Beschreibung

Mord während der Wagner-Festspiele. In Bayreuth wird die »Walküre« gegeben, als die Darstellerin der Brünhilde, eine schwerreiche Diva, tot hinter den Kulissen gefunden wird. Der ermittelnde Beamte vermutet Raubmord. Hauptkommissarin Jeannette Dürer aber ist anderer Ansicht, denn sie entdeckt den richtigen Hinweis - einen falschen Leberfleck. Und plötzlich spielen ein Mädchenhändlerring und eine tote Ex-Ehefrau die Hauptrolle. Wie bei Wagner bedient sich der Täter einer Quasi-Tarnkappe, doch er hat nicht mit weiblicher Intuition gerechnet...

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Seitenzahl: 257

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Tessa Korber

Triste Töne

Roman

Inhaltsübersicht

Orchestervorspiel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Danksagung

Informationen zum Buch

Über Tessa Korber

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Alle Figuren der Handlung sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden Personen rein zufällig.

Das Innenleben des Wagnerschen Festspielhauses, insbesondere das unterirdische, habe ich in Anlage und Ausstattung den Bedürfnissen meiner Inszenierung angepaßt. Es entspringt, wie die Exzesse des Regietheaters selbst, allein meiner Phantasie.

»In Wirklichkeit aber handeln diese … Opern von der Tragik des Menschen, die nach Wagner darin besteht, daß er nicht weiß, ob er das Geld oder das Weib höher schätzen soll. Beides kann er nicht haben.«

Herbert Rosendorfer: Bayreuth für Anfänger

»Bei den Musikdramen Richard Wagners … tritt uns das kriminelle Element in womöglich noch stärkerem Maß entgegen.«

Ernst von Pidde: Richard Wagners »Nibelungen« im Licht des deutschen Strafrechts

»Diejenigen, die nach Bayreuth gehen, bereuen es nie, obwohl die Aufführungen dort oft alles andere als ergötzlich sind.«

Bernard Shaw: Wagner-Brevier

Orchestervorspiel

Über dem Bayreuther Festspielhaus wehte die blaue Fahne eines strahlenden Sommerhimmels. Touristen trabten ihrem Führer nach zwischen den verlassenen Kiosken hindurch, um den Bau herum, und ließen die Blicke über seine rötliche Fassade und das nachgeahmte Fachwerk wandern. Im Fenster der Eingangstür hing ein Schild in der Handschrift vergangener Jahrzehnte: Heute geschlossen wegen Proben. Die Neugierigen stiegen, also belehrt, in ihren Bus und fuhren wieder davon. Auspuffqualm wölkte zwischen die Bäume. In den Zweigen sangen die Amseln. Drinnen hatte sich schweigend das Ensemble zusammengefunden.

Der Regisseur des diesjährigen »Rings« hatte sie antreten lassen. Er hob die Hände wie ein Dirigent. Um seinen Hals mit dem kantigen Kehlkopf wand sich mehrfach ein schwarzes Strickband, das für einen Schal lächerlich schmal war. Rot und pockig leuchtete seine Haut zwischen den Schlingen auf, als würde sie von einer ewigen Gänsehaut gequält. Den Gesamteindruck körperlicher Vernachlässigung machte jedoch ein Gesicht wett, das allen geläufigen Vorstellungen von Vergeistigung entsprach: Die angegrauten Locken standen zu Berge, die tiefliegenden Augen blickten feurig, der edle Schwung der Hakennase wurde nur durch den Tropfen an ihrem geröteten, grobporigen Ende etwas entstellt. Die Trenchcoat-Ärmel des Maestros spannten, als er mit ausholenden Gesten seine Vision zu fassen versuchte.

»Also, ich stelle es mir vor als den Grundkonflikt zwischen bürgerlichem Besitzdenken und urtümlichem Eros, versteht ihr?«

Die Diva verschränkte ob des vertraulichen Du, wenn auch durch den Plural gemildert, die Hände vor der nicht unerheblichen Brust. Als Pluralis Majestatis hätte sie es vielleicht durchgehen lassen. Die Walküren begannen aufgeregt zu tuscheln. Siegmund runzelte die Stirn und gab sich Mühe, zu verstehen. Er war es gewohnt, sich Mühe geben zu müssen.

Der Regisseur fuhr fort: »Hunding und Sieglinde, Wotan und Fricka: Das sind in Konventionen verstrickte Paare, die die Lüge eines harmonischen bürgerlichen Seins leben, aus der alles, aber auch alles, radikal ausgeblendet wird, was das menschliche Leben in seinem Urgrund ausmacht, versteht ihr? Sex, Gewalt, Schmutz, Tod!« Die Finger des Regisseurs schlossen sich bedeutungsvoll um leere Luft. »Das ist der Grund, warum Hundings Hütte als Vorstadtreihenhaus gestaltet wird, mit Rasen und Garage, bonbonrosa und puppenhaft wie in ›Edward mit den Scherenhänden‹.«

Sieglinde, die bei den Proben immer eine Thermosflasche heißen Tees mit Honig dabei hatte, neigte sich Wotan zu. »Man merkt, daß er vom Kino kommt«, tuschelte sie.

Der Gott nickte hoheitsvoll. »Hat er überhaupt schon einmal eine Oper gemacht?« erkundigte er sich mit leise brummendem Baß.

»Und Hundings Schwert wird im Hifi-Turm stecken«, fuhr der Regisseur inspiriert fort. Seine Hände zeichneten immer größere Linien in den Raum.

Fricka neigte sich herüber und flüsterte: »Er hat ›Hamlet‹ als Singspiel inszeniert, mit mexikanischer Mariachi-Musik. So viel ich hörte, sollen am Ende alle in einem Morast versunken sein.«

»Na wunderbar, gib mir einen Schluck Tee!«

Sieglinde hob den Finger und fragte: »Ist das der Grund, warum Siegmund nackt vor mir steht?« Ihr Blick zu dem blonden Helden war nicht ohne Schadenfreude. Der stand da wie die Mauer beim Strafstoß und dachte an seine Geheimratsecken und all die Stunden im Bodybuilding-Studio, die er nie genommen hatte.

Fricka kicherte.

»Der wird das Lächeln noch vergehen, wenn sie merkt, daß er sie in einen geblümten Hauskittel und Stützstrümpfe stecken wird«, flüsterte eine Walküre der Diva zu. Die lächelte grimmig. Der Regisseur ignorierte das Getuschel.

»Hände werden sich aus den blümchentapezierten Wänden recken«, fuhr er theatralisch fort und suchte ihnen die Szene vor Augen zu stellen. »Gräßliche, haarige, bemalte Arme, die sich winden und den Einbruch der Urgewalt kraß vor Augen führen. Stück für Stück entkleiden sie Siegmund für den folgenden Inzest. Sie selbst werden beschmiert sein mit Blut und Kot, ja, Kot …«

Das Ensemble hielt hörbar den Atem an. Der Regisseur überlegte: »… oder Schmutz«, fuhr er fort. »Ja, ich denke, Schmutz genügt.«

Alle seufzten erleichtert auf.

»Du!« Damit ging er heftig auf die Sieglinde zu, die erschrocken ihre Strickjacke schloß, »wirst schließlich die Wände deines verlogenen Heims mit Blut beschmieren, ehe du dich der Urgewalt seiner Umarmung ergibst.« Ohne hinzusehen, stach sein Finger in Richtung Siegmund.

Der zuckte zusammen und wurde immer kleiner. Dann schaute er auf die Uhr.

»Entschuldigung«, meldete er zaghaft, »Entschuldigung. Wenn ich kurz dürfte, es ist Zeit für meine Vitaminpillen.«

Der Regisseur schritt auf ihn zu und packte ihn bei den Schultern. »Blutrausch!« donnerte er, »Inzest! Es steckt alles in dir drin. Es steckt in uns allen.«

Siegmund wuchs ein wenig. Zuversichtlicher blickend, griff er nach seinem Mundspray.

»Und du!« Sein vibrierender Finger wies auf die Diva. »Du bist wie er. Urtümlich, ungestüm.«

Gelassen sah sie ihm entgegen und spielte mit ihrer goldenen Uhrkette, die sie sich wieder und wieder um den Finger wickelte. Ihr Blick wanderte durch den Probenraum.

»Aus dem Leib willst du es deinem verkommenen, verknöcherten Vater wühlen, daß er der Stimme der Leidenschaft folgen muß. Einst war es auch in Wotan, es war einmal in all unseren Zuschauern. Und du wirst es wieder wachrufen. Deine Brüste …«, mit heftiger Geste riß er sich ein nicht vorhandenes Gewand auf, »wirst du ihm darbieten.«

Plötzlich wandte er sich ab und fischte sich eine Zigarette aus der Packung. »Alles klar?« fragte er ruhig und in normaler Lautstärke.

Der Finger der Diva hatte aufgehört zu wickeln. »Ich bin Sängerin«, sagte sie sehr würdevoll, »keine Schauspielerin. Ich brauche keine Skandale, um jemanden wachzurütteln. Dafür habe ich meine Stimme.«

Sie hatte jedes »Ich« überdeutlich betont. Ihr Finger wickelte wieder, diesmal aber rasch und hektisch.

Der Regisseur schien sie nicht gehört zu haben, er schüttelte sein offenbar defektes Feuerzeug. Siegmund beeilte sich, ihm mit Streichhölzern zu Hilfe zu kommen, und lächelte schüchtern. Der Regisseur tätschelte ihm den Arm.

»Wenn du dich nicht traust«, sagte er dann unvermittelt, »nehmen wir eben was aus Gummi. Das macht die Geste sogar noch drastischer. Und deutlicher. Diese Übergröße.«

Der Umfang seiner Armbewegung ließ die anwesenden Götter blaß werden.

»Eva«, diktierte er umgehend seine Assistentin herbei. »Ruf doch mal im hiesigen Erotikshop an und frag, ob die so was haben!«

Es wurde eifrig notiert.

»Und jetzt das musikalische Zeug.« Der Regisseur machte ein wenig Platz für den Korrepetitor, der das Einsingen überwachen sollte und schon ungeduldig hinter ihm gewartet hatte. Seine brüderliche Umarmung vereinnahmte das dürre Männlein ganz, das sich freikämpfte und energisch den langen Hals reckte, um seine Schützlinge in den Blick zu bekommen. Doch der Regisseur wich nicht. »Maestro, die Truppe muß gelockert werden. Alle mal herhören«, hob er die Stimme noch einmal und klatsche in die Hände. »Ihr singt jetzt euren ersten Dreiklang, oder wie das heißt, auf die Silben Va-gi-na. Ja, nur zu, traut euch! Taut auf!«

»Mimimmimimimimi«, fistelte sich Siegmund warm.

Wenige Minuten später tönte es in allen Stimmlagen von der Bühne. Der Regisseur lächelte befriedigt.

»Hast du gemerkt, wie sie mit den Rosetten gezuckt haben, als ich Kot sagte?« flüsterte er seiner Assistentin zu, die errötend zu Boden sah.

Da meldete sich die Diva. In betont gepflegter Aussprache und mit zuckersüßem Lächeln fragte sie: »Darf ich etwas früher gehen, wenn ich statt dessen Fo-tze singe?«

Der Regisseur zeigte eine grienende Grimasse und winkte sie hinaus.

»Zicke«, flüsterte Fricka voller Neid.

Die Diva rauschte ab.

»So ein Pinscher«, empörte sie sich auf dem Weg in die Garderobe. »Gummibrüste! Dieser ahnungslose Ignorant! Ah, ich könnte ihn umbringen.« Sie knallte die Tür so heftig zu, daß sie wieder aufsprang, und schüttelte ihre Fäuste gegen die Vorsehung und den Gott des Regietheaters. »Aber ich werde singen, ich werde ihm zeigen, was Oper bedeutet.« Energisch ließ sie sich vor ihrem Spiegel nieder und griff zum Pinsel. »Sie hat ein völlig nichtssagendes Gesicht, findest du nicht?«

»Wer?« fragte ihr Gatte, der wie immer in einer Ecke der Garderobe saß und in ein Magazin vertieft war.

»Na, die Sieglinde.« Die Diva pinselte hektisch. »Dünn wie lascher Tee und ohne jede Bühnenpräsenz.«

»Du weißt doch, wie sehr ihre blühenden Kopftöne gelobt werden.« Gelangweilt blätterte er um und schaute dabei auf. Im Dunkel des Flurs sah er undeutlich ein Gesicht, verschwommen und blaß wie auf einer alten Fotografie. Es kam ihm vage bekannt vor. Er schüttelte den Kopf, um das Bild zu vertreiben, und strich seine Zeitung glatt. »Hat sie nicht an der Met gesungen?«

Die Diva schnaubte: »Ich sage dir, mit der zweiten Besetzung wären wir besser dran.«

Siegmund schmetterte mit rotem Gesicht. Fricka streikte. Sieglinde trank ihren Tee.

»Sie trifft die hohen Töne nicht mehr«, zischelten die Walküren böse. »Nur deshalb singt sie nicht mit. Wir werden noch die zweite Besetzung brauchen.«

Der Korrepetitor fuchtelte mit seinen Armen wie ein Ertrinkender. In seinen Augen stand die verzweifelte Frage: Klang so Wagner heute in Bayreuth?

»Die hast du ja ganz schön schockiert«, meinte die Assistentin in schüchterner Anerkennung, während sie dem Regisseur seinen Kaffee brachte.

Er lächelte selbstgefällig und betrachtete das Geschehen auf der Bühne.

»Über die Idee, den Siegmund nachher auch als Siegfried einzusetzen, würde ich aber noch mal nachdenken«, meinte sie, stirnrunzelnd über seine Schulter blickend.

»Alles derselbe Heldentypus bei Wagner«, gab der Regisseur knapp zurück. »Familienähnlichkeit.« Er grinste.

Sie legte den Kopf schief. »Ja, aber er ist so gar nicht der Typ.«

Ihr Meister geruhte nicht zu antworten.

»Und das mit den Schweinedärmen«, wagte sie einzuwenden, »muß das denn sein?«

»Die Menschen erwarten von mir, daß ich sie provoziere«, sagte der Regisseur gelassen. »Man darf sein Publikum nicht enttäuschen. Da bestehen gewisse Verpflichtungen. Wenn die Leute sich nicht aufregen, woher sollen sie dann wissen, daß es Kunst ist?«

»Ich meine nur, weil wir das doch schon in der ›Iphigenie‹-Verfilmung gemacht haben.«

Der Regisseur zog hastig die Ärmel seines Trenchcoats zurecht und hob das Kinn. »Keine Sorge, das hier ist Bayreuth. Da funktioniert das noch. Und wenn nicht, haben wir immer noch Plan B.«

Hunding folgte gedankenverloren den Anweisungen des Korrepetitors. Er wiederholte stetig sein obszönes Mantra und geriet in eine Art des Wohlbehagens, bis Wotan ihn mit dem Ellbogen anstieß.

»Einer aus der Familie, glaub ich«, brummte er vergnügt und wies mit dem Kinn auf eine undeutliche Gestalt in den Kulissen. »Ich wette, der würde uns am liebsten alle umbringen.«

Darin jedoch täuschte er sich. Die Person im Halbdunkel wollte nur einen einzigen Menschen töten.

1

»Nein, nein und nochmals nein!« Kriminalkommissarin Jeannette Dürer tippte abschließend auf der Tastatur ihres Computers herum. Eine Reihe von Frauengesichtern erschien. »Dicke Damen mit Helm und Doppelkinn, die eine Lanze schwingen, ich bitte dich!«

Ihr Kollege Martin Knauer neigte sich über ihre Schulter. »Die da könnte es sein«, meinte er. Sein Kugelschreiber machte auf dem Bildschirm ein klickendes Geräusch.

Ungeduldig wedelte Jeannette ihn beiseite und schüttelte den Kopf. Sie hatten noch nicht gefunden, was sie suchten.

Martin Knauer runzelte die Stirn, gab ihr nach einem zweiten Blick aber recht. Das Bild zeigte nicht ihre Tote. Er reckte die Arme wie ein Dirigent, ließ die Finger knacken und machte sich daran, sanft, aber nachdrücklich den verspannten Nacken seiner Partnerin zu massieren, die konzentriert auf den Bildschirm starrte, wo ein Gesicht das andere ablöste.

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