Träume sind wie der Wind - Janette Oke - E-Book

Träume sind wie der Wind E-Book

Janette Oke

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Beschreibung

Belinda, das "Überraschungskind" der Familie Davis, hat ein großes Herz für Schwache und Kranke. Von ihrem Bruder Larry, einem Arzt, wird sie in der Krankenpflege angeleitet. Doch die Herausforderung, Menschen mit körperlichen und seelischen Wunden zu helfen, erweist sich als große Herausforderung für die junge Frau. Als Belindas Nichte Melissa zur Familie Davis zieht, wird nicht nur Belindas Freundschaft zu Amy Jo auf die Probe gestellt - auch das große Wetteifern beginnt: Was geschieht, als sich alle drei Frauen in denselben jungen Mann verlieben? Teil 6 der beliebten Siedler-Serie von Janette Oke.

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Seitenzahl: 337

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über die Autorin

Janette Oke wurde 1935 auf einer Farm in Alberta, Kanada, geboren. Sie ist Mutter von vier erwachsenen Kindern. Mit ihrem Ehemann Edward wohnt sie in Alberta, nahe der Farm ihrer Eltern, die zu einem Museum umgerüstet wurde.

Janette Oke

Träume sind wie der Wind

Die Siedlerserie, Band 6Aus dem Amerikanischen von Beate Peter

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG („Text und Data Mining“) zu gewinnen, ist untersagt.Die amerikanische Originalausgabe erschien im Verlag Bethany House Publishers unter dem Titel „Love’s Unfolding Dreams“ (© 1987 by Janette Oke)

© der deutschen Ausgabe 1987 Gerth Medien

in der SCM Verlagsgruppe GmbH

Berliner Ring 62, 35576 WetzlarErschienen im März 2026

ISBN 978-3-96122-713-6Umschlaggestaltung: Gert Wagner unter Verwendung bildgebender Generatoren

Erstellung E-Book: Uhl + Massopust, Aalenwww.gerth.de

Belinda

„Mama! Schau doch nur!“

Der Schreckensausruf ihrer Jüngsten ließ Marty von der Teigschüssel aufsehen und herumfahren. Der Ton in der Kinderstimme verriet ihr, dass etwas Schlimmes geschehen sein musste. Martys Herz stockte. Was war passiert? War das Kind verletzt?

Mit geübtem Blick suchte Marty die schmale Gestalt ihrer Tochter auf Blutspuren ab. Ihr Kleidchen, bis vor Kurzem noch sauber und sorgfältig gebügelt, hing schmutzig und zerknittert an ihr herunter. Eins ihrer Zopfbänder hatte sich gelöst, sodass ihr die Haare offen auf die Schulter fielen. Das Gesicht war tränenüberströmt, doch verletzt war sie nicht, stellte Marty erleichtert fest. Sie hob den Blick wieder, um ihrer Tochter in die blauen, tränennassen Augen zu sehen.

„Schau doch nur!“, rief Belinda weinend.

Erst jetzt sah Marty den kleinen Sperling in Belindas Hand. Sein Gefieder war zerzaust und nass, und das Köpfchen hing ihm schräg zur Seite. Das winzige Körperchen wurde von Krämpfen geschüttelt. Marty erschauderte vor Mitleid.

„Warum musste ausgerechnet Belinda den Vogel finden?“, seufzte Marty. Sie kannte das zarte Gemüt ihrer Tochter. Die Kleine würde bestimmt den Rest des Tages damit verbringen, um den verletzten Vogel zu trauern.

Marty wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab und zog Belinda an sich. Das ruinierte Kleid und die aufgelösten Haare erwähnte sie mit keinem Wort.

„Wo hast du ihn denn gefunden?“, fragte sie stattdessen voller Anteilnahme.

„Die Katze hat ihn gehabt!“, schluchzte Belinda. „Ich hab sie durch die ganze Scheune jagen müssen, und dann … und dann …“ Weiter kam sie nicht. Von einem neuen Tränenausbruch übermannt, vergrub sie das Gesicht in Mamas Schürze und schluchzte herzzerreißend.

Marty hielt sie fest in den Armen, bis sie ein wenig ruhiger geworden war. Schließlich hob Belinda den Blick. Den winzigen Vogel hielt sie noch immer behutsam in der Hand.

„Jetzt … muss er … sterben, Mama, nicht wahr?“, stieß sie mühsam hervor.

„Nun, ich … ich kann’s dir nicht genau sagen“, stotterte Marty und untersuchte nochmals das verletzte Tierchen. Ja, er schien seinem Ende tatsächlich recht nahe zu sein. Wenn nicht ein Wunder geschah, würde er wohl sterben, doch es fiel ihr unendlich schwer, der Kleinen das zu sagen. Außerdem hatte sie schon manches Wunder am eigenen Leibe erfahren. Ach, mein Gott, betete sie im Stillen, ich weiß, es ist bloß ein kleiner Sperling, aber du hast doch gesagt, dass du jeden Sperling siehst, der vom Himmel fällt. Wenn du auch so traurig darüber bist wie Belinda, mach ihn doch bitte wieder gesund.

„Wir müssen ihn warm halten“, sagte Belinda plötzlich hoffnungsvoll.

„In meinem Schrank steht ein leerer Korb. Ich hol schnell ein paar alte Tücher aus meiner Lappenkiste“, gab Marty zurück.

Belinda lief los, um den Korb zu suchen, während Marty in ihre Vorratskammer ging, wo sie Stoffreste und abgetragene Kleidungsstücke für Ausbesserungszwecke aufbewahrte. Mit einem weichen Flanellstück kehrte sie in die Küche zurück. Beinahe gleichzeitig kam Belinda mit dem Korb herbeigerannt.

Gemeinsam richteten sie ein warmes Bett für das Vögelchen her. Dann legte Belinda es behutsam auf das Tuch. Es schien schlimmer verletzt zu sein, als Marty zunächst befürchtet hatte. Das Köpfchen hing kraftlos zur Seite, und außer einem leichten Zittern war kein Lebenszeichen mehr zu erkennen. Wieder brach Belinda in Tränen aus.

„Können wir ihn nicht zu Larry bringen?“, flehte sie.

Alles, was recht ist!, dachte Marty. Eine Fahrt in die Stadt wegen eines halb toten Spatzen! Wie viele von Belindas kleinen Schützlingen hatte ihr Sohn schon im Laufe der Jahre verarztet? Und dabei hatte er stets eine Engelsgeduld bewiesen und alles getan, was nur in seiner Macht stand, um auch das kleinste Tier zu retten. Für diesen Vogel hier würde jedoch alle Hilfe zu spät kommen, fürchtete Marty. „Wir fragen Papa“, entschied sie. „Er wird gleich nach Hause kommen.“

Marty wandte sich wieder ihrem Nudelteig zu. Ja, Clark würde in Kürze mit einem Bärenhunger von der Feldarbeit heimkommen. Sie musste sich beeilen, das Abendessen rechtzeitig fertig zu bekommen. Rasch wusch sie sich die Hände und begann, den Teig auszurollen.

Belinda nahm den Korb mit dem verletzten Sperling und trug ihn in ihre Lieblingsecke neben dem Herd. Ihre Tränen waren versiegt, doch über ihren rot geweinten Augen stand noch immer der Schatten des Grauens. Warum trachteten Katzen nur den Vögeln nach dem Leben? Im Grunde liebte Belinda die Scheunenkatzen heiß und innig. Sie hätte mit demselben Eifer um das Leben einer verletzten Katze gekämpft. Mit der Hilfe ihres großen Bruders Larry hatte sie es sogar schon manches Mal getan. Warum mussten sie nur den Vögeln gegenüber so grausam sein? Es war einfach nicht fair. Behutsam strich Belinda dem Vögelchen über den schwachen Körper. Selbst das Zittern hatte schon aufgehört.

Die Haustür fiel krachend ins Schloss. Ohne eine Stimme gehört zu haben, wusste Marty, dass Amy, Lukes und Kates Älteste, auf dem Weg zu ihr war.

„Oma?“, rief das Mädchen schon vom Flur her. „Oma, weißt du, wo Lindy ist?“

Amy war die Einzige, die Belinda „Lindy“ nannte. Marty war überzeugt, dass sie auch die Einzige war, die sich das erlauben konnte. Belinda sprach ihren eigenen Namen stets deutlich und in seiner vollen Länge aus, doch die ausgelassene, unbekümmerte Amy scherte sich nicht um persönliche Wünsche und nannte Belinda so, wie es ihr gerade gefiel.

„Da sitzt sie doch, neben dem Herd!“, gab Marty zurück, ohne den Blick von ihrem Nudelteig zu heben.

Die Kleine war noch immer außer Atem. Sie war wieder einmal gelaufen, so schnell ihre Beine sie nur tragen wollten, aber das hatte Marty nicht anders von ihr erwartet.

„Hast du Lust, mit mir …“, rief Amy und steuerte auf Belindas Lieblingsecke am Herd zu. Plötzlich blieb sie stehen. „Was hast du denn da?“, fragte sie etwas verächtlich. „Schon wieder eine Maus?“

„Nein, einen Vogel“, antwortete Belinda traurig.

„Was ist denn passiert?“

„Die Scheunenkatze hat ihm nachgestellt.“

„Ist er arg verletzt?“

„Ja, ganz schlimm.“

„Warum hast du ihn denn nicht zu Onkel Larry gebracht?“

Amy kannte das übliche Verfahren, wenn Belinda ein krankes Tier gefunden hatte.

„Wir warten noch auf Papa.“

Belinda nahm ihre Hand zur Seite, damit Amy einen Blick auf ihren kleinen Schützling werfen konnte. Einen Moment weiteten sich auch Amys blaue Augen vor Entsetzen. Das Tierchen war so winzig und hilflos und so … so furchtbar zerzaust.

„Ich glaub, er ist schon tot“, flüsterte sie voll aufrichtigen Mitgefühls.

Belinda war nahe daran, aufs Neue in Tränen auszubrechen, als der kleine Vogel sich noch einmal regte. „Ist er nicht“, gab sie trotzig zurück. „Siehst du?“

Marty gab die Nudeln in den Topf mit dem siedenden Wasser und legte frisches Brennholz auf das Ofenfeuer. Gerade wollte sie den Tisch decken, als das Gebell des Hofhunds draußen Clarks Ankunft meldete. Marty sah auf die Uhr im Regal. Das Essen würde mit Verspätung fertig sein, und zudem kam Clark heute etwas früher heim, als sie erwartet hatte.

„Opa“, rief Amy ihm entgegen, bevor er auch nur Zeit für eine Begrüßung hatte, „Opa, Lindy hat wieder ein krankes Tier!“

Clarks Gesicht spiegelte Besorgnis wider, als er die Küche betrat. Er sah seine Tochter in der Ecke neben dem Herd; mit den Händen hielt sie einen kleinen Korb umklammert. Sein Blick suchte Martys Augen. „Was ist los?“, schien er wortlos zu fragen. „Ist es ernst?“

Mit einem nahezu unmerklichen Kopfschütteln antwortete sie ihm: „Zu spät. Er wird’s nicht schaffen.“

Beim Anblick ihres Vaters füllten sich Belindas Augen wieder mit Tränen.

„Es ist ein Sperling, Papa“, flüsterte sie. „Die Katze hat ihn erwischt!“

Clark musterte seine aufgelöste Tochter. An ihrem Aussehen konnte er ablesen, dass sie eine wilde Jagd hinter sich hatte, um den kleinen Vogel zu retten. Daraus wiederum schloss er, dass das Tier arg zugerichtet sein musste. Er hängte seine Jacke an den Haken und ging auf die beiden Mädchen, die um den Korb kauerten, zu.

Zunächst wollte er den Sperling aus dem Korb heben, um ihn aus der Nähe zu betrachten, doch dann besann er sich. Das Tier besaß kaum noch einen Funken Leben im Leib. Jede Berührung würde ihm nur unnötig Schmerzen verursachen.

„Es hat ihn arg erwischt, nicht wahr?“, sagte er leise.

Clark strich seiner Jüngsten über das wirre Haar und wischte ihr eine Schmutzspur von der Wange.

„Also, ich weiß nicht recht“, sagte er zögernd, „aber mir scheint, unsere Hilfe wird ihm nur wehtun.“

Wieder rollten dicke Tränen über Belindas Gesicht. „Aber Larry …“

„Dein Bruder würde sein Bestes tun, das weiß ich.“ Wieder schlug die Haustür zu. Dan, ein anderes von Lukes Kindern, kam in die Küche gestürzt. Auch er war vom Laufen außer Atem.

„Amy!“, rief er schon von der Tür her. „Mama sagt, du sollst nach Hause kommen. Wir essen bald zu Abend!“

Zögernd stand Amy auf. Im Stillen hoffte sie, zu einer Fahrt in die Stadt zu Doktor Larry eingeladen zu werden. Ein Besuch dort war immer eine aufregende Angelegenheit.

„Fährst du in die Stadt, Opa?“, fragte sie.

„Ich weiß nicht; das müssen wir gemeinsam überlegen. Ich fürchte …“

„Was ist denn los?“, wollte Dan wissen. Er hatte sich neben seinem Großvater aufgebaut und spähte in den Korb.

„Ach so, bloß ’n toter Vogel“, stellte er dann sachlich fest.

„Er ist gar nicht tot!“, wehrte sich Belinda. „Er ist nur schwer verletzt.“

Dan schaute von Belinda zu seinem Großvater. Hatte er etwas Falsches gesagt? War der Vogel etwa nicht …?

Clark legte dem Jungen seine Hand auf die Schulter.

„Ja, es hat ihn bös erwischt“, sagte er, „aber noch kämpft er um sein Leben.“

Marty sah nach den Nudeln. Sie waren so gut wie gar. Das Essen war nahezu fertig, doch sie kam kaum an ihren Herd heran. Vier Menschen hatten sich um ihn gedrängt, und nur um eines verletzten Sperlings willen! Auch Marty tat das Tierchen leid. Sie konnte es selbst kaum mitansehen, wenn eine winzige Kreatur leiden musste. Andererseits wusste sie, dass es in der Natur nicht ohne Leiden und Sterben abging. Tiere töteten und wurden getötet. Das war nun einmal so. Die ganze Natur war so angelegt. Die Scheunenkatze hatte immerhin einen ganzen Wurf Jungtiere zu versorgen. Auch sie brauchte ihre Nahrung. „Bringst du ihn zu Onkel Larry?“, wollte Dan wissen.

Clark schüttelte bedachtsam den Kopf, doch bevor er antworten konnte, fügte Dan schon hinzu: „Der könnte ihn bestimmt wieder heil machen!“

„Dein Onkel Larry ist ein prima Doktor, das weiß jeder“, sagte Clark leise und behutsam, „aber auch der beste Doktor hat seine Grenzen. Dieser Piepmatz hier ist ziemlich zugerichtet. Ich glaube kaum, dass …“

„Larry sagt, man darf nie, niemals aufgeben!“, unterbrach ihn Belinda. „Er sagt, wenn auch nur ein winziger Funke von Leben da ist, muss man darum kämpfen.“

„Da hat er recht“, nickte Clark. „Ganz unbesehen!“

„Können wir dann zu ihm fahren?“, bat Belinda. Über die Köpfe der Kinder hinweg tauschten Marty und Clark vielsagende Blicke aus.

„Du wirst doch nicht etwa wegen dem Vogel in die Stadt fahren?“, stand in Martys Augen zu lesen. Doch Clark zuckte nur die Achseln. „Was bleibt mir schon anderes übrig?“

Marty sah ihren Mann prüfend an. Wie müde musste er nach einem harten Arbeitstag auf dem Feld sein! Zugegeben, seitdem er das künstliche Bein hatte, das Larry ihm verschafft hatte, fiel ihm die Arbeit erheblich leichter. Doch junge Pflanzen in den Boden zu setzen war anstrengend, ob man nun ein oder zwei Beine besaß. Obendrein warteten die Stalltiere auf ihr Futter, und nun hatte er allen Ernstes vor, wegen eines verletzten Sperlings in die Stadt zu fahren. Es war einfach verrückt!

Belinda sollte doch alt genug sein, um vernünftig denken zu können! Mit ihren elf Jahren sollte sie eigentlich wissen, dass die Natur tötete, um neues Leben zu spenden. Aber nein – das konnte ihre Tochter nicht einsehen. Mit jeder Faser ihres jungen Herzens kämpfte sie gegen den Tod an, und ihr größter Verbündeter dabei war ihr Bruder Larry. Larry, der Arzt, der gutmütige, stets hilfsbereite Larry. Auch er kämpfte gegen den Tod. Wenn jemand Verständnis für diese unsinnige Fahrt in die Stadt hatte, dann war es Larry.

„Ich hol das Gespann!“, sagte Clark entschlossen.

„Aber … aber dein Essen!“, wandte Marty ein. „Du bist doch eben erst …“

„Das Essen kann warten“, entschied er. Mit seinen Augen bat er seine Frau um Verständnis.

Marty verstand. Nicht um des kleinen Sperlings willen fuhr ihr Mann nun in die Stadt, obwohl er todmüde war, sondern um des Kindes willen, dem das Herz brechen wollte.

„Tut mir leid, wenn ich dir Umstände mache“, murmelte Clark. „Sorg dich nicht um mich! Ich suche schon selbst etwas zu essen, wenn ich wiederkomme.“

An die zusätzliche Arbeit hatte Marty gar nicht gedacht. Sie war nur auf das Wohl ihres Mannes bedacht. Er brauchte doch sein Abendessen und war hundemüde. Trotzdem …

Wieder schlug die Haustür. Diesmal kam der vierjährige Rotschopf Julian hereingestürmt. Er war das jüngste von Lukes Kindern und der erklärte Liebling der ganzen Familie. Beim Anblick seines Großvaters, der gerade wieder in seine Jacke schlüpfte, strahlte er über sein ganzes pausbäckiges, von Sommersprossen übersätes Gesicht. Mit seinen rundlichen Ärmchen umschlang er die Beine seines hochgewachsenen Großvaters, um ihm mit der kleinen Jungenhand auf das Schienbein zu klopfen.

„Klopf, klopf!“, rief er. „Klopf an die Holztür!“

Clark konnte dem kleinen Lausbuben einfach nicht widerstehen. Er beugte sich zu ihm hinab und hob ihn hoch.

„Wer klopft denn da an meine Holztür?“ Mit gespieltem Ernst sah er den kleinen Buben an.

„Ich bin’s, Julian!“, verkündete dieser fröhlich.

Die beiden brachen in ein vergnügtes Lachen aus, und die runden Arme des kleinen Jungen schlangen sich fest um den Hals seines Großvaters.

„Und was führt den kleinen Julian zu mir?“, erkundigte Clark sich.

Das Gesicht des Jungen wurde augenblicklich wieder ernst. Er wand sich in Clarks Armen, um wieder auf den Boden gestellt zu werden.

„Mama hat mich hergeschickt“, sagte er. „Ich soll Amy und Dan zum Essen rufen.“

Clark sah zu den beiden Geschwistern hinüber, die noch immer über den Korb gebeugt dastanden.

„Ihr drei macht euch am besten schnellstens auf den Heimweg, scheint mir“, sagte er. „Wenn euer Papa euch gleich allesamt eigenhändig holen muss, dann setzt’s bestimmt eine gehörige Strafpredigt!“

Die drei Kinder setzten sich widerstrebend in Bewegung. Amy nahm ihren jüngsten Bruder bei der Hand, doch nicht ohne ihrem Großvater noch einen letzten flehenden Blick zuzuwerfen. Wie gerne wäre sie bei der Fahrt in die Stadt mit von der Partie gewesen!

Clark wandte sich an Belinda.

„Ich bin gleich fertig“, sagte er. „Nimm dir eine warme Jacke mit!“ Damit ging er aus der Küche.

Seufzend nahm Marty den Topf mit den Nudeln von der Herdplatte. Sie waren gar und frisch, wie Clark sie am liebsten aß. Heute sollte ihm dieses Vergnügen wohl nicht beschieden sein. Bis er zurückkam, würden sie kalt und abgestanden sein.

Gerade hatte Marty das Nudelwasser abgeschüttet, als Belinda einen verhaltenen Schrei ausstieß. Marty fuhr auf dem Absatz herum. Was in aller Welt war nun wieder geschehen?

„Ich glaub, er ist schon tot“, flüsterte sie. „Sieh nur, er ist schon ganz steif!“

Marty warf einen prüfenden Blick in den Korb. Belinda hatte recht. Selbst Larry würde diesem Sperling nicht mehr helfen können.

Nun war es völlig um Belindas Fassung geschehen. Marty nahm sie tröstend in die Arme. „Ich muss schnell Papa Bescheid sagen, bevor er die Pferde anspannt“, murmelte sie vor sich hin. Belinda nickte zustimmend.

Marty lief zum Stall. Unterwegs seufzte sie bedrückt. Einerseits war sie dankbar, dass Clark die Fahrt in die Stadt nun erspart bleiben würde und der kleine Vogel von seinen Schmerzen erlöst war. Andererseits hatte sie Mitleid mit ihrer Jüngsten, der fast das Herz brach, wenn sie ein verletztes Tier sah. So edel es auch war, mit der „seufzenden Kreatur“ zu leiden, so trieb Belinda es damit eindeutig zu weit. In vielen Dingen glich sie eben ihrem großen Bruder Larry sehr. Ihr Gemüt war sogar noch zarter als seins. Das Leben würde manchen Kummer für dieses Kind mit sich bringen, befürchtete Marty. Wie würde sie es nur ertragen? Marty machte sich Sorgen um ihre Jüngste.

Clark führte gerade das erste Pferd aus seiner Box. „Es ist schon zu spät“, keuchte Marty. „Der Vogel ist gerade gestorben. Du kannst zum Essen ins Haus kommen.“

Anstelle der erwarteten Erleichterung stand Besorgnis in Clarks Blick.

„Sie wird sich schon wieder fangen“, beruhigte ihn Marty. „Sie wird eine Weile untröstlich sein, dann wird sie ihre kleine Trauerfeier abhalten und den Sperling neben ihren anderen Tiergräbern beerdigen. Morgen ist sie wieder ganz die Alte, wirst schon sehen!“

Clark wusste, wie recht Marty hatte. Belinda würde um den toten Vogel trauern, aber bald würde alles wieder gut sein. So war es schon manches Mal gewesen. Während Marty wieder ins Haus ging, führte Clark das Pferd in seine Box zurück. King war froh, wieder an seine Futterkrippe gebracht zu werden.

Clark befreite das Pferd von seinem Zaumzeug, hängte das Geschirr an den Haken und machte sich auf den Weg zur Küche. Erst jetzt spürte er, wie hungrig und erschöpft er war. Dennoch zeigten seine Schritte kaum die Spur eines Hinkens. Clark war überaus dankbar für das künstliche Bein, das ihm gute Dienste leistete. Nun brauchte er keinen Krückstock mehr, und er hatte seine Hände frei. Der einzige Nachteil war, dass das Laufen mit dem künstlichen Bein kräftezehrend und schmerzhaft war. Seine ganze Körperseite schien sich gegen die Prothese wehren zu wollen. Deshalb konnte er es kaum erwarten, sie endlich für die Nacht ablegen zu können.

Doch bis dahin hatte er noch manches zu tun. Selbst wenn die Stallarbeit fertig war, würde er es sich verbeißen, die Prothese auf der Stelle abzulegen. Er wusste nur zu gut, dass seine Frau ihn stets im Auge behielt, um auf Anzeichen von Schmerzen oder Übermüdung zu achten. Wenn er das Bein vor dem Zubettgehen ablegte, würde sie ahnen, dass er sich nicht wohlfühlte. Marty sorgte sich ohnehin schon genug um ihn. Er würde sich halt beim Essen ein wenig ausruhen. Vielleicht würde er sich schon besser fühlen, wenn er anschließend seine Stallrunde machte – Clark war froh, dass ihm die Fahrt in die Stadt erspart geblieben war. Er lachte leise auf. Wie oft hatte er sich gewünscht, es gäbe keine Spatzen mehr auf der ganzen Welt! Sie konnten einem Farmer das Leben manchmal regelrecht versauern, und Belinda machte wegen eines einzigen Vertreters dieser Gattung ein riesiges Aufheben!

Aber schließlich waren auch die Spatzen Geschöpfe Gottes, und Clark hätte seiner Tochter gern zur Seite gestanden, um ein Leben zu retten, auch wenn es noch so gering geachtet war.

Doktor Larry

Wie Clark und Marty vermutet hatten, weinte Belinda um den toten Sperling, bastelte mit aller Sorgfalt einen winzigen Sarg, lud Amy und deren drei Brüder zu einer Trauerfeier nach dem Abendessen ein und legte den kleinen Vogel unter Tränen am Ende des Gartens neben einer Reihe von anderen Tiergräbern zu seiner letzten Ruhe nieder. Damit war alles vorüber, und das Kind konnte sich wieder seinen Spielgefährten zuwenden. Mit einem ausgelassenen Versteckspiel, an dem sich alle fünf Kinder beteiligten, klang der Samstagabend aus.

Mit einem erleichterten Seufzen schüttete Marty das Abwaschwasser neben den Rosenstrauch vor der Haustür aus. Belinda war gewöhnlich ein glückliches und ausgeglichenes Kind. Wenn sie sich nur nicht jedes Mal, wenn sie ein totes Tier sah, so furchtbar grämen würde! Marty konnte nur hoffen, dass das Mädchen mit der Zeit lernte, den Kümmernissen des Lebens mutiger zu begegnen. Niemand machte es Freude, ein Tier leiden zu sehen. Aber damit musste man sich eben abfinden. Leiden und Schmerzen gehörten nun einmal zum Leben.

Clark trug einen Eimer voller schäumender Milch auf das Haus zu.

„Sie sieht schon viel besser aus“, meinte er und deutete mit einer leichten Kopfbewegung auf Belinda.

„Meistens fängt sie sich schnell wieder – aber liebe Güte, welch eine Tränenflut muss es zuerst geben!“, antwortete Marty.

Gemeinsam betraten sie das Haus.

„Ehrlich gesagt, ist sie mir zartbesaitet lieber als gleichgültig und kalt“, bemerkte Clark. Doch Marty schüttelte nur ergeben den Kopf. Sie hatte schon manches Mal ihre liebe Last mit Belindas empfindsamem Gemüt gehabt.

„Mit den Jahren wird sie schon vernünftiger werden“, meinte Clark. „Hoffentlich schlägt sie dann nicht ins Gegenteil um!“

Das konnte Marty sich beim besten Willen nicht vorstellen.

„Darüber brauchen wir uns wohl kaum Sorgen zu machen“, erwiderte sie.

„Bleibt nur zu hoffen, dass ihr ganzes Mitgefühl auch irgendwie zur Anwendung kommt“, sagte Clark nachdenklich. „Gott hat bestimmt ein ganz besonderes Plätzchen in seinem Weinberg für jemanden wie unsere Belinda.“

Marty dachte über Clarks Worte nach, während sie die Milch durch ein Sieb goss und eine Kanne für die Sahne bereitstellte. Clark begann, die Kurbel der Zentrifuge zu drehen, bis ein sanftes Surren die richtige Drehgeschwindigkeit anzeigte. Dann goss er die Milch in die Schleuderschüssel. Bald strömte die reine Milch aus dem Hahn auf der linken Seite, während ein schmalerer, weißer Sahnestrahl aus dem rechten Hahn in die Kanne floss.

„Sie gleicht so sehr ihrem Bruder Larry“, sann Marty und nahm damit das Gespräch von vorhin wieder auf.

Clark nickte.

„Und Arnie auch“, meinte er. „Arnie ist so zartfühlend, wie ein Mann nur sein kann.“

Nun war es an Marty, zustimmend zu nicken. Arnie war tatsächlich sehr zartfühlend. Auch er konnte es kaum ertragen, wenn jemand Schmerzen litt. Im Gegensatz zu Belinda hatte Arnie jedoch niemals vor anderen geweint. Er hatte seinen Kummer meist in sich hineingefressen; seine Verstörtheit war ihm nur an den Augen abzulesen.

„Armer Arnie!“, sagte Marty. „Vielleicht hat Belinda es am Ende doch leichter als er. Sie kann sich ihren Jammer wenigstens von der Seele weinen. Die Jungs haben sich immer die größte Mühe gegeben, nicht zu weinen – besonders Arnie.“

„Frag mich bloß, wie sie auf diese Idee gekommen sind“, gab Clark zurück. „Ich hab’s ihnen jedenfalls nie in den Kopf gesetzt, dass Männer nicht weinen dürfen.“

„Von mir haben sie’s auch nicht. Solche Sachen lernen sie vielleicht in der Schule. Kinder können manchmal furchtbar herzlos zueinander sein.“

Die Milch und die Sahne flossen noch immer aus den Hähnen der Zentrifuge.

„Komisch, wie sie sich so ähneln können und dabei doch ganz verschieden voneinander sind“, sann Marty weiter.

„Wie meinst du das?“

„Larry zum Beispiel – Larry ist so mitfühlend und teilnahmsvoll, aber was Schmerzen betrifft – dagegen kämpft er mit aller Kraft an. Er ist wie zum Arzt geschaffen. Arnie hätte nie einer werden können. Krankheit und Elend kann er einfach nicht ertragen. Er würde sich in eine Art Schneckenhaus zurückziehen, denke ich manchmal.“

Clark überlegte einen Moment lang. „Da hast du recht“, meinte er dann schüchtern. „Als Doktor würde er tatsächlich nicht viel taugen. Als Papa macht er sich wesentlich besser.“

Marty lächelte. Arnie war seinen Kindern wirklich ein guter Vater. Anfangs hatten sie befürchtet, dass er zu nachsichtig mit ihnen umgehen würde, doch Arnie schien sich der Notwendigkeit von Zucht und Disziplin bewusst zu sein. So schwer es ihm auch oft fiel, so erzog er seine Kinder gerecht und bestrafte sie auch, wenn er es für notwendig hielt. Bei den drei Wildfängen ging es tatsächlich nicht ohne ein gerütteltes Maß an Zucht und Ordnung ab, dachte Marty schmunzelnd. Das Kleeblatt brauchte einen starken, strengen Vater. Anne, die zierliche Mutter der drei, hatte ihre liebe Mühe, überhaupt zu Wort zu kommen! Silas war so alt wie Amy. Die beiden waren nur vier Tage voneinander geboren worden und hatten vor Kurzem ihren zehnten Geburtstag gefeiert. Damit waren sie knapp ein Jahr jünger als Belinda. John war der zweite Sohn in Arnies Familie. Mit seinen sieben Jahren ging er schon ins zweite Schuljahr. Andrew, das Nesthäkchen, konnte es kaum erwarten, endlich mit seinen großen Brüdern in die Schule gehen zu dürfen. Die Mutter wusste kaum, wie sie ihren Jüngsten beschäftigt halten sollte. Er bestand darauf, lesen zu lernen, damit er seinen Brüdern gegenüber nicht ins Hintertreffen geriet, wenn diese sich in ihre Bücher vertieften. Anne war eigentlich immer der Meinung gewesen, dass das Unterrichten Sache der Lehrerin war, doch schließlich gab sie Andrews ungeduldigem Drängen nach und brachte ihm das Abc bei. Seine älteren Brüder brachten ihm Bücher mit Geschichten und Fabeln mit, an denen er sich nun versuchen konnte.

Eilige Kinderschritte rissen Marty aus ihren Gedanken. David, Lukes drittes Kind, kam durch den hinteren Eingang ins Haus gestürzt. In seinen Augen blitzte es nur so, und seine Wangen waren vom Laufen gerötet.

„Versteck mich, Omi, ganz schnell!“, rief er aufgeregt.

„Moment mal, mein Freund!“, hielt Clark ihn auf. „Ich dachte, im Haus wird nicht Versteck gespielt, oder?“

David senkte die Augen. Er kannte die Regeln nur zu gut. Einen Moment stand er stumm da; dann sah er wieder auf. Seine Augen funkelten.

„Dann versteck mich eben draußen, Opa, ja?“

Clark lachte.

„Wo in aller Welt soll ich dich denn verstecken?“, fragte er das Bürschchen.

„Weiß nicht. Dir fallen doch immer so gute Verstecke ein. Weißt du denn keins für mich?“

Clark hatte schon seit längerer Zeit nicht mehr mit der Kinderschar Versteck gespielt.

„Bitte, bitte!“, drängte der Kleine.

Clark warf Marty einen Blick zu und lachte leise auf. Sein Bein schmerzte noch immer heftig, und er hatte eigentlich gehofft, sich mit einem Buch in seinen Lieblingssessel zurückziehen zu können. Stattdessen nahm er seinen Enkel bei der Hand.

„Wer ist denn mit Suchen dran?“, erkundigte sich der Großvater.

„Dan. Und der hat prima Augen!“

„Habt ihr es schon mal mit dem Rhabarberfeld versucht?“

David schüttelte staunend den Kopf. Die großen Blätter der Rhabarberpflanzen würden ein großartiges Versteck abgeben!

„Sollen wir beide es gleich mal ausprobieren?“, fragte Clark und nahm den kleinen Jungen mit ins Freie.

Marty stellte derweil die Milch und die Sahne kühl. Damit war ihre Arbeit für den Abend getan. Kaum hatte sie den Tisch ein letztes Mal abgewischt, als der Hofhund draußen lautstark zu bellen anfing. Wer mochte um diese Zeit noch zu Besuch kommen?

Marty spähte in die Abenddämmerung hinaus. Es war Larrys Pferd, das an den Zaun festgebunden dastand. Die große Arzttasche hing am Sattel. Die Kinderstimmen, die gerade noch „Eins, zwei, drei, und ich bin frei!“ gerufen hatten, begrüßten nun ihren Onkel Larry stürmisch. Marty ging an die Tür, um ihren Sohn willkommen zu heißen.

Belinda hatte ihrem großen Bruder auf der Stelle ihr wehes Herz ausgeschüttet. Teilnahmsvoll hockte er vor ihr und hörte der Geschichte von dem kleinen Sperling aufmerksam zu.

„Und wenn du hier gewesen wärst, dann wär er vielleicht gar nicht gestorben“, schloss sie in leicht vorwurfsvollem Ton.

Larry verbiss sich jede Bemerkung darüber, dass er wichtigere Dinge zu erledigen gehabt hatte. Er brachte nicht einmal die Entschuldigung vor, dass er unmöglich von dem verletzten Tier gewusst haben konnte. Stattdessen legte er seinem Schwesterchen sanft die Hand auf die Schulter.

„Das tut mir leid“, sagte er nur. „Tut mir so leid, dass ich nicht eher gekommen bin!“

An dem Ausdruck ihres Bruders konnte Belinda ablesen, dass er es aufrichtig meinte. Obwohl sie noch ein Kind war, sah sie ein, dass Larry keine Schuld daran traf, nicht zur Stelle gewesen zu sein, als er gebraucht wurde. Mühsam kämpfte sie gegen eine erneute Tränenflut an und legte ihre Hand auf die ihres Bruders.

„Schon gut“, beruhigte sie ihn. „Du hast ja nichts davon geahnt. Und der Sperling war ziemlich arg zugerichtet, und vielleicht …“ Sie unterbrach sich und wischte sich über die feuchten Augen.

„Was führt dich denn zu uns?“, wollte Clark wissen. Er stand neben Marty unter der Haustür.

„Baby Graham hat gerade das Licht der Welt erblickt“, antwortete Larry grinsend.

„Oh, wie schön!“ Marty freute sich. „Eins von Lous Kindern? Was ist es denn: ein Junge oder ein Mädchen?“

„Wieder ein Mädchen.“

„Ach du liebe Zeit! Damit hätten sie jetzt fünf Mädchen.“ Marty lachte. „Und dabei hatte Ma diesmal so sehr auf einen Jungen gehofft! Denkt nur, sie hat fast nur Enkeltöchter, und ich habe fast nur Enkelsöhne. Seltsam, diese Verteilung, meint ihr nicht auch?“

„Nun, als ich mich wieder auf den Weg machte, umsorgte Ma das kleine Mädchen, als hätte sie sich nichts sehnlicher auf der Welt gewünscht“, berichtete Larry. „Wenn sie enttäuscht war, hat sie das prima überspielt, würde ich sagen.“

„Versteht sich“, meinte Marty. „Natürlich hat sie sich über das Baby gefreut. Ich freue mich doch auch über jeden Enkelsohn, der geboren wird. Aber froh bin ich trotzdem, Amy in der Nähe zu haben!“

Gerade in diesem Moment rief Kate ihre Kinder von der anderen Seite des Hofs: „Amy, bring die Jungs nach Hause! Zeit zum Schlafengehen!“

Die Enttäuschung stand den vier Kindern deutlich auf den Gesichtern geschrieben, doch sie gehorchten widerspruchslos.

Larry fuhr dem kleinen Julian geschwind durch den wirren Schopf.

„Bis morgen, mein Lieber! Denk dran: Morgen nach dem Gottesdienst kommt ihr alle zum Essen zu uns. Abgemacht?“

Die krause Kinderstirn glättete sich, und grinsend hüpfte der Kleine hinter seinen älteren Geschwistern her.

„Hast du Zeit für eine Tasse Kaffee?“, lud Marty ihren erwachsenen Sohn ein.

„Dazu bin ich doch eigens hergekommen!“, antwortete er lachend. „Das war ein langer Tag heute, sag ich euch! Ich hatte schon befürchtet, dass das Baby überhaupt nicht kommen wollte. Dabei hat sie uns alle nur auf die Folter spannen wollen, die Kleine, weiter nichts!“

Marty ging in die Küche voran und stellte den Kaffeekessel auf die Herdplatte. Dann schnitt sie ein Kürbisbrot in Scheiben und schob sie vor Larry auf den Tisch. Dieser wartete nicht einmal auf seinen Kaffee, sondern langte gleich zu.

„Du solltest Abbie bei Gelegenheit mal beibringen, wie man Kürbisbrot backt“, sagte er zwischen zwei Bissen.

Marty dachte lächelnd an ihre Schwiegertochter Abbie, die Larry während seiner Studienzeit an der Ostküste kennengelernt hatte. Abbie war eine wahre Perle. Sie hatte wie Larry ein goldenes Herz, aber als Stadtkind hatte sie nie gelernt, Gemüse zu verarbeiten. In ihrer Heimat zog man höchstens Blumen in den Gärten. Dennoch bemühte sie sich nach Kräften, auch Gemüse anzupflanzen. Sie hatte sich einen eigenen Küchengarten angelegt und erfreute sich an dem Gedeihen der Pflanzen. Ihre Kochkünste hatten schon merkliche Fortschritte gemacht.

„Ich gebe ihr gern das Rezept“, versprach Marty und klopfte ihrem Sohn auf die Schulter, bevor sie den Kaffee holte. Ein leises Lächeln überflog ihre Züge. Nur zu deutlich erinnerte sie sich an ihre eigenen ersten Kochversuche als Clarks frisch angetraute Ehefrau.

Larry zog ein kleines Heft aus der Tasche hervor und machte eine Eintragung.

„Siebenunddreißig“, murmelt er dabei.

„Siebenunddreißig? Was bedeutet das?“, erkundigte sich Belinda von ihrem Plätzchen auf der Brennholzkiste her.

„Siebenunddreißig Neugeborene. Siebenunddreißig Entbindungen, seitdem ich hier praktiziere.“

„Das ist ja ganz beträchtlich“, meinte Marty beeindruckt.

„Ist ja auch schon fast sieben Jahre her, seitdem ich als Arzt angefangen habe. Sieben ganze Jahre! Kaum zu fassen, wie die Zeit vergangen ist!“

„Allerdings“, stimmte Clark ihm zu. „Es kommt mir so vor, als wärst du erst gestern vom Studium zurückgekommen.“

„Entbindungen sind bestimmt das Schönste an deiner Arbeit“, vermutete Marty und schenkte den Kaffee ein.

„Spannend ist’s schon, das gebe ich zu, aber die anderen Fälle sind auch interessant. Wenn ich nur Entbindungen zu versorgen hätte, würde mir das Warten auf die Dauer langweilig werden, denke ich manchmal.“

„Nähst du gern Wunden zu?“, wollte Belinda wissen. Mit ihrer Frage erinnerte sie ihre Mutter daran, dass es eigentlich längst Schlafenszeit für sie war.

„Belinda, am besten gehst du jetzt ins Bett. Es ist schon spät!“, ermahnte Marty ihre Jüngste.

Belinda bereute ihre Frage. Wäre sie doch nur still gewesen! Dann hätte ihre Mutter sie vielleicht gar nicht bemerkt. Gerade wollte sie darum betteln, noch eine Weile aufbleiben zu dürfen, als sie den Blick ihres Vaters auf sich gerichtet sah. Die Zurechtweisung darin war offensichtlich: sie hatte ihrer Mutter ohne Widerworte zu gehorchen. Zögernd stand sie auf.

„Wenn du so weit bist, komme ich und sage dir Gute Nacht“, versprach Larry, und Belinda beeilte sich mit dem Waschen.

Wie versprochen, kam Larry kurze Zeit später in das Zimmer seiner kleinen Schwester. Sie hatte einen besonderen Platz in seinem Herzen. Lange Jahre hatte er auf ein jüngeres Geschwisterchen warten müssen. Dazu spürte Larry, dass ihn etwas Bedeutsames mit Belinda verband. Wie er liebte sie es, alles, was krank war, wieder gesund zu pflegen.

Mit seiner Hand, an der noch immer der Geruch von Medizin haftete, strich er ihr das Haar aus der Stirn. Belinda liebte diesen Duft. Sie atmete ihn tief ein.

„Nähst du gern Wunden zu?“, wiederholte sie ihre Frage.

„Klar. Es tut mir zwar immer leid, wenn jemand sich verletzt hat, aber ich bin froh, dass ich helfen kann, wenn ich die Wunde wieder fachgerecht vernähe.“

In Belindas Augen glänzte es.

„Das würde ich auch gern tun“, vertraute sie ihm an. Larry strich ihr eine blonde Locke aus dem Gesicht. „Ach, ich wünschte, ich wär ein Junge!“, seufzte Belinda.

„Wie kommst du denn darauf?“, fragte er.

„Dann könnte ich auch ein Doktor werden“, antwortete Belinda. Wieder seufzte sie tief und sah ihrem Bruder in die Augen. „Wenn ich ein Doktor wär, dann bräuchte ich nie mehr auf jemanden zu warten. Ich könnte kranken Tieren selbst helfen!“

„Wie dem kleinen Vogel?“, fragte Larry leise.

Belinda nickte. In ihren blauen Augen stand wieder ihr großer Kummer um den Sperling.

„Du brauchst aber kein Doktor zu sein, um Tieren und Menschen zu helfen. Eine Krankenschwester kann auch helfen, weißt du?“

„Ja, wirklich?“ Belinda war überwältigt. Ihre großen Augen leuchteten.

„Natürlich!“

Die Kleine lächelte froh, doch im nächsten Moment überschattete auch schon ein zweifelnder Ausdruck ihre Züge.

„Das wird nicht gehen“, klagte sie. „Mama würde mich nie und nimmer an die Ostküste ziehen lassen, um Krankenschwester zu werden.“

Larry konnte sich ein amüsiertes Lächeln nicht verbeißen.

„Vielleicht hast du recht“, meinte er. „Jedenfalls nicht gleich heute. Mit elf Jahren hätte Mama mich auch nicht an die Ostküste gelassen. Dazu musste ich erst ein bisschen älter werden.“

„Aber … aber …“, stotterte Belinda, doch Larry unterbrach sie.

„Es ist gar nicht so einfach, auf das Erwachsensein zu warten, nicht wahr?“

Belinda nickte ernst.

„Das habe ich auch oft gedacht. Deshalb habe ich Dr. Watkins auch auf seinen Arztbesuchen begleitet. Ich wollte so viel wie möglich lernen – und zwar so schnell, wie ich nur konnte!“

Noch immer stand Belinda die Enttäuschung im Gesicht geschrieben. „Aber Dr. Watkins lebt längst nicht mehr“, sagte sie. Mit Wehmut erinnerte sich Larry an den freundlichen, gütigen Arzt, seinen Lehrmeister. Er war, zwei Jahre nachdem Larry seine Praxis übernommen hatte, gestorben. Er war allein zum Angeln gegangen, als es geschehen war, und Larry hatte sich oft gefragt, ob er heute noch am Leben wäre, wenn nur damals jemand bei ihm gewesen wäre. Doch alles Grübeln konnte seinen väterlichen Freund nicht wieder lebendig machen.

Er richtete den Blick wieder auf Belinda.

„Aber jetzt bin ich ja hier“, sagte er nur.

Sie starrte ihn an.

„Du meinst … Würdest du mir helfen?“

„Warum nicht? Ich denke, du hast das Zeug zu einer prima Krankenschwester. Wenn du dich nur anstrengst und gute Arbeit leistest …“

„Aber natürlich! Das tu ich bestimmt. Ehrenwort!“, rief sie begeistert und schlang ihrem Bruder die Arme um den Hals.

Larry strich ihr zärtlich über die Wange und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn.

„Dann wird es aber höchste Zeit, dass du erst einmal schläfst“, sagte er. „Krankenpflege ist nämlich sehr anstrengend; du wirst deinen Schlaf bitter nötig haben.“

Belinda hielt ihn noch ein paar Sekunden umarmt. „Dank dir, Larry“, flüsterte sie.

„Gern geschehen“, gab er zurück und gab ihr einen letzten Kuss auf die Stirn, bevor er ihr die Decke über die Schultern zog. Dann ging er wieder in die große Farmküche, um sich zu seinen Eltern zu setzen. Marty schenkte ihm noch eine Tasse Kaffee ein.

Larry streckte seine müden Beine von sich.

„Belinda hat wieder mal großen Kummer gehabt, nicht wahr?“, fragte er.

„Sie war nahezu untröstlich“, antwortete seine Mutter. „Papa war schon auf dem Weg, den Sperling zu dir in die Stadt zu bringen – und das, ohne einen Bissen von seinem Abendessen zu sich genommen zu haben!“

Larry zwinkerte seinem Vater zu.

„Wusste gar nicht, dass dir so viel an Sperlingen gelegen ist!“, neckte er ihn. „Wenn mich mein Gedächtnis nicht im Stich lässt, hast du sogar hier und da ein Spatzennest zerstört, als ich noch klein war.“

Clark fuhr sich mit der Hand durch seinen dichten Schopf. Fast unmerklich stieg ihm die Röte ins Gesicht; dann erwiderte er das Grinsen seines Sohnes, wenn auch ein wenig verlegen.

„Das wirst du deiner Schwester aber nicht verraten, hörst du?“ Auf Larrys Lachen hin fuhr er fort: „Findest du, dass ich sie zu sehr mit Samthandschuhen anfasse?“

Larry wurde wieder ernst.

„Das habe ich damit nicht sagen wollen“, antwortete er zögernd. Dann war es an ihm, ein wenig verlegen hinzuzufügen: „Wenn du tatsächlich mit ihr und dem Spatzen in meine Praxis gekommen wärst, kannst du dir denken, wer in den Büchern unter Vogelschock nachgeschlagen und Wiederbelebungsversuche unternommen hätte, oder?“

Alle brachen in ein fröhliches Lachen aus. Doch dann sah Marty ihren Sohn nachdenklich an.

„Weißt du, Larry, ich mache mir Sorgen um sie. Sie ist so zartbesaitet, dass ich Angst um sie habe. Wie wird sie’s nur ertragen, wenn der Ernst des Lebens anfängt? Sobald sie jemand leiden sieht, ist es mit ihrer Fassung vorbei.“

Larry überlegte geraume Zeit.

„Sie will Krankenschwester werden“, sagte er schließlich.

Marty starrte ihn an.

„Belinda? Das würde sie ja glatt umbringen! Sie würde es nicht fertigbringen, Tag für Tag Kranke und Verletzte sehen zu müssen!“

„Hast du mit ihr darüber gesprochen und versucht, es ihr auszureden?“, fragte sein Vater.

„Ich?“ Larry wand sich unbehaglich auf seinem Stuhl. „Ich? Nein, nicht direkt. Eigentlich habe ich … ihr eher … also, ich habe ihr versprochen, ihr dabei zu helfen.“

Nun starrten ihn seine Eltern an, als hätte er den Verstand verloren.

„Aber … aber das ist doch unmöglich …“

„Es wird ihr das Herz brechen!“

„Nicht unbedingt“, entgegnete Larry. „Ich weiß, sie kann’s kaum ertragen, ein krankes Tier leiden zu sehen, aber vielleicht ist es genau das Richtige für sie, wenn sie lernt, die Schmerzen anderer zu lindern. Versteht ihr, was ich meine? Wenn sie weiß, dass sie Kranken wirklich helfen kann, dann wird eine gute Pflegerin aus ihr. Eine erstklassige Krankenschwester sogar! Sie wird ihr Bestes geben; sie wird alle Kraft darauf verwenden …“

Larry hatte seine Eltern aufmerksam beobachtet, während er gesprochen hatte. Marty nahm ihre Kaffeetasse kopfschüttelnd in die Hand. Eigentlich war ihr gar nicht nach Kaffee zumute; sie hatte sich die Tasse nur eingeschenkt, um Larry am Tisch Gesellschaft zu leisten. Clark rieb sich gedankenverloren sein wehes Bein. Vielleicht hat Larry ja recht, überlegte er im Stillen. Vielleicht sollten wir Belinda nicht davon abhalten, Krankenschwester zu werden, wenn ihr wirklich so sehr daran liegt. Doch damit würde es noch viel Zeit haben. Sie war noch nicht einmal zwölf Jahre alt. Bis zu ihrer Ausbildung würde noch manches Jahr ins Land gehen.

„Ich würde sie gern einmal zu ein paar Hausbesuchen mitnehmen“, sagte Larry nachdenklich.

Zwei Köpfe fuhren in die Höhe. Zwei Augenpaare hefteten sich auf ihn, um herauszufinden, ob er es ernst gemeint hatte. Doch niemand sagte ein Wort.

„Ihr habt doch nichts dagegen, oder?“, fragte Larry.

Schweigend tauschten Clark und Marty einen Blick aus.

„Nun?“, drängte Larry.

Clark setzte sich auf seinem Stuhl zurecht und räusperte sich. „Eigentlich nicht“, sagte er schließlich. „Ich meine, wenn’s so weit ist.“

„Papa“, gab Larry zurück, „ich finde, es ist jetzt schon so weit.“

„Aber sie ist doch noch ein Kind! Ganze elf Jahre alt!“, protestierte Marty.