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In Bad Waizenbach zieht Unheil herauf: Ein skrupelloser Schatten aus der Vergangenheit kehrt zurück und hinterlässt auf seinem Rachefeldzug eine Spur des Grauens. Während die Polizei ratlos ist, wird ein alter Bekannter aus dem Gefängnis geholt: Luis "Le Assassine" Eder, ehemaliger Auftragsmörder mit bewegter Vergangenheit. Doch die Bedrohung reicht tiefer als es scheint. Geheimnisse, die anfangs lange verborgen waren, kommen ans Licht und die Zukunft der Stadt hängt an einem seidenen Faden. Zwischen Intrigen, Vergeltung und einer bedrohlichen Naturgewalt spitzt sich die Lage zu. Werden Luis und Oberinspektor Wittelsberger den Wettlauf gegen die Zeit gewinnen? Und welchen Preis müssen sie dafür bezahlen?
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Der Flug
Gefängnistagebuch
05.11.2027
letzter Eintrag
Mit schwerem Herzen weiter schreitend, durch Schatten, düster und trüb. Hoffend, dass die Last sich hebt, und Licht den Weg mit weist. Erwartend jene Morgenstunde, da Ketten fallen frei, und Freiheit mir den Atem schenkt, in einem Flug, der nie verweht.
- LE -
Noch fünfzig Meter, bevor dein Leben endet. Freier Fall. Unsanfte Landung im reißenden Henningbach. Wenn dich der Aufprall nicht sofort tötet, erwischt dich einer der scharfkantigen Felsen oder du ertrinkst einfach im Sog der Strömung. Noch zwanzig Meter bis zum Ende. "Ich kann es nicht fassen. Auf einer Blutlache ausgerutscht. Dämlicher geht ́s ja kaum", dachte Viktor Slimansky, während er vom alten Mühlenturm stürzte. Seinen Widersacher, Luis Eder, sah er nur noch ganz klein in weiter Entfernung. Er hatte den Kampf verloren. Noch drei Meter. Wut stieg in ihm hoch, doch das Ende kam unvermeidlich wie das Amen in der Kirche. "Rache!" dachte er final. Dann der Aufschlag. Klatsch. Sein Blick erstarrte.
Es dauerte mehrere Stunden, bis er wieder zu sich kam. Wie eine Flipperkugel hatte ihn die ungezähmte Strömung des Henningbachs durchgepeitscht und dann auf einer einsamen Sandbank wieder ausgespuckt. Wunden vom Kampf mit Luis. Wasser in der Lunge. Eine ausgerenkte Schulter und das Schienbein höchstwahrscheinlich gebrochen. Aber Viktor lebte noch. Zwar hatte er alles verloren und war dem Tode näher als ein Wiener Obdachloser seiner Flasche Fusel, doch noch atmete er. Sein letzter Gedanke, Rache, hielt ihn am Leben – und Lado, sein zufälliger Retter. Der Kleinganove hatte Zugang zu medizinischer Versorgung und neuen Papieren. Glück für Viktor, der getragen von seiner rasenden Wut auf Luis Eder und Bad Waizenbach beschloss, von vorne zu beginnen. Sich wieder etwas aufzubauen und alles seinem großen Drang nach Vergeltung unterzuordnen. Mit Geduld und präziser Planung. Er entschied, zunächst unterzutauchen und seinen vermeintlichen Tod zu nutzen. Fernab von Bad Waizenbach bastelte er an einem neuen Leben. Zunächst als Fernfahrer, angestellt unter dem Namen Helmut Horvatits und dann auf selbständiger Basis. Umgehend aber wieder im halbseidenen Bereich. Mozartkugeln waren das große Geschäft! Auf einer seiner Fahrten hatte er den enormen Bedarf der Salzburger Spezialität im norddeutschen Raum mitbekommen und sogleich einen massiven Bestand eben dieser Süßwaren auf illegalem Wege angeschafft. Man kann getrost sagen, dass er von da an der Generalimporteur für Mozartkugeln nach Hamburg und Umgebung war. Preislich hatten die Deutschen keine Ahnung, was die Kugeln kosten dürfen, und so machte Helmut … äh Viktor ein Spezialangebot nach dem Motto "Heute billiger, morgen teurer", womit er ein Vermögen verdiente. "Ich gehe eben dort, wo die Hunderter am Boden liegen", war sein Mantra. Wie ein Eichhörnchen, das sich auf kalte Wintertage vorbereitete, fuhr er diese Schiene ein paar Jahre und als dann der Zeitpunkt gekommen war, richtete er sein Augenmerk wieder auf Bad Waizenbach und Luis. Mit Georg Steinhauser fand er die perfekte Schachfigur, die seine Pläne ins Rollen brachte. Dieser war ebenso versessen auf Rache, doch als sich Viktor am Ende seiner entledigte, musste er erkennen, nur ein Bauernopfer in einem größeren Spiel gewesen zu sein. Viktors Ziel, die Betriebsrechte am Staudamm von Bad Weizenbach zu erlangen, war erreicht. Der kleine Nebeneffekt - Luis Eder im Gefängnis - gefiel ihm jedoch nicht gänzlich. "Kein Beinbruch", dachte er dabei und blickte schmunzelnd auf sein vernarbtes Schienbein. "Ich habe ein Gewitter überlebt. Das spült nicht nur den Schmutz von der Straße, sondern auch von der Seele", und diese Erfahrung sollten bald auch andere machen.
Der Stausee von Bad Waizenbach glitzerte in der herbstlichen Spätsonne, als würden kleine Goldplättchen sanft über die Wasseroberfläche tänzeln. Einsam trieb darin ein kleines Boot, auf dem sich Viktor Slimansky befand. Fünf Jahre nach seinem vermeintlichen Todessturz vom alten Mühlenturm genoss der ehemalige Unterweltboss von Bad Waizenbach die warmen Strahlen der Sonne auf seinem grobschlächtigen Gesicht. Frische Luft, Sonne und Freiheit. Ganz im Gegensatz zu Luis Eder, der nach seiner freiwilligen Verhaftung hinter schwedischen Gardinen saß. Für Viktor war es nun jedoch auch an der Zeit, sich von „La dolce vita“ abzuwenden und sich wieder seinem Plan zu widmen. „Wenn nur nicht dieser immense Durst nach Vergeltung wäre“, blitzte es kurz in ihm auf. Er könnte längst irgendwo in Ruhe leben, aber gegen seine eigene Natur kam er schlichtweg nicht an. Gestärkt vom Anblick der traumhaften Landschaft lockerte er seine Schultern und fokussierte sich schließlich wieder aufs Geschäft. Sein unfreiwilliger Passagier würde ohnehin bald zu riechen beginnen. Mit einem kraftvollen Ruck hievte er den leblosen Körper über die Reling seines Bootes. Danach stieß er noch eine schwere Kiste hinterher, die mit einem Seil am Körper seines Opfers befestigt war. „Die Schwimmflügel der Mafia“, dachte er vor Anstrengung schnaubend, als er dem Gesicht seines Opfers hinterher blickte, während es in der Tiefe versank. Immer weiter fiel der Köper. Immer kleiner wurde das Gesicht. Schlussendlich konnte er es nicht mehr erkennen. Das Gesicht. Der Chefingenieur von Bad Waizenbachs Staudamm. Das Gehirn der Anlage, ohne dem der Damm bei einer Fehlfunktion nicht mehr zu retten wäre.
Wenige Stunden später kam Oberinspektor Armin Wittelsberger am Ufer des Stausees an. Gerufen durch eine Vermisstenmeldung. Kurt Schleifer, seines Zeichens CTO „Chief Technician Officer“ der regionalen Wasserversorgungswerke AG oder kurz „Wave“. Der Name war immer wieder Thema zur Belustigung der Stammtische, wo auch der Oberinspektor gerne mitfeixte. Diesmal war ihm aber nicht zum Lachen zumute.
