Traumexpress - Alicia Frick - E-Book

Traumexpress E-Book

Alicia Frick

0,0

Beschreibung

Abby reist zu ihrer besten Freundin und geht dabei ihrer Lieblingsbeschäftigung nach - dem Geschichtenerfinden. In ihrem Kopf entsteht so die Story über den fünfjährigen Jakob, der noch nie gesprochen hat. Seiner alleinerziehenden Mutter bereitet das große Sorgen und selbst der Kinderarzt stößt an seine Grenzen. Dank neuer Freundschaften entdeckt Jakob die Liebe zu Tieren. Können diese das Schweigen des Jungen brechen? Durch Verspätungen und Zwischenfälle erfreut sich das ganze Abteil an den Erzählungen an Jakobs Leben. Ebenso Nikolas, der durch seine Flirtversuche Abbys Aufmerksamkeit gewinnen kann. Schafft er es, Abby an ihrer sexuellen Orientierung zweifeln zu lassen?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 274

Veröffentlichungsjahr: 2021

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Ally

Deutsche Erstausgabe

Traumexpress

Texte:

Copyright © 2020 by Ally

Umschlaggestaltung & Innenillustrationen:

Copyright © 2020 by Laura & Ally

ImpressumAlicia FrickIm See 22

76877 Offenbach an der [email protected]

Druck:

epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der

 Deutschen Nationalbibliothek:

„Ich liebe Fotos

- als schöne Erinnerungen vergangener Momente -

doch es fesseln mich immer wieder die Bilder in meinem Kopf

Für die Jamie in meinem Leben,

ohne die ich niemals so viel Zug fahren würde.

Kapitel 1

Die silberne Metallbank, auf der ich Platz genommen habe, ist unbequem und kalt. Mein ganzer Körper schüttelt sich vor Unwohlsein. Den Koffer habe ich mir zwischen meine Beine eingeklemmt und auf meinem Schoß ruht der gepunktete Rucksack. Die Bahn-App meldet sich mit einem Bing-Ton. Ihr Zug verspätet sich um 21 Minuten, steht auf dem Display. Na toll. Fängt ja gut an.

Der frische Apriltag könnte zwar sonnig werden, aber eine Jacke sollte man trotzdem nicht zu Hause vergessen.

Mein Blick streift über den noch dunklen Bahnhof.  Nicht weit entfernt von mir steht seit ein paar Minuten ein großer schlanker Mann, der die ganze Zeit wütend auf sein Handy starrt. Mindestens genauso wütend tippt er mit seinen langen Fingern auf das Display. Man könnte meinen, dieses springt gleich in all seine Einzelteile. Vielleicht hat er Streit mit seiner Freundin. Armer Kerl.

Gerade kommt eine etwas ältere Dame mit wunderschönen weißen Haaren die Treppen der Unterführung hinauf. Sie hat lediglich eine kleine Reisetasche dabei. Begleitet wird sie von einer jüngeren Frau, vielleicht ihrer Tochter? Die beiden blicken sich immer wieder unentschlossen an.

Mein Kopf gleitet in die andere Richtung. Ich beginne zu lächeln. Ein hellbrauner Hund, der an einer strammen Leine hängt, hechelt mich an und wedelt mit dem Schwanz. „Hektor. Bei Fuß. Sitz. Bleib hier.“ Der Hund genießt offensichtlich keine konsequente Erziehung. Seine Besitzerin scheint völlig überfordert zu sein. Wenn sie nur mal ihr Smartphone aus der Hand nehmen würde, könnte sie mehr auf ihren Hund eingehen, der sehr lieb zu sein scheint. Ich mag Hunde.

Hinter dieser Frau mit ihrem Hektor steht noch eine weitere Dame mit einem Hund. Dieser sitzt brav neben seinem Frauchen und wartet scheinbar auf neue Anweisungen von ihr. Beim zweiten Hinsehen ist deutlich, dass der schwarze große Wuschel ein Blindenhund ist, denn er trägt ein grellgelbes Geschirr mit der Aufschrift Begleithund. Welch ein toller Anblick. Diese kleine, etwas dickliche, Frau schmunzelt in den frischen Tag hinein, als könnte sie nichts aus der Ruhe bringen.

„Einfahrt auf Gleis drei. Der ICE 74 in Richtung Kiel Hauptbahnhof. Bitte Vorsicht am Bahnsteig“, ertönt es aus den Bahnhofslautsprechern.

Als der Zug einfährt, sehen plötzlich alle von ihrem Handy auf. Ich bleibe noch ein paar Minuten sitzen. Viel zu gerne beobachte ich die Menschen. Es sind noch weitere gekommen. Einige eilen schnellen Schrittes auf die Waggons zu, andere verabschieden sich mit von Herzen kommenden Worten, auch die ältere Dame von ihrer vermutlichen Tochter. Sie blicken sich genauso an wie vor ein paar Minuten schon. Die eine deutet eine Umarmung an, doch dann geben sie sich die Hand. Scheint kein gutes Mutter-Tochter-Verhältnis zu sein. Vielleicht war es auch ein Geschäftstermin. Was weiß ich.

Der Blindenhund begleitet seine Besitzerin sicher die Stufen hinauf ins Abteil.

Der wütende Mann, der nun gedankenversunken dasteht, stellt sich langsam an der Schlange an, die sich vor der Zugtür gebildet hat.

Die überforderte Frau mit Handy und Hund ist gerade auf dem Weg zum Schaffner. Wie sie es nur schafft, gleichzeitig Handy und Hundeleine zu halten und auch noch ihre blonden Haare um den Finger zu wickeln, wird mir gerade vorgeführt. Wahrscheinlich bekommt sie es nicht einmal hin, ihren richtigen Sitzplatz zu finden.

Ich beobachte weitere Fahrgäste, die zusteigen. Alle nehmen den gleichen Zug, aber jeder von ihnen hat ein anderes Ziel. Menschen, die ihre Familie besuchen. Menschen, die jemanden besucht haben und auf dem Weg nach Hause sind. Menschen, die geschäftliche Termine einhalten müssen. Menschen, die in Urlaub fahren. Menschen, die vielleicht gar kein Ziel haben und sich einfach nur in einen Zug setzen. Oder Menschen, die ihre beste Freundin besuchen, so wie ich.

Die Schlange an der Zugtür hat sich aufgelöst. Mit meinem Gepäck schleppe ich mich die zwei Stufen des ICEs hinauf in das passende Zugabteil, in dem ich mir einen Sitzplatz am Fenster reserviert habe. Meinen Koffer stelle ich mir in Sichtweite in die dafür vorgesehene Gepäckablage und meinen Rucksack schleudere ich mit Schwung auf den Sitzplatz neben meinem. Ich hänge meine grüne Naketano-Jacke auf, lasse mich in den blauen Sitz sinken und ziehe meine roten Lieblingsstiefeletten aus.

In letzter Zeit war ich oft mit dem Zug unterwegs, um meine beste Freundin zu besuchen. Daher weiß ich, dass ziemlich bald nach der Anfahrt des Zuges eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter mein Ticket sehen will. Ich ziehe es aus meinem Rucksack und schaue prüfend auf die Uhr. Schon 25 Minuten Verspätung und wir sind noch nicht einmal losgefahren. Ich atme aus, verdrehe die Augen und lasse meinen Nacken kreisen.

Die Zugmitarbeiterin ist gerade hier gewesen. Heute ist eine große Frau im Dienst. Sie trägt ihre roten Haare in einem strengen Zopf und hat mich unfreundlich gebeten, ihr auch noch meinen Personalausweis zu zeigen. Sehe ich in meinem hübschen Rock denn so verdächtig aus? Für gewöhnlich sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Bahn sehr angenehm und zuvorkommend. Solange heute keine unerwarteten Fragen aufkommen, muss ich mich nicht weiter für sie interessieren.

***

Wir fahren immer noch durch meine Abfahrtsstadt. Eine Sekunde habe ich geblinzelt. Ein Kind konnte ich noch erkennen. Es sitzt in seinem Kinderwagen, die Mutter zu ihm gebeugt. Diese hat bestimmt gerade verzweifelt versucht ihrem Kind einen Keks oder die Trinkflasche anzubieten. Meine Augen fallen zu und ich vertiefe mich in meine Geschichte.

Das Kind will nicht mehr aufhören zu jammern. Es strampelt und rutscht dabei immer tiefer in den Sitz. Die Mutter meckert und das Kind fängt an zu schreien. „Wenn du dich nicht benimmst, ruf ich deinen Vater an.“ Das Kind ist still. „Das funktioniert immer wieder“, flüstert sich die Mutter selbst zu, auch wenn sie das niemals tun würde.

Es vergehen nur wenige Minuten und das Kind fängt wieder an zu quengeln. „Jakob, was willst du? Bist du müde?“ Das Kind schüttelt den Kopf. „Möchtest du etwas trinken oder essen?“ Das Kind schüttelt erneut den Kopf. „Jakob, du bist fünf Jahre alt. Du musst endlich anfangen zu sprechen. So geht das nicht weiter.“ Das Kind weint.

Die Mutter schiebt den Kinderwagen weiter. Sie hat heute noch viele Erledigungen zu bewältigen. Da sind zum Beispiel die Zubereitung des Mittagessens und der Kinderarzttermin, worüber sie sich jetzt schon wieder den Kopf zerbricht.

Eine ganze Weile läuft sie nun schon hinter dem Wagen her, ohne sich dafür zu interessieren, dass ihr Kind immer noch weint. Der Junge hat lockige, blonde Haare, Sommersprossen und ein liebes rundes Gesicht mit braunen Augen. Heute hat er ein grüngestreiftes Oberteil und eine braune Latzhose an. Seinen Sonnenhut hat er tief ins Gesicht gezogen. Vielleicht möchte er nicht, dass jemand Fremdes seine Tränen sieht?

Die beiden sind zuhause angekommen. Im heruntergekommenen Treppenhaus eines Mehrparteienhauses, in dem schon der Putz von den Wänden fällt, lässt die Mutter den Kinderwagen stehen. Ihren Sohn hat sie abgeschnallt und nimmt ihn auf den Arm. Sie könnte ihm gut zureden oder ihm die Tränen aus seinem unschuldigen Gesicht wischen, aber ihre Gedanken sind ganz woanders. Sie muss sich jetzt schnell überlegen, was für ein Mittagessen sie zaubert, welches ihr Sohn wieder nicht anrühren wird. Mit gedrückter Stimmung wird sie duschen gehen und ihn unbeaufsichtigt im Wohnzimmer sitzen lassen. Spielen will er nicht alleine, aber auch sie braucht mal fünf Minuten für sich. Ist es egoistisches Denken oder das Handeln jeder alleinerziehenden Mutter? Nach dem kurzen Besuch im Badezimmer muss sie auch noch ihr Kind umziehen. Der regelmäßige Besuch beim Kinderarzt steht wieder an. Der Arzt will den Jungen überdurchschnittlich oft in der Arztpraxis sehen.

„Jakob, ich setze dich hier auf den Teppich. Bauklötze sind da drüben in der Kiste und im untersten Regal stehen deine Bücher. Ich koche uns schnell einen Kartoffelbrei.“ Mit diesen Worten verschwindet seine Mutter aus dem geräumigen Wohnzimmer. Jakob sitzt teilnahmslos auf dem gemusterten Teppich. Er war so ein fröhliches Baby gewesen. Wieso kann seine Mutter nicht sehen, was ihm angetan wurde? Aber Vorwürfe helfen niemandem weiter.

Das Essen ist schnell zubereitet und der kleine Tisch in der Küche gedeckt. Jakob wird in die Küche getragen und auf seinem Stuhl platziert. Er hat keines seiner Spielzeuge angerührt. Ist es seiner Mutter aufgefallen?

„Jakob, schau mal. Dein Löffel mit dem grünen Dino drauf. Kartoffelbrei hast du früher immer so gerne gegessen. Möchtest du nicht mal probieren?“

Der Junge wird unter dem eindringlichen Blick seiner gegenübersitzenden Mutter immer kleiner auf seinem Sitzplatz.

„Ich weiß nicht, was aus dir werden soll. Du isst nicht, spielst nicht und reden tust du auch nicht. Was soll ich nur mit dir machen?“

Es ist ihr also aufgefallen, dass er sein Spielzeug nicht zum Spielen geholt hat. Er hat sich in der Zeit keinen Zentimeter bewegt, während seine Mutter gekocht und ihn dann wieder vom Boden aufgehoben hat, um ihn an den Tisch zu setzen.

Das Duschen und das Umziehen ihres Sohnes lässt sie bleiben. Viel zu sehr hätte sie das angestrengt und nach vielen aussichtslosen Monologen mit ihrem Sohn wären sie noch zu spät zum Arzttermin gekommen.

Nachdem Jakob in der Arztpraxis angemeldet ist, nimmt er mit seiner Mutter im Wartezimmer Platz. Es herrscht eine fröhliche Stimmung in dem hellen Raum. An den Wänden hängen gemalte Bilder von kleinen Patientinnen und Patienten. Eltern lesen ihren Kindern vor oder die Kleinen spielen mit Baggern, Autos oder Holzklötzchen. Jakob sitzt bei seiner Mutter auf dem Schoß, während sie sich die glücklichen Kinder um sich herum anschaut.

Jakob wird aufgerufen und Herr Dr. Müller sitzt schon an seinem Schreibtisch im Sprechzimmer. Er begrüßt Jakob zuerst, wie immer.

„Hallo Jakob. Wie geht es dir? Du bist ja schon wieder gewachsen.“

Eine Antwort bekommt er nie. Jakobs Mutter gibt dem Arzt die Hand.

„Herr Dr. Müller, ich bin verzweifelt. Ich weiß nicht mehr, was ich mit ihm machen soll.“

„Nehmen Sie Platz. Vielleicht spielt Jakob etwas mit den Plüschtieren?“ Der ältere Mann lächelt Jakob an, überreicht ihm einen roten Drachen und ein grünes Krokodil. Jakob nimmt diese entgegen und sie verweilen auf dem Schoß des Jungen, während die Erwachsenen mit ihrer Unterhaltung fortfahren.

„Erzählen Sie mir ganz in Ruhe, was Sie meinen.“

„Er isst nicht, egal was ich ihm anbiete. Kekse, Kartoffelbrei, Pommes, Nudeln. Es ist aussichtslos. Er spielt nicht. Wir haben so viele Spielsachen im Wohnzimmer. Ich habe sie extra in den unteren Reihen des Regals platziert, damit er gut dran kommt. Ich muss auch mal duschen! Oder wenn ich koche... Er sitzt dann auf dem Teppich noch genauso da, wie ich ihn hingesetzt habe, wenn ich wieder zu ihm in den Raum komme. Er hat in seinen fünf Jahren kein einziges Wort gesprochen. Als Baby war er so fröhlich. Ein richtiger Sonnenschein. Er hat so viel gelacht und die Aufmerksamkeit von mir gesucht. Irgendetwas ist in ihm erloschen.“

„Ich möchte Sie nicht beunruhigen, aber das klingt gar nicht gut. Vor vier Wochen waren Sie das letzte Mal bei mir. Von diesem Zustand haben Sie mir bisher allerdings nicht berichtet. Die körperliche Untersuchung ist immer unauffällig. Dass er nicht redet, ist mir allerdings auch aufgefallen. Ich wollte abwarten. Das hatten wir ja damals besprochen. Manche Kinder brauchen einfach ein bisschen länger als andere, aber hier scheint ein tieferes Problem vorzuliegen. Haben Sie denn das Gefühl, er versteht Sie nicht, wenn Sie mit ihm sprechen? Wenn er nicht gut hört, kann er unsere Sprache auch nicht verstehen und somit nicht erlernen.“

„Ich bin mir sicher, dass er alles versteht, was ich sage. Manchmal habe ich das Gefühl, er würde mir nicht zuhören, mich nicht wahrnehmen. Schreien, meckern und quengeln kann er, wenn ihm etwas nicht passt. Er lässt sich dann nicht beruhigen oder ablenken. Ich biete ihm Essen und Trinken an oder frage ihn, was ihn stört. Eine Antwort habe ich noch nie erhalten. Bitte helfen Sie ihm!“

„Ich werde mein Bestes geben.“ Herr Dr. Müller runzelt die Stirn und beobachtet Jakob einen Moment.

„Jakob, gefallen dir denn die zwei Stofftiere?“

Keine Reaktion des Jungen. Er hält die Tiere fest im Arm, schaut jedoch zu Boden.

„Jakob. Hallo? Kannst du mich hören?“

Jakob nickt.

„Geht es dir nicht gut? Gibt es irgendetwas, das ich für dich tun kann?“

Jakob blickt dem Arzt direkt in die Augen. Kommunizieren kann er also. Der kleine Mann bekommt glasige Augen und kämpft mit den Tränen.

„So schlimm, mein Großer? Hier für dich. Ein Taschentuch.“

Seine Mutter, bei der er immer noch auf dem Schoß sitzt, verdreht die Augen.

„Weint er oft?“, erkundigt sich der Kinderarzt.

„In letzter Zeit öfters. Ist wohl seine Masche. Immer wenn ich ihm eine Frage stelle oder nicht herausfinden kann, was ihn stört, fängt er an zu weinen.“

„Und was machen Sie dann?“

„Ich lasse ihn in Ruhe. Offensichtlich kann ich ihn nicht trösten. Sein Vater konnte ihn immer sofort beruhigen. Im Baby-Alter ist er ein absolutes Papa-Kind gewesen.“

Der Kinderarzt lässt mehrmals den Kugelschreiber um seine Finger kreisen. Er versucht sich selbst die Situation zu erklären, indem er seine Gedanken laut ausspricht: „Nun ja, Jakob erlebt vielleicht gerade einen kleinen… Wie soll ich es nennen? … inneren Wachstumsschub. Die Pubertät ist uns allen bekannt. Die Teenager lernen sich selbst kennen und kommen in eine wichtige Phase des Erwachsenwerdens. Bei Kindern gibt es solche Phasen bereits vor der Pubertät, nur sind diese schwächer ausgeprägt. Sie werden immer größer, lernen täglich viele neue Dinge kennen und nehmen ihre Umgebung mit zunehmendem Alter anders wahr. Vielleicht steckt Jakob gerade in solch einer kleinen Krise? Da er durch sein Schweigen mit der Entwicklung etwas hinterherhinkt, können solche Situationen in stärkerer Auswirkung auf ihn einströmen. Er kämpft wohl gegen einen inneren Wirbelsturm. Wir müssen den Ursprung seines Problems erfahren, um ihm helfen zu können. Über all seine jungen Jahre muss sich dieser Wirbelsturm aufgebauscht haben und nun hat er wohl seinen Höhepunkt erreicht. Vielleicht hätten wir doch früher eingreifen sollen, aber nun werden wir alles tun, um Ihrem Sohn zu helfen.“

Jakobs Mutter hat aufmerksam zugehört, ist dankbar über die neu gewonnenen Erkenntnisse und überrascht über die ehrlichen Selbstzweifel des Arztes.

„Haben Sie denn eine Idee, wie wir den Grund seines Problems herausfinden können, Herr Doktor?“

„Lassen Sie mich doch bitte ein paar Minuten alleine mit Ihrem Sohn. Ich rufe Sie gleich wieder herein.“

„Na, wenn Sie meinen, dadurch bahnbrechende Erkenntnisse zu gewinnen. Bitte schön. Eine Portion schweigendes Kind.“

Jakobs Mutter ist aufgestanden, setzt ihren Sohn auf den Stuhl und verlässt den Raum. Jakob blickt ihr hinterher, aber ob er wirklich wahrnimmt, dass sie gegangen ist, weiß niemand.

Der Arzt wendet sich dem Jungen zu und schenkt ihm seine volle Aufmerksamkeit.

„Jakob, weißt du, wer ich bin?“

Jakob nickt und umklammert die Stofftiere noch fester.

„Gefallen dir denn die Plüschtiere in deinem Arm?“

Jakob blickt kurz zu dem Drachen und dem Krokodil. Es scheint, als wolle er sich vergewissern, dass sie noch da sind, bevor er wieder nickt.

„Du kannst verstehen, was ich sage. Kannst du mir mal ein Wort nachsprechen? Wir versuchen es. MA-MA. Versuch es mal. Ist ganz einfach. MA-MA.“

Jakob sieht den Arzt zwar an, aber er öffnet nicht einmal seinen Mund, um es zu versuchen. Die Fragestunde geht weiter.

„Ist es denn schön bei euch zuhause?“

Der Junge blickt schon während der Frage wieder auf die weißen Fliesen. Es klopft an der Tür und die blonden langen Haare von Jakobs Mutter erscheinen im Türrahmen, gefolgt von ihrem besorgten Gesicht.

„Entschuldigen Sie. Ist alles in Ordnung?“

„Kommen Sie herein. Also, er kommuniziert, indem er nickt oder den Kopf schüttelt. Während meiner Fragen umklammerte er die Plüschtiere fester. Schlauer geworden bin ich jedoch noch nicht.“

Herr Dr. Müller steht auf und geht zur Tür. Mit einer Mitarbeiterin kommt er wieder herein.

„Jakob, das ist Angelika. Sie wird mit dir hinausgehen. Ich spreche mit deiner Mutter kurz alleine.“

Die Frau im lila T-Shirt nimmt Jakob an die Hand. Er schaut seine Mutter verängstigt an. Zusammen verschwindet der kleine Lockenkopf mit der Arzthelferin durch die Tür.

„Solche Fragen möchte ich nicht unbedingt stellen, wenn die Kinder im Raum sind“, erklärt der Arzt, setzt sich zurück auf seinen Stuhl und fährt fort: „Gibt es denn irgendwelche negativen Ereignisse in seinem Leben, die ihn beeinflussen können?“

„Nein. Ich bin alleinerziehend und verbringe viel Zeit mit ihm. Er geht nicht in den Kindergarten. Ich arbeite von zu Hause aus.“

„Kommt er denn mit Gleichaltrigen in Kontakt?“

„Wir gehen regelmäßig gemeinsam auf den Spielplatz. Dort sind immer viele Kinder. Er sitzt aber dann alleine im Sandkasten oder möchte nicht von der Bank herunter, auf die ich mich gesetzt habe. Ich animiere ihn zum Rutschen oder Schaukeln. Ich saß schon öfter im Sandkasten als er. Meistens starrt er vor sich hin und wenn ich ihn rufe, kommt er sofort und wir gehen wieder nach Hause.“

„Sie sagten, Sie sind alleinerziehend. Hat Jakob zu seinem Vater Kontakt?“

„Als er geboren wurde, waren wir noch ein Paar. Je älter Jakob wurde, desto öfter stritten wir. Wir hatten zu unterschiedliche Meinungen was Kindererziehung anbelangt. Schließlich trennten wir uns und der Kontakt brach ab. Jakob kam mit zwei Jahren in einen Kindergarten. Es war schön und die Erzieherinnen liebten meinen Sohn. Als ich ins Home Office umstieg, beschloss ich, ihn dort abzumelden, um mir die Kosten zu sparen. Viele Kinder verbringen den Alltag nicht in einem Kindergarten und reden und spielen trotzdem.“

„Hat er denn mitbekommen, wie Sie sich stritten? Ich kann mich nicht daran erinnern, Ihren Ex-Mann je kennengelernt zu haben. Schließlich betreue ich Jakob schon seit seiner Geburt.“

„Auch wenn man denkt, man könne das vor den Kindern geheim halten, bekommen diese immer etwas mit. Wir versuchten ihn mit einzubeziehen, wenn wir uns wieder versöhnten. Wir lachten miteinander. Wir dachten, so würde er lernen, dass wir uns trotzdem noch lieb haben. Allerdings war er aber noch so klein. Thomas war nie richtig daran interessiert Arzttermine wahrzunehmen. Als sein Kind auf der Welt war, änderte sich daran nichts.“

„Hat Jakob jemals Erfahrungen mit Gewalt gemacht? Im Kindergarten? Zuhause?“

„Wir waren zuhause zwar laut, aber geschlagen haben wir uns zum Glück nicht. Seit wir alleine leben, habe ich noch ein größeres Bedürfnis, auf ihn aufzupassen. Ich könnte ihn niemals schlagen. Was genau im Kindergarten ablief, kann ich nicht beurteilen. Es gab nie eine Benachrichtigung, dass ihn ein Kind geschlagen hätte oder er selbst negativ aufgefallen war.“

„Wir nehmen Ihrem Sohn Blut ab und sehen uns in drei Tagen wieder. Sie versuchen weiterhin, ihm Essen zu geben. Vielleicht auch mal Gummibärchen oder etwas, das Kinder lieben. Er muss etwas essen. Trinken tut er?“

„Ja. Tee. Säfte. Wasser.“

Mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck tippt Herr Dr. Müller alle Informationen in sein Arztprogramm. Langsam nickt er.

„Gut. Und wie ist sein Stuhlgang?“

Jakobs Mutter verdreht vorsichtig die Augen, sodass es der Kinderarzt nicht mitbekommt. Sie weiß, dass der Stuhlgang nichts über das andauernde Schweigen ihres Sohnes aussagen wird.

„Sehr flüssig. Wie sollte er auch anders sein.“

„Immerhin trinkt er, was seinen Körper nicht austrocknet. Haben Sie es mit Malen, Basteln oder Farbspielen versucht?“

„Er möchte keinen Stift in die Hand nehmen. Mit Basteln habe ich es gar nicht versucht. Er dürfte Nudelpackungen aufreißen oder im Kartoffelbrei matschen, aber nichts davon rührt er an.“

„Bleiben Sie tapfer. Angelika wird ihm Blut abnehmen. In drei Tagen sprechen wir uns wieder.“

„Dankeschön.“

Etwas enttäuscht begleitet sie ihren Sohn ins Labor der Arztpraxis. Nachdem er das Blutabnehmen ohne Zucken überstanden hat, sind die beiden auf dem Weg nach Hause. Sie leben am Stadtrand und besonders Jakobs Mutter genießt die Spaziergänge über Feldwege, zwischen Wiesen und Wäldern.

Kapitel 2

„Entschuldigen Sie, ist hier noch frei?“

Ein Zittern durchfährt mich und reflexartig hebe ich meinen Rucksack auf den Boden.

„Ich wollte Sie nicht erschrecken. Entschuldigung.“

„Setzen Sie sich.“

„Wo fahren Sie hin?“

Ich rolle mit den Augen und antworte nur kurz: „Meine beste Freundin besuchen.“

Hoffentlich fällt ihm auf, dass ich keine Gegenfrage gestellt habe, denn ich hasse Small-Talk. Meine Augen schließen sich wieder von selbst und ich spüre die Blicke des Unbekannten auf mir.

Ich träume mich wieder zu Jakob und seiner Mutter, die noch gar keinen Namen hat. Ich taufe sie Stefanie.

„Ich werde mir einen Kaffee holen. Möchten Sie auch etwas?“

Hat der Typ nichts Besseres zu tun, als mit einer fremden Frau zu quatschen, deren Augen geschlossen sind?

„Ein Brötchen mit Tomate-Mozzarella und ein stilles Wasser, bitte. Danke.“

„Wie die Dame wünscht.“ Er dreht sich von mir weg und läuft entschlossen in Richtung Bord-Bistro. Ich kann nicht einmal erwidern, dass das eigentlich ein Witz war. So würde ich zumindest etwas zu essen bekommen.

Es lohnt sich nicht, mich zu Jakob und seiner Mutter Stefanie zu beamen. Das Bord-Bistro ist nur einen Waggon von uns entfernt. Solange keine Menschenmasse ansteht oder der fremde Typ eine Großbestellung aufgibt, müsste er gleich zurück sein.

Genauso ist es auch. Stolz überreicht er mir mein gewünschtes Brötchen und stellt das Wasser auf dem Klapptisch ab.

„Vielen Dank. Was schulde ich Ihnen?“

Ich gebe meinen Blick.

„Die nächste Runde übernehmen Sie.“

„Die nächste Runde? Wie viel wollen Sie denn essen?“

„Bis ich in Kiel ankomme. Wissen Sie, ich werde meine Schwester besuchen.“

„Na dann. Guten Appetit.“

Beide gleichzeitig beißen wir herzhaft in unsere Brötchen. Soweit ich es erkennen kann, ist auf seinem Salami.

Er streckt mir sein Brötchen entgegen: „Wollen Sie probieren?“

„Nein, danke. Ich bin Vegetarierin.“

„Oh. Sorry.“

„Konnten Sie ja nicht wissen.“

Wir schweigen eine Weile, bis wir aufgegessen haben und der Arme meint wohl immer noch, ich bin an einer Unterhaltung mit ihm interessiert.

„War lecker, oder?“

Ich nicke nur und schließe wieder die Augen. Kaum habe ich überlegt, wo Jakob und seine Mutter gerade sind, stöhnt neben mir ein gewisser Herr in meine Ruhe hinein.

„Scheiß Weiber“, regt er sich auf und stopft sein Handy zurück in die Hosentasche. Ich starre ihn verständnislos an.

„Entschuldigung. Nicht Sie“, erklärt er mir.

Ich drehe mich wieder weg, aber anscheinend hat der Fremde Redebedarf.

„Meine Freundin und ich wohnen noch nicht lange zusammen. Ich hatte mir das echt schöner vorgestellt. Wir haben eine kleine Dachgeschoss-Wohnung, die sie fast ohne mich eingerichtet hat. Jetzt ist alles rosa und beige. Ich bin keinen Tag von zuhause weg, schon bekomme ich ständig Nachrichten von ihr. Wo ich denn die Post hingelegt hätte oder ihr Rasierer wäre. Sie beschuldigt mich wegen jeder Kleinigkeit.“

„Das habe ich mir schon gedacht.“

„Wie bitte?“

„Ich habe Sie am Bahnhof beobachtet. Sie haben wütend auf Ihr Handy eingeschlagen. Ich tippte auf einen Streit mit der Freundin.“

„Was Sie nicht alles sehen.“

Meine Augen. Ich will sie schließen. Wie erwartet hält mich jemand auf.

„Sind Sie müde, weil Sie ständig Ihre Augen zumachen?“

„Wenn ich ja sage, lassen Sie mich dann schlafen?“

„Möglich.“

Diesmal verdrehe ich die Augen direkt vor seinem Gesicht und lehne mich in meinem Sitz in die entgegengesetzte Richtung. Weg von ihm. Angelehnt an meine Jacke und mit einem Schal im Nacken, lasse ich Jakob und Stefanie Pläne schmieden, was sie mit dem angefangenen Nachmittag noch anstellen wollen. Meine Gedanken schweifen ab.

Ich bin tatsächlich etwas eingeschlafen und werde von einem verschmitzten Lächeln empfangen.

„Die humorvolle Lady ist ja wirklich müde.“

„Sie sind ja immer noch hier. Haben Sie noch nicht die Flucht ergriffen, um meinem Sarkasmus den Rücken zu kehren?“

„Offensichtlich nicht.“

Zum ersten Mal gebe ich ihm eine Chance und betrachte ihn näher. Anscheinend nimmt er meinen Humor mit Humor. Er ist schlank, aber nicht durchtrainiert. Ein sympathisches Gesicht trägt er mit sich herum, wenn er nicht gerade wütend ist. Im Moment bedeckt eine Mütze seinen Kopf. Und zwar nur seinen Kopf, nicht seine Ohren. Sowas habe ich ja noch nie gesehen. Wofür setzt man sich denn eine Mütze auf, wenn man nicht seine Ohren wärmen möchte? Unter der Mütze blitzen ein paar kurze schwarze Haare hervor. In seinen großen, dunklen Augen könnte man sich verlieren. Sie werden umrahmt von schwarzen wuscheligen Augenbrauen. Wo wird man nur hingelangen, wenn man diese Augen eine Ewigkeit bestaunt? Seine Lippen sind blassrosa und sehr schmal. Aber diese Augen…

Zum Glück unterbricht er mich: „Nikolas.“

„Was?“

„Mein Name ist Nikolas und wie heißt meine reizende Sitznachbarin?“

„Abby.“

Er lächelt und schaut an mir vorbei zum Fenster. Ich kann mein Plappermaul nicht mehr halten: „Gerade habe ich geschlafen, aber eigentlich schnappe ich Dinge auf, die ich durchs Fenster gesehen habe und denke mir dazu eine Geschichte aus.“

Sein Blick wandert zu mir.

„Das klingt spannend. Was hast du aufgeschnappt?“

„Ein Kind in einem Kinderwagen am Stadtrand. Seine Mutter war über den Kinderwagen gebeugt.“

„Und dazu hast du eine Geschichte erfunden?“

„Nicht erfunden. Woher willst du wissen, dass sie nicht zu einem Teil stimmen könnte?“

„Du bist also allwissend?“

„Sehr witzig. Nein.“

„Erzähl mir von der Geschichte mit dem Jungen und seiner Mutter.“

Ich schaue ihn fragend an, um eine weitere Bestätigung seiner Bitte zu erhalten und die bekomme ich: Er setzt sich tiefer in seinen Sitz, rutscht zu mir herüber und stellt seinen Ellenbogen auf der Armlehne ab. Er schaut erwartungsvoll in meine Augen. Ich erzähle ihm von Jakob und seiner verzweifelten Mutter, die meiner Meinung nach ihrem Kind etwas mehr Liebe und Zuwendung schenken könnte. Als ich mit dem Arztbesuch ende, öffnet sich Nikolas Mund.

„Wow. Und wie geht es weiter? Was hat der Junge?“

„Soweit bin ich noch nicht.“

„Oh. Schau mal. Eine Kuhweide.“

Nikolas zeigt mit seinem Finger zum Fenster. Eine große Wiese und mindestens zehn grasende Kühe stehen glücklich dort und kauen vor sich hin. Nur eine Kuh in näherer Ferne hat zu uns gesehen, ehe wir an ihr vorbeigerauscht sind.

„Diese Kuh können wir in meine Geschichte einbauen.“

„Eine Kuh?“

„Ja. Stefanie und Jakob müssen sich überlegen, was sie am Nachmittag noch erleben wollen. Sie könnten einen Bauernhof besichtigen, der Kühe hat.“

„Super Idee. Aber momentan stehen sie doch wieder  vor der Arztpraxis. Jakob hat begonnen zu weinen, oder?“

Ich nicke, fordere Nikolas dazu auf, die Augen zu schließen und flüstere ihm den weiteren Verlauf meiner Geschichte ins Ohr. Schließlich will ich nicht das ganze Zugabteil mit meiner Unterhaltung stören.

***

Jakob steht also weinend vor der Arztpraxis, die man durch die grünen Bäume drum herum fast nicht sehen kann. Gleich nebenan ist ein Park, aber seine Mutter weiß sich nicht anders zu helfen, als ihn wieder hineinzutragen.

„Mein Kind weint und ich weiß nicht wieso. Bitte helfen Sie ihm.“

Sie gestikuliert wie wild mit ihren Armen vor der Mitarbeiterin Angelika, die Jakob Blut abgenommen hatte.

„Setzen Sie sich in den Nebenraum. Einen kleinen Moment bitte, ich informiere Herrn Dr. Müller und hier … fürs erste … ein paar Taschentücher.“

Stefanie nimmt diese entgegen und hält sie Jakob vor die Nase. Er beachtet sie jedoch nicht und weint sich weiter in sein Elend hinein. Man könnte meinen, seine Tränen füllen eine ganze Pfütze auf dem Boden.

Der Nebenraum ist wirklich sehr beengt. Ein Stuhl direkt neben der Tür und eine Untersuchungsliege, die knapp bis zum Fenster reicht. Stefanie setzt ihren Jungen auf die Liege und stellt sich vor ihn. Herr Dr. Müller steht mit fragenden Blicken in der Tür, bevor er sie hinter sich ins Schloss fallen lässt.

„Wie lange weint er schon?“

„Seit wir zur Tür draußen waren.“

Der Kinderarzt greift zum Türgriff und ruft einer Mitarbeiterin etwas zu. Angelika ist gleich zur Stelle und hält Stoff-Drache und Plüsch-Krokodil durch den Türspalt. Jakob nimmt diese dankend in seinen Armen entgegen. Aus dem bitteren Weinen wird ein leises Schniefen. Er scheint sich zu beruhigen.

„Habt ihr denn zuhause auch Plüschfreunde?“, erkundigt sich der Arzt bei dem Jungen.

Jakob nickt.

„Welche Tiere warten denn zuhause auf dich?“

Keine Reaktion. Seine Mutter übernimmt das Antworten für ihn: „Wir haben nur wenige. Ein Drache ist auch dabei. Ein Hase, ein Pferd, …“

„Nehmen Sie die beiden mit. Er scheint sie zu brauchen.“

Stefanie schaut den Arzt ungläubig an.

„Therapie mit Stofftieren?“

„Im Moment haben wir keine anderen Lösungen. Er lacht zwar noch nicht, aber zu weinen hat er aufgehört. Jakob, passt du gut auf die beiden auf?“

Jakob nickt.

„Du darfst sie mit heim nehmen. Sie werden auf dich aufpassen und wenn du abends mal nicht schlafen kannst, erzählst du ihnen ein paar Geschichten, bis sie zusammen mit dir müde werden, okay?“

Jakob nickt und lässt sich von seiner Mutter hinaus tragen. Den Weg nach Hause gehen beide Hand in Hand. Jakob weiß, wo er wohnt. Er geht fast von selbst in die richtige Richtung mit Drache und Krokodil im Arm.

„Möchtest du deinen neuen Freunden Namen geben?“, wagt Stefanie den Versuch mit ihrem Sohn ein Gespräch zu führen.

Jakob schüttelt mit dem Kopf, lässt die Hand seiner  Mutter los und stapft ihr mit seinem neuen Krokodil im einen Arm und seinem neuen Drachen im anderen hinterher.

Stefanie schlägt heute einen anderen Nachhauseweg ein, um für Ablenkung zu sorgen. Die beiden kommen an einer Wiese vorbei, auf der ganz viele Kühe grasen.

„Jakob, schau mal. Kühe.“

Er blickt zu ihnen und schaut sie sich an.

„Wir könnten auf den Bauernhof da drüben gehen und fragen, ob du mal eine Kuh streicheln darfst. Was hältst du davon?“

Jakob nickt und läuft voran, an der Kuhweide vorbei, Richtung Bauernhof.

Stefanie muss schmunzeln, als sie den Kinderwagen auf den Bauernhof schiebt. Der Bauer könnte nicht typischer aussehen. Klein. Dicker Bauch. Kariertes Hemd und darüber eine grüne Latzhose. Gerade war er wohl am Stall ausmisten, denn er hat eine Mistgabel in der Hand.

In den Ställen stehen noch viel mehr Kühe als erwartet. Stefanie spricht kurz mit dem Bauern, der ihr erklärt, dass oft Kinder zu Besuch kommen. Der Kindergartenausflug führt die Gruppen oft hierher, um die Tiere zu streicheln, das Leben auf dem Bauernhof kennenzulernen und um den Bauern mit Fragen zu löchern.

Jakob strömt keine Begeisterung aus, als er durch den langen Gang des Kuhstalls schreitet und die Kühe beobachtet, aber sein Kopf schaut nicht zu Boden.

Welch laute Geräusche die Tiere von sich geben und was für ein unangenehmer Geruch, der einem in die Nase steigt. Original Stallgeruch.

„Den Kindern tut die frische Bauernluft gut. Es ist schön, sie mit den Tieren agieren zu sehen. Sie sind so kreativ und lustig. Mich macht es glücklich, ihnen zusehen zu können, wie sie größer werden. Leider habe ich keine Enkel“, erzählt der Bauer erst begeistert. Im letzten Satz schrumpft seine Freude allerdings etwas. „Ihr Sohn ist so still. Geht es ihm gut?“

„Das wüsste ich selbst gerne…“ Stefanie berichtet dem Bauern ihre Sorgen.

„Ich kenne Ihren Sohn nicht. Von außen betrachtet würde ich sagen, er ist in einer Trauerverarbeitung. Ist sein Haustier gestorben?“

„Er hatte nie ein Haustier, aber danke für den Denkanstoß.“

Eine Weile schaut sich Stefanie weiter auf dem Hof um, bis sie auf ihrer Armbanduhr bemerkt, wie schnell die Zeit vergangen ist.

„Ich denke, wir sollten gehen. Jakob, kommst du?“

„Sie dürfen gerne jederzeit wieder vorbeischauen. Tiere können etwas in Kindern wecken, was Erwachsene nie verstehen werden.“

An den leuchtenden Augen des Bauern und dem Lächeln in seinem staubigen Gesicht erkennt man, dass er sich wirklich über ein Wiedersehen freuen würde.

Jakob steht noch vor einer Kuh, die gemütlich ihr Heu genießt. „Diese Kuh heißt Gerda und ich mag sie besonders gerne“, erzählt der Bauer fröhlich. Jakob formt mit seinen Lippen etwas, als wollte er Muh sagen, dann geht er auf seine Mutter zu. Vielleicht bildet sie es sich ein, aber der Mundwinkel ihres Sohnes könnte zucken, als ob er ihr ein Lächeln schenken will. Glücklich darüber spaziert Stefanie mit Jakob nach Hause.

„Hat es dir bei den Kühen gefallen?“, will sie schließlich wissen.

„Muh.“