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Wie begrüße ich den Kollegen, der nach dem Tod seiner Frau zum ersten Mal wieder bei der Arbeit erscheint? Wie verhalte ich mich bei der Nachbarin, deren Tochter erst kürzlich starb und der ich überraschend auf der Straße begegne? Und was schreibe ich auf die Kondolenzkarte an einen Schulfreund, mit dem ich länger keinen Kontakt hatte? Situationen, die uns alle verunsichern. Das Buch plädiert für den Mut, als Tröster den ersten Schritt zu tun und gibt konkrete Hilfe, ohne Angst auf Trauernde zuzugehen.
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Seitenzahl: 232
Veröffentlichungsjahr: 2011
Elisabeth und Rainer Strnad
Trauernden
begegnen
KREUZ
© KREUZ VERLAG
in der Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2011
Alle Rechte vorbehalten
www.kreuz-verlag.de
Umschlaggestaltung: Bergmoser + Höller GmbH, Aachen
Umschlagmotiv: © Michael Krokowiak/istockphoto.com
Datenkonvertierung eBook: le-tex publishing services GmbH, Leipzig
ISBN (E-Book) 978-3-451-33695-9
ISBN (Buch) 978-3-451-61030-1
Trauernden begegnen: Es gibt kaum jemanden, der noch nie in seinem Leben mit Situationen der Trauer konfrontiert war. Wie reagiert man darauf? Wie begegnet man Trauernden? Wir meinen, der Schlüsselbegriff lautet: Trost.
Dieser Begriff macht nur dann Sinn, wenn da jemand ist, der den Trost spendet. An diese Menschen richtet sich das Buch: an Menschen, die einem Trauernden in ihrer Umgebung begegnen und sich vielleicht die Frage stellen, wie sie diese Begegnung gestalten können, um daraus Halt und Stütze für ihren Mitmenschen werden zu lassen.
Weil Trost sehr viel mit Tun und manchmal gar nicht so viel mit Reden zu tun hat, sind hier viele kleinere und größere Geschichten des Trostes zusammengetragen. Es geht im Wesentlichen um die Praxis: Was können wir tun, wenn nichts mehr zu machen ist? Wie können wir uns in einer Situation der Trauer verhalten, wenn nichts wieder gut wird, wenn scheinbar nichts mehr hilft?
An dieser Grundüberlegung orientiert sich auch der Buchaufbau. Trost ist vielseitig und offen. Der Begriff eignet sich nicht für schematische Systematisierungen oder gar Patentrezepte. Deshalb haben wir für dieses Buch sehr unterschiedliche Beispiele dafür zusammengetragen, wie die Begegnung aussehen kann.
Die Reihenfolge, in der diese Geschichten erzählt und erläutert werden, orientiert sich ganz grob am zeitlichen Verlauf zu Beginn der Trauersituation (Kapitel 2 bis 6), an den Situationen des Alltags und der Arbeitswelt (Kapitel 7 bis 10), an Situationen in der Freizeit (Kapitel 11 bis 14) und an den Traditionen des Umgangs mit Trost (Kapitel 15 bis 17). Doch für den Leser mag diese Reihenfolge unerheblich sein. Er braucht sie deshalb auch nicht einzuhalten – die Kapitel bauen nicht aufeinander auf. Es soll dem Grundgedanken der Offenheit von Trost entsprechen: Situationen der Trauer sind individuell, eben nicht schematisierbar. So wird jeder Leser auch mit einem anderen, je unterschiedlichen Interesse an das Thema Trost herangehen.
Die Rede vom Trost ist heute gar nicht so selbstverständlich – was nicht zuletzt ein Anlass war, dieses Buch zu schreiben. Eine Begründung dafür, trotzdem von Trost und Trösten und beispielsweise nicht von Trauerbegleitung zu sprechen, schien uns also angemessen. Ein einführendes erstes und ein zusammenfassend abschließendes Kapitel rahmen deshalb die Praxis-Kapitel ein. Für deren Verständnis sind sie jedoch nicht erforderlich.
Die Begebenheiten und Beispiele, die hier erzählt werden, sind authentisch, wurden aber für die Veröffentlichung verändert. Außer den selbstverständlich geänderten Namen sind auch weitere Details abgewandelt. Die Betroffenen, meinen wir, sollten unbedingt vor einem Wiedererkennen geschützt werden. Der Kern dessen, was ihre Geschichten uns sagen, bleibt davon aber unberührt.
Und noch etwas ist uns wichtig vorauszuschicken: Der Umgang mit Trauer steht häufig in der Gefahr, von Schuldgefühlen belastet und überschattet zu werden. Potenzielle Tröster mögen sich fragen, ob sie auch »alles richtig gemacht« haben. Diese Frage, meinen wir, führt am Anliegen des Trostes vorbei. Die Kategorien »richtig« und »falsch« greifen hier nicht. Es geht nicht um Moral, sondern um Ermutigung. Allein schon deshalb, weil wir aus eigener Erfahrung wissen, wie schwer es manchmal ist, zu trösten.
Elisabeth und Rainer Strnad
1
Jeder kann trösten
Trauernden begegnen –
Mit der Trauer weiterleben
Mit seiner Trauer muss jeder alleine fertig werden. Das ist die Erfahrung vieler trauernder Menschen. Was könnte da auch helfen? Niemand kann den Verstorbenen wieder lebendig, niemand das Geschehene rückgängig machen, niemand den Schmerz wegnehmen. Wer mit Menschen spricht, die kurz zuvor einen geliebten Menschen verloren haben, hört oft: »Mir kann niemand und nichts helfen.« Es scheint manchmal so, als ob sich das Leben für einen Trauernden für immer verdunkelt habe.
Wer einem Menschen in solcher akuten, tiefen Trauer begegnet, kann diese bedrückende Situation oft nur schwer aushalten: nichts machen zu können, nicht helfen zu können. Einfühlsame Menschen, besorgte Freunde möchten aber etwas tun. Sie möchten einen Trauernden unterstützen. Wenn da nur nicht diese große Unsicherheit und Hilflosigkeit wäre: Wie soll ich mich verhalten? Weil sie keine klare Antwort wissen, unternehmen viele dann lieber gar nichts als etwas vermeintlich Falsches.
Das wirkt sich dann häufig so aus: Auch wohlmeinende Nachbarn, Bekannte, Freunde oder Angehörige machen aus Angst lieber einen großen Bogen um den Trauernden und versäumen es, ihm beizustehen. Dann ist der Trauernde endgültig alleine – ohne den betrauerten Menschen und ohne einen Beistand durch die Menschen aus seinem Umfeld.
Aber so weit muss es nicht kommen. Jeder kann etwas für Trauernde tun, die er vielleicht nur aus der Nachbarschaft oder über den Sportverein kennt. Nur sieht diese Hilfe möglicherweise ganz anders aus, als es sich mancher vorstellt. Genau darum geht es hier.
Wer mit Menschen spricht, die im Rückblick auf die Zeit ihrer schwersten Trauer schauen, erfährt, dass es vieles gab, was die Trauer linderte: Da war vielleicht ein Buch, von anderen Trauernden geschrieben, in denen sie ihre Erfahrungen wiederfinden konnten; da half vielleicht ein regelmäßiger Spaziergang in der Natur; da fanden sie Beruhigung in einer Musik, die ihre Gefühle so wunderbar zum Ausdruck gebracht hat. Doch die wichtigste und wirkungsvollste Hilfe – und das sagen die meisten Trauernden –, das sind Menschen, die ihnen gutgetan haben, Angehörige und Freunde, Nachbarn und Kollegen. In Danksagungen in der Zeitung kann man es immer wieder so oder so ähnlich lesen: »Es ist tröstlich zu wissen, dass so viele Menschen mit uns fühlen.«
In zahlreichen Trauergruppen und Trauercafés, in Einzelgesprächen und Kursen zur Ausbildung von Trauerbegleitern erzählen Trauernde und Menschen, die auf eine frühere Zeit der Trauer zurückblicken, was ihnen in dieser für sie so schweren Phase geholfen hat – und was sie zusätzlich zu ihrer Trauer geschmerzt und belastet hat. Von ihnen können wir vieles lernen, was hilfreich ist, wenn man Trauernden beistehen will.
Die Hilfsangebote, die Trauernde heute finden können, sind vielfältig und reichen von Trauergruppen bis zu einer schon unüberschaubaren Zahl an Ratgeberbüchern. Bei diesen wichtigen und richtigen Hilfsangeboten, die sich direkt an die Trauernden richten und ihnen ihre Möglichkeiten der Trauerbewältigung vermitteln wollen, wird jedoch ein Bereich oft wenig beachtet: die Menschen aus dem direkten persönlichen Umfeld, mit denen sie in der Zeit der Trauer in Kontakt stehen.
Der auf den Trauernden gerichtete Blick, der die Bücherregale der Trauerliteratur beherrscht, bedarf also einer Ergänzung. Denn zu wenig wird davon gesprochen: Was können Außenstehende für trauernde Menschen tun? Wie können Außenstehende den Schmerz trauernder Menschen lindern?
Diese Frage soll unser Ausgangspunkt sein. Wir wollen den Fokus nicht mehr ausschließlich auf den Trauernden richten, sondern auf das, was zwischen einem Trauernden und den Menschen in seiner Umgebung geschieht, die ihn unterstützen wollen. Anders gesagt: Es geht um Beziehung.
Trauernde fragen, was sie tun können, um ihre Trauer zu bewältigen. Sie stellen sich diese Frage selbst, allzu häufig nur sich selbst. Unausgesprochen aber bleibt die Frage an Seelsorger, Verwandte, Freunde, Nachbarn, Kollegen, Vereinskameraden, Ärzte – die Frage an mögliche Tröster.
Also muss diese Frage ergänzt werden um die Frage, die der Tröstende stellt: Was kann ich für den anderen, für den Trauernden tun? Es ist die Leitfrage, der wir nachgehen wollen.
Warum ist sie so wichtig? Weil für Trauernde die Beziehungen zu den Menschen um sie herum wichtig sind – auch wenn sie nicht immer reden, nicht überall dabei sein und einfach einmal allein sein wollen. Und weil Trauernde diese Unterstützung von außen suchen. Sie haben einen großen Verlust, einen tiefen Schmerz erlitten. Das, was ihnen widerfahren ist, möchten sie anderen mitteilen. Sie möchten ihren Schmerz ausdrücken dürfen. Sie möchten das auf ihre ganz eigene Art und Weise und zu einem Zeitpunkt tun dürfen, der stimmt – für sie.
Es ist diese einfühlsame Unterstützung, nach der Trauernde so oft suchen, eine Unterstützung, die ihre individuellen Bedürfnisse respektiert. Sie wünschen sich diesen Beistand – auch wenn sie diesen Wunsch oft nicht formulieren können. »Ich hätte einfach nur jemanden gebraucht, der sich für fünf Minuten zu mir setzt und für mich da ist«, vertraut eine Frau einer Hospizbegleiterin an.
Halten wir also fest: Es geht in dieser Perspektive nicht um den einzelnen trauernden Menschen, sondern um die Beziehung von Trauernden zu Menschen, die ihnen beistehen wollen. Es geht um eine tröstende Beziehung.
Diese Perspektive wendet ihren Blick nicht vom trauernden Menschen ab, aber sie nimmt zusätzlich die Beziehung des Trostes in den Blick. Sie weitet sich von der Trauer zum Trost. Denn in der Trauer ist der Mensch alleine, zum Trost gehören aber immer mindestens zwei Menschen. Es braucht den Blick auf den Tröster – damit die Sehnsucht und die Suche des Trauernden nicht ins Leere laufen. Trauer sucht Trost. Trauernde brauchen Tröstende, Menschen, die ihnen beistehen. Deshalb wird in diesem Buch viel vom Trost die Rede sein.
Wer trauert, ist also nicht allein. Sicherlich, seine Trauer und seinen Schmerz muss er selbst durchstehen. Er muss alleine mit seiner Trauer zurechtkommen, mit dem Verlust, womöglich mit dem Verlust desjenigen Menschen, den er am meisten geliebt, der ihn am meisten geliebt hat. Und der nun nicht mehr da ist. Er muss seine Trauer selbst verarbeiten. Aber da sind so viele Menschen, die ihm dabei helfen können, weil sie ihm beistehen. Menschen, die trösten.
Wer trauert, ist nicht allein? Wo aber sind sie denn, die Tröster? Sind da wirklich so viele, die noch da sind, wenn es darauf ankommt? Die zu einem Gespräch bereit sind? Die die Trauer des anderen, sein Klagen aushalten, es er-tragen? Und was ist er wert, ihr Trost? Die vielen schönen Worte, sind sie nicht billig zu geben? Wahrer Trost, kann den ein Mensch wirklich spenden?
Und jemand, der trösten will, wo findet der Hilfe und Unterstützung? Wo findet er eine Bestätigung: Ja, es ist gut, dass ich jetzt etwas sage, etwas tue, und sei es nur eine kleine Geste? Denn da ist immer diese Unsicherheit.
Was tut man zum Beispiel, wenn man in der Zeitung die Todesanzeige für den Vater der Nachbarin liest? Vielleicht istes so: Der Verstorbene hat ein hohes Alter erreicht, hat nach allem, was man aus den Gesprächen und Plaudereien mit ihm oder seiner Tochter weiß, ein doch gutes, erfülltes Leben geführt. Da fällt es wahrscheinlich relativ leicht, der Nachbarin das Beileid auszusprechen, vielleicht sogar, sich mit ihr in einem längeren Gespräch auszutauschen.
Vielleicht ist es aber auch ganz anders. Was ist, wenn die Zeitung nicht den Tod des Vaters, sondern des Sohnes anzeigt? Für diese Situation angemessene Worte oder andere Möglichkeiten der Unterstützung zu finden, ist sicherlich sehr schwer. Und man ist ganz schnell bei den ganz tiefen Fragen: Welchen Sinn hat so ein Schicksalsschlag? Gibt es einen Gott, der das wollen kann? Warum müssen wir leiden? Das Gespräch mit der trauernden Nachbarin droht sehr, sehr schwer zu werden.
Das Beispiel zeigt: Es wäre gut, wenn man Vorbilder dafür hätte, wie man sich in einer solchen Situation verhalten kann, Vorbilder dafür, wie man Trauernden begegnen, ihnen helfen, wie Trost gelingen kann.
Einfache Rezepte helfen da nicht weiter, schon gar nicht in einem Buch. Es gibt keine bei allen Menschen gleichen Abläufe der Trauer und deshalb auch keine einfach aufzuschreibenden und nachzulesenden Verhaltensregeln dafür, wie man sich Trauernden gegenüber zu verhalten habe. Mancher braucht ganz viele Gespräche, mancher braucht erst einmal Zeit für sich. Trösten heißt, ein Gespür für das angemessene Verhalten zu entwickeln, Nähe anzubieten, sie aber nicht aufzudrängen. Trösten heißt, sich immer wieder in die Situation von Betroffenen einzufühlen – und die ist stets individuell. Deshalb wird der Leser in den folgenden Kapiteln von vielen verschiedenen Trauersituationen lesen. Diese konkreten Geschichten, die alle um das Thema Trost und Beistand kreisen, wollen ihm immer auch vor Augen führen, wie individuell diese Situationen sind. Sie wollen dem Leser diese je besonderen Situationen verständlich machen.
Es geht also nicht darum, dass Tröster bestimmte Anweisungen einhalten oder spezielle Techniken erlernen, sondern dass sie sich eine Haltung aneignen: eine Haltung einer offenen Kommunikation, die Angebote macht, statt Regeln zu befolgen; eine Haltung, bei der sich der Tröstende und der Trauernde auf Augenhöhe begegnen; eine Haltung, die eine Beziehung zweier gleichberechtigter Partner auf derselben Ebene ermöglicht.
Was heißt das konkret? Das heißt, dass der Tröster nicht schon immer alles weiß oder besser weiß. Als Tröster habe ich keine Antwort – »ich weiß schon, was gut für dich ist« –, sondern nur eine Frage. Es ist, um ein gutes Beispiel aus der Bibel zu nennen, die Frage, die Jesus auf dem Weg nach Jericho dem Blinden stellt: »Was willst du, dass ich dir tun soll?« (Lk 18,41). Die Antwort darauf bleibt dem trauernden Menschen vorbehalten. Er allein weiß, was ihm guttut und was er in seinem Schmerz braucht.
Oft sind es ganz einfache Dinge, die er braucht und die wir für ihn tun können, keine großen Worte, keine bedeutungsvollen Gesten, keine gewichtigen Taten. Diese einfachen Zeichen des Trostes sind so vielfältig und manchmal sogar bunt wie die Menschen selbst und ihre unterschiedlichsten Reaktionen auf ein Trauerereignis. Wer die Frage »Was willst du, dass ich dir tun soll?« dem Trauernden, den er trifft, den er kennt, mit dem er lebt oder arbeitet, ehrlichen Herzens stellen kann (und sei es auch nur im Stillen) und wer die Antwort darauf ernst nimmt, kann trösten.
Tröster sein – diese Rolle trauen sich viele nicht zu. Und auch wer von Berufs wegen mit Trauernden zu tun hat – zum Beispiel als Arzt, Krankenschwester, Altenpfleger, ja auch als Seelsorger oder als Therapeut –, hat oft so seine Schwierigkeiten mit diesem Wort: Trost.
Trösten gilt vielen Menschen als eine Tätigkeit vergangener Jahrhunderte. Wer behauptet von sich heute noch, dass er trösten möchte? Zu sehr klingt Trösten in den Ohren vieler nach Ver-Trösten. So scheint uns das Trösten abhandenzukommen.
Doch mit dem Verlust des Tröstens ist möglicherweise ein Blickwinkel verloren gegangen, der auch heute noch für unseren Umgang mit Trauer und für unsere Begegnung mit trauernden Menschen nützlich sein kann: der Blick auf die Menschen der nächsten Umgebung dieses Menschen. Die nächsten Angehörigen, die Freunde, Bekannten und Kollegen, sie alle können so viel tun, um einen Trauernden bei der Bewältigung seiner Trauer zu unterstützen.
Tröster aber brauchen Ermutigung, heute mehr denn je. Deshalb haben wir ein Buch für Tröster geschrieben: Ein Buch für Menschen, die den Trauernden, denen sie begegnen, in ihrem Schmerz und in ihrer Verzweiflung beistehen wollen. Ein Buch für Menschen, die sich fragen: Wie kann ich einem Trauernden wirksam helfen? Ein Buch für Menschen, die vielleicht gar nicht wissen, wie sie das anstellen sollen, und sich deshalb oft nicht trauen zu trösten.
Denn dass Menschen dies auch wollen, dass sie den Wunsch verspüren, einem trauernden Menschen ihren Beistand und Trost anzubieten, das steht außerfrage. Als Ermutigung zum Trösten ist diese Erkenntnis vielleicht noch viel wichtiger, die wir eingangs schon einmal gestreift haben: Wer einem Menschen in Trauer und Not begegnet, möchte »etwas für ihn tun können«, er will die große Not von ihm abwenden oder zumindest lindern, kurz: Er will ihn trösten. Das ist normal. Der Mensch ist von Natur aus so angelegt, dass er einem in Not geratenen Menschen helfen will. Das ist nichts, was irgendwie von außen an ihn herangetragen wird, auch nicht in erster Linie ein Produkt der Erziehung zur Hilfsbereitschaft.
Es ist mehr: Dieses Verhaltensmuster gehört zum Menschsein wie die Fähigkeit, sich in andere Menschen einfühlen zu können, oder der Drang, sich anderen Menschen anzuschließen. Alle Kulturen auf der ganzen Welt und zu allen Zeiten kennen den Trost.
Der Grund dafür ist wissenschaftlich untersucht. Die sogenannte Traumaforschung, also die psychologische Untersuchung vom Umgang mit schlimmsten Belastungen, sagt: Trost ist eine Strategie zur Bewältigung von traumatischen Erfahrungen. Diese Strategie ist uns allen deshalb eingegeben, weil sie das Überleben des Einzelnen, der Gruppe sowie der Menschheit insgesamt sichert. Wenn ich einem Menschen beispringe, der blutet, kann ich ihn vor dem Verbluten schützen; wenn ich einem Menschen helfe, der Atemnot hat, kann ich ihn vor dem Ersticken bewahren. Genau dieses Prinzip greift auch beim Trösten: Wenn ein Mensch nach einer traumatischen Verlusterfahrung aufgewühlt ist, kann ich ihn beruhigen und den negativen Effekt einer körperlichen Stressreaktion verhindern.
Das funktioniert, seit es Menschen gibt, damit sie überleben können, wie ein Reflex: Wer einen Menschen in Not sieht, kann gar nicht anders als zu versuchen, ihm beizustehen, ihm zu helfen – ohne dass er darüber nachdenkt.
Für uns heute geht es deshalb darum, diesem reflexhaften Bedürfnis wieder zu trauen: Ja, es ist richtig, dass ich dem anderen in seiner Trauer beispringe. Das ist deshalb so bedeutsam, weil Trost ein wichtiges Ziel verfolgt: Er will die Trauer nicht beiseitewischen, sondern er will dem Trauernden helfen, mit der Trauer weiterzuleben.
Da ist nur ein Problem: All dieses Wissen, und sei es noch so wissenschaftlich belegt, hilft uns nicht über unsere Angst hinweg, die wir haben, wenn wir einem Trauernden begegnen. Es ist die Angst, etwas falsch zu machen im Umgang mit diesem Menschen.
Diese Angst ist berechtigt. Worte des Trostes, und seien sie noch so hilfreich gemeint, können allzu leicht als billiger Trost (miss-)verstanden werden, als ein bloßes Vertrösten. Und nicht nur die Worte könnten falsch verstanden werden. Viele fragen sich: Das Ansinnen überhaupt, jemanden zu trösten, ist es in jedem Fall berechtigt?
Christine und Martina haben sich in der Volkshochschule kennengelernt. Seit eineinhalb Jahren besuchen sie den gleichen Yogakurs. Man kennt sich in der kleinen Gruppe der zwölf Teilnehmerinnen, geht nach dem Kurs öfter noch gemeinsam etwas trinken, erzählt sich dies und jenes. Seitdem Unfalltod ihres Sohnes Jonas vor zwei Monaten ist Martina nicht mehr zum Yoga gekommen. Christine bedauert das sehr. Sie hat selbst einen Sohn im Alter von Jonas und muss oft denken: Wenn es mein Sohn gewesen wäre? Martinas Verzweiflung kann sie sich gut vorstellen. Sie würde ihr gerne helfen.
Doch da sind diese Fragen und Zweifel, die so typisch sind für ihre Lage, für die Lage desjenigen, der trösten will: »Was soll ich tun?«, »Wirklich befreundet sind wir ja gar nicht. Ist es also angemessen, überhaupt etwas zu tun?«, »Soll ich einfach einmal anrufen?«, »Ist das zu wenig? Soll ich hingehen?«, »Aber was soll ich denn da sagen?«, »Vielleicht will der andere einfach nur seine Ruhe. Soll ich also wirklich etwas tun?«
Menschen wollen trösten. Aber ihre Verunsicherung ist groß. Diese Verunsicherung hat längst auf Alltagssituationen übergegriffen, in denen ein tröstendes Wort zu einem Verwandten, Nachbarn, Freund, Kollegen, Patienten, kurz: zu meinem Nächsten früher selbstverständlich gewesen wäre.
Da herrscht dann plötzlich Schweigen zwischen Menschen, die sich unter »normalen« Umständen viel zu sagen hätten. Oder man sagt sich: »Was soll ich dazu bloß sagen?«, »Da kann man nicht helfen.« Solche Sätze sind weniger Ausreden vor sich selbst als vielmehr Ausdruck der Angst und der Verunsicherung: Es ist, als ob wir es verlernt hätten, unserem natürlichen Bedürfnis nachzugeben und einem Menschen in Trauer und Not beizuspringen – als ob wir es verlernt hätten, zu trösten.
Das sehen wir als Autoren anders. Wir glauben nicht nur daran, dass Menschen trösten wollen, sondern auch und vor allem daran, dass sie es auch können. Jede und jeder kann trösten. Die vielen hier zusammengetragenen Beispiele und Geschichten zeigen: Es gibt Menschen, die Trauernden beistehen und sie trösten können. Trauernde erzählen von diesen Menschen, die ihnen geholfen haben.
Das sind keine sensationellen Heldengeschichten, sondern Geschichten von Menschen, die sich vom Schicksal ihres Freundes, Nachbarn, Kollegen, Vereinskameraden berühren ließen und genau das getan haben, was in der schwierigen Lebenslage notwendig war und was ihnen selbst möglich war zu tun. Von einfachen, pragmatischen Dingen erzählen diese Geschichten, von einfachen, ehrlichen Worten, die die Trauer nur lindern, aber nie ganz wegnehmen konnten. Es sind Alltagsgeschichten, von denen in der Regel wenig an die Öffentlichkeit dringt. Doch diese unspektakulären Hilfen sind oft so bedeutend und tröstlich, dass Trauernde Halt finden, um mit ihrer Trauer weiterleben zu können.
Diese Geschichten wollen Mut machen und nicht etwa neue, unerfüllbare Erwartungen aufbauen. Sie wollen zeigen, dass Hindernisse, die sich uns in den Weg stellen, wenn wir trösten wollen, wenigstens ein wenig abgetragen werden können. Ganz beseitigt werden können sie nie: Wer Trauernden begegnet, wird immer ein Stück weit verunsichert bleiben. Tod und Trauer machen uns immer sprachlos, fassungslos. Der Tod wird uns immer ängstigen, denn auch wir werden ihm eines Tages begegnen.
Aber wir können lernen, mit dieser Fassungslosigkeit und Angst anders umzugehen und Trauernden zu signalisieren: Ich bleibe bei dir trotz meiner Unsicherheit und Angst. So geht es eher darum, diese Unsicherheit und Angst im Umgang mit Trauernden zu akzeptieren, und weniger darum, sie zu bekämpfen. In diesem Sinne möchten die Geschichten, die hier erzählt werden, und das Nachdenken, das sie auslösen, viele Menschen ermutigen, ihre Nächsten zu trösten.
Denn Trost ist keine Sache nur von Spezialisten – was nicht gegen diese Spezialisten, wie zum Beispiel Psychotherapeuten, Seelsorger oder ehrenamtlich tätige Laien spricht, die sich der Hilfe für Trauernde verschrieben haben. Diese Hilfe ist gut. Die Hospizbewegung beispielsweise bereitet ihre Mitglieder, die Sterbende begleiten, darauf vor, wie sie mit den trauernden Hinterbliebenen umgehen können. Und von diesen Betroffenen kommen sehr viele positive Rückmeldungen. Es ist also gut, dass es diese Orte und Gelegenheiten im professionellen oder ehrenamtlichen Rahmen gibt, wo Trauernde sich verstanden fühlen.
Das vorliegende Buch will (und kann natürlich) diese professionelle und ehrenamtliche Hilfe nicht ersetzen. Es will ganz einfach nur zeigen, dass jeder, der mit Trauernden Kontakt hat, ebenfalls Hilfe geben kann – oder jedenfalls diese Hilfe anbieten kann.
Denn natürlich sollten wir – sowohl als Autoren als auch als Leser – nicht vergessen: Trauer und Trost sind hochsensible Themen, über die wir aus der sicheren Entfernung des Schreibtisches oder des Lesesessels nicht leichtfertig hinwegschreiben oder hinweglesen dürfen.
Wir sollten uns immer wieder vor Augen halten, dass wir hier über großen Schmerz sprechen, also über eines der stärksten Gefühle in unser aller Leben. Trauer tut weh und macht verletzlich. Deswegen haben Trauernde ein Recht, so sensibel auf gut gemeinte, aber in ihrer Situation vielleicht gerade nicht hilfreiche Ratschläge zu reagieren. Wenn ein Mensch, den sie geliebt haben, gestorben ist, wird eben nicht alles wieder gut – aber manches wieder besser. Jeder in ihrem Umfeld hat die Möglichkeit, in seinem vielleicht auch nur kleinen Lebensbereich zu helfen, den er mit dem Trauernden teilt. Jeder hat die Möglichkeit, zum Tröster zu werden.
Aber er hat weder die Möglichkeit noch die Aufgabe, »alles wieder gut zu machen«. Wer sich der Herausforderung des Tröstens ernsthaft stellt, wird von vornherein den Eindruck vermeiden, als sei das tatsächlich möglich: alles würde wieder sein wie vorher. Es wird nicht mehr sein wie vorher. Wer die Aufgabe des Tröstens ernst nimmt, wird den Trauernden deshalb auch nicht drängen, dies oder jenes zu tun: »Du musst wieder unter Menschen gehen«, »Du brauchst Ablenkung«, »Du darfst den Kontakt zu deinen Freunden nicht vernachlässigen«, »Du musst die Trauer überwinden«. Und er wird dem Trauernden, der seine Hilfe nicht annimmt, auch nicht vorhalten, er lasse sich ja gar nicht helfen.
Ich kann nicht alles wieder gut machen – das zu akzeptieren fällt nicht leicht. Eben deshalb, weil das Trösten manchmal so schwer erscheint, ist die Ermutigung zu trösten so wichtig. Wir wollen mit diesem Buch Menschen, die sich darauf einlassen, unterstützen und ihnen den Mut geben, zu sagen: Ich möchte Trauernden in meiner Nähe, in meinem direkten persönlichen Umfeld tröstend zur Seite stehen; ich möchte Tröster sein für ein Familienmitglied, für den Nachbarn, für einen Kollegen oder einen Vereinskameraden. Ich möchte den trauernden Menschen in meiner alltäglichen Umgebung trösten, weil mir genau dieser Mensch wichtig ist und weil mich seine Erschütterung und Not berühren.
Die ermutigende Botschaft lautet deshalb: Trau dich zu trösten!
2
Einfach hingehen
Trauernde besuchen –
Trost ist Beziehung auf Augenhöhe
Der Bruder eines Schulfreundes ist tödlich verunglückt. Er war gerade einmal 19 Jahre alt. Ein Fremdverschulden lag aller Wahrscheinlichkeit nach nicht vor.
Die kleine Friedhofskapelle kann die Menge der Trauergemeinde bei Weitem nicht fassen. Natürlich sind es anders als bei den meisten Beerdigungen in der Mehrzahl Jugendliche, Teenager und junge Leute um die 20, die sich auf den Friedhofswegen drängen. Die Betroffenheit, die Trauer ist nicht zu ermessen. »Schlimm ist es«, sagt der Pfarrer, »wenn Kinder ihre Eltern zu Grabe tragen. Schlimmer aber ist es, wenn Eltern ihrem Kind ins Grab hinterherschauen müssen.«
Am Nachmittag nach der Beerdigung holen einige Freunde ihren Schulkameraden zu Hause zu einem Spazier gang ab. Noch nie in ihrem Leben haben sie so viel Mut gebraucht wie an diesem sonnigen Frühlingsnachmittag, an dem sie vor der Haustür der trauernden Familie stehen und auf den Klingelknopf drücken. Und auch in ihrem weiteren Leben wird es nur ganz wenige Situationen geben, in denen sie so viel Mut brauchen.
Sie haben diesen Mut aufgebracht, weil ihre Familien sie dazu ermutigt haben: »Geht zu Matthias und unternehmt etwas mit ihm. Holt ihn ab, geht mit ihm nach draußen, sprecht miteinander. Vielleicht braucht er das jetzt«, haben ihre Geschwister zu ihnen gesagt.
»Sollen wir wirklich hingehen?« Das Zögern der Schulfreunde hatte einen Grund: Sie hatten Angst. Angst davor, dass ihnen an der Haustür nicht einfallen würde, was sie sagen sollten, und erst recht später nicht, wenn sie zu einem Spaziergang unterwegs wären. Angst davor, die richtigen Worte zu finden. Angst davor, dass ihr Ansinnen vielleicht von den trauernden Eltern nicht gutgeheißen würde, die jetzt mit ihrem Sohn zusammen sein wollten. Angst davor, dass ihr Freund ihr Angebot ablehnen und lieber allein sein würde.
»Sollen wir wirklich hingehen?« Der Trostbesuch ist ein alter Brauch. Er stammt aus einer Zeit, als üblicherweise zu Hause gestorben wurde. Solche Bräuche oder Verhaltensregeln zum Umgang mit Tod und Trauer entstanden als Orientierung und Hilfe für alle Hinterbliebenen und deren Umfeld.
Und es ist auch nicht so, dass dieser Brauch völlig verschwunden wäre. In kleineren, überschaubaren Einheiten des Zusammenlebens wird er noch sehr rege praktiziert, auf dem Land in Dörfern etwa oder auch in gewachsenen Stadtteilen. Hier ist es selbstverständlich, dass nicht nur die Verwandten das Trauerhaus besuchen, sondern auch all diejenigen, die den Verstorbenen kannten und mit seiner Familie in Kontakt standen – und sei es »nur« durch die Mitgliedschaft im Verein oder durch die Nachbarschaft auch zwei Straßen weiter.
Natürlich stellt sich gerade dann, wenn man sich eben nicht so gut gekannt hat oder den Hinterbliebenen nicht ganz so nahe steht, die Frage: Ist ihnen ein solcher Besuch tatsächlich recht? Wollen sie, dass ich hier bin?
Und natürlich kann es genauso sein: Es ist ihnen vielleicht jetzt gerade nicht recht. Vielleicht fehlt im Moment einfach die Zeit, vielleicht steht ein dringendes Gespräch mit anderen Angehörigen an, vielleicht müssen noch einige Dinge für das Begräbnis geregelt werden. Oder vielleicht will der Trauernde jetzt einfach allein sein.
»Weißt du«, sagt die Witwe zu dem aus der Stadt angereisten alten Freund ihres Mannes aus jungen Jahren, »es ist mir eigentlich zu viel, dass das ganze Dorf jetzt kommt undkondoliert.« Sie und ihre Tochter haben dann für den Rest des Tages auf das Klingeln an der Haustür einfach nicht mehr reagiert.
Das alles sind verständliche und gute Gründe, den Besuch dann einfach zu verschieben: »Ich denke, es ist besser, ich komme ein andermal.«
Auch wer noch so einfühlsam ist, kann in sein Gegenüber nicht hineinsehen, kann die Situation nicht vorhersehen, in der er als einer, der Trost spenden will, auf den Trauernden trifft. Deshalb wird er sein Einfühlungsvermögen genau darauf richten, die Situation, auf die er trifft, richtig einzuschätzen.
Und das heißt: Er wird offen sein für das, was der andere jetzt braucht. Er wird es akzeptieren, wenn der Trauernde sagt – vielleicht nicht mit Worten, vielleicht nicht mit einer klaren Aussage, aber vielleicht durch verlegene Höflichkeiten oder einfach durch Schweigen –, dass er lieber allein oder mit anderen zusammen sein will.
Wer einfühlsam zu trösten bereit ist, kann das Nein akzeptieren. Er wird einfach später noch einmal kommen, vielleicht, wenn es der Situation angemessen ist, nachdem er mit dem Trauernden einen passenden Zeitpunkt für diesen Besuch vereinbart hat.
