Trauern heisst lieben - Marietta Rohner - E-Book

Trauern heisst lieben E-Book

Marietta Rohner

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Beschreibung

Sie ist 45, als ihre grosse Liebe stirbt. Wie weiterleben mit dem Verlust? In eindrücklichen, fast poetischen Texten schildert Marietta Rohner Momente ihrer Trauerzeit. Sie erzählt von Schmerz und Wut, von ihrer Verwandlung und schliesslich von Hoffnung. Die 2. Auflage ist erweitert um ein aktuelles Nachwort, zehn Jahre nach dem Tod ihres Partners. Ein Buch voll sprachlicher Leichtigkeit und inhaltlicher Tiefe – Texte für Trauernde, die helfen und trösten.

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Seitenzahl: 66

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Das Buch

Mitten im Leben – und die grosse Liebe stirbt. Wie weiterleben mit dem Schmerz, dem Verlust und auch mit der Wut, als ihr Mann stirbt, ihr Begleiter, ihr Gesprächspartner, ihr Freund?

Trauern heisst lieben, das ist die Erkenntnis der Autorin durch das erste schwere Jahr nach dem Tod ihres Mannes und durch die allmählich leichter werdende Zeit danach.

Marietta Rohner schildert in eindrücklichen, fast poetischen Texten Momente ihrer Trauerzeit. Sie schreibt von dem, was weh tut, und von dem, was hilft. In eindrücklichen, fast poetischen Texten erzählt sie von Schmerz und Wut, von Verwandlung und von Hoffnung. Diese 2. Auflage ist erweitert um ein aktuelles Nachwort, zehn Jahre nach dem Tod ihres Partners. Ein Buch voll sprachlicher Leichtigkeit und inhaltlicher Tiefe – Texte für Trauernde, die helfen und trösten.

Die Autorin

Marietta Rohner studierte Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft und Linguistik und arbeitete längere Zeit als Ausbilderin.

Nach dem Krebstod ihres Mannes rückte sie die Kunst ins Zentrum ihrer Berufstätigkeit. Heute arbeitet sie als freie Kunstvermittlerin, Referentin und Autorin. Zudem engagiert sie sich in der Thematik der Sterbe- und Trauerbegleitung. Marietta Rohner lebt in Zürich.

Inhalt

Einleitung

Der Tod

Schmerz

Was hilft

Schatten und Einbrüche

Wandel

Aufbruch ins Leben

Nachwort

Textnachweise

Einleitung

Mit 45 Jahren verlor ich meinen Mann. Er war die Liebe meines Lebens. Doch er erkrankte an Krebs und erlag der Krankheit nach fünf Jahren. Umso größer war die Lücke, die er hinterliess, umso tiefer mein Schmerz, als er starb.

Dieses Buch zu schreiben half mir, die Zeit nach seinem Tod auszuhalten, ja zu überleben. Es sind kurze Texte aus dem ersten Trauerjahr und darüber hinaus. Schreibend versuchte ich das, was mir geschah, zu begreifen. Die eigenen Texte sowie eine Auswahl zitierter Gedichte widerspiegeln das eigentlich Unsagbare. Sie öffnen den Blick aber auch auf das, was mich durch diese Zeit trug, was mich nährte und mir Kraft gab. Heute weiss ich, dass es keinen Weg um die Trauer herum gibt. Erst dann können wir uns wieder ganz dem Leben zuzuwenden.

Die erste Auflage dieses Buches erschien 2008, drei Jahre nach dem Tod meines Mannes, beim Herder Verlag. Ich erhielt zahlreiche Zuschriften von Leserinnen und Lesern, die darin ihre eigenen Erfahrungen widerspiegelt sahen: In Ihren Zeilen sehe ich meine Not, meine Ängste, meine Wut, meine Trauer, meine Dankbarkeit, meine Verzweiflung. Danke, dass Sie Ihre Trauer mit all ihren Facetten teilen. Ihr Buch ist für mich ein Anker, ein Sonnenschein, ein Wegweiser.

Da das Buch vergriffen war, entschied ich mich für eine Neuauflage. Die Inhalte blieben dieselben, erweitert um ein aktuelles Nachwort aus einem grösseren Zeitabstand. Ich wünsche mir, dass das Buch anderen, die um einen geliebten Menschen trauern, Trost und Anregung sein möge, und vor allem: dass es Mut macht, den ganz persönlichen Weg der Trauer und Wandlung zu gehen.

Marietta Rohner

Der Tod

Leben gleicht einem Boot,das gerade ausläuftund schon sinkt.

UNBEKANNTER VERFASSER

 

Einige Zeit vor Peters Tod besuche ich eine Ausstellung mit Werken von Wolfgang Laib, einem Künstler, der sich mit existenziellen Fragen beschäftigt und mit Blütenstaub, Stein und Bienenwachs Installationen von großer Kraft und Schönheit schafft. Die aktuelle Präsentation umfasst zwei riesige Räume. Ich bin die einzige Besucherin, und es herrscht eine ruhige, meditative Stimmung. Die Sinneseindrücke sind überwältigend.

Als erstes rieche ich Bienenwachs. Hoch über mir erstreckt sich bis zur Fensterfront hin eine mehrere Meter lange, schmale, raumhohe Holzkonstruktion aus Dachlatten. Auf diesem Gestell lagern auf zwei Ebenen hintereinander sechs oder sieben massive Gebilde in Bootsform. Diese hoch über dem Boden lagernden Objekte sind aus Bienenwachs gegossen und müssen Hunderte von Kilos schwer sein; daher der intensive Duft, der den ganzen Raum erfüllt. Die Boote über mir entwickeln einen Sog und initiieren eine Bewegung von hier nach anderswo. Die Bewegung vollzieht sich hoch über meinem Kopf, nicht in derselben Ebene, in der ich mich befinde. Ich stehe unten und bin Zuschauerin bei dieser gleichsam über-irdischen Bootprozession.

Mir schießen die Tränen in die Augen ob der unmittelbar sich entschlüsselnden Botschaft, und der Werktitel stützt meine Lesart: You Will Go Somewhere Else*, Du wirst woanders hingehen. Das Werk sagt etwas Wesentliches über den Tod aus. Der Tod ist nicht das Ende. Unser Wesenskern setzt über nach Anderswo, hier symbolisch dargestellt in Bienenwachsbooten. Ein schönes und befreiendes Bild.

 

Peter ist auf Geschäftsreise in Chicago. Aus Sentimentalität höre ich seine Lieblings-Countrysendung, und eine Welle von Abschiedsschmerz überkommt mich. Wie wäre das auszuhalten, wenn sein Rasierzeug nicht mehr im Bad wäre und all seine Sachen fort, wenn seine wunderschönen Liebeszettelchen nicht mehr wären und er selber eine dauernde Lücke hinterließe? Diese Verbundenheit zwischen uns, eine tiefe Liebe und Vertrautheit: mein Glück.

 

Es geht ihm nicht gut. Seit fast fünf Jahren lebt er nun mit Lungenkrebs. Obschon im Alltag auch Leichtigkeit und Freude da sind, nimmt meine Angst zu. Ich muss ihr etwas entgegensetzen, muss mehr wissen über Sterben und Tod, muss mich diesem Tabu stellen. Als ich in der Zeitung eine Ausschreibung zu einem Kurs in Sterbebegleitung sehe, melde ich mich an, und gleich zu Beginn werden wir mit der Vorstellung von unserem eigenen Tod konfrontiert – dies aufgrund der Erkenntnis, dass wir jemanden nur dann gut begleiten können, wenn wir uns der eigenen Sterblichkeit bewusst sind. Der Kursleiter bereitet uns auf eine Sterbemeditation vor. Wir legen uns auf den Boden und werden durch seine Anweisungen in eine Trance geführt. In der halben Stunde, die das Ganze dauert, erlebe ich Erstaunliches.

Ich liege auf dem Sterbebett. Beim Zurückblicken auf mein Leben steigt ein Bild aus der Kindheit in mir auf. In meinem Heimatdorf findet eine Versteigerung statt. Der Besitz von zwei alten Jungfern, die gemeinsam ein Restaurant geführt hatten, steht zum Verkauf. Auf den Tischen im Freien stapeln sich Berge von Hausrat. Bettwäsche fällt mir ins Auge, Leintücher von bester Qualität, handbestickt mit Monogrammen, dutzendweise. Reichtümer für die damalige Zeit. Die Aussteuer der Frauen, nie benutzt, sondern aufgehoben für ‚später‘. Nun ist es zu spät.

Das Bild trifft mich im Innersten. Statt zu warten und allzu sehr abzuwägen ins volle Leben greifen, mit beiden Händen geben und nehmen: Das ist die Botschaft an mich, und sie passt gut. Ich habe so viele Talente, und ich nutzte sie bisher nur verhalten. Die gezogene Handbremse, die Angst vor Fehlern, die Reserven im Depot, das Licht unter dem Scheffel – Schluss damit! Diese intensive Erfahrung fordert mich geradezu auf, das Leben in seiner ganzen Fülle zu leben, bevor es zu spät ist. Denn die Reue wäre groß.

Ein kurzer Spitalaufenthalt, einmal mehr. Ein Routineeingriff, um wieder besser atmen zu können, sagte Peter. Den meisten sagte er gar nichts davon. Ich hatte das Bedürfnis, bei ihm zu bleiben, und er war froh um mein Dasein, während er zu den ambulanten Behandlungen meist allein gegangen war, da er sich gut betreut fühlte. Der Eingriff schien erfolgreich, doch nach vier Tagen verschlechterte sich sein Zustand rapide. Am fünften Tag Atemnot, Sauerstoff, Schmerzen, Morphine, ein Auf und Ab von Anspannung und Entspannung. Ich rief vom Spital aus die nächsten Verwandten an, um ihnen seinen Zustand mitzuteilen. Der Tod kam schnell. Ein ‚guter‘ Tod: Kann man das von außen überhaupt sagen? Doch dass ich da war, empfand ich als Geschenk. Ebenso, dass ich das eintretende Pflegepersonal in großer Ruhe wieder hinausschicken konnte, um noch in Stille mit ihm sein zu können. Danach ließ ich mich nach Hause fahren. Sein weniges Gepäck nahm ich mit.

 

Dass ich in deiner Todesstunde bei dir sein durfte, versöhnt mich mit Momenten, wo du mir gegenüber verschlossen bliebst. Du hast deine Krankheit so stoisch ertragen und deinen Schmerz nur schwer mitteilen können. Dich begleiten zu dürfen in deinen letzten Stunden, dir nahe zu sein auf dem Weg, vor dem du dich am meisten gefürchtet hast, dafür empfinde ich große Dankbarkeit. Es erleichtert mir das endgültige Abschiednehmen von dir. Der Tod ist für mich ein Bekannter geworden.