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Kein anderer Begriff ist mehr mit dem US-amerikanischen Selbstverständnis verbunden wie der der Freiheit – sei es die Befreiung von den einstigen Kolonialherren, sei es die individuelle oder ökonomische Freiheit, sei es die freie Rede oder die Religionsfreiheit. Doch die starke Betonung des Freiheitsgedankens wie auch die Vielfalt seiner Ausdrucksformen müssen unweigerlich zu Konflikten führen. Der Journalist Julian Heißler nimmt den Freiheitsbegriff als Leitfaden für seinen Blick auf die USA. Ob es um die Meinungsfreiheit, den Zugang zu Waffen, den Konflikt zwischen Ökologie und Ökonomie geht: In einer einzigartigen Mischung aus Reportage und Analyse betrachtet Heißler die gegenwärtigen Widersprüche und Konflikte der USA, die sich aus ihrem Freiheitsverständnis ergeben.
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Seitenzahl: 286
Veröffentlichungsjahr: 2023
Julian Heißler
Traum und Albtraum
Amerika und die vielen Gesichter der Freiheit
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2023
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
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ISBN Print 978-3-451-39645-8
ISBN E-Book (EPUB) 978-3-451-83104-1
Für Annett, Lara und Emily
Land der Freiheit
Freies Volk
Freier Körper
Freiheit in Sicherheit
Freies Wort
Freie Wahl
Freie Wirtschaft
Freies Land
Freie Welt
Freie Zukunft?
Anmerkungen
Über den Autor
Am 4. Juli 2022 wollte Gavin Newsom ein bisschen zündeln. Bis zum Wahltag im November, an dem sich der Gouverneur von Kalifornien eine zweite Amtszeit sichern wollte, war es noch einige Monate hin. Trotzdem schaltete der Demokrat schon einmal einen kurzen Werbespot. „Die Freiheit in eurem Bundesstaat wird angegriffen“, sprach Newsom über die Melodie des Lieds America the Beautiful in die Kamera. Er warnte vor Bücherverboten in Schulen, vor Einschränkungen des Wahlrechts, vor der Kriminalisierung von Abtreibung. Dann rief er die Zuschauer zum Widerstand auf. „Lasst nicht zu, dass sie euch eure Freiheit wegnehmen.“ Der Clou: Der Clip lief nicht in Kalifornien, sondern auf der anderen Seite des Kontinents. In Florida.1
Ausgerechnet Florida. Seit 2019 regiert dort der Republikaner Ron DeSantis. Und kaum ein Thema ist dem ambitionierten Gouverneur wichtiger als die Freiheit. Als während der COVID-19-Pandemie weite Teile der USA im Lockdown verharrten, Maskenpflichten allgegenwärtig und Schulen geschlossen waren, schaffte DeSantis den größten Teil der Einschränkungen bereits wieder ab.2 Es war eine Entscheidung, die sich für den Gouverneur auszahlte. Zwar fällt Floridas Virusbilanz eher durchwachsen aus – gemessen an der Bevölkerung verzeichnete der Staat viele Infektionen und Todesfälle –, allerdings schnitten Staaten mit deutlich drakonischeren Einschränkungen nicht unbedingt besser ab.3 So stieg DeSantis für einen Teil der Bevölkerung zu einem Helden auf – zum Freiheitskämpfer in einer Zeit, als anderswo Vorsicht und Angst regierten. Das Image blieb haften. Es dauerte nicht lange, bis der Gouverneur seine Heimat als Free State of Florida vermarktete. „Gemeinsam haben wir Florida zum freiesten Staat der Vereinigten Staaten gemacht“, so DeSantis in einer Rede vor der Legislatur. „Während so viele im Land die Rechte des Volkes auf den Friedhof verbannt haben, hat Florida die Vorhut der Freiheit gebildet.“4
Und die Vorhut marschierte weiter.
DeSantis’ Freiheitsvision bildete die Grundlage für eine ganze Reihe neuer Gesetze und Verordnungen, mit denen er gemeinsamen mit der satten republikanischen Mehrheit in der Legislatur den ehemaligen Swing State in den vergangenen Jahren radikal umgebaut hat. Unter der Ägide des Gouverneurs wurden das ohnehin laxe Waffenrecht weiter gelockert,5 die ohnehin niedrigen Steuern um einen Rekordbetrag gesenkt.6 Doch DeSantis ging weiter. Florida verbannte Themen wie sexuelle Orientierung und Identität aus dem Schulunterricht7 und stellte Regeln auf, die es Eltern erleichterten, gegen Bücher in Schulbibliotheken vorzugehen.8 Der Staat führte ein restriktives Abtreibungsrecht ein,9 verschärfte das Wahlrecht.10 Kritiker sehen in solchen Schritten längst keine Freiheitsagenda mehr, sondern ein Abrutschen des Staats in den Autoritarismus. „Wir werden derzeit nicht regiert“, sagt Anna Eskamani, demokratische Abgeordnete in der Legislatur von Florida. „Wir erleben eine Diktatur.“
Doch für DeSantis’ Anhänger liegen die Dinge anders. Sie sehen in seinen Maßnahmen notwendige Schritte, um den überbordenden Einfluss des Staates und vermeintlich abgehobener Eliten zurückzudrängen. Die Schulpolitik des Republikaners etwa betrachten sie als überfällige Rückverlagerung des Erziehungsrechts zu den Eltern, die selbst bestimmen wollen, mit welchen Inhalten ihre Kinder konfrontiert werden. Mehr Kontrollen bei der Stimmabgabe stärken aus dieser Perspektive das Vertrauen in den demokratischen Prozess, Einschränkungen beim Recht auf Schwangerschaftsabbruch schützen das Leben eines ungeborenen Menschen. Auch das, heißt es in Florida, ist Freiheit. Und DeSantis verteidige sie. Das kommt an. 2022 wurde er mit einem so deutlichen Vorsprung wiedergewählt, wie es ihn in dem traditionell knappen Bundesstaat seit 40 Jahren nicht mehr gegeben hatte.11 Schon damals war klar, dass die Ambitionen des Gouverneurs nicht in Tallahassee enden. Im Mai 2023 erklärte er seine Kandidatur für das Weiße Haus.12 Und ins Oval Office soll ihn seine Vision der Freiheit katapultieren. Der Titel seiner Wahlkampfbiografie lautet: The Courage to be Free – Der Mut, frei zu sein.
Gavin Newsom bleibt derweil vorerst in Kalifornien. Eine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl 2024 hat er ausgeschlossen. Seine Partei, die Demokraten, haben mit Joe Biden schließlich einen Kandidaten. Doch seinen Kampf hat er nicht aufgegeben. Seit er im November 2022 ebenfalls mit enormem Vorsprung wiedergewählt wurde, wirbt er für seine Vision von Freiheit. Und die könnte nicht gegensätzlicher ausfallen als die seines Amtskollegen aus Florida. „Während sie nach Freiheit schreien, diktieren sie den Menschen die Entscheidungen, die sie treffen dürfen“, so Newsom anlässlich seiner zweiten Amtseinführung mit Blick auf DeSantis und seine Verbündeten. „Sie schüren die Flammen dieser zermürbenden Kulturkriege. Sie verbieten Abtreibung, sie verbieten Bücher, sie verbieten die freie Meinungsäußerung im Klassenzimmer.“ Kalifornien werde dem etwas entgegensetzen. „Freiheit ist unsere Essenz, unser Markenname – die Idee, dass hier jeder von überall aus alles erreichen kann.“13 Auf seine Heimat will er dieses Credo nicht begrenzen. Längst hat er eine Organisation gegründet, um seine Vision auch in Red States zu verbreiten – also Bundesstaaten, die fest in der Hand der Republikaner sind. Dort warb Newsom für seinen gesellschaftlichen Gegenentwurf. „Im ganzen Land greifen die extremistischen Republikaner systematisch die Grundlagen einer freien Gesellschaft an“, begründete der Kalifornier seine Arbeit. Dem wolle er etwas entgegensetzen.14
Mit DeSantis’ Vorstellung von Freiheit haben die Pläne des Demokraten kaum etwas gemeinsam. Für Newsom bedeute Freiheit das Recht, Ja zu sagen: zur Abtreibung, zur staatlich finanzierten Gesundheitsversorgung für Einwanderer, zur geschlechtsangleichenden Behandlung von Kindern, schrieb die AP einmal. Für DeSantis bedeute Freiheit hingegen das Recht, Nein zu sagen: zu COVID-19-Impfstoffen, zu illegaler Einwanderung, zu dem, was er „Indoktrination“ in Bezug auf sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität in öffentlichen Schulen nennt.15
Ja oder nein. Freiheit zu oder Freiheit von. Positive Freiheit oder negative Freiheit, wie es in der Politikwissenschaft heißt. Entlang dieser Konfliktlinie verläuft ein Riss durch die amerikanische Gesellschaft. Und er wird immer tiefer. Die Kontroverse geht weit über die Konkurrenz zweier ambitionierter Gouverneure hinaus. Sie prägt das Land heute auf allen Ebenen. Denn Freiheit, das ist der universelle Wert der Vereinigten Staaten, die tragende Säule des amerikanischen Experiments. Kein anderer Wert ist so tief im Selbstverständnis der Nation verankert. Doch was unter dem Begriff verstanden wird, ist höchst unterschiedlich. Und wenn diese widerstreitenden Vorstellungen aufeinanderprallen, dann folgen häufig Konflikte. Denn wer Freiheit definiert, definiert Amerika.
Das haben längst auch die Anführer der beiden großen politischen Parteien erkannt. Als Joe Biden im April 2023 offiziell seine erneute Präsidentschaftskandidatur erklärte, veröffentlichte sein Wahlkampfteam ein dreiminütiges Video, das den Kampf um die Freiheit ins Zentrum rückte. „Die Frage, vor der wir stehen, ist, ob wir in den kommenden Jahren mehr Freiheit oder weniger Freiheit haben werden. Mehr Rechte oder weniger“, so der Präsident in dem Spot. Zuvor hatte das Video bereits Bilder des Sturms aufs Kapitol vom 6. Januar 2021 gezeigt, von Demonstranten gegen Beschränkungen des Abtreibungsrechts – und von Ron DeSantis und Donald Trump. Das erste Wort, das Biden spricht: Freedom.16
Und auch Trump begründet seine erneute Kampagne mit dem Freiheitskampf. Nachdem der Ex-Präsident im Juni 2023 von einem Sonderermittler des Justizministeriums vor einem Bundesgericht in Florida angeklagt worden war, erklärte er seine rechtlichen Probleme mit seinem Kampf für diesen fundamentalsten amerikanischen Wert: „Sie wollen mir meine FREIHEIT nehmen, denn ich werde NIEMALS zulassen, dass sie euch eure FREIHEIT nehmen“, so Trump auf seiner Social-Media-Plattform.17 So präsentiert sich das ehemalige Staatsoberhaupt als Kämpfer für die Freiheitsvision seiner Anhänger – als Verteidiger ihrer Interessen und Verfechter ihrer Anliegen. Und diese passen so gar nicht zu den Vorstellungen der Unterstützer von Biden oder Newsom. Und eine Versöhnung scheint ausgeschlossen.
Es ist ein Konflikt, der in der amerikanischen Gesellschaft verwurzelt ist. Die Widersprüche, die auch heute wieder hervortreten, sind seit der Gründung des Landes Teil der DNA der Vereinigten Staaten. Als der Zweite Kontinentalkongress am 4. Juli 1776 die Unabhängigkeit der 13 Kolonien von der britischen Krone erklärte, beriefen sich die Rebellen auf ihre vermeintlich gottgegebenen Rechte, proklamierten die Freiheit und Gleichheit aller Menschen. „Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich, dass alle Menschen gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit bestimmten unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, dass zu diesen Rechten Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören“, heißt es in der Unabhängigkeitserklärung.18 Doch mit der gelebten Realität in der jungen Nation hatte diese Verkündung nur wenig zu tun. Mehr als 20 Prozent der amerikanischen Bevölkerung waren damals versklavt.19 Von Freiheit und gleichen Rechten waren diese Menschen ausgeschlossen. Gleiches galt für Frauen. Diese sollten erst 1920 das Wahlrecht erhalten.20 Dass sie Männern rechtlich gleichgestellt sind, ist bis heute nicht in der amerikanischen Verfassung festgehalten.21
Natürlich wurden die USA seit ihrer Gründung immer freier, immer inklusiver. Doch dieser Fortschritt verlief alles andere als linear. Mehr als einmal durchlebte das Land Krisen, die das Bekenntnis zur Freiheit und Demokratie ernsthaft bedrohten. Im 19. Jahrhundert zerriss der Streit über die Zukunft der Sklaverei das Land – ein Konflikt, der schlussendlich nur durch den Bürgerkrieg gelöst werden konnte. Während der sozialen Verwerfungen der Großen Depression verhinderten wohl nur die Persönlichkeit und Amtsführung von Präsident Franklin Delano Roosevelt ein Scheitern des Systems.22 Das Land ging durch Unruhen, Rebellionen, Unterdrückung und Prohibition, erlebte Massaker, Rassismus und McCarthyismus. Trotzdem konnte nichts davon den Glauben eines großen Teils der Bevölkerung daran erschüttern, dass ihre Nation die Heimat der Freiheit ist. Die Amerikaner glaubten, sie seien „die einzigen Menschen, die wahre politische Freiheit genießen“, schrieb der britische Autor James Bryce bereits 1888. Ganz überzeugt war er allerdings nicht. „Ich habe die Amerikaner oft gefragt, worin sie ihre Freiheit im Vergleich zu der der Engländer für besser halten, aber sie waren nie in der Lage, einen einzigen Punkt zu nennen, in dem der einzelne Mensch in England schlechtergestellt ist, sei es in Bezug auf seine privaten Bürgerrechte, seine politischen Rechte oder seine allgemeine Freiheit, zu tun und zu denken, was ihm gefällt.“23
Trotzdem: Die Freiheit ist der Kern des amerikanischen Experiments. Als die Kolonien ihre Unabhängigkeit erklärten, versuchten sie etwas radikal Neues. Zwar orientierten sich die Gründerväter beim Ausarbeiten der Verfassung im Jahr 1787 an antiken Vorbildern wie die attische Demokratie oder die römische Republik, doch der Freiheitsbegriff, den sie ins Zentrum des neuen Staates stellten, war etwas anderes. In Athen und Rom war die Freiheit einer kleinen Klasse vorbehalten. Das galt in den jungen Vereinigten Staaten zwar zunächst auch, doch der formulierte Anspruch war ein anderer. Plötzlich sollte jeder Mensch die Freiheit für sich beanspruchen können. Eine gänzlich neue Idee. Zwar war das Konzept der Freiheit des Individuums keine Erfindung der Gründerväter – John Locke etwa hatte es bereits rund 100 Jahre vor der Amerikanischen Revolution ins Zentrum seiner Zweiten Abhandlung über die Regierung gestellt24 – doch dass dieser Wert universell gelten sollte, das hatte es in dieser Form noch nicht gegeben.
Dass Ideal und Wirklichkeit lange Zeit auseinanderklafften, änderte nichts an der Bedeutung dieses Vorstoßes. Freiheit war plötzlich etwas, worauf sich alle Menschen in den Vereinigten Staaten zumindest theoretisch berufen konnten. Damit schuf der Wert ein gemeinsames Fundament für die ansonsten sehr unterschiedlichen 13 ehemaligen Kolonien, die nun einen neuen Staat bilden sollten. Aus dieser Geschichte zieht der Wert bis heute seine besondere Stellung für die USA. „Keine Idee ist für das Selbstverständnis der Amerikaner als Individuen und als Nation grundlegender als die Freiheit“, schreibt der Historiker Eric Foner.25
Doch ebendieser Universalitätsanspruch führte bald zu Problemen. Schließlich ist der Begriff der Freiheit so weitreichend, dass er beinahe alles umfassen kann. „Die Welt hat nie eine gute Definition des Wortes Freiheit gehabt, und das amerikanische Volk braucht gerade jetzt eine solche“, so Präsident Abraham Lincoln während des Bürgerkriegs in einer Rede in Baltimore. „Wir alle sind für die Freiheit, aber wir meinen mit diesem Wort nicht alle dasselbe. Für die einen mag das Wort Freiheit bedeuten, dass jeder mit sich selbst und dem Produkt seiner Arbeit machen kann, was er will; für die anderen kann dasselbe Wort bedeuten, dass einige Menschen mit anderen Menschen und dem Produkt der Arbeit anderer Menschen machen können, was sie wollen. Es handelt sich also um zwei nicht nur verschiedene, sondern unvereinbare Dinge, die mit demselben Namen, nämlich Freiheit, bezeichnet werden. Daraus folgt, dass jedes dieser Dinge von den jeweiligen Parteien mit zwei verschiedenen und unvereinbaren Namen bezeichnet wird: Freiheit und Tyrannei.“26
Lincolns Worte waren kein Beitrag zu einer theoretischen Debatte. Während des Bürgerkriegs von 1861 bis 1865 beriefen sich beide Seiten auf die Freiheit, nicht nur die, deren Ziel es war, die Sklaverei abzuschaffen und damit die Ursünde der USA zu korrigieren. „Die Briefe und Tagebücher vieler konföderierter Soldaten strotzten vor Freiheitsrhetorik“, schreibt der Historiker James M. McPherson.27 Dabei standen die Confederate States of America, wie sich die abtrünnigen Südstaaten nannten, offen für den Erhalt der Sklaverei, für eine rassistische Hierarchie, die Schwarze der Herrschaft einer weißen Elite unterordnete – eine Vorstellung, die mit dem Konzept der Freiheit aller Menschen nicht zu vereinbaren ist.
Im Süden sah man das Konzept der Gründerväter deshalb auch als fehlerhaft an. Die Verfassung der Vereinigten Staaten basiere auf einer „fundamental falschen“ Idee, sagte etwa Alexander H. Stephens, der Vizepräsident der Konföderierten. „Sie stützten sich auf die Annahme der Gleichheit der Rassen. Das war ein Irrtum. Es war ein sandiges Fundament, und die darauf aufgebaute Regierung stürzte, als der Sturm kam und der Wind wehte“, so Stephens weiter. „Unsere neue Regierung gründet sich auf genau die entgegengesetzte Idee; ihr Fundament, ihr Grundstein ruht auf der großen Wahrheit, dass der Schwarze dem Weißen nicht gleichgestellt ist, dass die Unterordnung unter die höhere Rasse sein natürlicher und normaler Zustand ist.“28
Der Süden verlor den Krieg und damit auch den Wettbewerb um das Freiheitsverständnis. Allerdings verschwanden die Vorstellungen der Konföderierten nicht mit ihrer Niederlage. Noch rund 100 Jahre nachdem die Südstaaten bei Appomattox, Virginia, kapituliert hatten, war die Verbindung von Rassismus und Freiheit in Teilen des Landes allgegenwärtig. Das effektive Apartheidsystem, das in den Südstaaten nach dem Ende des Bürgerkriegs etabliert wurde, verstand sich ebenfalls als Bollwerk der Freiheit – und sah in den Versuchen der Bundesregierung, an den Zuständen im Zuge der Bürgerrechtsbewegung etwas zu ändern, das Heraufziehen der Tyrannei. „Segregation heute, Segregation morgen, Segregation für immer“, rief George Wallace, der Gouverneur von Alabama anlässlich seiner Amtseinführung im Jahr 1963. Diese Forderung, erklärte er, sei ein „Trommeln für die Freiheit“. Insgesamt erwähnte der Demokrat das Wort freedom 24-mal in seiner Rede.29 Und auch danach berief er sich immer wieder auf den Wert. Den Civil Rights Act von 1964 etwa, der unter anderem rassistische Diskriminierung unter Strafe stellte, nannte Wallace „das Messer eines Mörders im Rücken der Freiheit“.30
Das Beispiel Wallace zeigt, wie widersprüchlich der Begriff verwendet werden kann. Auch heute noch. 2018 schrieb der Autor Ta-Nehisi Coates einen Essay über Kanye West. Der Rapper war zuvor mit zunehmend kontroversen Äußerungen an die Öffentlichkeit gegangen. Die Sklaverei etwa bezeichnete er als eine „Entscheidung“ der schwarzen Bevölkerung. Kritik an seinen Aussagen wies er mit dem Hinweis zurück, er sei nun einmal ein „Freidenker“.31 Coates sah bei dem (schwarzen) West einen bestimmten Freiheitsbegriff am Werk. „Weiße Freiheit“. Dies sei eine „Freiheit ohne Konsequenzen, Freiheit ohne Kritik, Freiheit, stolz und unwissend zu sein“.32
Auch dieses Verständnis des Begriffs gibt es also – und genau das macht eine Auseinandersetzung mit dem Wert so wichtig. „Selbst eine oberflächliche Vertrautheit mit dem amerikanischen politischen Diskurs zeigt, dass dieses Wort, Freiheit, ebenso vage wie universell, ebenso umstritten wie allgegenwärtig, ebenso reflexiv wie unausweichlich, ebenso unterdrückend wie befreiend ist“, schreibt der Historiker Jefferson Cowie.33
Denn natürlich sind auch die positiven Entwicklungen innerhalb der USA aufs Engste mit dem Wert verbunden. Indem die Gründerväter die Freiheit des Individuums in den Mittelpunkt ihres Experiments stellten, legten sie den Grundstein für deren immer weitere Verbreitung. Die Worte der Unabhängigkeitserklärung, ihre Kodifizierung in der Verfassung und die Garantie der Freiheiten in der Bill of Rights ließen sich, einmal in der Welt, nie mehr einfangen. Sie boten den Unterdrückten des Landes einen Ankerpunkt, von dem aus sie für ihre Rechte kämpfen konnten. Der schwarze Abolitionist Frederick Douglass etwa berief sich auf die Gründungsdokumente der Republik, als er im 19. Jahrhundert für die Abschaffung der Sklaverei kämpfte. „Die Verfassung sowie die Unabhängigkeitserklärung und die Gesinnung der Gründer der Republik geben uns eine Plattform, die breit genug und stark genug ist, um die umfassendsten Pläne für die Freiheit und den Aufstieg aller Menschen in diesem Land zu unterstützen, ohne Rücksicht auf Hautfarbe, Klasse oder Herkunft.“ Er lobte die Vereinigten Staaten für ihre Fähigkeit zum Wandel. „Ich kenne keinen Boden, der für das Wachstum von Reformen besser geeignet wäre als der amerikanische Boden. Ich kenne kein Land, in dem die Bedingungen für große Veränderungen in der gewohnten Ordnung der Dinge, für die Entwicklung richtiger Ideen von Freiheit und Menschlichkeit, günstiger sind als hier in den Vereinigten Staaten“, sagte er.34 Douglass wurde versklavt geboren. Trotzdem gab ihm das Freiheitsbekenntnis der USA Hoffnung.
Er war nicht allein. Auf der Seneca Falls Convention im Jahr 1848, dem Ausgangspunkt der feministischen Bewegung in den Vereinigten Staaten, verabschiedeten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine von der Aktivistin Elizabeth Cady Stanton verfasste Resolution, die die Gleichstellung von Frauen forderte. Sie beinhaltet die Worte: „Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich: dass alle Männer und Frauen gleich geschaffen sind.“35 Während der Bürgerrechtsbewegung erinnerte Martin Luther King jr. die amerikanische Gesellschaft immer wieder an ihr Gründungsversprechen, zitierte etwa die Unabhängigkeitserklärung in seiner „I Have A Dream“-Rede im Jahr 1963.36 Auch heute berufen sich Freiheitsaktivisten auf die Formulierungen der Gründerväter. „Diese Worte sagen mir: ‚Mach es besser, Amerika.‘ Und was ich damit meine, ist, dass wir nie ein Land waren, in dem die Menschen wirklich gleich waren“, sagte Kevin Jennings, Chef von Lambda Legal, einer Organisation, die sich für die Gleichstellung der LGBTQ+-Gemeinde einsetzt, der AP. „Das ist ein Ziel, auf das wir weiter hinarbeiten müssen, und wir sind noch nicht so weit.“37
Oftmals war diese Form von Druck – das Einfordern der garantierten Freiheit – erfolgreich. Douglass traf sich während des Bürgerkriegs mehrfach mit Präsident Lincoln, drängte ihn zur Abschaffung der Sklaverei.38 Die feministische Bewegung erkämpfte die politischen Rechte für Frauen. Und Kings Druck machte tiefgreifende Reformen möglich, die rassistische Diskriminierung im Alltag und bei der Ausübung des Wahlrechts verhindern sollten. Sonderlich geschätzt wurden diese Kämpfer nicht immer. Als King 1968 ermordet wurde, hatten 75 Prozent der US-Bevölkerung ein negatives Bild von ihm.39 Heute wird er mit einem Denkmal auf der National Mall gewürdigt – eine Ehre, die sonst fast nur Präsidenten zuteil wird.
Dieser kurze Blick zurück zeigt: Das Freiheitsmotiv zieht sich wie kein anderes durch die amerikanische Geschichte. Es ist der Katalysator hinter der Entwicklung der Vereinigten Staaten – auch heute noch. Doch aufgrund der Unschärfe des Begriffs war und ist es auch immer eine treibende Kraft hinter den Konflikten, die das Land befallen haben. Darum geht es in diesem Buch. Es berichtet von den verschiedenen Schlachtfeldern, auf denen um das Verständnis von Freiheit gerungen wird – und soll so eine Erklärung liefern, wie die Ausrichtung der mächtigsten Nation auf dem Planeten an ihrem Grundwert das Land nach vorne bringt und gleichzeitig tief spaltet.
Ein solches Vorhaben muss an Grenzen stoßen. Die Zahl der möglichen Konfliktfelder ist so groß, dass in einer Beschreibung wie dieser zwangsläufig einige außen vor bleiben. Auch ist es trotz bester Bemühungen unmöglich, blinde Flecken vollständig zu vermeiden, die sich aus der Perspektive des Autors ergeben. Kurz: Einen Anspruch auf Vollständigkeit kann und will Traum und Albtraum nicht erheben. Doch trotz dieser Einschränkungen ist es wichtig, sich mit der amerikanischen Freiheit auseinanderzusetzen. Denn wer die Krise verstehen will, in der das mächtigste Land der Welt steckt, der muss die Vielschichtigkeit ihres zentralen Werts begreifen.
Vorbemerkung: In diesem Kapitel wird mehrfach das englische Wort race verwendet. Dem führenden amerikanischen Wörterbuch Merriam-Webster zufolge beschreibt der Begriff „eine der Gruppen, in die Menschen häufig auf der Grundlage von körperlichen Merkmalen eingeteilt werden, die bei Menschen mit gemeinsamer Abstammung als gemeinsam angesehen werden“.1 Diese Definition unterscheidet sich von der des deutschen Duden für den Begriff Rasse. Sie lautet: „Bevölkerungsgruppe mit bestimmten gemeinsamen biologischen Merkmalen“. Der englische Ausdruck stellt die Zuschreibung durch Dritte in den Mittelpunkt, der deutsche nicht. Laut Duden gilt Rasse deshalb aufgrund der „willkürlichen Auswahl von Eigenschaften“ mit Blick auf Menschen mittlerweile als überholt.2Race wiederum ist im amerikanischen Sprachgebrauch weiterhin üblich und wird auch hier im Sinne der Merriam-Webster-Definition genutzt.
Am Morgen des 7. März 1965 schlich sich Sheyann Webb aus der Wohnung ihrer Eltern in einem sozialen Wohnungsbauprojekt in Selma, Alabama. Sie hatte ihre Haare in einen Zopf gebunden, trug eine Caprihose und schwarz-weiße Oxford-Schuhe. Ihr Ziel war die nahegelegene Brown Chapel AME Church. Dort trafen sich an diesem Vormittag rund 600 Demonstranten, die allermeisten von ihnen schwarz, um gemeinsam ins rund 80 Kilometer entfernte Montgomery zu marschieren, die Hauptstadt des Bundesstaates. Die Bürgerrechtler forderten ein Ende der diskriminierenden Regeln, die Afroamerikaner in weiten Teilen des Südens vom Wählen abhalten sollen. Doch das wollte die rassistische Führung von Alabama nicht zulassen. Gouverneur George Wallace gelobte, die Demonstration aufzuhalten, wies die Polizei an, „alle erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um einen Marsch zu verhindern“.3 Damit war klar, dass der Staat mit Gewalt reagieren würde, sollte der Protest tatsächlich stattfinden. Doch die Bürgerrechtler, unterstützt von Martin Luther King jr., dem Präsidenten der Southern Christian Leadership Conference (SCLC), ließen sich davon nicht einschüchtern. Auch Sheyann Webb nicht. Ihre Eltern hatten ihr aus Sorge vor einer Eskalation verboten, das Haus zu verlassen, doch sie ließ sich davon nicht aufhalten. Ohne ihren Vater, ihre Mutter oder eines ihrer sieben Geschwister zu wecken, stahl sie sich ins Freie. Auf der Waschmaschine hatte sie eine kurze Nachricht an ihre Familie hinterlassen, entschuldigte sich für ihren Ungehorsam und erklärte ihre Gründe. „Ich marschiere für unsere Freiheit“, schrieb sie.
Sheyann Webb war neun Jahre alt.
Stunden später war sie wieder zu Hause. Schwer atmend, die Augen brennend von Tränengas. Der Marsch war nicht weit gekommen. Keine Meile vom Versammlungsort an der Brown Chapel AME Church entfernt, an der Edmund-Pettus-Bridge, stellten sich den Bürgerrechtlern rund 150 Sicherheitskräfte in den Weg. Die Polizei gab den Demonstranten zwei Minuten, um sich zu zerstreuen, doch schon eine Minute und fünf Sekunden später4 griff der Kommandeur zum Megafon und gab den Befehlt „Vorrücken! Treibt sie zurück!“5 Was folgte, ist unter dem Begriff Bloody Sunday in die amerikanische Geschichte eingegangen. „Wir wurden niedergeschlagen. Sie fingen an, uns mit Knüppeln zu malträtieren, uns mit Pferden niederzutrampeln und Tränengas freizusetzen“, erinnerte sich John Lewis, einer der Anführer des Marsches und später langjähriger Kongressabgeordneter.6 Er glaubte, zu sterben, verlor das Bewusstsein. Demonstranten trugen ihn zurück in die Kirche. 17 Menschen mussten ins Krankenhaus, rund 50 weitere wegen ihrer Verletzungen ärztlich behandelt werden. King, der die Entwicklung aus Atlanta verfolgt hatte, reiste kurz darauf nach Selma, um einen zweiten Marsch anzuführen.7 Sheyann Webb wiederum kauerte in ihrem Kinderzimmer auf dem Bett, weinte und schrieb ihr Testament.
Zur Bürgerrechtsbewegung war das Mädchen zufällig gekommen. Sie hatte einige Monate vor dem Marsch mit ihrer besten Freundin vor der Brown Chapel AME Church gespielt, als plötzlich einige ungewöhnlich schöne Autos vorfuhren. Als ein Mann in weißem Hemd und schwarzer Krawatte ausstieg, bildete sich sofort eine Menschentraube um ihn. Also wollten auch die Kinder wissen, was dort vor sich ging. „Wisst ihr, wer das ist“, fragte sie einer der Männer, doch Sheyann und ihre Freundin hatten keine Ahnung. „Das ist Dr. Martin Luther King jr.“, erklärte der Mann – und stellte die Mädchen dem Pastor vor.
King unterhielt sich ein bisschen mit Sheyann und ihrer Freundin. Als er sich schließlich umdrehte, um mit seinen Begleitern eine Strategiebesprechung in der Kirche abzuhalten, gingen die Mädchen einfach mit. „Er hat mich sehr beeindruckt“, erinnert sich Webb, heute Webb-Christburg, fast 60 Jahre später an diesen Moment. „Ich hielt ihn sofort für etwas Besonderes.“ Nach der Besprechung rannte sie nach Hause, erzählte ihren Eltern von ihrem Treffen mit King. Doch die waren entsetzt, sorgten sich um die Sicherheit ihrer Tochter. „Sie sagten mir, ich solle mich von diesem Schlamassel fernhalten“, erinnert sich Webb-Christburg. „Es war das erste Mal, dass ich nicht auf sie gehört habe.“
In den folgenden Wochen rannte Sheyann immer wieder zur Kirche, schwänzte die Schule und flunkerte ihre Eltern an – immer in der Hoffnung, wieder auf King zu treffen. So wurde sie noch als Kind Teil der Bürgerrechtsbewegung. Bald hatte King einen Spitznamen für sie: die kleinste Freiheitskämpferin. Beim geplanten Marsch, der an der Edmus-Pettus-Brücke endete, war sie die jüngste Teilnehmerin. Doch die Wochen im Frühjahr 1965 haben ihr Leben für immer geprägt. Nach dem Studium gründete sie ein Mentoren-Programm, das Jugendliche auf den Aktivismus vorbereiten sollte, schrieb ein Kinderbuch über den Marsch von Selma. In ihrem Haus in Montgomery hängt heute ein Ölgemälde, das sie als Kind auf dem Schoß von King zeigt. Das Bild ist einem Foto nachempfunden, das von den beiden existiert. Die junge Sheyann trägt darauf einen weißen Mantel, der Bürgerrechtler einen schwarzen Anzug und eine Blumenkette um den Hals. Beide lächeln knapp an der Kamera vorbei.
Das Bild entstand am 21. März 1965, zwei Wochen nach dem Bloody Sunday. An diesem Tag machten sich rund 5000 Demonstranten von der Brown Chapel AME Church erneut auf, um in die Hauptstadt zu marschieren. Doch diesmal schützten Truppen der Bundesregierung den Zug vor den Sicherheitskräften von Alabama, garantierten so ihre sichere Ankunft in Montgomery. Vier Tage später erreichte der Zug die Hauptstadt. Vor dem State Capitol sprach King zu rund 25 000 Demonstranten, die sich dem Protest mittlerweile angeschlossen hatten.8 „Lasst uns an die Wahlurnen marschieren, bis die Rassisten von der politischen Bühne verschwinden“, forderte er.9
Die Kundgebung war ein symbolischer Triumph, denn auch in Washington befand sich die Bürgerrechtsbewegung nach quälend langen Kämpfen auf dem Weg zum Erfolg. Die breite Öffentlichkeit war entsetzt von den Bildern aus Selma, verlangte Veränderungen. Das galt auch für US-Präsident Lyndon B. Johnson. Seit er nach der Ermordung von John F. Kennedy zwei Jahre zuvor ins Weiße Haus eingezogen war, hatte der Präsident aus dem Süden daran gearbeitet, der Diskriminierung in den ehemaligen Staaten der Konföderation etwas entgegenzusetzen. Nun drängte er auf Reformen im Wahlrecht. „Es gibt keinen Grund zum Stolz auf das, was in Selma geschehen ist. Es gibt keinen Grund zur Selbstzufriedenheit angesichts der langen Verweigerung gleicher Rechte für Millionen von Amerikanern“, so der Texaner vor einer Sondersitzung des Kongresses. „Unser Auftrag ist zugleich der älteste und der grundlegendste dieses Landes: das Unrecht zu korrigieren, Gerechtigkeit zu üben und den Menschen zu dienen.“10 Das zog. Johnson boxte ein weitreichendes Gesetzespaket durch den teils zögerlichen Kongress. Im August unterschrieb er den Voting Rights Act von 1965.11 Das Gesetz verbot die rassistischen Praktiken, mit denen vor allem im Süden Millionen schwarze Amerikaner seit Jahrzehnten vom Wählen abgehalten worden waren (dazu mehr im Kapitel Freie Wahl). In Selma etwa waren vor dem Voting Rights Act gerade einmal 335 der rund 15 000 schwarzen Einwohner als Wähler registriert. Ein halbes Jahr nach der Verabschiedung des Gesetzes war ihre Zahl auf rund 11 000 gestiegen.12 Auch die Eltern von Sheyann Webb-Christburg ließen sich ins Wählerverzeichnis eintragen. „Das war mein Wunsch zu meinem zehnten Geburtstag“, erinnert sie sich. Ein Jahrhundert nach dem Ende des Bürgerkriegs wurde damit ein großer Teil der afroamerikanischen Bevölkerung auch in der Praxis zu dem gemacht, was sie auf dem Papier längst waren: vollwertige Staatsbürger. Und damit frei.
Wer sich den Vereinigten Staaten zugehörig fühlen darf, ist eine seit der Gründung der Nation umstrittene Frage. „Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich, dass alle Menschen gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit bestimmten unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, dass zu diesen Rechten Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören“, heißt es in der Unabhängigkeitserklärung, mit der sich der Zweite Kontinentalkongress am 4. Juli 1776 von der britischen Krone lossagte.13 Doch eingehalten wurde dieses Gleichheitsversprechen über Jahrhunderte nicht. Die Mehrheit der Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung und fast die Hälfte der Delegierten des Verfassungskonvents waren Sklavenhalter, ebenso vier der ersten fünf Präsidenten.14
Dass dieser Umstand nicht gut mit den selbsterklärten Idealen des jungen Landes zusammenpasste, war den Gründervätern durchaus bewusst. „Es gibt keinen lebenden Menschen, der sich aufrichtiger als ich wünscht, dass ein Plan für die Abschaffung dieses Systems angenommen wird“, schrieb etwa George Washington im Jahr 1786 an einen Freund über die Sklaverei.15 Doch als Präsident unternahm er nichts, um der Institution Einhalt zu gebieten. Washington selbst hatte seit frühester Jugend versklavte Menschen besessen – die ersten zehn hatte er im Alter von elf Jahren geerbt – und war zeit seines Lebens auf ihre Zwangsarbeit angewiesen, um seine weitläufigen Ländereien zu bestellen. Als er 1799 starb, lebten auf seinem Anwesen Mount Vernon in Virginia 317 Sklaven.16 Zwar verfügte er in seinem Testament, als Einziger der neun US-Staatsoberhäupter, die Menschen als Eigentum besaßen, dass sie nach seinem Tod befreit werden sollten – allerdings erst nach dem Ableben auch seiner Frau Martha. Die sofortige Freiheit verfügte er nur für einen seiner Sklaven: seinen langjährigen Kammerdiener William Lee, einen Helden aus dem Unabhängigkeitskrieg.17 „Wie alle anderen Plantagenbesitzer hatte sich auch Washington so sehr an die Sklaverei gewöhnt, dass ihm das Bizarre normal erschien“, schreibt Historiker Ron Chernow in seiner Biografie des Staatsmannes.18 Der englische Essayist Samuel Johnson brachte den inneren Widerspruch der Gründerväter jedoch bereits 1774 auf den Punkt, als der Streit zwischen den Kolonien und dem Mutterland langsam eskalierte: „Wie kann es sein, dass wir die lautesten Rufe nach Freiheit von den Treibern der Schwarzen hören?“19
Dieser offene Gegensatz zwischen den selbstgesteckten Idealen der Vereinigten Staaten und ihrer gelebten Realität zerriss das Land schließlich. Während zahlreiche Bundesstaaten im Norden und später dem Nordwesten der USA die Sklaverei in den ersten Jahrzehnten nach der Unabhängigkeitserklärung abschafften20 und eine weitere Ausbreitung der Institution in neu erworbene Territorien verhindern wollten, gruben sich die Anhänger der bestehenden Ordnung vor allem in den wirtschaftlich auf Zwangsarbeit angewiesenen Südstaaten ein, flankiert von der Elite in Washington. Die Verfassung räumte Sklavenstaaten überproportional viel Macht ein,21 ließ sie so die politische Kultur des Landes dominieren – zu Lasten der schwarzen Bevölkerung, die in Teilen des Landes nicht als Menschen angesehen wurde, sondern als Besitztümer. 1857 bekräftigte ausgerechnet der Oberste Gerichtshof diese Einschätzung. „Wir sind der Meinung, dass (…) sie nicht unter dem Wort Bürger in der Verfassung eingeschlossen sind und auch nicht eingeschlossen werden sollten und dass sie daher keine der Rechte und Privilegien beanspruchen können, die dieses Instrument für die Bürger der Vereinigten Staaten vorsieht und sichert“, schrieb Chief Justice Roger B. Taney anlässlich der Klage eines versklavten Mannes, der viele Jahre in einem Staat gelebt hatte, in dem die Sklaverei abgeschafft war und der deshalb seine Freiheit einforderte.22 Das Urteil besagte: Schwarze gehörten nicht zu den Vereinigten Staaten. Es brauchte einen Bürgerkrieg und die Ratifizierung des 14. Verfassungszusatzes im Jahr 1868, um diese Entscheidung aus dem US-Recht zu tilgen.23 Seitdem ist amerikanischer Staatsbürger, wer auf dem Territorium der Vereinigten Staaten geboren wurde. Aber bis auf diese rechtliche Regelung auch eine tatsächliche politische Gleichstellung folgte, dauerte es fast weitere 100 Jahre.
Doch die Frage der Zugehörigkeit zu den Vereinigten Staaten stellte sich nicht nur für die schwarze Bevölkerung, deren erste Vertreter bereits 1619 an Bord des Sklavenschiffs White Lion nach Virginia verschleppt worden waren – ein Jahr bevor die englischen Pilgerväter am Plymouth Rock anlegten.24 Trotz der Versprechen in der Unabhängigkeitserklärung machten die Vereinigten Staaten lange Zeit deutliche Unterschiede zwischen den vermeintlich gleich geschaffenen Menschen innerhalb der Grenzen des Landes. So stand etwa die amerikanische Staatsbürgerschaft zunächst vor allem weißen Menschen offen. Eingebürgert werden konnten erst einmal nur Einwanderer aus Westeuropa, „freie weiße Personen“, wie es im Naturalization Act von 1790 heißt.25 Nach dem amerikanisch-mexikanischen Krieg legte der Vertrag von Guadalupe Hidalgo im Jahr 1848 fest, dass die Bewohner der ehemaligen mexikanischen Territorien, die von den Vereinigten Staaten annektiert worden waren, ebenfalls die US-Staatsbürgerschaft erhalten sollten.26 Spätestens seitdem machen Menschen hispanischer Abstammung einen signifikanten Teil des amerikanischen Staatsvolks aus. Der 14. Verfassungszusatz und später der Naturalization Act von 1870 etablierten die Staatsbürgerschaft für den schwarzen Bevölkerungsteil, schlossen jedoch Einwanderer aus asiatischen Ländern weiterhin aus.27 1882 machten die USA diese Diskriminierung mit der Verabschiedung des Chinese Exclusion Acts explizit. Er blieb bis 1943 in Kraft.28 Allerdings urteilte der Oberste Gerichtshof 1898, dass Kinder amerikanischer Staatbürger – egal welcher race sie angehörten, ebenfalls Staatsbürger sind.29 Und 1924 verabschiedete der Kongress schließlich den Indian Citizenship Act, der klarstellte, dass Native Americans ebenfalls amerikanische Staatsbürger sind.30 Bis vor rund 100 Jahren schloss der vermeintliche Schmelztiegel USA noch Menschen aufgrund ihrer race von der vollständigen Partizipation aus. Und das Quotensystem für Einwanderer, das lange Zeit Immigranten aus Europa bevorzugt hatte, fiel erst 1968.31
Das Erbe dieser Diskriminierung ist bis heute zu spüren. „Die Geschichte des Aufstiegs dieses Landes von einer hungernden Kolonie zu einer Weltsupermacht kann nicht ohne die zentrale Bedeutung der race erzählt werden“, so die Autorin Heather McGhee.32 Die race eines Amerikaners bestimmt nicht sein ganzes Leben, doch die statistischen Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen sind frappierend. Einige Beispiele: Weiße etwa leben durchschnittlich sechs Jahre länger als Schwarze.33 Das Risiko einer schwarzen Frau, an Komplikationen nach einer Geburt zu sterben, ist mehr als dreimal so hoch wie das einer weißen. Die Säuglingsmortalität für schwarze Babys ist ebenfalls mehr als doppelt so hoch wie die von weißen.34
Auch der Staat behandelt die races unterschiedlich. Schwarze männliche Straftäter werden zu fast 20 Prozent längeren Haftstrafen verurteilt als weiße Männer, die wegen vergleichbarer Vergehen für schuldig befunden werden.35 Die Wahrscheinlichkeit im Gefängnis zu sitzen ist für Afroamerikaner fast sechsmal höher als für weiße – und für Hispanics mehr als dreimal so hoch.36 Schwarze Männer werden 2,5-mal so häufig von der Polizei getötet wie ihre weißen Geschlechtsgenossen.37 Sogar die Steuerbehörde IRS musste einräumen, dass die Steuererklärungen von Schwarzen dreimal so häufig genauer geprüft werden als die anderer Steuerzahler.38 Und während das durchschnittliche Vermögen eines weißen Haushalts im Jahr 2019 rund 190 000 Dollar betrug, waren es für hispanische Haushalte nur rund 36 000 Dollar. Und für schwarze nur rund 24 000 Dollar.39
