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Alles Wichtige zur Trauerbegleitung
Der Verlust eines geliebten Menschen stürzt Trauernde in eine tiefe Krise. Sie in dieser Zeit einfühlsam zu unterstützen, ist eine große Herausforderung für Angehörige und Freunde. Doch in der Trauerbegleitung gibt es Methoden, die Hilfe und Anleitung bieten, um Trauernde gut zu begleiten und ihnen während ihres Trauerprozesses Kraft zu geben. Susanne Haller und Martina Reinalter, erfahrene Trauerbegleiterinnen und Ausbilderinnen am Hospiz Stuttgart, vermitteln:
Damit Sie in der Trauer gut begleiten.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 230
Veröffentlichungsjahr: 2023
Susanne Haller, Martina Reinalter
1. Auflage 2024
10 Abbildungen
wir alle erleben Verlust und Trauer in unserem Leben und gleichzeitig lernen wir nichts darüber und ebenso nicht, damit umzugehen. Viele Trauernde – egal welchen Alters – fühlen sich alleingelassen in ihrer Trauer. Wir wissen nicht, was das Verlusterleben mit uns macht, wie sich Trauer zeigt. Dabei ist unser Leben eine Aneinanderreihung von Abschieden und zahlreichen Trauererfahrungen. Und obwohl wir so viel Trauer erfahren, haben wir wenig Worte dafür. Es geht darum zu wissen, wie Trauer grundlegend funktioniert, auch wenn sie immer individuell ist, wie man über Trauer sprechen kann und wie man Trauernde unterstützen kann.
Es ist wichtig und hilfreich, über seine Trauer und den Verlust zu sprechen sowie seine Gefühle besser verstehen zu lernen und ausdrücken zu können. Dabei gibt es keinen richtigen Weg zu trauern. Jede Trauer ist einzigartig und ein komplexes Geschehen. Trauer folgt keinen Mustern. Die Trauer um einen geliebten Menschen bleibt ein Leben lang, und nur durch das Trauern verändert sich die Trauer. Wir lernen, mit ihr zu leben, und wir integrieren sie in unsere Lebensgeschichte. Sie macht uns zu dem Menschen, der wir heute sind. Trauer ist ein Teil von uns.
Wenn wir unsere Trauer teilen dürfen, spüren wir eine Verbindung zu anderen Menschen, auch wenn diese bereits abgerissen schien. Die Verbindung ergibt sich aus dem unverstellten, puren Menschsein. Deshalb ist Trauerbegleitung so wertvoll und wirkungsvoll – sie verbindet die Menschen untereinander.
Wir möchten mit diesem Buch eine Verbindung schaffen zwischen Menschen in Trauer; Worte und Ausdruck finden für die Trauer sowie Mut machen zur Trauerbegleitung und Hilfestellung dabei geben, ob in Einzelgesprächen oder Gruppen. So einzigartig die Trauer einer jeden Person ist, so einzigartig darf oder vielmehr muss die Trauerbegleitung sein. Und doch gibt es eine Basis, ein Fundament der Trauerbegleitung, und damit auch eine Basis für jede Trauerbegleiterin und für jeden Trauerbegleiter.
Wir freuen uns, wenn dieses Buch dabei hilft, ein tragfähiges Fundament aufzubauen und zur Weiterentwicklung anzuregen.
Ihre Susanne Haller und Martina Reinalter
Wenn wir den Fernseher einschalten, werden wir in manchen Zusammenhängen über die fünf Stadien des Verlustes bzw. der Trauer auf eine unterhaltsame Weise aufgeklärt, wie z. B. bei „Damaged Goods“, einer Serie von 2022. Dieses Allgemeinwissen haben wir der Ärztin Elisabeth Kübler-Ross zu verdanken. Wie keine andere zuvor hat sie es geschafft, eine so breite und über Jahrzehnte hinweg geschaffene Öffentlichkeit zur Aufklärung über die Themen Sterben, Tod und Trauer zu erreichen. Obwohl wir heute eine explizitere Sicht auf Bewältigungsmechanismen und Coping-Strategien haben, bleibt das Wissen um die fünf Sterbe- und Trauerphasen – Leugnen, Zorn, Verhandeln, Depression, Zustimmung –, das wir Elisabeth Kübler-Ross verdanken, Allgemeingut.
Elisabeth Kübler-Ross (1926–2004) hat als Ärztin gewagt, das Tabu zu brechen, mit Sterbenden zu sprechen. Üblicherweise wurde dank der damaligen medizinischen Errungenschaften mehr auf die Technik als auf die menschlichen Bedürfnisse geachtet. Sie hatte, zum Schrecken Vieler, schwer kranke und sterbende Menschen über ihre Gefühle, Gedanken und ihr Erleben befragt, teilweise vor Publikum in Hörsälen. Diese Interviews und ihre Schlussfolgerungen daraus veröffentlichte sie 1969 in ihrem Buch „On Death and Dying“ (auf Deutsch erschienen unter dem Titel „Interviews mit Sterbenden“)(1).
Seitdem wurde sie entweder sehr verehrt oder völlig abgelehnt. Für viele gilt sie heute dennoch weiterhin, neben Dame Cicely Saunders (1918–2005), als die Pionierin der modernen Hospizbewegung.
Und so entsteht die Verbindung zur Elisabeth-Kübler-Ross-Akademie in Stuttgart. Tatsächlich verbrachte Elisabeth Kübler-Ross emehrmals Zeit in Stuttgart und leitete Workshops zur Verarbeitung von Verlusterfahrungen in Krankheit und Trauer mit hunderten von Teilnehmenden an. Mit ihrer beeindruckenden Persönlichkeit hat sie unzählige Menschen inspiriert. Alle Stuttgarter Pionierinnen und Pioniere der Hospizbewegung – egal ob wir Dr. Daniela Tausch, erste Gesamtleiterin des Hospiz Stuttgart, Helmuth Beuthel und Martin Klumpp, Mitinitiatoren Hospiz Stuttgart, oder Prof. Dr. Dr. h.c. Christoph Student, zweiter Gesamtleiter des Hospiz Stuttgart, fragen – alle berichten, welche beeindruckende Persönlichkeit Elisabeth Kübler-Ross war.
Prof. Student sagt im Interview: „Bewundert habe ich an ihr ihren Mut, ihre Kreativität, ihre Intuition, ihre Hartnäckigkeit und ihr unglaubliches Charisma …“ Weiter sagt er: „… und die Integrität von Elisabeth Kübler-Ross, das war eines der Dinge, die ihr enorme Glaubhaftigkeit verlieh und mit der sie auch all die unendlich vielen Anfeindungen, die sie erlebt hat, überstanden hat.“ (2) Prof. Student war als Psychiater, Palliativmediziner und Psychotherapeut von 1997 bis 2006 Gesamtleiter des Hospiz Stuttgart. Seine Lehr- und Lernerfahrungen mit Kübler-Ross hat er in viele seiner Überlegungen und in seine Übungen in der Hospiz- und Bildungsarbeit aufgenommen. Diese Erkenntnisse und Übungen fließen bis heute in die Akademiearbeit mit ein.
Ein weiterer Weggefährte von Kübler-Ross war der damalige Prälat i. R. Martin Klumpp. Er war als Erster und ist bis heute in der Begleitung von trauernden Menschen in Stuttgart aktiv. Als Pionier in der Leitung von Trauergruppen hatte er Elisabeth Kübler-Ross häufig zu Gast am Abendbrottisch.
So ist es einer Riege von unterschiedlichen Menschen in Stuttgart zu verdanken, dass nach der Einrichtung eines ambulanten Hospizdienstes (1987) das stationäre Hospiz Stuttgart (1994) mit einem Bildungsauftrag (Bildungsreferat) für die Aufklärung der Öffentlichkeit, zur Schulung von „freiwilligen Begleitenden“ (Ehrenamtlichen) und zur Fortbildung von medizinisch-pflegerischem Personal entstand und bis heute mit den Bereichen eines ambulanten Kinderhospizdienstes (2004) und eines stationären Kinderhospizes (2017) weiter gewachsen ist.
Das frühere Bildungsreferat wurde nach dem Tod von Elisabeth Kübler-Ross 2005 wegen der damaligen freundschaftlichen Verbindungen zu ihr persönlich – mit Erlaubnis der Hinterbliebenen – in Elisabeth-Kübler-Ross-Akademie® umbenannt. Der Bildungsauftrag der Akademie besteht bis heute darin, Haltung und Wissen zu den Themen Sterben, Tod und Trauer zu verbreiten. Da die Sterbebegleitung (Palliative Care) auch immer den Auftrag zur Trauerbegleitung einschließt, ist der Trauerbereich des Hospiz Stuttgart in der Institution als verbindendes Element zu sehen, der wie die Akademie alle Bereiche verbindet.
Wir zwei Autorinnen kommen aus diesen beiden Bereichen und möchten mit diesem Buch auf die Phänomene der Trauer und der Trauerbegleitung und auf die Inhalte und Aspekte der Haltung, Werte und Kommunikation der Qualifizierung zur bzw. zum Trauerbegleitenden der Hospiz- und Palliativbewegung blicken.
Wissen ist zwar nützlich, aber Wissen allein hilft niemandem. Wenn Sie nicht alles einsetzen – Ihren Kopf und Ihr Herz und Ihre Seele –, werden Sie keinem einzigen Menschen je wirklich helfen können.(3)
Elisabeth Kübler-Ross
Seit vielen Jahren qualifiziert Susanne Haller Trauerbegleitende nach den Standards des Bundesverbandes Trauerbegleitung e. V. (BVT). Martina Reinalter ist eine erfahrene Trauerbegleiterin und beiden zusammen ist ein wunderbares Buch gelungen! Die Wertschätzung für trauernde Menschen und eine Hochachtung für die, die Trauernde begleiten, fließen ineinander, Betroffene können sich wiederfinden. So ist das Buch wie ein Kompass, der durch die eigene Trauer begleiten kann. Trauerbegleitende, Personen, die sich in der Qualifizierung befinden und alle, die trauernde Menschen in ihren beruflichen und ehrenamtlichen Kontexten begleiten, profitieren von der Auffächerung dessen, was heilsam ist und zur kompetenten Trauerbegleitung dazugehört. Damit verbindet das Buch viel Wissen und wird getragen von durchdachter und gelebter Praxiserfahrung. Den beiden Autorinnen gelingt es, dies so zugänglich zu machen, dass die Komplexität des Phänomens Trauer verstehbar wird und Trauerbegleitung fundierte Anleitung erhalten kann.
Ich wünsche Susanne und Martina eine breite Leserinnen- und Leserschaft und Resonanzen, die sie bestärken, weiter in Beziehung zu bleiben mit Menschen, die sich im Leben neu finden müssen.
In herzlicher Verbundenheit
Dr.in Carmen Birkholz, 1. Vorsitzende des Bundesverbandes Trauerbegleitung e. V. (BVT)
Klingenmünster, im Oktober 2023
Titelei
Liebe Leserin, lieber Leser,
Über die Elisabeth-Kübler-Ross-Akademie
Geleitwort des BVT
)
Im Zentrum steht die Beziehung
Die Rolle Trauerbegleitender
Auch Trauerbegleitende werden gestärkt
Trauerbegleitende müssen ihre Grenzen kennen
Die passende Trauerbegleitung finden
Haltung
Wertschätzung und bedingungsfreies Akzeptieren
Empathie
Kongruenz und Authentizität
Im Fazit
Beziehung und Beziehungsgestaltung
Die Kunst der Gesprächsführung
Stille
Zuhören
Auf Gefühlsäußerungen reagieren
Gesprächsinhalte wiedergeben
Im „Hier und Jetzt“, weil es bearbeitet werden kann
Übertragung und Gegenübertragung
Trauer als Anpassungsprozess
Warum Trauernde Unterstützung suchen
Trauer als Stress
Körperliche Stressreaktion
Psychologische Stressreaktion
Stressbewältigung – Coping
Resilienz
Salutogenese
Der Hoffnungsaspekt
Bindungstheorie
Verlustbewältigung, Stärke der Bindungserfahrung
Neurobiologische Faktoren
Trauern als Form des Lernens
Posttraumatisches Wachstum
Beziehungen bzw. Bindungen zu anderen Menschen
Persönlichkeit/persönliche Stärke
Wertschätzung für das Leben
Trauer erleben – oder: Wie wird getrauert?
Trauer ist eine Lebenskrise
Das ist normale Trauer
Somatische Aspekte
Emotionale-affektive Symptome
Kognitive Symptome
Soziales Verhalten und Handlungen
Wie viel Zeit benötigt das Trauern?
Die Trauerwelle
Trauermodelle
Phasenmodell – Aufgabenmodell
Modell nach Kast (1982)
Modell nach Worden (1982)
Das Duale Prozessmodell nach Stroebe und Schut (1999)
Modell nach Kübler-Ross und Kessler (2004/2006)
Modell nach Smeding (2010)
Hypnosystemische Trauerbegleitung nach Kachler (2014)
Das Kaleidoskop des Trauerns nach Paul (2019)
Trauer hat viele Gesichter
Trauerbegleitung
Interventionsregeln nach Lammer
Trauerbegleitung adaptiert nach Worden
Aufgabe 1: den Verlust als Realität akzeptieren
Aufgabe 2: den Schmerz verarbeiten
Aufgabe 3: sich an die Welt ohne die Verstorbenen anpassen
Aufgabe 4: eine dauerhafte Verbindung zu den Verstorbenen finden
Formen der Trauer
Gender – ist Trauer weiblich?
Was ist mit den Männern? Trauern sie nicht?
Unsere Erfahrungen
Geschlechtsidentitäten bedingungslos akzeptieren
Kulturen und Religionen
Religiöse Unterschiede
Was bedeutet das für Trauerbegleitende?
Die stille Epidemie der Trauer
Antizipatorische Trauer – vorweggenommene Trauer
Demenz und Trauer
Erschwerte Trauer
Verlängerte oder andauernde Trauerstörung
Die Studienlage ist dünn
Als Definition aufgenommen
Anpassungsstörung
Kennzeichen einer verlängerten Trauerstörung
Trauerbegleitung bei diesen Trauerstörungen
Mögliche Begleitungsansätze
Trauer und Depression
Trauerbegleitung bei Depression
Traumatische Trauer/Posttraumatische Belastungsstörung
Trauerbegleitung bei Trauma-Erfahrung
EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing)
Störende psychiatrische Probleme
Trauergruppen
Was bringen Trauergruppen?
Die Gruppe
Gruppendynamik
Bedürfnisse
Gefühle
Verhalten
Rollen
Haltungen und Einstellungen
Werte, Normen und frühe Prägungen
Beziehungsebene
Ziele
Gruppenprozess
Phasen der Gruppenentwicklung
Geschlossene und offene Trauerangebote
Geschlossene Gruppen
Offene Trauerangebote – Trauer-Cafés
Weitere Trauerangebote
Der zeitliche Rahmen
Unsere Rolle als Gruppenleitung
Ablauf einer geschlossenen Trauergruppe
Vorbereitung
Das erste Treffen
Mögliche Themen für Folgetreffen
Das letzte Treffen
Methoden der Trauerbegleitung
Rituale
Bedeutung von Ritualen
Wichtige Rituale in der Trauerbegleitung
Beispiele für Rituale des Abschiednehmens
Beispiele für Rituale nach der Bestattung
Das Erinnern
Die tägliche Trauerzeit
Gedenktage: Todestag, Geburtstag
Selbstfürsorge
Symbole und innere Bilder
Transaktionsanalytische Methoden
Theorie der menschlichen Persönlichkeit
Unterstützung der Ich-Zustände im Verhalten
Der Ich-Zustand beeinflusst die Kommunikation
Entwicklungstheorie (Lebensskripte)
Gestalttherapeutische Methoden
Methodisches Vorgehen
Psychodrama-Methoden
Eine spielerische Methode
Systemische Methoden
Sechs wichtige Aspekte der Gesprächsführung
Fragetechniken in der systemischen Herangehensweise
Weitere mögliche systemische Fragen
Reframing oder „Stroh zu Gold spinnen“
Hypnotherapeutische Methoden
Was ist Hypnose?
Anwendungsmöglichkeiten in der Trauerbegleitung
Der hypnosystemische Ansatz
Stabilisierung
Wo ist der verstorbene Mensch?
Symbole und Metaphern
Symbole
Metaphern
Quellenangaben
Autorenvorstellung
Sachverzeichnis
Impressum
Trauernde Menschen zu begleiten ist eine anspruchsvolle Aufgabe, denn der Verlust eines geliebten Menschen ist eine der schmerzlichsten Erfahrungen, die Menschen machen können – schmerzlich für die Betroffenen, aber auch für die Begleitenden. Sie werden Zeugen ihres Leids und können doch so wenig helfen. Sie können weder den Schmerz der Trauernden noch den Trauerprozess auflösen, was auch nicht hilfreich wäre.
Trauerbegleitung berührt die Begleitenden in dreifacher Hinsicht: Erstens werden sie sich durch die Arbeit mit Trauernden immer wieder eigener schmerzlicher Verluste bewusst und an sie erinnert, das kann wehtun und aufwühlen. Zweitens wird die Furcht der Begleitenden vor eigenen Verlusten in der Trauerbegleitung immer wieder aktiviert und verstärkt. Und drittens hängt die Herausforderung mit der existentiellen Angst und dem Bewusstsein der Unabwendbarkeit des eigenen Todes zusammen.
Andererseits ermöglicht die Begleitung von Trauernden eine echte zwischenmenschliche Begegnung und ist dadurch sinnstiftend für Begleitende. In der zutiefst menschlichen Begegnung liegen Sinn und Herausforderung zugleich. In dieser Qualität der Begegnung begründet sich die Wirksamkeit der Trauerbegleitung für die Trauernden wie für die Trauerbegleitenden.
Den Trauerbegleitenden gibt diese Begegnung Kraft und Mut für das eigene Tun. Sie begleiten die Hinterbliebenen hinaus in ein anderes Leben. Dies zu beobachten, den Prozess mitzuerleben und teilhaben zu dürfen, weckt das Bewusstsein und stärkt das Vertrauen in das eigene Leben.
Deshalb wird in der Qualifikation zur Trauerbegleitung ein besonderes Augenmerk auf die Reflexion der Abschiede im eigenen Leben gelegt. Dies soll auch dazu beitragen, dass die Trauerbegleitenden nicht von ihren eigenen Gefühlen und Erfahrungen während des Trauergesprächs überrollt werden. Die Beschäftigung mit den Abschieden und Neubeginnen im eigenen Leben macht den Teilnehmenden ihre eigene Resilienz bewusst und die eigene Erfahrung mit Verlusten, die eigene Trauerarbeit und Trauergeschichte werden präsent und erneut reflektiert, bearbeitet und verschaffen, wenn möglich, neue Einsichten.
Menschen in schweren Zeiten beizustehen, stärkt die Sicherheit der Trauerbegleitenden im Umgang mit ihren eigenen Verarbeitungsstrategien. Durch Selbsterfahrung und Supervision erkennen sie Grenzen ihrer eigenen Belastbarkeit und lernen, ihre Bedürfnisse zu erkennen und zu äußern. Sich der eigenen Motivation und Bedürftigkeit als Trauerbegleitende bewusst zu sein, ist von großer Relevanz. Einblicke in Schicksale der Menschen erfüllt die Trauerbegleitenden mit Demut und Achtung. Sie erlangen durch ihre Arbeit ein hohes Maß an Zufriedenheit. Es ist fast wie ein Reifeprozess, den die Trauerbegleitenden durch ihr Tun durchlaufen. Dieser Prozess ist fest gekoppelt an die Bereitschaft der Trauerbegleitenden, sich immer wieder den ganz existentiellen Themen zu stellen. Eigene Trauer-Wunden können wieder aufplatzen. Wichtig ist, sich der eigenen Verletzlichkeit bewusst zu sein. Den eigenen Gefühlen können sich Trauerbegleitende im Anschluss stellen.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Trauerbegleitung von den Begleitenden erfordert, ihre persönlichen Grenzen zu kennen. Eigene Verlusterfahrungen sollten durchgearbeitet und bis zu einem gewissen Grad bewältigt sein. Trauerbegleitende sollten sich über ihre Wertvorstellungen bewusst sein – darüber, was sie als richtig und falsch bewerten, weil sie der menschlichen Lebensdiversität begegnen. Und ebenso ist das Bewusstsein notwendig, dass die Trauerbegleitenden nur die eigene oder einen Teil an Trauerreaktionen kennen, anderes ihnen aber fremd ist. Trauerbegleitende bleiben Lernende.
Trauerbegleitung kann die Begleitenden immer wieder deutlich an ihre Grenzen führen oder Prozesse auslösen. Deshalb sollten sie wissen, wo sie selbst Hilfe finden können. Dies ist auch für professionelle Helfer manchmal sehr schwierig.(4)
Die Rolle Trauerbegleitender ist damit grundlegend gekennzeichnet durch einen persönlichen Entwicklungs- oder Reifungsprozess, auf den sie sich einlassen müssen und der fortwährend ist.
Neugierde und das große Vertrauen in den Menschen, seinen eigenen Weg zu finden, ist der positive Antrieb dafür, Menschen in schwierigen Lebensabschnitten zu begleiten. Wie kann ich trauernde Menschen in ihrer Trauer begleiten und wie finde ich die für sie jeweils passende Trauerbegleitung?(5)
Für diese individuelle Passung ist Vertrauen vonnöten. Jeder Mensch trauert individuell und für jeden findet sich eine geeignete Person, zum genau richtigen Zeitpunkt, mit den entsprechenden Methoden, Fähigkeiten und Kompetenzen.(6)
Dabei darf es auch Umwege geben. Es gehört dazu, Trauernde dazu zu ermutigen, sich auszuprobieren und sich auf Neues einzulassen. Gleichzeitig sollen sie darin bestärkt werden, den eingeschlagenen Weg verlassen zu dürfen und einen anderen zu wählen.
Und wie kann sich eine tragende Beziehung einstellen, sodass dieser trauernde Mensch sie für sich und seine eigene Trauergeschichte nutzen kann?(7)Diese Frage kann die Grundhaltung beschreiben. Carl Rogers (1902–1987), Psychologe und Psychotherapeut und Begründer der personenzentrierten Gesprächspsychotherapie, untersuchte, welche Techniken in therapeutischen Gesprächen wirken. Dafür nahm er seine Therapiegespräche auf Tonband auf, hörte sie ab und stellte die folgenden Thesen auf. Drei Haltungen und entsprechende Aktivitäten haben sich als hilfreich herausgestellt und sind bis heute anerkannt:
Trauerbegleitende bringen dem trauernden Menschen tiefe und echte Zuwendung entgegen und äußern sie auch. Die Zuwendung ist frei von Beurteilung und Bewertung der Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen der Trauernden. Eine unvoreingenommen, geradezu kindliche Neugier ist dabei hilfreich. Alle Trauernden sind sozusagen ein Unikat und damit immer wieder Neuland für Trauerbegleitende. Es ist, wie es ist!
Fallstricke:
eigene Wert- und Moralvorstellungen, die wertfreie Zuwendung schwierig machen
getriggert werden (evtl. unbewusste Auslösereize werden aktiviert), was erschwert, in der Rolle zu bleiben
Hier geht es um präzises, einfühlendes Verstehen. Trauerbegleitende fühlen sich unmittelbar im Hier und Jetzt in die innere Welt der Trauernden ein. Sie reagieren sensibel, übernehmen aber nicht die Gefühle der Trauernden, sondern in einem „Als-ob-Charakter“.
Fallstricke:
Dieses Sich-Einfühlen kann Trauerbegleitende mit eigenen Aspekten konfrontieren. Dann hilft es, kurz innezuhalten, gewahr zu werden und „das Eigene“ sozusagen parken.
getriggert werden und doch in das Mitleiden fallen
Dies bedeutet, echt zu sein, ohne Fassade zu sein, und ein inneres Übereinstimmen. Trauerbegleitende bleiben sie selbst, sind stimmig in sich und ihrer Welt. Was sie erleben und empfinden, ist ihnen bewusst. Sie können dies dem Trauernden in angemessener Weise mitteilen. Auch Trauerbegleitende müssen nicht alles verstehen oder gut finden, sie dürfen irritiert sein und dies auch ausdrücken – durch Ich-Botschaften, Nachfragen und ohne Wertung.
Fallstricke:
die eigene Bedürftigkeit nach Anerkennung und Wertschätzung, als gute oder beliebte Trauerbegleitende zu gelten
tiefsitzende Glaubenssätze "Das gehört sich nicht", "Das darf nicht sein"
Laut Rogers machen folgende Haltungen eine tragende Beziehung aus:
Authentizität und Transparenz, ich zeige mich in meinen wirklichen Gefühlen;
warmes Akzeptieren und Schätzen des anderen als eigenständiges Individuum;
Einfühlung, die Fähigkeit, den anderen und seine Welt mit seinen Augen zu sehen.(8)
Das Gegenüber wird in dieser Beziehungsgestaltung:
Aspekte seines Selbst, die es bislang unterdrückt hat, erfahren und verstehen;
finden, dass es stärker integriert ist, und eher in der Lage sein, effektiv zu agieren;
dem Menschen, der es sein möchte, ähnlicher werden;
mehr Selbständigkeit und Selbstbewusstsein zeigen;
mehr Persönlichkeit werden, einzigartiger und fähiger zum Selbstausdruck
verständiger, annahmebereiter gegenüber anderen sein;
angemessener und leichter mit den Problemen des Lebens fertigwerden können.(9)
Prof. Dr. Reinhard Tausch (1921–2013), Schüler von Carl Rogers, brachte die personenzentrierte Gesprächstherapie in den 1980er-Jahren nach Deutschland und lehrte lange Zeit in Hamburg. Zur Einweihung der Elisabeth-Kübler-Ross-Akademie® 2005 hielt Prof. Tausch einen Festvortrag zum Thema „Förderliches Verhalten bei seelisch-körperlichen Stressbelastungen“, da auch die hospizlich-palliative Haltung auf der Haltung der Gesprächspsychotherapie basiert. Für ihn war von Bedeutung, dass die Grundhaltung der einfühlsamen Gespräche auch im täglichen mitmenschlichen Zusammenleben hilfreich und förderlich ist.
Genau diesen Ansatz finden wir in der Trauerbegleitung: Menschen begleiten Menschen in Trauer. Durch diese hilfreiche Haltung können die Trauerbegleitenden eine erhebliche Linderung der erlebten Trauergefühle ermöglichen, sie ermöglichen es den Trauernden, sich selbst mehr kennenzulernen, mehr zu akzeptieren und besser in der Trauer zu verstehen. Dies kann eine sehr heilsame seelische Erfahrung sein. Oft reichen schon wenige Gespräche aus. Manchmal sogar nur ein einziges, fast zufälliges Gespräch. Mit dieser Grundhaltung aus der personenzentrierten Gesprächspsychotherapie können sich Trauernde mit dem Beziehungsangebot der Trauerbegleitenden auf ihre jeweilige einzigartige Trauer-Reise machen.(10)
Der Mensch ist ein Beziehungswesen und wir treten ständig in Beziehung zu anderen. Wenn wir eine hilfreiche Beziehung in der Trauerbegleitung herstellen können, ermöglichen wir eine unmittelbare Begegnung mit den Trauernden. Wir reagieren auf die innere Welt der Trauernden mit ihren Gefühlen, Fantasien, Gedanken und ihrem Körper. Wir stellen uns auf diese vielfältigen Kanäle ein und bieten mit unserem Wissen, unseren Erfahrungen, unseren Empfindungen und unseren Ideen eine mehrdimensionale Begleitung im „ ▶ Hier und Jetzt“ an.
Über einer vertrauensvollen Beziehung steht als Überschrift: „Kann ich irgendwie so sein, dass der andere mich wirklich als vertrauenswürdig, verlässlich und beständig wahrnimmt?“. (11) Rogers stellt weitere Überlegungen zur Beziehungsgestaltung an. Er stellt am Ende seiner Ausführungen die Hypothese auf, dass „der Grad, in dem der Begleitende Beziehungen eingehen kann, die die Entfaltung anderer (der Trauernden) als eigenständiger Menschen fördern, […] dem Maß der Entfaltung, die er/sie selbst erreicht hat [entspricht]“.(12) Dies bedeutet, „dass ich, wenn ich daran interessiert bin, hilfreiche Beziehung zu schaffen, eine faszinierende, lebenslange Arbeit vor mir habe, in der ich meine Anlagen auf Entfaltung hin ausrichte und entwickle“.(13) Wie schon weiter oben gesagt, erfordert die Trauerbegleitung, dass wir als Trauerbegleitende in unserer Haltung immer Lernende bleiben und immer weiter dazulernen – von jedem einzelnen Trauernden – und bereit und offen sind für diese persönliche Entwicklung.
Weitere unterstützende Faktoren:
Neugierig bleiben – auf uns, die Welt und das Gegenüber.
Nicht werten und urteilen – sich die eigenen Urteile und Vorurteile bewusst machen und reflektieren (d.h. offen bleiben) – und das Gegenüber in seiner Welt verstehen wollen.
Die Bereitschaft zur Resonanz, zum Mitschwingen mit Anderen
Die Bereitschaft zur Selbstreflexion
Dazu wissen wir, wie prägend der sogenannte erste Eindruck ist. So entsteht in weniger als einer Sekunde(14) in uns (als Trauerbegleitenden) ein Bauchgefühl – Sympathie oder Antipathie. Im Trauerbegleitungskontext heißt das für uns, wir können uns diesen ersten Eindruck zunutze machen. Die Wahrnehmung von Sympathie und Antipathie gibt uns immer auch Information, die wir, wenn wir sie uns bewusstmachen und reflektieren, auch für die Beziehungsgestaltung nutzen können. Gerade dafür ist die Offenheit nötig (siehe oben).
Als Trauerbegleitende können wir mit Vertrauen und Respekt die trauernden Menschen bei ihren Entwicklungsschritten begleiten. Diese „Aktualisierungstendenz – sich konstruktiv in Richtung auf Selbstverwirklichung hin zu entwickeln“(15) – kann beispielsweise mit einer Blume verglichen werden, die sich von innen heraus zur Sonne dreht oder mit Kindern, die laufen lernen und, obwohl sie dutzende Male hinfallen, doch immer wieder aufstehen. Auf diese Weise können wir uns als „Hebamme“ für einen seelischen Prozess, der im anderen stattfindet, sehen. Es geht um ein gemeinsames Tun mit einer forschenden, offenen Grundhaltung, um gemeinsam herauszufinden, was in diesem Moment hilfreich und sinnvoll sein kann. Dies zu erkunden, ist ein wichtiger Teil der Arbeit.(16)
Zudem ist es wichtig, dass die Gefühle der Trauernden anerkannt und verstanden werden. Gerne starten wir auch mit dem Hinweis: „Falls Ihnen etwas befremdlich vorkommt, für Sie nicht greifbar ist, etwas bei Ihnen Stress auslöst oder als belastend erlebt wird, geben Sie mir bitte eine Rückmeldung. Gehen Sie davon aus, dass es uns ein Anliegen ist, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Sie sich sicher fühlen und wohlfühlen.“ Aufklärung und Information gibt Sicherheit und kann den Stress, den die Trauernden spüren, reduzieren.(17)
Kommunikation ist der Schlüssel. Nicht nur die Haltung und das Beziehungsangebot der Trauerbegleitenden sind wichtig für die Trauerbegleitung, sondern auch die Gesprächsführung beziehungsweise das Zuhören.
Gesprächspausen sind in der Selbsterfahrung enorm wichtig. Die Trauernden brauchen keine Antworten auf ihr Fragen, keine schnellen Lösungen für ihre Probleme und kein Wegreden (Übergehen) ihrer Gefühle. Sie brauchen Raum und Zeit, um zu fühlen, um nachzuspüren und zu verarbeiten. Pausen und Stille sind wichtig!
Nach einer Weile kann man manchmal folgende Beispielssätze formulieren:
„Sie sind gerade so still, was beschäftigt Sie gerade?“
„Was bedeutet die Stille gerade für Sie?“
Es gibt kein „nur Zuhören“ – zum Zuhören gehören viele Fähigkeiten: Wir beobachten die nonverbale Kommunikation des Gegenübers, wie beispielsweise die Ausdrucksweise über Gestik, Mimik und Tonfall. Das Zuhören bedeutet, präsent und ganz aufmerksam sein. Aktives Zuhören heißt, mitzugehen und zu zeigen: Ich bin da!
S O L A R – Akronym für aktives Zuhören:(18)
Schaue die Trauernden direkt an.
Nimm eine offene Körperhaltung ein.
Lehne Dich zu den Trauernden hin.
Suche Augenkontakt.
Versuche, ruhig und gelassen zu sitzen.(19)
Kommunikation transportiert stets auch Gefühl. Wir arbeiten in der Trauerbegleitung mit vielen Gefühlen. Worden beschreibt als zweite Aufgabe in der Trauerbewältigung, den Schmerz zu verarbeiten sowie Hilfestellung zu geben, Gefühle anzunehmen und auszudrücken.(20) Um den Emotionen Raum zu geben und auf die emotionalen Aussagen und Hinweise zu reagieren, hat sich in der Praxis ein Modell für empathisches Antworten als hilfreich erwiesen.
N U R S E – Akronym für Raum geben und Reaktion (adaptiert für die Trauerbegleitung nach Schnell und Schulz-Quach)(21). Trauernde sagen: „Ich halte das alles einfach nicht mehr aus!“
Name/das Gefühl benennen: „Ich höre große Verzweiflung aus ihren Worten.“
Understand/Verstehen: „Es muss für Sie unerträglich sein, diesen Trauerschmerz auszuhalten.“
Respect/Respektieren: „Sie haben Ihre Situation bisher mit einer unglaublichen Stärke ertragen.“
Support/Unterstützen: „Wie auch immer der Weg weitergeht, unser Team wird da sein. Wir werden für Sie da sein.“
Explore/Vertiefen: „Erzählen Sie mir mehr. Ich möchte noch besser verstehen, was gerade mit Ihnen passiert. Können Sie mir genauer beschreiben, was Sie gerade so verzweifeln lässt?“
Mit dieser kommunikativen Vorgehensweise können Trauernde ihre Gefühle ausdrücken. Sie erhalten die „Erlaubnis“, den Schmerz, die Traurigkeit, die Verzweiflung etc. zu spüren und zu durchleben.(22)
„Verbunden mit der Haltung des ‚Aktiven Zuhörens‛ ist die Technik des Wiederholens und Spiegelns eine wichtige kommunikative Hilfe. Dabei geht es um ein Wechselspiel von verständnisvollem Zuhören und der Wiedergabe des Verstandenen.“(23)
Einfache Wiedergabe: Äußerungen der Trauernden werden wörtlich wiederholt. Die Wiederholung/Spiegelung erfolgt als Wiedergabe des Verstandenen, ohne Interpretation. Merke: Um wesentliche Aussagen der Trauernden zu erfassen, ist konzentriertes Zuhören nötig.
Zweck:
Wir lassen die Trauernden wissen, dass wir verstanden haben, was sie gesagt/gefühlt haben, und geben den Trauernden mit einem Stichwort zu verstehen, dass wir tiefer in ihre Erlebniswelt eintauchen und diese verstehen lernen möchten.
Beispiel:
Trauernde: „Ich kann es einfach nicht glauben. Das ist so unfair.“
Trauerbegleitende: „Das ist wirklich unfair.“
Komplexe Wiedergabe:
Paraphrasieren: Die wesentlichen Aussagen der Trauernden werden erfasst und in eigenen Worten wiedergegeben, ohne den Gesprächsfluss zu stören.
Mit Interpretation: Welche Bedeutungen oder Gefühle können damit zu tun haben?
Zweck:
Wenn Trauernde ihre Gefühle indirekt ausdrücken, dann helfen wir, diese besser zu erkennen, wahrzunehmen und auszudrücken.
Beispiel:
Trauernde: „Ich kann einfach nicht daran denken. Ich muss positiv bleiben.“
Trauerbegleitende: „Es ist sehr bedrohlich für Sie, über die Möglichkeit nachzudenken …“
Trauernde: „Ja, ich habe so viel Wut in mir …“(24)
Die Trauerbegleitenden halten die Stille und das Gefühl mit aus und bleiben bei den Trauernden. Wenn die Trauernden diesen Raum für sich erfahren, können sie aktiv ihr Erleben und Fühlen klären. Diese offene Auseinandersetzung mit sich und ihrem Erleben ist ein bedeutungsvoller Vorgang und fördert ihre seelische Gesundheit.(25)
Merke: Auch auf Lautstärke und Betonung achten, emotionale Bedeutung in Aussagen aufgreifen, positive Wertschätzung zeigen.
Das „Hier und Jetzt“ verstehen wir als wichtigen Aspekt, denn es ist die Einbindung der Intuition in die Trauerbegleitung. Es ist eher eine Ermutigung beziehungsweise Erlaubnis, die eigene Intuition zu nutzen. In der Trauerbegleitung sprechen die Trauernden über ihren Verlust und über den Umgang mit sich und der Welt als Trauernde. Bestimmte Erfahrungen der Trauernden zeigen sich dort und Trauerbegleitende können auf diese Weise zentrale Hinweise für den Zugang zu deren Innenwelt finden. Hier ist die Wahrnehmung gefragt über das Gesprochene und das Nonverbale hinaus.
Analytikerinnen und Analytiker sprechen von „freischwebender Aufmerksamkeit“. Schon Freudschrieb: „Man halte alle bewussten Einwirkungen von seiner Merkfähigkeit ferne und überlasse sich völlig seinem ‚unbewussten Gedächtnisse‛, oder rein technisch ausgedrückt: Man höre zu und kümmere sich nicht darum, ob man sich etwas merke.“(26)
Wir sprechen häufig auch von der Intuition als „Königin der Wahrnehmung“, da die Intuition sich aus Wissen, Erfahrungen, Beobachtungen sowie Einstellungen speist. Wenn sich aus der „freischwebenden Aufmerksamkeit“ oder der Intuition ein Gedanke und/oder Gefühl einstellt, dann kann es gut sein, dass man diesem Impuls folgen kann. Die Intuition, die Wahrnehmung, das Denken und das Fühlen – diese vier Fähigkeiten ergeben ein Bild, das wir dem Gegenüber in diesem Augenblick anbieten können.
Die Kunst der Trauerbegleitung ist es, sich die Intuition oder den Gedanken der „freischwebenden Aufmerksamkeit“ bewusst zu machen und zu erkennen. Manchmal gelingt es auch, den Gedanken direkt im Moment – im Hier und Jetzt – zu nutzen und dem Trauernden anzubieten. Dann ist es manchmal möglich, das zentrale Erleben des Verlustes und dessen Bedeutung für das weitere Leben des Trauernden in eine neue Richtung zu ermöglichen. Das erfordert von den Trauerbegleitenden eine hohe Präsenz- und Konzentrationsfähigkeit. Zusätzlich erfordert es Mut, dem Impuls zu folgen, weil eine Ungewissheit bleibt.
