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Tod und Trauer machen auch vor Unternehmenstüren nicht halt. Wie verhält man sich, wenn "business as usual" nicht mehr möglich und schon gar nicht angemessen ist? Mit Grundlagenwissen, vielen Beispielen aus der Praxis und konkreten Handlungsanleitungen vermittelt Petra Sutor, die als Trauerbegleiterin und Managerin in einem Konzern arbeitet, alles, was Personalverantwortliche, Führungskräfte und Betriebsräte brauchen. Sei es, wenn Mitarbeiter*innen trauern oder selbst sterben, durch häusliche Pflegesituationen belastet sind oder aus anderen Kulturkreisen kommen und daher andere Trauerrituale und Kondolenzformen gefragt sind. Tod und Trauer müssen am Arbeitsplatz keine Katastrophe sein, wenn Führungskräfte und Mitarbeiter*innen wissen, wie sie damit gut umgehen und Trauerbegleitung als Teil der Unternehmenskultur etablieren können. >> ein hilfreicher und kompakter Leitfaden für Führungskräfte und Personalverantwortliche in Unternehmen und Institutionen >> Die Autorin ist sowohl im Unternehmenskontext als auch als Trauerbegleiterin bestens vernetzt.
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Veröffentlichungsjahr: 2020
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Petra Sutor
Trauer am Arbeitsplatz
Sprachlosigkeit überwinden – Fürsorgepflicht wahrnehmen – Trauerkultur entwickeln
Patmos Verlag
Einleitung
1 Was ist eigentlich Trauer?
Lebenskrisen aller Art führen zu Trauer
Ausdrucksformen der Trauer
Trauerphasen und Traueraufgaben
Wie die Todesursache den Trauerprozess beeinflusst
Folgen unbearbeiteter Trauer
Spiritualität in der Trauer
Trauer braucht Zeit
Nach dem ersten Trauerjahr
Eigene Trauererfahrungen verstehen
2 Wenn die Trauer im Unternehmen ankommt
Fragen über Fragen
Damit aus Hilflosigkeit nicht Sprachlosigkeit wird
Was Trauernde brauchen
Kommunizieren im Trauerfall: Kondolenz, Nachrufe etc.
Den Abschied gestalten
Der Arbeitsplatz und die persönlichen Dinge des Verstorbenen
Sonderurlaub und Wiedereingliederung
3 Trauerbegleitung als Teil der Unternehmenskultur etablieren
Vom Nutzen einer guten Trauerkultur im Unternehmen
Strukturen und Persönlichkeit – beides ist wichtig
Einen Krisenplan oder eine Betriebsvereinbarung erstellen
4 Besondere Trauersituationen
Schwer kranke Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter begleiten
Wenn der Tod am Arbeitsplatz eintritt
Pflegesituationen und vorgezogene Trauer
Tod durch Suizid
Trauer um ein ungeborenes oder neugeborenes Kind
Trauernde Führungskräfte
5 Kulturelle und religiöse Unterschiede
Wir trauern individuell und kontextabhängig
Sterben und Trauern im Christentum
Sterben und Trauern im Islam
Sterben und Trauern im Judentum
Sterben und Trauern im Buddhismus
Sterben und Trauern im Hinduismus
6 Das Wichtigste in Kürze
Literaturempfehlungen
Adressen und Internetlinks
Dank
Über die Autorin
Über das Buch
Impressum
Hinweise des Verlags
Ein Mitarbeiter sackt plötzlich am Schreibtisch zusammen: Herzinfarkt. Jede Hilfe kommt zu spät. Die Kollegin, die vor einiger Zeit mit vielen Glückwünschen in den Mutterschutz verabschiedet wurde, kommt als Trauernde zurück an den Arbeitsplatz: Ihr Kind starb kurz nach der Geburt. Der ansonsten zuverlässige und immer freundliche Projektleiter wirkt zunehmend unkonzentriert und cholerisch: Die Trauer um seine vor einigen Wochen verstorbene Frau nimmt ihn mehr mit, als er es wahrhaben will.
Und dann erlebe ich Reaktionen wie die einer Personalreferentin, die sagte: »Trauerthemen gibt es bei uns im Unternehmen nicht. Das machen die Leute mit sich selbst aus. Das ist ja auch Privatsache.« Der Gründer eines Start-up-Unternehmens mit vielen jungen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zwischen 20 und 30 meinte einmal lachend zu mir: »Frau Sutor, bei uns stirbt doch keiner!« Ein Jahr später verunglückte eine Mitarbeiterin bei einem Autounfall tödlich. Alle waren hilflos und zutiefst geschockt. Arbeiten war unmöglich, zumal die jungen Kolleginnen und Kollegen auch die Freizeit überwiegend miteinander verbracht hatten und deshalb persönlich eng mit der Verstorbenen verbunden waren. Der Gesprächsbedarf war extrem hoch, gerade weil viele dieser jungen Menschen bisher noch kaum oder überhaupt nicht mit dem Tod konfrontiert worden sind.
Sterben, Tod und Trauer nehmen sich in solchen Fällen plötzlich Raum im Unternehmensalltag und der vorher gut organisierte Ablauf hat auf einmal eine »Schwachstelle«, denn Trauernde können oft nicht mehr wie gewohnt weiterarbeiten. Kolleginnen, Kollegen und Vorgesetzte haben häufig Schwierigkeiten, mit der Situation angemessen umzugehen, und eine interne, professionelle Anlaufstelle fehlt meistens. Aber der Arbeitsalltag muss ja irgendwie weitergehen, weil sich Unternehmen langfristige Ausfälle in der Regel weder leisten können noch wollen.
Angesichts der Tatsache, dass in Deutschland durchschnittlich jährlich etwa 900.000 Menschen sterben, davon ca. 140.000 im berufsfähigen Alter, wäre es für Arbeitgeber und Vorgesetzte fatal, das Thema Trauer am Arbeitsplatz zu ignorieren. In dieser Zahl nicht enthalten ist übrigens die große Anzahl an Fehlgeburten. Auf jede Geburt kommt etwa eine Fehlgeburt, das sind somit ungefähr 180.000 bis 200.000 Fehl- und Totgeburten pro Jahr. Alle diese Paare sind auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die einen Verlust erleiden und um ihr Kind trauern.
Dass der Tod auch zu Ihrem Unternehmensalltag gehört ist also höchst wahrscheinlich und gleichzeitig – auf emotionaler und individueller Ebene – eine völlige Ausnahmesituation. Fragen wie zum Beispiel »Wie gehe ich mit dem trauernden Kollegen in meinem Team um?« oder »Darf ich überhaupt fragen, wie es ihr geht?« und »Wie lange dauert die Trauer eigentlich?« stellen sich fast immer.
Stirbt ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin während der Arbeitszeit oder nimmt sich selbst das Leben, sind die Auswirkungen auf das ganze Team besonders einschneidend. Die Kolleginnen und Kollegen sind meist sprachlos und tief betroffen, möglicherweise stehen sogar Schuldfragen im Raum. Vorgesetzte sind in Situationen wie diesen gefordert, schnell zu reagieren und angemessene Kriseninterventionen einzuleiten. Ein normaler Arbeitsalltag ist in der ersten Zeit kaum möglich und viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tragen auch noch nach Feierabend schwer an der Situation.
Wenn wir den Blick auf diejenigen werfen, die einen privaten Todesfall betrauern, sieht es selbstverständlich nicht besser aus: Regelmäßig höre ich von trauernden Menschen, wie sehr sie sich gerade im beruflichen Kontext im Stich gelassen fühlen. Hier zählen Produktivität, Ergebnisse, Zahlen – genau das Gegenteil dessen also, was bei Trauernden im Fokus steht. Denn diese befinden sich sowohl psychisch als auch physisch im Ausnahmezustand. Es gilt, sich darüber bewusst zu sein, dass in dem Moment, in dem belastete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Unternehmen betreten, die Fürsorgepflicht eines jeden Arbeitgebers greifen sollte. Und es ist für die Beschäftigten entlastend zu wissen, dass im Krisenfall die Organisation einer Personalabteilung funktioniert und es jemanden gibt, der weiß, was zu tun ist.
Wenn jemand aus dem Unternehmen oder nahe Angehörige eines Mitarbeiters sterben, beobachten die Kolleginnen und Kollegen sehr genau, was passiert: ob das Thema unterstützend und verständnisvoll aufgegriffen wird oder ob das Unternehmen direkt wieder zur Tagesordnung übergeht. Die Frage »Was würde passieren, wenn ich morgen sterbe?«, schwingt unterbewusst immer mit. Wie menschlich ist mein Unternehmen? Bin ich hier nur eine Nummer oder werde ich wertgeschätzt? Werde ich mit meiner Trauer gesehen?
Häufig wird ein ganz grundlegender Aspekt vergessen: Wenn Sie sich als Führungskraft gut um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmern, die sich in einer schwierigen Lebensphase befinden, verstärkt sich die Bindung zu Ihnen als Arbeitgeber in der Regel um ein Vielfaches und es wächst langfristig die Bereitschaft, umgekehrt genauso für das Unternehmen einzustehen. Wenn Sie sich überhaupt nicht kümmern, kann genau das Gegenteil eintreten und Sie verlieren möglicherweise Ihren Mitarbeiter, weil dieser – zu Recht – ein Mindestmaß an Empathie von Ihnen und dem Team erwartet, dies aber nicht erfahren hat.
Werden Menschen mit dem Tod und der Trauer anderer konfrontiert, triggert dies in irgendeiner Form immer auch die eigenen Trauererfahrungen an. Bei manchen mehr, bei anderen weniger, je nachdem, wie gut die eigene, alte Trauer verarbeitet ist. Sehr häufig erlebe ich, dass Menschen emotional schwer belastet sind, obwohl sie mit dem verstorbenen Kollegen gar nicht im direkten Kontakt standen. Es werden Trauerreaktionen sichtbar, die auf den ersten Blick überhaupt nicht zu erklären sind. Die Erklärung ist: eigene, vielleicht schon vergessene oder verdrängte Trauererfahrungen werden berührt und kommen wieder zum Vorschein. Wenn Sie sich als Führungskraft oder Personalverantwortliche mit dem Thema Trauer beschäftigen, ist es deshalb ausgesprochen hilfreich, zunächst zu verstehen, welche Haltung Sie selbst gegenüber den Themen Sterben und Tod einnehmen, welche Erfahrungen Sie in Ihrem Leben mit Trauer gemacht und wie diese Sie geprägt haben.
Menschen verbringen oft mehr Zeit in der Firma als zu Hause mit dem Partner, der Partnerin, den Kindern oder im Freundeskreis. Manchmal arbeiten Kolleginnen und Kollegen Jahrzehnte im gleichen Büro zusammen. In Beratungsunternehmen zum Beispiel, wo kleine Teams oft die ganze Woche über beim Kunden vor Ort sind, entstehen enge und persönliche Beziehungen. Genauso in der Hotellerie und in sozialen Einrichtungen, wo Kolleginnen und Kollegen auch Feiertage und Nachtschichten zusammen verbringen. Wenn hier eine nahe Angehörige oder ein Kollege stirbt, ist das ganze Team massiv belastet und man tut gut daran, für Gesprächsangebote und organisatorische Unterstützung zu sorgen.
Der Arbeitgeber hat selbstverständlich ein Interesse daran, die Abläufe und Arbeitsergebnisse so schnell wie möglich wieder in gewohnte Bahnen zu lenken. Doch trauernde Menschen sind oft nicht mehr in der Lage, ihre Arbeit wie gewohnt zu erledigen. Hier kommt die Leitungs- und Steuerungsfunktion der Führungskräfte ins Spiel, die dafür Sorge tragen müssen, das gesamte System zu entlasten. Denn Kolleginnen und Kollegen können die Aufgaben des Trauernden nur eine gewisse Zeit und in gewissem Umfang übernehmen, wenn dessen Leistungsfähigkeit für kurze oder längere Zeit massiv eingeschränkt ist, er große Konzentrationsschwierigkeiten hat und eventuell auch für längere Zeit krankgeschrieben wird oder immer wieder ausfällt. Und genau deshalb ist Trauer eben keine Privatsache, sondern beeinflusst maßgeblich alle weiteren Lebens- und Arbeitsbereiche.
Dennoch fragen Sie sich vielleicht: Müsste Trauerarbeit nicht in der Familie und im Freundeskreis stattfinden? Ja und nein: Noch vor wenigen Jahrzehnten waren Familien relativ stabile Systeme: Eltern, Großeltern und Geschwister wohnten an einem Ort oder in einer Region. Starb ein Familienmitglied, rückte die Familie zusammen. Rituale gaben Halt und man unterstützte sich so gut es ging gegenseitig. Heute wohnen Familienmitglieder, nicht zuletzt aus beruflichen Gründen, oft weit voneinander entfernt, Familienstrukturen werden instabiler und verändern sich schneller. Im Trauerfall treten deshalb oft Freundinnen und Freunde an die Stelle der Familie, doch auch diese sind beruflich und familiär stark eingespannt. Dies führt dazu, dass Trauernde sich nach wenigen Wochen, wenn für Außenstehende die akute Phase der Trauer vorbei ist, oft einsam und zu wenig aufgefangen fühlen. Manchmal werden durch diese Einsamkeit Trauerprozesse deutlich erschwert. Und damit schließt sich der Kreis, denn, wie schon gesagt, beeinflusst die Trauer oft massiv die Arbeitsleistung des einzelnen Mitarbeiters.
Wir tun also gut daran, uns zu fragen, wie Trauernde auch von Unternehmensseite im Rahmen der vorhandenen Möglichkeiten unterstützt werden können. Zum einen, um die Menschen mit ihrer Trauer zu sehen und der eigenen Fürsorgepflicht nachzukommen, und zum anderen, um den Trauerprozess nicht unnötig zu erschweren und damit möglicherweise einen noch längeren Arbeitsausfall in Kauf nehmen zu müssen, der am Ende betriebswirtschaftliche Folgen für das Unternehmen hat. Die Kosten der durch Trauer hervorgerufenen Produktivitätsausfälle für Unternehmen schätzt man in den USA beispielsweise auf jährlich 75 Millionen Dollar.1
Angesichts des demografischen Wandels, der immer längere Lebensarbeitszeiten und einen zunehmenden Pflegebedarf von Angehörigen mit sich bringt, wird auch die Frage nach der Fürsorgepflicht für die psychische Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter immer dringlicher. Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels darf zudem die Notwendigkeit, Arbeitskräfte auch langfristig ans Unternehmen zu binden, nicht unterschätzt werden. Und hierzu gehört eben auch eine menschliche und professionelle Begleitung in Krisenzeiten, die die Grundlage dafür schafft, dass Menschen überhaupt arbeitsfähig bleiben.
Ich bin seit über 20 Jahren als Marketing Managerin in einem internationalen Konzern und in der Zusammenarbeit mit verschiedensten Unternehmen tätig. Gleichzeitig arbeite ich als Business- und Familien-Coach sowie als Sterbe- und Trauerbegleiterin. Meine Erfahrungen in beiden Welten zeigen mir, wie wichtig es ist, dass Unterstützungsmöglichkeiten und Strukturen nicht erst im Krisenfall geboren werden. In meinen Einzelbegleitungen und in meiner Trauergruppe erlebe ich immer wieder Menschen, deren Trauerprozess deutlich leichter wäre, wenn Arbeitgeber und Kollegen achtsamer mit dieser für alle Beteiligten herausfordernden Situation umgehen würden. Und gleichzeitig begegne ich in meinen Seminaren und Schulungen hilflosen, unsicheren und überforderten Personalverantwortlichen und Führungskräften, die nicht wissen, wie sie auf die Trauer von Kolleginnen und Kollegen reagieren sollen.
Mit diesem Buch helfe ich Ihnen, mit der Trauer innerhalb Ihres Unternehmens individuell und angemessen umzugehen. Ganz gleich, ob Sie Vorgesetzte, Personaler oder Betriebsratsmitglied sind. Wenn Sie zum Beispiel wissen, wie Trauerprozesse ablaufen, können Sie viele Blockaden abbauen und so die Sprachlosigkeit, die viele Trauernde zusätzlich belastet, überwinden.
Sie finden übersichtlich und schnell Hintergrundwissen und praktische Tipps, die Sie dabei unterstützen, Menschen in Krisensituationen besser abzuholen. In Kapitel 1 erfahren Sie Grundlegendes darüber, was Trauer eigentlich ist und wie ein Trauerprozess (in der Regel) abläuft.
Kapitel 2 geht darauf ein, welche konkreten Schritte zu tun sind, wenn Sie in Ihrem Unternehmen mit Tod und Trauer konfrontiert werden. Sie erfahren beispielsweise, wie Sie angemessen kondolieren, wie Sie eine Abschiedsfeier gestalten können und wie der Wiedereinstieg trauernder Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besser gelingt.
Kapitel 3 erläutert, welchen Nutzen Trauerbegleitung als Teil der Unternehmenskultur hat, und unterstützt Sie dabei, in Ihrem Unternehmen präventiv Strukturen zu schaffen, die im Ernstfall schnell greifen.
Kapitel 4 behandelt die Erfordernisse bei spezifischen Umständen, etwa bei der Trauer nach einer Fehlgeburt, wenn ein Mitarbeiter durch Suizid verstirbt oder wenn Führungskräfte trauern.
Kapitel 5 beleuchtet kulturelle und religiöse Unterschiede der Trauer. Denn in einer zunehmend globalisierten Welt, in der Menschen aus verschiedenen Kulturen und mit unterschiedlichen religiösen Bekenntnissen zusammenarbeiten, müssen diese Hintergründe unbedingt berücksichtigt werden.
Am Ende des Buches finden Sie eine Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte sowie hilfreiche Adressen und Literaturempfehlungen.
Dieses Buch ist so konzipiert, dass Sie schnelle und konkrete Antworten auf Ihre Fragen finden können, auch wenn Sie wenig Zeit haben. Gerne möchte ich Ihnen mit diesem Ratgeber helfen, die Angst und Unsicherheit vor den Themen Tod und Sterben abzulegen. Es hat sein Ziel erreicht, wenn Sie sich nach der Lektüre sicherer und ohne Angst mit dem Thema Tod und Trauer beschäftigen können.
Herzlichst,
Ihre Petra Sutor
Trauer entsteht nach dem Tod eines geliebten Menschen, nach Trennungen von Partner oder Partnerin oder ausgelöst durch tief greifende Lebenseinschnitte, wie z. B. eine schwere körperliche Beeinträchtigung.
Abschiede sind Verlusterfahrungen und begleiten uns durch das ganze Leben. Der Verlust des Stofftieres, der Wegzug des besten Freundes, die Trennung der Eltern, der Umzug aus dem gewohnten Zuhause, der Übergang vom Kindergarten in die Schule. Auch ein Jobwechsel, eine Kündigung und der Auszug der Kinder kann Trauer auslösen. Ebenso finden beim Eintritt in den Ruhestand häufig langwierige Trauer- und Anpassungsprozesse statt. Bei Frauen sind es häufig Fehlgeburten, seltener auch Abtreibungen, die zwar nicht öffentlich sichtbar sind, aber natürlich trotzdem nachhaltige Spuren hinterlassen können. Aber auch ungewollte Kinderlosigkeit kann zu massiven psychischen Belastungen führen, die mit langwieriger Trauer einhergehen. Egal, welche Ursache der Trauer zugrunde liegt: Die Intensität der Trauer kann nicht in feste Schubladen gepresst werden. Trauer ist individuell, auch in ihrer Schwere. So verschieden wir Menschen sind, so unterschiedlich trauern wir, nach innen und nach außen.
Trauerprozesse unterscheiden sich zudem nach der Art des Todesfalles: ob es ein Suizid war, ob ein Kind oder die Eltern sterben, ob es ein vorhersehbarer Tod war oder ob jemand einen überraschenden Sterbefall zu betrauern hat. Auch der Tod des geliebten Tieres kann große Trauer auslösen, denn Tiere sind heute oft feste Familienmitglieder, die den gleichen Stellenwert wie das eigene Kind haben können.
Trauer ist Ausdruck der Liebe und der Verbindung zu einem Menschen. Deshalb ist Trauer auch nichts Schlechtes – sie ist einfach die Reaktion auf den Verlust von etwas oder jemandem, das uns sehr wichtig war oder den wir sehr geliebt haben.
Nicht nur akute Trauer kann zu einer großen Belastung werden – oft sind es auch unbearbeitete, verschüttete Trauerthemen, die uns einholen. Denn nur, wenn wir die Trauer durchleben, wird sie zu einem bewältigten Abschnitt in unserem Leben. Im besten Fall öffnen sich völlig neue Türen und Perspektiven.
Um zu verstehen, was Trauer eigentlich ist und warum es so wichtig ist, sich damit zu befassen, um Menschen gut begleiten zu können, ist es hilfreich, einen genaueren Blick auf die Ausdrucksformen der Trauer, auf Trauerprozesse und Traueraufgaben zu werfen, durch die ein Mensch geht, der einen großen Verlust erlitten hat. Diese Prozesse sind ganz normal und notwendig, um den Verlust in der Zukunft ins Leben integrieren zu können.
Trauer »ist so individuell, wie unsere Fingerabdrücke es sind, sie ist geprägt durch unsere vergangene Geschichte von Verlusten und die Besonderheiten der Beziehung«2. Manche Menschen suchen den Austausch und wollen so wenig wie möglich alleine sein. Oder sie erzählen ihre Geschichte immer und immer wieder. Es scheint, als könnten sie selbst nicht glauben, was ihnen widerfahren ist. Dann gibt es Kollegen, die sich völlig zurückziehen. Die nur noch von zu Hause aus arbeiten oder längerfristig krankgeschrieben werden. Es gibt diejenigen, die ihre Arbeit brauchen, um sich von der Trauer abzulenken. Der Arbeitsalltag kann wertvoll sein, um ein Gefühl von Struktur und Sicherheit zu behalten und die Kontrolle über das eigene Leben nicht völlig zu verlieren.
Manchen sieht man die Trauer an, es scheint, als wäre jegliches Leben aus ihnen gewichen, und dann gibt es Menschen, denen man nichts ansieht oder anmerkt, obwohl sie besonders schwer an ihrem Schicksal tragen.
Es gibt Trauernde, die sich wünschen, dass das Umfeld Anteil nimmt, sich aber nicht trauen, um Hilfe zu bitten, weil sie niemandem zur Last fallen wollen.
Trauer ist etwas ganz Persönliches und äußert sich in vielen individuellen Ausdrucksformen: Trauer erscheint mit Tränen, mit Wut und mit Enttäuschung. Aber genauso mit Schuldgefühlen und völliger Hoffnungslosigkeit. Und unsere eigenen Trauererfahrungen sagen nichts über die Trauer unseres Gegenübers aus. Wir können mitfühlen, aber genau wissen können wir nichts von dessen Gefühlswelt.
Jeder Mensch trauert anders. Und oft sehen wir auch nur die Fassade – wie es in dem trauernden Menschen wirklich aussieht, können wir oft nur erahnen. Niemand im Unternehmen sieht, wie der Trauernde sich verhält, wenn er die Bürotüre schließt. Und genau das macht die Begleitung von Trauernden auch so schwer. Doch ein Richtig oder Falsch gibt es nicht. Falsch ist meiner Erfahrung nach nur, wenn Trauer dauerhaft verdrängt wird, als wäre nichts geschehen.
Trauerbegleitung bedeutet Zuhören und Aushalten. Es bedeutet aber auch, die eigene Hilflosigkeit zu akzeptieren und nicht in wilden Aktionismus zu verfallen. Mitfühlen ist notwendig, aber kein Mitleiden. Wer mitleidet, ist wenig hilfreich, sondern wird eher zur zusätzlichen Belastung. Man kann die Trauer nicht »wegmachen«. Sie muss gehalten, getragen und gesehen werden. Dann kann im besten Fall ein gesunder Trauerprozess stattfinden, bei dem wir als Begleitende ein hilfreicher Baustein sind.
Gerne empfehle ich, auch bei zurückgezogenen Trauernden ab und an mal den Kontakt zu suchen. Denn Trauer verändert sich und vielleicht ist derjenige nach einigen Wochen und Monaten sehr dankbar, wenn jemand sich traut, ihn anzusprechen.
Trauer drückt sich in vielen verschiedenen Gefühlen aus, die alle völlig normal sind. Ich beziehe mich hier auf die wunderbar zusammengefassten Gefühlswelten des amerikanischen Psychotherapeuten William Worden, die deutlich machen, was hinter den einzelnen Gefühlen steckt3:
Traurigkeit ist das am häufigsten beobachtete Gefühl und bedarf keiner Erklärung. Unterdrückte Traurigkeit führt allerdings häufig zu komplizierter Trauer und ist deshalb unbedingt zu vermeiden. Manche Trauernde schämen sich für ihr ständiges Weinen, versuchen dies zumindest am Tag oder in der Öffentlichkeit zu unterdrücken und überspielen ihre Trauer mit möglichst vielen Aktivitäten. Doch wenn Menschen ihre Traurigkeit unterdrücken, nimmt sich diese in ruhigen Stunden oder in der Nacht ihren Raum und dann oftmals umso heftiger. Manchmal beginnen diese Menschen auch unvermittelt zu weinen und das Umfeld weiß dann häufig nicht, wie es auf diesen Gefühlsausbruch reagieren soll.
Wut ist für viele Trauernde ein überraschendes und mit Scham behaftetes Gefühl, mit dem sie überhaupt nicht rechnen. Doch wenn diese Wut nicht zugelassen wird, kann sie im Trauerprozess zu Komplikationen führen. Manchmal sind Menschen wütend, weil der Partner sie mit seinem Tod verlassen hat – auch wenn dies rational überhaupt keinen Sinn ergibt, da dieser in der Regel ja nicht frei entschieden hat zu sterben. Oft richtet sich die Wut auch auf andere Angehörige, auf Ärzte oder Menschen, die dem Verstorbenen nahe waren. Beim Verlust einer wichtigen Bezugsperson fühlen sich Trauernde oft hilflos. Diese Hilflosigkeit und der Glaube, nicht ohne den Verstorbenen weiterleben zu können, führt mit den dazugehörenden Angstgefühlen zu Wut, die dann gut kanalisiert begleitet werden sollte. Wichtig ist, dass diese Wut Raum findet. Wut, die Trauernde gegen sich selbst richten, muss besonders gut beobachtet werden, denn diese kann in schweren Fällen zu Selbstverachtung, Depression und suizidalem Verhalten führen.
Schuldgefühle und Selbstvorwürfe finden sich bei Trauernden sehr häufig. Nicht Gesagtes oder Ungeklärtes bleibt für immer offen und kann dem Verstorbenen in diesem Leben nicht mehr von Angesicht zu Angesicht mitgeteilt werden. Manche Hinterbliebene haben ein schlechtes Gewissen, weil sie sich scheinbar nicht genug gekümmert haben. Bei Suiziden findet sich häufig das Schuldgefühl, die Hoffnungslosigkeit des Betroffenen nicht erkannt und den Suizid deshalb nicht verhindert zu haben. Wenn die Schuld tatsächlich real ist, weil der Hinterbliebene tatsächlich etwas getan hat, was zum Tod führte, ist auf jeden Fall eine psychotherapeutische Intervention vonnöten.
Die Angst zeigt sich häufig in den Gedanken, ohne den Verstorbenen nicht weiterleben oder den Alltag nicht mehr bewältigen zu können. Manchmal kommt dabei auch die Angst vor dem eigenen Tod hoch. Die eigene Sterblichkeit rückt stärker in den Mittelpunkt. Die Angst Trauernder kann von Unsicherheit bis hin zu heftigen Panikattacken reichen, die den Alltag dieser Menschen massiv einschränken. Je intensiver diese Reaktionen und Ängste sich zeigen, desto eher muss von einer komplizierten Trauer ausgegangen werden.
Es gibt zwei Arten von Einsamkeit. Die soziale, die heutzutage oft aus instabilen Familienverhältnissen rührt und besonders dann offensichtlich wird, wenn der Trauernde nicht innerhalb seiner Familie oder im engen Freundeskreis aufgefangen wird. Und zum anderen die emotionale Einsamkeit, die häufig nach dem Tod des Partners sichtbar wird, wenn diese emotionale Bindung durch nichts anderes ersetzt werden kann. Hier ist es besonders wichtig, dass Trauernde dabei unterstützt werden, wieder intensiven Kontakt zum bestehenden oder zu einem neuen sozialen Umfeld aufzubauen, damit sie auf Dauer nicht völlig isoliert sind.
Trauer kann extrem erschöpfend sein. Sie kostet unglaublich viel Kraft und deshalb berichten die meisten Trauernden, dass sie über lange Strecken kaum noch aus dem Bett kommen. Viele haben große Schlafprobleme, was die Erschöpfung und Antriebslosigkeit noch verstärkt. Manchmal ist die Last der neuen Aufgaben und Herausforderungen extrem anstrengend. Wenn Menschen sich schon lange um die Pflege ihres Angehörigen gekümmert haben, tragen sie die Erschöpfung schon jahrelang mit sich. Das Gefühl der schweren Erschöpfung ist in der Regel zeitlich begrenzt, wenn es unverhältnismäßig lange andauert, könnte eine Depression vorliegen.
Oft kommt der Tod ohne Vorankündigung. Dieser Kontrollverlust führt manchmal zu einem Gefühl der Hilflosigkeit. Trauernde wissen dann manchmal überhaupt nicht mehr, wie sie ihren Alltag organisieren sollen. Häufig taucht die Hilflosigkeit gleichzeitig mit der Angst auf, die anfallenden Aufgaben nicht mehr bewältigen zu können.
Schocksituationen erleben wir häufig nach Unfällen, Suiziden und anderen überraschenden Todesfällen. Aber auch, wenn das Telefon klingelt und man ohne Vorwarnung erfährt, dass ein nahestehender Mensch gestorben ist. Schock ist ein Schutzmechanismus unserer Psyche – es kann sinnvoll sein, im ersten Moment nicht die ganze Situation zu erfassen und erst nach und nach zu realisieren, was passiert ist. Die Trauerbegleiterin Chris Paul nennt es einen »Airbag der Seele«4, eine Käseglocke, die Trauernde schützt und nur ausgewählte Reize und Eindrücke durchlässt, um eine innere Ruhe zu ermöglichen und nicht verrückt zu werden.
Die meisten Hinterbliebenen empfinden eine große Sehnsucht nach dem Verstorbenen. Sie vermissen den geliebten Menschen auch noch nach langer Zeit, mal mehr und mal weniger. Diese Sehnsucht ist eine völlig normale Trauerreaktion. Erst wenn diese auch noch nach sehr, sehr langer Zeit unvermindert heftig besteht und sich dabei nicht in ein normales Leben integrieren lässt, kann es sein, dass eine traumatische Trauer vorliegt, die sinnvollerweise professionell begleitet werden sollte.
Manchmal sind Beziehungen so schwierig oder die Pflege eines Menschen so unerträglich für die Angehörigen, dass sich nach dem Tod auch ein Gefühl von Befreiung einstellt. Dieses Gefühl irritiert Trauernde häufig, darf aber genauso wie alle anderen auftretenden Gefühle seinen Platz in der Trauerbewältigung finden.
Eine Trauernde berichtete mir zaghaft und mit sehr schlechtem Gewissen von ihrem Gefühl der Freiheit, nachdem ihre Mutter verstorben war. Sie hatte sie jahrelang alleine betreut. Die Mutter war herrisch und verletzend, trotzdem waren sich beide sehr nah. Zu der Trauer um den Tod der Mutter kam deshalb ein wunderbares Gefühl von Befreiung und wiedergefundener Selbstbestimmtheit über ihr Leben. Auch diese Gefühle dürfen gefühlt werden und haben ihre Berechtigung.
Das Gefühl von Erleichterung geht oft mit dem Gefühl von Befreiung einher – gerade, wenn ein Mensch sehr schwer krank war, extrem leiden musste und durch den Tod von seinem Leiden befreit wurde. Wenn Hinterbliebene erleichtert sind, heißt es aber nicht, dass sie deshalb weniger trauern. Manche Menschen sagen nach einer langen Krankengeschichte: »Ich bin froh, dass er jetzt nicht mehr leiden muss, auch wenn ich ihn schmerzlich vermisse – dort wo er jetzt ist, geht es ihm bestimmt besser.« Dies ist jedoch eine Aussage, die nur und ausschließlich der trauernden Person selbst zukommt – als begleitende Personen haben wir kein Recht, eine solche Einschätzung auszusprechen.
Viele Trauernde beschreiben, dass sie nach dem Tod ihres geliebten Menschen völlig abgestumpft sind und sich wie betäubt gefühlt haben. Sie waren in ihren Gefühlen wie gelähmt und es dauerte ein paar Tage oder Wochen, bis sich Gefühle wie Verzweiflung und Traurigkeit Bahn brechen konnten. Diese Taubheit ist wie der erste Schock eine Schutzreaktion der Psyche. Nach und nach gibt diese dann die Emotionen frei. Wenn der erste Schock überwunden ist, ist es jedoch sinnvoll, dass all diese Gefühle dann auch ihren Raum erhalten, um bewältigt werden zu können.
Auch körperliche Reaktionen spielen im Trauerprozess eine große Rolle und beeinträchtigen die Bewältigung des Alltags mitunter erheblich. Häufig höre ich von Atemnot, von dem schrecklichen Gefühl, dass sich ein schwerer Stein auf die Brust gelegt hat. Oder von der Empfindung, überhaupt nicht mehr in diese Welt zu gehören, überall fehl am Platz zu sein. Und nicht zuletzt von dem Gefühl, dass der Körper geschwächt ist und keine Energie hat. Eine junge Frau ging fast jede Woche zum Arzt, weil sie dachte, dass sie nun einen Herzinfarkt bekommt und ebenfalls sterben müsse. Manchmal kommen trauernde Unternehmensmitarbeiter zu mir und erzählen, dass sie sich extrem müde und nur noch krank fühlen. Wenn ich dann frage, wie viel Zeit sie nach der Beerdigung für sich und ihre Trauer hatten, höre ich meistens, dass sie nur die zwei gesetzlich vorgesehenen Tage für nahe Angehörige freigenommen hatten und dann wieder in den normalen Berufsalltag zurückgekehrt sind.
Im Arbeitskontext werden häufig folgende Symptome zum Problem:
Viele Trauernde leiden an massiven Schlafstörungen. Das Gedankenkarussell dreht sich nachts besonders schnell, Schuldgefühle rauben den Schlaf oder die Erinnerungen kommen in einer so großen Fülle, dass sie nicht bei Tag bewältigt werden können. Wenn der Partner verstorben ist, spielt die Einsamkeit im plötzlich zu großen Bett manchmal eine große Rolle. Wer nachts nicht schläft, kann langfristig am Tag kaum konzentriert arbeiten. Und der Einsatz von Schlafmitteln ist auf Dauer nicht zu empfehlen.
