Träumen von der Freiheit - Janne Biermann - E-Book

Träumen von der Freiheit E-Book

Janne Biermann

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Beschreibung

Lieder erzählen Geschichten. Manche Lieder erzählen Geschichten, die besonders ergreifend sind. In diesem Band sind 14 Lieder enthalten, die im Kontext von nationalsozialistischer Verfolgung - z.B. in den Konzentrations- und Vernichtungslagern, in der "Schutzhaft" und in den Ghettos der Nazis - entstanden sind. Sie sind voller Hoffnung, bedrückend, lebensbejahend, makaber, manchmal sogar humorvoll. Sie wurden von politisch Verfolgten, Juden, Zeugen Jehovas, Roma, christlichen Widerstandskämpfern, Oppositionellen und Jugendlichen geschrieben. Das Buch stellt viele Facetten der Verfolgung dar, ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit oder Repräsentativität zu erheben. Es enthält vierzehn Liedblätter mit Noten, Texten und Akkorden. Zu jedem Lied finden sich Aufsätze, die die Geschichten der Lieder und ihrer Komponisten erzählen. So bietet das Buch eine einfache Möglichkeit, über das Singen von Liedern sich der Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung zu nähern.

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Seitenzahl: 142

Veröffentlichungsjahr: 2018

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DIE HERAUSGEBER

Jonas Höltig ist Rechtsreferendar und wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Lehrstuhl für Arbeitsrecht. Er wurde 1990 in Braunschweig geboren und spielt seit seiner Kindheit Gitarre und Bassgitarre. Bis 2017 studierte er Jura und Politikwissenschaft an der Universität Münster. Mit Liedern der durch das NS-Regime verfolgten Menschen kam er erstmals im Rahmen von pfadfinderischen Aktivitäten in Berührung.

Tassilo Rinecker wurde 1992 in Bergisch Gladbach geboren. Seit seiner Kindheit ist Musik ein prägender Bestandteil seines Lebens. Er hat eine musikschulische Ausbildung in Geige, Klavier und Gesang und spielt Gitarre. Des Weiteren spielt er in verschiedenen Ensembles und einem Universitätsorchester. Er studiert Soziologie und Politikwissenschaft an der Universität Münster.

MITVERFASSERIN

Janne Biermann wurde 1999 in Oldenburg geboren. Ihr Geschichtsinteresse mündete 2017 in einem FSJ Kultur am Geschichtsort Villa ten Hompel in Münster. Durch die Teilnahme am Generationenforum in der Gedenkstätte Ravensbrück entstand der erste Kontakt zu Holocaust-Überlebenden, der durch einige Reisen nach Polen, dem Engagement im Verein Heimatsucher e.V. und einer Reise nach Israel gefestigt wurde. Für das Jahr 2019 ergab sich die Möglichkeit der Mitgestaltung einer Ausstellung im Stadtmuseum in Oldenburg.

LIEDER

WIR SIND DIE MOORSOLDATEN

Johann Esser und Wolfgang Langhoff (Text), Rudi Goguel (Melodie) – 1933

NA JA

Karl Schnog (Text), Bruno Apitz (Melodie) – 1943/1944

WIR ZAHLEN KEINE MIETE MEHR

Robert Gilbert (Original-Text), Werner Richard Heymann (Melodie) – 1932

DAS DACHAULIED

Jura Soyfer (Text), Herbert Zipper (Melodie) – 1938

VORWÄRTS, IHR ZEUGEN

Erich Frost (Text & Melodie) – nach 1937

VON GUTEN MÄCHTEN WUNDERBAR GEBORGEN

Dietrich Bonhoeffer (Text) – 1944; Siegfried Fitz (Melodie) – 1970

TRAURIGE ČERHENI ANDO UČO NEBO

(EIN TRAURIGER STERN AM HOHEN HIMMEL)

BUT FAČUNGE, BUT MARO PEKAL

(VIELE KINDER BRAUCHEN VIEL BROT)

GOTT, DE MAN EK ČEPO RAT

(GOTT, GIB MIR EINEN TROPFEN BLUT)

ZOG NIT KEYN MOL

Hirsch Glik (Text) – 1943; Daniel Pankrass und Dmitri Pankrass (Melodie) – 1937

IN JUNKERS KNEIPE

WIR TRABEN IN DIE WEITE

UND WIR KAUERN WIEDER UM DIE HEISSE GLUT

IN KERKERMAUERN SITZEN WIR

Johnny Hüttner (Text & Melodie) – 1937

TEXTE

VORWORT

Roland Vossebrecker

EINLEITUNG

Jonas Höltig und Tassilo Rinecker

„Doch zur Heimat steht der Sinn“

Tassilo Rinecker

„Nein – ich lerne niemals ganz KZ“

Jonas Höltig

„Dann ziehn wir nicht wieder weg“

Tassilo Rinecker

„Bleib ein Mensch, Kamerad“

Janne Biermann

„Zeugen Jehovas, unverzagt!“

Jonas Höltig

„Gott ist bei uns am Abend und am Morgen“

Jonas Höltig

KZ-LIEDER DER ROMA IN ÖSTERREICH

Lieder im Leid

Ursula Hemetek und Mozes Heinschink

„Das Lied gesungen, mit den Waffen in der Hand“

Janne Biermann

„Der Teufel führt uns an“

Jonas Höltig

„Träumen von der Freiheit“

Jonas Höltig

QUELLENVERZEICHNIS

VORWORT

Roland Vossebrecker ist Komponist, Pianist und Dirigent. Als Pianist spielt er regelmäßig Benefizkonzerte für die Hilfsorganisation Oxfam. Daneben engagiert er sich im Bildungswerk Stanisław Hantz in der Bildungsarbeit zur Holocaust-Thematik. Er organisiert und leitet Bildungsreisen nach Oświęcim/ Auschwitz und nach Łódź (Ghetto Litzmannstadt, Vernichtungslager Kulmhof/Chełmno).

Bisweilen wurde bis in die Gaskammern von Auschwitz-Birkenau gesungen. Am 8. März 1944 wurden mehr als 3700 jüdische Menschen aus dem Ghetto Theresienstadt in Birkenau vergast. Einer der Chronisten des Sonderkommandos, Salmen Gradowski, hat in seinen geheimen Aufzeichnungen beschrieben, wie die Opfer in Verzweiflung und Trotz die Hatikvah, die Tschechische Nationalhymne und die „Internationale“ anstimmten und damit die deutschen Mörder beschämten. War das ein Akt des Widerstandes?

Dem Sonderkommando zugewiesene Häftlinge wurden gezwungen, in den Gaskammern und Krematorien bei der „Verwertung“ und Verbrennung der Leichen zu arbeiten.

So wie der tägliche Kampf ums Überleben dies zuließ, wurde in den Ghettos und Lagern gesungen und musiziert, es wurden Gedichte rezitiert, Geschichten oder Romane wurden erzählt und religiöse Feste gefeiert. Oft war all dies verboten und konnte nur heimlich ausgeführt werden.

Im Juni 1942 notierte Oskar Rosenfeld im Ghetto Litzmannstadt (Łódź) in sein Tagebuch:

„Beethoven, V. Sinfonie, Violinkonzert … Größter Gegensatz zum Getto, Wunder daher unbegreiflich. Aber Beweis, dass das metaphysische Bedürfnis der Juden im Getto nicht erstickt werden kann.“

Wenn das Festhalten an Kultur, an Musik und Dichtung Widerstand war, dann sicherlich keiner, der vor der physischen Vernichtung schützen konnte. Aber das Erleben von Kunst und Kultur konnte doch den Verfolgten und Bedrängten das Gefühl vermitteln, menschlich zu bleiben. Mit Liedern, Gedichten und Bildern stemmten sich die Verfolgten gegen die geistige Vernichtung. Im Angesicht von Hunger, Krankheiten, Deportationen und allgegenwärtigem Tod versuchten sie, ihre kulturelle Identität zu bewahren. Damit wehrten sie sich gegen die Absicht der Nazi-Täterinnen und -Täter, ihnen ihr Mensch-Sein zu nehmen.

In der Chronik des Ghettos Litzmannstadt wird auch auf das Kulturleben des Ghettos eingegangen:

„Der künftige Leser wird vielleicht mit einigem Kopfschütteln in diesen Blättern allzu oft Meldungen über verschiedene Aufführungen, gesellschaftliche Veranstaltungen finden, und er wird sich wohl sagen müssen, dass die Lage der Gettobevölkerung wohl nicht so tragisch gewesen sein kann, wenn das gesellschaftliche Leben so reichhaltig und lebhaft war. Es ist Pflicht des Chronisten, diesen merkwürdigen Erscheinungen einige Aufmerksamkeit zuzuwenden. (...)

Es gibt natürlich viele Menschen, die schon jetzt die Köpfe schütteln und es unwillig ablehnen, diesen Zauber mitzumachen, indem sie auf dem Standpunkt stehen, die Lage der Juden im Getto und im Allgemeinen erlaube nicht eine solche Verflachung des gesellschaftlichen Lebens. Aber es hieße den elementarsten Lebenswillen gequälter Menschen zu unterdrücken, wollte man diese einzigen Ventile der Vitalität und der Lebensbejahung schließen.

Einmal wieder im Theatersaal sitzen, abseits von der trostlosen Atmosphäre, einmal wieder in der Pause im Foyer des Kulturhauses plauschen, flirten, ein neues Kleid zeigen, gut frisiert sein, ist nun einmal ein nicht zu unterdrückendes Bedürfnis vom Menschen, die in einem erstrangigen Kulturzentrum wie es Litzmannstadt vor dem Krieg war, gelebt haben. So will auch der Chronist diese Vorgänge mit Nachsicht verzeichnen und dem künftigen Leser sagen, dass das Leid im Getto deswegen nicht geringer war, weil es auch einige frohere Stunden gegeben hat.“ (Ghetto-Chronik, 9.6.1943, wahrscheinlich von Oskar Rosenfeld)

Als Musikerinnen und Musiker oder Musik-Liebhaber sind wir vielleicht geneigt, das Singen und Musizieren der Opfer zu verklären, positiver und romantischer zu sehen, als es wirklich gewesen ist. Denn Musik konnte auch schmerzen und verzweifeln lassen.

Szymon Laks, er war zeitweise der Leiter des Birkenauer Männerorchesters, schrieb in seinem Buch „Musik in Auschwitz“:

„Es fehlt nicht an Publikationen, die mit einer gewissen Emphase berichten, dass die Musik den elenden Gefangenen den Mut und die Kräfte zum Überleben gaben. Andere dagegen berichten, dass diese Musik den Gegeneffekt hatte, die Unglücklichen demoralisierte und damit zu ihrem frühen Ende beigetragen hat. Ich persönlich stimme dem Letzteren zu...“

Romana Duraczowa war Häftling im Frauenlager Birkenau:

„Wir kehren von der Arbeit zurück. Das Lager kommt immer näher. In Birkenau spielt das Lagerorchester schwungvolle Märsche, modische Foxtrotts. Wir kochen vor Wut. Wie sehr hassen wir diese Musik und diese Musikerinnen. Da sitzen sie, diese Püppchen, alle in marineblauen Kleidern mit schneeweißen Kragen – da sitzen sie auf ihren bequemen Stühlchen (…)“

Szymon Laks beschrieb den erfolglosen Versuch, den Kranken im Frauenlager zu Weihnachten (1943) ein paar tröstliche Lieder zu spielen:

„Wir beginnen mit dem ersten. Nach ein paar Takten ist von überall leises Weinen zu hören, das lauter wird, je weiter wir spielen und am Ende übertönt ein allgemeines, unaufhörliches Schluchzen die himmlischen Akkorde der Weihnachtslieder. Ich weiß nicht, was wir machen sollen; die Musiker sehen mich verlegen an. Weiter spielen? Lauter werden? Zum Glück kommt uns das Publikum zu Hilfe. Von allen Seiten ertönen mühsam artikulierte Rufe, immer zahlreicher, dann ein Schreien – auf polnisch – und das was ich verstehe: ‚Genug! Aufhören! Raus! Raus mit euch! Lasst uns in Ruhe krepieren!’

Ich glaube, wären diese Wesen nicht so schwach, hätten sie sich auf uns gestürzt und uns mit Fäusten geschlagen. Was hätten wir tun sollen? Wir sind weggegangen.

Ich hatte nicht gewusst, dass Weihnachtslieder solche Schmerzen bereiten können.“

Am Ende – am Galgen von Buchenwald, in den Erschießungsgruben von Babi Yar, in den Gaskammern von Treblinka und Birkenau – verstummten alle Lieder. Die Menschen starben einen schmutzigen, grauenvollen und sinnlosen Tod – ohne wunderbar von guten Mächten geborgen zu sein.

Uns – bleibt das Gedenken.

„Die ganze Prozedur dauert zwanzig Minuten – und der Körper verwandelt sich in Asche. Es wird nicht lange dauern, und die fünftausend Menschen, fünftausend Welten, nehmen ein Ende in den Flammen. Und du stehst verblüfft und schaust darauf. Man legt immer zwei Leichen auf einmal hinein. Zwei Menschen, zwei Welten, sie hatten in der Menschheit ihren Platz, sie lebten und existierten, sie arbeiteten und schafften etwas. Sie leisteten etwas für die Welt und für sich, sie legten einen Ziegel zu dem großen Gebäude, sie woben einen Faden für die Welt und für die Zukunft – und bald, in zwanzig Minuten, bleibt kein Andenken an sie.“

(Salmen Gradowski)

EINLEITUNG

Jonas Höltig und Tassilo Rinecker

Einige der Lieder in diesem Buch kennt man vielleicht. Wir jedenfalls können uns daran erinnern, in unserer Kindheit und Jugend das Moorsoldatenlied (→ S. →) und In Junkers Kneipe (→ S. →) gesungen zu haben – ohne über den historischen Kontext der Lieder Bescheid zu wissen. Damit haben wir uns zum ersten Mal 2017 auseinandergesetzt. Erst dabei fiel uns auf, dass es sich um Lieder von Verfolgten des NS-Regimes handelt. Damals hatten wir vor allem ein musikalisches Interesse und wollten weitere Lieder aus dieser Epoche, vor allem Lagerlieder, spielen. Aber die Lieder, auf die wir stießen, ihre Geschichten und die ihrer Komponisten, ließen uns nicht los. Es würde uns freuen, wenn es denjenigen, die dieses Buch lesen, genau so ergeht wie uns.

Eine unserer ersten wichtigen Inspirationen war das Album „Und weil der Mensch ein Mensch ist“ von der Bremer Band „Grenzgänger“. In diesem haben sie hauptsächlich Lieder von politisch Verfolgten aus dem Sammelband „Lieder aus den faschistischen Konzentrationslagern“ von Inge Lammel und Günter Hofmeyer arrangiert und vertont. Besonders das Lied In Kerkermauern sitzen wir (→ S. →) hat uns begeistert. Bald entstand die Idee, einen breiteren Ansatz zu wählen und aus Liedgut verschiedenster Verfolgtengruppen ein musikalisches Programm zu erstellen.

Von unschätzbarer Hilfe dabei war der stellvertretende Leiter des Geschichtsortes Villa ten Hompel in Münster, Stefan Querl. Er motivierte uns dazu, viele Facetten der nationalsozialistischen Verfolgung zu recherchieren und vermittelte eine Vielzahl an Kontakten. So kamen wir auch mit der Co-Autorin Janne Biermann in Kontakt. In der Folgezeit setzten wir uns mit der Verfolgung von Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Menschen jüdischer Abstammung, Mitgliedern der „Bekennenden Kirche“, Oppositionellen, Jugendlichen, Homosexuellen sowie den Themen der Euthanasie, der „Schutzhaft“, Konzentrationslagern und Vernichtungslagern auseinander.

In Zeiten, in denen die Erinnerungskultur grundsätzlich in Frage gestellt wird, waren wir besonders froh darüber, dass wir bei unseren Anfragen fast ausnahmslos auf offene Türen und hilfsbereite Expertinnen und Experten trafen. Insgesamt finden wir es bemerkenswert, wie niedrigschwellig die Angebote in der Erinnerungskultur und Geschichtsbildung sind und wie bereitwillig man Hilfe bekommt. Auch die Menge und Tiefe des Wissens unserer Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner ist beeindruckend.

Im Rahmen dieses Rechercheprozesses hat sich ein Repertoire von 14 Liedern herausgebildet. Ursprünglich wollten wir zu dem Programm ein Begleitheft mit Noten und kurzen Texten erstellen, doch schnell wurde uns klar, dass die Geschichten der Lieder und Komponisten es wert sind, in einem größeren Rahmen erzählt zu werden. Neben der Erinnerung an die Verfolgten soll dieser Band auch einen Beitrag dazu leisten, dass diese bedeutungsschweren und ergreifenden Lieder nicht nur vor dem Vergessen bewahrt werden, sondern auch heute noch gespielt werden können.

Mit den Liedern dieses Sammelbandes versuchen wir die Breite der Verfolgung des nationalsozialistischen Regimes darzustellen. Dabei erheben wir weder einen Anspruch auf eine vollständige noch auf eine repräsentative Darstellung der Verfolgtengruppen. So ist es ein Fakt der Geschichte, dass die Verfolgung und Vernichtung von Juden und Jüdinnen in Europa ein einzigartiges Ausmaß erreicht hat. Wir haben mit Zog nit keynmol (→ S. →) zwar nur ein Lied in unserem Programm, das explizit als Reaktion auf die Verfolgung jüdischer Menschen entstanden ist. Es ist aber nicht das einzige Lied eines jüdischen Komponisten oder Autoren in diesem Band. Tatsächlich sind Johnny Hüttner (In Kerkermauern sitzen wir, → S. →), Jura Soyfer und Herbert Zipper (Dachaulied, → S. →), Karl Schnog

(Na ja, → S. →) sowie Werner Richard Heymann und Robert Gilbert (Wir zahlen keine Miete mehr, → S. →) jüdischer Abstammung. Hier zeigt sich, dass es nicht möglich ist, Verfolgte nur auf die ihnen vom NS-Regime auferlegte Zuschreibung zu reduzieren. Jüdische Menschen waren „ganz normale“ Mitglieder der Gesellschaft: Sie engagierten sich politisch, waren künstlerisch aktiv, sie schrieben Texte und machten Musik.

Ohne die Hilfe und die Ermutigung vieler Menschen wäre dieses Buch nicht entstanden. Wir danken deshalb

in erster Linie Janne Biermann, die nicht nur zwei Aufsätze zu diesem Buch beigesteuert hat, sondern auch den gesamten Entstehungsprozess begleitet und unterstützt hat – ohne sie gäbe es dieses Buch nicht,

Roland Vossebrecker, nicht nur für sein treffendes Vorwort (→ S.

), sondern auch für kritische Anmerkungen zum Projekt,

Robin Frank (

www.robinfrank.de

) für das großartige Design,

Stefan Querl, der den Stein erst ins Rollen gebracht hat,

dem Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW), Professorin Ursula Hemetek und Mozes Heinschink, deren Aufsatz wir abdrucken durften (→ S.

),

Andreas Pflock vom Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma e.V. für Hinweise zu Liedgut von Roma und Sinti (→ S.

),

Wolfram Slupina, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit von Jehovas Zeugen Zentraleuropa, der uns auf das Lied „Vorwärts, ihr Zeugen“ (→ S.

) hingewiesen hat,

Prof. Alfons Kenkmann für Anregungen zum Liedgut von Jugendbewegungen (→ S.

),

Prof. Franz-Werner Kersting und Prof. Hans-Walter Schmuhl für Auskunft über die Opfer der Euthanasie,

den Grenzgängern, insbesondere Michael und Frederic, für den freundlichen Kontakt und die musikalische Unterstützung und Inspiration,

unserem Korrekturleser Dominik Rupp,

David, Jana, Sarah, Benedikt, Jonas und Max für ihre wichtigen Anmerkungen zu unserem ersten Auftritt,

Dr. Hendrik Pütz für die Fotos,

Dr. Tim Jülicher für urheberrechtliche Hinweise,

Prof. Guido Fackler für sein lesenswertes, umfassendes Werk zu Musik aus Konzentrationslagern in der Frühphase des Nationalsozialismus „Des Lagers Stimme“, das eine wichtige Inspiration und Recherchequelle für uns war, sowie

Dr. Christoph Spieker, Leiter des Geschichtsortes Villa ten Hompel.

Wer Lust hat, die Lieder in diesem Buch live zu hören, dem legen wir ans Herz, sich ein Instrument seiner oder ihrer Wahl zu nehmen und drauf los zu spielen. Die Lieder dieses Buches sind in einem spezifischen, bedrückenden historischen Kontext entstanden, aber sie sind zeitlos und wollen gesungen werden! Ansonsten laden wir herzlich zu einem unserer Konzerte ein. Die aktuellen Termine finden sich auf unserer Homepage www.lieder-von-verfolgten.de. Wenn es keinen Auftritt in der Nähe gibt, dann freuen wir uns auch sehr über eine Nachricht. Vielleicht ergibt sich ja die Möglichkeit, gemeinsam ein Konzert vor Ort zu organisieren.

WIR SIND DIE MOORSOLDATEN

Johann Esser und Wolfgang Langhoff (Text)Rudi Goguel (Melodie) –1933

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von C.F. Peters Musikverlag Leipzig – London – New York

Strophe 1:

Wohin auch das Auge blicket,

Moor und Heide nur ringsum.

Vogelsang uns nicht erquicket,

Eichen stehen kahl und krumm.

Wir sind die Moorsoldaten

und ziehen mit dem Spaten ins Moor!

Strophe 2:

Hier in dieser öden Heide

ist das Lager aufgebaut,

wo wir fern von jeder Freude

hinter Stacheldraht verstaut.

Wir sind die Moorsoldaten

und ziehen mit dem Spaten ins Moor!

Strophe 3:

Morgens ziehen die Kolonnen

in das Moor zur Arbeit hin,

graben bei dem Brand der Sonne,

doch zur Heimat steht der Sinn.

Wir sind die Moorsoldaten

und ziehen mit dem Spaten ins Moor!

Strophe 4:

Heimwärts, heimwärts! Jeder sehnet

zu den Eltern, Weib und Kind.

Manche Brust ein Seufzer dehnet,

weil wir hier gefangen sind.

Wir sind die Moorsoldaten

und ziehen mit dem Spaten ins Moor!

Strophe 5:

Auf und nieder geh‘n die Posten,

keiner, keiner kann hindurch.

Flucht wird nur das Leben kosten,

vierfach ist umzäunt die Burg.

Wir sind die Moorsoldaten

und ziehen mit dem Spaten ins Moor!

Strophe 6:

Doch für uns gibt es kein Klagen,

ewig kann‘s nicht Winter sein.

Einmal werden froh wir sagen:

Heimat, Du bist wieder mein!

Dann zieh‘n die Moorsoldaten

nicht mehr mit dem Spaten ins Moor!

Dann zieh‘n die Moorsoldaten

nicht mehr mit dem Spaten ins Moor!

„Doch zur Heimat steht der Sinn“

Tassilo Rinecker

Das Lied „Wir sind die Moorsoldaten“, auch Börgermoorlied, kann wohl als eines der bekanntesten Lagerlieder, ja sogar „das“ Lagerlied bezeichnet werden. Aus verschiedenen Gründen zeigte und zeigt es immer noch eine vielseitige Wirkung auf die, die es hören oder vortragen. Diese Vielseitigkeit wird in diesem Aufsatz anhand einiger Aspekte betrachtet: Die Entstehungsgeschichte, die Verbreitung des Liedes während und nach dem Zweiten Weltkrieg, sowie eine Interpretation des Textes und der Musik.

Liedblatt von Hanns Kralik, 1933 Quelle: Wikimedia, Lizenz: CC BY-SA 3.0