TRAUMAKOMPASS - Lisa Zehner - E-Book

TRAUMAKOMPASS E-Book

Lisa Zehner

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Beschreibung

Lange wurde das Thema Trauma aus der Pädagogik, der Beratung und dem Allgemeinwissen ausgeklammert. Dieses Buch bietet praktische Lösungswege für interessierte Laien, BeraterInnen und Lehrkräfte, die aufrichtig an neuen Perspektiven interessiert sind. Menschen mit traumatischen Erfahrungen haben häufig negative Gedanken und Gefühle. Durch die Fähigkeit des Gehirns sich neu zu strukturieren (Neuroplastitzität) gelingt es, Wohlbefinden wieder zu vermehren. Lehrkräfte und BegleiterInnen können beim Umfokussieren helfen. Leitfaden für den Traumakompass: - Psychoedukation: Versuchen Sie die psychische Dynamik eines Traumas zu verstehen. Das dient der eigenen Selbstfürsorge und beugt Sekundärtraumatisierung vor. - Ritual: Wählen Sie einfache Übungssequenzen, die Sie regelmäßig wiederholen. - Gefühlskompass: Führen Sie nur Übungen durch, bei denen Sie sich sicher und freudvoll fühlen. Beispiele: 5 – 10 Minuten, 1 Ritual täglich, 1 Semester lang: - Wechselatmung, traumasensibles Schreiben, Power Poses- Atemanker , bilaterales Zeichnen, Tresorübung - Bauchatmung, Selbstregulation durch Spannungsregler, Überkreuzbewegungen - Glückstagebuch, handlungsorientiere Achtsamkeit (Breathwalk), Rücken an Rücken sitzen - Lösungsorientierte Gesprächsführung, Erdung Einfache Interventionen helfen bei Dissoziation, Übererregung oder Erstarrung. Sie können durch die Übungen stabilisieren, Ressourcen stärken oder beruhigen. Positive Rituale sind hilfreich und formen konstruktive, neue Gewohnheiten.

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Seitenzahl: 115

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Soziales Lernen

Traumakompass

Selbstfürsorge Stabilisieren Stärken Beruhigen

Schule - Beratung - Laien

Mag. Lisa Zehner

Vorwort

In Japan werden zerbrochene Objekte mit Gold repariert. Der vergoldete Riss wird als ein einzigartiger und besonders wertvoller Teil der Geschichte des Gegenstands gesehen. Die Einfachheit, das Verstehen und die Wertschätzung der Fehlerhaftigkeit stehen im Zentrum dieser Anschauung. Übertragen auf das zerbrochene Porzellan, hebt die Goldverbindung den Makel hervor. Durch eine aufwendige Restauration erlangt die Schale einen einzigartigen Status, gibt dem Zerbrochenen mehr Wert, nicht weniger. Kintsugi (jap. „Goldflicken“) nennt sich diese traditionelle Reparaturmethode für Keramik.

Ich möchte mit dieser positiven Metapher der mit Gold reparierten Schale beginnen. Sie macht Ihnen hoffentlich Mut. Die Verwandlung der Schale beschreibt die bestmögliche Entwicklung, die ein Mensch erleben kann, der ein Trauma überlebt hat. Denken Sie bitte daran, wenn Sie das nächste Mal das Gefühl haben, dass etwas in einem Menschen zerbrochen ist.

Bildquelle: Wikimedia Commons1

Nach einem Jahrhundert der Psychotherapie wissen wir immer noch nicht zufriedenstellend, wie wir mit seelischen Verletzungen umgehen sollen. Viele stecken fest im Ignorieren der Verletzungen und überspielen die eigene Not. Traumata werden, damit wir in unserer Gesellschaft funktionieren können, einfach weggedrückt. Wir haben nur teilweise eine Kultur entwickelt, die zu einem guten Leben führt.

Unterschiedliche therapeutische Ansätze zur Traumaheilung wurden in den letzten Jahrzehnten sehr gut erforscht und für hilfreich befunden. Der Gehirnforscher Gerald Hüther schreibt in seinem Buch „Gebrauchsanleitung für unser Gehirn“, dass es sicher noch dauert, bis das Wissen in der Schule ankommt.

Lange wurde das Thema Trauma aus der Lehre ausgeklammert. Man könnte sagen, es gibt noch viel Entwicklungspotential in diesem Feld. Aufgrund der steigenden Anforderungen wird es immer dringlicher, das Wissen aus der Traumaforschung für die Pädagogik aufzubereiten. Sinnvoll wäre eine Implementierung in die Ausbildung für PädagogInnen. Das könnte auch die Lehrkräfte mittels besserer Selbstfürsorge vor dem Ausbrennen durch Sekundärtraumatisierung schützen.

Trauma ist eine komplexe Angelegenheit. Deshalb ist das Buch folgendermaßen aufgebaut:

Sie werden in dem Buch viel Wissen zum Verständnis der Traumadynamik finden, das Sie, also die Lehrkräfte, direkt anspricht.

Weiters werden viele praxiserprobte, einfache Übungen erklärt, in denen Ihre Schülerinnen und Schüler direkt angesprochen werden.

Bei dem Wunsch zur Vertiefung des Wissens gibt es eine umfassende Literaturliste oder Seminarangebote.

Mit den praxiserprobten Übungen können Lehrkräfte auf einfache Weise stabilisieren, ressourcenorientiert arbeiten, in Akutfällen handeln, stärken oder beruhigen.

Manche Übungen mögen auf den ersten Blick einfach und unspektakulär erscheinen. Allerdings: Stetig, als Ritual angewandt, sind sie sehr hilfreich und formen konstruktive, neue Gewohnheiten.

Das vorliegende Buch erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, ersetzt keinen Arzt oder Therapeuten.

Mag. Lisa Zehner – Psychologische Beratung, Maltherapie

1 Schale 1: Wikimedia Commons, Autor: Sakurasand; Schale 2: unbekannter Künstler: Schale 3: Haragayato

Inhalt

Titelseite

Vorwort

Was ist ein Trauma?

Monotrauma und Komplextraumatisierung

Bindungstrauma – Traumatische Kindheit

Sequentielle Traumatisierung: Beispiel Flucht

Das Basistrauma – „Trauma der Identität“

Transgenerationstrauma – Vererbte Narben

Reaktion während des Traumas

„Komm her, geh weg!“ – Traumatische Bindung

PTBS und ihre Auswirkungen auf das Alltagsleben

Wie sind Traumata oder posttraumatische Belastungsstörungen zu erkennen?

Posttraumatisches Wachstum

Psychoedukation – Die halbe Miete

Angst und Panik entstehen im Kopf

Was passiert bei einem Trauma im Gehirn?

Kraftquellen und Umfokussieren – eine Gebrauchsanweisung

Gebrauchsleitfaden für die Praxis

Quellen der Kraft und Stärke

Traumasensiblen Unterricht gestalten

Die Schule als sicherer Ort – Rahmen und Strukturen

Positive Rituale im Schulalltag

Klassenvertrag – sich beteiligen

STOPP-Technik und Time-out

Achtsamkeit – „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“

Achtsamkeitsübungen

Traumasensible Achtsamkeit – handlungsorientiert, nach außen gerichtet

Achtsamkeit und Angst – nur für erfahrene und stabile SelbstbeobachterInnen

Lösungsorientierte, wertschätzende Kommunikation

Gesprächsführung

Systemische Fragetechniken für Lehrkräfte und Kinder

Gewaltfreie Kommunikation

4-Punkte-Modell – Giraffen und Wolfssprache

Selbstregulation

Spannungsskala

Der Spannungsregler

Stress reduzieren

Emotionales Selfie

Trauma ist auch Körpersache

Bewegungsübungen

Kurzübungen – Hilfe zur Selbsthilfe

Training der Selbstermächtigung durch „Power Poses“

Balanceübungen

Links-, Rechts- und Überkreuzbewegungen mit Händen und Füßen

Klavierspiel

Kniechen/Näschen/Öhrchen

Links-, Rechts- und Überkreuzbewegungen mit dem Körper

Armkreisen

Walking-Variationen

Ellbogen – Knie, Schuhplattln, halber Hampelmann

Bewusstes Atmen für starke Nerven

Atemanker

Rhythmische Atmung 8 – 4 – 7 – 4

Wechselatmung

Atem- und Visualisierungsübung – Farbe ableiten

Ein Plädoyer für handschriftliches Schreiben

Psychologische Vorteile des Schreibens

Lernen und Gehirntraining

Expressives Schreiben oder Free Writing

Klar schreiben und kommunizieren

Schreiben, Dankbarkeit und eine gute Stimmung

Schwierige Zeiten liefern Treibstoff für das Free Writing

Was sagt die Wissenschaft?

Hilft schreiben bei Traumata? Eine Überprüfung der Theorie

Warum hilft Schreiben?

Weitere Studien zur positiven Wirkung des Schreibens

Wie soll das in der Praxis funktionieren? Tagebuch 2.0

Allgemeine Tipps zum täglichen Zehn-Minuten-Schreiben

Schreibübungen zur Ressourcenstärkung

Free Writing

Schülerinnen- und Schülerstimmen zum Free Writing

Glückstagebuch

Ich sammle Lernerfolge

Aufsatz: Zaubere dir deine Welt

Skillstraining: Selbstbewusstsein – Erschaffe dir deinen eigenen Planeten

Skillstraining: Sich sicher fühlen – Containment

Dein Wohlfühlort

Käseglocke – Ein sicherer Ort

Tresorübung („bewusste Verdrängung“)

Schatzkiste – Wegpacken und in Sicherheit bringen

Inneres Helferteam

Kreatives Schaffen – Ressourcen stärken

Stärkencollage

Mein starker Baum

Bilaterales Zeichnen

Notfallmaßnahmen – Akutinterventionen

Wie können Sie erkennen, ob sich jemand in einem Schockzustand befindet?

Zurückführen ins Hier und Jetzt

Beruhigung

Grounding, sich erden

Entspannungsübung mit sofortiger Wirkung

Sitzen: Rücken an Rücken

Lavalampe oder Sanduhr am Rückzugsort betrachten

Stellung des Kindes (Yoga)

Essen, Wasser trinken, Düfte riechen

Interventionen im Klassenzimmer – Übersicht

Sekundärtraumatisierung – Stärkung der Lehrkräfte

Lösungsansätze, Prävention, Selbstfürsorge

Vertiefendes Free Writing zur Psychohygiene für Lehrende

Praxisberichte

Traumatherapie

Glossar, Literaturliste

Zur Autorin

Impressum

Was ist ein Trauma?

Ein Trauma wird als eine psychologische und emotionale Reaktion auf ein Ereignis definiert, welche zutiefst belastend oder verstörend ist.

Um ein Trauma handelt es sich, wenn drei Bedingungen zusammenkommen.

Ein Erlebnis, das als existentielle Bedrohung für das eigene Leben oder das Leben einer geliebten Person empfunden wird,

die Bewältigungsmechanismen übersteigt,

als Einschnitt erlebt wird, der das bisherige Leben nachhaltig zum Schlechten verändert. Es gibt ein „Vorher“ und „Nachher“ bzw. „Seitdem“.

Betroffene werden durch die Empfindung, ihr Leben sei bedroht, in einen überwältigenden und hilflosen Zustand des Ausgeliefertseins versetzt. Das Resultat ist eine ungeschützte Angst-Schreck-Schock-Situation.

Das Gehirn wird dabei regelrecht mit Stress überflutet. Diese überschießende Erregung führt dazu, dass vernünftige Reaktionsmuster des Großhirns vorübergehend nicht mehr zugänglich sind. Die Kontrolle übernimmt ein instinktiv angelegtes Notfallprogramm. Der Totstellreflex, Furcht, Angst, Erstarrung, Dissoziation, Unterwerfung setzen ein.1

Gründe dafür sind vielfältig: pränataler Stress, eine schwere Geburt, frühkindliche Vernachlässigung, häufiges Verlassen- oder Alleingelassen werden, Verlust eines geliebten Menschen, Scheidung, emotionaler wie sexueller Missbrauch, Vergewaltigung, häusliche Gewalt, heftige Zurückweisung, Tod eines geliebten Menschen, ärztliche Eingriffe, Krankheit, Verletzung, Armut, Unfall, Gewalt, Krieg, Folter etc.

Nicht immer sind es schwerwiegende Erlebnisse, die ein Trauma verursachen. Bei sensiblen Menschen kann ein scheinbar harmloses Ereignis ein Trauma hervorrufen.

Menschen verarbeiten traumatische Ereignisse individuell, weil unsere bisherigen Lebenserfahrungen, Prägungen und Beziehungen zu anderen Menschen unterschiedlich sind.

Sich ohnmächtig zu fühlen, führt zum Verlust des Urvertrauens. Wir verlieren die Fähigkeit erfolgreich zu handeln, zu gestalten und für uns selbst gut zu sorgen.

Die Symptome eines Traumas haben unterschiedliche Merkmale. PsychologInnen haben mehrere Kategorien entwickelt, um verschiedene Arten von Traumata zu unterscheiden. Nachfolgend sind die im Moment gängigen Traumakonzepte aufgezählt.

Monotrauma und Komplextraumatisierung

Traumatyp I oder Monotrauma ist eine einmalige lebensbedrohliche Situation.

Beispiele: Unfall, Tod eines nahestehenden Menschen, Geburtstrauma, Vergewaltigung, Naturkatastrophe, Terroranschlag …

Traumatyp II oder Komplextraumatisierung ist eine immer wiederkehrende Bedrohung, kann mit der Zeit schlimmer werden und dauert lange an.

Beispiele dafür sind: sexueller Missbrauch über einen längeren Zeitraum, ständige Vernachlässigung, lebensbedrohliche Krankheiten, Mobbing-Situationen, Gefangenschaft, Folter, Kriegszustände …

Bindungstrauma – Traumatische Kindheit

Wie wir die Welt erleben und wahrnehmen, ist stark beeinflusst durch unsere Bindung und die Interaktion zur frühesten Bezugsperson. Wir lernen, ob unsere Bedürfnisse erfüllt werden oder ob wir immer wieder enttäuscht werden.

Entsteht durch: Gewalt, Vernachlässigung oder Missbrauch während der Kindheit. Die Persönlichkeit des Kindes ist nicht ausgereift und das Kind kann auf nur wenige positive Erfahrungen zurückgreifen.

Sequentielle Traumatisierung: Beispiel Flucht

Sequenz 1

Im Heimatland beginnt Krieg oder Verfolgung, das Leben ist bedroht. Die Notwendigkeit entsteht, sich in Sicherheit zu bringen und zu fliehen. Die Heimat wird verlassen.

Sequenz 2

Auf der Flucht ist der Flüchtling ungeschützt. Die Familie kann getrennt werden und Gewalterfahrungen sind möglich.

Sequenz 3

Im Asylland angekommen, lebt der Flüchtige meist in schwierigen Wohnsituationen. Das Asylverfahren ist nicht abgeschlossen, ständige Abschiebung droht. Der Flüchtling hat wenig Geld und ist gleichzeitig zur Untätigkeit verdammt. Die Bevölkerung ist feindselig.

Das Basistrauma – „Trauma der Identität“2

Franz Rupperts Konzept, das Trauma der Identität, geht von einer Traumabiographie aus. Der Mensch weiß und spürt nicht, was er will, da er den Bezug zu sich selbst verloren hat, und stets im Außen orientiert ist.

Aus dem heraus entsteht das „Trauma der Liebe“. Der traumatisierte Mensch identifiziert sich über seine Beziehungen und hat sehr hohe Erwartungen. Er will es allen recht machen und verliert sich symbiotisch im Gegenüber. Die Sehnsucht nach einer erfüllten Liebesbeziehung ist oft die Sehnsucht nach der eigenen Identität und Vollständigkeit.

Dies führt häufig zum „Trauma der Sexualität“, weil diese oft benutzt wird, um Nähe und Liebe zu erhalten und um die eigene innere Leere zu überspielen.

Ruppert spricht als Folge vom „Trauma der eigenen Täterschaft“. Opfer werden dabei leicht zu Tätern und traumatisieren andere. Ein Beispiel ist eine Mutter, die selbst vernachlässigt wurde. Es fällt ihr dadurch meist schwerer, dem eigenen Kind die Aufmerksamkeit und den Körperkontakt zu geben, den es für eine gute Entwicklung braucht. Erlebte Gewalt wird häufig immer wieder inszeniert.

Transgenerationstrauma – Vererbte Narben

Kinder tragen schmerzhafte Erinnerungen, die ihre Vorfahren nicht verarbeitet und gelöst haben, oftmals mit. Dies führt unweigerlich zu Einschränkungen. Man denke dabei an die Millionen Menschen, die direkt und indirekt in den zwei Weltkriegen des letzten Jahrhunderts von Traumata betroffen waren. Es gibt bereits Forschungsprojekte, die sich damit beschäftigen, wie Transgenerationstraumata über die Epigenetik von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden.

Epigenetik – kurz erklärt

Epigenetik umschreibt die Metaebene der Genregulierung. Laut Epigenetik reguliert der Zellkern unter dem Einfluss äußerer Faktoren, wann und in welchem Ausmaß welche Gene ein- und ausgeschaltet werden.3

1 Vgl. Lutz Besser, 2009, S. 44

2 Vgl. Franz Ruppert: Trauma der Identität

3 https://www.spektrum.de/thema/epigenetik/1191602

Reaktion während des Traumas

Wenn die absolute Überforderung eintritt, die Bewältigungsmechanismen versagen, ist die Reaktion eine Erstarrung oder ein Zusammenbruch. Kampf und Flucht sind nicht möglich.

Wir befinden uns im Extremstress und der Körper zieht instinktiv die Notbremse. Die Körperreaktionen sind folgende: Der Herzschlag verlangsamt sich, die Atmung wird flach. Übelkeit, Muskellähmung, Schreckstarre, Schock und eingeschränktes Schmerzempfinden können eintreten. Die Energie, die den Körper auf Kampf oder Flucht vorbereitet hat, bleibt im Körper eingeschlossen.

Schmerzen, Bilder, Geräusche, Gerüche … werden ausgeblendet.

Man hat das Gefühl, sich vom Körper zu lösen, abzuspalten (man wird zum eigenen Beobachter).

Informationen bleiben im emotionalen Gedächtnis (in der Amygdala) hängen.

Der Körper bleibt in einer nicht zu Ende gebrachten Stressreaktion.

In Folge kann das Erlebte nicht im Großhirn eingeordnet und abgespeichert werden. Die Integration in die Lebensgeschichte ist nicht möglich.

Die nicht genutzte Spannung im Körper bleibt bestehen und übermittelt so dem Gehirn, dass die Bedrohung weiter besteht. Der Alarmzustand im Körper wird aufrechterhalten und man reagiert so, als ob lange nach dem Erlebnis immer noch Gefahr bestünde.

Fragmentierung – Es bleiben Fragmente der Erinnerung

Fragmente: Details, Gedankensplitter und Erinnerungsfetzen verbleiben im Gedächtnis des Körpers und der Emotionen,

ohne logische Abfolge, ohne Wort,

sie drängen sich willkürlich und ungesteuert auf.

Wenn der Schock körperlich, emotional und mental nicht verarbeitet werden kann, entstehen daraus posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS).

Der natürliche Zustand von Wohlbefinden wird ersetzt durch Schmerz, existentielle Angst und einen instinktiven Überlebenstrieb. Das erfordert allerdings das „Wegdrücken“ der Erinnerungen und aller damit verbundenen Gefühle und Körperempfindungen. Um den Schmerz nicht mehr zu fühlen, wird er durch ein Schutzverhalten (Dissoziation, körperliche Anspannung, Erstarren, Hilflosigkeit, „sich Wegbeamen“ etc.) ersetzt. Dadurch kann man weiterhin funktionieren. Das Erlebte wird verdrängt. Eckhart Tolle, ein moderner Weisheitslehrer, bezeichnet diesen verdrängten Anteil als Schmerzkörper. Er vergleicht die abgespaltenen Teile mit der Figur des Gollum aus „Herr der Ringe“: ewig fordernd, nie zufrieden, verschreckt, einsam, voller Schmerz, verhärmt, ruhelos, ängstlich, lästig, hässlich. Er ist wie unsere Schattenseiten, die wir nicht an uns mögen.

„Komm her, geh weg!“ – Traumatische Bindung

Die Entwicklung eines Kindes gelingt durch eine stabile, liebevolle Beziehung oder gelingt nicht durch eine schwierige, gestörte Beziehung zu den wichtigen Bezugspersonen. Das betrifft die soziale, emotionale und kognitive Entwicklung des Kindes.

Eine Bindungsstörung kann entstehen, wenn Kinder misshandelt, missbraucht oder stark vernachlässigt werden, essentielle Bedürfnisse eines Kinders werden nicht erfüllt. Der Verlust wichtiger Bezugspersonen oder eine Erkrankung der Eltern kann dazu führen, dass das Kind nicht angemessen versorgt wird.

Bindungsstörungen, die im Unterricht relevant sein können1

Es ist wichtig, sie kennenzulernen, um einer Fehlinterpretation des Verhaltens vorzubeugen.

Kein Bindungsverhalten: Es wird keine Nähe gesucht. Die Bevorzugung einer Person ist nicht erkennbar.

Undifferenziertes Bindungsverhalten: Kinder unterscheiden nicht, wie lange sie eine Person bereits kennen. Selbstgefährdende Unfälle sind bei diesem Bindungsverhalten möglich.

Übersteigertes Bindungsverhalten: Kinder klammern stark an der Bezugsperson, sind bei einer Trennung untröstlich, weinen, toben oder geraten in Panik.

Gehemmtes Bindungsverhalten: Kinder fallen durch übermäßige Anpassung auf und kommen Anforderungen sofort nach. Diese Kinder haben oft körperliche Misshandlungen erlebt und haben gelernt, ihre Bindungswünsche zurückzuhalten.

Aggressives Bindungsverhalten: Der Wunsch nach Nähe wird körperlich oder verbal durch Aggression gezeigt. Die Kinder fallen als störend auf. Sie kommen rasch zur Ruhe, wenn eine Bindung hergestellt wird. Den Bindungswunsch hinter diesem Handeln zu sehen, ist pädagogisch wichtig.

Rollenumkehrung: Das Kind schränkt seine Wünsche ein, hält sich in der Nähe der Bezugsperson auf und verzichtet auf das eigene Erkunden der Umwelt. Es ist um das Wohlergehen der Erwachsenen besorgt.