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Traumweh ist kein Gefühl wie Heim- oder Fernweh. Traumweh ist ein Antrieb, eine Idee, die sich von alleine entwickelt, bunt malt und alles überstrahlt. Traumweh ist der Sand im Getriebe der Gedankenmaschine. Wenn Träume Stachel sind, die uns durch einen kleinen Schmerz wie Fernweh daran erinnern, dass es sie gibt oder wir sie mal hatten, dann ist Traumweh ein Dorn, der sich nur noch durch Amputation entfernen lässt. Ein Schmerz, der sich nicht einfach weglachen oder verleugnen lässt. Dieser Schmerz kommt von innen, sitzt tief im Hinterkopf, nistet in der Gedankenmaschine und lässt Träume Warteschleifen drehen. Traumweh ist eine Rekalibrierung der Gedanken, eine Neuausrichtung. Traumweh ist unser ganz persönlicher Triumph von Mut über Zweifel, Abenteuerlust über Sicherheit und Einmaligkeit über Alltag. Traumweh war die beste Entscheidung unseres Lebens. Traumweh ist ein Reisebuch mit nur einem einzigen Tipp: Geh reisen.
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Seitenzahl: 461
Veröffentlichungsjahr: 2014
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„Ich kann mich an wenige Tage so erinnern,
wie an jeden einzelnen der 803.“
1. Prolog
2. Vorbereitungen
1. Die Dinge, die dich besitzen
2. Knife mich mal
3. Tausche 77 Quadratmeter gegen 70 Liter
4. Weniger 100
5. Weil ich es mir wert bin
6. Sie verlassen den zumutbaren Sektor
3. Alaska
1. Hoffnung im Nirgendwo
2. Fitzcarraldo
3. You don’t know how it feels
4. Stand by me
5. Suche geschenkten Gaul, biete…
6. Auf der Suche nach Glück
4. Kanada
1. Kanada ist doof
2. Die Seen der anderen
5. USA
1. Die Stadt der bösen Hexen
2. Sechs Tage Weihnachten
3. Lassen Sie uns durch, wir sind Arzt
4. Zelten im Zentrum des Zyklon
5. Marlboro Country
6. Winnetous Erben
7. Ich bin die Maus, die Farben sammelt
8. Stell dir vor es ist kalt und Susan geht hin
9. Susan 1, Las Vegas 0
10. Jerry
11. Verschwörungstheorie
6. Argentinien
1. These boots are made for walking
2. Bitte gib mir nur ein Wort
3. It’s good to be king
4. Hostel Himmel und Hölle
5. Villa Venus
7. Chile
1. Klimawandel
2. 20.000 Meilen unter Valparaiso
3. Eine Sommerliebe
4. Terremoto
5. Steine staunen
6. Blutsauger gegen Berglöwen
7. 1.000.000 Legionen
8. Bolivien
1. Nach Bolivien im Bus
2. La Paz
3. Das teuerste T-Shirt Boliviens
9. Honduras
1. Der beste Job der Welt
10. Peru
1. Wir sind keine Freunde
2. Große Erwartungen
3. Gullivers kritische Reisen
11. Ecuador
1. Darum Ecuador
2. Galapagos überwasser
3. Galapagos unterwasser
12. Kolumbien
1. Kolumbien ffwd
2. Zombies bei Sonnenaufgang
3. Gras im Park
4. Dumme Fragen
5. Südamerika fünf Sterne
13. Mexiko
1. Der 20. September, ein Arschloch
2. Mexiko durch den Magen in Herz
3. Ein Museum namens Mexiko
4. Vergebung zur Mittagszeit
14. USA II
1. Zurück zu alter Stärke
2. Ferne Freunde
3. Thanksgiving
15. Neuseeland
1. Sunny und Cher
2. Eifersüchtig auf Vegetarier
3. Wandern und Bier
4. How many roads must a man walk down
16. Australien
1. Tasmanien auf allen Vieren
2. Tasmanien ist kein Streichelzoo
3. Australien ohne uns
17. Vietnam
1. Ein Land namens Vietnamkrieg
2. Geld ist nicht alles
3. Im Zweitakt
4. In einem Land vor meiner Zeit
5. Vietnjam njam
18. Kambodscha
1. Hot Pants und Berettas
2. Traumweh 2.0
3. Beatocello
4. Kurzgeschichten
19. Myanmar
1. Disarm you with a smile
2. Die halbe Stunde zum Jahrhundert
3. Geldanlage
4. Aktives Vergessen
5. Freiheit der Person
6. Myanmar Rail
7. Lichtspielhaus
8. Alles Gold was glänzt
20. Thailand
1. Buddha bei die Fische
2. Dieses Gefühl von
21. Singapur
1. Traumweh
2. Danke
Ich frage mich, warum wir das nicht schon viel früher gemacht haben. Das mit der Reise, das mit dem mutig sein, das mit dem in Frage stellen. Die Welt war doch die ganze Zeit da, wir etwa nicht?
Traumweh ist kein Gefühl wie Heim- oder Fernweh.
Traumweh ist ein Antrieb, eine Idee, die sich von alleine entwickelt, bunt malt und alles überstrahlt. Traumweh ist der Sand im Getriebe der Gedankenmaschine. Wenn Träume Stachel sind, die uns durch einen kleinen Schmerz wie Fernweh daran erinnern, dass es sie gibt oder wir sie mal hatten, dann ist Traumweh ein Dorn, der sich nur noch durch Amputation entfernen lässt.Ein Schmerz, der sich nicht einfach weglachen oder verleugnen lässt. Dieser Schmerz kommt von innen, sitzt tief im Hinterkopf, nistet in der Gedankenmaschine und lässt Träume Warteschleifen drehen. Traumweh ist eine Rekalibrierung der Gedanken, eine Neuausrichtung.
Traumweh ist unser ganz persönlicher Triumph von Mut über Zweifel, Abenteuerlust über Sicherheit und Einmaligkeit über Alltag.
Und Traumweh ist jetzt ein Buch, ein Reisebuch. Tatsächlich würde ich mich am meisten freuen, wenn Traumweh, das Buch, reisen gehen würde. Wenn es ausgelesen irgendwo zurückgelassen und durch Zufall von einem anderen Reisenden aufgelesen würde. Traumweh sollte nicht säuberlich in einem Bücherregal stehen und hin und wieder entstaubt werden. Traumweh sollte bekleckert und schmutzig, mit Sand berieselt, irgendwo im Dreck gelesen werden, im Rucksack geknickt und im Regen nass werden. Traumweh sollte ein Geschenk an einen Reisenden sein. Traumweh sollte mit Notizen vollgeschmiert und seine Seiten in der Not rausgerissen und missbraucht werden. Traumweh sollte da sein, wo es herkommt. Von draußen, dort wo es manchmal scheiße ist aber meistens wunderschön.
Für mich ist Traumweh mehr als das Buch, das Du jetzt in den Händen hältst. Traumweh sind mehr als zwei Jahre meines Lebens. Traumweh war die beste Entscheidung meines Lebens und ich hatte keine Ahnung davon, als mich ein alter Freund anrief.
„Alles was Du besitzt, besitzt irgendwann Dich.“
Nach diesem dahingesagten Satz beginnt das Kino in meinem Kopf eine Wahnsinnsvorstellung. Das eben Gesagte wird mich von nun an lange begleiten und eine enorme Wichtigkeit annehmen. Es gibt viele gute Ratschläge, die ich aus verschiedensten Gründen nicht angenommen habe. Bei einigen sollte ich Recht behalten.
Verkauf alles. Das sind nur Dinge. Dinge kannst Du immer wieder kaufen. Eine Reise machen und die Erlebnisse und Momente teilen, dafür läuft jeden Tag die Zeit ab. Jeden Tag. Einige Dinge kann man nicht kaufen und wenn Du zu lange wartest, ist die Zeit dafür irgendwann weg.
Zeit kennt nur eine Richtung. Entscheidungen können rückgängig gemacht oder bereut werden. Zeit kann man nur nachtrauern. Zu viele Entscheidungen schiebe ich auf die lange Bank. Die vermeintliche Sicherheit der Komfortzone, das angenehm-einlullende Gefühl des Alltags, die Selbstillusion, deine Träume auch morgen noch leben zu können. Aber mal ehrlich, die meisten Träume werden morgen nicht gelebt. Sie werden auch morgen noch geträumt und übermorgen.
Es ist das erste Mal, dass mich diese Überlegung schmerzt, dass ein Traum weh tut. Traumweh beginnt als leises Pochen in meinem Kopf. Die erste schlaflose Nacht. Nicht die Letzte. Dieser Traum nistet aggressiv, verdrängt alles andere. Kolbenfresser in der Denkmaschine, von hier an gibt es nur noch ein Thema.
„Eine Weltreise kannst Du jetzt machen. Einen Job wirst Du immer wieder finden, eine Wohnung mieten und ein Auto kaufen auch.“ Er sagt das so einfach. Klar, er muss es ja auch nicht machen. Für ihn ist es ein Tipp an einen alten Freund. „Mach das mal, befrei dich von Allem, lös dich aus deinem Mikrokosmos, tritt einen Schritt zurück und genieß den Ausblick.“
Ja klar, alles ganz einfach. Warum eigentlich nicht - die richtige Frage. Warum? Die Falsche. Ab jetzt werden nur noch richtige und wichtige Fragen gestellt.
Nach dem Gespräch mit Fabian bin ich mir zum ersten Mal meines Alters bewusst. Ich bin 27. Das macht nichts, hat es früher nicht und macht es auch jetzt nicht. Für eine große Reise aber läuft die Zeit und gegen mich. Alles andere: die Wohnung, der vermeidlich angesehene Job, der Sportwagen den ich immer wollte, die Sicherheit auf der Bank, Altersvorsorge, dreiteiliger Anzug, pervers großer Fernseher… das alles läuft nicht weg, kann warten und ist auf einmal gar nicht mehr so wichtig.
Ein merkwürdiges Gefühl wenn ein alter Freund einen Ratschlag ausspricht und damit alles in Frage stellt. Er kennt mich noch von früher, ziemlich gut sogar, wie ich feststelle aber wir sehen uns viel zu selten um das Leben des Anderen zu begreifen, die treibenden Ideen zu kennen, die Umstände, oder Hintergründe. Aus dieser entfernten Perspektive aber trifft er den Nagel auf den Kopf, stellt genau die richtigen Fragen und reicht mir die Idee herüber aus der heraus ich nun schreibe.
Die Idee verselbstständigt sich in kürzester Zeit, malt sich selber bunt und bestimmt von hier an alles Weitere.
Wir sprechen erst Monate später wieder und ich kann ihm sagen was er angerichtet hat. Er freut sich und ich hoffe er ist stolz. Ich bin ihm sehr dankbar.
Nach dem Telefonat steht vieles, was bis hierher Teil meines Lebens war, in Frage. Die Wohnung von der Freunde später sagen werden, sie konnten nie verstehen wie wir hier einziehen konnten, die Karriere, Riester-Rente, Mobilfunkvertrag, Fitnessstudio, Krankenkasse, vermögenswirksame Leistungen. Das, was gemeinhin als „geregelte Bahnen“ bezeichnet wird, was das Leben planbar, nachvollziehbar und Lebenslauf-konform gemacht hat, wird gedanklich planiert und radikal neu betrachtet.
Der Teil des Lebens, der Eltern nachts ruhig schlafen lässt, innerhalb eines nachdenklichen Nachmittags über Bord geworfen. An Deck bleibe ich allein zurück. Von nun an wird gedanklich klar Schiff gemacht, die Segel im Sturm gesetzt und der Kurs bei voller Fahrt um 180 Grad korrigiert.
Ich werde nicht mein Leben ändern. Ich werde nur mein Ändern leben. Da gibt es bloß noch eine Sache.
Wir müssen reden. Ich muss Dir was sagen. Etwas wichtiges. Ernstes Gesicht aufgesetzt und am nächsten Morgen Susan davon erzählt. Ich überrolle sie mit der Idee, Vorstellungen und Ansätzen.
Ich muss das machen, das ist wichtig für mich und auch wenn ich das erst seit gestern will, ist nichts wichtiger als diese Reise. Ich erwarte nicht die gleiche, oder überhaupt, Begeisterung. Ich erwarte nicht, dass Susan mitkommt, ich erwarte eigentlich gar nichts, ich muss nur Teilen was in mir vorgeht.
Ich würde nie einen Liebesbeweis verlangen aber wenn es jemals einen bräuchte, er war erbracht, als Susan nach einem völlig zusammenhangslosen und sehr aufregt vorgetragenen Monolog ohne zu zögern entschied, nicht nur Zweifel an unserer aktuellen Lebenssituation zuzulassen, sondern die Antwort gleich mitzugeben.
Susan und ich gehen also auf Weltreise, ohne zu wissen wie lange, wohin und unter welchen Umständen. Wir zwei und das ist auch schon das Wichtigste. Keine Wohnung in die wir zurückkehren, keine Jobs die auf uns warten, keine Versicherung, kein doppelter Boden, keine Generalprobe. Diese Karte wurde direkt für die Hauptvorstellung gelöst. Wobei so richtig entschieden ist ja noch nichts, oder?
„Wir planen eine Weltreise, also eventuell, …steht aber noch nicht so richtig fest. Eine, in letzter Zeit häufig verwendete, Formulierung gegenüber den wenigen Eingeweihten.
Wir stellen aber schnell klar, dass hier keine fixe Idee sondern ein Plan im Werden ist. Reiseführer werden eingesammelt, ausgeliehen, gekauft. Routen überlegt, Bookmarks gesetzt, Listen erstellt. Welche Ausrüstung benötigen wir, was für Kosten kommen auf uns zu, welche Impfungen sind wichtig und wie macht man das eigentlich, eine Weltreise?
Meine Eltern wissen sofort, dass wir den „point of no return“ überschritten haben: zu enthusiastisch die Erzählungen, zu leuchtend die Augen, zu wenig andere Themen an diesem Abend. Wer ein Tagebuch über ein Jahr vor Reiseantritt anfängt, nimmt die Entscheidung vorweg.
Es ist Frühling 2008, Vorabend der Finanzkrise, Arbeitslosenzahlen steigen, Aktiendepots werden wertlos, Banken verschwinden und wir auch.
Heute ist der Globtetrotter Hauptkatalog angekommen. Ein zwei Kilo-Monster, voll wie ein Telefonbuch und bis vor drei Wochen wäre er nach einem gelangweilten „über-den-Daumen-laufen-lassen“ direkt ins Altpapier geflogen.
Nun ertappe ich mich bei der ernsthaften Überlegung, ob ein Multibrenner wirklich zweihundert Euro wert ist. Verbrennt nicht nur Reinbenzin, sondern auch Tankstellenbenzin, sowie Diesel und Petroleum. Meine Technikverliebtheit befiehlt mir, so etwas haben zu müssen, zumal es laut Hersteller keine Flamme sondern einen Lichtbogen erzeugt und das ist auf jeden Fall viel besser weil...und...nun ja. Ich brauche das nicht rechtfertigen, ich will es haben.
Und noch etwas fesselt meine Aufmerksamkeit: Messer, die zwar wenig furcht-einflößend aussehen, dafür umso schockierender bepreist sind.
Vierhundert Euro für ein Messer. Mehrfach geschliffene und gehärtete Klinge hin, Carbon-Griff und niemals stumpf werdendes Werbeverspechen her. Dem gegenüber steht mein Zweifel, dass dieses Messer tatsächlich dazu beitragen könnte, unsere Reise einfacher oder sicherer zu gestalten.
Im Ernst: Mit dem Messer will ich eigentlich nur so ein typisch männliches Bedürfnis befriedigen. In Filmen haben die wirklich toughen Typen immer ein Messer parat und ich habe gesehen, aus welch ausweglosen Situationen man sich allein mit einem Messer befreien kann. Allerdings stehen zwischen dieser Vorstellung und der Realität vierhundert Euro, die sich auch wirklich gut in etwas sinnvolles investieren ließen.
Andererseits stelle ich mir vor, dieses Messer in einem Kampf auf Leben und Tod zu ziehen und zu gewinnen, nur weil mein Gegenüber erkennt, dass ich bereit war, vierhundert Euro für ein Messer auszugeben. Leicht auszumalen, was ich mit ihm anstellen könnte. Aber wird mein Gegner zu dem Zeitpunkt ein Messerfachmann sein oder eher ein Gauner, der auf den schnellen Taler aus ist?
Ich kaufe das Messer nicht, sondern werde später ein Messer kaufen, das nach der „Crocodile Dundee-Methode“ funktioniert.
Es wird groß sein, ich damit aber nicht sonderlich gefährlich und das wird für mich und alle Mitreisenden auch besser sein.
Er sagt: „Das ist ab jetzt dein neues Zuhause“, und weder Mietvertrag noch Maklercourtage hindern mich am Einzug, lediglich zweihundert Euro. Klingt fair.
Bevor ich den Gedanken zu Ende denken kann, bekomme ich mein neues Zuhause aufgesetzt. Mein altes hatte 77 Quadratmeter, dieses fasst 70 Liter. Der Rucksack-Fachmann bei Globetrotter heißt auch Tim und weiß viel über Rucksäcke, die hier Backpacks heißen. Das fängt mit dem Aufsetzen an und endet irgendwo bei der richtigen Art und Weise zu packen. Wir haben keine Ahnung. Tim bombardiert uns mit Fragen. Schulterzucken, verlegenes Lächeln und einige sehr vage Vorstellungen sind unsere Antworten. Wo geht’s noch mal hin? Wie lange? Wandert ihr viel oder eher so aus dem Koffer? Nee nee, das Letzte auf keinen Fall, schon richtig mit Wandern und so. Nee, haben wir noch nie gemacht aber das ist bestimmt das Richtige für uns. Oder?
77 Quadratmeter wiegen 18 Kilo und das ist das Standardgewicht für Rucksäcke bei Globetrotter. Klingt wenig aber die Vorstellung, den ganzen Tag damit rumlaufen zu müssen, macht es nicht leichter. Jetzt wird mir aber erst einmal die Luft abgeschnürt und die Arme beginnen zu kribbeln. Alles Teil der Rucksack Aufsetz- und Justier-Prozedur, nach der sich der Rucksack leichter anfühlen soll. Tut er aber kaum. Beim Anblick von Susan, die ebenfalls von einem Rucksack eingeschnürt wird und ein wenig aufheiterndes Gesicht macht, bekomme ich eine erste Vorstellung davon, was wir alles nicht mitnehmen können.
70 Liter. Klingt nicht nach viel und 18 Kilo, simuliert durch Globetrotter Kataloge, zerren aber schon ganz schön an den Schultern. 70 Liter also und da soll alles rein. Schlafsack, Isomatte, Zelt und dann ist er doch auch schon voll oder? Ich sehe mich schon in den immer gleichen Klamotten und sehr dünn weil für Essen und alles Andere kein Platz ist. Dass diese, mit Ironie erdachte Vorstellung, der Realität sehr nahe kommen wird, ahne ich an dieser Stelle nicht.
Das Rucksackaussuchen geht bei mir schnell. Die Rucksäcke, die ich probiere sind okay, der eine drückt etwas mehr und der andere scheint besser belüftet zu sein. Irrelevant meint Rucksack-Tim. Du wirst schwitzen, egal wie gut die Belüftung zu sein scheint. Ah ja aber werde ich Platz für Deo und frische Shirts haben oder sollte ich mal das ausgewachsene Modell da drüben aufprobieren?
Schon beim Probetragen reiße ich aufgrund des erhöhten Wendekreises alles Mögliche von Globetrotters Regalen, das der Rucksack-kompetente Tim für mich aufheben muss, weil ich mich mit dem Rucksack auf den Schultern nicht so tief bücken kann. Während ich eine Schneise der Zerstörung durch den Laden ziehe stelle ich mir vor, der Elefant im Porzellanladen schwitzt jetzt auch noch, hat heute und vielleicht auch gestern nicht geduscht und ein frisches Shirt war bei der Größe des Rucksacks leider auch nicht drin. Mein neues Leben setzt viel Toleranz und Sympathie meiner Mitmenschen voraus. Etwas, woran ich auch an mir versuche zu arbeiten.
Während ich Trockenübungen mit dem Rucksack mache und versuche möglichst wenig um- und herunterzureißen, beobachte ich die Menschen, die hier einkaufen. Outdoor ist ziemlich „in“ und schick geworden.
Auf der Mönckebergstraße braucht es zwar trotz erhöhtem Niederschlagsaufkommen und Wind von vorn nicht unbedingt ein Hardshell zum Preis der Nettokaltmiete einer Zweizimmerwohnung aber man macht eben eine gute Figur und darf sich ein bisschen wie ein Entdecker fühlen. Neben diesen Posern gibt es auch Outdoor-Nerds zu beobachten, die sich hier, Hände in den Taschen, herumdrücken.
Taschen sind überhaupt das Wichtigste an Outdoor-Nerds‘ Kleidung. Kein Fleck wird verschenkt, überall wird eine Tasche aufgesetzt, verschließt ein Reisverschluss ein Geheimfach, ratscht ein Klettverschluss über eine wasserdichte Tasche.
Man steht also in designter Funktionskleidung bei Globetrotter und friert nicht, dank dieses echt tollen Super-Materials. Total leicht und voll funktional, wasserabweisend sowieso und dann schau mal die ganzen Taschen. Wie praktisch, Augenrollen zum Unterstreichen der Wichtigkeit und fleißig nicken. Bei den Outdoor-Nerds geht es, anders als bei den Posern, natürlich nicht um Marken, aber das sind nun mal die Besten. Und überhaupt kommt nur diese eine in Frage, reiner Zufall, dass auch die Poser dass so sehen.
Es gibt dann aber doch einen Unterschied zwischen den Posern und den Nerds. Für die Outdoor-Nerds besteht ein wahrer Wettkampf darin zu zeigen, was für knallharte Outdoor-Burschen sie sind, indem sie zu den unpassendsten Temperaturen kurze Hosen und T-Shirt tragen. Natürlich Funktionskleidung, mit vielen Taschen. Für diese schlimmste Form der Outdoor-Nerds ist es das Größte, wenn sie allein und noch als Einzige in diesem Auflauf von Möchtegern-Outdoor-Burschen, kurzärm- und beinlich unterwegs sind.
Kopfschüttelnd und in Jeans und Baumwoll-Pullover gekleidet, betrachtet ich das Treiben, reiße noch einige Dinge von den Regalen, dann fahren wir mit neuen Erkenntnissen nach Hause. Es wird der große Rucksack, denke ich, und so ein Nerd versuche ich nicht zu werden. Man wird sehen, was aus mir wird.
Zurück in den 77 Quadratmetern, in denen Gramm und Liter keine Bedeutung haben, überlege ich, was wir alles verkaufen könnten. Sachen die wir zu selten nutzen, zu groß, Staubfänger, noch nie angehabt, warum haben wir das eigentlich oder überhaupt gekauft?
Mitnehmen können wir kaum was von dem was wir hier haben und Sachen einlagern kostet Geld. Darum werden die Dinge ab jetzt kritischer betrachtet. Für Picknick-Korb, Fernseher, Surround-Anlage und Playstation ist kein Platz in unserem Rucksack, außerdem sind das nur Zeitfresser, das hält uns nur auf. Ich tausche Besitz gegen etwas viel Wichtigeres. Ich will nicht an einem Punkt der Reise stehen und feststellen, dass wir, hätten wir nur etwas mehr von dem Zeug was uns eh nicht wichtig war verkauft, etwas erleben könnten, was uns nun verwährt bleibt.
Als ich im Fernsehen eine Reportage über die Galapagos-Inseln sehe, muss ich lachen. Ich stelle mir vor, dass der Fernseher uns einen Teil des Weges dorthin ermöglichen wird, wenn wir ihn demnächst verkaufen. Muss ich deswegen ein schlechtes Gewissen haben? Betrüge ich meinen Fernseher?
Heute sind es weniger als hundert Tage und ich bin cool. Ich habe gar keinen Grund, nervös zu sein. Wir sind bis an die Zähne vorbereitet. Susan hat festgestellt, dass wir gut in der Zeit liegen und wenn sie das sagt, beruhigt mich das ungemein.
Ich habe Reiseführer über die meisten Regionen, die wir kreuzen wollen, gelesen, kenne den Unterschied zwischen einem Geodät- und einem Kuppelzelt und habe Links zu all-möglichen Eventualitäten gesammelt. Einreisebedingungen, Transfermöglichkeiten, Adressen von Botschaften, Internetdoktoren und Apotheken, Umrechnungstabellen, Übernachtungsmöglichkeiten und tausend andere Dinge.
Was soll uns aufhalten?
Die Liste am Kühlschrank färbt sich von rot zu schwarz und das bedeutet, dass wir Dinge erledigt haben. Am Tag des Abflugs muss da alles schwarz sein, die wirklich wesentlichen Punkte sind es jetzt schon. Grund, sich mal was zu gönnen, findet Susan und hat sich zwei Mützen gekauft, grün und weiß. Nur die Grüne wird es mit auf die Reise schaffen. Wir wissen das, weil heute Susans Rucksack angekommen ist und wir probepacken konnten.
65 Liter und weniger groß als angenommen. Kaum waren Schlafsack und Isomatte – ach was schreibe ich – High-Tech-selbstaufblasende, gewichts- und computeroptimierte, aus Weltraummaterial unter Schutzatmosphäre hergestellte, hochbelastbare und mit reißfestem Material verstärkte Therm-a-rest-Matte in dem Rucksack, war für alles Andere wenig Platz.
Wenn man liest, was sich der Hersteller der Matte alles hat einfallen lassen und uns jetzt für die Hälfte der ursprünglich völlig unverbindlichen Preisempfehlung verkauft hat, möchte man meinen, mit dieser Matte könne man direkt in das Reich der Träume fliegen oder bei Bedarf den Colorado River runter Reiten. Dieses Ding kann alles und nebenbei soll man darauf auch noch geschützt vor Unebenheiten und fieser Kriechkälte schlafen können.
Die Matte, wenn ich es so abfällig nennen darf, nimmt recht viel Platz ein, erspart einem aber das lästige Aufpusten und ist hoffentlich so bequem wie bei der ersten Liegeprobe festgestellt.
Der Schlafsack ist nicht weniger High Tech. Ich will niemanden langweilen, daher nur so viel: der 75 Kilo Durchschnittsmann erfriert in Susans Schlafsack bei minus 25 Grad nicht. Wann der 75 Kilo Durchschnittsmann in Susans Schlafsack erfriert, steht nicht in der Beschreibung aber ich werde mit meinem noch immer nicht gekauften Messer verhindern, dass ein 75 Kilo Durchschnittsmann zu Susan in den Schlafsack krabbelt.
Jedenfalls ist Susans Rucksack mit diesen beiden Dingen schon recht voll, dazu kommen die Microfaser-Handtücher, Outdoor-Dusche und als Platzhalter und Füllmaterial etwas Schmutzwäsche. So kann der Rucksack schon mal den Geruch annehmen, der uns auf der Reise umwehen wird, ich freu mich.
Für das Gewicht sorgen einige Tetrapaks. Der Rucksack ist damit schwerer als bei Globetrotter aber diesmal lächelt Susan. Hat vielleicht etwas damit zu tun, dass der Rucksack nun der eigene ist und keine Outdoor-Nerds um uns herumwuseln und typische Nerd-Fragen stellen.
Sind wir eigentlich mittlerweile auch so, frage ich mich gerade? Schwärme ich manchmal von Materialien, lobe die praktische Tasche und rolle mit den Augen ob der Qualität meiner Wanderstiefel?
Als das Zeug in Susans Rucksack ist und sie in diese gesunde, aufrechte Körperhaltung zwängt, fällt mir auf, was da alles noch nicht drin ist und somit auf mich zukommt: Zelt, Laptop, Kamera, Kochgeschirr, Kocher, mein Schlafsack, Isomatte, Klamotten und viel Kleinkram dürften mehr als die 18 Kilo „Globetrotter-Rucksackstandardgewicht“ auf meine Schultern verteilen.
Und wir müssen auch mal was essen oder trinken, das Gewicht kommt noch on top. Ich sehe die 90 Liter meines Rucksacks schwinden.
Okay, ich habe verstanden, was Beschränkung auf das Wesentliche bedeutet. Darüber sprechen und es tatsächlich erfahren, ist aber zweierlei. Egal, bis zum Abflug bekommen wir das hin. Hundert Tage noch. Lange genug, um alles noch ein paar Mal durchzugehen, sich Fragen zu stellen und nervös zu werden. Jeder verarbeitet seine Nervosität anders. Ich schreibe.
So, nur noch neunzig Tage bis zum Showdown.
Nachdem wir uns bereits auf dem Flohmarkt von allerlei Kram, Klamotte und Kinkerlitzchen getrennt haben, heißt es nun für mich, im Bad Klarschiff zu machen.
Die fünf verschiedenen Duschgele, vier Shampoos gegen fettiges Haar, für mehr Haarfülle, für coloriertes Haar und für normales Haar sowie diverse Spülungen, Kuren, Masken, Cremes, Festiger, Tinkturen, Seifen, Gele, Pasten, Lotions, Fluids, Liquids und was weiß ich noch alles, müssen jetzt mal endlich aufgebraucht werden.
Es wird nichts Neues mehr gekauft, bis jede Flasche oder Tube restlos alle ist! Ich lass mich von keiner Werbung mehr verarschen.
Kann ja nicht sein, dass ich kurz vor Start mit lauter angebrochenem Zeug dastehe. Und wegwerfen geht auch nicht, da mach ich mir selbst einen Strich durch die Rechnung. Also wird jetzt mal fröhlich alles der Reihe nach alle gemacht.
Beim Blick durch den Inhalt des Badezimmerschranks, kann ich kaum glauben, was ich alles habe. Fönlotion? Was soll das sein? Schaumfestiger? Benutz ich doch gar nicht! Ach doch, den hatte ich mir mal zum Styling für eine Hochzeit gekauft, damit die Locken den ganzen Tag halten. Haben sie nicht und seit dem nie wieder benutzt. Stehen noch Feste an, bevor wir abfliegen? Nicht wirklich. Aber wegwerfen geht doch auch nicht. Ich könnte jeden Tag ein bisschen davon benutzen, dann brauch ich ihn wenigstens auf...
Mach ich mir wirklich über so was Gedanken?
Ja! Und über noch viel mehr! Zum Beispiel: Wie bekomme ich meinen Haaren die tägliche Wäsche abgewöhnt? Die ist in den letzten Jahren nämlich obligatorisch geworden. Seit ein paar Wochen, stehe ich daher jeden Morgen unter der Dusche in regem Dialog mit meinem Kopfhaar um es zu überzeugen, dass das bald vorbei ist und, dass es sich nun mal langsam auf eine andere Gangart einstellen könnte. Bisher wollen mir meine Haare aber nicht recht zuhören. Was mich wiederum dazu veranlasst hat, mir eine Mütze und ein Bandana zu kaufen. Wenn es mit den Haaren also nicht mehr geht, werde ich bemützt durch die Welt laufen.
Hab ich haarscharf kalkuliert.
Weil wir länger als drei Monate durch die USA reisen wollen, haben wir uns entschieden, ein Visum für die USA zu beantragen, genauer gesagt, ein „B-2-Visum“, ein Besucher-Visum zu touristischen Zwecken. Da gibt es kleine aber feine Unterschiede und unglaubliche Dinge zu beachten. Es fängt damit an, dass man dieses Visum nicht irgendwann beantragen kann, nein, man kann es erst zwei Monate vor Reiseantritt tun. Und das, obwohl das Visum eine Gültigkeit von zehn Jahren hat. Uncle Sam hat aber noch mehr Späße auf Lager. Da kann Behörden-Deutschland noch einiges lernen von „God‘s own country“.
Ich will mich aber nicht beschweren. Tim musste – weil männlich und über 25 Jahre alt – in einem Formular darlegen, an welchen Waffen er ausgebildet ist und welche Länder er wann und wie lange in den letzten zehn Jahren bereist hat.
Ersteres ist bei Tim schnell erledigt, da er immer noch immer nicht das Messer besitzt, geschweige denn bedienen könnte.
Dieser Part ist also schnell abgehakt aber mal eben die letzten zehn Jahre Reisetätigkeit zu rekapitulieren, strengt die grauen Zellen ganz schön an. Und dann sind für diesen Teil im Formular DS 157, wie bei einer SMS, nur 150 Zeichen vorgesehen. Es passen vier Reisen in das Formular, der Rest füllt bei Tim feinsäuberlich die gesamte Rückseite, was der Beamtin beim Termin, immerhin ein kleines Lächeln abringen wird.
Nachdem alles Notwendige ausgefüllt und für den Termin ausgedruckt ist, wird die Visagebühr fällig, die an ein Unternehmen namens „Roskos&Meier“ zu überweisen ist. Roskos&Meier schickt dann eine Email mit der Einzahlungs-Bestätigung und einem Barcode. Beides ist zum Visa-Termin mitzubringen. Aus Gründen, die mir nicht bekannt sind, kann Roskos&Meier zu viel bezahlte Beträge nicht zurücküberweisen. Ich weiß nicht, warum die das nicht können und warum diese Information auf der Visa-Seite gegeben wird aber ich gebe sie einfach mal weiter.
An dieser Stelle atme ich weg, dass die Online-Überweisung unverschlüsselt geschieht und, dass sich die Visa-Gebühr zum Vorjahr um zwanzig Prozent erhöht hat. Dass man das Geld nicht zurückbekommt, wenn man kein Visum erhält, ist wohl obligatorisch.
Für den Visa-Termin bei der Botschaft in Berlin benötigt man noch ein Foto, das den Kopf des Protagonisten auf Zweidrittel der Gesamtfläche mit freigelegten Ohren vor weißem Hintergrund zeigt.
An dieser Stelle könnte man stolpern. Das biometrische Foto, das wir vor wenigen Wochen für unseren Pass machen ließen, erfüllt alle Voraussetzungen und ich war kurz davor, eines dieser Verbrecherfotos einzupacken, aber denkste! Irgendwo bei den „Fotobestimmungen für Visa-Anträge“ steht geschrieben, dass das Foto für das Visum 5x5 cm groß sein muss und das ist das biometrische Foto nicht.
Also noch mal zum Fotografen und noch mal für Fotos bezahlt, die man nirgends, außer im Reisepass, aufbewahren würde.
Mit zwei dicken Sammelheftern voll mit notwendigen Unterlagen, Gehaltsabrechnungen, Kontoauszügen, Flugticket, Impfpass, internationalem Führerschein, Hostel-Reservierung, unserer Routenplanung und als Joker jeweils ein Foto von Mama und Papa (um „bestehende soziale Bindungen“ nachzuweisen) ging’s ab nach Berlin. Denn im Grunde bewirbst Du Dich nicht um ein Visum, sondern musst eine Verteidigungsstrategie aufweisen, mit der Du darlegst, dass du nicht vorhast, dauerhaft in den USA bleiben zu wollen.
Leider ist es nicht so, dass man mal eben in die amerikanische Botschaft marschiert und sagt: „Hier bin ich zu meinem Visa-Interview“, so schon mal gar nicht. In einem kleinen Vorraum wurden unsere Pässe gecheckt und wir und unsere Sachen durchleuchtet. Der eindringliche Befehl: „Keine Handys!“ gleich mehrmals. In den Infos zum Visa-Termin steht tatsächlich, dass man weder Handys noch Waffen mitbringen darf und diese besser bei Freunden oder im verschlossenen Wagen lässt.
Nachdem die Äußerlichkeiten geklärt waren, durften wir ins Hauptgebäude, wo uns ein weiterer, sehr strammer Beamter empfing und das nun folgende Prozedere im Imperativ erklärte. Wir sollten um die Ecke an Stehpulte gehen und unsere Unterlagen vorbereiten. „Keine Klarsichtfolien oder Heftklammern“. Ich verkniff mir ein: „Oh, warum denn nicht?“, und ärgerte mich, dass ich die Unterlagen in Folien sortiert hatte. Also Papiere fertig gemacht und zur nächsten Beamtin, die die Pflicht-Unterlagen auf Vollständigkeit überprüfte und unsere Verbrecher-Fotos herzlos an die Formulare tackerte. Die darf also tackern, ja?
„Stellen Sie sich jetzt mit ihren Unterlagen an Schalter drei an“, befahl sie. An Schalter drei stand ein weiterer Visumsanwärter und präsentierte seine Unterlagen einer Beamtin hinter Panzerglas. Ich setzte mich auf einen der Stühle.
„Ma’am... MA’AM! Bitte nicht hinsetzen. Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Sie sich an Schalter drei anSTELLEN sollen“, wies mich die erste Beamtin zurecht.
Hoppala, alles gut! Ich will ja nicht, dass das hier in die Hose geht, weil ich mir die Frechheit herausnehme, mich auf einen leeren Stuhl zu setzen. Ich war nicht bei der Armee, die und diesen Ton kenne ich nur von Drill-Sergeants aus Filmen.
Von jetzt an wird also Haltung angenommen und die Hacken geknallt und dann im Stechschritt zur Frau hinter Glas, die unsere Unterlagen überprüfte, drauf rumkritzelte und somit irgendwie für das Visa-Interview vorbereitete. Dann machte sie allen Ernstes digitale Fotos von unseren analogen Verbrecherfotos, um unser Antlitz für immer zu konservieren.
Danach durften wir uns hinsetzen und auf unser Visa-Interview warten. Also tatsächlich im Sitzen und auf einem Stuhl, lieber noch einmal zu viel nachgefragt.
Auf einem Bildschirm lief in Endlosschleife ein Werbefilm über die USA und seine Menschen, den Leni Riefenstahl nicht besser hätte inszenieren können. Monument Valley, Weißkopfseeadler, Menschen die tun als würden sie arbeiten, Mustangs, Rodeo, friedlich spielende Kinder aller Hautfarben, New York Skyline bei Nacht, der Geschäftsmann, die Mutter, die Sportlerin.
Unglaublich, sogar für eine Kopftuchträgerin, einen Rollstuhlfahrer und einen Indianer war Platz in diesem Land, äh Film.
Dennoch haben sich in diesem visuellen Erlebnis mit zu viel Weichzeichner und zu gesättigten Farben drei Fehler eingeschlichen und ich bereitete mich drauf vor, dem Visa-Beamten die Frage danach beantworten zu können. Die drei Fehler sind: Fußball spielende Teenager, saubere Energie aus Windkraft und sich küssende Männer, die wohl Vater und Sohn darstellen sollten, aber ich habe da meine Zweifel.
Während der Warterei beobachte ich die anderen Visa-Bettler. Einige haben den falschen Briefumschlag, das Foto ist ein normales Passfoto und der Rückumschlag eines dritten Kandidaten ist nicht frankiert.
Die Empfangsbeamtin weist in die Schranken und in den ersten Stock, wo ein Foto- und ein Briefmarkenautomat stehen. Beide nehmen aber nur „absolut passendes Münzgeld“. Das sagte sie so ein- und nachdringlich, als ob etwas sehr schlimmes passierte, wenn man zu viel Geld reinsteckte. Es passiert nichts, zumindest nichts sehr schlimmes. Stattdessen werden wir zum Schalter fünf gerufen. Fingerscan aller zehn Finger und das erwartete Frage-Antwort-Spiel.
„Sie waren also noch nicht in den USA?“ Als der US-Staatsbeamte mich das fragte, musste ich kurz überlegen, ob es eine Fangfrage sein könnte. Schließlich war ich noch nicht auf dem nord-amerikanischen Kontinent aber das Botschaftsgelände ist ja irgendwie auch Eigentum des jeweiligen Landes... Auf die Zunge gebissen und die Klugscheißerei hinten angestellt: „Nein, ich war noch nicht in den USA“. War scheinbar auch die richtige Antwort, er nickt und lächelt, stellt aber leider nicht mehr die „Nennen Sie die drei Fehler im Film“-Frage. „Ich genehmige Ihnen das Visum, es wird Ihnen innerhalb einer Woche per Post zugeschickt. Sie wissen aber, dass der Einreise-Beamte in Alaska letztendlich bestimmt, wie lange Sie bleiben dürfen? Fleißiges Nicken und Zahnpasta-lächeln unsererseits. „Viel Spaß bei der Reise.“
Nach einer Stunde hatten wir die Zusage für unser Visum, verließen das exterritoriale Gebiet und kehrten zurück in den zumutbaren Sektor.
Der Taxifahrer weiß über alles Bescheid, politische Lage, Wetter, Benzinpreise, das volle Taxifahrer-Repertoire. Als ich ihn frage, ob wir denn von unserem Hostel zu dem recherchierten Outdoor-Geschäft laufen können, kommt er ins Grübeln. Wahrscheinlich geht ihm gerade durch den Kopf, wie wir zwei völlig verloren durch diese, in seinen Augen Metropole irren und irgendwann in der Zeitung steht, zwei Deutsche von Bär angefallen und aufgefressen. Er ist dann schuld und so kommt er nach einer mittleren Bedenkzeit zu dem Schluss: Nein, das würde er nicht empfehlen. Hmm, sah doch bei Google Maps gar nicht so schlimm aus?
Am nächsten Tag brauchen wir 20 Minuten zu Fuß und sind im Outdoor-Himmel.
Es ist Sonntag und es wird langsam stickig in der Umkleidekabine. Ich probiere die hundertste Hose an diesem Tag und habe tatsächlich schon so Dinge zu Susan gesagt wie: „Die Hose hat mehr Taschen und außerdem das praktischere, weil schneller-trocknende Material, die nehm‘ ich.“ Oh je, also angekommen im Nerd-Himmel. Hier finden wir alles, was man vor den Toren von Anchorage brauchen kann. Hier laufen keine Nerds rum, sondern die knallharten Outdoor-Jungs, die ohne Zelt schlafen, ihr Abendessen mit bloßen Händen niederringen und dazwischen wir.
Wir stehen vor der Wand, an der die Angestellten Fotos von sich aufgehängt haben. Fotos, die zeigen wo sie waren und, dass sie vom Fach sind. Viel Beratung brauchen wir nicht mehr und am Ende des Tages haben wir sie dann beisammen, unsere Ausrüstung und Kleidung für die nächsten Wochen, Monate, wie lange auch immer. Modisch nicht der letzte Schrei aber insgesamt glauben wir, eine ganz gute Auswahl getroffen zu haben.
Tags darauf verlassen wir voll ausgerüstet Anchorage, wir wollen dieses Alaska jetzt kennenlernen. Draußen, in der Wildnis, mit den Tieren, dem Lagerfeuer und dem Zelt.
Das Zelt bauen wir schon recht schnell auf, nur können wir unsere Sachen partout nicht finden. Ein ständiges: Susan, wo ist…und hast Du vielleicht….ich dachte ich hätte, aber ich wollte doch und warum ist das schon wieder weggepackt und wohin, ich war doch noch gar nicht fertig… zeigt uns, dass wir noch viel lernen werden, was das Packen unserer Rucksäcke angeht.
Wir brauchen zwar lange aber als die Nudeln im Topf heiß werden, das Zelt aufgebaut und ein Lagerfeuer angezündet ist, fühle ich mich augenblicklich zuhause und angekommen in Alaska. So hab ich mir das vorgestellt, nur ist das Wetter noch etwas besser und die Stimmung noch zufriedener als erträumt. Weißkopfseeadler und Mountain Goat haben wir schon gesehen, mal gucken was noch kommt.
Die erste Nacht im Freien ist super, wir fallen völlig fertig in die Betten, also Schlafsäcke, und schlafen wie Babys aus Stein. Also ich. Susan beweist, dass sie kein 75 Kilo Durchschnittsmann ist und deshalb die Temperaturangaben in ihrem Schlafsack für sie nicht gelten.
Während ich den 75 Kilo Durchschnittsmann ein Weichei nenne und bei den zehn Grad, die wir nachts haben, im geöffneten Schlafsack schwitze, zittert sich Susan bei geschlossenem Wärmekragen und zugezogener Kapuze in unruhigen Schlaf.
Am nächsten Tag kaufen wir Thermo-Unterwäsche für Susan, mit der sie aussieht wie Catwoman und sich ebenso sexy in den Schlaf kuschelt. Nach dieser Nacht wird sie so ziemlich jede Nacht so schlafen und es wird ihre beste Anschaffung der Reise werden.
Heute Morgen aber geht es Susan trotzdem nicht besonders. Ein, sich gestern ankündigender Kratzhals, ist schlimmer und ein Schnupfen geworden. Wir fahren ein paar Meilen bis nach Hope, wo alle selbige verloren scheint.
Hope besteht nur aus einer kleinen Ansammlung wild zerstreuter, windschiefer Hütten. Einen Ortskern gibt es nicht und daher rollen wir zunächst durch das Dorf, bis die Straße einfach aufhört. Dead end. Den Ort haben wir gar nicht bemerkt, obwohl er in jeder Karte verzeichnet ist. Merke: nur weil Ort drauf steht, muss noch lange nicht Ort drin sein. Rückwärtsgang eingelegt und ohne umzudrehen einfach Rückwärts zurück über die ungeteerte Straße bis dahin, wo uns eben die Frau zugenickt hat.
Wir bekommen einen Tipp für eine nette Lodge, fahren die beschriebene gravel road entlang und plötzlich löst sich aus dem Dickicht eine Elchkuh mit ihren Jungen. Sie traben locker über die Straße und verschwinden wieder im Wald. Wir können unser Glück kaum fassen und auf den Fotos ist so auf die Schnelle auch was zu erkennen – Geil!
Die Lodge ist okay, Internet und ein Zimmer zum auskurieren – dann bitte das. Im Fernsehen läuft „Stand by me“ und während Susan schläft, gehe ich noch mal zu der Stelle an der wir die Elchkuh gesehen haben. Ich habe unser Bärenglöckchen nicht dabei und versuche, auf der gravel road durch Schlurfen den nötigen Lärm zu machen um eventuell anwesenden Bären meine Anwesenheit anzukündigen, gleichzeitig aber leise genug zu sein, die Elche nicht zu verscheuchen. Das kommt auch mir im Nachhinein schwachsinnig vor. Elche sind scheu und vor allem Weibchen mit Jungen lassen sich nicht lange blicken, meiden freie Flächen und halten sich am liebsten im tiefen Wald auf. Keine besonders guten Bedingungen für ein Wiedersehen mit Foto.
Von der Straße aus erkenne ich durch den Wald eine kleine Lichtung. Beim Betreten sehe ich etwas unterhalb meiner Position und nur zehn Meter entfernt die Elchkuh. Die Tasche vom Fotoapparat ist mit zwei Reißverschlüssen verschlossen, die ich, so langsam es geht, runterziehe. Das erste Foto mache ich noch scheinbar unbemerkt. Der Bildstabilisator leistet Schwerstarbeit während meine Hände vor Nervosität zittern. Bei jedem Auslösen gibt die Kamera ein leises, aber für die Kuh hörbares Auslösegeräusch von sich. Sie hebt den Kopf und schaut mich an. Wir stehen uns gegenüber, kaum zehn Meter voneinander entfernt. Sie kaut und guckt mich mit ihren großen braunen Augen an. Dann geht sie ganz ruhig in den Wald aus dem ich gekommen bin. Sie hat ein Kalb und scheinbar Spuren von Kämpfen am Körper. Ich bleibe noch eine ganze Weile und warte, dass sie vielleicht zurückkommt. Ich horche angestrengt in den Wald aber es ist nichts zu hören.
Erstaunlich, wie achthundert Kilo auf Hufen nicht das geringste Geräusch machen, während ich bei einem Zehntel des Gewichts und dem Versuch zu schleichen über eine Meile hörbar bin. Ich finde sie noch mal ein gutes Stück die Straße abwärts wieder aber ein Auto verscheucht sie bevor ich mich anschleichen konnte. Auf dem Weg zurück zur Lodge schalte ich das Auslösegeräusch stumm.
Die beste Dusche der Welt ist nicht die sauberste oder die mit dem schönsten Ausblick, sondern die, die Du am nötigsten hast. Ich stand gerade unter eben jener und wusch mir die letzten sechs Tage ab. Sechs Tage, die wir, wie die locals hier sagen, „out there“, waren. Out there mit den Gletschern, den Flüssen, den Wölfen, den Elchen, den Moskitos und den Herausforderungen, die „out there“ so lebenswert oder so besonders scheiße machen. Ansichtssache.
Hat jemand Fitzcarrraldo gesehen? Ich nicht ganz, aber es geht um einen Verrückten, der ein Opernhaus im Dschungel von Peru eröffnen will. Und dafür muss, neben dem ganzen Material, auch ein Schiff durch den Dschungel und über einen Berg transportiert werden. Der kongeniale Klaus Kinski spielt hier in seiner sehr eigenen Art den Anführer einer Truppe, die nach und nach von den einheimischen Indianern dezimiert wird. Weiter kann ich über den Film auch nicht berichten, da ich ihn nie bis zu Ende gesehen habe. Aber er hat viel mit unseren letzten Tagen gemeinsam.
Eine Kanutour in Alaska ist in keiner Weise mit einer Kanutour auf Hamburgs Alster zu vergleichen, denn statt drei bis vier Stunden, dauert eine Kanutour in Alaska drei bis vier Tage und es ist auch kein kleiner, netter Ausflug sondern eine physische und psychische Herausforderung. Die Route kann man sich aussuchen und auch die Dauer der Tour. Am Ende sollte man, wenn alles gut läuft eine Brücke über einen Fluss finden und dann von der dortigen Bar aus beim Bootsverleih anrufen, dass sie einen abholen kommen.
Jetzt werden wir aber erst mal 25 Meilen mit einem Pick up über eine üble Schotterpiste an den Einstiegspunkt unserer Tour gebracht.
Sind denn schon mal welche verloren gegangen, meine Frage an unseren wortkargen Fahrer. Nein, einige hätten sich verfahren oder aus physischen Gründen länger gebraucht als erwartet, er würde sich das dann aber schon denken und bisher sind ja auch immer alle irgendwie und irgendwann wieder gekommen. Aha. Wir bekommen eine selbstgemalte Karte des Seensystems, die ein Grundschüler nicht exakter und liebevoller hätte krakeln können. Wir haben einen Kompass und das sollte reichen. Auf das fünfundzwanzig Dollar Buch mit den Luftaufnahmen der Seen verzichten wir.
Der Fahrer hilft uns, das Kanu vom Dach seines abwrackprämienfähigen Pick-ups zu hieven, dann lässt er uns mit den Worten „have fun and watch out for the mosquitos“ zurück. Alles klar, da stehen wir, Kanu, Paddel, Zelt, Schlafsäcke, Isomatten, Essen für einige Tage, und alles Wichtige in einem Drysack, damit es trocken bleibt. Vom Wetter ist das zumindest zu erwarten.
Und da kommen sie auch schon, ein Empfangskomitee Mücken findet sich ein, um unseren Mückenschutz zu überprüfen. Die Mücken scheinen gut durchs Wochenende gekommen zu sein, denn sie zeigen sich so aggressiv und zahlreich wie noch nie.
Erst mal das Kanu zum See tragen und da geht’s auch schon los. Nach zehn Metern signalisiert Susan mit hoch rotem Kopf, dass wir das Kanu mal kurz absetzen sollten. Bis zum Wasser sind es nur dreißig Meter aber bevor wir es zu Wasser lassen, müssen wir noch ein weiteres mal Pause machen. Das Kanu mit unserem Zeug wiegt schon ganz ordentlich und die letzten Arm-Curls im Fitnessstudio liegen ein halbes Jahr zurück. Also noch mal kurz nach den Blutsaugern geschlagen und dann ab ins Wasser, da weht ein bisschen Wind und damit lassen sie uns in Ruhe.
Als wir aus dem Schatten der Bäume paddeln sehen wir, was das für eine Perle ist, auf der wir unterwegs sind. Klares Wasser, blauer Himmel, keine Wolke, Sommer und wir gleiten geräuschlos übers Wasser. Es ist aber nur eine kurze Paddelstrecke denn anders als auf der Alster, befahren wir nicht einen sondern neun Seen. Dazwischen liegen Tragepassagen von 150 Metern bis zwei Kilometern. Das bedeutet, dass alles aus dem Kanu raus muss, und bis zum nächsten See getragen werden muss, auch das Kanu. Die Überland-Etappen gehen durch Wald, über Hügel und sind in fester Hand der Mücken, die hier nur darauf warten uns beim Tragen bis aufs Blut zu reizen. Sind unsere Sachen am Ufer, wartet noch das Kanu, nass, dreckig und schwer. Am ersten Tag schaffen wir es kaum, es mehr als 40 Meter am Stück zu tragen. Die Nacht verbringen wir wild romantisch am Ufer, wo der Wind reinpustet und mit dem Lagerfeuer dafür sorgt, dass sich keine Mücke blicken lässt. Zumindest dachten wir das. Tatsächlichen haben die Viecher in unserem Zelt Stellung bezogen.
Zwischen Innen- und Außenzelt hat sich eine Streitmacht bereit gemacht, über uns herzufallen. Sie kommen durch die Belüftungsöffnungen an den Seiten und werden nur durch ein dünnes Mesh daran gehindert, uns sämtliches Blut auszusaugen. Am Morgen vibriert das Zelt. Das nervige Heulen einer einzelnen Mücke ist zu einem wabernden Sirenenteppich geworden, der über unseren Köpfen einen wilden Tanz aufführt. Hunderte Mücken patrouillieren die Dichtigkeit des feinen Netzes. Wie sollen wir hier rauskommen? Der Wind wird sie verscheuchen. Der Wind kommt nicht. Der Mosquito wird auch der „Alaska state bird“ genannt. Nicht schön aber zu recht.
Unser Anti-Mückenmittel hängt hundert Meter entfernt in einem Baum in unserem Bären-Beutel, der neben allen Nahrungsmitteln und Hygieneartikeln auch unseren Abfall fasst. Bären mögen alle möglichen Duftstoffe, ob Deo, Zahnpasta, Mückenspray oder Essen. Alles muss in einem Beutel an einem Baum hängen weit weg vom Zelt. Bären können klettern und auch einen Baum zu Fall bringen aber man tut sein Bestes. Unser Zeug jedenfalls hat heute Nacht kein Bär gefressen aber wenn die Mücken mich schon zum Frühstück bei lebendigem Leibe fressen, werde ich grantig.
Es sind diese Momente, in denen ich Alaska für seine Einsamkeit liebe und so beobachtet uns niemand, als wir rufend und wild um uns schlagend aus dem Zelt krabbeln. Gefrühstückt, also einen Müsliriegel gegessen, haben wir auf dem Wasser ohne Mücken.
Danach paddeln wir zurück, bauen wir das Zelt ab und dann droht die erste 800 Meter Tragepassage. Um die Erfahrungen des Vortages reicher, versuche ich zunächst, das Kanu alleine zu tragen, was auch einige hundert Meter gelingt, dann muss ich mich aber geschlagen geben, das Kanu drückt tief in die Schulter und hinterlässt fiese blaue Flecken. Also tragen wir wieder zusammen und dengeln uns das Kanu an die Schienbeine. Nur damit wir uns nicht falsch verstehen, die Wege, die wir kraxeln, sind nicht geteert oder ähnliches, die Trails würden sich auch ganz gut in einem Hindernislauf machen: wurzelgespickt, steinig und sumpfig und schön rutschig. Dazu kommen Stufen und der Spaß als „hinten-am-Kanu-Tragender“, nicht wirklich sehen zu können, wohin man tritt.
Die Überlandpassagen dauern bis zu einer Stunde und als wäre die Plackerei noch nicht genug, sind da ja immer noch die Mücken, die zwar nicht stechen, aber nichts unversucht lassen und gerne Mund, Nase, Augen und Ohren probieren. Wir beide ziehen eine dunkle Wolke der Biester nach uns. Sobald wir den nächsten See erreichen, können wir uns beim Paddeln entspannen, es sei denn der Wind treibt uns ab oder kommt, wie eigentlich immer, von vorne.
Die Seen sind sehr unterschiedlich groß und reichen vom größeren Teich bis zum Ufer, das wir nicht erkennen können. Ein Guide, der eine Gruppe aus Louisiana in die entgegengesetzte Richtung begleitet, rät uns nah am Ufer zu bleiben und lieber nicht quer über den See zu fahren, die Wellen könnten das Kanu zum Kentern bringen. Okay, das sagt einer, der sich gerade daran macht, einen friedlich da liegenden See mit Schwimmweste in einem Kajak zu überqueren. Wir haben unsere Schwimmwesten als zusätzlichen Ballast dabei. Für uns sind die Seen das geringere Problem. Wenn wir uns treiben lassen ist es absolut still auf den Seen. Hin und wieder springt ein Fisch oder begleitet uns ein Haubentaucher. Hier ist alles friedlich, die Paddel ziehen eine Tropfenspur nach sich, die im Sonnenlicht glitzernd zu einer Spur aus Ringen auf dem Wasser wird.
Auf den Seen bekommt man nicht die geringste Ahnung von dem Krieg der in den Wäldern ausgetragen wird. Ein energisches und im Imperativ gehaltenes „eins, zwei, DREI!“, hallt durch den Wald und wir reißen das Kanu an, zu zweit, mit verbesserter Tragetechnik und der Wut der Verzweiflung gegen die heulende Übermacht wuchten wir das Kanu über die Tragepassagen.
Wir treiben uns gegenseitig vorwärts, den nächsten See immer vor Augen, auf dem wir uns an den Paddeln verausgaben, aber das Kanu und Gepäck wenigstens nicht tragen müssen.
Man ist das hier schön, denke ich noch, bevor es auf die letzte und schlimmste Überlandpassage geht. Längst tragen wir das Kanu mit einem Mal weiter als 200 Meter aber die Moskitos haben ihr Aufgebot auf dieser letzten Strecke noch einmal verstärkt.
Mittlerweile ist es Abend, wir haben den ganzen Tag gepaddelt und Sachen geschleppt. Es kommt mir so vor, als hätten wir gerade unseren Umzug noch mal gemacht, nur, dass wir unsere Sachen durch Wald und über Stock und Stein tragen und anstelle eines Umzugswagens ein Kanu benutzen.
Wir sollten noch ein, zwei Stunden paddeln, dann unser Lager aufschlagen und die geschundenen Knochen ausruhen. Doch Ernüchterung und Ungläubigkeit machen sich breit, als ich, zunächst mit unserem Zeug, am Moose River angeschnauft komme, auf dem wir bis zur Brücke paddeln sollen. Kurz ein paar Mücken wegschlagen, ungläubig die Augen reiben, das Mückenmittel brennt in den Augen. Das soll der Moose River sein?
Ein Bach, kaum breiter als zwei Meter und nicht tiefer als ein halber, rinnt hier entlang und statt der erhofften Erlösung von den Mücken, wird es hier noch mal richtig schlimm. Das hier sind ihre Brutstätten. Der „Fluss“ hat kaum Strömung, das Ufer ist schilfig, moorig, windgeschützt und es ist warm - perfekt für Moskitos.
Mit Paddeln hat das hier auch nicht viel zu tun, immer wieder sind umgefallene Bäume oder deren Reste in der engen Fahrrinne, ein ständiges Ausweichen, Ducken, Umschiffen, Anstoßen und Manövrieren raubt uns die letzte Energie. Wobei, etwas Energie habe ich noch und mit der erschlage ich hin und wieder aber mit der höchsten Genugtuung einige Mücken. Ich weiß, dass es außer Flecken auf der Hose nichts bringt aber ihnen beim Sterben zu zusehen verschafft mir in diesen Stunden eine gewisse Genugtuung.
Ich male mir aus, beim anstehenden Einkauf, ein Mücken-Angriffsspray zu kaufen. Statt die Mücken zu vertreiben kann man damit gezielt Ungeziefer und Mücken den Garaus machen. Dazu haben sie neben der neonfarben Verpackung auch so flashige Namen wie “first wave“ oder „strike back.“ Seit acht Uhr heute Abend wird zurück geschossen. Aber stattdessen: klatsch, wieder eine weniger, als würde es einen Unterschied machen.
Sie versuchen es überall, Gesicht, Haare, Kleidung, nichts bleibt unversucht und meine Hose ist mittlerweile ein Friedhof, der einer mittleren Kleinstadt gut zu Gesicht stünde.
An diesem Abend funktionieren wir nur noch. Wortlos paddeln wir den mäandernden Fluss entlang, spüren unsere Schultern, Rücken, Arme. Das warmgemachte Dosen-Chili essen wir im Stehen und aus dem Topf vor dem Zelt. Mit jedem Mal Zelt-betreten, käme ein Schwall Mücken mit hinein. Wir schnappen unser Zeug, traben noch einmal ums Lager, um den Schwarm abzuhängen und springen ins Zelt. Reißverschluss zu, Mücken im Zelt killen, Sachen auspacken, schlafen. Noch mal kurz wachwerden, das Mückenmittel ist noch in unserem Zelt. Scheiß drauf, ich geh da heute nicht noch mal raus um es in den Bärenbeutel zu packen.
Der nächste Morgen bringt blauen Himmel und neue Mücken. Das Zelt bauen wir in Rekordgeschwindigkeit ab. Regen würde mich nicht zu so einer Eile antreiben, wie der Schwarm Mücken vorm Gesicht. Auf dem Wasser, das, durch einige Zuflüsse, auch etwas mehr Fluss geworden ist, sehen wir einen Biber. Er schwimmt einige Male auf und ab, bevor er mit einem Schwanzschlag auf die Wasseroberfläche verschwindet. Weißkopfseeadler kreisen am Himmel entlang. Lange keine Mücke mehr gekillt, denke ich noch, als Susan es ausspricht. Kann es sein, dass die Mücken verschwunden sind? Und ja, nach etlichen Stunden paddeln sind wir sie los. Der Fluss schlängelt sich durch die Landschaft, die sich von sumpfig zu baumbewachsener-Flussebene gewandelt hat. Mein Po tut weh und meine Arme und Schultern machen wieder nachdrücklich auf sich aufmerksam.
Und dann kommt sie in Sicht, unsere Brücke. Der letzte Kilometer zieht sich endlos, ich schaue nicht mehr auf, in der Hoffnung, wenn ich es doch täte, die Brücke überraschender Weise dichter zu sehen als vermutet. Die Überraschung bleibt aus. Doch irgendwann kommen wir an, glücklich, es geschafft zu haben.
Das „Moosequito“ ist eine amerikanische Bilderbuch-Bar. Alles, was man in Filmen gesehen hat und erwartet, gibt es hier. Billard, Darts, Country Music, Metallschilder, Neonbeleuchtung, Musicbox, Popcorn-Maschine, Banner der lokalen Football- und Hockey-Teams, nur geraucht werden darf nicht. Wir sind viel zu kurz hier. Ich habe das Gefühl, hier noch viel entdecken zu können, Details wie das Miller-Schild, das Dich, wenn Du heute Geburtstag hast, auf ein Bier auf Kosten des Hauses einlädt. Wir stoßen auf unseren Sieg über die Mücken, die geschaffte Tour und unsere gemeinsame Stärke an, free refill. Dann kommt auch schon der wortkarge Fahrer, lädt unsere Sachen auf und fährt uns zurück.
War also alles anstrengend, schrecklich und zermürbend? Nun, ja, aber es war noch viel mehr. Es gab die schönen Momente, die Ausblicke, den Spaß und das Abenteuer, das Gefühl gemeinsam und nicht bloß zusammen etwas geschafft zu haben. Die Momente der absoluten Stille auf den Seen und die Schönheit der Natur.
Beim Kanuverleih können wir noch duschen und ich weiß schon bevor ich die beste Dusche der Welt betrete: Der Schmutz wird gehen, der Stolz bleiben.
Alaska ist groß, also wirklich groß, in etwa fünf Mal so groß wie Deutschland und trotzdem fahren wir ohne Straßenkarte. Wer einmal eine Karte von Alaska in den Händen hielt, ziemlich egal welchen Maßstabs, wird schon alle wichtigen Straßen gesehen haben. Es gibt nur wenige, die meisten davon im Süden und es gibt eine Ringstraße nach Norden, nach Fairbanks, das ziemlich genau in der Mitte von Alaska liegt. Nördlicher ist nur noch eine Straße parallel zur Pipeline.
Wenn wir hier durch einige der Orte kommen, die nur die Landkarte kennt, sind wir manchmal erschrocken und fragen uns, welche Berechtigung hat dieser Ort? Hope war nur ein Beispiel, viele andere sollten folgen. Ein Ortsschild kündet von dem Kommenden und dann ist man auch schon wieder durch. War es das schon? Ob da noch was kommt oder sind wir gerade durch ein Zeitsprungportal gefahren? Außer einer windschiefen Tankstelle, einigen Bretterbuden und einem grocery store sind die Orte oftmals nichts als ein paar am Straßenrand stehende Briefkästen mit Namen derer, die sie vielleicht einmal die Woche leeren. Wenn wir in diesen Orten hielten, meinten wir oftmals, das Quietschen eines Windrades zu hören oder einen über die Straße wehenden Dornbusch zu sehen. Wenigstens eine unserer stereotypen Vorstellungen zu diesen Orten müsste jeden Moment wahr werden aber auch das blieb aus.
Aber nicht alle dieser Orte sind bloß Punkte auf der Landkarte oder Striche in der dahinziehenden Landschaft geblieben. Einige Orte gewannen Konturen, Farbe, haben Geschichten und Menschen, die sie erzählen.
„Chicken“ heißt so, weil sich die Bewohner bei einer Versammlung nicht darauf einigen konnten, wie ihr Ort, der eigentlich „Ptarmigan“ hieß, geschrieben wird.
Nun darf man sich keine große Versammlung vorstellen auf der ewig lange herum-diskutiert wird und sich neunmalkluge Einzelne aufspielen. Vermutlich würden alle permanenten Bewohner von Chicken in den Raum passen, in dem Du das hier gerade liest. Es sind nämlich bloß acht. Im Sommer können es bis zu 130 werden.
In Chicken gab es mal Gold und das ist auch der einzige Grund, warum es die Zivilisation hierher verschlagen hat. Mit einer Dredge, einer riesigen Maschine, die einem grotesken Alptraum entsprungen sein könnte, wurde hier der Boden nach Gold umgepflügt.
Heute leben der Ort und seine Bewohner vom Tourismus und von der Post mit eigenem Stempel. In dem einzigen Restaurant, das neben der einzigen Bar, nicht aber neben dem einzigen Souvenirshop liegt, spreche ich den jungen Kerl hinter der Bar an. Ich will seine Geschichte hören, muss wissen, was jemand in unserem Alter hier macht und warum. Als wir reinkamen, sang er gerade Tom Petty „You don’t know how it feels“.
Er ist nicht von hier, natürlich, sondern aus Fairbanks. Er ist nur im Sommer hier, wie so viele. Er will möglichst viel Geld sparen und dann mit einem 30 Jahre alten BMW-Motorrad durch die USA fahren. Das erzählt er mir, nachdem ich ihm erzählt habe, was uns hertreibt, was wir machen und nachdem seine Chefin weg ist. Ihm gefällt das Einfache hier draußen, dass er viel machen kann, ohne sich um viel kümmern zu müssen. Und es sind nette Menschen hier, es ist sein dritter Sommer in Chicken und das Gute sei, dass er alles Geld sparen könne, schließlich gibt es nichts zum Ausgeben. Im Restaurant isst er umsonst, er wohnt umsonst bei der Besitzerin, die die Bar nebenan und einen der zwei Souvenirshops betreibt. Überhaupt hat sie Chicken berühmt gemacht und ein „downtown“ geschaffen, wo früher nur Häuser waren. Auf sie geht die Vermarktung mit den Hühnern zurück, erklärt der eingerahmte Artikel aus einer Frauenzeitschrift, der an der Wand hängt und den ich lese, während er zwischen Herdplatte und Tresen umherhüpft um den anderen beiden Gästen etwas zu Essen zu bereiten.
