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Von Globetrotter für Globetrotter. Träume leben. Ob direkt vor der eigenen Haustür, im australischen Outback oder an heiligen Bergen in Tibet ... Ob zu Fuß oder aus dem Fahrradsattel heraus ... Ob im Kampf gegen äußere Umstände und innere Schweinehunde ... Wer in die Welt hinausgeht, die Welt in sich hineinlässt, der hat etwas zu berichten. In dieser Kurzgeschichtensammlung erzählen Globetrotter Mitarbeiter von ihren Reiseerlebnissen. Vielfältig, witzig, nachdenklich, anregend - und garantiert nie langweilig.
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Seitenzahl: 132
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Von Globetrotter für Globetrotter.
Träume leben.
Ob direkt vor der eigenen Haustür, im australischen Outback oder an heiligen Bergen in Tibet ...
Ob zu Fuß oder aus dem Fahrradsattel heraus ...
Ob im Kampf gegen äußere Umstände und innere Schweinehunde ...
Wer in die Welt hinausgeht, die Welt in sich hineinlässt, der hat etwas zu berichten.
In dieser Kurzgeschichtensammlung erzählen Globetrotter Mitarbeiter von ihren Reiseerlebnissen. Vielfältig, witzig, nachdenklich, anregend - und garantiert nie langweilig.
Triffst Du an eine Weggabelung, beschreite sie.
(aus dem Zen-Buddhismus)
Meine Reise nach Peru zum Kinderhaus ANJ (Ayuda para niños Junin)
Die Katze schnurrt nun vergnügter
Viecher
Künstliche Intelligenz
Navi männlich
Kailash - kostbares Schneejuwel
Flugversuch
Piratenpicknick
Bankrott im Busch
Die Gabe
Nacht über Nepal – Flucht vom Dach der Welt
Angebergene
Tasmaniens wilder Südwesten
Fahrradausflucht
Björn Lampmann
gefördert durch Globetrotter Ausrüstung Hamburg und München
Kinder – wir sind du
Ungeduldig warte ich am Münchner Flughafen. Das fängt ja schon gut an! Wo bleibt denn nur Sabine? Wir müssten schon längst eingecheckt haben. Aber wie lautet eine der wichtigsten Meditationsübungen im Zen-Buddhismus? „Akzeptiere die Wirklichkeit des Jetzt“. Na schön. Wenige Minuten später braust Sabines1 Wagen schon heran. Ein Küsschen auf die Wangen und ab geht es zur Gepäckaufgabe. Mein Rucksack wiegt 30 Kilogramm. Wir sind viel zu spät dran, um das Gepäck umzupacken, und müssen es sofort aufgeben. Was soll das Übergepäck kosten? Autsch – doch nur 200 Euro!
Nun möchte ich den Flug nach Peru nicht weiter beschreiben. Er ist schlichtweg ein Desaster. Wegen eines Unwetters verpassen wir unseren Anschlussflug von Amsterdam nach Lima. Erst am nächsten Tag können wir via Panama nach Peru weiterreisen. Dort angekommen, mache ich nur fünf Gepäckstücke aus. Hatten wir nicht sechs aufgegeben? Bitte nicht! Genau mein Rucksack, in dem sich die Geschenke für die Kinder befinden und für den wir 200 Euro berappen mussten, liegt nicht auf dem Förderband. Hatte ich, als Profi-Traveler, Ersatzunterwäsche und Hygieneartikel mit im Handgepäck? Natürlich nicht. Macht ja nichts. Mein Rucksack soll mit Umwegen ja schon nach sieben Tagen im Kinderheim eintreffen.
Wie so oft haben wir Glück. Sandra, eine wohlsituierte Deutsche, die seit Jahrzehnten in der peruanischen Kapitale lebt, lädt uns erst mal zu sich in ihr Strandhaus in San Antonio ein. Dort genießen wir peruanische Köstlichkeiten, trinken Pisco Sour2 – und ich erhalte ein paar saubere Unterhosen ihres sich auf Reisen befindenden Ehemanns. Zwei Tage später machen wir uns auf den Weg. Verlassen den trüben Moloch Lima mit seinen 9 Millionen Einwohnern. Eine der mir liebsten Autostrecken führt durch eine der trockensten Gegenden der Erde. Innerhalb von nur knapp 3 Stunden windet sich die Straße auf 4800 Meter und erreicht bei Ticlio ihren höchsten Punkt. Vor 12 Jahren war dies noch eine Staubpiste mit knietiefen Schlaglöchern.
Für Sabine ist bisher jede Fahrt in die peruanischen Anden ein Albtraum und endet meistens damit, dass sie sich übergeben muss. Leider auch diesmal. Ich bewundere ihren Einsatz und ihre Opferbereitschaft für die Kinder. Ich hingegen liebe diese Fahrt in das 290 Kilometer von Lima entfernte San Pedro de Saño.
Nachdem wir Lima verlassen haben, begleiten uns himmelstürmende Berge, duftende Wiesen und Eukalyptushaine. Darüber wölbt sich ein kobaltblauer Himmel. La Oroya, eine der höchstgelegensten Bergbauminen der Welt – und sicherlich auch eine der dreckigsten – ist eines der traurigen Zeugnisse unseres Fehlverhaltens in dieser einzigartigen Naturschönheit.
Nach fünf Stunden serpentinenreicher Fahrt öffnet sich ein weites Tal, das über den mäandernden Mantaro-Fluss hinweg den Blick weit auf die schneebedeckten Gipfel der Anden freigibt. Wenig später erreichen wir San Pedro de Saño. Das Dorf hat knapp 400 Einwohner und liegt auf 3285 Meter Höhe. Ich fühle mich um 100 Jahre unserer Zivilisation zurückversetzt. Vor wenigen Jahren gab es hier weder Strom noch fließendes Wasser. Von der asphaltierten Hauptstraße führt ein mit Schlaglöchern übersäter Feldweg zu Sabines Kinderhilfe ANJ – „Ayuda para niños Junin“.
Nun wird es aufregend. Vor allem für Sabine, die nach gut einem Jahr Abwesenheit einige Neuankömmlinge begrüßen wird. Das weiße Haupttor öffnet sich. Fröhliches Kinderlachen und Jubeln schwappt wie eine Woge über uns zusammen. Im Nu sind wir von schreienden, jubelnden Mädchen umgeben, die sich vor Freude gar nicht mehr einkriegen können. Die ersten Freudentränen kullern die Wangen hinab. Emotionen brechen auf. Sandra und ich sehen die Freude in Sabines Gesicht nach all den Strapazen der letzten Tage. Anfangs sind die Mädchen und ich, nach fünf Jahren der Abwesenheit, etwas schüchtern zueinander, doch das legt sich innerhalb kürzester Zeit. Erstes Gelächter kommt auf, als die Mädchen meinen, ich hätte auf meinen Unterarmen mehr Haare als auf dem Kopf. Da muss es sich hoffentlich um einen Irrtum handeln.
Wir verzeichnen drei Neuzugänge. Die nun fast einjährige Dayana, die einem Püppchen gleicht, und die vierjährige Tanya. Margot, ein elfjähriges Mädchen, lebte wohl früher in „verwilderten“ Verhältnissen. Bei ihrer Ankunft im Heim, so hieß es, schlug, biss und kratzte sie wild um sich. Die Eingliederung fiel ihr anfangs wohl sehr schwer. Die Biographien der Mädchen gleichen sich fast immer und sind eine Verkettung von unzähligen Dramen. Verprügelt, vernachlässigt, mitunter von Mitgliedern der eigene Familie vergewaltigt. Einige sind Waisen und wurden verwahrlost am Straßenrand gefunden. Vor Hunger aßen einige, wie die kleine Kelly, ihren eigenen Kot. Die Gründe dieser Dramen haben tiefe Wurzeln. Alkoholismus, Frustration, Landflucht – und das koloniale Trauma von einst ist nicht überwunden. Hier bei ANJ haben die Kinder ein neues Zuhause gefunden. Einige der Mädchen haben sich längst zu selbständigen Frauen entwickelt, die bereits die Universitäten Huancayos und Limas besuchen. Andere träumen davon, ins Ausland zu gehen.
Globetrotter spendete vorab 4000 Euro, damit ich notwendige Renovierungsarbeiten erledigen konnte. Die Spende wurde auf ein Spendenkonto der ANJ Kinderhilfe Peru überwiesen. Bei einer Dachreparatur dachte ich anfangs, man legt ein paar neue Dachpfannen auf die Latten und fertig. Mitnichten! Bei näherem Hinsehen erweist sich das Vordach als komplett marode. Wir müssen das Dach, wie soll ich es beschreiben – abreißen! Es bleiben nur noch die tragenden Dachbalken übrig. Darüber genießt du den Blick in den freien Himmel. Wieder haben wir Glück. Daniel und Marc, zwei Schweizer, die in Peru umherreisen, hören von ANJ und bieten spontan ihre Hilfe an. Dutzende Schubkarrenladungen sind nötig, um den Schutt hinauszubefördern.
“Wohin damit?“, frage ich einen der Arbeiter. "Ab in den Fluss“. Entgeistert schaue ich ihn an. Wir einigen uns auf eine andere Stelle hinter seinem Haus. In 3600 Meter Höhe komme ich schnell aus der Puste. Vianca und ihre Freundinnen lieben es, in der Schubkarre durch den Patio zu heizen – und ich bin völlig erledigt. Als ich am Abend todmüde ins Bett falle, entsinne ich mich einer Geschichte von A. Papadaki, der in seiner Novelle “Die Farbe des Mondes“ von den glücklichen, oftmals kleinen, Augenblicken des Lebens schrieb, die unseren Alltag bereichern. In dieser Geschichte drängt der Stern einen alten Kirschbaum dazu, ihm über die glücklichen Momente des Lebens zu berichten. Gibt es heute nach dieser Schufterei solche Augenblicke? Es gibt sie:
Eine dampfende Kaffeetasse in Sabines Händen, Trocknende Wäsche im leichten Wind, filigrane Wolken am Abendhimmel, die warme Hand Rosalindas in der meinen.
Die nächsten Tage gleichen denen eines ganz normalen Handwerkers. Zwischen sechs und halb sieben aufstehen. Gymnastik, mit Glück – aber nicht immer – heiß duschen. Um acht gemeinsames Frühstück. Danach zum Baummarkt Maestro in Huancayo, um Material und andere Utensilien zu kaufen. Darunter befindet sich auch ein Mundschutz. Ich weiß nicht, wieviel Dreck und Staub ich in den letzten Tagen eingeatmet habe. Tagsüber kratzt und brennt mir der Rachen, die Augen tränen. Aber die Mühe lohnt. Das neue Dach nimmt Konturen an. Nachmittags haben wir ein zünftiges Fußballspiel. Mit jungen Señoritas ist das gar nicht so einfach. Jede will mit dem Gringo spielen, und flugs ist nach wenigen Minuten eine neue Mannschaftsaufstellung nötig. Egal, spielen wir einfach Volleyball, wobei wir uns die Bälle nur so um die Ohren schießen. Am Abend schreibe ich über die glücklichen Augenblicke dieser Tage in mein Tagebuch:
Bunte Blumen am Straßenrand, wetteifernd, die Schönste zu sein, eine Schafherde am nahen Eingang, das unvergessliche Lachen eines Verkäufers am Markt, Regentropfen, die mein Gesicht küssen, Vianca, die uns winkend hinterherruft. Ich liebe Euch.
…und bedarf es noch anderer Momente im Leben, um glücklich zu sein??
An einem warmen, sonnigen Sonntag versammelt sich halb San Pedro vor der Kirche. Ein Großereignis findet statt. Die Kinder des Ortes werden getauft. Unter ihnen befinden sich Dayana und Tanya. In ihren weißen Kleidchen wirken sie wie kleine Püppchen. Vianca, Milagros und Rosalinda erhalten ihre Firmung und sehen wie drei bezaubernde Prinzessinnen aus. Auf den Nachbarbänken kämpfen einige Gläubige mit dem Schlaf und gähnen völlig ungeniert. Ein geselliger Hund schaut auch noch kurz in der Kirche vorbei. Froh darüber, die Messe überstanden zu haben, balgen die Kinder sich um die mitgebrachten “Caramelos“, die wir im Kirchenhof in die jubelnde Menge werfen.
Zum Festtag bereitet Gina ein köstliches Pachamanca3 vor. Als Vegetarier bleibt mir außer ein paar Bohnen, Mais und Kartoffeln nicht viel übrig. Aber das bin ich in Peru schon gewohnt. Für mich kein Feinschmeckerland. Ich verwöhne mich fast allabendlich im Pizzarestaurant, wo mir nach einer deftigen Gemüsepizza sprichwörtlich der Käse aus den Ohren kommt.
Die Schutthalde vor unserem Haus will einfach kein Ende nehmen. Mit Marcs gebündelter Kraft schaffen wir es schließlich. Danach mache ich mich daran, die Türen zu lackieren und die Außenmauern zu streichen. Die Kinder helfen fleißig mit. Oft stelle ich mir die einfältige Frage, wer hier wem mehr gibt: ich den Kindern oder sie mir. Unseren letzten Tag verbringen wir in Huancayo im Plaza Vea – einem gigantischen Einkaufszentrum à la “to go“: Coffee to go, Pizza to go, Credit to go. Luxus, Kommerz, der einen überallhin begleitet und erschlägt. Einige Hochland-Indigenas stehen staunend vor einer Rolltreppe. Beobachten das Auf und Ab. Klack, klack, klack. Mit großen Augen, wie Kinder, völlig ausgeliefert dieser neuartigen Welt. Mit einem eleganten Sprung ergattern sie das Kettentier, welches sie in den Schlund der gewieften Verkäufer führt. Diese stehen ihrer Kundschaft mit den neuesten Geräten gegenüber. Barzahlung ist nicht nötig. Auf Kredit zu 0 % finanziert. Bei diesen Geschäften gewinnt letztlich immer das Plaza Vea. Die Kinder sind auch völlig aus dem Häuschen. Sabine erlaubt ihnen, einen Teil ihrer Ersparnisse auszugeben. Jedoch sind einige gewieft und sparen lieber für spätere Zeiten. Mit Pollo al la braza, Pizza und Popcorn geht dieser Tag zu Ende, und so fällt mir der Abschied von den Kindern bedeutend leichter.
Am Busbahnhof warte ich auf die bevorstehende Abfahrt. José, ein Bekannter, wollte mich ursprünglich zum Frühstück treffen, tauchte aber nicht auf. Aber ich kenne sie ja, meine Latinos. Eine sanfte Berührung an meiner Schulter lässt mich herumfahren. Da steht er – José. Mit Tränen in den Augen entschuldigt er sich Dutzende Male bei mir. Wir halten uns die Hände, umarmen uns. Auch meine Augen füllen sich mit Tränen. “Buen viaje, amigo. Cuidate.“ Immer wieder sehe ich zurück, in das mir vertraute Tal. Die Schneeberge rücken immer weiter in die Ferne. Unverfälschtes Kinderlachen dringt an meine Ohren, so unbekümmert und echt. Augenblicke später ist auch dieses verschwunden.
Wisst ihr, was der alte Kirschbaum in A. Papadakis Geschichte dem Stern antwortete, als er diesen überglücklich hinter einem Regenbogen verschwinden sah? “Ich liebe dich sehr.“
1 Sabine Herrmann ist Gründerin von ANJ. Weitere Informationen finden Sie unter: www.kinderhilfe-peru.de
2 Pisco Sour: Cocktail aus der Sour-Familie, benannt nach der Stadt Pisco in Peru
3 Pachamanca: Quechua, wörtlich Erd-Topf Speise. Wird in Peru als Nationalgericht gesehen. Zutaten sind neben Meerschweinchen (Cuy), Kartoffeln, Mais und Gemüse
Heinz Gsottberger
Das grüne Buch in den Händen stand er verärgert an der Route Départemental in Colleville sur Mer. Mit leerem Magen. Scheißfranzosen hier, wollen einfach nicht verstehen, was er da vorliest. Geben sich überhaupt keine Mühe in dem Laden. Kann er also seinen kleinen Sprachführer einpacken. Nettes Land eigentlich, wenn die Kerle nur normal reden würden. Versteht doch kein Mensch, das Kauderwelsch. Hätte ja nicht so kommen müssen. Geplant als Beziehungssanierung wollten sie in die Normandie radeln. Passte auch ganz gut: Er erledigt technische Probleme und plant die Route, sie spricht französisch und kommuniziert mit den Einheimischen. Dazwischen erlebt man gemeinsam Land und Leute, sieht viel. Hat frische Luft und leckeres Essen. Auch Campingplatz ist gut. Aber: Problemen kann man nicht davonradeln.
Völlig unbeabsichtigt und ohne bösen Willen war er vor dem Urlaub in eine Affäre mit einer Studienkollegin gestolpert. Sie fand das nicht harmlos und hielt ihm seine Untreue gerne und beständig vor. Dennoch rauften sie sich zusammen und fuhren los, Richtung Bayeux. Nach dem Besuch der Campingplatz-Schänke mit allerhand Calvados hob sie erneut mit ihren Vorhaltungen an. Dann seine Konsequenz:
„Zieh ich eben aus, wenn du mir nicht mehr traust.“
„Meine Mutter hat schon immer gesagt, dass du nix wert bist!“
„So wie dein Vater.“
„Hau doch ab, elender Scheißkerl, mein Vater war tausendmal mehr wert als du!“
„Klar, drum is’ er auch durch.“
„Pack deinen Krempel, deine stinkenden Klamotten und verzieh dich! Aber vorher krieg ich noch Miete von dir!“
„Bin aber augenblicklich eher knapp, weißte doch?“
„Dann verkauf dein Scheißrad!“
„Is’ nicht Scheiße, is’ Titan. Geh ich lieber arbeiten.“
„Haste doch sonst auch nie, du, ... du Rennfahrer!“
Als sie die fehlende Deckung ihrer Zukunftspläne erkannte, eskalierte die Situation im normannischen Wohnwagen. Aus Weinen wurde Heulen und daraus Schreien. Sachlich war anders. Nach dem zweiten Treffer hielt er dagegen und warf sie aufs Klappbett. Ein Gerangel entbrannte, das er nur knapp für sich entscheiden konnte. Rote Flecke und vier ordentliche Kratzer am Hals blieben ihm. Verletzt nächtigte er im Schlafsack vor dem Camping-Domizil. Am Morgen warf sie die vorher geöffneten Packtaschen aus dem Wagen und stieß sein Rad um. Das war zuviel.
Er sammelte die Ausrüstung im Gras ein, ging ins Waschhaus und machte sich reisefertig. Mit einem Fuß bereits im Pedal rief er sein Lebewohl zum Wohnwagen: „Ja, sie vögelt besser und hat hübschere Brüste als du!“ Dann trat er an. Beim nächsten Dorfladen begannen allerdings seine Schwierigkeiten: So wie er etwas bestellte, schien kein Normanne zu sprechen. Auch das Vorlesen aus dem grünen Buch half nicht. Amüsiert und mitleidig beschaute man diesen dürren Kerl mit den Gummihosen. Schließlich erlaubte man ihm, seine Wünsche mit Fingern zu deuten, und man schrieb ihm den Preis dafür auf einen Zettel. Sollten sich alle Franzosen so anstellen wie die Ladenhüter hier, kann er ein Fortkommen mit Bus oder Bahn ausschließen. Also auf Achse.
Wenigstens vier Etappen braucht es bis in halbwegs deutschsprachiges Gebiet. Nur muss er dazwischen essen und irgendwo schlafen. Sobald er sein Baguette verschlungen hat, ergibt er sich seinem Schicksal und macht sich auf den Weg. Kehrt dem Kanal den Rücken und nimmt die Rue Nationale gen Osten. Die Gegend erhebt sich, der Wind ist auflandig. Er schiebt ihn weg. Weg von dieser hübschen Küste, weg von ihr, weg von einer Wohnung am Studienort. Vor einer kleinen Ortschaft geschieht es dann: ein Lastwagen überholt knapp, er weicht aus, kommt von der Straße ab und fährt platt. Während er akrobatisch ausbalanciert und das Rad zum Stehen bringt, nimmt er eine fette rotgestreifte Katze in der zunächst liegenden Windschutzhecke wahr. Vermutlich eins der Biester, die die Abfälle der Touristen durchwühlen und alles fressen, was drin ist.
