tibor nicht zu uns aufschlossen, hielten wir, aber drehten nicht um, weil wir keinen Treibstoff vergeuden wollten. Fünf Minuten später fuhren wir dann doch zurück. Wir fanden den gelben Bus hilflos mit beiden Vorderrädern im Straßengraben steckend. Mit dem Rückwärtsgang waren sie nicht herausgekommen. Es war lächerlich: beim Wenden gescheitert.
Ein klappriger Kleinlaster tauchte auf und konnte nicht passieren. Seine zwei Insassen stiegen aus, um zu helfen. Der Graben war jedoch so eng und steil, dass man schlecht zum Hochschieben ansetzen konnte. Wir schafften es nicht. Die beiden Spanier redeten auf uns ein und Stefan meinte zu verstehen, dass sie einen Traktor holen würden. Jedenfalls brachen sie gleich auf.
Wir sollten auf einen Traktor angewiesen sein? Angenommen, wir wären schon in der Wüste! Unser Stolz ließ uns wieder in den Graben steigen. Durch wiederholtes Schieben gelang es uns so viel Schwung aufzuschaukeln, dass wir den Bus schließlich aus dem Graben drücken konnten. Wir warteten nicht mehr auf die Spanier. Auf jedem noch so flachen Gefälle ließen wir nun die Busse rollen. So schafften wir es bis zu dem auserkorenen Ort, an dessen Eingang tatsächlich eine kleine Tankstelle geöffnet hatte.
Die Straße schlängelte sich durch die Sierra Baza. Wir überquerten enge Schluchten, bewunderten einen Regenbogen und kamen an den Höhlenwohnungen von Guadix vorbei. Mit der Dämmerung erreichten wir Granada. Stefan grummelte noch immer: „Ich will nichts von Spanien sehen, ich will Afrika sehen!“
Wir beschlossen daher bis zum Fährhafen Algeciras durchzufahren. Bei Malaga stießen wir wieder auf die Küstenstraße. Doch in Torremolinos stoppte Artur unsere Fahrt und ordnete an: „Wir gehen in eine Disco!“
Wir anderen murrten und verdrehten die Augen, trotteten aber brav hinter ihm her. Nach einem ernüchternden Rundgang musste Artur einsehen, dass Torremolinos ein trostloses Sommertouristenkaff war. Er kaufte sich ein Bier, ersatzweise.
Als wir spät in der Nacht Algeciras erreichten, passierte das Unglück. Stefan fuhr mit Tibor im langen Bus voraus. Es hatte geregnet, die Straße war seifig. In einer lang gezogenen Rechtskurve ging es leicht bergab, an beiden Straßenrändern parkten Autos. Wir fuhren zu schnell. Plötzlich blockierte ein Müllabfuhrlaster unsere Spur, sodass Stefan auf die Gegenfahrbahn ausweichen musste, auf der uns im selben Moment ein eben noch verdeckter Fiat-Kleinbus entgegen kam. Stefan versuchte noch zu bremsen, rutschte dem Fiat aber in die Seite.
Die Fahrerecke unseres Busses war eingedrückt und der Blinker herausgefallen. Der Reifen sah lädiert aus, das Abblendlicht brannte noch. Ich konnte nur den Kopf schütteln. War unsere Geldanlage ruiniert? Stefan begann laut mit sich selbst zu schimpfen. Beim Fiat war die Fahrertür zerknautscht und die ganze Seite verschrammt. Der etwa fünfzigjährige Fahrer konnte seine Tür nicht öffnen und musste zur Beifahrerseite aussteigen. Auch er schimpfte und verlangte, dass wir ihn auf eine Polizeiwache begleiteten. Stefan und ich folgten ihm, Artur und Tibor blieben bei den drei Bussen. Während wir dem Spanier hinterhertrotteten, tuckerte ein jugendlicher Mofafahrer an mich heran. Er wollte mir Haschisch andrehen. Ich verscheuchte ihn. Auf der Wache erklärten sich die Beamten für nicht zuständig und schickten uns zu einem anderen Revier. Dorthin mussten wir fahren, und zwar in dem beschädigten Fiat, diesmal mit Artur. Der Spanier diskutierte aufgeregt mit den Polizisten. Die sorgten aber nur dafür, dass wir Adressen und Versicherungsdaten austauschten. Stefan war immer noch zerknirscht und entschuldigte sich ausführlich beim Fiatfahrer.
Nicht weit vom Unfallort parkten wir, um zu übernachten. Artur beruhigte uns. Er sei zuversichtlich, das reparieren lassen zu können, vielleicht ganz billig irgendwo in Afrika.
Donnerstag, 22. November 1979
Passend zu unserer Stimmung brach kein strahlender, sondern ein wolkenverhangener Morgen an. Missmutig fuhren wir gleich nach dem Aufstehen zu einer Werkstatt. Dort veranschlagte man mehr als tausend Mark für eine Reparatur. Indiskutabel. Wieder quälte sich Stefan mit lauten Selbstvorwürfen, reichlich übertrieben, wo es doch jedem von uns hätte passieren können. Artur versuchte ihn zu beruhigen: „Wir verschieben die Reparatur. Je weiter wir nach Süden kommen, desto billiger wird es. Für den Verkauf zählt sowieso nur der Motor!“ Und der war in den letzten Tagen immer angesprungen, ohne dass nachgeholfen werden musste.
Wir wechselten noch einmal Geld, dann beantragten wir auf dem marokkanischen Konsulat unsere Visa. Bereits nach einer Stunde Wartezeit erhielten wir die Reisepässe zurück. Das Visum nahm eine komplette Seite ein, blaue Gebührenmarken klebten darauf. Auf Französisch wurde in den oberen Zeilen mit Ausweisung gedroht, falls man in Marokko ohne Arbeitsvertrag einer bezahlten Beschäftigung nachgehen sollte.
Für die Abendfähre nach Ceuta gab es noch freie Stellplätze. Der Ticketpreis hing von den Abmessungen des Fahrzeugs ab. Um Geld zu sparen, schwindelten wir unsere Busse einfach eine Tarifstufe kleiner.
Artur verabschiedete sich für den Nachmittag. Er war schon einmal in Algeciras und auch Marokko gewesen und wollte eine Bekannte von damals in einem der Vororte besuchen. Tibor, Stefan und ich schlenderten durch die Stadt. Es nieselte. Wir redeten kaum, Tibor rauchte. Am Hafen spürten wir den auffrischenden Wind. Der Felsen von Gibraltar auf der anderen Seite der Bucht war von tief hängenden Wolken verdeckt. Trotz allem begann ich dieses Kribbeln zu spüren, diese Mischung aus Ungewissheit und Vorfreude: das Reisefieber.
Mit der Dämmerung setzten wir über nach Ceuta, der Exklave Spaniens auf afrikanischer Seite. Das Kleinerschwindeln der Busse war nicht aufgefallen. In der Werkstatt einer Tankstelle erkundigten wir uns nach einer Reparatur, eigentlich nur, um ein Gefühl für die Preise zu gewinnen. Dort wollte man schon wieder tausend Mark dafür berechnen. Versuchsweise boten wir den gelben Bus zum Verkauf an. Die Antwort, dass ihm dazu das runde Zollkennzeichen fehle, zeigte uns, wie nahe wir der Zivilisation hier noch waren. Im wirklichen Afrika wären Reparatur und Busverkauf ein Klacks – auf nach Marokko!
Am spanischen Grenzposten stockte es kurz, als Tibors tschechoslowakischer Pass genauer betrachtet wurde, dann waren wir ausgereist. Das Niemandsland war eine freie Fläche mit vielen Parkplätzen, aber vor der marokkanischen Grenzstation knäulten sich die Fahrzeuge. Wir hängten uns an ein Schlangenende. Fußgänger wuselten zwischen den Autos, schoben und drängelten. Angebliche marokkanische Studenten boten an, uns durch die Kontrollen zu lotsen. Mit ihrer Hilfe ginge es viel schneller, für einen geringen Betrag nur, der ihre Semesterkasse aufbessern würde. Wir lehnten ab. Marokkanische Frauen, die unförmige Säcke geschultert hatten, versuchten sich an den Schaltern vorbeizumogeln. Natürlich wurden sie bemerkt. Säcke wurden geöffnet und Waren beschlagnahmt; es wurde lautstark diskutiert und Tränen flossen. Der zollfreie Hafen Ceuta lockte mit günstigen Konsumwaren.
Am ersten Schalter mussten wir Einreiseformulare ausfüllen und die Pässe abgeben. Da man uns vor Diebstählen in diesem Gewimmel gewarnt hatte, achteten wir darauf, dass immer jeweils einer im Bus blieb und dass wir keine Wertsachen in dem großen offenen Ablagefach liegen ließen. Nach längerem Warten erhielten wir die Einreisestempel und durften zum nächsten Posten vorrücken, Artur und ich voran im langen Bus. Nun ging es um Autopapiere, Ladung und Gepäck.
Nachdem die Zollbeamten Artur und mich abgefertigt hatten, inspizierten sie den gelben Bus. Sie fragten Stefan und Tibor, wer von ihnen „Monsieur Artur“ sei. Als Antwort zeigte Stefan auf den langen Bus, den Artur und ich gerade hinter dem Grenzposten parkten. Einer der Zöllner eilte zu uns, ließ sich von Artur erneut den Fahrzeugbrief geben und führte uns zurück zum gelben Bus. Er reichte seinem Chef das Dokument, der es schnell überprüfte und es dann zusammen mit den Papieren des gelben Busses hochhielt, mit einem Stift draufklopfte und triumphierend verkündete:
„Zwei Autos, ein Name – das ist nicht erlaubt!“
„Wieso nicht?“
Die Antwort des Beamten, so wie ich sie verstand, lautete: „Ihr wollt einen Bus gegen Haschisch eintauschen und mit dem anderen zurückfahren!“
Was? Doch die Zöllner schienen es ernst zu meinen; wir fingen an mit ihnen zu streiten.
Ein junger Marokkaner hatte die Szene beobachtet und mischte sich ungefragt ein, er behauptete das für uns regeln zu können. Er hieß Ali und redete nun ebenfalls auf die Beamten ein, aber ohne erkennbaren Erfolg.
Ein Deutscher, etwas älter als wir, war mit einer marokkanischen Frau aus einem Auto in der jetzt blockierten Warteschlange gestiegen und zu uns nach vorne gekommen. Sie boten ihre Hilfe an. Gemeinsam mit ihnen arbeiteten wir uns bis zum Chef der Grenzstation vor. Nach einer ernsthaften Diskussion in dessen Büro, bei der ich nur dank der vielen Wiederholungen das Wichtigste verstand, erreichten wir Folgendes: Ein Bus durfte vorerst einreisen. Dieser Bus sollte einen Brief mitbekommen, der einen Antrag enthielt, dass auch der zweite Bus einreisen dürfe, abzugeben beim Zollchef in Tetuan, einer etwa vierzig Kilometer entfernten Großstadt. Der würde morgen Vormittag den Antrag genehmigen.
Wir vier besprachen uns und entschieden, eigentlich entschied Artur, dass er jetzt mit mir nach Tetuan aufbrechen würde. Die beiden anderen sollten im Niemandsland auf uns warten, der murrende Stefan und der geduldige Tibor. Im Laderaum ihres Busses lag aus Platzgründen nur eine kleine Matratze, denn dort waren unsere drei Ersatzräder gestapelt und lagerten zwei der drei Blattfedernsätze, ein gebrauchter Ersatzkühler sowie Schaufel und Klappspaten.
Da das deutsch-marokkanische Paar in Tetuan übernachten wollte, beschlossen wir gemeinsam dorthin zu fahren. Vorher wechselten wir noch Geld. Als wir den hinter uns schließenden Grenzposten verließen, fehlte plötzlich meine Umhängetasche. Ich konnte sie nicht finden, nirgends im Bus. War sie geklaut worden? Meine Reiseschecks und mein Flugticket waren darin. Zurück zur Grenze. Die Marokkanerin, die auch Deutsch sprach, half mir die Beamten aus ihrem Feierabend aufzuscheuchen. Bei ihnen sei keine Tasche abgegeben worden, ein Diebstahl sei hier unmöglich, beteuerten sie. War meine Abenteuerreise bereits hier zu Ende? Ich erhielt die Erlaubnis, durch den geschlossenen Grenzposten ins Niemandsland zum gelben Bus zu gehen. Die überraschten Stefan und Tibor öffneten auf mein Klopfen und – oh Wunder: Tibor hatte die im langen Bus herrenlos auf der Sitzbank stehende Tasche vorsichtshalber an sich genommen, aber später nicht mehr daran gedacht, sie mir zu geben, seltsamerweise. Ich war so erleichtert.
Auf der kurzen Strecke nach Tetuan mussten wir mehrere Polizeikontrollen erdulden. In der Stadt angekommen bedankten wir uns nochmals bei dem Deutschen und seiner marokkanischen Freundin. Sie schrieben uns eine Telefonnummer auf, für den Notfall, dann nahmen sie sich ein Hotelzimmer.
Während wir nach einem Restaurant oder einer Kneipe Ausschau hielten, erzählte Artur von letztem Jahr, als er schon einmal hier gewesen war. Er hatte mit einem jüngeren Händler irgendwelche, wohl krummen Geschäfte gemacht. Kurz vor seiner Abreise habe Artur ihn kräftig übers Ohr gehauen. Der könnte nun von Arturs Anwesenheit in der Stadt erfahren und sich an ihm rächen wollen. Schon damals habe der Händler eine ganze Bande von Straßenverkäufern befehligt. Wollte Artur mir nur Angst einjagen oder war er wirklich besorgt?
Obwohl Tetuan eine Großstadt war, trafen wir im Zentrum zufällig den Marokkaner Ali wieder, der sich an der Grenze für uns eingesetzt hatte. Er begleitete ein deutsches Paar, das ein Hündchen an der Leine führte und ebenfalls heute Abend über Ceuta eingereist war. Sie schienen sich zu kennen. Ali hatte die beiden zu sich nach Hause eingeladen, nun lud er auch uns ein. Wir überlegten nur kurz, sagten zu und folgten dem VW-Bus der Deutschen aus der Stadt hinaus. Über Nebenstraßen und dann über dunkle Feldwege ging es bergan in ein Dorf. Die letzten paar hundert Meter mussten wir zu Fuß gehen.
Freitag, 23. November 1979
Im Wohnraum des kleinen Hauses fläzten wir uns in die Sofas, die um einen Couchtisch verteilt waren. Ali hatte Brathähnchen, Pommes Frites und Baguette eingekauft und packte alles auf den Tisch. Nach und nach setzten sich junge Männer hinzu, die in Nebenräumen wohl schon geschlafen hatten. Außer der Deutschen sah ich keine Frau. Ich war hungrig, das Hähnchen schmeckte prima. Dazu tranken wir Cola mit Whiskey. Die Gastgeber konnten nicht verstehen, dass man nur wenig Whiskey in der Cola haben wollte, wenn er doch angeboten wurde. In einem Kassettenrecorder lief Musik von Frank Zappa und Traffic.
Nach dem Essen drehte das deutsche Pärchen Joints. Alle außer mir rauchten. Die beiden Deutschen erzählten, dass sie schon seit einem Jahr in Marokko wohnten und dank Alis Hilfe regelmäßig ihre Visa verlängert bekämen. Wovon sie lebten, blieb unklar.
